Der gesellschaftliche Auftrag der Schule
In der heutigen Gesellschaft wird die Position eines Menschen nicht über Geburt oder Klassenherkunft, sondern durch die persönliche individuelle Fähigkeit bestimmt.
Schulen werden somit zu Prüfungsinstanzen, „von deren Leistungsbeurteilungen die soziale Zukunft ihrer Schüler weitgehend abhängt.“
Die Notwendigkeit der Leistungsbeurteilung in der Schule hat sicherlich in hohem Maße mit den gesellschaftlichen Funktionen des Bildungswesens zu tun. Diese sind im einzelnen die Qualifikationsfunktion, die Selektionsfunktion und die Integrationsfunktion. Im Zusammenhang mit der Leistungsbeurteilung steht jedoch in erster Linie die Selektionsfunktion, deshalb wird auf die anderen beiden nur sehr kurz eingegangen.
Die Integrationsfunktion beinhaltet die Weitergabe bestimmter Werte und Normen der jeweiligen Gesellschaft an die Schüler/innen. Das politische System soll dadurch stabilisiert und interpretierbar gemacht werden. Die Vermittlung der Prinzipien und Regeln einer Leistungsgesellschaft gehören zur Integrationsfunktion eben auch, damit sich die Schüler nach ihrer Schulzeit in das System eingliedern können.
Die Qualifikationsfunktion der Schule bedeutet die Übertragung von allgemeinen und beruflichen Qualifikationen, zur Teilhabe an Gesellschaft und Arbeitsmarkt, durch Lehre und Unterricht. Durch die Leistungsbeurteilung werden Qualifikationen überprüft, gemessen und vergleichbar gemacht.
Es gibt viele empirische Studien zu den Zusammenhängen zwischen dem Beschäftigungssystem und dem Qualifikationssystem, welche sehr komplex sind. Eine konstante sozialpolitische Aufgabe ist die Steuerung des Arbeitsmarktes über das Ausbildungssystem.
Nun zur Selektionsfunktion des Bildungswesens. Hier ergeben sich durch Prüfungen und Berechtigungen die Stellung im Schulsystem und der Schulabschluss.
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Inhaltsverzeichnis
I. Leistungsbeurteilung in der Schule
1. Der gesellschaftliche Auftrag der Schule
2. Leistungsmotivation
II. Formen der Leistungsbeurteilung/-kontrolle
1. Leistungsbeurteilung durch Zensuren
2. Verbale bzw. beschreibende Leistungsbeurteilung (Wortgutachten)
3. Standardisierte Schulleistungstests
1.1. Schuleignungstests
1.2. Lesetests
1.2.1. Lesetest für 2. Klassen (LT 2)
1.2.2. Knuspels Leseaufgaben (KNUSPEL-L)
1.3. Rechtschreibtests
1.3.1. Hamburger Schreibprobe (HSP)
1.3.2. Diagnostischer Rechtschreibtest für 2. Klassen (DRT 2)
1.4. Rechentests
1.4.1. Diagnostischer Rechentest für 3. Klassen
1.4.2. Mathematiktest für 2. Klassen (MT 2)
III. Leistungsbewertung im offenen Unterricht
IV. Leistungsbeurteilung für Eltern und Lehrer in Form von Zeugnissen
V. Alternative zu Ziffernnoten
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit den verschiedenen Formen der Leistungsbeurteilung im schulischen Kontext auseinander. Das primäre Ziel ist es, den gesellschaftlichen Auftrag der Schule im Hinblick auf Selektion und Qualifikation zu beleuchten, die Grenzen klassischer Zensuren aufzuzeigen und alternative Beurteilungsformen zu evaluieren, die eine differenzierte und motivierende Rückmeldung ermöglichen.
- Gesellschaftliche Funktionen von Leistungsbeurteilung (Qualifikation, Selektion, Integration).
- Psychologische Faktoren der Leistungsmotivation und deren Einflussfaktoren.
- Kritische Analyse von Zensuren und deren häufige Beurteilungsfehler.
- Chancen und Grenzen verbaler Beurteilungen sowie standardisierter Tests.
- Implementierung von Alternativen wie Portfolios im offenen Unterricht.
Auszug aus dem Buch
Negative Aspekte der Zensurenvergebung:
Viele Faktoren beeinflussen den Schulerfolg eines Kindes. Man kann dieses komplexe Faktorenbündel unmöglich mit einer einzigen Zahl in den Griff bekommen.
Zensuren teilen Kinder in Gewinner und Verlierer ein: Durch Zensuren lernen die einen erfolgreich zu sein. Die anderen lernen, Versager zu werden. Die einen werden durch ihren Erfolg zusätzlich ermutigt, die anderen bleiben ohne Aussicht auf Erfolg, werden durch den Misserfolg entmutigt und gedemütigt.
Schüler mit recht unterschiedlichen Leistungen erhalten die selbe Note, da die Leistungen nur mit Hilfe einer sechsstufigen Skala beurteilt werden können. So werden Durchschnittswerte berechnet, die dann auf oder abgerundet werden.
Folgende Befunde (Ingenkamp 1971; Kleber 1976; Schwarzer 1977) sprechen dafür, den pädagogischen Wert der Zensuren in Zweifel zu ziehen: Die gleiche Leistung wird von Schule zu Schule, von Klasse zu Klasse und von Lehrer zu Lehrer unterschiedlich bewertet.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Leistungsbeurteilung in der Schule: Analysiert den gesellschaftlichen Auftrag der Schule sowie die psychologischen Grundlagen der Leistungsmotivation von Schülern.
II. Formen der Leistungsbeurteilung/-kontrolle: Untersucht kritisch die Funktion von Zensuren, deren negative Aspekte, das Konzept verbaler Gutachten und diverse standardisierte Schulleistungstests.
III. Leistungsbewertung im offenen Unterricht: Erläutert Bewertungsmethoden in Unterrichtsformen wie Freiarbeit und Wochenplanarbeit unter Verwendung von Beobachtungsbögen.
IV. Leistungsbeurteilung für Eltern und Lehrer in Form von Zeugnissen: Beschreibt Ansätze, wie durch den Perspektivwechsel (Zeugnisse durch Kinder für Eltern/Lehrer) gegenseitiges Verständnis und die Reflexion von Erwartungen gefördert werden können.
V. Alternative zu Ziffernnoten: Führt das Portfolio als Instrument der direkten Leistungsvorlage ein, bei dem Lernprozesse dokumentiert statt nur normiert beurteilt werden.
Schlüsselwörter
Leistungsbeurteilung, Schule, Zensuren, Leistungsmotivation, Selektion, Qualifikationsfunktion, Wortgutachten, Schulleistungstests, Beobachtungsbogen, Portfolio, Leistungsdruck, Chancengleichheit, Bildungsauftrag, Pädagogische Diagnostik, offener Unterricht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch die Mechanismen der Leistungsbeurteilung im Bildungswesen, beleuchtet deren soziologische Funktionen und stellt alternative Ansätze zur klassischen Zensurengebung vor.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf dem gesellschaftlichen Auftrag der Schule, der Psychologie der Leistungsmotivation, den Problemen bei der Notengebung und der Einführung alternativer Beurteilungsformen wie Portfolios.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass herkömmliche Zensuren oft pädagogisch fragwürdig sind, und Möglichkeiten für eine differenziertere, motivierendere Leistungsrückmeldung zu erörtern.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung, die sich auf empirische Befunde zur Zensurengebung und pädagogische Konzepte zur Leistungsbeurteilung stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst eine tiefgehende Analyse der Zensurenfunktion, Fehlerquellen bei der Bewertung, eine Übersicht gängiger Schulleistungstests sowie praxisnahe Ansätze für offenen Unterricht und Portfolio-Arbeit.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Leistungsbeurteilung, Selektion, Motivationsförderung, differenzierte Leistungsrückmeldung und alternative Dokumentationsformen wie Portfolios.
Warum kritisiert die Arbeit die klassische Zensurenvergebung?
Die Kritik basiert auf der Unzulänglichkeit einer bloßen Zahl als Abbild komplexer Lernleistungen sowie auf negativen psychologischen Effekten, wie der Stigmatisierung von Schülern als Gewinner oder Verlierer.
Welche Rolle spielen Portfolios laut dem Text?
Portfolios dienen als Instrument der Dokumentation von Lernwegen, bei denen die Lernenden Verantwortung übernehmen, Ziele selbst setzen und Lernerfolge individuell belegen können.
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- Sam Körber (Author), 2001, Leistungsbeurteilung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1159