Definitionsmacht - Neoliberalisierung der Wissenschaft


Seminararbeit, 2003

22 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

Inhalt

1. EINLEITUNG
1.1. PERSPEKTIVENBILDUNG
1.2. ERKENNTNISINTERESSE UND ARBEITSPLAN
1.2.1. FRAGESTELLUNG
1.2.2. KONZEPT
1.3. BEGRIFFSKLÄRUNGEN
1.3.1. WISSENSCHAFT
1.3.2. POLITIK
1.3.3. NEOLIBERALISMUS

2. SPEZIFISCHE MACHT VON WISSENSCHAFT

3. DEFINITIONEN VON WISSENSCHAFT
3.1. DEFINITIONSMACHT UND GRENZZIEHUNGEN
3.1.1. FUNKTIONEN VON GRENZZIEHUNGEN
3.1.2. NEOLIBERALER WISSENSCHAFTSDISKURS
3.1.3. DEFINITIONSMACHT
3.2. DEFINITIONEN DURCH DIE WISSENSCHAFT SELBST

4. EINFLUSS DER NEOLIBERALEN GRUNDSTIMMUNG
4.1. WISSENSCHAFTSPOLITIK
4.1.1. ZIELE EINER NEOLIBERALEN WISSENSCHAFTSPOLITIK
4.1.2. WISSENSCHAFTSPOLITIK DER ÖSTERREICHISCHEN BUNDESREGIERUNG
4.1.3. ZITATE
4.2. NEOLIBERALE „THINK THANKS“
4.3. AUSSCHALTUNG VON KRITIK

5. KONSEQUENZEN DER NEOLIBERALEN WISSENSCHAFTSPOLITIK
5.1. „BLACK BOXES“
5.2. GESETZLICHE UND FINANZIELLE MAßNAHMEN

6. RESUMÉE

7. LITERATUR

1. Einleitung

1.1.Perspektivenbildung

Um den Standpunkt, von dem aus ich an meine Fragestellung herangehe, nachvollziehbar zu machen, möchte ich kurz mein persönliches Interesse an dem gewählten Thema erläutern.

Besonders wichtig erscheint es mir, die soziale Determiniertheit von Wissenschaft aufzuzeigen und die vielfältigen Verflechtungen und gegenseitigen Abhängigkeiten mit anderen gesellschaftlichen Bereichen, besonders mit Politik und Wirtschaft, zu beleuchten.

Im Laufe der letzten Jahre habe ich die kontinuierliche Ausbreitung neoliberaler Prinzipien in praktisch allen Bereichen des Alltags beobachtet. Mit persönlich macht es Angst, dass die Rückführung aller sozialen Phänomene auf wirtschaftliche Prinzipien - sowie die naturalistische und vulgärdarwinistische Argumentationsweise zu ihrer Rechtfertigung - anscheinend von so breiten Schichten der Bevölkerung in keiner Weise hinterfragt wird. Ich halte es daher immer wieder für wichtig, diese Muster explizit zu machen und sie nicht einfach als gegeben hinzunehmen.

1.2. Erkenntnisinteresse und Arbeitsplan

1.2.1. Fragestellung

„Es gibt keine innere Kraft der Wahrheit, wohl aber eine Kraft des Glaubens an die Wahrheit: Im Kampf der Vorstellungen kommt der aus gesellschaftlicher Sicht als wissenschaftlich, das heißt als wahr anerkannten Vorstellung eine spezifische soziale Kraft zu, die demjenigen, der über wissenschaftliches Wissen – über die soziale Welt – verfügt oder zu verfügen scheint, das Monopol auf den legitimen Standpunkt, auf die sich selbst erfüllende Prophezeiung verleiht. Wegen dieser sozialen Kraft wird die Legitimität der Wissenschaft von den

„weltlichen“ Machthabern immer wieder angefochten.“1

Wer also die Kontrolle über diesen „legitimen Standpunkt“ inne hat, dem wird zugestanden, in gewisser Weise über die „Wahrheit“ zu verfügen, was wiederum in politische Macht übersetzt werden kann. Wenn es also einer gesellschaftlichen Gruppe (Politik, Wirtschaft,...) gelingt, ihre Definition von Wissenschaft durchzusetzen und für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, dann gewinnt sie Macht über die „Wahrheit“. Gerade die Politik ist hier von entscheidender Bedeutung, da sie über die Förderung und Anerkennung bestimmter Bereiche und Formen von Wissenschaft ihre Vorstellungen und Definitionen durchzusetzen vermag.

