Selbstführung und Zufriedenheit. Eine Querschnittsanalyse zur Untersuchung der Zusammenhänge und Wechselwirkung von Selbstführungskompetenzen, sowie Arbeitszufriedenheit


Bachelorarbeit, 2020

89 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG UND PROBLEMSTELLUNG
1.1 Gegenstand der Arbeit
1.2 Problemstellung

2 ZIELSETZUNG

3 GEGENWÄRTIGER KENNTNISSTAND
3.1 Herausforderungen der heutigen Arbeitswelt
3.2 Gesundheit
3.2.1 Krankheitsbezogene Ätiologie Modelle
3.2.1.1 Biomedizinisches Modell
3.2.1.2 Biopsychosoziales Modell
3.2.1.3 Vulnerabilitäts-Stress-Modell
3.2.2 Positive Betrachtung von Gesundheit und Krankheit
3.2.2.1 Salutogenese-Modell von Antonovsky
3.2.2.2 Wellness-Modell
3.2.3 Psychische Gesundheit
3.2.3.1 Persönliche Ressourcen
3.2.3.2 Psychische Störungen
3.2.4 Gegenwärtige Situation in Deutschland
3.3 Self-Leadership
3.3.1 Basistheorien
3.3.1.1 Selbstregulationstheorie
3.3.1.2 Selbstbestimmungstheorie
3.3.1.3 Sozial-kognitive Theorie
3.3.2 Messungen
3.4 Selbstführungskompetenz
3.4.1 Begriffserklärung und Effektivität von Selbstführungstraining
3.4.2 Kompetenzdiagnose
3.4.3 Selbstinstruktionslernen
3.5 Mitarbeiterzufriedenheit
3.6 Kritische Auseinandersetzung und Überleitung zur Problemstellung im Thema der Selbstführung

4 METHODIK
4.1 Forschungsfrage und Hypothesen
4.2 Stichprobe
4.3 Erhebungsinstrument
4.3.1 Fragebogen zur individuellen Selbstführungskompetenz
4.3.2 Fragebogen zur individuellen Mitarbeiterzufriedenheit
4.4 Durchführung
4.5 Datenauswertung
4.5.1 Deskriptive Statistik
4.5.2 Inferenzstatistik

5 ERGEBNISSE
5.1 Ergebnisse der deskriptiven Auswertung
5.2 Ergebnisse der inferenzstatistischen Auswertung

6 DISKUSSION
6.1 Methodendiskussion
6.2 Ergebnisdiskussion
6.3 Ausblick

7 ZUSAMMENFASSUNG

8 LITERATURVERZEICHNIS

9 ABBILDUNGS-, TABELLEN-, ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
9.1 Abbildungsverzeichnis
9.2 Tabellenverzeichnis
9.3 Abkürzungsverzeichnis

ANHANG
Anhang 1: Datenschutzerklärung
Anhang 2: Landauer Selbstführungsanalyse (LASA) Fragebogen
Anhang 3: Copenhagen Psychosocial Questionnaire (COPSOQ) Fragebogen
Anhang 4: Test auf Normalverteilung (Shapiro-Wilk)

1 Einleitung und Problemstellung

„Wir sind den Ursachen und den Folgen des demographischen Wandels nicht hilflos aus­geliefert. Wir haben durchaus Möglichkeiten zu handeln, die Zukunft zu beeinflussen. Und wir müssen diese Möglichkeiten auch nutzen, das schulden wir den nachfolgenden Generationen.“ (Köhler, 2005, Rede anlässlich der Konferenz „Demografischer Wandel“)

1.1 Gegenstand der Arbeit

Mit seinen Worten in Berlin im Jahr 2005 zeigt der ehemalige Bundespräsident der Bun­desrepublik Deutschland Horst Köhler deutlich, dass aus den Risiken des demografischen Wandels auch Chancen entstehen, solange man sich aktiv darauf einlässt.

Was aber bedeutet der demografische Wandel für unsere heutige Arbeitswelt und wie beeinflusst dieser die Arbeitssituation des einzelnen Arbeitnehmers - im positiven wie auch im negativen Sinne?

Die heutige Arbeitswelt, geprägt durch hohe Komplexität und Dynamik, stellt die einzel­nen Betriebe und jeden Arbeitnehmer vor große Herausforderungen und regelmäßigen Veränderungsdruck (Schütze-Kreilkamp, 2017). Gerade in der aktuellen Situation, die durch die Corona - Pandemie geprägt ist, zeigt sich die Notwendigkeit, Instrumente zur Mitarbeiterbindung zur Verfügung zu haben. Aufgrund der immer älter werdenden Ar­beitnehmer wird es zudem immer wichtiger, den physischen und psychischen Gesund­heitszustand jedes einzelnen stets zu wahren und Unterstützung zu leisten (Richter, Bode & Köper, 2012, S. 2). Herausgearbeitete Risikofaktoren von Bödeker und Barthelmes (2011) wie hohe Arbeitsdichte, psychische Anforderungen, sowie die mangelnde Selbst­einschätzung zur Stress- und Arbeitsfähigkeit haben negativen Einfluss auf die psychi­sche Gesundheit. Auch der Zusammenhang zwischen vermindertem allgemeinen Wohl­befinden, geringer Arbeitszufriedenheit und Burnout konnte bewiesen werden (Ulich, E. & Wülser, M., 2009; Nyberg, A., 2009, S. 5). Die Notwendigkeit und Bedeutung von Entspannung im heutigen Alltag wird meist nicht wahrgenommen und durch ständigen Leistungs- und Termindruck verdrängt. Da das Ausschlafen oder das einfache Spazieren­gehen keine große Bedeutung mehr erhält, ist es notwendig, sich mithilfe von Ritualen zur Entspannung vor einer Überlastung zu schützen (Vaitl & Petermann 2000; Esch, Fric- chione & Stefano 2003). Dabei rückt das Thema Self-Leadership in den Mittelpunkt und nimmt eine Schlüsselrolle ein. Personen mit einer ausgeprägten Fähigkeit zum Self-Lea­dership zeigen eine sehr gute Selbstwahrnehmung und werden von Außenstehenden als aktive und dynamische Persönlichkeiten wahrgenommen (Furtner und Rauthmann, 2010). Es wird nun darauf ankommen, unter Berücksichtigung aller Faktoren, Instru­mente zu schaffen, um im Sinne des Zitates des Bundespräsidenten für alle Beteiligten gewinnbringend die Zukunft der Arbeitswelt zu gestalten.

