Zum Verhältnis von Terrorismus und Massenmedien

Die RAF-Berichterstattung von "Der Spiegel" und "Die Zeit"


Bachelorarbeit, 2016

50 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Printmedien Der Spiegel und Die Zeit - und der Terrorismus
2.1. Medien und Terrorismus
2.2. Der Spiegel und seine Berichterstattung
2.3. Die Zeit und ihre Berichterstattung
2.4. Der Hungerstreik als Mittel zum Zweck

3. Qualitative Inhaltsanalyse zweier beispielhafter Artikel aus beiden Medien
3.1. „Klopfzeichen aus dem Knast“, Die Zeit,
3.1.1. Inhaltliche Gliederung
3.1.2. Analyse
3.2. „Letzte Waffe“, Der Spiegel,
3.2.1. Inhaltliche Gliederung
3.2.2. Analyse

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1. Printquellen
5.2. Internetquellen

6. Anhang
6.1. „Klopfzeichen aus dem Knast“, Die Zeit,
6.2. E-Mail-Anfrage an den Spiegel-Verlag
6.3. „Letzte Waffe“, Der Spiegel,

1. Einleitung

Die Medien und der Terrorismus sind zwei Themenfelder, die sich wechselseitig wieder und wieder beeinflussen. Das Thema ist nach wie vor aktuell, besonders in Zeiten des Islamischen Staates, der Al Qaida und anderer Terror-Organisationen. Es stellt sich immer die Frage: Durfen die Medien daruber berichten? Bieten sie den Terroristen damit nicht auch eine Plattform? Inwiefern nutzen Terroristen die Medien aus? Oder sind es vielmehr die Medien, die die Terroristen als Anlass fur gute Schlagzeilen ausnutzen? In der vorliegenden Bachelorarbeit soll dies erarbeitet werden. Dazu wird das Verhaltnis zwischen den deutschen Printmedien und der deutschen Terrororganisation „Rote Armee Fraktion“ naher untersucht.

Um dieses weite Feld naher einzugrenzen, soll der Medienbegriff hier auf zwei Printmedien beschrankt werden: Die Wochenzeitung Die Zeit und das Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Dabei handelt es sich um massenmediale Printmedien, das heiBt in diesem Fall um Zeitungen beziehungsweise Zeitschriften mit groBer Auflage, hoher Reichweite und folglich groBem Einfluss auf die Stimmung in der Gesellschaft und der B evolkerung. Insbesondere die spaten achtziger Jahre wurden als Untersuchungszeitraum gewahlt. Grund dafur ist die Tatsache, dass die RAF zu diesem Zeitpunkt kaum noch Attentate oder sogenannte „Aktionen“ unternahm, sondern hauptsachlich durch Hungerstreiks auf sich aufmerksam zu machte. Die Handlung des Hungerstreiks erlaubt es zu diesem Zeitpunkt, hauptsachlich auf die Medienwirkung und Nebeneffekte der Berichterstattung (zum Beispiel die Verbesserung der Haftbedingungen der Ersten und Zweiten Generation) reduziert zu werden. Zunachst wird ein Uberblick uber die zwei wochentlich erscheinenden Blatter Der Spiegel und Die Zeit gegeben. Dabei soll ihre Entstehungsgeschichte kurz beschrieben, Kritikpunkte genannt und Informationen zum Schreibstil gegeben werden.

In einem zweiten Schritt werden dann zwei exemplarische Artikel aus den gewahlten Medien analysiert. Beide Artikel befassen sich mit demselben Ereignis: Dem Abbruch des Hungerstreiks durch die inhaftierten Terroristen Karl-Heinz Dellwo und Christa Eckes im April 1989. Dadurch, dass die zwei Texte zum gleichen Zeitpunkt publiziert wurden (Spiegel: „Letzte Waffe“, 17.04.1989; Zeit: „Klopfzeichen aus dem Knast“, 21.4.1989), eignen sie sich hervorragend zur Untersuchung. Unterschiede oder Eigentumlichkeiten konnen durch den jeweiligen Text der Konkurrenz deutlich gemacht werden. Aber auch die Frage nach dem Leser, wie er beeinflusst wird, welche Zielgruppe angesprochen werden soil, ob eine „Meinungsmache“ vorzufinden ist, soil in diesem Schritt Beachtung finden.

Durch eine Vorgehensweise, die sich grob an der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring orientiert, werden die Artikel zunachst zusammengefasst und in inhaltliche Sinn- beziehungsweise Gliederungsabschnitte unterteilt, die auch im Anhang nachzuvollziehen sind1.

