„Der überaus starke Willibald“ von Willi Fährmann. Eine kindgerechte Hinführung zum Thema des Nationalsozialismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Textanalyse: „Der überaus starke Willibald“
2.1 Literarische Gattung
2.2 Handlung
2.3 Erzählperspektive
2.4 Figuren
2.5 Zeit

3. Außenseitertum – Ein interessen- und erfahrungsadäquates Thema in der Kinder- und Jugendliteratur

4. Nationalsozialismus in der Literatur – Ein Thema für Achtjährige?

5. Parallelen zum Nationalsozialismus
5.1 Personen
5.2 Sprache
5.3 Machtergreifung

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Heute noch, mehr als ein halbes Jahrhundert später, ist die Vergangenheitsbewältigung des 3. Reiches nicht abgeschlossen. Angesichts der Ungeheuerlichkeit des Verbrechens wird das Thema eigentlich immer aktueller, da mit einem gewissen historischen Abstand die Unbegreiflichkeit des Geschehens immer unbegreiflicher wird (vgl. Dahrendorf, 1999, 2).

Nach Michael Wermke steckt das Schreiben über den Holocaust in einem tiefen inneren Widerspruch:

Das Unbeschreibliche zu beschreiben, das Unvorstellbare sich vorzustellen ist menschenunmöglich. Andererseits muss die Erinnerung an den Holocaust wachgehalten werden, um die große Verpflichtung gegenüber den Opfern, sie nicht zu vergessen und ihre Erinnerung an die Zukunft weiterzugeben, einzuhalten (Wermke, 111).

Folglich stellt der Nationalsozialismus auch in der in der Kinder- und Jugendliteratur ein äußerst schwieriges Thema dar. Es muss überlegt werden, „welche Aspekte des Themas […] auf welcher Entwicklungsstufe zugänglich [sind]“ (Dahrendorf, 1999, 3).

Nach vorliegenden Untersuchungen kann ein Kind etwa ab dem Alter von acht bis neun Jahren zeitliche Zusammenhänge zahlenmäßig erfassen, in der Vorpubertät entwickelt sich sein geschichtliches Interesse (vgl. Pleticha, 445). Es stellt sich allerdings die Frage, ob es pädagogisch sinnvoll ist, ein Kind gleich von Anfang an mit der grausamen Wahrheit des Holocaust zu konfrontieren.

Das Kinderbuch „Der überaus starke Willibald“ von Willi Fährmann, mit dem ich mich im Zuge der Arbeit beschäftigen werde, beantwortet diese Frage mit einem klaren Nein. Die Art, wie er sich im Fall von „Willibald“ dem Thema annähert, möchte ich anhand dreier herausragender Punkte, denen zum allgemeinen Verständnis eine Textanalyse unter Punkt 2 vorausgeht, erörtern. Unter Punkt 3 untersuche ich die Thematik des Außenseitertums, die im Interessen- und Erfahrungsbereich von Kindern steht und sowohl im Nationalsozialismus als auch im Buch eine bedeutende Rolle spielt. Der folgende Abschnitt (Punkt 4) diskutiert, inwiefern der Nationalsozialismus als Literaturthema für achtjährige Kinder geeignet ist und wie Fährmann dieser Problematik im besprochenen Kinderbuch begegnet. Der Gedankengang wird fortgeführt, indem ich die markantesten Parallelen im „Überaus starken Willibald“ (Punkt 5) zum Nationalsozialismus vorstelle.

Die abschließende Schlussbetrachtung gibt einen zusammenfassenden Überblick darüber, wie es dem Autor Fährmann in seinem Kinderbuch gelingt, die sehr jungen Rezipienten an das Thema des Nationalsozialismus heranzuführen, ohne sie dabei mit der Grausamkeit der geschichtlichen Wahrheit zu konfrontieren.

2. Textanalyse: „Der überaus starke Willibald“

2.1 Literarische Gattung

Bei dem Kinderbuch „Der überaus starke Willibald“ handelt es sich um einen epischen Text, der der Kleinform der Fabel zugeordnet werden kann. Die sozialkritische Beispielerzählung aus der Tierwelt, einem Mäusevolk, stellt menschliches Verhalten dar und beleuchtet es.

Die Fabel stellt die so genannte Lehre oder Moral weder als Promythion voraus, noch als Epimythion an den Schluss. Folglich fordert sie vom Rezipienten persönliche Reflexion, um die Intention und den Wirklichkeitsbezug zu finden.

„Hintergrund sei [aber] eine Lehre, die Autor Willi Fährmann aus seinen Erfahrungen bei Hitler Jugend und Wehrmacht gezogen habe: Nie wieder (Menschen-) Masse sein.“ (vgl. Michaelis, Rolf).

