Joseph Beuys "Stripes from the House of the Shaman 1964-72". Zwischen biografischer Legende und Neo-Schamanismus


Hausarbeit, 2021

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Joseph Beuys – Stripes from the House of the Shaman 1964-72
2.1. Bildbeschreibung
2.2. Ikonografie

3 Interpretation
3.1. Stripes from the House of the Shaman 1964-72
3.2. Der Künstlermythos um Joseph Beuys
3.3. Im Reich des Schamanen
3.4. Beuys der Schamane?

4 Resümee

Literaturverzeichnis

Bildverzeichnis

1 Einleitung

„Trotzdem oder gerade deshalb ist die heilende Kunst heute wieder ein großes Thema. Zahlreiche junge Künstler und Künstlerinnen treten in Beuys Fußstapfen und machen aus seinem Neo-Schamanismus einen Neo-Neo-Schamanismus. Jede Zeit braucht ihren eigenen Heiler.“1 (Rieger, Birgit: Beuys und seine Erben – Vom neuen Schamanismus in der Kunst in Der Tagesspiegel. 21.01.2021, https://plus.tagesspiegel.de/kultur/beuys-und-seine-erben-vom-neuen-schamanismus-in-der-kunst-91799.html . Letzter Aufruf am 20.03.2021)

Kann Kunst heilen? Und welche Zusammenhänge gibt es zwischen der Glaubenspraxis des Schamanismus und moderner Aktionskunst? Joseph Beuys verarbeitet in seiner Installation „Stripes from the House of the Shaman 1964-72“ (Abbildung 1) gleich mehrere Leitmotive seiner künstlerischen Intention. So beschäftigte er sich schon zu Beginn seines kreativen Daseins mit spirituellen Themen und Religion. Bereits Beuys frühe Zeichnungen und Drucke wie die Collage „Bündel des Schamanen“ (Abbildung 2) spiegeln sein Interesse an den Praktiken des Schamanismus wider. Biografische Einschnitte im Leben des Künstlers führten zu seiner intensiven Auseinandersetzung mit den Themen Leben, Tod, Wiedergeburt und Erlösung. Kunst als Therapie zu erkennen, zu nutzen und diese wertvolle Erkenntnis in die Welt hinauszutragen, war eines der selbsternannten Ziele von Joseph Beuys. Er wollte Veränderungen in der Gesellschaft, Politik und Kunst bewirken mit Hilfe von ganzheitlichen Ansätzen. So vereint das Werk „Stripes from the House of the Shaman 1964-72“ beispielsweise spirituelle Grundideen mit dem christlichen Glauben. Verweist der Künstler hier auf eine friedliche Koexistenz von westlicher und östlicher Denkweise und Glaubenspraxis? Zudem reflektiert die Installation scheinbar bedeutende Einschnitte aus dem Leben des Künstlers und löst damit beim Betrachter eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten aus. Verarbeitet Beuys der selbst nie über Details seines Kriegsdienstes sprechen wollte hier seine bewegte Vergangenheit? Was möchte Beuys mit seiner Installation beim Betrachter bewirken?

„Den Tod verstand er als Beginn der Wiedergeburt. Im Tod vollziehe sich das eigentliche Leben. Er war überzeugt davon, daß gerade das Leiden dem Menschen helfe. So hat er ja auch seine Depressionszeit als Therapie für sich selbst gewertet.“2 (Stachelhaus, Heiner: Joseph Beuys. 2004.Berlin. Ullstein Buchverlage GmbH.S.221)

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit den vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten des Beuy‘schen Werks „Stripes from the House of the Shaman 1964-72“ und beleuchtet hierbei die mehrfach in der Presse und Fachliteratur erwähnte Zuschreibung, Beuys sei selbst ein Schamane.

