Die verbindliche Lehrplanvorgabe der auszuarbeitenden Unterrichtsstunde für die
Klassenstufe 10 des Hildebrand-Gymnasiums befindet sich im Lehrplan (LP) für die
8. Klasse im Lernbereich 1 „Formen des Religiösen“. Dass hier in der 10. Klasse
Stoff aus dem neuen LP (2004) der 8. Klasse unterrichtet wird, liegt darin
begründet, dass die Schüler bisher nach altem Lehrplan unterrichtet wurden und
Hinduismus noch nicht behandelt wurde, da er bisher zum Lehrplanstoff der 10.
Klasse gehörte.
Ziel der Lehrplan-Vorgabe ist es, dass die Schüler ausgewählte Fakten zum
Hinduismus kennen und darüber hinaus etwas über die Wirkung des Hinduismus
auf das geistliche Leben und das Welt-, Gottes-, Menschen- und Gesellschaftsbild
erfahren. Das „Kennen von Aspekten“ verweist hierbei schon auf die Tatsache,
dass im Grunde nur eine geringe Auswahl der Charakteristika dieser Weltreligion,
die auch als „Zusammenstellung indischer Religionen“ bezeichnet werden,
thematisiert werden können. Es kann aus meiner Sicht deshalb nur Ziel der
Lehrplanvorgabe sein, den Schülern einen Einblick in die fremde Welt des
Hinduismus zu gewähren.
Mit der Thematisierung des Kastenwesens setze ich mir hier zum Ziel, das
Gesellschaftsbild des Hinduismus in zwangsläufiger Verbindung mit dem Weltbild
des Hinduismus zur Sprache zu bringen; somit kann anhand des Kastenwesens als
einer der wichtigsten Säulen des Hinduismus und dessen Kontextualisierung nicht
nur eine Klärung des Begriffes, sondern auch ein Einblick in Denkweisen des
Hinduismus gewonnen werden. Um eine bestmögliche Reflexion auf die eigene
Weltsicht zu ermöglichen, können und sollten dabei immer wieder Schnittstellen im
eigenen (in der Regel westeuropäisch sozialisierten) Leben gesichtet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Lehrplanvorgabe „Lernziele und Lerninhalte“ als religionspädagogischer Bildungsauftrag der Stunde
1.1 „Kennen von Aspekten des Hinduismus und seiner Wirkung auf Spiritualität und Lebensvollzug“
1.2 Konstruktion der Lehrplanvorgabe im Horizont der Schüler (Subjektive Theorie)
1.3 Konstruktion der Lehrplanvorgabe im Horizont der Wissenschaft
1.4 Religionspädagogischer Bildungsauftrag der gesamten Einheit
1.5 Begründung des Bildungsauftrages im didaktischen Konzept
2. Didaktische Strukturierung des religionspädagogischen Bildungsauftrages
2.1 Allgemeine Rahmenbedingungen und unterrichtsrelevante Besonderheiten
2.2 Liste der LP-Ziele/Inhalte und der konkreten Stundenziele der gesamten Unterrichtseinheit
2.3 Analyse des zentralen Lerngegenstandes der PL-Stunde
2.3.1 Didaktische Quellenkritik
2.3.2 Verhalten des Lerngegenstandes zur Konstruktion der Lehrplanvorgabe im Horizont der Schüler
2.3.3 Kategoriale Schneisen
2.4 Entfaltung und Begründung der didaktischen Struktur der Stunde
2.4.1 Zwischenbilanz
2.4.2 Aufschichtung des Stundenzieles (SZ) durch Lehr-Lernschritte beschreibende Teilziele (TZ)
2.4.3 Didaktische Dramaturgie dieser Struktur
2.4.4 Wissen
2.4.5 Exemplarizität
2.4.6 Kategoriale Einsicht
2.4.7 Kompetenzerwerb
3. Methodische Umsetzung der didaktischen Struktur
3.1 Von der didaktischen Struktur (TZ - Formulierung) her begründete Planung der Unterrichtsphasen
3.2 situationsabhängige Varianten zum Normalverlauf der Stunde
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Das Hauptziel dieser schriftlichen Prüfungsarbeit ist die didaktische Planung einer Religionsunterrichtsstunde für die 10. Klasse zum Thema „Das Kastenwesen im Hinduismus“. Die Forschungsfrage und das übergeordnete Ziel bestehen darin, den Schülern eine greifbare Begegnung mit dieser fremden Religion zu ermöglichen, bei der sie durch Reflexion in Bezug auf eigene Weltsichten sowohl Einblicke in hinduistische Denk- und Handlungsweisen erlangen als auch kritische Urteilskompetenz bezüglich gesellschaftlicher Ordnungsstrukturen entwickeln.
- Analyse und Didaktisierung des Hinduismus als Weltreligion unter besonderer Berücksichtigung des Kastenwesens.
- Konstruktion von Lernzielen im Horizont der Schüler und der wissenschaftlichen Fachdiskussion.
