Wohl spätestens seit Goethes „Leiden des jungen Werther“ steht die Medienrezeption von Jugendlichen scheinbar permanent zur Diskussion. War zu Zeiten des Sturm und Drang Annahme, ein Buch, welches einen Suizid mit Zufriedenheit und Hoffnung verbinde, sei in der Lage Jugendliche eben zum Selbstmord zu bewegen , so ist die heutige Situation fast nicht davon zu unterscheiden.
Im Jahr 2008 wird immer noch davon ausgegangen, dass abstraktes Töten, so es mit Punktgewinn und Spaß in Verbindung gebracht wird, die Betrachtung von Filmen mit Gewaltszenen oder pornographische Liedtexte in Popsongs Menschen zur Nachahmung der damit vermittelten Inhalte verleiten können. Aber schon mit Goethe selbst hätte die darum entbrannte Diskussion, wenn auch zynisch so doch einfach und klar, als beendet erklärt werden können. Er schrieb:
„Und nun wollt Ihr einen Schriftsteller zur Rechenschaft ziehen und ein Werk verdammen, das, durch einige beschränkte Geister falsch aufgefasst, die Welt höchstens von einem Dutzend Dummköpfen und Taugenichtsen befreit hat, die gar nichts besseres tun konnten, als den schwachen Rest ihres bisschen Lichtes vollends auszublasen.“
Der Jugendliche wird also schon lange als der sprichwörtlich als Affe geltende Nachahmer bezeichnet, der oft mit Inhalten konfrontiert wird, die er nicht versteht. Und er wird eingeschätzt, als würde er aufgrund einer Art klassischen Konditionierung über Belohnungsmechanismen dazu angetrieben, Handlungen zu vollziehen, derer Auswirkungen er sich, so macht es jedenfalls den Eindruck, nicht bewusst sein kann. Es scheint also, als gäbe es in Bezug auf heutige und damalige „Unterhaltungsindustrie“ eine grundsätzlich pessimistische Einstellung gegenüber Jugendlichen. Diesen wurde und wird immer noch qua Mangel an Erfahrungen eine Unfähigkeit nachgesagt, die Effekte menschlichen Tätigwerdens zur Genüge abschätzen zu können.
Diese Fähigkeit, egal ob sie vorhanden ist oder nicht, liegt aber nicht im Fokus des folgenden Aufsatzes. Vielmehr soll der Unterschied betont werden, dass zu Zeiten Goethes die Wahrnehmung von als problematisch geltenden Medieninhalten im Vergleich zu heute auf einzelne aufeinander folgende Wahrnehmungen limitiert war. Dieser überaus wichtige Unterschied soll die Annahme einer grundsätzlichen emotionalen und intellektuellen Abstumpfung von Jugendlichen beleuchten helfen. Dazu wird vorausgesetzt, bis ins späte 20. Jahrhundert stand der Empfänger von Medien stets vor der Wahl, ob er sich auf ein Buch oder ein Theaterstück oder ein Gesellschaftsspiel oder auf die Tageszeitung und so fort einließ. Und selbst als sich zu Zeitungen und Büchern Radios sowie kurze Zeit später auch Fernseher hinzugesellten, bestand sicher oft der Zwang, sich auf eines dieser Geräte zu bestimmten Zeitpunkten zu beschränken.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Annahmen zur Ausgangssituation
1.1 Jugend- und Jugendgenerationsbegriff
1.2 Multiplikatoreffekte/ exponentielle Entwicklung
2. Bestandsaufnahme aktueller Grundvoraussetzungen
2.1 Stichworte? – Keine Stichworte!
2.2 Generation multicasting
2.3 Generation abgestumpft
3. Der angestrebte Definitions- Kategorisierungsversuch
3.1 Erwartungen der Jugendlichen
3.2 Ansprüche an Jugendliche
3.2.1 Generation Multicasting II
3.2.2 Überforderung von Jugendlichen?
3.2.3 Generation abgestumpft II
4. Zur Möglichkeit neuer Kategorien folgender Jugendgenerationen
4.1 Schlechter Zeitpunkt / guter Zeitpunkt
4.2 Was kommt nach der Generation Multicasting?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen einer modernen "Generation Multicasting", die durch eine extrem hohe Medienvielfalt und die gleichzeitige Nutzung multipler Informationsquellen geprägt ist, um zu hinterfragen, ob diese Entwicklung zu einer emotionalen und intellektuellen Abstumpfung der Jugendlichen führt.
- Analyse des Einflusses moderner Medienangebote auf die Jugendsozialisation.
- Untersuchung der Fähigkeit zur simultanen Informationsverarbeitung.
- Kritische Diskussion der "Abstumpfungsthese" im Kontext von Gewalt- und Schreckensbildern.
- Identifikation eines pragmatischen Lebensentwurfs als Reaktion auf eine medienüberflutete Umwelt.
- Prognose zur politischen Entwicklung der Jugendgeneration bei Einschränkungen des Medienzugangs.
Auszug aus dem Buch
2.3 Generation abgestumpft
Sucht nun ein Jugendlicher, ausgestattet mit diesen Möglichkeiten, für etwa eine Hausaufgabe im Sozialkundeunterricht nach Informationen über den RAF-Terrorismus der 1970er Jahre, findet er massenweise Fernsehberichte, Radiointerviews und natürlich alles, was mit dem Internet an Fakten und Nicht-Fakten darüber vermittelt wird. Denkbarerweise entbehrt ein blutiges Thema wie dieses dabei nicht an Fotos und Filmen, welche explodierte Autos oder fahle Gesichter von in der Badewanne erhängten Männern zeigen.
Da das Erledigen solcher Aufgaben aber erfordert, in kurzer Zeit viele Medien zu analysieren und das mit ihnen vermittelte Wissen wiedergebbar zu erfassen, entsteht ein Problem. Denn sich daran aufzuhalten, jede Gewaltdarstellung zu betrachten dürfte ebenso als Zeitverschwendung gelten wie solche „weit-weit“ in der Vergangenheit liegende Taten zu betrauern. Diese Bilder, davon soll hier ausgegangen werden, werden aber betrachtet oder zumindest kurz wahrgenommen.
Und das passiert in denkbar schneller Abfolge, wenn man zum Beispiel eine Reportage im Fernseher betrachtet. Das Schreckensbild als solches kann aber nicht mehr Ekel oder Schaudern und so weiter erzeugen, da es erstens zur Gewohnheit wird und zweitens wie gesagt keine Zeit dafür bleibt. Dieselben Annahmen dürften dann außerdem auch für positiv besetzte Themen funktionieren. Sodass angenommen werden soll, jede zuhauf gemachte Erfahrung wird als normal und wenn auch nicht unbedingt emotionslos so doch als „wenig beeindruckend“ wahrgenommen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit thematisiert die permanente Diskussion um die Medienrezeption von Jugendlichen und stellt die These auf, dass eine durch Informationsüberflutung geprägte Generation eine spezifische Form der Wahrnehmungsabstumpfung entwickelt.
1. Annahmen zur Ausgangssituation: Es werden die theoretischen Grundlagen des Jugendbegriffs sowie die Annahme einer exponentiellen Entwicklung des Medienangebots und dessen Multiplikatoreffekte auf die Lebenswelt Jugendlicher diskutiert.
2. Bestandsaufnahme aktueller Grundvoraussetzungen: Dieses Kapitel beschreibt die heutige Praxis der simultanen Mediennutzung ("Multicasting") und untersucht, inwieweit diese zu einer emotionalen Abstumpfung gegenüber konsumierten Inhalten führt.
3. Der angestrebte Definitions- Kategorisierungsversuch: Hier werden die Erwartungen und Ansprüche an Jugendliche analysiert, wobei der Fokus auf einem pragmatischen Lebensentwurf und der Notwendigkeit der simultanen Bewältigung von Wissensanforderungen liegt.
4. Zur Möglichkeit neuer Kategorien folgender Jugendgenerationen: Das Fazit bildet die Überlegung, wie politische Einschränkungen des Medienzugangs zu einer Abkehr von der pragmatischen Haltung und einer Rückkehr zu einer aktiveren, kämpferischen Jugendgeneration führen könnten.
Schlüsselwörter
Jugendgeneration, Multicasting, Medienrezeption, Medienkompetenz, Abstumpfung, Pragmatismus, Sozialisation, Informationsüberflutung, Medienkombination, Generation X, Edutainment, politische Partizipation, Mediennutzung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Mediennutzungsverhalten der heutigen Jugendgeneration, die durch eine ständige Verfügbarkeit verschiedenster Medien geprägt ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Begriffe "Generation Multicasting", die Auswirkungen von Medienvielfalt auf die Wahrnehmung sowie die These einer emotionalen Abstumpfung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, ein Erklärungsmuster für das Selbstverständnis der heutigen Jugend zu finden und zu prüfen, ob die "Multicasting"-Lebensweise zu einer psychischen Überforderung oder Abstumpfung führt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse und Verknüpfung aktueller Jugendstudien und soziologischer Generationentheorien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Konkretisierung des Multicasting-Begriffs, der Analyse von Medienrezeption unter Zeitdruck und der Diskussion über die Auswirkungen dieses Verhaltens auf die Persönlichkeitsentwicklung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Jugendgeneration, Multicasting, Pragmatismus, Medienkompetenz und Sozialisationsinstanz.
Warum wird die Bezeichnung "Generation Multicasting" eingeführt?
Der Begriff soll die Fähigkeit und Notwendigkeit der heutigen Jugend beschreiben, Informationen simultan über diverse Kanäle wie Internet, Fernsehen und Printmedien zu beziehen und zu verarbeiten.
Könnte eine Medienbeschneidung zu politischem Widerstand führen?
Der Autor argumentiert, dass bei Einschränkungen des gewohnten Medienzugangs der pragmatische Konsens der Generation Multicasting zerbrechen und eine politisch aktivere, gegebenenfalls kämpferische Jugendgeneration entstehen könnte.
- Arbeit zitieren
- Roland Quiatkowski (Autor:in), 2008, Generation Multicasting, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115000