2 Joseph Beuys – Stripes from the House of the Shaman 1964-72

2.1. Bildbeschreibung

Joseph Beuys Werk „Stripes from the House of the Shaman 1964-72“ befand sich 1980 zunächst in der Galerie d’Offray in London. Im Jahr 1981 wurde es von der Nationalgalerie in Canberra, Australien gekauft. Da der Künstler mit neuen Räumlichkeiten konfrontiert war überarbeitete er die Anordnung seiner Installation. Die im Werk verarbeiteten Filzstreifen durchliefen in der Londoner Original Version noch zwei Räumlichkeiten. Ein Versuch dies mit Hilfe einer zusätzlich eingebauten Wand in Canberra nachzubauen fand bei Beuys keinen Zuspruch. Der Künstler änderte sein Werk persönlich vor Ort ab, welches folgend näher beschrieben wird (Abbildung 1). Die Installation hat einen Gesamtumfang von 340.0 h x 655.0 w x 1530.0 d cm. Sieben unterschiedlich lange Matten aus grauem Industriefilz führen auf einen hölzernen Torbogen zu. Dieser symbolisiert das titelgebende Haus des Schamanen. Die Filzmatten durchqueren den hölzernen Torbogen und führen horizontal nach oben. Am obersten Ende des Torbogens befindet sich ein kleines Kreuz aus Ästen (Abbildung 3). An den Enden der sich auf dem Boden befindenden Filzmatten liegen verschieden farbige Materialhaufen. Diese punktieren die jeweiligen Enden und bestehen aus Schwefel, Zinnober und Eisenphosphat (Abbildung 4). Links des Torbogens und der Filzstreifen hängen zwei Mäntel an Wandhaken befestigt (Abbildung 5). Einer der Mäntel gleicht einer Militäruniform. Er ist dunkelblau und mit einem roten Kreuz am Ärmel bestickt. Der andere Mantel besteht aus Robbenfell. In seiner Tasche befindet sich eine Notiz des Künstlers, ein Bergkristall und ein Hasenfell. Letzteres ragt aus der Manteltasche heraus. Unter den beiden Mänteln befindet sich ein Kupferrohr. Dieses ist ebenfalls von grauem Industriefilz ummantelt. An den Enden dieser „Batterie“ schaut das Kupferrohr jedoch noch heraus und bildet zwei Pole. Beuys verarbeitet in seiner Installation verschiedenste organische und anorganische Materialien. Wie in all seinen Werken spielt eben diese Vielfalt beim Verstehen des Werks eine große Rolle. Für Beuys sind vor allem Filz, Kupfer und Tierfell immer wiederkehrende wichtige Bestandteile seiner Kunst. Bei „Stripes from the House of the Shaman 1964-72“ verbinden sich optisch und inhaltlich zwei Welten miteinander mithilfe von diversen Transformationsprozesse, welche im Verlauf der Hausarbeit genauer thematisiert und in Zusammenhang gebracht werden.

2.2. Ikonografie

2.2.1. Bündel des Schamanen – Collage 1962

Schon vor seiner Installation Stripes from the House of the Shaman 1964-72“ beschäftigte sich Joseph Beuys intensiv mit dem Thema Schamanismus. Neben dem Malen von eurasischen Zeichen faszinierte Beuys stets die Symbolik und der Einsatz von Tieren. Die im Schamanismus als heilig geltendes Lebewesen, wie beispielsweise die Hirschkuh, findet sich bereits in den frühen Zeichnungen des Künstlers mehrfach wieder. Eine Collage aus dem Jahr 1962 mit dem Titel „Bündel des Schamanen“ (Abbildung 2) zeigt eine schwer zu interpretierende Auseinandersetzung mit der spirituellen Welt. Mit Öl auf Packpapier gezeichnet lässt sich ein lang gezogenes braunes Bündel erkennen. Zwei braune Stäbe ragen mittig aus dieser längsgezogenen Form heraus. Sie erinnern an traditionelle Holzstöcke, welche vor allem von den Ureinwohnern Amerikas bei schamanistischen Ritualen verwendet werden. Am rechten Bildrand befindet sich eine Art Hohlraum im Bündel. Dieser ist jedoch mit nicht erkennbaren Gegenständen befüllt. Bei längerem Betrachten könnte man diesen Hohlraum am rechten Bildraum auch als eine Art Maske interpretieren. So lässt sich ein langgezogener Strich am Hohlraum als Auge und in den Beutel hineinragend eine Art Hakennase ausmachen. Das Beuys’sche Werk hinterlässt beim Betrachter einen vielfältigen Spekulation – und Interpretationsspielraum. Es zeigt vor allem das Interesse Beuys an der Welt des Spirituellen und bereits hier die Schwierigkeit diese Thematik bildhaft darzustellen. Das titelgebende Büdel des Schamanen ist jedoch ein fester Bestandteil der „Arbeitskleidung“ eines Heilers. In einem solchen Beutel befindet sich das Werkzeug des Schamanen in Form von Kräutern, magischen Gegenständen, Instrumenten und vieles mehr. Zwar findet sich bei “ Stripes from the House of the Shaman 1964-72“ nicht direkt ein Bündel in der Installation wider, jedoch lassen sich Parallelen zum Robbenfellmantel ziehen (Abbildung 5). In dessen Taschen befinden sich wie bereits zuvor beschrieben ein Notizzettel, ein Hasenfell und ein Bergkristall. Während Beuys auf dem Notizzettel seine politische Meinung zur Bildungspolitik festhält, erinnern der Kristall und das Hasenfell an die rituellen Gegenstände eines Schamanen. Das diese Artefakte ein Stück weit aus der Tasche des Robbenfellmantels heraushängen und somit dem Betrachter einen Blick auf sie und das Innenleben der Manteltaschen preisgeben, erinnert an die Collage von 1962. Auch hier kann der Betrachter mit viel Fantasie einen Hohlraum im Beutel ausmachen, welcher auf den Inhalt des Beutels verweist. Die zwei Stäbe und die variabel auszudeutende Maske sind ebenfalls typische rituelle Gegenstände und Hilfsmittel beim Ausüben von schamanischen Riten. Eine Inspirationsquelle für Beuys, welche sich auch in seiner weiteren künstlerischen Beschäftigung mit der spirituellen Welt wiederfinden lässt.