Was gerade als legitime Wissenschaft empfunden und anerkannt wird ist also keinesfalls unabhängig von den jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen. Vielmehr beeinflussen sich die verschiedenen Bereiche gegenseitig und die Geschichte zeigt, wie sich die allgemeinen Vorstellungen von Wissenschaftlichkeit in Abhängigkeit von gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen verändert haben.

Meiner Meinung nach hat momentan die immer stärkere Hinwendung der Politik und der Gesellschaft zu neoliberalen Modellen und zur Globalisierung der Wirtschaft massive Auswirkungen auf die Sicht auf die Wissenschaft. Als legitim wird erachtet, was wirtschaftliche Vorteile bringt, was „anwendbar“ und profitabel ist.

Meine Ausgangsfrage lautet also:

Wie versucht die neoliberal geprägte Politik zu definieren, was als Wissenschaft zu gelten hat? Welche Konsequenzen sind davon zu erwarten?

1.2.2. Konzept

Ich werde mich in meinen Betrachtungen auf das Österreich der Gegenwart beschränken und versuchen, den Einfluss neoliberaler Modelle und Strömungen auf die Sicht der Politik über Wissenschaft herauszuarbeiten.

Meine Arbeit gliedert sich in vier große Argumentationsschritte, die gleichzeitig vier Prämissen bilden, auf die sich meine Überlegungen stützen:

- Die „spezifische Macht der Wissenschaft“, die ihr eine besondere gesellschaftliche Stellung und Bedeutung einräumt, besteht darin, dass ihr die Fähigkeit zugesprochen wird, direkte Zwiesprache mit der „Natur“ zu halten und so über die „Wahrheit“ zu verfügen.
- Macht über Wissenschaft und somit über die „Wahrheit“ kann durch die Definition von „legitimer Wissenschaft“ erreicht werden.
- Die aktuellen Definitionen von „legitimer Wissenschaft“ werden durch eine „neoliberale Grundstimmung“ in allen Bereichen der Gesellschaft beeinflusst.
- Diese neoliberal gefärbte Wahrnehmung von Wissenschaft zeigt bereits „Erfolge“ – über die Konsequenzen einer marktorientierten Wissenschaftspolitik.

1.3. Begriffsklärungen

Um Unschärfen zu vermeiden halte ich es für wichtig, einige im Folgenden verwendete Begriffe zu behandeln, da ich diese unter Umständen anders oder spezifischer einsetzen werde, als sie normalerweise in den Medien oder im Alltagsdiskurs gebraucht werden (sie dienen mitunter als allgemeine Sammelbegriffe für sehr unterschiedliche und vage Phänomene).

1.3.1. Wissenschaft

Darunter verstehe ich hier die akademische Wissenschaft, also Forschung (aber auch Lehre) an den Universitäten. Diese institutionalisierten Formen von Wissenschaft zeichnen sich auch durch ihre besonders starke Abgrenzung nach außen aus, um Zugang dazu zu bekommen, hat man genau festgelegte und formalisierte Bedingungen zu erfüllen. Aber wie zum Beispiel Pierre Bourdieu in „Homo Academicus“ gezeigt hat, haben auch informelle, implizite Normen und Grenzen eine enorme Bedeutung im wissenschaftlichen Feld.

Ich beziehe mich hier auf die Institutionen der aktuellen österreichischen Bundesregierung. Die Politik der Koalition aus ÖVP und FPÖ zeigt dabei – wie ich noch zeigen werde – deutliche neoliberale Akzente, vor allem auch in der Wissenschaftspolitik.

1.3.3. Neoliberalismus

Der Neoliberalismus hat seine Wurzeln in den 30er Jahren, als nach dem Versagen des Liberalismus, das sich in der Weltwirtschaftskrise der 20er und 30er Jahre sowie in den katastrophalen sozialen Umständen in Groß Brittannien ausdrückte, und den ersten Versuchen, den Kommunismus in der Realität anzuwenden, ein „dritter Weg“ gesucht wurde. Der Neoliberalismus stellt sich vor allem gegen wohlfahrtsstaatliche Umverteilung und

„Gleichmacherei“. Statt dessen soll auf das „Gleichgewicht des Marktes“ vertraut werden. Die Rolle des Staates soll sich auf wenige Aufgaben beschränken, die die Sicherheit des Einzelnen und die Spielregeln des Marktes gewährleisten sollen. Gleichheit soll es nur als Chancengleichheit geben, nicht als soziale Gleichheit. Freiheit wird als höchstes Prinzip postuliert, Gleichheit wird damit als unvereinbar angesehen.

