Untersuchungen zur Autorschaft in mittelalterlichen Texten am Beispiel des Loher und Maller


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Booth: Implizierter Autor
2.2 Genette gegen Booth
2.3 Eco
2.4 Paratexte: Genette
2.5 Zusammenfassung
2.6 Autorkonstrukt

3. Grundlegendes zur Biographie Elisabeths von Nassau-Saarbrücken

4. Quellen- und Überlieferungslage

5. Aufbau

6. Stilistische Eigenheiten

7. Paratexte im Loher und Maller
7.1 Subskription / Proömium
7.2 Illustrationen

8. Anwendung auf das Schema

9. Schlussfolgerungen

10. Schlussworte

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Roman Loher und Maller, der üblicherweise Elisabeth von Nassau Saarbrücken zugeschrieben wird, ist in der Forschung nicht gerade für seine literarische Hochwer-tigkeit bekannt. Konczak (1991), der sich in seiner Dissertation mit der Druckge-schichte des Loher und des Herpin beschäftigt, lehnt sogar „eine umfassende Darstel-lung der Textgeschichte“ ab, denn sie „hätte den damit verbundenen Aufwand nicht gerechtfertigt und wäre angesichts der recht bescheidenen literarischen Qualität der Texte nicht vertretbar“ (S. 19). Von Bloh (2002) ist nur wenig diplomatischer und gibt an, dass die Texte „von den heutigen Standards für das Erzählen beinahe ebenso weit entfernt sind wie vom Erzählen in hochmittelalterlichen Romanen“ und „sprach-liche Glanzleistungen tatsächlich nicht präsentieren“ (S. 1). Sie gibt aber zu, dass diese Wertungen vor allem unseren heutigen Maßstäben geschuldet sein können (S. 8) und dass der Loher über eine „durchaus komplizierte Erzähltechnik“ verfügt (S. 103).

In diese Diskussion soll sich hier nicht eingemischt werden. Der Roman ist nämlich aus anderen Gründen von hohem wissenschaftlichen Interesse. So ist es einer der ers-ten Prosaromane der deutschen Literaturgeschichte. Zudem wird er, ungewöhnlich für das Mittelalter, einer adligen Frau zugeschrieben. Schließlich handelt es sich um die deutschsprachige Umsetzung einer nur noch fragmentarisch vorhandenen franzö-sischen Vorlage.

Aus all diesen Gründen werden weniger interpretatorische Fragen als Fragen zur Autorschaft seit geraumer Zeit in der Wissenschaft diskutiert.[1] Daher bietet es sich geradezu an, Theorien zur Autorschaft anhand dieses Romans zu überprüfen und weiterzuentwickeln.

Dies soll das Ziel der vorliegenden Arbeit sein. Dabei werde ich wie folgt vorgehen. Zunächst sollen die theoretischen Grundlagen geschaffen werden. Um zu klären, was genau bei einer Untersuchung zu Fragen der Autorschaft berücksichtigt werden muss, sollen hier zunächst drei theoretische Ansätze, von Booth, Genette und Eco, diskutiert werden. Nach einem kurzen Exkurs zu Paratexten, die, wie sich noch zei-gen wird, in diesem Zusammenhang eine sehr große Hilfestellung liefern, soll dann auf diesen Grundlagen ein eigenes Konzept entwickelt werden, auf dass sich die Un-tersuchungen der folgenden Kapitel dann stützen können.

Die Untersuchung setzt dann mit einigen Angaben zur Biografie von Elisabeth von Nassau-Saarbrücken ein. Daraufhin folgen Ausführungen zum Werk selbst, erst zur Überlieferungslage, dann zum Aufbau, schließlich zur Stilistik. Auf die Rolle der Pa-ratexte wird dann am Beispiel der Subskriptionen und der Illustrationen eingegangen.

Daraufhin werden die Ergebnisse auf die theoretischen Vorüberlegungen angewandt, sodass ein eigenes Bild zum Verhältnis von Autor und Werk entsteht. Anhand dieses werden die Prämissen schließlich überprüft und modifiziert bzw. spezifiziert.

