Programmformen des US-amerikanischen Hörfunks der 1920er und 1930er Jahre und ihre Interaktion mit dem Film


Seminararbeit, 2007
22 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hörfunk – Die Entstehung eines neuen Mediums

2. Vorgeschichte des Hörfunks vor 1930

3. Technische Charakteristika der 1920er und 1930er Jahre in den USA

4. Zeitgenössische Beitragsformen
4.1. Die Serials
4.1.1. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen
4.1.2. Das „daytime serial“
4.1.3. Das Episodenserial
4.2. Das „radio play“Random Harvest: Filmadaption aus Hollywood
4.2.1. Geschichte des Hörspiels und Interaktion mit dem Medium Film
4.2.2. Random Harvest und das “Classical Hollywood Cinema”
4.2.3. Random Harvest und das Melodrama
4.2.4. Random Harvest und das Lux Radio Theatre
4.2.5. Random Harvest: Filmadaption aus Hollywood

5. Der Hörfunk und seine Auswirkungen auf den Menschen

Anhang

I Anmerkungen

II Anlagen

III Literaturverzeichnis

1. Hörfunk – Die Entstehung eines neuen Mediums

Genauso vielfältig, wie die unterschiedlichen Menschen, die an der Entwicklung des neuen Mediums Radio beteiligt waren, waren auch die Programmformen, die aus den ersten Versuchen entstanden, ein neues Bildungs- und Unterhaltungskonzept für die Massen zu finden. Durch bahnbrechende Erfindungen kreativer Vordenker und einflussreiche Sponsoren wurden in den ersten 30 Jahren der amerikanischen Hörfunkgeschichte die Voraussetzungen für das Radio geschaffen, das heute als informatives und unterhaltendes „Nebenbei“-Medium gilt. Wie immer bei der Entwicklung eines neuen Mediums war dessen Entstehung im Vorfeld nicht, oder zumindest zu einem anderen Zwecke geplant. Das zunächst als Funktechnik für das Militär und die Navy entwickelte Medium wurde schnell von passionierten Bastlern entdeckt, die die neue Technik für sich nutzten. Damit brachten sie einen Prozess in Gang, der es heute möglich macht, Millionen Menschen gleichzeitig und zeitnah über wichtige Geschehnisse zu informieren. Der Hörfunk fungierte jedoch zu Beginn nicht als Nachrichtenverbreitungsmedium. Vielmehr widmete man sich in den ersten Jahren verstärkt der Unterhaltung. Dabei entwickelten sich facettenreiche Programmangebote, die mit Abwechslung, aber auch Wiedererkennungswert die Bevölkerung für sich gewannen. In dieser Arbeit sollen drei der populärsten Programmformen näher betrachtet werden: Das „daytime serial“, das Episodenserial und das Hörspiel. Um das Aufkommen der „daytime“ und „evening serials“ besser herleiten zu können, wird im Vorfeld noch einmal die Entstehungsgeschichte des Radios betrachtet. Der Hauptaugenmerkder Arbeit liegt auf dem „radio play“, das als Adaption von Hollywood-Filmen in den dreißiger Jahren neue Unterhaltungsmaßstäbe setzte. Dabei steht ein konkretes Beispiel, Mervyn LeRoys Random Harvest, im Zentrum der Betrachtungen. Wichtig ist auch die Interaktion mit dem Nachbarmedium Film, aus dem alle drei Sendeformen abstammten, beziehungsweise, von dem sie inspiriert wurden. Im letzten Abschnitt „ Der Hörfunk und seine Auswirkungen auf den Menschen“ sollen die erarbeiteten Erkenntnisse noch einmal resümiert und Vorschläge für weiterführende Arbeiten gegeben werden.