Ein Vergleich der beiden Artikel wird an einigen Stellen bei der Analyse angefuhrt. Wenn es zum Beispiel Auffalligkeiten gibt, sich die Artikel stark unterscheiden oder Ahnlichkeiten vorzuweisen haben, soll im Kontext sofort darauf hingewiesen werden. Da die Bachelorarbeit kompakt gestaltet werden soll, ist es nicht moglich, sich einem ausfuhrlichen Vergleich der beiden Artikel in einem eigenen Kapitel zuzuwenden.

Eine Beurteilung und Darstellung der gesamten Roten Armee Fraktion ist nicht im Sinne dieser Arbeit. Vielmehr steht die zweite Generation der RAF im Vordergrund. Sie wurde vor allem durch Aktionen wie die Entfuhrung des Flugzeugs „Landshut“ im Oktober 1977 oder die Besetzung der Deutschen Botschaft in Stockholm im April 1975 bekannt, durch die sie den Staat erpressen und damit die Befreiung der inhaftierten ersten Generation erreichen wollte. Die Taten der Zweiten Generation waren der Grund fur ihre Inhaftierung. Da sie den Hungerstreik in der Haft begehen, baut die Arbeit auf den Taten und den Hintergrunden fur die Inhaftierung auf. Aus diesem Grund werden in den Unterkapiteln 2.1. („Medien und Terrorismus) und 2.4. („Hungerstreik als Mittel zum Zweck“) einige historische Ereignisse und Zusammenhange in Bezug auf den ,,Deutschen Herbst“ angefuhrt. Im Fokus steht auBerdem die Person des Terroristen Karl-Heinz Dellwo. Zusammen mit Christa Eckes steht er im Mittelpunkt des Spiegel - und des Zeit -Artikels, da die zwei Inhaftierten diejenigen sind, die den Hungerstreik fur beendet erklaren. Hinzu kommt, dass Dellwo in Medienberichten mehrfach als einer der erfahrensten RAF-Haftlinge in Bezug auf die Nahrungsverweigerung beim Hungerstreik ist. Sein Verhalten und seine Sicht der Dinge, die er unter anderem im Gesprach mit Journalisten in dem von ihm herausgegebenen Buch „Das Projektil sind wir“ deutlich macht, sind fur diese Arbeit relevant, wenn auch immer kritisch zu betrachten.

Die wissenschaftliche Forschungsliteratur hat sich bereits im Allgemeinen mit dem Thema Terrorismus und Medien ausgiebig auseinandersetzt. Im englischsprachigen Raum bezieht sich diese aber fast immer auf den Angriff auf das World Trade Center am 11. September 2001. Fur den Fall der RAF lasst sich hingegen wenig im englischsprachigen Bereich finden, hauptsachlich beschaftigen sich Wissenschaftler aus dem deutschsprachigen Raum damit. In Publikationen zu Randthemen wie Skandalberichterstattung, Moral und Medien, Geschlecht und Medien in den Achtzigern oder die Pressegeschichte der Bundesrepub lik finden sich zudem haufig Einzelkapitel mit der Thematik RAF und Medien. Die vorliegende Arbeit fullt folglich eine Lucke in der Forschungsliteratur rund um das Thema RAF und Medien, da sie sich gezielt mit der zweiten Generation und dem Hungerstreik auseinandersetzt und die Berichterstattung zweier Printmedien untersucht.

2. Die Printmedien Der Spiegel und Die Zeit - und der Terrorismus

„Die Redaktionen der Medien (...) wahlen aus, welche Ereignisse, (...) es wert sind, offentlich zur Kenntnis genommen zu werden. Sie (...) erfinden nicht die Figuren und besetzen nicht die Rollen - das tun alle Teilnehmer, Beteiligte, Betroffene (...) selbst. Allerdings sind sie die Regisseure, die (...) einer Rolle dieses oder jenes Gewicht geben. Sie konnen Figuren streichen und Rollen umbesetzen, (...). Sie selektieren, welcher Partner und welche Aussage der Offentlichkeit, dem Skandalpublikum, bekannt gemacht werden soll.“2

Dieses Zitat Gunter Schifferers aus seiner Publikation uber politi sche Skandale und Medien veranschaulicht, wie verstrickt das Verhaltnis zwischen Wahrheit, Geschehnissen, objektivem und subjektivem Schildern und politischer Ausrichtung des jeweiligen Mediums ist. Bei der Zeit und dem Spiegel handelt es sich nicht nur um zwei einflussreiche und historische Blatter, sondern auch um Rivalen. Inwiefern sich Unterschiede auBern, besonders bei der terroristischen Berichterstattung, soll herausgearbeitet werden.

