Menschliche Natur und Naturzustand bei Hobbes und Pufendorf

Eine vergleichende Untersuchung


Seminararbeit, 2021

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Frühneuzeitliches Naturrecht
1.1 Thomas Hobbes und der sterbliche Gott
1.2 Pufendorfs Naturrechtstheorie

2 Hobbes und Pufendorf im Vergleich

3 Fazit

4 Quellen- und Literaturverzeichnis
4.1 Quellenverzeichnis
4.2 Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Naturrechtstheoretiker der Frühen Neuzeit orientierten sich an den modernen Naturwissenschaften, um Gesetzmäßigkeiten aufzustellen, anhand derer Sie bestehendes positives Recht messen wollten. Ihre theoretischen Konstruktionen eines vorgesellschaftlichen Zustands, den sie aus ihren anthropologischen Bestimmungen abzuleiten versuchten, unterschieden sich teilweise frappant. Offenbar wird diese allgemeine Tendenz an den Philosophen Thomas Hobbes und Samuel Pufendorf. Doch so unterschiedlich ihr Menschenbild und der jeweilige erdachte Naturzustand auch war, beide tendierten realpolitisch zu ganz ähnlichen Staatskonzeptionen. Diese Arbeit möchte die jeweiligen Naturrechtstheorien nachzeichnen, ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausarbeiten und einen Lösungsansatz auf die Frage geben, warum Hobbes und Pufendorf trotz unterschiedlicher Prämissen dieselbe Staatsform bevorzugten.

Das erste Kapitel gibt einen philosophischen Überblick über das Naturrecht im Allgemeinen, sowie die Spezifika der frühneuzeitlichen Naturrechtstheorie wie ihrer Methode. Das erste Unterkapitel (1.1) beschäftigt sich mit Thomas Hobbes, der Verstrickung seiner politischen Theorie und den politischen Auseinandersetzungen seiner Zeit. Im darauffolgenden Unterkapitel (1.2) wird Pufendorfs Naturrechtstheorie eingeführt und sein Werdegang vom Pastorensohn zum umstrittenen Gelehrten nachgezeichnet. Im zweiten Kapitel werden die beiden Theorien verglichen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet. Dabei wird mit einigen Vorurteilen über Hobbes aufgeräumt, für die exemplarisch Ernst Blochs 1961 erschienenes Werk Naturrecht und menschliche Würde1 angeführt wird. Blochs Aussagen werden hierzu nicht nur mit Hobbes‘ Originaltexten, sondern auch mit Rezipienten vor und nach Bloch abgeglichen. Hierzu zählen zuvorderst Karl Marx und Friedrich Engels als die schärfsten Kritiker aber auch Chronisten der bürgerlichen Gesellschaft, die sich in ihren Schriften wiederholt auf Hobbes bezogen.2 Auch Pufendorfs Auseinandersetzung mit Hobbes sowie seine Rezeption bei Bloch wird hier behandelt. Im Fazit werden die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst.

Als Quellen dienen De Cive3 und Leviathan4 von Thomas Hobbes und die Werke Die Verfassung des deutschen Reiches5 und Über die Pflicht des Menschen und des Bürgers nach dem Gesetz der Natur6 von Samuel Pufendorf. Zu deren Bearbeitung wurde eine Vielzahl an Sekundärliteratur hinzugezogen, darunter die bereits erwähnten Werke von Bloch, Marx und Engels sowie Arbeiten der Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger7 und ihres Kollegen Tim Neu8. Zu Pufendorfs Leben und Werk wurden unter anderem die Arbeiten des Politikwissenschaftler Horst Denzer9 und zu Thomas Hobbes die Monografie des Philosophen Otfried Höffe10 herangezogen.

1 Frühneuzeitliches Naturrecht

Das Naturrecht ist keine Erfindung der Aufklärung. Bereits in der Antike gab es unterschiedliche Formen des Naturrechts. Von Anfang an beanspruchten einige Naturrechtstheorien einen universalen Anspruch und traten teils Herrschafts- und Religionskritisch, teils systemkonform auf.11 Naturrechtstheorien versuchen aus den anthropologischen Eigenschaften der Menschen ein dem positiven Recht übergeordnetes Recht zu bestimmen.12 Innerhalb der Philosophie teilt sich das Naturrecht auf in Moraltheorien innerhalb der Moralphilosophie und in eine Position innerhalb der Rechtsphilosophie.13 Frühneuzeitliche Naturrechtstheorien, die uns in der Forschungsliteratur auch als modernes, aufgeklärtes oder auch systematisches Naturrecht begegnen, entwickelten sich hauptsächlich im 17. Jahrhundert.14 Bereits im vorhergehenden Jahrhundert fand eine Ausdifferenzierung der politischen Sphäre statt.15 So entstanden wichtige Theorien über die Mittel zum Machterhalt ( Der Fürst von Niccolò Machiavelli um 1513), die Souveränitätslehre von Jean Bodin ( Sechs Bücher über den Staat von 1576) und die Vorstellung einer politischen Sphäre, die grundsätzlich unabhängig von moralischen und religiösen Ansprüchen bestehe.16 Wichtige Entwicklungen der Frühen Neuzeit waren das Wachstum der Staatsgewalt, der Verlust der religiösen Einheit durch die Reformation sowie die wissenschaftliche Revolution.17 Diese sich im Wandel befindlichen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen begünstigten das Aufkommen und die Verbreitung aufklärerischer Gedanken, welche selbst wiederum auf die „strukturellen Rahmenbedingungen“18 einwirkten und sie veränderten. So schrieb der Gesellschaftstheoretiker Friedrich Engels auch in Bezug auf Hobbes über die Philosophen der Aufklärung, sie seien nicht „allein durch die Kraft des reinen Gedankens vorangetrieben [worden]. Im Gegenteil. Was sie in Wahrheit vorantrieb, das war namentlich der gewaltige und immer schneller voranstürmende Fortschritt der Naturwissenschaft und der Industrie.“19 Auch für die neueren Naturrechtstheorien war eine starke Orientierung an den neuen Erkenntnissen der Naturwissenschaften charakteristisch wie auch die Infragestellung von Tradition und die Loslösung von der Theologie.20 Rechts- und Vergesellschaftungsformen sollen nicht mehr allein aus historischer Tradition beurteilt, sondern auf Basis ethischer und geschichtsphilosophischen Erwägungen.21

[...]


1 Bloch, Ernst: Naturrecht und menschliche Würde, 2. Aufl., Frankfurt am Main 1980, zitiert als Bloch 1980.

2 Engels, Friedrich: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21, Berlin 1962, S. 259–307; Marx, Karl: Das Kapital. Erster Band, MEW 23, Berlin 1974; Marx, Karl: Der Kommunismus des „Rheinischen Beobachters“, MEW 4, Berlin 1959, S. 191–203.; Marx, Karl/Engels, Friedrich: Die deutsche Ideologie. Kritik der neuesten deutschen Philosophie in ihren Repräsentanten Feuerbach, B. Bauer und Stirner, und des deutschen Sozialismus in seinen verschiedenen Propheten, MEW 3, Berlin 1962, S. 9–530, jeweils zitiert als MEW plus Bandnummer.

3 Hobbes, Thomas: De Cive. The English Version. The Clarendon edition of the philosophical works of Thomas Hobbes; v. 3, Oxford 1983 (zuerst 1642 als „ Elementorum philosophiae sectio tertia de cive “), zitiert als Hobbes, De Cive English ; Hobbes, Thomas: De Cive. The Latin Version, Oxford 1983, (zuerst 1642 als „ Elementorum philosophiae sectio tertia de cive “), zitiert als Hobbes, De Cive Latin.

4 Hobbes, Thomas: Leviathan. Erster und zweiter Teil, übers. von Jacob Peter Mayer, Stuttgart 1970. (zuerst 1651 als „Leviathan or the Matter, Forme and Power of a Commonwealth Ecclesiasticall and Civil“), zitiert als Hobbes, Lev. De.; Hobbes, Thomas: Leviathan, in: The english works of Thomas Hobbes, edit. Molesworth, Vol. 3, London 1839, zitiert als Hobbes, Lev. Eng.

5 Pufendorf, Samuel von: Die Verfassung des deutschen Reiches, hrsg. und übers. von Horst Denzer, Stuttgart 1976. (zuerst 1667 als "Severini de Monzambano Veronensis, De statu imperii Germanici ad Laelium fratrem, Dominum Trezolani, liber unus." Unter dem Pseudonym Severinus von Monzambano ), zitiert als Pufendorf, Verfassung.

6 Pufendorf, Samuel von: Über die Pflicht des Menschen und des Bürgers nach dem Gesetz der Natur, hrsg. und übers. von Klaus Luig, Frankfurt a. M. / Leipzig 1994 (=Bibliothek des deutschen Staatsdenkens 1) (zuerst 1673 als "De Officio Hominis Et Civis Juxta Legem Naturalem Libri Duo"), zitiert als Pufendorf, Pflicht.

7 Stollberg-Rilinger, Barbara: Die Aufklärung: Europa im 18. Jahrhundert, 4. Aufl., Stuttgart 2017, zitiert als Stollberg-Rilinger 2017.

8 Neu, Tim: Politische Theorie und moderne Naturrechtslehre, in: Stollberg-Rilinger, B.: Einführung in die Frühe Neuzeit, online unter: https://www.uni-muenster.de/FNZ-Online/recht/polittheorie/gliederung.html. Zuletzt abgerufen am: 15.03.2021, zitiert als Neu 2003 und Kapitel. Unterkapitel.

