Diese Arbeit wird anhand einer narratologischen Analyse des Modus zeigen, wie Fokalisierung und Distanz dazu beitragen, dass sich Mirandas Wahrnehmung zwar als von der Norm abweichend, aber nicht als eingeschränkt bezeichnen lässt. Nicht ihre Sehstörung behindert sie, sondern ihre Angst vor Kontrollverlust und ihre Abhängigkeit von ihrem Geliebten. Die These dieser Arbeit wird unter Berücksichtigung des Titels und der Widmung des Textes an den Psychoanalytiker Georg Groddeck begründet.
Der Text "Ihr glücklichen Augen" erzählt aus dem Leben von Miranda, einer stark kurzsichtigen Frau, die gegen die Hässlichkeit der Welt und den Verlust ihres Geliebten Josef ankämpft. Um die Realität nicht sehen zu müssen, trägt sie ihre Brille nicht und verkuppelt Josef mit ihrer Freundin Anastasia, als sie das Ende ihrer Beziehung ahnt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Hinführung zu Gegenstand und Vorgehensweise
2. Hauptteil
2.1 Analyse der Fokalisierung
2.2 Analyse der Distanz
2.3 Auswertung der Analyse
2.4 Interpretation der Wahl des Modus
2.5 Goethes Sicht
2.6 Groddecks Sicht
2.7 Funktion des Modus
2.8 Zu Ende und Leitmotiv
3. Schluss
3.1 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht narratologisch, wie Ingeborg Bachmann in der Erzählung "Ihr glücklichen Augen" das Thema der eingeschränkten Sicht gestaltet. Dabei soll die Forschungsfrage beantwortet werden, ob Mirandas Sehstörung tatsächlich eine Einschränkung ihrer Wahrnehmung darstellt oder ob erzähltechnische Mittel wie Fokalisierung und Distanz eine andere Lesart ermöglichen.
- Narratologische Untersuchung von Fokalisierung und Distanz
- Analyse des Wahrnehmungsmodells nach Georg Groddeck
- Deutung des Leitmotivs "Immer das Gute im Auge behalten"
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Innen- und Außensicht
- Reflektion über emotionale Abhängigkeit und Angst als Hindernisse
Auszug aus dem Buch
Analyse der Fokalisierung
In Ingeborg Bachmanns Erzählung Ihr glücklichen Augen gibt es von der ersten Seite an sowohl Indizien für eine Nullfokalisierung als auch für eine interne Fokalisierung.
Anfangs nimmt der Leser die erzählte Welt primär aus der Perspektive der Hauptfigur Miranda wahr. Durch ihre Augen sieht er eine undurchdringliche, nebelhafte Welt, in der die Sonne aufgeht, sobald Josef da ist, in der andere Frauen keine Defekte haben, unerkennbare Menschen sie grüßen und die schimmelgrünen Klumpen die Karlskirche sein müssen. Wenn Miranda allerdings ihre Brille trägt, dann sieht sie die gelblich verfärbten Zähne von Josef, die „Hölle“ der scharfen Realität, das verkrüppelte Kind, die Frau mit dem amputierten Arm, die unglücklichen Gesichter – und spürt, wenn sie sich mal wieder den Kopf stößt, dass „Glastüren […] feindlicher [sind] als Menschen“.
Bachmanns Erzählung lässt sich in zwei Teile gliedern. Während im ersten Teil episodenhaft aus Mirandas Perspektive Einblicke in ihren Alltag gegeben werden, beginnt ab dem Ende von Seite 85 ein Handlungsverlauf und der Erzählstandpunkt wechselt von Zeit zu Zeit, sodass auch die Wahrnehmung von Josef, Anastasia, dem Straßenbahnfahrer und den anderen Menschen in der Bahn beleuchtet wird. Das deutet auf eine variable interne Fokalisierung hin.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in den Gegenstand der Erzählung und Erläuterung der narratologischen Vorgehensweise.
Analyse der Fokalisierung: Untersuchung der verschiedenen Perspektiven und Wahrnehmungsmodi innerhalb der Erzählung.
Analyse der Distanz: Analyse der Wiedergabe von Geschehnissen, gesprochener Rede und Gedankenrede.
Auswertung der Analyse: Synthese der verschiedenen Präsentationsformen des Modus.
Interpretation der Wahl des Modus: Untersuchung, wie der Wechsel zwischen Innen- und Außensicht mehr als eine Wahrheit zulässt.
Goethes Sicht: Kontextualisierung der titelgebenden Worte durch das Türmerlied aus Goethes Faust II.
Groddecks Sicht: Übertragung der psychoanalytischen Theorie Georg Groddecks zum Sehvorgang auf Mirandas Wahrnehmung.
Funktion des Modus: Erörterung der Wirkung der erzählerischen Gestaltung auf die Leserin.
Zu Ende und Leitmotiv: Deutungsversuch des ironischen Leitmotivs und des Endes der Erzählung.
Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und Einordnung der Ergebnisse.
Schlüsselwörter
Ingeborg Bachmann, Ihr glücklichen Augen, Narratologie, Fokalisierung, Distanz, Georg Groddeck, Wahrnehmung, Sehen, Schauen, Leitmotiv, Simultan, Miranda, Erzähltheorie, Modus, Psychosomatik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Erzählung "Ihr glücklichen Augen" von Ingeborg Bachmann unter narratologischen Gesichtspunkten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen das Thema der eingeschränkten Sicht, die Wahrnehmungspsychologie nach Groddeck und die erzählerische Gestaltung von Wirklichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu zeigen, dass Mirandas Wahrnehmung nicht durch ihre Sehstörung, sondern durch ihre Angst vor Kontrollverlust eingeschränkt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es wird eine narratologische Analyse des Erzählmodus durchgeführt, insbesondere unter Berücksichtigung von Fokalisierung und Distanz.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der narrativen Mittel, deren theoretische Fundierung durch Goethe und Groddeck sowie eine Deutung des Leitmotivs.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Neben der Autorin und dem Werk sind Begriffe wie Narratologie, Fokalisierung, Distanz und Groddecks Wahrnehmungsmodell zentral.
Welche Bedeutung hat das Leitmotiv für die Interpretation?
Das Leitmotiv "Immer das Gute im Auge behalten" wird als ironische Klammer gedeutet, die Mirandas Scheitern und ihre Lebensstrategie miteinander verbindet.
Wie korrespondiert der Text mit Georg Groddecks Theorien?
Die Arbeit arbeitet heraus, dass Mirandas Wahrnehmung Groddecks Modell entspricht, in dem visuelle Reize stets durch innere Eindrücke und Gefühle ergänzt werden.
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- Milena Reinecke (Author), 2021, Das Gute im Auge behalten bei Ingeborg Bachmanns "Ihr glücklichen Augen", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1156949