Die Begriffe „Medien“ und „Offentlichkeit“ werden im Folgenden mehrmals gebraucht und sollen zu Beginn kurz eingeschrankt werden. „Medien“ beschranken sich in dieser Arbeit hauptsachlich auf Printmedien, es sei denn, es wird an der entsprechenden Stelle ausdrucklich auf andere Medienformate hingewiesen. Mit Printmedien sind auflagenstarke Zeitungen und Zeitschriften mit hoher Reichweite gemeint. Der Begriff „Offentlichkeit“ ist zudem als mediale Offentlichkeit zu verstehen3.

2.1. Medien und Terrorismus

Terrorismus und Offentlichkeit hangen eng zusammen. Das liegt daran, dass Gewalttaten haufig Diskussionsthemen fur Politiker und Medien sind. Gewalt, Drama und Angst sind aus medialer Sicht zudem ideal fur eine gute Story4. Meist findet die Klassifizierung des Terrorismus zudem durch die Medien statt. Da die betroffenen Akteure mit dieser oft nicht einverstanden sind, entsteht Konfliktpotenzial.5

Die terroristische Gewalt wird als einziges „Medium“ wahrgenommen, das ungefiltert Botschaften transportieren kann, zumindest aus Sicht der „Terroristen“. Mediale Berichte uber Terrorismus sind deshalb in einem gewissen Sinne grenzwertig, da sich entsprechende Texte und Beitrage stets kritisch mit dem Staat auseinandersetzen. Das betont auch Professor Anandam P. Kavoori vom Grady College of Journalism and Mass Communication in Georgia in seinem Reader uber Terrorismus und Medien:

„Developmentalist aproches link issues of the world (...) of modernity and dependency approaches to a critique of modernity (...) as a synonym of Western culture and practices. The media apper in these debates either as constructor of Western dominance or as agents of social change. Terrorism operates at the margins - questioning the integrity of states (...). International comunication here is an arena of contestation, but one limited by the framework of states as actors and agents of mobilization - media texts about terrorism are framed in reference to their positionality about the viability of the agents of terrorism.

Internationale Forschungstexte befassen sich, wie in der Einleitung erwahnt, zwar haufig mit dem Verhaltnis von Medien und Terrorismus, allerdings stehen hier meist nicht terroristische Organisationen im Vordergrund, sondern der Anschlag auf das World Trade Center.

Fur das Verhaltnis zwischen Terrorismus und Medien kann insbesondere fur Deutschland der Zeitraum der spaten sechziger sowie die siebziger Jahre als maBgebend gelten. Gerade zu diesem Zeitpunkt erfuhr das Wort „Terrorismus“ eine extreme Ausdehnung und wurde nicht mehr ausschlieBlich fur revolutionare Aktionen verwendet. Plotzlich war Terror nicht mehr darauf beschrankt, ein neues System zu implementieren oder sich beispielsweise von Kolonialherrschern zu befreien. Vielmehr entstanden nun rein ideologisch angetriebene Gruppierungen, die durch terroristische Methoden ihre politischen Ziele erreichen wollten - und dies mithilfe der Offentlichkeit taten.6 7

Sicherlich ist hier die Rote Armee Fraktion fur Deutschland neben der Bewegung 2. Juni und der AuBerpolitischen Opposition am bedeutendsten.

Insbesondere der moderne Terrorismus ist ohne Massenmedien kaum noch denkbar und vor allem nicht mehr umsetzbars, denn die Angsterzeugung, die reale Bedrohung durch Terroranschlage, wird hauptsachlich durch Bilder und Videosequenzen erreicht, wie zum Beispiel durch die Bilder vom 11. September oder die Hinrichtung von Journalisten durch den Islamischen Staat8 9. Neben der Ermordung von Mitmenschen stellt aber auch der Freitod einen Faktor dar, der zur Erpressung eines Staates beitragen kann. Nicht anders verhielt es sich mit dem ersten Hungerstreik der RAF-Mitglieder, denen in der Haft nichts anderes ubrig blieb, als den eigenen Korper als Waffe gegen den Staat zu verwenden. Christer Petersen, der in seinem Aufsatz uber „Terrorismus in Bezug auf Angst“ die RAF mit den Terroristen des 11. Septembers vergleicht, zieht aus den Selbstmorden und Hungerstreiks folgende Bilanz:

„Was die Terroristen dabei gewannen, war eine weltweite Aufmerksamkeit, was sie verloren, war ihre Botschaft. Indem sich die Attentater mit den Anschlagen in die Massenmedien einschrieben, gingen sie dem System (...) letztendlich in die Falle: Wie die Anschlage in ihrer Mediatisierung zu einem Spektakel werden, das selbst den Tod zu einem konsumierbaren Medienevent macht, so fordert auch der Selbstmord der Attentater das kapitalistische System letztendlich nicht heraus. (...) Und die Anschlage erscheinen gerade deswegen so sinnlos, weil die Attentater des 11. Septembers 2001 wie die Terroristen der 1970er Jahre eine Botschaft der Verweigerung gegenuber dem (globalisierten) Kapitalismus, (...), nur im Verzicht auf (...) Kommunikation hatten manifestieren konnen, nicht aber im konsumierbaren Spektakel des massenmedial inszenierten Mordens ihrer selbst und anderer.“10

Das Zitat verdeutlicht, dass die Nutzung der Medienkanale der „kapitalistischen Systeme“ gegen die Prinzipien des antikapitalistischen Terrorismus der RAF verstobt. Obwohl die RAF die etablierte Presse zum Feind auserkoren hatte, ging sie bewusst das eine oder andere Mal eine Symbiose mit ihnen ein11.

Eine Aussage von Ex - Terrorist Michael „Bommi“ Baumann, bekannt durch die Bewegung 2. Juni, unterstreicht diese These. Er bemerkte zum Anschlag auf das Springerhaus am 19. Mai 1972:

„(•••) Die Raf hat gesagt, diese Revolution wird nicht uber die politische Arbeit aufgebaut, sondern durch Schlagzeilen, durch ihr Auftreten in der Presse, (...) auf der anderen Seite rechtfertigen sie sich nur noch uber die Medien, sie vermitteln sich nur noch auf diese Weise“.12

Auch wenn die Rote Armee Fraktion es besonders zu ihrer Anfangszeit ungern zugab, war auch fur sie die mediale Aufmerksamkeit unumganglich und bitter notig. Gudrun Ensslin organisierte ein Medienarchiv in Stammheim, wo die Berichterstattung uber die RAF gesammelt wurde. Dadurch verschafften sich die Terroristen eine Ubersicht uber offentliche FahndungsmaBnahmen, Diskussionen und Debatten uber aktuelle terroristische Aktionen. Dieses Archiv war fur alle Gefangenen zuganglich, wodurch es sie auf dem Laufenden hielt und zur Planung neuer Aktionen diente. Gleichzeitig konnten Artikel auf diese Weise widerlegt werden. Als die Presse 1972 beispielsweise uber eine mogliche Auflosung der RAF spekulierte, schrieben die Terroristen einen Brief an die Deutsche Presseagentur, der das Gegenteil zum Ausdruck brachte. Terroristen konnen die Massenmedien also nicht nur zu Propagandazwecken, sondern auch als Informationsquelle nutzen.13

Die Abhangigkeit zwischen Revolutionaren und der Propaganda ist sogar historisch festzumachen. Bereits 1884 konstatierte der Terrorismus-Theoretiker Johannes Most das Verhaltnis der beiden Faktoren. Seine These scheint auch hinsichtlich der RAF zuzutreffen:

„(.••) Je hoher derjenige steht, der erschossen oder in die Luft gejagt werden soll und je perfekter dieser Versuch ausgefuhrt wird, umso groBer wird der Propagandaeffekt sein. (...) Wenn eine solche Aktion abgeschlossen ist, ist die wichtigste Sache, dass die Welt davon durch die Augen der Revolutionare erfahrt, so dass jedermann weiB, was ihre Position, ihre Meinung dazu ist. (...).“14

Wenn also die RAF solche Attentate beging, so war das nicht nur ihre Art von politischer Auseinandersetzung, sondern es wurde auch zur Moglichkeit, der Offentlichkeit die eigene Position deutlich zu machen - und zwar durch die Berichterstattung. Der Preis fur die Fokussierung auf die inhaftierten Anfuhrer war schlieBlich, dass die Konzentration der selbsternannten „Stadtguerilla“ auf den ,als interessiert unterstellten Dritten‘ nachlieb. Dabei hatte Horst Mahler ursprunglich die Arbeiterklasse und andere „deklassierte“ Schichten sowie Jugend und Studenten als „revolutionares Subjekt“ benannt. In den Wochen der Schleyer-Entfuhrung war die Offentlichkeit allerdings nur noch als Resonanzboden von strategischem Nutzen, denn somit konnten die Entfuhrer ihren Forderungen mehr Nachdruck verleihen.15

Die Funktion der Sympathisantengewinnung durch die Medien lieB dadurch zunehmend nach.