Die „Grundprinzipien“ des Neoliberalismus spiegeln sich auch in den vorherrschenden Begriffen2 im neoliberalen Diskurs wider: Rationalität, Effizienz, Wettbewerb. An der Verwendung dieser Begriffe in anderen Bereichen kann ein neoliberaler Einfluss erkannt werden, da diese Begriffe hochgradig ideologisch besetzt sind und ihre (unkritische) Verwendung auch eine implizite Übernahme der dahinter stehenden Modelle bedeutet.

2. Spezifische Macht von Wissenschaft

„Without the the time or wherewithal to look at nature for ourselves (as Thoreau did),

„science“ often stands metonymically for credibility, for legitimate knowledge, for reliable and useful predictions, for a trustable reality: it commands assent in public debate. If

“science” says so, we are more often than not inclined to believe it or act on it – and to prefer it over claims lacking this epistemic seal of approval”3

Die Legitimität wissenschaftlicher Aussagen wird allgemein als wahr anerkannt. Wissenschaftlern wird zugestanden, sich qualifiziert zu bestimmten Dingen zu äußern und aufgrund dieser für wahr erachteten Positionen werden dann Entscheidungen getroffen. Im politischen Entscheidungsprozess werden von allen Seiten ExpertInnen aufgeboten, um die jeweilige Position wissenschaftlich zu untermauern. Wenn sich also mehrere unterschiedliche Meinungen gegenüberstehen, deren „Wahrheiten“ jeweils durch entsprechende Forschungen legitimiert wurden, so ist der nächste Schritt im Kampf um die Wahrheit, die Wahrheit der anderen zu delegitimieren, also ihre Wissenschaftlichkeit in Frage zu stellen. Das geschieht durch Grenzziehungen, durch bestimmte Definitionen von Wissenschaft.

3. Definitionen von Wissenschaft

3.1. Definitionsmacht und Grenzziehungen

3.1.1. Funktionen von Grenzziehungen

Der Wettstreit um die Macht über legitimes Wissen wirft nun neue Fragen auf: Wer darf sich als WissenschaftlerIn bezeichnen? Was ist Wissenschaft?4 Die Definition von Wissenschaft ist von entscheidender Bedeutung zur Erhaltung ihrer „spezifischen Macht“. Exakte Voraussetzungen und Grenzen für den Zugang zu wissenschaftlichen Institutionen helfen Nicht-WissenschaftlerInnen und WissenschaftlerInnen gleichermaßen zu entscheiden, was sie als wahr anerkennen können und wen sie als TrägerIn der Wahrheit akzeptieren können.5 Indem man das wissenschaftliche Feld definiert, grenzt man es gegen all jenes ab, was nicht

Wissenschaft ist.6 Diese Abgrenzung wird zu einem Instrument des sozialen Kontrolle, wer sich WissenschaftlerIn nennt, von dem darf erwartet werden, dass er sich an die festgelegten wissenschaftlichen Normen hält, die eben die Legitimität von Wissenschaft gewährleisten sollen.7

Das Problem ist allerdings, dass es nicht nur eine einzige allgemeingültige Definition von Wissenschaft gibt. Selbst die Definition und die Grenzen, die in der wissenschaftlichen Community selbst aufgestellt werden, widersprechen sich mitunter sehr.8 Grabenkämpfe zwischen einzelnen Disziplinen, verschiedenen Schulen oder Personen sind im wesentlichen als Kämpfe um die legitime Definition von Wissenschaft zu sehen. Wer einen Sieg erringt, der kann seine dadurch erworbene Definitionsmacht in wissenschaftliche und auch politische Macht umwandeln, denn seine Aussagen werden nun als wahr anerkannt.

3.1.2. Neoliberaler Wissenschaftsdiskurs

Der wissenschaftliche Diskurs spielt im Kampf um die Definition von Wissenschaft eine wesentliche Rolle.9 Der Begriff Diskurs wird im Sinne des Konstruktivismus verstanden:

„Mit dem Begriff Diskurs wird Sprachgebrauch als eine Form sozialer Praxis bezeichnet. Das bedeutet, dass Diskurs selbst eine Handlungsweise ist, in der Menschen sowohl die Welt als auch die einzelnen Menschen behandeln, und zugleich ist es eine Repräsentationsweise. [...]