9 Denzer, Horst: Leben Werk und Wirkung Samuel Pufendorfs. Zum Gedenken seines 350. Geburtstags. In: Zeitschrift für Politik. Neue Folge, Vol. 30, No. 2 (Juni 1983), S. 160–176, zitiert als Denzer 1983; Vgl. Denzer, Horst: Kapitel VI. Spätaristotelismus, Naturrecht und Reichsreform. Politische Ideen in Deutschland 1600-1750, in: Fetscher, I./Münkler, H. (Hgg.): Pipers Handbuch der Politischen Ideen (Bd. 3) Neuzeit. Von den Konfessionskriegen bis zur Aufklärung, München 1985, S. 249f., zitiert als Denzer 1985.

10 Höffe, Otfried: Thomas Hobbes, New York 2015, zitiert als Höffe 2015.

11 Vgl. Bloch 1980, S. 63; Vgl. Möller, Horst: Vernunft und Kritik: Deutsche Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert, Frankfurt am Main 1986, S. 190, zitiert als Möller 1986.

12 Vgl. Zimmermann, Rainer E.: Naturrecht. In: Bloch-Wörterbuch. Leitbegriffe der Philosophie Ernst Blochs, Hgg.: Beat Dietschy; Doris Zeilinger; Rainer E. Zimmermann, Berlin/Bosten 2012, S. 361; Vgl. Möller 1986, S. 192.

13 Die naturrechtliche Moraltheorie versucht über die Reflexion der menschlichen Natur objektive, universal verbindliche Standards für das richtige Handeln aufzustellen, die naturrechtliche Position der Rechtsphilosophie grenzt sich vom Rechtspositivismus ab und fokussiert sich auf den moralischen Wert einer Rechtsnorm. Vgl.: Stepanians, Markus: Naturrecht, in: Jordan, S./Nimtz, C. (Hgg.): Grundbegriffe der Philosophie, 3. Aufl., Stuttgart 2019, S. 208.

14 Vgl. Möller 1986, S. 191.

15 Vgl. MEW Bd. 3, S. 304; Vgl. Neu 2003, 6.3 Zentrale Herausforderungen an die Politische Theorie der FNZ.

16 Vgl. Neu 2003: 6.4 Staatsräsonlehren.

17 Vgl. ebd., 6.3 Zentrale Herausforderungen an die Politische Theorie der FNZ.

18 Stollberg-Rilinger, S. 10.

19 MEW Bd. 21, S. 277; Zur Protoindustrialisierung siehe: Wunderer, Hartmann: Staat und Herrschaft in der Frühen Neuzeit (=Kompaktwissen Geschichte; hg. von Henke-Bockschatz, G.), Stuttgart 2014, 53ff., zitiert als Wunderer 2014.

20 Vgl. Möller 1986, S. 190f.; Vgl. Bloch 1980 S. 65.

21 Vgl. Möller 1986, S. 190.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Menschliche Natur und Naturzustand bei Hobbes und Pufendorf
Untertitel
Eine vergleichende Untersuchung
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Geschichte - Lehrstuhl für Neuere Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar: Die Aufklärung
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
17
Katalognummer
V1153445
ISBN (eBook)
9783346543981
ISBN (Buch)
9783346543998
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neuere Geschichte, Aufklärung, Natur, Naturzustand, Hobbes, Pufendorf, FNZ, Frühe Neuzeit, Naturrechtstheorien, Philosophie, Naturwissenschaften, positives Recht, Thomas Hobbes, Samuel Pufendorf, Menschenbild, Staatsform, Staat, Naturrecht, Karl Marx, Ernst Bloch, Friedrich Engels, Kritik, Rezeption, Naturrecht und menschliche Würde, MEW, De Cive, Leviathan, Die Verfassung des deutschen Reiches, Über die Pflicht des Menschen und des Bürgers nach dem Gesetz der Natur, Barbara Stollberg-Rilinger, Tim Neu, Horst Denzer, Otfried Höffe, Moraltheorien, Moralphilosophie, Rechtsphilosophie, systematisches Naturrecht, modernes Naturrecht, aufgeklärtes Naturrecht, Niccolò Machiavelli, Der Fürst, Souveränitätslehre, Jean Bodin, Sechs Bücher über den Staat, Reformation, wissenschaftliche Revolution, Fortschritt, Industrie, Tradition, Theologie, Ethik, Hugo Grotius, John Locke, G. W. Leibniz, Christian Thomasius, der sterbliche Gott, Logik, England, Cavendish, Parlament, Konkurrenz, Misstrauen, Neid, Ruhmsucht
Arbeit zitieren
Andreas Raissle (Autor:in), 2021, Menschliche Natur und Naturzustand bei Hobbes und Pufendorf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1153445

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