Neben der Funktion als Propaganda-Plattform oder als Informationsquelle dienen die Medien den Terroristen in einer dritten Funktion als Kommunikationsmittel. So definiert zumindest Sonja Glaab in ihrem Aufsatz „Die RAF und die Medien in den 1970er Jahren“ die vielseitigen Nutzungsmoglichkeiten diverser Medienkanale fur die RAF. Uber sie konnen die Anhanger, unter anderem wahrend einer Entfuhrung, gefahrlos kommunizieren. Sie sind nicht darauf angewiesen, sich Regierungsreaktionen uber eine verfolgbare Kontaktperson liefern zu lassen.16

Ahnlich beschreibt es auch Alexander Spencer, der im Rahmen des Arts and Humanity Research Council sich im Jahr 2012 mit dem Thema Terrorismus und Medien auseinandergesetzt hat. Bei ihm liegt der Schwerpunkt auf der Aufmerksamkeit der Partizipierenden:

„Terrorism tries to use the media in three ways: firstly terrorism attempts to gain the public’s attention, secondly, it thereby, tries to gain sympathy for its cause and, thirdly, terrorism aims to spread concern and terror in the general public and thereby effect political change.“17

Diese dreigliedrige Zieldefinition der terroristischen Mediennutzung findet sich in verschiedenen Forschungstexten zum Thema, sie nennen zwar oftmals dieselben Punkte, aber erganzen wiederum auch andere.

Es wird stets unterschieden zwischen dem Nutzen medialer Kanale und der eigentlichen Botschaft des Terrors. Fur letztere nennt Elters in seinem Aufsatz zum Verhaltni s zwischen der RAF und den Medien den „Feind“ (also im Fall der RAF die amtierende Regierung der BRD und die Reprasentanten der Staatsmacht) als Adressaten, um die staatliche Ohnmacht gegenuber der Terror-Organisation zu demonstrieren.

Regierungen im Ausland seien genauso wie die mediale Offentlichkeit Ziel der terroristischen Propaganda.18

Hinsichtlich der Angst, die der Terrorismus in der Gesellschaft auslost, ist es kaum verwunderlich, dass der Staat entsprechend reagiert. Die „angegriffene“ Gesellschaft reagiert panisch, sieht den Staat jetzt als bedrohte Instanz, die folglich also einen Krieg fuhrt. Unter diesen Umstanden ist er nun dazu berechtigt, Verfassungs- und Exekutivrechte zeitweilig bis zu einem gewissen Grad auBer Acht zu lassen.19 Dies lasst sich bei den Hausdurchsuchungen der RAF - „Sympathisanten“ genauso beobachten wie bei den Hausdurchsuchungen und dem ausgerufenen Ausnahmezustand Frankreichs angesichts der Anschlage in Paris im November 2015. Besonders der Fall Frankreich zeigt, wie ausdehnungsfahig der Zeitraum des Ausnahmezustands ist. Nach dem Anschlag in Nizza im Juli 2016 wurde der Ausnahmezustand in Frankreich um sechs Monate verlangert und gilt damit nun beinahe ein ganzes Jahr.20

Insbesondere die Hungerstreiks der Roten Armee Fraktion spielen fur das Verhaltnis zwischen Journalismus und Terrorismus eine wichtige Rolle, denn dadurch wird den Medien ein aktueller Anlass geboten, um uber die RAF zu berichten. Es ist also in gewisser Weise eine bewusst erzeugte, geplante Schlagzeile, um im Gesprach zu bleiben. Dass dem Hungerstreik dadurch eine besondere Position zugeteilt wird, betont auch Elters:

„Die Medienoffentlichkeit spielte vor allem im Zusammenhang mit dem Hungerstreik der Gefangenen in Stammheim eine entscheidende Rolle. Die Haftbedingungen sollten aus Sicht der RAF nicht nur deswegen thematisiert werden, um - wie sie stets betonte - den Gefangenen Schutz vor einer moglichen Ermordung durch die Sicherheitsbehorden zu bieten. Die Berichterstattung uber „Hungerstreik“ und „Isolationshaft als Folter“ war aus Sicht der RAF vor allem ein Mittel, um der Offentlichkeit die ,Fratze‘ des Staates zu offenbaren und die Sympathisantenszene zu mobilisieren.“21

Aus diesem Grund wurde bewusst die Berichterstattung uber den Hungerstreik fur die Analyse gewahlt, da diese Aktion im Gegensatz zu denen der Stadtguerilla explizit auf die Medienwirkung zielt.