Diskurs ist nicht nur eine Praxis der Repräsentation der Welt, sondern die Bezeichnung der Welt, indem die Welt in der Bedeutung konstituiert und konstruiert wird.“10

[...]


1 Aus: Bourdieu, Pierre: Homo Academicus, Suhrkamp-Taschenbuchverlag, Frankfurt/Main, 1992 (2. Auflage 1998)

2 „Über unablässige Wiederholungen und propagandistische Einsätze gelang es – neben gesamten Weltentwürfen – eine Unmenge von Begriffen in den Wissenschaften wie im Alltagsdiskurs durchzusetzen.“Aus: Plehwe, Dieter; Walpen, Bernhard; Nordmann, Jürgen: Neoliberale Wahrheitspolitik: Neo- bzw. Rechtsliberale Intellektuellen- und Think-Thank-Netzwerke als Säulen einer hegemonialen Konstellation – Überlegungen zu einem Forschungsprogramm „Historisch-soziale Netzwerkanalyse “ , in: http://www.buena- vista-neoliberal.de/html/texte/wahrpol.pdf (15.04.2003)

3 aus: Gieryn, T.: Cultural Boundaries of Science: Credibility on the Line, University og Chicago Press, Chicago, 1999, Kapitel 1, S. 1

4 „Is your training or expertise scientific? Did you follow methodologically proper scientific procedures? Would most other scientists agree with you? Is the science in which you claim expertise pertinent to the issue at hand? Are the issues indeed ones that science can or should address?”, aus: Gieryn, T.: Cultural Boundaries of Science: Credibility on the Line, S. 2

5 „...; boundaries define insiders and outsiders,...“, aus: Gieryn, T.: Cultural Boundaries of Science: Credibility on the Line, S. 10

6 “Real science is demarcated from several categories of posers: pseudoscience, amateur science, deviant or fraudulent science, bad science junk science, popular science.”, aus: Gieryn, T.: Cultural Boundaries of Science: Credibility on the Line, S. 16

7 “Many believe that the epistemic authority of science is justified (not just eposodically won) by the unique, necessary, and universal elements of ots practice – behaviors, dispositions, methods, rules, tools, and languages that simply work best to make truth.”, in: Gieryn, T.: Cultural Boundaries of Science: Credibility on the Line, S. 25

8 “The problem is not that there is no “real science” behind the cartographic representations, but that there are too many “real sciences”.”, in: Gieryn, T.: Cultural Boundaries of Science: Credibility on the Line, S. 19

9 „Die diskursive Bearbeitung von Grenzziehungen ist eine wichtige Ebene in Kämpfen um/gegen Macht und Herrschaft, denn was in einem Bereich gesagt oder getan werden kann und in welcher Form, ist eine entscheidende Frage.“, aus: Plehwe, Dieter; Walpen, Bernhard; Nordmann, Jürgen: Neoliberale Wahrheitspolitik: Neo- bzw. Rechtsliberale Intellektuellen- und Think-Thank-Netzwerke als Säulen einer hegemonialen Konstellation – Überlegungen zu einem Forschungsprogramm „Historisch-soziale Netzwerkanalyse

10 aus: Plehwe, Dieter; Walpen, Bernhard; Nordmann, Jürgen: Neoliberale Wahrheitspolitik: Neo- bzw. Rechtsliberale Intellektuellen- und Think-Thank-Netzwerke als Säulen einer hegemonialen Konstellation – Überlegungen zu einem Forschungsprogramm „Historisch-soziale Netzwerkanalyse

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Details

Titel
Definitionsmacht - Neoliberalisierung der Wissenschaft
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Wissenschaftsforschung)
Veranstaltung
SE Ein- und Ausschlussmechanismen in der Wissenschaft: Politik der Grenzziehungen und ihre Bedeutungen
Note
1,00
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V115065
ISBN (eBook)
9783640163311
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Definitionsmacht, Neoliberalisierung, Wissenschaft, Ein-, Ausschlussmechanismen, Wissenschaft, Politik, Grenzziehungen, Bedeutungen
Arbeit zitieren
Mag. Andrea Schikowitz (Autor), 2003, Definitionsmacht - Neoliberalisierung der Wissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115065

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