Als eine Form allegorischer Rede weist die Fabel über das Gesagte hinaus auf das Gemeinte hin, was im „Überaus starken Willibald“ der geschichtlich reale nationalsozialistische Gehalt ist (vgl. Punkt 5: Parallelen zum Nationalsozialismus).

Gemäß der Gattung Fabel findet die Handlung in einem kulissenhaft begrenzten Raum, einem Haus, in dem die Mäuse leben, statt. Die Tiere sind stark vermenschlicht, Sprache und Vernunft zählen zu ihren Eigenschaften. Die lineare Handlung zeichnet soziale Konstellationen und politische Bewegungen nach. So gibt es zwei gegnerische Gruppen: Die Untertanen in Willibalds Machtgefüge und die Widerständler, die sich der ausgestoßenen Lillimaus anschließen. Der politische Gang führt viele Stationen von Machtergreifung bis Machtzerfall auf, wie es auch im 3. Reich der Fall war.

2.2 Handlung

Die Handlung lässt sich in drei Teile segmentieren. Die Ausgangssituation beschreibt ein Mäusevolk, welches in einer demokratischen Gesellschaft zusammen lebt. Im 2. Kapitel verändert sich die Situation, indem sich Willibald selbst zum Boss über das Rudel ernennt. Diese veränderte Situation, in der die Mäuse unter dem politischen Konstrukt einer Diktatur leben, nimmt den Hauptteil der Geschichte ein. Dieser Teil endet mit dem 17. Kapitel, in dem Willibald in einer Mäusefalle seinen Schwanz und somit seine Autorität verliert. Die Endsituation im 18. Kapitel gleicht der Darstellung der Ausgangssituation, denn die Tiere leben wieder friedlich zusammen in demokratischen Verhältnissen. Obwohl die genannten Teile die hauptsächlichen Wendungen im Text, das heißt die Machtergreifung und den Fall darstellen, ist die Geschichte sehr handlungsreich. Besonders im mittleren Teil, der Diktaturherrschaft, stehen diverse Pläne und Ereignisse wie das Erklimmen des Wursthimmels, das Vorziehen der Vorhänge oder Lillimaus` Leselenprozess im Mittelpunkt der Erzählung.

Anfang und Ende der Geschichte, sind, wie bereits angedeutet, ähnlich gestaltet. Die Situation im Mäuserudel, sowohl die politische als auch die des alltäglichen Treibens, ist die gleiche. Erzählt wird ab ovo, das Ende ist zirkulär und einerseits geschlossen, da es zu einem glücklichen Ausgang, einem happy end der Situation kommt, anderseits offen, da der letzte Satz spekulieren lässt, ob Lillimaus den Mausephilipp wieder finden wird.

Die gesamte Handlung ist chronologisch aufgebaut. Neue Kapitel beginnen jeweils mit dem Wechsel von Zeit und Ort.

Die Spannung, die der Text erzielt, ist zum einen auf den Ausgang (Was-Spannung), zum anderen auf den Gang (Wie-Spannung) gerichtet. Weiterhin wäre der Aufbau einer Erkenntnisspannung zu nennen, die sich darauf bezieht, ob bestimmte Charaktere im Laufe der Handlung zu der Erkenntnis gelangen, dass sie falschen Idealen folgen.

Die Handlung wird einsträngig erzählt und ist linear aufgebaut. Die Handlungsstruktur lässt, auf die reale menschliche Welt übertragen, ein realistisches, wenn auch tragisches Weltbild erkennen. Sie gibt Aufschluss darüber, wie es zu es zu einem solchen politischen Umschwung kommen kann und mit welchen Mitteln die Machterhaltung gesichert wird.

Der Handlungsaufbau ist zum Teil durch die Gattungstradition der Fabel vorgeprägt, die oft aus zwei Textteilen, der erzählten Geschichte und dem Epimythion (dem Kommentar oder der Moral am Ende) besteht. Auch wenn in der Geschichte um Willibald der Kommentar fehlt, so deutet doch die Ironie der Mäuse und das Verlachen ihres gefallenen Führers im letzten Kapitel auf eine Moral hin, die allerdings direkt unausgesprochen bleibt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
„Der überaus starke Willibald“ von Willi Fährmann. Eine kindgerechte Hinführung zum Thema des Nationalsozialismus
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Veranstaltung
Literaturnetzwerk für Kinder
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
14
Katalognummer
V115142
ISBN (eBook)
9783640165872
ISBN (Buch)
9783640166220
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Willibald“, Willi, Fährmann, Eine, Hinführung, Thema, Nationalsozialismus, Literaturnetzwerk, Kinder
Arbeit zitieren
Irena Kröber (Autor), 2006, „Der überaus starke Willibald“ von Willi Fährmann. Eine kindgerechte Hinführung zum Thema des Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115142

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