Obwohl die RAF mit dem Hungerstreik in erster Linie die Medien benutzte, so muss dennoch von einem wechselseitigen Verhaltnis gesprochen werden: Die Medien profitierten ebenfalls von der Thematik Terrorismus, denn sie starkte die Auflage. Interviews mit und Fotos von den Terroristen der RAF waren exklusiv und sehr begehrt wahrend des „Deutschen Herbstes“. Folglich kann die terroristische Aktion so verstanden werden, dass sie ganz bewusst eine harte Reaktion des Staates provoziert, damit die Politik dazu gezwungen ist, radikale Schritte gegenuber den Terroristen einzuleiten. Damit tut sie jedoch genau das, was die Terroristen der Staatsgewalt vorwerfen: Sie zeigt ihr „unberechenbares Kalkul“. Je plausibler also die Tatbegrundung, desto hoher der psychologische Wirkungsgrad in der Offentlichkeit.22

In den funf Haftjahren der ersten Generation gab es insgesamt funf Hungerstreiks, die immer besser organisiert wurden. Durch die Verweigerung der Nahrungsaufnahme wollten die Inhaftierten die von ihnen als „Isolationshaft“ empfundenen Haftbedingungen verbessern - und zwar primar durch die Offentlichkeitswirkung des Hungerstreiks. Vor allem mithilfe der Medien konnten die Terroristen auf diese Weise Druck auf den Staat und die agierenden Parteien ausuben.23

Genau dieser Druck kann in Angst umschlagen, das heiBt, diese sowohl in der Bevolkerung als auch in der Regierung, wobei sich beides gegenseitig bedingt und den Staat zur Reaktion zwingt. SchlieBlich muss er nicht nur vor den Terroristen das Gesicht wahren. Er hat in erster Linie die Pflicht gegenuber den Burgern, ihre Sicherheit zu garantieren und die damit verbundenen Handlungen selbst zu legitimieren24.

Die Politik geriet nicht nur durch zahlreiche Demonstrationen und Kundgebungen von Sympathisanten unter Handlungszwang. Gleichzeitig wurde den Medien Hetze gegen eben jene Sympathisanten vorgeworfen. Fur Journalisten war es schwer, sich zu einer politisch linken Position zu bekennen. Die zunachst angesteuerte Zuruckhaltung in der Kritik an den Haftbedingungen und am deutschen Rechtssystem waren weitere Grunde, weshalb die RAF sich zunehmend uber die Berichterstattung emporte.25

Im Zuge des Rapports uber den Tod von Holger Meins erklarte die RAF in einem Spiegel-Interview:

„DaB es keinen Journalisten gibt, der das ausrecherchiert und veroffentlicht, sagt nichts zur Sache, sagt alles uber die Zusammenarbeit, Komplizenschaft und personelle Verschmelzung der Medienkonzerne mit dem Staatsschutz: Bundesanwaltschaft, Bundeskriminalamt und Geheimdienste.“26

Die RAF ging auBerdem von einer Gleichschaltung der Medien aus. Angesichts der 1977 verhangten Nachrichtensperre erscheinen die Beschuldigungen nicht abwegig.

2.2. Der Spiegel und seine Berichterstattung

Bei dem Magazin Der Spiegel handelt es sich pressetypologisch um einen Sonderfall in der deutschen Presselandschaft. Die auBere Erscheinung erinnert an eine Zeitschrift, der Inhalt jedoch an eine Wochenzeitung. Ursprunglich war es dem britischen Magazin „News Review“ nachempfunden. Allerdings stellt Der Spiegel heute den Typus des klassischen Nachrichtenmagazins dar. Bereits 1957 erklarte Hans Magnus Enzensberger in seinem bekannten Essay „Die Sprache des Spiegel“ im Suddeutschen Rundfunk, dass der Bundesrepublik ohne die allwochentliche Gegenwart des Blattes ein Stuck ihrer selbst fehlen wurde und, dass der Spiegel -Stil auBerdem kein Stil sei, sondern eine Masche27. Damit sollte Enzensberger recht behalten, denn bis heute gilt der Spiegel bekanntlich als Skandalblatt und Aushangeschild fur investigativen Journalismus. Diese politische und journalistische Tendenz sowie der scharfe Sprachgebrauch sorgten bereits kurz nach der Entstehung des Spiegels im Jahr 1947 fur Kritik und Aufmerksamkeit. Im Gegensatz zum eher zuruckhaltenden und weniger skandalorientierten Wochenmagazin der britischen Besatzungszone „Diese Woche“, aus dem der Spiegel hervorging, kam dem Spiegel sowohl Ruhm als auch Anfeindung zu. Das steigerte die Auflage und sorgte dafur, dass sich die angelsachsische „News-Story“ in Deutschland etablierte.28