2.2.2. I like America and America likes me

„Anlässlich der Eröffnung der René Block Gallery Ltd. In New York führte Beuys vom 23.- 25. Mai 1974 die Aktion I like America and America likes Me durch (Abb.21). Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er Ausstellungen in den USA vor allem aufgrund des kriegerischen Einsatzes in Vietnam abgelehnt.“3 (Neußer, Sebastian: Die verborgene Präsenz des Künstlers. 2011. Bielefeld. transcript Verlag.S.107)

Mimt der Künstler hier die Gestalt eines Schamanen oder lässt er sich doch eher mit einem Hirten vergleichen? (Abbildung 6) Diese Frage stellt sich Presse und Kunstforschung beim Anblick der berühmten Fotografie anlässlich Beuys Fluxus Perfomance in der New Yorker René Block Gallery bis heute. Ziel der Aktion war auf den Mord an den amerikanischen Ureinwohnern aufmerksam zu machen und die Ungerechtigkeiten des überlegenen “weißen Mannes” bis in das zeitgenössische Amerika zu demonstrieren. Hierfür ließ sich Beuys drei Tage lang mit einem Kojoten namens Little John in einen abgetrennten Raum der Galerie einsperren. Der Kojote stand hierbei sinnbildlich für die indigene Bevölkerung, von welcher er als heiliges Tier verehrt wird. Während der drei Tage kamen sich Mensch und Tier vorsichtig näher. So teilten sich beide abwechselnd ein Lager aus Stroh und eines aus Filz. Während Beuys tagtäglich Ausgaben des aktuellen Wall Street Journals hin und her stapelte hinterließen jedoch vor allem seine schamanisch anmutenden Bewegungen und Rituale einen bleibenden Eindruck auf das Publikum. So warf er sich seinen Mantel über den Kopf, verbarg das Gesicht und hielt einen Holzstock vor sich. In dieser Verkleidung ging er auf den Kojoten zu. Eine Momentaufnahme gebannt für die Ewigkeit und mit der interpretatorischen Sprengkraft, welche sich Beuys zu diesem Zeitpunkt vermutlich selbst nicht bewusst war (Abbildung 6).

„Warum arbeite ich mit Tieren, um unsichtbare Kräfte auszudrücken? Man kann diese Energien sehr deutlich machen, wenn man ein anderes, längst vergessenes Reich betritt, in dem unermessliche Kräfte als große Persönlichkeiten überleben. Und wenn ich versuche, mit den spirituellen Wesen dieser Gesamtheit von Tieren zu sprechen, wirft das die Frage auf, ob man nicht auch mit den höheren Wesen, diesen Gottheiten und Elementargeistern sprechen kann.“4 (Buchhart, Dieter und Wipplinger, Hans-Peter: Joseph Beuys Schamane. 2008. Wien. Katalog zur Ausstellung Joseph Beuys. Schamane. S. 5)

Beuys sah sich selbst als eine Art Mittlerfigur. Er bezeichnete sich selbst nie als Schamane sondern betonte stets, dass er nur für seine Kunst in diese Rolle schlüpfen würde. Die Presse verlieh ihn nach seiner „I like Amerika and Amerika likes me“ Performance trotzdem die Zuschreibung Schamane, teilweise auch die des Scharlatans. Beuys Gebärden und sein Umgang mit dem Kojoten erinnerten an ein spirituelles Ritual. Dazu passend hatte der Künstler in seine Performance auch akustische Komponenten integriert. Beuys war der friedliche Umgang mit dem wilden Tier besonders wichtig. Wenn der Kojote zu angespannt und unruhig wurde, warf Beuys seinen Filzumhang ab und schlug dreimal gegen eine von ihm mitgebrachte Triangel. Im Anschluss ertönten laute Turbinengeräusche.5 (vgl.: Adriani, Götz und Konnertz, Winfried sowie Thomas, Karin: Joseph Beuys – Lebenund Werk. DuMont Buchverlag. Köln. 1981)