2. Vorgeschichte des Hörfunks vor 1930

Es war Reginald Fessenden1, der im Jahr 1906 zum ersten Mal mit Hilfe eines Alternators2 eine Radioübertragung von Stimme und Ton veranstaltete. Im Vorfeld hatten empirische Erfahrungen gezeigt, dass ab 10 bis 30 kHz Wechselstrom die Energie eines Stroms, die auf eine Antenne übertragen wird, sich von dieser Antenne löst und von einer anderen wiederum empfangen werden kann. Dazu brauchte es auf beiden Seiten nur einfache Wechselstromkreise. Es wurde jedoch nicht entwickelt, um ein Programm für den Alltag zu erstellen, das vielen Menschen gleichzeitig zur Verfügung steht, sondern für das Militär. Hier war es wiederum Fessenden, der die US-Navy als erster mit Sendern und Empfängern ausstattete. Bis in den Ersten Weltkrieg hinein waren seine Sender im Langwellenbereich unverzichtbar und fanden überall auf der Welt Anwendung. Die erste Sendung am Heiligabend 1906 wurde von Fessenden über 15 Meilen gesendet. Trotzdem dauerte es noch weitere 14 Jahre, bis Frank Conrad in Pittsburgh den ersten regulären Sendebetrieb in einer lizensierten Radiostation aufnahm.3

Ein ganz anderes Ereignis führte 1912 zum Erlass des ersten Radio-Gesetzes, dem „Radio Act“. Er wurde in Folge des Untergangs der Titanic im Jahre 1912 verabschiedet. Nachdem die Titanic den Eisberg gerammt hatte, wurden durch die Funker an Bord mehrere Notrufe abgesetzt. Viele Schiffe, aber auch Amateur-Funker, hatten diese Notrufe erhalten und selbst weitergefunkt. Da es noch keine gesetzliche Regelung gab, wer auf welchen Frequenzen funken durfte, überlagerten sich die verschiedenen Meldungen und führten schließlich dazu, dass zwei Tage nach dem Unglück fälschlicher Weise in vielen Zeitungen zu lesen war, dass alle Passagiere gerettet werden konnten, obwohl mehr als 1.500 Reisende den Tod fanden. Der Radio-Act regelte deshalb, dass Amateure auf anderen Frequenzen funkten als Schiffe und diese wiederum auf anderen als das Militär, also die Navy. Private Funker mussten mit sofortiger Wirkung eine Lizenzprüfung bei der Navy absolvieren, erst dann war ihnen der Sendebetrieb erlaubt. Im Oktober 1915 gelang dann zum ersten Mal eine Sprachübertragung von Nordamerika nach Frankreich. Der Erste Weltkrieg trieb die Entwicklung des Radios in Amerika stark voran. „`In time of war or public peril or desaster´, hatte der `Radio Act´ von 1912 dekretiert, konnte der Präsident jede private Radiostation schließen, sogar enteignen und der Regierung unterstellen, ohne den ursprünglichen Besitzer wesentlich entschädigen zu müssen.” Privater Funk wurde mit Beginn des Ersten Weltkriegs komplett verboten und alle Radiostationen waren zum ersten Mal komplett in amerikanischer Hand.4

Nach Kriegsende folgte 1919 der „Navy-Bill“, der beinhaltete, dass das Radiosystem auch weiterhin zentralisiert und geordnet verlaufen sollte. Die übergeordnete Frage, die sich aufdrängte war, wem die industriellen Patente der Radiotechnologie nach dem Krieg gehören sollten. Der Kongress war nicht bereit, diese Patente wieder an die ausländischen Besitzer zu transferieren. Im Vordergrund der Bemühungen stand nämlich schon längst ein ganz anderes Ziel, die sogenannte „Household Utility“. Das Radio sollte zu einem Gerät werden, das der Durchschnittsbürger in seiner Wohnung stehen hat. David Sarnoff hatte bereits 1915 eine Vision von dieser Art der Radionutzung und fasste sie in einem Geschäftsplan zusammen, der tatsächlich auch so über Jahre hinweg verfolgt wurde. Im Frühjahr 1919 wurde deswegen unter der Leitung vom späteren US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt die „Radio Corporation of America“ gegründet.5 Trotz der Neuerungen blieb der Radiobetrieb auf zwei Frequenzen beschränkt, um erneute Überlagerungen mit Hilferufen, wie im Fall der Titanic, vorzubeugen. Da bereits zu dieser Zeit 700 lizenzierte Radiostationen in den USA existierten und auch sendeten, mussten sich diese die Sendezeiten teilen und somit kooperieren, um sich nicht gegenseitig zu stören. Infolge dieser Zerstückelung wurde die Radiolandschaft immer unübersichtlicher. Im Jahre 1927 wurden deshalb die Frequenzbänder geöffnet und es wurde somit möglich, mehrere Sender an einem Ort parallel zu empfangen. Was das US-amerikanische Radio jedoch wirklich vom europäischen Vorreiter unterscheidet sind die sogenannten „Call Letters“, die bis heute noch ihre Gültigkeit besitzen. In den Vereinigten Staaten wurden und werden die Hörer nicht von einem Radiosender gerufen („Radioruf“), sondern die Hörer riefen und rufen zum Teil auch heute noch (nur noch auf Funkstationen von Schiffen üblich) den Sender mittels eines vierstelligen Buchstabencodes.6

Die amerikanische Radiogeschichte setzt ihren offiziellen Beginn auf Anfang Oktober 1920. Zu diesem Zeitpunkt bekam der Ex-Offizier der Navy, Ingenieur Frank Conrad, in Pittsburgh vom Handelsministerium den Rufcode KDKA. Mit diesem Code konnte er auf der durch den „Radio Act“ 1912 vorgegebenen 833 kHz-Frequenz der Radioamateure eine erste Sendung ausstrahlen: Die Wahlergebnisse der Präsidentenwahl von Harding und Cox. Der eigentliche Beginn der amerikanischen Radiogeschichte ist mehr die Folge einer Erbitterten Konkurrenz der großen industriellen Elektrizitäts-Kooperative. Pittsburgh ist die Erste, die den Ausgang der Präsidentenwahl im Jahre 1920 verkündete. Seit diesem Zeitpunkt wurde kein Präsident ohne das Radio gewählt. Am 04. Oktober 1924 ist es die Präsidentenrede von Calvin Coolidge, die als erste live im Radio übertragen wird. Zudem ist es die erste vernetzte Live-Übertragung überhaupt. Dies war der Beginn der ersten großen Epoche des amerikanischen Radios, die Bildung der sogenannten „networks“.7

3. Technische Charakteristika der 1920er und 1930er Jahre in den USA

In den Jahren um 1924 gab es nicht nur allein in technischer Hinsicht noch vielerlei Beschränkungen, die das Senden und vor allem den Empfang von Radiosendern erschwerte. Das Medium selbst war in Privathaushalten noch nicht sehr weit verbreitet. Etwa 100.000 Rundfunkempfänger waren zu dieser Zeit in Betrieb.8 Mit heutigen Verhältnissen ist diese Zahl nicht vergleichbar, da jeder Haushalt üblicherweise mindestens ein, meist jedoch mehrere Radios besitzt.

Erst zu Beginn der 30er Jahre zählte das Publikum mehrere Millionen Zuhörer. „Rundfunkgeräte waren vorwiegend in der gehobenen Mittel- und Oberschicht zu finden, oder bei einem radiotechnologisch besonders interessierten Publikum. Bei der Novität des Mediums und dem geringen Umfang des täglichen Programms von nur wenigen Stunden – nicht zuletzt auch wegen der technischen Unzulänglichkeiten des Geräts – ist auch eine wesentlich andere Rezeptionshaltung vorauszusetzen…“9

Radiohören war damals eine intendierte Handlung. Vom sogenannten „Nebenbeihören“, dass sich später entwickelte und auch heutzutage noch charakteristisch ist, war in den 20er Jahren noch nichts zu spüren. Der Rundfunk versuchte, sich durch individuelle Sendeformen und innovatives Denken von den bereits bestehenden Medien abzugrenzen. Seine Definition ist deshalb zu Beginn nur negativ zu formulieren, als Nicht-Theater, Nicht-Film und Nicht-Presse. Erst nachdem alle Charakteristiken, die den anderen Medien zuzuschreiben waren, ausgeklammert wurden, konnte ein radiospezifischer Auftrag ermittelt werden.