Eine solche Untersuchung muss aus Zeit- und Platzgründen selbstverständlich bruch-stückhaft bleiben. Viele Aspekte sind dabei noch auf der Strecke geblieben. Insbe-sondere konnten keine Untersuchungen zum Aspekt des fiktiven Autors, also zum Erzähler, gemacht werden. Dies mag weiteren Arbeiten überlassen bleiben

2.Theoretische Grundlagen

2.1 Booth: Impliziter Autor

Nach Booth (1974) gibt es neben dem realen Autor und dem fiktiven Erzähler eines literarischen Werks noch eine dritte Ebene auf der Autorenseite, nämlich den implizi-ten bzw. implizierten Autor, der weder mit dem realen Autor noch mit dem Erzähler identisch ist (vgl. Booth, 1974: S. 77). Es handelt sich dabei kurz gesagt um das Bild, das dem Leser bei der Lektüre eines Werkes von dessen Autor vermittelt wird und von diesem auch erschaffen wurde (S. 77)

Dass ein solcher impliziter Autor erschaffen wird, ist dabei nicht zu verhindern: „Wie unpersönlich er [der Autor, eigene Anm. ] auch zu sein versucht, sein Leser wird sich unweigerlich ein Bild von dem offiziellen Schreiber konstruieren, der auf diese Art und Weise schreibt [...]“ (S. 78).

So kann sich der implizite Autor eines Werkes durchaus von dem eines anderen Wer-kes desselben realen Autors unterscheiden.

Das Bild des Lesers vom Autor „entsteht natürlich nur zum Teil durch die expliziten Kommentare des Autors; es leitet sich eher von der Art der Erzählung her, die er zu schreiben beschließt“ (S. 79). Auch der Erzähler ist „nur eines der vom expliziten Autor geschaffenen Elemente“ (S. 80).

Der implizierte Autor ist dabei nicht nur herauslösbarer Sinngehalt, sondern auch moralischer und emotionaler „Gehalt jeder kleinsten Handlung und Erfahrung jeder einzelnen Romanfigur“ (S. 80), der „Kern der Normen und Entscheidungen“ (S. 80).

Der implizite Autor ist nicht mit dem realen Autor zu verwechseln. Für moralische Stellungnahmen des impliziten Autors darf der reale daher nicht verantwortlich ge-macht werden (vgl. S. 82).

2.2 Genette gegen Booth

Auf faktischer Ebene kann nach Genette dagegen keine dritte Instanz zwischen rea-lem Autor und Erzähler eingefügt werden, „jegliche textuelle Performanz kann nur dem einen oder dem anderen zugeschrieben werden“ (Genette, 2000: S. 235).[2]

Der Erfolg der Instanz impliziter Autor beruht für Genette darauf, dass jener es er-laubte, „einen Text zu verurteilen, ohne seinen Autor zu verurteilen und umgekehrt“ (Genette, 2000: S. 236).

Der implizite Autor ist für ihn nur dann als eigene Instanz denkbar, wenn es sich da-bei um ein untreues Bild des realen Autors handelt, wenn das Bild, dass sich ein Le-ser vom Autor eines Textes macht, den realen Autor also nicht adäquat wiedergibt (vgl. Genette, 2000: S. 237).

Dies ist von zwei Faktoren abhängig, einerseits der Kompetenz des Lesers, die zu einem höchst untreuen Bild führen kann. Vorausgesetzt wird daher ein idealer Leser. Andererseits die Performanz des Autors. Frage: „Wie kann ein Autor – in seinem Text – ein untreues Bild seiner selbst produzieren?“ (Genette, 2000: S. 238).

Zwei Möglichkeiten sind denkbar:

1. Die unwillentliche Offenbarung des Unterbewussten

In einem solchen Fall wäre das Bild des Lesers vom Autor aber als treuer anzusehen als sein Selbstbild, das heißt aber: IA = RA. Der IA wird dementsprechend überflüs-sig.

2. Die bewusste Simulation

Aber sofern es sich bei dieser Simulation um den Erzähler handelt, wird der IA wie-derum überflüssig, da für den Erzähler ja bereits eine eigene Instanz vorhanden ist. Eine weitere Unterscheidung in solchen Fällen zwischen dem konstruierten implizi-ten Autor hinter dem Erzähler und dem realen Autor hält Genette für überflüssig und zudem undurchführbar (Genette, 2000: S. 240).

Eine weitere Möglichkeit der bewussten Simulation wäre ein extradiegetischer Er-zähler, der sich vom realen Autor explizit abhebt, zum Beispiel durch Ironie.