- Methodische Planung der Unterrichtsphasen (Einstieg, Erarbeitung, Vertiefung) unter Nutzung eines biografischen Textes (Leila).
- Kritische Reflexion gesellschaftlicher Grenzziehungen durch den Vergleich mit Menschenrechten.
- Förderung der Urteilsbildung und der Fähigkeit zum Perspektivwechsel bei den Schülern.
Auszug aus dem Buch
DER BASTARD - LEILA FINDET KEINEN MANN
»Ich bin jetzt sechsundzwanzig Jahre alt. Bis zum vorigen Jahr habe ich in Trivandrum gelebt. Dort bin ich in die Schule und auf die Universität gegangen. Aber ich habe keine Arbeit gefunden, als ich mein Examen gemacht hatte. Wir haben so unendlich viele Menschen, die meisten davon noch jung. Hunderttausende haben studiert und finden keine Arbeit. Da haben Frauen kaum eine Chance. Die meisten heiraten auch bald.«
Es ist verwunderlich, dass Leila noch nicht verheiratet ist. Stimmt etwas nicht mit ihr?
»Für indische Verhältnisse stimmt in der Tat etwas sehr Wichtiges nicht mit mir. Ich bin - wie könnte man auf Deutsch sagen? - ich glaube, ich bin ein Bastard. Die indische Gesellschaft ist seit vielen tausend Jahren in 4 Kasten eingeteilt: 1. Priester, 2. Krieger, 3. Kaufleute, und 4. Bauern oder Handwerker. Sogar die Kastenlosen, die Unberührbaren, haben für sich eine Einteilung in eine Art Kastensystem entwickelt. Und eine der Auswirkungen des Kastenwesens ist noch heute, dass man nur Leute aus der eigenen Kaste heiraten darf. Die Kasten sind zwar, nachdem Indien von England die Unabhängigkeit erkämpft hatte, 1951 per Verfassungsänderung abgeschafft worden. Aber gerade bei Heiraten wirkt sich das alte System noch sehr strikt aus.«
Zusammenfassung der Kapitel
1. Lehrplanvorgabe „Lernziele und Lerninhalte“ als religionspädagogischer Bildungsauftrag der Stunde: Dieses Kapitel verankert die Unterrichtsstunde im Lehrplan und begründet das didaktische Interesse am Kastenwesen als Einstieg in die fremde Welt des Hinduismus.
2. Didaktische Strukturierung des religionspädagogischen Bildungsauftrages: Hier werden die Rahmenbedingungen der Klasse analysiert, das Thema in eine Unterrichtseinheit eingebettet und die spezifischen Lernziele sowie die didaktische Quellenkritik und Struktur dargelegt.
3. Methodische Umsetzung der didaktischen Struktur: Dieser Abschnitt beschreibt die konkrete Planung der Unterrichtsphasen und bietet situative Varianten an, um die Lernziele methodisch zielführend umzusetzen.
Schlüsselwörter
Hinduismus, Kastenwesen, Religionspädagogik, Unterrichtsplanung, Indien, Samsara, Karma, Unberührbare, Menschenrechte, Didaktik, Urteilsbildung, Religionsunterricht, Gesellschaftsordnung, Schülermotivation, Reflexion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der didaktischen Konzeption einer Religionsunterrichtsstunde für eine 10. Klasse zum Thema Kastenwesen im Hinduismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Struktur des hinduistischen Kastenwesens, seine soziologische und religiöse Bedeutung sowie die kritische Reflexion dieses Systems im Kontext westlicher Werte und Menschenrechte.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Befähigung der Schüler zu einer kritischen Auseinandersetzung mit fremden Gesellschaftsordnungen und die Förderung eines bewussten Perspektivwechsels.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine didaktisch-methodische Analyse vorgenommen, die auf lerntheoretischen Grundlagen (u.a. Klafki, von Hentig) basiert und einen Lerngegenstand (biografischer Bericht) zur Urteilsbildung nutzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begründung des Bildungsauftrags, die didaktische Strukturierung sowie die konkrete methodische Planung und Durchführung der Unterrichtsphasen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Hinduismus, Kastenwesen, Didaktik, Urteilsbildung, Menschenrechte und interkulturelles Lernen.
Warum wird als Lerngegenstand ein biografischer Text über "Leila" gewählt?
Der Text bietet eine authentische, lebensnahe Perspektive, die das abstrakte System des Kastenwesens durch ein konkretes Schicksal und ein nachvollziehbares Problem (Heirat) für Schüler zugänglich macht.
Wie geht die Arbeit mit der Problematik der "Unberührbarkeit" um?
Die Arbeit thematisiert die Diskriminierung und die rechtliche Situation in Indien, setzt diese in Bezug zu den Menschenrechten und lässt die Schüler die moralische Dimension des Systems reflektieren.
- Citation du texte
- Dipl. Rel.Päd. (FH) Philipp Weismann (Auteur), 2007, Unterrichtsstunde: Das Kastenwesen im Hinduismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115551