Gerade in der Anfangszeit kamen die meisten Mitarbeiter des neuen Mediums aus bereits etablierten anderen Medien, woraus die verschiedenen Einflüsse auf das Programm resultierten. Die technischen Variationsmöglichkeiten dieser Zeit waren extrem eingeschränkt. Außer dem bloßen Ein- und Ausschalten des Mikrophons und der variablen Entfernung von ihm, war an akustischen Mitteln noch nichts vorhanden. Deshalb blieb immer die typische Klangfarbe des Studios, in dem das Programm produziert wurde, erhalten. Das heißt, alles, was den Hörern übermittelt werden sollte, musste „live“, im richtigen Augenblick direkt vor das Mikrophon gebracht werden. Dies stellte eine wesentliche Einschränkung der Möglichkeiten dar, da die Technik bei weitem noch nicht ausgereift war. Auch künstlerische Gestaltungsmittel, wie Ein- und Ausblenden, Musikunterleger, Live-Schalten an einen anderen Ort und dergleichen waren technisch noch nicht möglich.10

[...]


1 Reginald Fessenden war ein physikalisch ausgebildeter Ingenieur des amerikanischen Wetteramtes.

2 Reginald Fessenden hatte einen Lehrstuhl für Elektrizität an der Western University of Pennsylvania inne. Sein Ehrgeiz war angestachelt, Marconi zu übertreffen. Als er zum Wetterbüro der Vereinigten Staaten wechselte, um dort den drahtlosen Transfer von Klimadaten zu organisieren, begann Fessenden, an einer Neuerung zu feilen. Marconi benutzte nämlich die Technik der so genannten Knallfunken. Diese Funken, von denen auch das heutige Wort Rundfunk stammt, erzeugten Radiowellen, die sich ungeregelt über ein breites Frequenzspektrum ausbreiteten. Sobald zwei Sender gleichzeitig funkten, kamen sie sich unweigerlich ins Gehege. Fessenden brachte dagegen die junge Technik der Wechselstrommotoren ins Spiel. Seine Idee: wenn man einen Wechselstrom zu sehr hohen Frequenzen beschleunigt, entstehen elektromagnetische Wellen - Radiowellen. Die Firma General Electric war von der Idee, Motoren mit einer so hohen Stromfrequenz zu bauen, zunächst nicht sehr begeistert. Aber Fessenden ließ nicht locker. Das Gerät, das schließlich doch fertig wurde, hieß Alternator: eben weil es Wechselstrom, also alternierenden Stromfluss produzierte. Marconis Knallfunken wurden abgelöst durch exakt regulierbare Sinuswellen, die sich nicht mit anderen Radiowellen überkreuzten. Mit ihnen war es endlich möglich, auch Wörter und Klänge zu übertragen. Aus:http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kalenderblatt/573837/ (11.04.07 20.57)

3 Hagen, Wolfgang: Das Radio, S. 176ff.

4 Hagen, Wolfgang: Das Radio, S. 180ff.

5 Hagen, Wolfgang: Das Radio, S. 184ff.

6 Hagen, Wolfgang: Das Radio, S. 188f.

7 Hagen, Wolfgang: Das Radio, S. 191ff.

8 Breitinger, Eckhard: Rundfunk und Hörspiel in den USA 1930-1950, S. 3

9 Breitinger, Eckhard: Rundfunk und Hörspiel in den USA 1930-1950, S. 3f.

10 Breitinger, Eckhard: Rundfunk und Hörspiel in den USA 1930-1950, S. 5ff.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Programmformen des US-amerikanischen Hörfunks der 1920er und 1930er Jahre und ihre Interaktion mit dem Film
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft)
Veranstaltung
Serialität und Intermedialität
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V115366
ISBN (eBook)
9783640169528
ISBN (Buch)
9783640205028
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zum Anhang gehörte in der Arbeit auch eine CD mit Audiobeispielen, die aber auf den im Literaturverzeichnis angegebenen Internetseiten erhältlich sind.
Schlagworte
Programmformen, US-amerikanischen, Hörfunks, Jahre, Interaktion, Film, Serialität, Intermedialität
Arbeit zitieren
Claudia Effenberger (Autor), 2007, Programmformen des US-amerikanischen Hörfunks der 1920er und 1930er Jahre und ihre Interaktion mit dem Film, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115366

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