Ein solches Vorgehen macht, so Genette, allerdings nur Sinn, wenn es vom perfekten Leser verstanden wird, das Bild des Lesers vom Autor also gerade nicht mit dem ex-tradiegetischen Erzähler übereinstimmt, sodass das der implizite Autor wieder mit dem realen Autor identisch ist (vgl. Genette, 2000: S. 240f.).

Genette führt noch eine Reihe weiterer denkbarer Ausnahmen an, die er jedoch alle-samt ebenfalls für nicht gerechtfertigt, für marginal oder für unüberprüfbar hält.

2.3 Eco

Eco hält dagegen: „Every act of reading is a difficult transaction between the com-petence of the reader [...] and the kind of competence that a given text postulates in order to be read in an economic way“ (Eco, 1992: S. 68). Einen idealen Leser gibt es daher nicht (S. 68). Frage: Gibt es eine dritte Figur, die der Schwelle zwischen der Absicht des realen Autors und dem exemplarischen Autor entspricht (S. 69)?

Die Frage nach der Autorabsicht ist nur von rein theoretischem Interesse und zeigt „the discrepancies between the author's intention and the intention of the text“ (S. 73). Der reale Autor ist für die Interpretation des Textes also irrelevant. Er wird durch die Textabsicht ersetzt.

2.4 Paratexte: Genette

Wichtiger für eine Untersuchung des Verhältnisses von Autor und Werk als der Kerntext sind vielleicht die Paratexte. In diesen erhält man direkteren Aufschluss über den Autor, nicht nur mittelbar über die Person des Erzählers oder den extradie-getischen Erzähler.

Paratexte sind nach Genette jede Art von Beigabe zum originalen Text, die dem Le-ser den Zugang zum Text erleichtern sollen: „Der Paratext ist also jenes Beiwerk, durch das ein Text zum Buch wird“ (Genette, 1989: S. 10).

Paratexte dienen „einer besseren Rezeption des Textes und einer relevanteren Lek-türe [...] in den Augen des Autors“ (Genette, 1989: S. 10). Sie sind also als Mittel des Autors zu verstehen, den Leser bei der Rezeption auf eine bestimmte Linie zu brin-gen.

Zwei grundlegende Arten von Paratexten sind auszumachen, faktische Paratexte, die gegebene Informationen beinhalten, etwa zum Geschlecht oder zum Alter des Autors, Titel des Werks, etc., sowie nicht-faktische. Letztere stammen entweder vom Autor selbst, oder sind im wahrsten Sinne des Wortes autorisiert, also mit Zu-stimmung des Autors entstanden.[3]

Wie Genette immer wieder betont, und wie auch in dieser Arbeit noch zu sehen sein wird, bewegen sich Paratexte ständig in einer Art Zwischenraum zwischen der fiktio-nalen Welt des Textes und der realen Welt des Rezipienten.[4]

2.5 Zusammenfassung

Letztlich kommt es bei einer Bewertung nicht so sehr darauf an, ob man zwischen empirischem Autor und fiktivem Erzähler noch eine weitere Instanz einfügen muss oder nicht. Einig sind sich Genette und Booth darin, dass in literarischen Werken ein bestimmtes Bild vom Autor vermittelt wird, das mit dem realen Autor mehr oder we-niger übereinstimmt. Dieses Bild ist allerdings das, wonach es zu suchen gilt, denn erstens ist es für die Interpretation des Werkes viel wichtiger als die Person des realen Autors, zweitens ist – gerade bei mittelalterlicher Literatur – vom empirischen Autor meist kaum mehr bekannt, als das, was den Werken, direkt oder indirekt durch Paratexte, zu entnehmen ist.[5]

Zusammenfassend kann man also sagen:

1. Bei der Lektüre eines Textes ergibt sich dem Rezipienten ein Bild des Autors, das nicht mit dem realen Autor identisch sein muss, von Booth als impliziter Autor bezeichnet.
2. Zwar kann man mit Genette behaupten, dass dieser implizite Autor immer ent-weder mit dem Erzähler oder dem empirischen Autor identisch ist, dies gilt aller-dings nur dann, wenn es sich bei dem Rezipienten um einen idealen Leser handelt. Für Genette reicht es dazu, über „ein Minimum an Scharfsinn“ zu verfügen (Genette, 2000: S. 237). Diese Behauptung wird jedoch nicht weiter ausgeführt, so bleibt die Frage, ob der ideale Leser nicht doch eher ein Maximum an Scharfsinn und unbe-grenztes Weltwissen an den Tag legen müsste, um das vom Werk transportierte Bild im Ganzen zu erfassen.
3. So muss der reale Autor mit Eco nach der Veröffentlichung seines Werkes auch zurücktreten. Der Rezipient interpretiert das Werk nicht in jedem Punkt nach den Wünschen des empirischen Autors, sondern seinem jeweiligen Autorbild entsprechend.
4. Die einzige Möglichkeit für den empirischen Autor, dennoch Einfluss auf die Re-zeption seines Werkes zu nehmen, liegt in den Paratexten, die, neben dem Text selbst, das Autorbild des Lesers maßgeblich bestimmen können, allerdings nur sofern sie überhaupt rezipiert werden oder werden können.