Der Spiegel erscheint jeden Montag im gleichnamigen Verlag in Hamburg und hat wochentlich eine Auflage von rund 950.000 Exemplaren (II. Quartal 2011). Beim Verfassungszeitpunkt des spater folgenden Spiegel- Artikels „Letzte Waffe“ aus dem Jahr 1989 betrug die Auflage durchschnittlich uber eine Million, das auflagenstarkste Jahr der Spiegel-Geschichte bis heute29. Das Magazin liefert lange Hintergrundberichte zur deutschen und internationalen Politik, thematisiert aber auch Neues aus anderen Bereichen wie Kultur oder Wissenschaft. In den Siebzigern galt das Magazin noch als links positioniert, mittlerweile gilt es als liberal und wirtschaftsfreundlich. Trotz dieses politischen Wechsels polarisiert Der Spiegel weiterhin mit seinen Artikeln und stoBt dadurch regelmaBig Debatten an.30

Viel kritisiert ist der Spiegel zudem wegen seiner skandalfreudigen Berichterstattung. In seiner Publikation „Politische Skandale und Medien. Der Fall Neue Heimat“ untersucht Gunter Schifferer die Artikel um die Affare des Wohnungsunternehmens Neue Heimat, die 1982 in Millionenhohe Firmengelder veruntreute. Dabei vergleicht er anhand unterschiedlicher Printmedien die reiBerische Art der Texte mithilfe dieses Beispiels. Beim Nachrichtenmagazin Spiegel kommt er zu folgender Schlussfolgerung:

„Es sind Spiegel-Redakteure, die um die Skandalcharakterisierungen herum detailliert Personen beschreiben, Handlungen und Stimmungen, die wenig Fakten enthalten, und Anekdoten auf feuilletonistische Art und Weise breittreten. Die Beitrage von gesellschaftlichen Kommunikationspartnern werden aufs auBerste verkurzt vermittelt, und die die Verfasser in die Konzepte ihrer Geschichten nach MaBgabe ihrer Absichten einpassen. Manipulationen sind damit Tur und Tor geoffnet.“31

Der Spiegel ist starker als jedes andere Medium mit einer Person verbunden: Rudolf Augstein, der von Beginn an zugleich Verleger, Herausgeber, Chefredakteur und Chef der politischen Redaktion war. Augstein beschrieb die Intention des Nachrichtenmagazins mit den Worten, es solle die „Kehrseiten beleuchten und politische Illusionen zum Platzen bringen“, wobei es im Zweifelsfall „auf der linken Seite des politischen Spektrums“ stehe. Die Redakteure sollen sich „fur die Freiheit des Einzelnen und gegen die Ubermacht staatlicher und gesellschaftlicher Apparate“ engagieren.32

[...]


1 s. Anhang 6.1. und 6.3.

2 Schifferer, Gunter: Politische Skandale und Medien. Der Fall Neue Heimat, Hamburg 1988, S. 138.

3 Vgl. Hickethier, Knut: Einfuhrung in die Medienwissenschaft, 2. Auflage, Stuttgart 2010, S. 203.

4 Vgl. Lewis, Justin: Terrorism and News Narratives, in: Freedman, Des; Thussu, Daya Kishan: Media and Terrorisms. Global Perspectives, Thousand Oaks u.a. 2012, S.257.

5 Vgl. Musolff, Andreas: Terrorismus im offentlichen Diskurs in der BRD: Seine Deutung als Kriegsgeschehen und die Folgen, in: Weinhauer, Klaus (Hg.), u.a.: Terrorismus in der Bundesrepublik. Medien, Staat und Subkulturen in den 1970er Jahren (Campus Historische Studien Band 42), Frankfurt am Main 2006, S. 302.

6 Kavoori, Anandam: International Communication after Terrorism. Toward a Postcolonial Dialectic, in: Ders.; Fraley, Todd (Hgg.): Media, Terrorism, and Theory. A Reader (Critical Media Studies. Institutions, Politics and Culture), Maryland 2006, S.181.

7 Vgl. Petri, Mario: Terrorismus und Staat. Versuch einer Definition des Terrorismusphanomens und Analyse zur Existenz einer strategischen Konzeption staatlicher GegenmaBnahmen am Beispiel der Roten Armee Fraktion in der Bundesrepublik Deutschland, Munchen 2007, S. 21ff.

8 Vgl. Petersen, Christer: Terrorismus, in: Koch, Lars: Angst. Ein interdisziplinares Handbuch, S. 342.

9 Vgl. Deutsche Presseagentur (u.a.): Video von angeblicher Enthauptung: Terrormiliz IS will vermissten US-Journalisten getotet haben, in: Spiegel Online (20.08.2014), online abrufbar unter: http://www.spiegel.de/politik/ausland/is-behauptet-den-journalisten-james-foley-enthauptet-zu-haben-a- 987030.html, zuletzt aufgerufen am 2.07.2016.

10 Vgl. Petersen, Christer: Terrorismus, in: Koch, Lars: Angst, S.349.

11 Vgl. Elter, Andreas: Die RAF und die Medien. Ein Fallbeispiel fur terroristische Kommunikation, in: Kraushaar, Wolfgang (Hg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburg 2006, S. 1073.

12 Baumann, Michael: Wie alles anfing, Munchen 1977, S. 129.

13 Vgl. Glaab, Sonja: Die RAF und die Medien in den 1970er Jahren, in: Dies. (Hg.): Medien und Terrorismus. Auf den Spuren einer symbiotischen Beziehung, Berlin 2007, S. 33.

14 Most, Johannes: o.T., in: Freiheit vom 13. September 1884 und 25. Juni 1885, Nachdruck, zit. n. Walter Laquer: The Terrorism Reader, New York 1978, S. 100 und 105.

15 Wunschik, Tobias: Aufstieg und Zerfall. Die zweite Generation der RAF, in: Kraushaar, Wolfgang: Die RAF und der linke Terrorismus, Band 1, S. 476.

16 Vgl. Glaab, Sonja: Die RAF und die Medien in den 1979er Jahren, Berlin 2007, S. 33

17 Spencer, Alexander: Lesson learnt. Terrorism and the Media, online abrufbar unter: http://www.ahrc.ac.uk/documents/project-reports-and-reviews/ahrc-public-policy-series/terrorism-and- the-media/, zuletzt aufgerufen am 1.08.2016. lsElter, Andreas: Die RAF und die Medien, Ein Fallbeispiel fur terroristische Kommunikation, in: Kraushaar, Wolfgang (Hg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Band 2, Hamburg 2006, S. 1066.

18 Elter, Andreas: Die RAF und die Medien, Ein Fallbeispiel fur terroristische Kommunikation, in: Kraushaar, Wolfgang (Hg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Band 2, Hamburg 2006, S. 1066.

19 Vgl. Musolff, Andreas: Terrorismus im offentlichen Diskurs in der BRD, in: Weinhauer, Klaus (Hg.), u.a.: Terrorismus in der Bundesrepublik, S. 303.

20 Vgl. Zeit Online (u.a.): Frankreich verlangert Ausnahmezustand, online abrufbar unter:http://www.zeit.de/politik/2016-07/frankreich-nationalversammlung-ausnahmezustand-terrorgefahr, zuletzt aufgerufen am 21.07.2016.

21 Elter, Andreas: Die RAF und die Medien, in: Kraushaar, Wolfgang (Hg.): Die RAF und der linke Terrorismus, S. 1073.

22 Vgl. Elter, Andreas: Die RAF und die Medien, in: Kraushaar, Wolfgang (Hg.): Die RAF und der linke Terrorismus S.1065.

23 Peters, Butz: RAF. Terrorismus in Deutschland, aktual. Taschenbuchausgabe, Stuttgart 1993, S. 157.

24 Petersen, Christer: Terrorismus, in: Koch, Lars: Angst, S. 343.

25 Vgl. Glaab, Sonja: Die RAF und die Medien in den 1979er Jahren, Berlin 2007, S. 45.

26 Ebd.

27 vgl. Enzensberger, Hans Magnus: Die Sprache des Spiegel, in: Der Spiegel (10/57), online abrufbar unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-32092775.html, zuletzt aufgerufen am 22.06.2016.

28 Vgl. Jakobs, Hans-Jurgen; Muller, Uwe: Augstein, Springer & Co. Deutsche Mediendynastien, Zurich und Wiesbaden 1990, S. 16.

29 Vgl. Jakobs, Hans-Jurgen; Muller, Uwe: Augstein, Springer & Co S.22.

30 Vgl. Hanke, Katja: Die deutschen Wochenpublikationen, online abrufbar unter: http://www.goethe.de/ins/ca/mon/bib/kat/zei/de8613101.htm, zuletzt abgerufen am 20.06.2016.

31 Schifferer, Gunter: Politische Skandale und Medien, S. 164.

32 zitiert nach MaaBen, Ludwig: Die Zeitung. Daten-Deutung-Portraits. Presse in der Bundesrepublik Deutschland, Heidelberg 1986, S.119.

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Zum Verhältnis von Terrorismus und Massenmedien
Untertitel
Die RAF-Berichterstattung von "Der Spiegel" und "Die Zeit"
Hochschule
Universität Siegen
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
50
Katalognummer
V1155010
ISBN (eBook)
9783346548795
ISBN (Buch)
9783346548801
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Terrorismus, RAF, Rote Armee Fraktion, Hungerstreik, Medien, Der Spiegel, Die Zeit, Mediengeschichte, Medienkritik, Berichterstattung
Arbeit zitieren
Natalie Meyer (Autor:in), 2016, Zum Verhältnis von Terrorismus und Massenmedien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1155010

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