„Beuys nannte den Einsatz der Triangel einen Bewusstseinsimpuls (»idea of consciousness«) für den Koyoten, der seine Bewegungen danach harmonisiert ha-be; das Turbinengeräusch, so sagte er, könne man als Idee der unbestimmten Energie (»idea of the undetermined energy «) verstehen.“ .“6 (Neußer, Sebastian: Die verborgene Präsenz des Künstlers. 2011. Bielefeld. transcript Verlag.S.112)

Neben dem tranceartigen Stapeln der Wall Street Journal Magazine Tagein und Tagaus war es vor allem der bewusste Einsatz dieser Geräuschkulisse, welcher an ein spirituelles Ritual erinnerte. In seiner Manteltasche trug Beuys ein weiteres unverkennbares Zeichen mit sich: ein Hasenfell. Der Künstler hatte im Laufe seiner persönlichen und künstlerischen spirituellen Entwicklung den Hasen zu seinem persönlichen Totem erklärt und trug stets ein Fell oder Knochen dieses Tieres mit sich. Nicht nur in seiner Performance “Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt” von 1965 war das für Beuys magische Tier von zentraler Bedeutung, sondern ließ sich fortwährend in seinen Kunstwerken und Installationen wiederfinden (Abbildung 7). So auch in der Tasche des Robbenfellmantels bei „Stripes from the House of the Shaman 1964-72“.

„Auch in Beuys‘ Fall wurde der Schamanenanspruch lebhaft rezipiert und stellt in der Literatur einen prominenten Aspekt dar. Meines Wissens taucht der Schamanenbegriff in fünf Buchtiteln, zahlreichen Zeitungsartikeln und Ausstellungstiteln auf und wird praktisch in jeder Publikation erwähnt.“7 (Riedl, Karin: Künstlerschamanen. 2014. transcript Verlag. Bielefeld. S. 209)

Mit seiner Performance “I like America and America likes me” legte Beuys den Grundstein als Schamane betitelt zu werden. Die intensive Beschäftigung mit der Welt des Spirituellen und dessen künstlerische Umsetzung sollte Beuys jedoch noch viele weitere Jahre beschäftigen.

[...]


1 Rieger, Birgit: Beuys und seine Erben – Vom neuen Schamanismus in der Kunst in Der Tagesspiegel. 21.01.2021, https://plus.tagesspiegel.de/kultur/beuys-und-seine-erben-vom-neuen-schamanismus-in-der-kunst-91799.html . Letzter Aufruf am 20.03.2021

2 Stachelhaus, Heiner: Joseph Beuys. 2004.Berlin. Ullstein Buchverlage GmbH.S.221

3 Neußer, Sebastian: Die verborgene Präsenz des Künstlers. 2011. Bielefeld. transcript Verlag.S.107

4 Buchhart, Dieter und Wipplinger, Hans-Peter: Joseph Beuys Schamane. 2008. Wien. Katalog zur Ausstellung Joseph Beuys. Schamane. S. 5

5 vgl.: Adriani,Götz und Konnertz, Winfried sowie Thomas,Karin: Joseph Beuys – Lebenund Werk. DuMont Buchverlag. Köln. 1981

6 Neußer, Sebastian: Die verborgene Präsenz des Künstlers. 2011. Bielefeld. transcript Ver-lag.S.112

7 Riedl, Karin: Künstlerschamanen. 2014. transcript Verlag. Bielefeld. S. 209

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Joseph Beuys "Stripes from the House of the Shaman 1964-72". Zwischen biografischer Legende und Neo-Schamanismus
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
26
Katalognummer
V1154913
ISBN (eBook)
9783346548146
ISBN (Buch)
9783346548153
Sprache
Deutsch
Schlagworte
joseph, beuys, stripes, house, shaman, zwischen, legende, neo-schamanismus
Arbeit zitieren
Sarah Popp (Autor:in), 2021, Joseph Beuys "Stripes from the House of the Shaman 1964-72". Zwischen biografischer Legende und Neo-Schamanismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1154913

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