1.2 Problemstellung

Die Globalisierung des Wettbewerbs für Unternehmen und die erhöhte Komplexität der Unternehmensprozesse bringen für die Mitarbeiter ständig wiederkehrende Veränderun­gen im Arbeitsalltag mit sich. Die Flexibilität der Arbeitnehmer ist unumgänglich und erfordert neue selbstverantwortliche Arbeitsformen (Schütze-Kreilkamp, 2017, S. 24). So gewinnt das gezielte Personalmanagement immer mehr an Bedeutung, da es hilft, Maß­nahmen zur Aus- und Weiterbildung und zum Erhalt der Arbeitsfähigkeit der vorhande­nen Mitarbeiter, sowie der Neugewinnung von Fachkräften zu entwickeln, weiter auszu­bauen und durchzuführen (Klaffke & Parment, 2011, S. 17). Hier ist für jedes Unterneh­men individuell zu entscheiden, was genau getan werden kann und muss, um die Motiva­tion aufrecht zu erhalten und die Zufriedenheit am Arbeitsplatz zu gewährleisten. Der Zusammenhang zwischen einer ausgeprägten Selbstführung und der Zufriedenheit jedes einzelnen Arbeitnehmers ist dabei entscheidend, denn positive Auswirkungen auf die in­dividuelle Leistungsfähigkeit wurden bereits nachgewiesen (Furtner & Baldegger, 2016, S. 59). Dieser Zusammenhang wurde bisher allerdings erst selten untersucht und bietet somit eine wissenschaftliche Lücke, welche auf unterschiedlichen Ebenen analysiert und ausgearbeitet werden kann. Deshalb wird mit Hilfe der vorliegenden Studie die Ausprä­gung der Kompetenz zur Selbstführung von Mitarbeitern im Zusammenspiel mit deren Arbeitszufriedenheit untersucht, um auch das Potenzial zu beurteilen, welches zum Bei­spiel hinsichtlich des betrieblichen Gesundheitsmanagements oder in Bezug auf Perso­nalförderungsmaßnahmen ausgeschöpft werden kann. So können Empfehlungen unter­breitet werden, welche Teilbereiche der Selbstführung primär zur Zufriedenheit und so­mit potenziell zu einem positiven Arbeitsergebnis beitragen und daher bestmöglich ge­fördert werden sollten.

2 Zielsetzung

Ziel der Arbeit ist es, einen Beitrag zu leisten, um diese oben beschriebene wissenschaft­liche Lücke im Zusammenhang zwischen einer ausgeprägten Kompetenz zur Selbstführung und der Mitarbeiterzufriedenheit auszufüllen und hilfreiche Ergebnisse darzulegen. Deshalb soll mithilfe einer selbstrekrutierten Zielgruppe eine Querschnitts­befragung durchgeführt werden. Dafür werden standardisierte Fragebögen der Landauer Selbstführungsanalyse und des Copenhagen Psychosocial Questionnaire genutzt. Aus den erhobenen und analysierten Daten sollen die möglichen Zusammenhänge dargestellt wer­den und adäquate Empfehlungen für die Arbeitgeber getätigt werden.

3 Gegenwärtiger Kenntnisstand

In diesem Kapitel wird der wissenschaftliche Stand im Hinblick auf die wichtigsten The­menfelder Gesundheit, Self-Leadership, Selbstführungskompetenz und Mitarbeiterzu­friedenheit herausgearbeitet und aufgezeigt. Detaillierte Definitionen bilden dabei die Grundlage und verhelfen zum besseren Verständnis der Arbeit und ihrer Ergebnisse.

3.1 Herausforderungen der heutigen Arbeitswelt

Unsere Arbeitswelt hat im Laufe der letzten Jahrhunderte einen enormen Wandel durch­lebt. Den Ursprung bildet die Arbeitswelt 1.0, zum Ende des 18. Jahrhunderts, in der die Anfänge der Industriegesellschaft und die ersten Versuche, Arbeit zu organisieren, den Mittelpunkt darstellten. Direkt anschließend folgte zum Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Beginn der Massenproduktion und den Anfängen des Wohlfahrtsstaates die Arbeits­welt 2.0. Zu Beginn der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts bildete die Arbeitswelt 3.0 die nächste Stufe, geprägt von Globalisierung und der Weiterentwicklung der sozialen Marktwirtschaft (Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 2015, S. 33).

Die heutige Arbeit, geprägt durch Globalisierung und der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, wird als Arbeitswelt 4.0 dargestellt. Diese neuartige Kooperation zwi­schen dem Menschen und der Maschine verändert das allgemeine Verständnis von Arbeit und Tätig sein (Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2017). Böhle (2010) di­agnostiziert einen regen Wandel in den Arbeitsprozessen. Ein generelles Ende der indust­riellen Arbeit sieht er nicht, allerdings scheinen die weiteren Belastungen stetig zuzuneh­men (ebd., S. 462). Dabei werden die Hierarchien in den verschiedenen Arbeitsbereichen immer flacher und der Teamgedanke in Verbindung mit Projektarbeiten rückt in das Zent­rum der Aufgabenfelder (Glavin & Schieman, 2010). Dies ist gekennzeichnet durch die Notwendigkeit hoher Eigeninitiative und Eigenverantwortung. In diesem Zusammenhang zeichnen sich neue Freiheiten ab, die sich für die Arbeitnehmer zum Beispiel in Flexibi­lität bezüglich ihrer Arbeitszeiten und neuer Spielräume in der Kreativität darstellen. Der Gegenpol dazu sind die damit einhergehenden Belastungen, wie der Zwang ständiger Er­reichbarkeit und das Bestreben nach Weiterbildung (Heckersbruch, Öksüz, Walter, Be­cker & Hertel, 2013). Diese Belastungen stehen in der heutigen Arbeitswelt im Mittel­punkt und die Trennung von Arbeit und Privatleben schwindet mit der Zeit immer deut­licher (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2016). Gerade die Freiheit in der Planung der Arbeitszeiten bewirkt im gesamten weniger Pausen und mehr geleis­tete Arbeitsstunden. Dies hat zur Folge, dass die Waage zwischen Arbeit und dem alltäg­lichen, privaten Leben nicht mehr ausgeglichen ist und es zu fehlender Regeneration und Erholung kommt (ebd.). Die erhöhten Anforderungen zur Selbstorganisation und Selbst­steuerung auf allen Ebenen werden an die Mitarbeiter weitergegeben, die dazu angehalten werden, dies ebenfalls umzusetzen. Die Gefahr der Selbstüberforderung wächst und psy­chosoziale Anforderungen belasten die Arbeitnehmer zunehmend (Voß & Weiss, 2013, S. 42). In der Arbeitssoziologie werden die ansteigenden Anforderungen an die Eigen­verantwortung einzelner Personen als „Subjektivierung von Arbeit“ bezeichnet (Pongratz & Voß, 2003). Der Arbeitnehmer, der immer mehr Subjektives in seine Arbeit einbringt, wird dazu aufgerufen, mit seiner Arbeitskraft wie ein Unternehmer umzugehen, sie zu optimieren und des Weiteren Selbstkontrolle, Selbst-Ökonomisierung und Selbstmanage­ment auszuüben. Dieses Muster findet bereits in der gesamten modernen Arbeitswelt An­wendung (Kleemann, Matuschek & Voß, 2002, S. 58). Laut Voß und Weiss (2013) kann man derzeit nicht sagen, ob Arbeitsleid und die Anzahl arbeitsbedingter Erkrankungen in den letzten Jahren abgenommen haben. Dennoch muss man sich die Frage stellen, inwie­fern sich die verschiedenen veränderten Formen der Belastungen auf die Krankheitsfol­gen auswirken. Weiterhin steigen die neuen Gefährdungen für die Arbeitnehmer und wer­den als psychische Belastungen deklariert. Böhle (2010) sagt dazu, dass „die Selbstüber­forderung als Kehrseite der Selbstverantwortung“ (S. 466) anzusehen ist.