Das Problem ist also zweierlei: Einerseits transportiert der Text vielleicht Dinge, die vom realen Autor nicht, oder zumindest nicht bewusst, intendiert waren; andererseits weicht das Autorbild des Lesers vielleicht von der Textintention ab, weil er nicht alle Paratexte rezipiert hat bzw. rezipieren konnte oder weil er über bestimmte außer-textuelle Informationen nicht verfügt.

2.6 Autorkonstrukt

Maßgeblich für die Interpretation eines Textes und damit auch für seine gesamte Re-zeption ist also nicht Booths impliziter Autor als dem Leser vom Autor vermitteltes Bild seiner selbst, sondern dasjenige Bild, das sich der Rezipient vom Autor macht. Dieses setzt sich zusammen aus dem Autorbild, das das Werk direkt liefert, ob es sich dabei nun um einen impliziten Autor handelt oder nicht, sowie den zusätzlichen Informationen, über die der Rezipient verfügt.[6] Es handelt sich dabei also um ein Autorkonstrukt, das vom realen Autor und vom Rezipienten gleichsam kooperativ hergestellt wird. Der Autor liefert gleichsam ein Angebot für ein Autorkonstrukt, einerseits über den Text, andererseits über die Paratexte, dass der Rezipient an-nehmen kann oder nicht. Zudem kann der Rezipient dieses Angebot erweitern durch Informationen, auf die der Autor entweder aufgrund ihrer faktischen Natur keinen Einfluss hat,[7] oder die dem Autor selbst vielleicht gar nicht bekannt sind.

Dieses Autorkonstrukt ist dementsprechend nicht nur von Autor zu Autor und von Werk zu Werk, sondern auch von Rezipient zu Rezipient unterschiedlich, abhängig von seiner jeweiligen Kompetenz.

[...]


[1] Sie setzt spätestens mit der Edition von Simrock (1868) ein.

[2] Gérard Genette, Andreas Knop (Übers.) (1994): Die Erzählung. München: Fink. Diese Ausgabe lag mir leider nicht vor, sodass ich auf einen Abdruck in der Reclam-Ausgabe: Texte zur Theorie der Autorschaft (2000) zurückgreifen musste

[3] Diese Einschränkung ist, wie wir später noch sehen werden, für die Einordnung wichtiger Elemente in mittelalterlichen Texten – und auch gerade in dem hier besprochenen Werk – sehr problematisch, aber vielleicht auch gerade deshalb besonders aufschlussreich.

[4] Nicht umsonst heißt das Werk im französischen Original Seuils – 'Schwellen' (Genette: 2002).

[5]...um nur eines der vielfältigen Probleme zu nennen, die bei der Bestimmung des Autors eines mittelalterlichen Texts entstehen. Weitere werden im Laufe der Untersuchung noch zutage treten.

[6] Paratexte sind wiederum zwischen diesen beiden Ebenen anzusiedeln, ihnen kommt daher eine bedeutende Rolle zu.

[7] Beispielsweise Alter, Geschlecht, Name des Autors.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Untersuchungen zur Autorschaft in mittelalterlichen Texten am Beispiel des Loher und Maller
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Veranstaltung
Autor und Werk in der deutschen und lateinischen Literatur des Mittelalters
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
27
Katalognummer
V115809
ISBN (eBook)
9783640173563
ISBN (Buch)
9783640173822
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Untersuchungen, Autorschaft, Texten, Beispiel, Loher, Maller, Autor, Werk, Literatur, Mittelalters
Arbeit zitieren
Jörg Thöle (Autor), 2007, Untersuchungen zur Autorschaft in mittelalterlichen Texten am Beispiel des Loher und Maller, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115809

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Untersuchungen zur Autorschaft in mittelalterlichen Texten am Beispiel des Loher und Maller



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden