Die Entwicklung der Jugendbewegung in Josefine Rieks' Roman "Serverland". Die Vernetzungsidee aus einer sozialgeschichtlichen Perspektive


Hausarbeit, 2019

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zielsetzung der Jugendbewegung

3. Die Entwicklung der Jugendbewegung
3.1 Die Anfänge der Jugendbewegung
3.2 Die Bewegung auf ihrem Höhepunkt
3.3 Das Ende der Bewegung

4. Parallelen zur 68er-Bewegung der BRD

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die frühen Tage des Internets Anfang der 1990er-Jahre waren von einer euphorischen Aufbruchsstimmung geprägt. Der amerikanische Soziologe Howard Rheingold bezeichnete das Netz damals als eine „elektronische Agora“. Man sprach von einer sozialen Revolution und lobte das progressive Potential virtueller Gemeinschaften, ihre verbindungsstiftenden Dynamiken und ihren positiven Einfluss auf das wirkliche Leben jenseits der Datenautobahnen.“1 Der Rezensent Raphael Smarzoch fasst an dieser Stelle zusammen, was sich hinter der ursprünglichen Netzidee verbirgt. Ausgehend von dieser Anfangsidee, stellt sich zum heutigen Zeitpunkt, knapp 20 Jahre später, die Frage, ob das Internet diese Ideale kompromisslos umsetzen konnte. Die neuen Möglichkeiten eröffneten sicherlich einen großen Freiheitszugewinn, mit dem aber auch Zwänge wie beispielsweise die Preisgabe von Daten einhergehen. Josephine Rieks‘ Debütroman „Serverland“ greift diesen ursprünglichen Freiheitsgedanken des Internets wieder auf und betrachtet ihn aus einer anderen Perspektive. Der Roman ist eine Dystopie über die Zeit nach der Abschaltung des Internets. Dabei wird die Gegenwart der aktuellen digitalen Gesellschaft zur Vergangenheit einer analogen Gesellschaft, die das Internet selbst nie kennenlernen durfte. Durch diesen Perspektivwechsel rückt die aktuelle digitale Gesellschaft in den Fokus der Betrachtung.

Die im Roman dargestellte Jugendbewegung, die das Internet erneut zugänglich machen möchte, soll Gegenstand dieser Hausarbeit sein. Die essentielle Frage ist, inwiefern die Bewegung das Internet für ihre Zwecke instrumentalisiert und ob es ihnen letztendlich gelingt, das Potential des Internets zu nutzen oder ob viel mehr ein Missbrauch dessen stattfindet. Das Buch lässt sich in einen sozialgeschichtlichen Kontext einbinden, da Bezüge zur 68er-Bewegung der Bundesrepublik Deutschland2 im Text evident verankert sind. Ein Rückbezug auf diese wird damit unerlässlich. Die Arbeit soll versuchen, die Verknüpfung der Bewegung im Buch mit der geschichtlich bereits dagewesenen Bewegung aufzuzeigen und auch zu deuten. Die zu klärende Frage ist letztendlich, weshalb der Text ausgerechnet diese Verbindung herstellt und vor allem was hieraus über die heutige Gesellschaft abzuleiten ist. Im ersten Kapitel soll dazu untersucht werden, welche Zielsetzung die Gruppierung verfolgt. Da diese im Text nur indirekt vermittelt wird, bieten der Paratext mit der Rede John Perry Barlows sowie die im Text genannten und im Anhang aufgeführten YouTube-Videos Anhaltspunkte zur Erschließung der Idee. Das anschließende zweite Kapitel der Arbeit beschäftigt sich mit der Entwicklung der Jugendbewegung im Text. Zunächst werden hier die Anfänge der Bewegung dargestellt. Der Höhepunkt der Bewegung besteht in dem postalischen Versenden der YouTube-Videos, welcher in einem weiteren Unterkapitel untersucht werden soll. Anschließend wird dann das Ende beziehungsweise das Scheitern der Bewegung betrachtet. Die Schnittmengen der 68er Bewegung und der Jugendbewegung im Roman sollen in einem weiteren letzten Kapitel herausgearbeitet werden, um die Bezüge zum Text herstellen zu können. Es stellt sich die Frage, weshalb die Bewegung wiederholt scheitern muss.

Aufgrund der Aktualität des in 2018 erschienenen Romans liegt bisher keine textspezifische Forschungsliteratur vor. Um Kontroversen bei der Textauslegung aufzeigen zu können, werden an einigen Stellen Internetrezensionen zu dem Roman herangezogen. Dies sorgt ebenso für einen differenzierteren Blick auf das Werk.

2. Zielsetzung der Jugendbewegung

Bereits durch den Paratext des Romans, der die Unabhängigkeitserklärung des Internets durch John Perry Barlow wiedergibt, wird der mit dem Internet verknüpfte Autonomiegedanke eindeutig herausgestellt. „Governments of the Industrial World, you weary giants of flesh and steel, I come from Cyberspace, the new home of Mind. (...) We have no elected government, nor are we likely to have one, so I address you with no greater authority than that with which liberty itself always speaks. I declare the global social space we are building to be naturally independent of the tyrannies you seek to impose on us.”3 Aus dieser Rede aus dem Jahre 1996 wird deutlich, dass das Internet ein eigenständiger Raum ist, der dem Menschen physisch verwehrt bleibt und für den demnach als rein geistigen Raum andere Regeln gelten müssen. Mit dem Internet bricht ein neues Zeitalter an. Der Freiheitszugewinn resultiert daraus, dass vorhandene geltende Gesetze in einer virtuellen Welt nicht mehr bestehen können. Konzepte wie Eigentum, die auf Materie basieren, finden daher auch keine Anwendung. So lässt sich beispielsweise Meyers Reaktion erklären, als Reiner ihm deutlich macht, dass er seine App nicht einfach hätte weitergeben dürfen4. Die Daten des Internets stehen für Meyer für Freiheit und sollten allen zugänglich gemacht werden. Dass auch das Internet ein Raum mit gewissen Spielregeln ist, die es einzuhalten gilt, wird von den Jugendlichen teilweise aber nicht gesehen. Urheberrechte, wie Reiner sie einfordert5, werden hier übergangen, da diese in Diskrepanz zu den eigentlichen Idealen der Bewegung stehen. Denn mit ihrer Bewegung lehnen sie sich gegen das bestehende System auf, das ihrer Meinung nach weniger Freiheiten im Vergleich zur Netzvergangenheit ermöglicht. Die Bewegung hat damit ein revolutionäres Potential und ist als eine Gegenbewegung anzusehen.

Die Ehrfurcht der Jugendlichen vor den Daten des Internets ist bereits beim Betreten der Serverhallen in den Niederlanden präsent: „Es war Ehrfurcht. In diesen Schränken lagen wahrscheinlich Milliarden Daten gespeichert. Geschrieben von unseren Eltern. Von einer ganzen Generation, die ihre Gedanken allen anderen zugänglich gemacht hatte. Sie hatten sich davon etwas versprochen, etwas Unklares, das sie nicht beschreiben konnten. Davon ging ich zumindest aus.“6 An diesen Gedanken Reiners wird deutlich, dass die Jugendlichen nur Mutmaßungen über dessen Wert für die damalige Gesellschaft anstellen können. Sie können diesen nicht benennen, aber der Gemeinschaftsaspekt scheint für sie stark im Vordergrund zu stehen. In einer Gemeinschaft wird alles geteilt, niemand besitzt etwas nur für sich. Das Teilen von Gedanken ist somit ein weiteres Indiz auf ein Freiheitsideal, das die Jugendlichen an das Internet knüpfen. Besonders deutlich wird dies in einer Szene, in der Reiner sich ein Video von Jonny kopieren möchte und dieser deutlich macht, dass man Videos nicht besitzen könne.7

Der Vergleich der Daten mit der Bibliothek von Alexandria verstärkt den Eindruck der Bedeutung der Daten für die Jugendlichen. „Die Schnüre, die einmal die Welt zusammengehalten hatten.“8 Verlorengegangenes Wissen ist auf einmal wieder zugänglich geworden. Die Jugendlichen suchen in dem gefundenen Material Orientierung und ein Leitbild für ihre Gruppierung. Hervorzuheben ist hierbei jedoch, dass die YouTube-Videos in keinem Kontext stehen. Den Jugendlichen fehlt sämtliches Hintergrundwissen wie beispielsweise ein Entstehungskontext. Sie betrachten die Videos für sich und leiten daraus ihr Bild der Wirklichkeit ab. Schließt man jedoch von einem kleinen Ausschnitt der Realität auf die Realität, wird diese niemals gänzlich abgebildet werden können. Dementsprechend leiten sich ihre Ziele als Bewegung auf einer Grundlage ab, die womöglich die Realität gar nicht widerspiegeln und somit auch nicht zum Erfolg führen können. Dass die Jugendlichen diesen Umstand bewusst für ihre Zwecke instrumentalisieren, erklärt Marco Jonny in einem Dialog: „Dérive bedeutet das Schlendern als Prozess des Sich-frei-Machens. […] Schlendern, um Artefakte ausfindig zu machen, die durch Dekontextualisierung ihr revolutionäres Potential entfalten.“9

„Die nächste Frage ist, wie uns die Videos Orientierung geben können. Reicht es, sich auf dem provokativen Potential der Videos auszuruhen?“10 Diese Textstelle demonstriert, dass die Jugendlichen die Videos zum einen als rein provokativ rezipieren. Teile der Gruppe wollen die Videos aber nicht nur oberflächlich nutzen, sondern auch Inhalte entwickeln: „Nicht nur der Utopie einer globalisierten Welt, so wie wir sie von den Videos ablesen können, sollten wir folgen, sondern wir müssen auch inhaltlich…“11 Die Videos sollen demnach auch reflexiv zugänglich gemacht werden. Diese Aussage wird dann jedoch von einer anderen Person unterbrochen, um mit dem Ausruf: „Provokation ist die einzige Waffe.“12 alle Versuche einer inhaltlichen Ausrichtung zunichte zu machen. Insbesondere an dieser Diskussion lässt sich erkennen, dass Teile der Gruppe das gefundene Material unterschiedlich auslegen. Um die Relevanz dieser Textstelle besser aufzeigen zu können, muss jedoch noch der Kontext dieses Gespräches herangezogen werden.

[...]


1 Raphael Smarzoch: „Josephine Rieks: „Serverland“ Nachdem das Internet 2021 abgeschaltet wurde“ In: Deutschlandradio 2019.

<https://www.deutschlandfunk.de/josefine-rieks-serverland-nachdem-das-internet-2021.700.de.html?dram:article_id=412224> Datum des Zugriffs: 06.06.2019.

2 Der Begriff „Bundesrepublik Deutschland“ wird im weiteren Verlauf der Arbeit mit der Abkürzung „BRD“ bezeichnet.

3 Josephine Rieks: Serverland. München 2018, Paratext.

4 Vgl. Rieks: Serverland, S. 59.

5 Vgl. Rieks: Serverland, S. 59.

6 Rieks: Serverland, S. 39.

7 Vgl. Rieks: Serverland, S. 99.

8 Rieks: Serverland, S. 50.

9 Rieks: Serverland, S. 114.

10 Rieks: Serverland, S. 79.

11 Rieks: Serverland, S.79.

12 Rieks: Serverland, S. 79.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der Jugendbewegung in Josefine Rieks' Roman "Serverland". Die Vernetzungsidee aus einer sozialgeschichtlichen Perspektive
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V1148443
ISBN (eBook)
9783346529688
ISBN (Buch)
9783346529695
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Serverland, Server, Rieks, Josefine Rieks, Vernetzung, BRD, 68er, 68, Digitalisierung, Kommune, Jugend, Jugendbewegung, Bewegung, 68er-Bewegung, virtuell, Internet, Freiheit, Dystopie, digitale Gesellschaft, Datenschutz, Daten, Gegenwartsliteratur, Freiheitsbewegung
Arbeit zitieren
Ann-Marie Mau (Autor:in), 2019, Die Entwicklung der Jugendbewegung in Josefine Rieks' Roman "Serverland". Die Vernetzungsidee aus einer sozialgeschichtlichen Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1148443

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