Im Gegensatz zu dem früheren Risiko der körperlichen Erkrankung durch schwere Arbeit, Schadstoffe und Lärm, welche bis heute deutlich abgenommen haben, gelten heutzutage die psychischen Belastungen durch die bereits beschriebene Arbeitsverdichtung und Ein­grenzung der Arbeit als Hauptrisiko. Somit ist die größte Gefahr für Arbeitnehmer, men­tal oder seelisch zu erkranken (Voß & Weiss, 2013).

Das Institut für Angewandte Psychologie aus der Schweiz führte im Jahr 2017 eine Studie zum Menschen in der Arbeitswelt 4.0 durch. Sie befragten in einer Stichprobe 629 Fach- und Führungskräfte, die branchenübergreifend beschäftigt waren . Unter den Teilneh­mern fand eine ausgeglichene Gewichtung von Männern und Frauen, mit einem Durch­schnittsalter von 45 Jahren, statt. Ungefähr die Hälfte der Befragten gab an, dass sich die im digitalen Zeitalter gewandelte Führung mehr in Richtung Selbstführung und Führung auf räumlicher Distanz entwickelt. Im Hinblick auf die Nutzung digitaler Medien im Ar­beitsalltag gaben fast 80 % der Befragten an, dass sie sich besser informiert fühlen. Sie sagten allerdings auch, dass sie qualitativ keine besseren Entscheidungen treffen. Weiter ist es für knapp 70 % der Befragten wichtig, eine gesunde Work-Life-Balance zu haben und grundsätzlich die Arbeitszeit von der Freizeit zu trennen, was ihnen laut der Umfrage sehr gut gelingt. Rund die Hälfte der befragten Personen sind auch außerhalb der Arbeits­zeit digital erreichbar, was sich deutlich negativ auf die Gesundheit und den Schlaf aus­wirkt (dies sind Angaben mithilfe subjektiven Empfindens). Aus diesem Grund finden knapp 55 % eine Regelung der Erreichbarkeitserwartungen sinnvoll. Dennoch ist die ge­fühlte Notwendigkeit der Erreichbarkeit von mehr als 50 % der Befragten selbstbestimmt. Zusammenfassend kann man sagen, dass die heutige, digitalisierte Arbeitswelt 4.0 mit der hohen Arbeitsverdichtung, dem generellen Zeitdruck und der Erwartung einer ständi­gen Erreichbarkeit große Risiken für Gesundheit und Wohlbefinden aufweist. Gerade deswegen ist das individuelle Verhalten jeder Person und die Qualität der Führungskräfte und die Beziehung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber für die Auswirkungen des digitalen Wandelns auf das eigene Leben besonders entscheidend.

3.2 Gesundheit

Die Gesundheit stellt einen sehr hoch bewerteten Faktor im alltäglichen Leben dar und wird von den Menschen daher als sehr wichtig eingestuft. Dennoch gibt es keine eindeu­tige Erklärung, was genau Gesundheit ausmacht. Dies begründet sich darin, dass Gesund­heit in vielen Fällen erst wahrgenommen wird, wenn sie gefährdet oder eingeschränkt ist (Jacob, 2006). Aus diesem Grund gibt es ebenfalls keine klare Unterscheidung zwischen der Gesundheit und der Krankheit im Sinne einer Definition. Im Bereich der Biologie wird anstatt gesund oder krank nur zwischen lebend und tot unterschieden (Kopp & Stein­bach, 2018). Die am häufigsten genannte Definition stellte die World Health Organization (WHO) bereits 1948 auf: „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geis­tigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebre­chen.“ Simon sagte bereits 1995, dass diese Definition eine soziale Wunschvorstellung und ein erwünschtes Ziel für die Menschen darstellt, aber nicht für wissenschaftliches Bestreben von Nutzen ist. Weiter versucht Schmidt (1998), sich auf ein allgemeines Ver­ständnis von Gesundheit zu stützen und unterteilt diese in fünf verschiedene Bereiche:

Tabelle 1: Fünf Bereiche zum allgemeinen Verständnis von Gesundheit (modifiziert nach Schmidt, 1998)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese verschiedenen Bereiche sind nicht klar voneinander trennbar, helfen allerdings beim generellen Verständnis des vielschichtigen Begriffs der Gesundheit.

Die Berufswelt spielt in diesem Zusammenhang ebenfalls eine große Rolle. Der indivi­duelle Arbeitsplatz nimmt Einfluss darauf, inwieweit die körperlichen und psychosozia­len Bedingungen des Wohlbefindens mithilfe von geeigneten Maßnahmen gefördert und gesichert werden (Wieland & Harnnes, 2009). Wieland (2008) ergänzt dazu, dass der Ar­beitsplatz als Ursprung für Krankheit mid Gesundheit gelten kann.

3.2.1 Krankheitsbezogene Ätiologie Modelle

Verschiedene Modelle messen Gesundheit mithilfe von unterschiedlichen Indikatoren. Irn zentralen Sichtfeld liegt die Krankheit, denn sobald diese abwesend ist, wird die Ge- sundheit erkannt. Irn Folgenden werden verschiedene Modelle beschrieben, die sich da­mit beschäftigen, wie Krankheiten hervorgerufen werden und welche Aspekte daran be­teiligt sind.

3.2.1.1 Biomedizinisches Modell

Dieses Modell entwickelte sich zum Ende des 19. Jahrhunderts während der naturwissen­schaftlichen Wende und ist in der heutigen Zeit weiterhin sehr verbreitet und in Verwen­dung. In diesem Zuge wurde auch die sogenannte Keimtheorie entwickelt. Diese konnte die Einwirkung von Mikroorganismen im Hinblick auf die Entstehung von Krankheiten feststellen. Mit diesem Fortschritt konnten in der Folge Infektionen verhindert werden (Roch & Hampel, 2020).

Das biomedizinische Modell stützt sich darauf, dass die Krankheit eine Schädigung der Körperfunktionen und Beeinträchtigung der Körperstrukturen darstellt. Dies wird darauf zurückgeführt, dass Infektionen aufgrund von Mikroorganismen entstehen können. Diese Unstimmigkeiten in den Körperfunktionen können heutzutage mithilfe von verschiede­nen Techniken und einem Vergleich mit den Normwerten entdeckt werden (Engel, 1977). Damit können mithilfe des Modells die Ursprünge und Entwicklungen jeder Krankheit bestimmt werden. Engel (1977) äußert kritisch, dass im biomedizinischen Modell eine klare Trennung zwischen körperlichen und seelischen Abläufen vorgenommen wird. Durch den Willen, alle Prozesse in diesem Modell anhand körperlicher Aspekte messbar zu machen, verbleibt der Schwerpunkt auf der physischen Ebene. Trotz der frühen Er­kenntnis der Grenzen dieses Modells wird es weiterhin genutzt. Die heutige Wissenschaft versucht weiterhin, mit neuen Formen der Analysen die psychischen und sozialen Fakto­ren mithilfe der biologischen Prozesse zu erläutern und zu erörtern. Das Modell wird ebenfalls weiterhin genutzt, um Ursprünge der verschiedensten Krankheiten zu erklären und aufzuzeigen. Dennoch müssen, aufgrund der Vielfalt an Krankheiten, zusätzlich wei­tere Modelle zu Rate gezogen werden (Roch & Hampel, 2020).

3.2.1.2 Biopsychosoziales Modell

Das biopsychosoziale Modell wurde auf der Grundlage des biomedizinischen Modells von George Engel (1977) entwickelt. Der Unterschied zum vorangegangenen Modell ist die Berücksichtigung zusätzlicher Faktoren aus dem psychischen und sozialen Bereich. Somit wandelt sich das Modell zu einer ganzheitlichen Sichtweise. Im psychischen Be­reich werden Emotionen und das Bewusstsein näher beleuchtet. Dagegen spielen auf der sozialen Ebene die Familie, als das direkte Umfeld, Kultur und Gesellschaft, sowie das Gesundheitssystem eine entscheidende Rolle (Roch & Hampel, 2020). Die Notwendig­keit zur Entwicklung einer Erweiterung für das biomedizinische Modell wird von Roch und Hampel (2020) als hoch eingestuft. Dies begründet sich darin, dass die Menschen das Kranksein in der Realität anders erleben, als es bereits im biomedizinischen Modell - nämlich lediglich als körperliche Abweichung von der Norm - dargestellt wurde. Die Wahrnehmung der Abweichungen von der Norm in den verschiedenen Bereichen ist wichtig zu betrachten, da nun auch wieder psychische, soziale und kulturelle Aspekte mit beachtet werden. Eine klare Differenzierung zwischen Gesundheit und Krankheit wird nicht weiter vorgenommen. Es wird ein zusammenhängendes Konstrukt betrachtet, bei dem die Gesundheit als ein Endpunkt und die Krankheit als anderer Endpunkt angesehen wird (Roch & Hampel, 2020). Sie vergleichen diese Art von Konstrukt mit der eines Dimmers. Dieser lässt eine nahtlose Regulierung der Helligkeit einer Lampe zu.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Gesundheit und Krankheit als zusammenhängendes Konstrukt (Roch & Hampel, 2020)

Krankheiten stellen in diesem Zusammenhang nicht länger etwas dar, was einfach pas­sieren kann. Es eröffnen sich neue Möglichkeiten, Einfluss auf die psychischen und sozi­alen Aspekte zu nehmen, um so das Risiko einer Erkrankung zu verringern oder bei einer bestehenden Krankheit den weiteren Verlauf zu lindern (Roch & Hampel, 2020).

Das biopsychosoziale Modell findet in der Internationalen Einordnung der Funktionsfä­higkeit, Behinderung und Gesundheit Anwendung und wurde dafür deutlich erweitert (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information, 2005, S. 4). Trotz dieser Erweiterungen kann es weiterhin dem Schema des Modells von Engel (1977) zu­geordnet werden.

3.2.1.3 Vulnerabilitäts-Stress-Modell

Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell, auch Diathese-Stress-Modell genannt, ist eine spezi­elle Abwandlung des biopsychosozialen Modells. Hier liegt das Zusammenspiel der Fak­toren Vulnerabilität, Stress, Resilienz und Coping im zentralen Blickfeld (Wittchen, 2011, S. 20 ff.). Die erste Begriffserklärung wird der Vulnerabilität gewidmet. Unter die­sem Begriff versteht man die Schwäche für eine Krankheit, womit das Vorhandensein eines höheren Risikos zur Erkrankung gemeint ist. Die Ursachen dafür sind vielfältiger Natur, sie können auf einer genetischen Veranlagung basieren oder sich im Laufe der Jahre einfach entwickeln. Aber auch die Möglichkeit der Kombinationen dieser beiden Ursachen ist gegeben, wobei gesundheitsschädigendes Verhalten die Vulnerabilität in der Entwicklung begünstigt (Roch & Hampel, 2020).

Ein denkbarer Auslöser einer Krankheit kann Stress sein. In diesem Modell meint dies alle Gegebenheiten auf biologischer, psychischer und sozialer Ebene, mit denen eine Per­son konfrontiert wird und die Anpassungsreaktionen auslösen. Hier wird zum einen auf den alltäglichen Stress mit vagen Belastungen abgezielt, die kurzzeitig oder dauerhaft auftreten. Zum anderen werden einschneidende Vorkommnisse im Leben betrachtet, die dauerhafte Auswirkungen auslösen. Dies kann die Belastungen im alltäglichen Leben gleichzeitig ankurbeln (Hobfoll, 2011). Ein weiterer Aspekt in Bezug auf das Ausmaß zur Stressreaktion ist die Resilienz. Sie bildet den Gegenpart zu den Risikofaktoren und verringert die Wahrscheinlichkeit des Ausbruchs einer Krankheit. Sie ist eine Fertigkeit, die es ermöglicht, trotz erheblicher Belastung eine positive und gesundheitsfördernde Handlung hervorzurufen. Die Ausprägung dieser Fähigkeit ist ebenfalls stark von sozia­len, biologischen und psychischen Faktoren abhängig und ist bei jedem Menschen unter­schiedlich (Roch & Hampel, 2020). Die letzte der vier Komponenten stellt das Coping dar. Dies ist die Handlungskompetenz, die bei der Verarbeitung von stressigen Situatio­nen hilft. Mit ihr kann gemessen werden, wie effektiv ein Individuum mit schwierigen oder beunruhigenden Situationen umgehen kann (Lazarus & Folkmann, 1987).

Das beschriebene Vulnerabilitäts-Stress-Modells besagt, dass eine Erkrankung aus­schließlich dann ausbricht, sobald die vier Faktoren in einer Wechselwirkung aufeinan­dertreffen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Risikofaktoren an sich zwar eine Be­günstigung für das Auftreten von Krankheiten darstellen, diese alleine aber nicht die je­weiligen Ursachen abbilden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Vulnerabilitäts-Stress-Modell (Mohr et al., 2017, S. 31)

Um das Modell vereinfacht zu erklären, können die gesamten Belastungen aus dem Alltag und die einschneidenden Vorkommnisse im Leben als Summe gesehen werden. Sobald diese eine gewisse Schwelle überschreitet, bricht die Erkrankung aus. Ausschließlich die Resilienz und das Coping können dafür sorgen, dass die Summe unterhalb der Schwelle verbleibt (Roch & Hampel, 2020).

3.2.2 Positive Betrachtung von Gesundheit und Krankheit

Die bereits vorgestellten Modelle haben sich primär mit dem Thema Krankheit und ihrer Entstehung beschäftigt. Im Folgenden werden nun Modelle hinsichtlich des Zustandes und dem Erhalt von Gesundheit erläutert. Den meisten Menschen ist der Begriff der Krankheit klar, das Verständnis für den Begriff der Gesundheit hängt dagegen deutlich von dem individuellen Blickwinkel der einzelnen Personen ab.

3.2.2.1 Salutogenese-Modell von Antonovsky

Auch das Salutogenese-Modell wird als ein zusammenhängendes Konstrukt gesehen, bei dem der eine Endpunkt Krankheit und der andere Endpunkt Gesundheit darstellt. Anto­novsky (1979, 1988) sagt, dass das Individuum sich zwischen den Polen je nach Gesund­heitszustand bewegt. Besonderes Augenmerk legt Antonovsky auf die Frage, wie es die Menschen trotz äußerer Einflüsse und Belastungen schaffen, sich beim Pol Gesundheit einzuordnen und sich dabei stets weiter in Richtung der Gesundheit zu bewegen. Dieser Vorgang wird Salutogenese genannt. Mithilfe dieses Prozesses geht der Blick weg von der eigentlichen Erkrankung hin zur Betrachtung des Menschen als Gesamtheit. Dabei ist die Krankheitsgeschichte, welche nur einen kleinen Teil der eigentlichen Erkrankung dar­stellt, weiterhin von großer Bedeutung (Roch & Hampel, 2020). Die Position, an der die Person in dem Konstrukt zwischen Gesundheit und Krankheit steht, basiert auf einem wichtigen Faktor, dem Kohärenzsinn. Dieser gründet sich auf der Grundlage von Erfah­rungen und Erlebnissen aus dem Kindes- und Jugendalter. Bei erwachsenen Personen wird diese Fähigkeit als beständig eingestuft. Drei Aspekte bilden das Fundament des Kohärenzsinns: Verständlichkeit, Bewältigbarkeit und Bedeutsamkeit, und zwar in Kom­bination mit emotionalen, kognitiven und motivationalen Abläufen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Bereiche des Kohärenzsinn (Antonovsky, 1988)

Der Kohärenzsinn stellt laut dem Salutogenese-Modell den Schlüssel für eine zielfüh­rende Bewältigungsstrategie, dem Coping, dar. Er bietet so die Möglichkeit der bestmög­lichen Nutzung der eigenen Ressourcen. Dabei bewegt sich die Person im Konstrukt wei­ter in Richtung des Pols Gesundheit. Stressoren sind für Antonovsky (1988) nicht grund­legend negativ anzusehen. Er glaubt, dass sie auch bei der Weiterentwicklung der saluto- genen Entwicklung unterstützen können. Eine Ähnlichkeit mit dem Resilienz-Konzept ist dabei zu erwähnen (Bengel & Lyssenko, 2012).

Die drei Komponenten des Kohärenzsinns beschreibt Antonovsky (1988) wie folgt:

- Verständlichkeit. Personen mit einem sehr gut ausgeprägten Kohärenzsinn sehen ihre Umwelt als sehr strukturiert, vorhersehbar und erklärbar an. Sie haben das Gefühl, dass auch andere Individuen sie verstehen können.
- Bewältigbarkeit. Dies ist die Fähigkeit des Menschen, mit verschiedenen Schwie­rigkeiten umzugehen. Bei einem hohen Maß an Gefühlen der Bewältigbarkeit können störende, plötzlich auftretende Geschehnisse als Herausforderung ange­nommen werden. Diese helfen der Person, beim Lösen der Herausforderung neue Erfahrungen zu sammeln (S. 20).
- Bedeutsamkeit. Hier geht es ebenfalls um Geschehnisse, die plötzlich passieren. Dabei spielt allerdings die subjektive Bedeutsamkeit der verschiedenen Bereiche des Lebens eine zentrale Rolle und steht hier im Mittelpunkt. Durch diese hohe Bedeutsamkeit ist es für die Person sinnvoll und motivierend, Emotionalität in bestimmte Situationen einzubringen. Dieser Bereich wird als wichtigster Aspekt in dem Konstrukt angesehen, denn er schafft es, eine fehlende oder geringe Be- wältigbarkeit mithilfe einer hohen Motivation zur Lösungssuche auszugleichen.

Dieses beschriebene Konstrukt des Kohärenzsinns mit seinen drei Bereichen hilft dem Menschen, positiv mit den Stressoren umzugehen und eine weitere Entwicklung in Rich­tung des Endpols der Gesundheit zu schaffen. Die Komplexität des Modells wird von Roch und Hampel (2020) als kritisch angesehen. Sie halten es für schwierig, die verschie­denen Hypothesen zu überprüfen aufgrund der Ähnlichkeit mit anderen Konstrukten der Psychologie, wie zum Beispiel der Resilienz. Sicher kann dennoch festgestellt werden, dass die Sichtweise auf Gesundheit und Krankheit durch das Modell erweitert werden kann und bei der Gesundheitsförderung hilft (Roch & Hampel, 2020).

3.2.2.2 Wellness-Modell

Das Wellness-Modell stellt eine Ausweitung des biopsychosozialen Modells dar. Zu den bereits vorgestellten Bereichen gesellen sich zusätzlich die spirituellen Faktoren und die allgemeine Lebensqualität jedes Einzelnen (Ragin, 2018, S. 179 ff.).

Der individuelle spirituelle Bereich in diesem Modell ist nicht zwingend auf eine religiöse Art und Weise zu betrachten. Der Sinn des Lebens, philosophisch gesehen, steht dabei im Mittelpunkt. Er beeinflusst das subjektive Wohlbefinden und hilft den Menschen, in ih­rem Leben und Handeln eine Sinnhaftigkeit zu erkennen (Ragin, 2018, S. 13). Sehr deut­lich kann man den Einfluss von Spiritualität in einer reduzierten Stresswahrnehmung im Zusammenhang mit dem Erleben von Frieden und Ruhe erkennen.

Weiteren Einfluss auf das generelle Wohlbefinden nimmt die subjektiv empfundene Le­bensqualität, die die Empfindungen in Bezug auf das eigene Leben und die persönliche Funktionsfähigkeit abbildet (Ragin, 2018, S. 13). Sie stellt durch ihre unterschiedlichen psychischen, sozialen und physischen Aspekte ein vielschichtiges und sehr komplexes Konstrukt dar. Kultur- und Wertesysteme nehmen einen hohen Stellenwert im Hinblick auf die Beurteilung der Lebensqualität ein (Ellert & Kurth, 2013; Radoschewski 2000).

Roch und Hampel (2020) stellen folgende Unterschiede fest: „Während die Lebensquali­tät im Wellness-Modell eine Dimension von Gesundheit darstellt, wird die gesundheits­bezogene Lebensqualität in anderen Studien hingegen als ein von der Gesundheit beein­flusstes Konstrukt angesehen.“ Insgesamt kann man sagen, dass die Kombination aus verschiedenen Bereichen, Aspekten und Modellen einen großen Einfluss auf die Entwick­lung und das Empfinden der Gesundheit hat.

3.2.3 Psychische Gesundheit

„Psychische Gesundheit ist ein Zustand des Wohlbefindens, in dem eine Person ihre Fä­higkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv arbeiten und einen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft leisten kann.“, so definiert die WHO im Jahr 2001 im Allgemeinen diesen Bereich der Gesundheit (WHO, 2019). Diese Sichtweise lehnt sich an das Salutogenese-Modell von Antonovsky (1987) an. Die Personen werden auch hier ganzheitlich betrachtet und bewegen sich in dem Konstrukt von Gesundheit und Krankheit eher zwischen den Polen „psychisch gesund“ und „psychisch belastet, bezie­hungsweise psychisch krank“ (Cless & Matura, 2017). Als ein wertvolles Gut soll und muss die psychische Gesundheit angesehen werden. Dieses Verständnis ist wichtig, um sich um sein eigenes Wohlbefinden kümmern zu können. So kann man selbst wachsen und mit anderen Personen in Kontakt zu treten. Deshalb ist es entscheidend, sich nicht ausschließlich um die Personen mit klaren psychischen Störungen zu kümmern, sondern ebenfalls die allgemeine psychische Gesundheit der Gesellschaft im Blick zu haben, ab­zusichern und zu unterstützen (WHO, 2019). Direkter Einfluss auf die psychische Ge­sundheit erfolgt grundsätzlich aus drei generellen Bereichen: den biologischen, den psy­chischen und den sozialen Einflussfaktoren (Engel, 1977). Aber auch verschiedene Le­bensereignisse können dazu beitragen, dass eine psychische Störung beziehungsweise Er­krankung angestoßen wird (Wittchen et al., 2010). Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf den Einflussfaktor der Arbeitswelt gelegt. Es konnte mithilfe von Studien gezeigt werden, dass der Arbeitsplatz gleichermaßen positive und negative Einflüsse auf die psy­chische Gesundheit haben kann (Gühne & Riedel-Heller, 2015). Dabei gilt grundsätzlich, dass sich deutliche Belastungen immer negativ auf die psychische Gesundheit auswirken, wohingegen persönliche Ressourcen in den meisten Fällen positiv wirken. Diesen Zu­sammenhang greift das Belastungs-Ressourcen-Modell mit auf (Bakker & Demerouti, 2007). Es besagt, dass steigende Belastungen ein großes Risiko zur Entstehung von psy­chischen Erkrankungen mit sich bringen, das Vorhandensein persönlicher Ressourcen dieses Risiko hingegen deutlich reduziert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Belastungs-Ressourcen-Modell (Bakker & Demerouti, 2007)

Die Ressourcen haben zwei Möglichkeiten zu wirken: Entweder wirken sie auf dem di­rekten Weg in positiver Form oder sie dämpfen den negativen Effekt der Belastung ab und schützen somit die psychische Gesundheit. Zweierlei Gefährdungspotentiale sind aus dem Modell abzuleiten, zum einen eine übermäßige Belastung und zum anderen fehlende oder mangelnde Ressourcen. Die größte Gefahr für die psychische Gesundheit stellt aber das Zusammenspiel von fehlenden Ressourcen und steigender Belastung dar (Bakker & Demerouti, 2007).

Lutz (2000) dagegen geht von einem Konzept aus, welches von zwei autonomen Dimen­sionen geprägt ist. Damit meint er, dass jede Person gleichermaßen unabhängig vonei­nander gesunde und kranke Anteile besitzt. Damit ist für Lutz (2000) die psychische Ge­sundheit nicht mehr die reine Abwesenheit von Krankheit. Er sagt, dass die gesunden Anteile in der individuellen Person deutlich überwiegen und daher der Zustand psychi­scher Gesundheit erlangt werden kann. Dahinter verbirgt sich ebenfalls der Gedanke, dass selbst bei einer psychischen Störung und somit einem größeren kranken Anteil dennoch gesunde Anteile vorhanden sein können. Daher ist nach einer Stärkung der gesunden An­teile durchaus eine Entwicklung in Richtung psychischer Gesundheit weiterhin möglich (ebd.) Dazu sagt Lutz (2000, S. 169) ergänzend:“ Seelische Gesundheit wäre also nicht ein immerwährendes Wohlbefinden, sondern die Akzeptanz des Wechsels von guten und schlechten Zeiten.“

3.2.3.1 Persönliche Ressourcen

Auf psychologischer Ebene ist unter Ressourcen das Gesamte der inneren Leistungsfä­higkeit eines Menschen zu verstehen. Daraus werden die Stärke und das Selbstwertgefühl für das tägliche Leben geschöpft. Demnach schafft der Begriff grundsätzlich positive As­soziationen und lässt nur vereinzelt einen Spielraum für negative Gesichtspunkte (Mahr, 2015). Die Kraftquellen werden als wichtigste Ressourcen angesehen, wozu auch Teile wie Motivation, Ziele, Wünsche und Erfolge zählen. Viele dieser Ressourcen, die jeder Mensch in unterschiedlicher Ausprägung besitzt, werden nur bedingt oder sogar gar nicht als solche anerkannt. Sie können allerdings jederzeit bei Krankheit helfen, den Prozess der Heilung zu fördern, denn sie haben unmittelbaren Einfluss auf das Wohlbefinden. Sobald bei einer Person ein psychisches Leiden auftritt, kann auf die zur Verfügung ste­henden Ressourcen nicht mehr unmittelbar zugegriffen werden. Den Symptomen gelingt es, die erkrankte Person in eine Art Blase zu befördern, in der es nicht mehr möglich ist, auf die persönlichen Reichtümer zuzugreifen (ebd.). Jeglicher Problemzustand hat zur Folge, dass die Ausrichtung der Aufmerksamkeit verschoben wird und die bewussten so­wie unbewussten Ressourcen für die Person versperrt und nicht erreichbar scheinen. Die Einschränkungen hängen demnach vom Schweregrad der Probleme ab.

Die Menschen neigen zudem oft dazu, ihre eigenen Erfolge zu übersehen. Dies passiert in den meisten Fällen bei Personen, die unter psychischen Störungen leiden (Mahr, 2015). Eine der zentralsten Theorien zur Erhaltung der Ressourcen ist die COR-Theorie (engl. conservation of resources theory) von Stevan Hobfoll (1988). Sie kann auch zur Erklä­rung von Burnout verwendet werden und zählt mittlerweile zu den bedeutendsten Stress­theorien der heutigen Zeit (Bronfenbrenner, 1981). Sie wirkt auf motivationaler Ebene und schafft es, menschliches Verhalten im Hinblick auf stressbasierte Schwierigkeiten, das menschliche individuelle Verhalten vorauszusagen. Die Grundlage dieser Theorie ist das Wissen der Menschen über den eigenen Stress. Sobald dieses vorliegt, sind die Per­sonen dazu motiviert, gegen den Stress anzukämpfen. Somit halten sie den aktuellen und den zukünftigen Herausforderungen stand. In der Theorie zur Ressourcenerhaltung wird das Augenmerk auf die Bedeutsamkeit von Verlust und Gewinn gelegt. Diese Begriff- lichkeiten sind essenziell, um erläutern zu können, wie die Reaktion von Menschen auf Stress passiert und wie sie den Umgang damit pflegen. Die Theorie verfolgt weiter den Grundsatz, dass die Personen genau diese Fähigkeiten ausbauen, weiter erhalten und gleichzeitig schützen möchten. Es werden dabei zentrale Ressourcen wie zum Beispiel die Gesundheit und das Wohlbefinden verwendet (Lin, 2001). Die Ressourcen werden dazu eingesetzt, um sich selbst und die individuellen Beziehungen zu steuern und sich an die Umgebung anzupassen. Eine bekannte weitere Schlüsselressource ist das positive Selbstkonzept. Sie ist sehr individuell und unterscheidet sich in den verschiedenen Selbst­bildern. Dabei stellt das Selbstkonzept im beruflichen Kontext eine starke Verbindung zur individuellen Leistung dar (Buchwald & Ringeisen, 2009).

Schlussendlich kann man sagen, dass es wichtig ist, die eigenen Ressourcen zu erhalten und zu stärken. So kann auch mit unerwarteten Herausforderungen gut umgegangen und eine schnelle Lösung gefunden werden.

3.2.3.2 Psychische Störungen

Eine psychische Störung stellt laut der WHO (2019) eine Störung der psychischen Ge­sundheit dar, welche in den meisten Fällen durch eine Verknüpfung von bedrückten Be­denken, Gefühlslagen, Verhaltensweisen und Beziehungen entsteht. Diese Beeinträchti­gung führt vermehrt zur Arbeitsunfähigkeit, Frührente oder zu erheblichen Einschränkun­gen im täglichen Leben. Dabei sind die Beziehungen zu Freunden beziehungsweise die sozialen Kontakte allgemein, die Organisation der freien Zeit, sowie die Selbstständigkeit am stärksten betroffen. Die am häufigsten diagnostizierte psychische Störung ist die De­pression. Dahinter folgen Angsterkrankungen, sowie Alkoholsucht und Demenz. Die Fa­milie und Freunde der Erkrankten leiden mitunter sehr an den Begleiterkrankungen und Folgen der psychischen Störungen (WHO, 2019).

Sobald ein gewisser Grad und eine gewisse Menge an Symptomen einer psychischen Stö­rung auftreten und der Tagesablauf kaum oder nur sehr eingeschränkt vollzogen werden kann, spricht man von einer Erkrankung. Diese Erkrankung ist in aller Regel dynamisch und kann sich von Tag zu Tag verändern. Dies ist abhängig von den verschiedenen Ein­flussfaktoren, die auf die erkrankte Person in dem entsprechenden Zeitraum einwirken (Wittchen, 2011).

Das Ziel psychische Gesundheit zu erlangen erreicht man, wenn die einzelnen Symptome der psychischen Störungen in dem Maß reduziert werden können, dass sich die Person wieder im Bereich der psychischen Gesundheit bewegt. Dabei hilft, laut mehreren Stu­dien, eine regelmäßige körperliche Betätigung beziehungsweise Sport, um so die Stim­mung aufzuwerten und bedrückende Gedanken verschwinden zu lassen (Cooney et al., 2013; Ten Have, de Graaf & Monshouwer, 2011).

3.2.4 Gegenwärtige Situation in Deutschland

Am Ende des Jahres 2019 lag Deutschland bei einer Einwohnerzahl von 83,17 Millionen Menschen (Statistisches Bundesamt, 2020; zitiert nach Statista, 2020). Healthcare Mar­keting hat im Jahr 2013 eine Bevölkerungsumfrage durchgeführt, in der die Teilnehmer gefragt wurden, was genau Gesundheit für sie bedeute. 79 % der Teilnehmer gaben an, dass die Gesundheit für sie ein persönliches Wohlgefühl darstelle. Knapp darunter bei 67 % liegt der Anteil der Personen, die Gesundheit mit Abwesenheit von Krankheit und Schmerz definieren und bei 58 % derjenigen, die Gesundheit als eine Balance zwischen Körper Geist und Seele ansehen. Weitere 56 % empfinden sich als gesund, sobald sie arbeits- und leistungsfähig sind. Das Schlusslicht bilden 21 % der Befragten, die Gesund­heit mit Schönheit und Attraktivität ihres Körpers definieren (Dierks et al., 2014). Im Jahr 2018 konnten insgesamt 1852 Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) je 100 beschäftigte BKK-Mitglieder gezählt werden. Dies wurde auf Grundlage von 3,94 Millionen beschäf­tigter Mitglieder erhoben. Wichtig ist dazu zu sagen, dass die Abwesenheit vom Arbeits­platz erst ab drei Tagen gemeldet wird und somit kein zu 100% korrektes Bild abgeleitet werden kann. Demnach stehen an der Spitze mit 441 AU-Tagen pro 100 beschäftigter BKK Mitglieder die Muskel-Skelett-System Erkrankungen, wie zum Beispiel Bandschei­benvorfälle oder Arthrosen. Direkt dahinter an zweiter Stelle, mit 303 AU-Tagen je 100 beschäftigter BKK-Mitglieder, folgen die Erkrankungen des Atmungssystems, wie zum Beispiel Asthma und chronische Bronchitis. Bereits an dritter Stelle stehen die psychi­schen Störungen. Im Durchschnitt liegt hier die Anzahl der AU-Tage bei 291 je 100 be­schäftigter BKK Mitglieder. Dies ist vergleichsweise hoch und hebt sich von den anderen Erkrankungsarten, wie Erkrankungen des Verdauungs- oder Kreislaufsystems, deutlich ab (Knieps & Pfaff, 2019).

Auch im DAK Gesundheitsreport von 2019 konnte weiter analysiert werden, dass die durchschnittliche Anzahl an AU-Tagen im Jahr 2018 für psychische Erkrankungen bei 33,7 Tagen lag. Diese Dauer der Erkrankung ist in den letzten Jahren stetig gestiegen und liegt mit dem Durchschnittswert knapp 10 % unter dem geschichtlichen Rekordwert aus dem Jahr 2016 von 38,1 AU-Tagen. Die Entwicklungen der Kennziffern für psychische Erkrankungen sind in den letzten Jahren sehr auffällig gewesen. Im letzten Jahrzehnt konnte ein Anstieg von 70 % des Volumens an Arbeitsunfähigkeit bei psychischen Er­krankungen verzeichnet werden. 2018 war die Anzahl der AU-Tage zum ersten Mal seit 2006 wieder rückläufig (DAK, 2019). Die Fehlzeiten am Arbeitsplatz zeigen die Bedeu­tung des Faktors Gesundheit der Arbeitnehmer für jeden einzelnen Arbeitgeber. Dennoch spielen viele weitere Faktoren mit hinein, die berücksichtigt werden müssen. Daher soll­ten die AU-Tage und die ausgewerteten Kennzahlen durchweg vor dem Hintergrund ver­schiedenster Einflussfaktoren begutachtet und bewertet werden (ebd.).

3.3 Self-Leadership

Dieser Prozess ist zielorientiert und selbstbeeinflussend. So führt er zur deutlichen Stei­gerung der Leistung und Effektivität. Eine klare Abgrenzung zum Leadership erfolgt demnach im Hinblick auf die Art der Beeinflussung. Dabei konzentriert sich das Self­Leadership auf eine intrinsische beziehungsweise gedankliche Beeinflussung durch die betroffene Person selbst und das generelle Leadership auf die Beeinflussung von außen durch andere Personen. Self-Leadership bildet schließlich die Basis für ein effektives Leadership (Furtner, M. 2012, 2016; Furtner, M. & Baldegger, U. 2016, S. 5).

Im Jahr 1999 sagt Drucker bereits, dass Menschen ihre eigenen Stärken und Schwächen erkennen müssen. Jeder Einzelne besitzt die Fähigkeiten, die Außenwelt wahrzunehmen und differenziert zu beurteilen. Dies reift bereits im Kindesalter aus und wird im Laufe des Lebens durch viele äußere Faktoren vermittelt und geschult. Die Betrachtung des In­neren, also der eigenen Stärken und Schwächen, sowie der psychischen Abläufe, wird oft außer Acht gelassen. Der erste Schritt zu einer erfolgreichen Selbstbeeinflussung ist das Erkennen der inneren Wünsche, Gedanken oder Ziele. Aus diesem Grund ist Self-Lea­dership eine Begabung, welche weiterentwickelt und geschult werden kann und muss (Furtner & Sachse, 2011; Lucke & Furtner, 2015). Grundsätzlich kann der Selbstbeein­flussungsprozess als ein Kontinuum betrachtet werden. An einem Ende wird das eigene Verhalten durchweg von externen Faktoren bestimmt und es herrscht keinerlei eigene Initiative. In der Mitte des Konstrukts steht das Selbstmanagement, welches von einem gewissen Grad an eigener Kontrolle geprägt ist.

Hierbei werden Strategien verwendet, um diesen Fortschritt im Prozess extern mittels gesetzter Standards beurteilen zu können. Am anderen Ende des Kontinuums ist die Selbstführung lokalisiert, welche von einem hohen Grad der eigenen Kontrolle geprägt ist. Um den Prozess der Selbstbeeinflussung am Arbeitsplatz besser beurteilen zu können, ist die Ausprägung der Beeinflussung der externen Faktoren gegenüber denen, die von der Person selbst ausgehen, entscheidend. Somit steht fest, je mehr Selbstführung man beherrscht, desto mehr Einfluss hat man auf sein eigenes Handeln und versteht die Inten­tion dahinter besser (Stewart, Courtright & Manz, 2011). Die Selbstführung beinhaltet damit die höchste Kontrolle über sich selbst und die internen Organisation (Carver & Scheier, 1982). Positive Auswirkungen zeigen sich bei einer sehr guten Begabung zur Selbstführung im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit oder den eigenen Erfolg.

Im Review von Stewart, Courtright und Manz (2011) wurden die Forschungsergebnisse zur Selbstführung als sehr vorteilhaft zusammengefasst. Es konnte gezeigt werden, dass die individuelle Selbstführung eine hohe Korrelation mit einer gesteigerten Leistung, der Arbeitszufriedenheit und der eigenen Selbstwirksamkeit aufweist. Auch geringere Fehl­zeiten und weniger Angst vor der Arbeit konnten nachgewiesen werden.

3.3.1 Basistheorien

Die Basistheorien werden als Grundlage des Self-Leadership angesehen. Sie beziehen sich auf die menschliche Motivation und die allgemeine Selbstregulierung (Neck & Houghton, 2006).

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Ende der Leseprobe aus 89 Seiten

Details

Titel
Selbstführung und Zufriedenheit. Eine Querschnittsanalyse zur Untersuchung der Zusammenhänge und Wechselwirkung von Selbstführungskompetenzen, sowie Arbeitszufriedenheit
Hochschule
Deutsche Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement GmbH
Note
1,2
Autor
Jahr
2020
Seiten
89
Katalognummer
V1150324
ISBN (eBook)
9783346540508
ISBN (Buch)
9783346540515
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbstführung, Mitarbeiterzufriedenheit, LASA, Selbstführungstraining, Psychische Gesundheit, Zufriedenheit
Arbeit zitieren
Marisa Emme (Autor:in), 2020, Selbstführung und Zufriedenheit. Eine Querschnittsanalyse zur Untersuchung der Zusammenhänge und Wechselwirkung von Selbstführungskompetenzen, sowie Arbeitszufriedenheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1150324

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