Empirische Studie zur Angst von Sportlehrern


Examensarbeit, 2007
169 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenund Abbildungsverzeichnis

1 Problemstellung

2 Zur Angst und Angstbewältigung von Sportlehrern
2.1 Theoretische Grundlagen der Emotion Angst
2.1.1 Definitionsversuch der Angst
2.1.2 Differenzierung des Angstbegriffes
2.1.3 Theorien der Angstentstehung
2.1.4 Die Psychophysiologie der Angst
2.1.4.1 Stellenwert der Psychophysiologie
2.1.4.2 Physiologische Emotionsund Angsttheorien
2.1.4.3 Neurobiologische Grundlagen der Angstentstehung
2.1.4.4 Interaktion der Hirnregionen bei Angstzuständen
2.2 Theoretische Grundlagen der Angstbewältigung
2.3 Die Angst von Sportlehrern
2.3.1 Lehrerangst
2.3.2 Spezifische Tätigkeitsanforderungen des Sportunterrichts
2.3.3 Angst von Sportlehrern
2.4 Spezifische Fragestellung

3 Methodik
3.1 Untersuchungsverfahren
3.1.1 Das fokussierte Interview
3.1.2 Der Interview-Leitfaden
3.2 Untersuchungspersonen
3.3 Untersuchungsdurchführung
3.4 Untersuchungsauswertung

4 Darstellung und Diskussion der Ergebnisse
4.1 Angst in der Interaktion zwischen Lehrer und Schüler
4.1.1 Angst in Bezug auf die sportunterrichtspezifische Interaktion
4.1.2 Angst in Bezug auf die sportunterrichtsspezifische Methodik
4.1.3 Angst in Bezug auf die physische Belastung
4.1.4 Angst in Bezug auf die sportunterrichtsspezifische Notengebung
4.1.5 Angst in Bezug auf die Organisationsstruktur
4.2 Angst innerhalb des Tätigkeitsfeldes des Sportlehrers
4.2.1 Versagensangst
4.2.2 Konfliktangst
4.2.3 Herrschaftsangst
4.2.4 Unbewusste Angst
4.2.5 Existenzangst
4.2.6 Trennungsangst
4.2.7 Personenangst
4.2.8 Strafangst
4.3 Angstbewältigung

5 Zusammenfassung

6 Literatur

7 Anhang
7.1 Probandeninformation
7.2 Interviewleitfaden
7.3 Interview

Tabellenund Abbildungsverzeichnis

Tabellen

Tabelle 2.1 Systematik der Angststrukturen bezogen auf die Tätigkeitsbereiche des Lehrers (Vgl. Weidenmann, 1983, S. 82)

Tabelle 2.2 Belastungssituationen innerhalb der Bezüge unterrichtlichen Handelns (nach König, 2004, S. 154-156)

Tabelle 2.3 Veränderungen der belastenden Tätigkeitsanforderungen im Sportunterricht (nach Miethling, 2001, S. 173-175)

Tabelle 2.4 Sammlung kritischer Vorfälle im Sportunterricht (Treutlein, et al., 1996, S. 207-221)

Tabelle 3.1 Personenbezogene Daten der befragten Sportlehrer

Tabelle 3.2 Personenbezogene Daten der befragten Sportlehrer

Abbildungen

Abbildung 2.1 Schematischer Vergleich der Emotionstheorien (von oben nach unten: Ziele der Emotionsforschung, James-Lange-Theorie, Cannon-Bard- Theorie, Theorie von Schachter und Singer)

Abbildung 2.2 Gliederung des menschlichen Nervensystems

Abbildung 2.3 Limbisches System in zwei Ansichten (Schandry, 2006)

Abbildung 2.4 Lehrerängste (nach Winkel, 1979, S. 63f)

Abbildung 2.5 Belastungsfaktoren im Sportunterricht

Abbildung 2.6 Dimensionen des unterrichtlichen Handlungsspielraums von Sportlehrern, Qualifikationsbereiche und Beispiele angstauslösender Situationen (nach Hackfort & Schwenkmezger, 1982, S. 411)

Abbildung 4.1 Angstauslösende Unterrichtssituationen nach Häufigkeit der Nennungen

1 Problemstellung

Angst bei Lehrern? Die gibt es doch gar nicht! Sie darf es gar nicht geben! Wie soll denn ein Lehrer Schüler unterrichten, vor denen er Angst hat?

Doch immer mehr Lehrer haben Ängste und wenden sich an psychologische Beratungsstellen oder beginnen eine Psychotherapie. Unter Schulangst kann man nicht länger nur die Angst der Schüler verstehen, sondern auch die des Lehrers. Auch wenn sich in den letzten Jahren die Untersuchungen zum Thema Lehrerangst mehrten, bleibt es immer noch ein Tabuthema.

„Verpönt ist, was einer hat, wenn er es eigentlich nicht haben darf: die Angst des Lehrers vor seinem Schüler [...]. Diese ist eine bedrängende Realität, und eben weil sie eine bedrängende ist, wird sie über weite Strecken verleugnet.“ (Brück, 1986, S. 9)

Lehrer leiden heutzutage unter Ängsten, da sie einem enormen Belastungsdruck ausgesetzt sind, welcher eine derartige Problematik darstellt, die nicht mehr rein schulintern zu bewältigen erscheint und somit auch ins öffentliche Interesse vorgerückt ist. Tageszeitungen, Fernsehreportagen und andere Publikationen berichten viel zu oft nur über die Folgen dieser Misere: Berufsunzufriedenheit, hohe Krankheitsanfälligkeit und vorzeitiges Ausscheiden aus dem Beruf, um nur einige zu nennen. Eine Ursachenanalyse wird in den wenigsten Fällen vollzogen. Die Angst des Lehrers als Resultat eines komplexen Anforderungsund Tätigkeitsprofils bleibt daher unberücksichtigt.

Vor allem für Sportlehrer sollte das Phänomen Lehrerangst sehr real sein, da sie einem wesentlich höheren Belastungsdruck ausgesetzt sind als andere Lehrer.

„Sportlehrer? Das sind doch diejenigen, die einen besonders leichten Job in der Schule haben: keinen Stress mit Schülern […], keinen Ärger mit der Notengebung […] – keinerlei Unterrichtsvorbereitung […]. Immer braungebrannt, strahlend vor Energie und Tatkraft […].“

Zugegebenermaßen ein wenig überzeichnet, beschreibt Claus Thomann (2006) das öffentliche Bild des Sportlehrers. Doch werden die Anforderungen an die Tätigkeit des Sportlehrers selten realistisch eingeschätzt.

Da die Diskrepanz zwischen der kaum überschaubaren psychologischen Literatur zum Thema Angst und den sehr übersichtlichen Publikationen zum Thema Lehrerangst - Sportlehrerangst nicht befriedigend sein kann, sollte vor allem die empirische Sozialforschung Aufklärungsarbeit leisten.

Die Arbeiten von Brück (1978) und Weidenmann (1978) sind daher auch heute noch als grundlegend für Untersuchungen zum Thema Lehrerangst anzusehen. Beide Arbeiten stufen die Angst des Lehrers als seiner Tätigkeit inhärent ein. Auf Grundlage der beiden Arbeiten legte Winkel (1979) eine erste Kategorisierung von Lehrerängsten vor.

Vor allem Miethling (1986) sowie Hackfort und Schwenkmezger (1982) versuchten diese Ansätze auf die Tätigkeit des Sportlehrers zu beziehen und spezifisches Angsterleben dieser Berufsgruppe zu ergründen. In diesem Zusammenhang untersuchte Widmer (1982) die Lehrer-Schüler-Interaktion im Sportunterricht auf ihr Angstpotenzial.

In den letzten Jahren ist vor allem auf die praktischen Arbeiten von Jehle und Nord-Rüdiger (1991) und Jehle und Krause (1994) hinzuweisen.

Der Schwerpunkt dieser Arbeit ist die Durchführung einer Untersuchung zum Phänomen der Lehrerangst, am speziellen Beispiel der Sportlehrer.

Aufbauend auf einer theoretischen Betrachtung der Angst bei Sportlehrern soll mit Hilfe fokussierter Einzelinterviews die subjektiven Empfindungen der jeweiligen Sportlehrer in angstauslösenden Situationen erfasst werden. Hierbei werden neben den unmittelbaren Angstreaktionen auch die individuell verschiedenen Bewältigungsstrategien im Umgang mit der eigenen Angst dargestellt. Das Auftreten und die Häufigkeit von Angstzuständen in spezifischen Situationen sind hierfür zentral.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist zum einen die Information über die Ängste von Sportlehrern, zum anderen sollen Ansätze geschaffen werden, wie mit diesen Angstzuständen umgegangen werden kann. Eine weitere Zielsetzung ist die Erforschung angstauslösender Situationen, die sowohl spezifisch für die Tätigkeit der Sportlehrer sind als auch in deren subjektivem Erleben ähnlich geschildert werden. Hierbei wird versucht, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen weiblichen und männlichen sowie erfahrenen und unerfahrenen Sportlehrern aufzuzeigen.

In der vorliegenden Arbeit wird aufgrund der besseren Verständlichkeit auf eine Trennung zwischen weiblichen und männlichen Personenbezeichnungen verzichtet.

2 Zur Angst und Angstbewältigung von Sportlehrern

Der erste Abschnitt vermittelt theoretische Grundlagen der Emotion Angst und der Angstbewältigung. Ausgehend von der Definition der Angst als Emotion, sollen einige Theorien der Angstentstehung die Komplexität des Angstphänomens aufzeigen. Nachfolgend werden neurologische Theorien vorgestellt, auf denen aktuelle Ergebnisse der experimentellen Angstforschung gründen. Aufbauend auf diesen theoretischen Grundlagen schließt sich eine Betrachtung der Angst bei Sportlehrern an. Hier werden Untersuchungen zur Angst von Lehrern im Allgemeinen und zur Angst von Sportlehrern im Spezifischen vorgestellt.

2.1 Theoretische Grundlagen der Emotion Angst

Angst gehört zu den fundamentalen Themen der menschlichen Existenz. Sie ist seit Jahrhunderten Gegenstand von Philosophie und Dichtkunst. Jeder Mensch kennt das unangenehme Gefühl der Angst, sowohl auf der emotionalen, wie auch auf der physiologischen Ebene. Angst ist ein komplexes Phänomen, das in seinem Facettenreichtum zahlreiche theoretische Konzeptionen hervorrief und während der 100-jährigen Angstforschung immer wieder analysiert wurde. In der Fachliteratur wird Angst den so genannten grundlegenden Emotionen zugeordnet. Für das fundamentale Verständnis von Angst sind daher einige Kenntnisse über Emotionen nötig. Emotionen können als komplexe, qualitativ unterschiedliche Zustände des Organismus definiert werden, die sowohl physische als auch physiologische und motorische Komponenten aufweisen (Krohne, 1975, S. 10).

Schönpflug und Schönpflug (1997, S. 377) bezeichnen Emotionen auch als Zustand der Aktiviertheit (Aktivation). Die Intensität der Aktiviertheit ist dabei, laut Bourne und Ekstrand (2005, S. 276-278), abhängig von der Summe aller inneren und äußeren Reize, die auf einen Organismus einwirken. Der Organismus ist in der Lage, die Aktivation zu regulieren und versucht, diese nahe dem optimalen Niveau zu halten. Das jeweilige Optimum ist sowohl personen- als auch situationsspezifisch. Übersteigt das Aktivierungsniveau das Optimum, versucht der Organismus dieses herabzusetzen. Eine Vergrößerung der Stimulierung tritt nur als Folge eines Aktivierungsniveaus auf, welches unterhalb des Optimums liegt. So ist ein Anstieg der Erregung anhand

des subjektiven Erlebens, des sprachlichen Ausdrucks,

des nicht-sprachlichen Ausdrucks,

der sichtbaren Tätigkeit,

und der physiologischen Aktivität erkennbar (Schonpflug & Schonpflug, 1997, S. 377).

Da eine exakte Definition voraussetzen würde, den Untersuchungsgegenstand in all seinen Erscheinungsformen genau zu kennen, können für Forschungsvorhaben nur vorläufige Definitionen dienen. Für die theoretische Erklärung emotionaler Empfindungen nutzt die Wissenschaft daher Hypothesen oder Konstrukte, die sich überprüfen lassen. Solche Arbeitsdefinitionen haben durchaus einen provisorischen Charakter, spiegeln aber dennoch den aktuellen Erkenntnisstand wieder.

Kleinginna und Kleinginna (1981, S. 335) formulierten beispielsweise eine sehr breite Arbeitsdefinition, in dem sie die Gemeinsamkeiten von etwa 100 Definitionen berücksichtigten. Sie bezeichnen Emotionen als Interaktionsgefüge, das von neurologischen und hormonellen Systemen vermittelt wird.

„Emotion is a complex set of interactions among subjective and objective factors, mediated by neural-hormonal systems, which can (a) give rise to affective experiences such as feelings of arousal, pleasure/displeasure; (b) generate cognitive processes such as emotionally relevant perceptual effects, appraisals, labeling processes; (c) activate widespread physiological adjustments to the arousing conditions; and (d) lead to behavior that is often, but not always, expressive, goaldirected, and adaptive.“

Eine zeitgemäße, den aktuellen Forschungsstand widerspiegelnde Arbeitsdefinition ist bei Oatley und Jenkins zu finden (1996, S. 96):

„(1) An emotion is usually caused by a person consciously or unconsciously evaluating an event as relevant to a concern (a goal) that is important; […]. (2) The core of an emotion is readiness to act and the prompting of plans; an emotion gives priority for one or a few kinds of action to which it gives a sense of urgency – so it can interrupt, or compete with, alternative mental processes or actions. […] (3) An emotion is usually experienced as a distinctive type of mental state, sometimes accompanied or followed by bodily changes, expressions, actions.“

Die Autoren sehen in den individuellen Situationsbewertungen den Auslöser für Emotionen. Dabei verweisen sie auf die Handlungsbereitschaft und die hierarchische Abfolge von Handlungen, die emotional bedingt sind. Emotionen werden dabei als spezifisch mentaler Zustand, der körperliche Veränderungen aufweist, bezeichnet.

Meyer, Schützwohl und Reisenzein (2001, S. 24) schlagen eine zweiteilige Arbeitsdefinition vor:

„(1) Emotionen sind zeitlich datierte, konkrete einzelne Vorkommnisse von zum Beispiel Freude, Traurigkeit, Ärger, Angst, […] sowie weiterer Arten von psychischen Zuständen, die den genannten genügend ähnlich sind.

(2) Diese Phänomene haben folgende Merkmale gemeinsam: (a)Sie sind aktuelle psychische Zustände von Personen (b)Sie haben eine bestimmte Qualität, Intensität und Dauer. (c)Sie sind in der Regel objektgerichtet.

(d)Personen, die sich in einem dieser Zustände befinden, haben normalerweise ein charakteristisches Erleben (Erlebensaspekt von Emotionen), und häufig treten auch bestimmte physiologische Veränderungen (physiologischer Aspekt von Emotionen und Verhaltensweisen (Verhaltensaspekt von Emotionen) auf.“

Während die subjektive Empfindung einer Emotion, das Gefühl, als Erlebensaspekt bezeichnet wird, fassen die Autoren unter dem physiologischen Aspekt die körperlichen Veränderungen, die sich zum Beispiel in einem beschleunigten Herzschlag, feuchten Händen oder dem Erröten der Haut äußern, zusammen. Den Verhaltensaspekt sehen die Autoren im motorischen Ausdruck, in der Mimik und Gestik oder der Körperhaltung sowie in den Handlungen des Individuums.

Für Schönpflug und Schönpflug (1997, S. 383) sind nicht Ereignisse emotionsauslösend, sondern die Bewertung der Ereignisse durch die Person. Emotionen definieren sie als „Bewertung der Welt in ihrem Bezug zur eigenen Person“. Die Bewertung kann handlungsvorbereitend, handlungsbegleitend und handlungsnachfolgend auftreten. Die Autoren sehen darin eine langfristige Objektbeziehung, die Handlungen anleitet oder begleitet.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Emotionen eine physiologische, kognitive, motorische und eine subjektiverlebende Komponente aufweisen. Des Weiteren werden Emotionen durch die individuelle Bewertung externer und interner Reize, die für die zentralen Bedürfnisse bedeutsam sind, ausgelöst.

2.1.1 Definitionsversuch der Angst

Die Versuche, eine feststehende Definition von Angst zu finden, können vor dem Hintergrund der Definitionsansätze von Emotionen nicht über eine Arbeitsdefinition hinausreichen. Der nachfolgende Definitionsversuch stellt verschiedene Konzepte und Arbeitsdefinitionen der Angst vor. Im Anschluss werden wesentliche Theorien der Angstentstehung vorgestellt.

Die Komplexität des Angstphänomens findet sich in William James Ausspruch über die Aufmerksamkeit, der sich auch auf eine Definition von Angst beziehen lässt, wieder: „Everyone knows what an emotion is […] until one is asked to give a definition“ (Fehr & Russell, 1984, S. 464).

Eine genaue und anerkannte Definition der Angst kann es daher kaum geben, da das Phänomen zu vielschichtig ist. Die unterschiedlichen Zugänge haben eher die Komplexität und Vielschichtigkeit des Phänomens bestätigt, als zu einer einheitlichen Definition geführt (Jehle & Krause, 1994). Eine wissenschaftlich brauchbare Definition von Angst sollte durch operationale Kriterien belegt werden. Sie stellt somit keine endgültige Definition dar, da sie nur einen Teil des zu definierenden Gegenstandes bezeichnet, der die jeweilige theoretische Orientierung des Wissenschaftlers präsentiert (Levitt, 1979, S. 12).

Eine semantische Definition von Angst führt den Wortursprung auf das althochdeutsche angust zurück. Angust wiederum ist aus dem lateinischen angustiae (Enge) bzw. dem Wort angere (zuschnüren, beklemmen) abgeleitet (Kasper, 1995, S. 24).

Das Psychologie-Lexikon unterscheidet zwischen dem Alltagsbegriff Angst und dem psychologischen Konstrukt Angst. Während der alltägliche Angstbegriff, dem Wortursprung folgend, einen vorübergehenden körperlichen Beklemmungszustand beschreibt, ist der psychologische Angstbegriff, bedingt durch den Fortgang der Forschung, permanenten Veränderungen ausgesetzt. Im Wesentlichen wird auch hier zwischen Zustandsangst und Ängstlichkeit (Eigenschaftsangst) unterschieden (Thurner, 1999, S. 29).

Die unterschiedlichen Ansätze der Angstforschung spiegeln sich auch in einer Auflistung der gängigen wissenschaftlichen Definitionen wider.

Für Morschitzky (2004, S. 1) ist Angst ein biologisch festgelegtes Alarmsignal in Gefahrensituationen und schützt, wie auch das Schmerzempfinden, das Individuum.

Nach Selye (1988) ist die Angst eine unspezifische Alarmreaktion des Körpers in akuten Belastungssituationen. Bei Gefahren ist so eine schnelle, unbewusste und automatisch ablaufende Alarmreaktion zur Sicherung des Lebens möglich.

Bei Schwarzer (2000, S. 88) verläuft die multimodale Angstreaktion sowohl auf kognitiver als auch auf physiologischer Ebene und lässt sich anhand der folgenden Messebenen diagnostizieren: körperliche Veränderungen, Verhaltensänderungen, Gefühlsausdruck und subjektives Angsterleben.

Rachman (2000, S. 9) bezeichnet Angst als „angespannte Erwartung eines bedrohlichen, aber unbestimmten Ereignisses“. Der Angstzustand ist durch erhöhte Aufmerksamkeit und Reaktionsbereitschaft gekennzeichnet.

Krohne (1975, S. 11) definiert Angst als einen emotionalen Zustand des Organismus, der bestimmt ist „durch einen als betont unangenehm erlebten Erregungsanstieg angesichts der Wahrnehmung einer komplexen und mehrdeutigen Gefahrensituation, in der eine adäquate Reaktion des Individuums nicht möglich erscheint“. Dabei ist die Angstemotion durch „erhöhte Aktivität des autonomen Nervensystems sowie durch die Selbstwahrnehmung von Erregung“ (Krohne, 1996, S. 8) gekennzeichnet.

Bei Hackfort und Schwenkmezger (1985, S. 19) steht vor allem der kognitive Aspekt der Angst im Mittelpunkt: „Angst ist eine kognitive, emotionale und körperliche Reaktion auf eine Gefahrensituation bzw. auf die Erwartung einer Gefahrenoder Bedrohungssituation“. Die kognitive Komponente bezieht sich dabei auf die subjektiven Bewertungsprozesse und die Selbstreflexion der Person.

Wie der Abschnitt zeigt, liefert die Forschung eine Reihe von Definitionen der Angst. Der vorliegenden Arbeit wird daher eine Arbeitsdefinition der allgemeinen Angst, in Anlehnung an Krohne (1975), zugrunde gelegt:

Angst ist demnach ein emotionaler Erregungsund Belastungszustand, der als unangenehm empfunden wird und angesichts der Wahrnehmung einer komplexen Gefahrensituation, eine antizipierte Nichtbewältigung nach sich zieht.

Eine genauere Arbeitsdefinition der Lehrerangst wird in Kapitel 2.3.3 vorgenommen.

2.1.2 Differenzierung des Angstbegriffes

Da die Definitionen für das Verständnis von Angst nicht ausreichend sind, ist es sinnvoll, weitere Angstkonzepte und die ihnen innewohnenden Differenzierungen zu betrachten. Auch die Abgrenzung zu wesensverwandten Emotionen, wie Stress und Furcht, ist für eine genauere Begriffsbestimmung wichtig. Im Folgenden wird zunächst Angst gegenüber Furcht abgegrenzt. Aufbauend auf den bereits vorgestellten Definitionen folgt das Beziehungsgefüge zwischen Angst und Aktivierung sowie die Unterscheidung von Angst und Stress. Abschließend wird auf das Konzept von Angst als Zustand und als Persönlichkeitsmerkmal eingegangen.

(1) Angst und Furcht

Die Unterscheidung zwischen Angst und Furcht, die im Sprachgebrauch häufig synonym verwendet werden, ist ein beständig diskutiertes Problem der Wissenschaft. Bereits für Freud (1991) besteht der Unterschied zwischen Angst und Furcht in den auslösenden Reizen. Während Furcht immer durch Objekte ausgelöst wird, treten Angstzustände auch in Folge von abstrakten Reizen auf. Für Rost (2005, S. 289) ist Angst ein Gefühl, das zu Fluchtoder Vermeidungshandlungen motiviert. Furcht hingegen ist für ihn eine Erwartungshaltung, die Schäden und körperliche Beeinträchtigung antizipiert.

Krohne (1975, S. 11) unterscheidet Angst und Furcht anhand der auslösenden Bedingungen und der Konsequenzen beider Zustände. Angst wird durch komplexe und unbestimmte Reize hervorgerufen, die eine angemessene Reaktion unmöglich erscheinen lassen (Reaktionshemmung). Furcht hingegen wird durch einen eindeutigen Gefahrenreiz verursacht, der eine spezifische Handlungskonsequenz, die Flucht, auslöst.

Epstein (1977, S. 240) definiert Angst als ungerichtete Aktivierung, die auf einen unsicheren Stimulus zurückzuführen ist. Angst unterscheidet sich von Furcht darin, so der Autor weiter, dass sie kein spezifisches Fluchtoder Vermeidungsverhalten erweckt. Diese Reaktionshemmung resultiert aus einer Unsicherheit, die keine Zuordnung der empfundenen Gefährdung in den Kategorien Art, Intensität und Zeitpunkt des Auftretens zulässt. Eine weitere Ursache kann eine Blockade sein, bei der trotz entsprechender Informationen über die Gefahrenquelle eine adäquate Reaktion nicht möglich ist. Kommt es zur Handlungsentscheidung, ist dieser ungerichtete Zustand des Individuums vorüber.

Nach Epstein (1977, S. 242) geht die Angst der Furcht voraus, da sie aus der Antizipation eines hohen Aktivierungsniveaus entsteht, das in kognitives und motorisches Vermeidungsverhalten kanalisiert wird.

Für Lazarus (1966, S. 310) steht Angst in einem direkten Beziehungsgefüge zu einer Bedrohungsbewertung, während Furcht einen Affekt bezeichnet, der durch eine Handlungstendenz, zur Bewältigung des Bedrohungszustandes, gekennzeichnet ist. Der Furcht folgt ein Vermeidungsimpuls in Form einer Fluchthandlung. Dabei ist ein grundlegender Aspekt von Furcht die Existenz eines Objekts, vor dem sich das Individuum fürchtet.

Eine scharfe Trennung zwischen Angst und Furcht ist allerdings nicht möglich. Nach der Wahrnehmung der Gefahr ändert sich der Affekt von Angst zu Furcht kontinuierlich. Ein Handlungsentschluss trennt daher den ungerichteten Zustand der Angst von der gerichteten Furcht ab (Epstein, 1977, S. 241). Raether (1982, S. 22) schlägt daher vor, im Zusammenhang mit Lehrerängsten auf eine Unterscheidung zwischen Angst und Furcht zu verzichten und nur den Terminus Angst zu verwenden. Angst wird dabei durch ein Gefühl der Bedrohung ausgelöst und beschreibt einen unangenehmen emotionalen Zustand.

(2) Angst und Aktivierung

Psychophysiologische Erregung wird bei Schönpflug und Schönpflug (1997, S. 387) als Zusammenspiel der emotionalen Belastung und der äußeren Beanspruchung definiert. Dieser Zustand lässt sich auch als Aktivierung des Organismus bezeichnen. Epstein (1977, S. 237) sieht darin eine Reaktion auf jede intensive Stimulation, also auch auf positive und erfreuliche Reize.

Angst ist hierbei eine Aktivierung, die aus der Wahrnehmung einer Gefahr resultiert.

Nach der Yerkes-Dodson-Regel ist für eine schwierige Aufgabe ein geringeres Aktivierungsniveau optimal, während für einfache Aufgaben ein wesentlich höheres Niveau angestrebt wird. Je schwieriger oder komplexer also die situativen Anforderungen sind, desto niedriger liegt das Optimum des Aktivierungsniveaus (Bourne & Ekstrand, 2005, S. 277).

Während die emotionale Erregung in Angstzuständen ansteigt, wird beispielsweise das Selbstvertrauen angegriffen und abgeschwächt. In diesen Situationen konzentriert sich die Wahrnehmung eher auf die eigene Erregung und die emotionale Desorganisation, was dann zu einer Leistungsverschlechterung führt (Schonpflug & Schonpflug, 1997, S. 380f).

Hackfort und Schwenkmezger (1985) bezeichnen Aktivierung als Voraussetzung für motorische Handlungen. Eine klare Unterscheidung verschiedener Emotionen anhand der Aktivierung ist nur schwer nachzuweisen. Die Autoren sehen dennoch sehr hohe und sehr niedrige Aktivierungsniveaus in Angstsituationen als leistungshemmend an. Auf die Verknüpfung zwischen Aktivierung und neurophysiologischen Prozessen wird in Kapitel 2.1.4.4 näher eingegangen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Aktivierungsgrad in Angstsituationen, vor allem in Prüfungssituationen und Wettkämpfen, relevant ist. In diesen Situationen wirkt sich die angstbedingte Aktivierung hinderlich auf die Leistung des Individuums aus.

(3) Angst und Stress

Der Begriff Stress bezeichnet externe Stimulusbedingungen, die sich durch einen Grad an objektiver Gefahr auszeichnen. Während Stress als objektive Situationsbewertung bezeichnet wird, bezieht sich der Begriff Bedrohung auf die subjektive Bewertung. Eine Situation kann entweder als psychische oder physische Bedrohung wahrgenommen werden. Psychische Bedrohungen entstehen aufgrund von Reizen, die auf eine Beeinträchtigung der Gesundheit oder auf Schmerzen hinweisen. Eine psychische Bedrohung entsteht durch die Minderung des Selbstwertgefühls. Aus dieser Bewertung resultiert laut Schwenkmezger (1985, S. 10f) eine Reaktion, die als Zustandsangst bezeichnet wird. Ganz im Sinne Spielbergers (1972) unterscheidet er zwischen den angstauslösenden Faktoren Stress, Bedrohung und Angst (Zustandsangst).

Mit dem Begriff der Zustandsangst wird eine emotionale Reaktion des Individuums bezeichnet, das eine Situation als bedrohlich wahrnimmt (bewertet), unabhängig davon, ob objektiv eine Gefahr existiert. Diese Situation kann durch vorhergehende Stressempfindung gekennzeichnet sein. Es ist anzunehmen, dass ein als bedrohlich bewerteter Reiz zu einer Erhöhung der Zustandsangst führt.

Bei Hackfort und Schwenkmezger (1985) werden Stressoren ebenfalls als objektive Reize bezeichnet, wobei eine klare Trennung zwischen Stressund Angstbegriff nicht immer möglich ist. So fehlen häufig empirische Methoden, um Angst und Stress durch spezifische Reaktionsmuster voneinander zu trennen.

Es lässt sich festhalten, dass Stress durch bedrohlich erlebte Situationen entsteht und eine Nicht-Bewältigung antizipiert wird, die dann ein Angstgefühl auslösen kann.

(4) Angst als Zustand und als Persönlichkeitsmerkmal

Nach Spielberger (1972) kann Angst ein situativ erlebtes Gefühl (Zustand) oder eine Wesenseigenschaft (Persönlichkeitsmerkmal) sein. Die Zustandsangst wird auch als stat-anxiety (A- State) bezeichnet, während die Eigenschaftsangst als Ängstlichkeit oder trait-anxiety (A- Trait) bezeichnet wird. Der Autor bezieht sich in seiner Theorie auf die bereits von Cattell und Scheier (1960) vorgenommene Unterscheidung der beiden Angstformen:

„The trait anxiety factor was interpreted as measuring stable individual differences in a unitary, relatively permanent personality characteristic. The state anxiety factor was based on a pattern of variables that covaried over occasions of measurement, defining a transitory state or condition of the organism which fluctuated over time.“ (1972, S. 13)

Neben der Beziehung zwischen A-State und A-Trait verweist der Autor (1972) auch auf die Beziehung zwischen Angstreaktion und erlernter Handlungskompetenz des Individuums.

Ein als bedrohlich bewerteter externer Reiz löst demnach einen Angstzustand aus. Der Bewertungsprozess prüft Handlungsund Reaktionsmöglichkeiten, die dem Individuum zur Verfü- gung stehen, um die Bedrohung abzuwenden. Spielberger geht dabei von einem direkten Einfluss des A-Trait auf den Bewertungsprozess aus (Schwenkmezger, 1985, S. 12f).

Bei Schwarzer (2000, S. 88) findet man eine ähnliche Unterscheidung. Er definiert die Zustandsangst als „akute Reaktionsweise“ und die Eigenschaftsangst, die er als Ängstlichkeit ausweist, als „chronische Erregungsbereitschaft“. Der Autor bezieht sich in seinen Ausführungen auf Spielbergers State-Trait-Anxiety-Theorie. Die Annahme, dass die Ängstlichkeit in selbstrelevanten Situationen wesentlichen Einfluss auf die Auslösung der Zustandsangst hat, ist für Schwarzer situationsabhängig.

Zusammengefasst stellt die Zustandsangst eine emotionale Reaktion auf bedrohliche Reize dar, während die Eigenschaftsangst eine andauernde Disposition einer Person bezeichnet, auf viele Reize ängstlich zu reagieren.

2.1.3 Theorien der Angstentstehung

Wie schon der Versuch einer Definition des Angstbegriffes zeigte, lässt sich das vielschichtige Phänomen in seiner Komplexität nur schwer fassen. Die Angstforschung versucht seit vielen Jahren die Ursachen der Angstgenese zu ergründen. Dabei näherte man sich den Ursachen der Angst aus verschiedenen wissenschaftlichen Richtungen. Im Folgenden wird auf die wichtigsten theoretischen Ansätze und deren Beitrag zum Verständnis der Entstehung von Angst eingegangen. Während die beiden älteren Ansätze, der psychoanalytische und der behavioristische, nur kurz vorgestellt werden, wird der auf Spielbergers State-Trait-Angstmodell aufbauende kognitive Ansatz näher behandelt.

(1) Die Psychoanalytische Theorie

Als Pioniere der Angstforschung sind Siegmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, und John B. Watson, ein Vertreter des Behaviorismus, zu nennen.

Ging Freud noch in seiner ersten Angsttheorie (1895) davon aus, dass Angst (Angstneurose) eine physiologische Reaktion auf chronische Orgasmusunfähigkeit des Individuums ist, so beschrieb er in seiner zweiten Theorie (1926) Angst als einen überhöhten physiologischen Erregungsoder Spannungszustand. Das Individuum ist bestrebt, dieses Spannungsniveau durch unbewusste psychologische Aktionen zu reduzieren. In seiner Signaltheorie geht Freud von der Strukturhypothese des Physischen, bestehend aus Ich, Es und Überich aus. Die Disposition zwischen Ich (Verstand), Es (Trieb), Überich (moralisches Gewissen) und der Realität führt zu Konflikten. Das Ich versucht dabei die angstauslösenden Begierden des Es gegenüber der Realität und dem Überich zu kontrollieren. Konflikte mit einer realen Gefahr lösen eine Realangst aus. Können die zu großen Bedürfnisse des Es durch das Ich nicht befriedigt werden, so entsteht eine neurotische Angst. Versucht das Überich die triebhaften Wüsche des Es zu bestrafen, entsteht eine Gewissensangst, bei der das Ich ein Schuldgefühl empfindet. Angst ist bei Freud sowohl eine Reaktion auf bedrohliche Reize, als auch ein Motiv für den Abbau oder die Verdrängung von Triebspannungen. Sie kann ebenfalls als Resultat einer gescheiterten Verdrängung auftreten.

Freuds neurotische Angst ist durch eine allgemeine Ängstlichkeit gekennzeichnet, was einer Vorstufe von Spielbergers Unterscheidung in Zustandsund Eigenschaftsangst gleichkommt (Sorensen, 1993). Grundsätzlich unterscheidet Freud zwischen der zweckmäßigen Angst, die in bekannten Gefahrensituationen entsteht und einer unzweckmäßigen, die in neuen Gefahrensituationen ausgelöst wird. Während die Erste durch geeignete Reaktionen abgelöst werden kann, hat das Individuum für die Zweite keine angemessene Reaktionsmöglichkeit. Da sich seine theoretischen Annahmen einem direkten empirischen Nachweis entziehen, beschränkt sich Freuds Angst-Theorie auf ein hypothetisches Konstrukt (Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, S. 18f).

Seine Annahmen über Angst und deren Abwehrmechanismen wurden allerdings im Rahmen eines kritisch-psychologischen Ansatzes von Ute Holzkamp-Osterkamp (1978) weiterentwickelt.

(2) Die Behavioristische Angsttheorie

Ausführliche Zusammenfassungen der behavioristischen Ansätze bieten sowohl Hackfort und Schwenkmezger (1985) als auch Krohne (1996):

Für Watson war Angst eine klassisch konditionierte Reaktion, bei der neutrale Reize (CS) durch die Verbindung mit schmerzauslösenden Reizen (UCS) zu Angstsignalen werden. Diese lösen Reaktionen (CR) aus, die den Schmerzreaktionen sehr ähnlich sind, auch ohne deren aktuelle Konfrontation. Die Vorstellung, dass Angst durch einen Lernprozess erworben werden kann, geht auf Pawlows Entdeckung der Konditionierungsprozesse zurück. Erworbene Ängste generieren Verhaltensreaktionen (Fluchtoder Vermeidungsverhalten), die erfolgreich, im Sinne einer Angstabschwächung, wirken und dadurch verstärkt werden. Prinzipiell kann jeder neutrale Stimulus zu einem angstauslösenden Reiz konditioniert werden. Neben Watson und Rayner (1920) befasste sich bis heute eine Vielzahl von Forschungsarbeiten mit der Entstehung und Löschung erlernter Angstreaktionen. Seligman (1971) versuchte die Lö- schungsresistenz konditionierter Angstreaktionen mit Preparedness, einer biologischevolutionären Bereitschaft überlebenswichtige Reizverbindungen schneller zu erlernen und langsamer zu verlernen als andere Reizverbindungen, zu erklären. Biologisch-evolutionär vorgeformte Ängste sind zudem durch eine selektive Bindung an bestimmte Situationen und Irrationalität gekennzeichnet. Bereits 1939 präsentierte Mowrer in seiner Arbeit „A Stimulus- Response Theory of Anexiety“ die zentralen Thesen des Behaviorismus innerhalb seiner Angsttheorie. Seine Zwei-Phasen-Lerntheorie beschreibt das Erlernen von Angst, durch eine klassische Konditionierung (CS-UCS-Paradigma) und nachfolgende instrumentelle Konditionierung. Durch instrumentelles Lernen entstehen Vermeindungsreaktionen, die angstreduzierend wirken. Die zweite Phase ist dabei jedoch ausschlaggebend für die Angststabilisierung (Sorensen, 1993).

Miller (1948) konnte später die Zwei-Phasen-Lerntheorie am Tiermodell validieren. Als wichtige Erkenntnis für die weitere Angstforschung bleibt festzuhalten, dass die erlernte Angst ein Verhalten zur Angstreduktion aktiviert. Taylor und Spences gingen in ihrer Angst- Trieb-Theorie (1952) näher auf Hulls (1943) verhaltensmodifizierende Konstrukte ein und nahmen das Erregungsniveau, als leistungsbedingende Variable, zum Mittelpunkt ihrer Forschung. Sie betrachten Angst als angeborene Schutzfunktion des Organismus, während Ängstlichkeit ein Persönlichkeitsmerkmal darstellt. Das durch Ängstlichkeit gesteigerte Erregungsniveau wirkt dabei leistungsmindernd.

Die psychoanalytischen und behavioristischen Angsttheorien konnten menschliches Verhalten ebenso begrenzt erklären wie die Lerntheorien. Eine am Erregungsniveau orientierte Erklärung für Leistungsversagen und die Beschränkung auf Lernprozesse, als Grundlage für die Entstehung von Ängsten, erwies sich als unzureichend. Somit hielt in den 60er Jahren der Einfluss subjektiver Variablen auf das Angstempfinden Einzug in die Angstforschung. Als bedeutende Theoretiker sind weiterhin Albert Bandura (1976), Stanley Schachter (1966) und Richard S. Lazarus (1991; 1966) zu nennen (Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000).

(3) Spielbergers State-Trait-Modell

Als Vertreter der neueren Angstforschung ist vor allem C. D. Spielberger zu nennen. Sein Angstmodell wurde bereits in zahlreichen Publikationen vorgestellt (Spielberger; 1972; Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000; Schwenkmezger, 1985).

Es vereint Reiz-Reaktionstheoretische Elemente mit kognitiven Aspekten. Innerhalb seiner Theorie differenziert Spielberger zwischen Zustandsangst (A-State) und Eigenschaftsangst (A-Trait). Während die Zustandsangst als vorübergehender emotionaler Zustand beschrieben wird, ist die Eigenschaftsangst eine interindividuelle Angstdisposition. Personen mit einem hohen A-Trait-Niveau tendieren in Situationen, die als bedrohlich bewertet werden, häufiger zu Angstreaktionen als Personen mit niedrigem Niveau. Die Zustandsangst wird bei solchen Personengruppen sowohl in der Häufigkeit als auch in der Intensität vergleichsweise hoch ausfallen. Dafür bedarf es keiner Übereinstimmung der subjektiven Einschätzung mit der objektiven Gefahr der Bedrohung.

In Spielbergers Modell wird ein Angstzustand durch einen als Bedrohung bewerteten Reiz ausgelöst. Dieser Bewertungsprozess unterliegt sowohl dem Einfluss des A-Trait-Niveaus, als auch den innerorganischen Zuständen und biologischen Bedürfnissen. Die Reaktionsmöglichkeiten des Individuums werden auf Handlungsmuster zur Abwendung der Bedrohung geprüft (Schwenkmezger, 1985).

Die Bewertung der Situation als bedrohlich ist abhängig von der Situation an sich, der subjektiven Handlungskompetenz, der Persönlichkeitsdisposition und den zurückliegenden Erfahrungen. Die Person erlebt die erhöhte Zustandsangst physiologisch, kognitiv und auch emotional. Durch eine Aktivierung verschiedener Verhaltensweisen wird versucht, das Angstempfinden zu reduzieren. Anders als in den klassischen Angsttheorien, in denen ein reaktives Verhalten auf angstauslösende Reize postuliert wird, geht Spielberger von aktivem Verhalten in diesen Situationen aus (Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000).

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass Spielberger seine komplexe Modellvorstellung auf die Hypothese der Wirkung von Ängstlichkeit und situativer Bedrohung auf das Zustandsangstniveau reduzierte. Dennoch gibt der Autor kaum Auskunft über die Bedingungen, die zu einer Bedrohungsbewertung führen. Daher werden auch die daraus resultierenden kognitiven Prozesse und deren Relevanz für emotionale Prozesse nicht benannt (Krohne, Angst und Angstbewältigung, 1996).

(4) Kognitive Ansätze der Angstentstehung

Bandura validierte seine Theorie des Modell-Lernens, nach der Angst durch Zuschauen erworben und verlernt werden kann. Diese auf den frühen Lerntheoretikern aufbauende Erkenntnis fand vor allem in der Angsttherapie ihre Anwendung.

Weitaus elementarer sind allerdings die Ergebnisse von Schachter und Singer (1962), die annahmen, dass nicht nur physiologische Veränderungen emotionsauslösend wirken, sondern auch die kognitive Situationsbewertung entscheidend am Emotionserleben beteiligt ist. Sörensen (1993) merkt allerdings kritisch an, dass Angst nur als kognitive Deutung physiologischer Erregung (arousal) gesehen werden kann.

Anknüpfend an Schachter und Singer vertritt Lazarus die Meinung, dass diese Bewertung eine subjektive Interpretation der objektiven Situation darstellt (Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000, S. 26f).

Magda Arnold (1960) lieferte eine ähnliche Erklärung für die Prozesse zwischen Reiz und Reaktion. Arnold ging in ihrem „Bewertungskonzept“ von einer unbewussten mentalen Bewertung, der die Situation unterzogen wird, aus (LeDoux, 1998).

Lazarus (1996, S. 24) betrachtet in seiner Stresstheorie vor allem die kognitive Situationsbewertung („cognitive appraisal“). Das Subjekt nimmt eine erste unmittelbare Situationsbewertung vor („primary appraisal“), wägt verschiedene Handlungsmöglichkeiten ab („second appraisal“) und bewertet nach der Handlung die Effekte auf die Situation („re-appraisal“).

Die primary appraisal bewertet eine Situation hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf das körperliche Wohlbefinden. Dabei können drei Kategorien unterschieden werden: „(1) irrelevant,

(2) benign-positive, and (3) stressful“. Ist keine Beeinträchtigung des Wohlbefindens zu erwarten, wird die Situation als irrelevant bewertet. Wird die Situation als gutartig-positiv eingeschätzt, so ist ein Anstieg des Wohlbefindens zu erwarten. Situationsbewertungen, die als stressinduzierend eingestuft werden, sind auf Schaden/Verlust („harm/loss“), Bedrohung („threat“) und Herausforderung („challange“) zurückzuführen. Während Schaden und Verlust physisch oder psychisch existent sind, resultiert die Bedrohung aus einem antizipierten Schaden oder Verlust.

Angst „is an emotion based on the appraisal of threat, an appraisal which entils symbolic, anticipatory, and uncertain elements“ (Lazarus & Averill, 1972, 246f nach Hackford & Schwenkmezger, 1985, S. 129).

Als Herausforderung wird eine Situation dann eingeschätzt, wenn ihr ein potentieller Nutzen oder eine Zunahme anhaftet und somit positive Emotionen ausgelöst werden. Die bedrohliche Situation wird durch negative Emotionen, wie Furcht, Angst und Ärger, gekennzeichnet (Lazarus & Folkman, 1996, S. 32f).

Die Bewältigungsmöglichkeiten einer als „stressful“ eingeschätzten Situation sind Inhalt des secondary appraisal. Sie ist aber nicht als zweitrangige oder nachgeordnete Bewertung zu verstehen, vielmehr interagieren beide Bewertungen miteinander. Die Autoren (1996, S. 35) bezeichnen die sekundäre Bewertung als „complex evaluative process that takes into account which coping options are available, the likelihood that a given coping option will accomplished what it is supposed to, and the likelihood that one can apply a particular strategy or set of strategies effectively“.

Eine Neubewertung (reappraisal) bezieht sich auf neue Informationen über Umweltveränderungen, die eigenen Re aktionen oder psychische Prozesse. In dem Interaktionskreislauf von primärer und sekundärer Bewertung kommt der Neubewertung eine Reglerfunktion zu.

Die drei Bewertungsprozesse basieren auf Situationsvariablen („situational variables“), die Umweltbedingungen beschreiben, und auf Persönlichkeitsvariablen („dispositional variables“), welche die Eigenschaften und Einstellungen des Individuums beschreiben. Zwischen den voneinander abhängigen Variablen laufen die Bewertungsvorgänge ab (Hackfort & Schwenkmezger, Angst und Angstkontrolle im Sport. Sportrelevante Ansatze und Ergebnisse theoretischer und empirischer Angstforschung, 1985, S. 124-128).

2.1.4 Die Psychophysiologie der Angst

Das emotionale Erleben wird in der modernen Wissenschaft auf zwei Ebenen beschrieben: Zum einen auf der psychologischen Ebene (siehe Kapitel 2.1.3) und zum anderen auf der physiologischen Ebene. Moderne Emotionstheorien sind in der Psychophysiologie anzusiedeln. Sie versuchen, Emotionen (häufig Angst und Furcht) anhand der physiologischen Prozesse und Symptome psychologisch zu erklären. Pauli und Birbaumer (2000) bezeichnen psychophysiologische Emotionstheorien als Auseinandersetzung über die Wechselwirkung der motorischen, der physiologischen und der psychologischen Verhaltensebene. Unser Gehirn ist dabei die zentrale Schaltzentrale für die Auslösung emotionaler Reaktionen, deren Empfindung und deren reaktiven Verhaltensweisen.

Im folgenden Abschnitt soll zunächst ein kurzer Überblick über die physiologische Emotionsund Angstforschung geliefert werden. Daran anschließend werden grundlegende und bedeutende Untersuchungen emotionaler Mechanismen aufgeführt. Da die physiologischen Untersuchungen von Emotionen häufig anhand der Basisemotion Angst (Furcht) durchgeführt wurden, ist eine Übertragung der Emotionstheorien auf die Angstforschung gewährleistet, gefolgt von der Beschreibung grundlegender neurobiologischer Prozesse die dem besseren Verständnis der neurologischen Abläufe innerhalb des Angstgeschehens dienen sollen.

2.1.4.1 Stellenwert der Psychophysiologie

Im Laufe der Entwicklung der Angstforschung haben neurophysiologische und psychophysiologische Erkenntnisse Einzug in die theoretischen Modelle der Angst erhalten. Die Verbindungen zwischen kognitiven Prozessen sowie motorischen und physiologischen Reaktionen bei der Entstehung von Emotionen haben immer mehr Berücksichtigung gewonnen. Grund dafür ist die Weiterentwicklung technischer Methoden zur Erforschung und Erfassung dieser Prozesse und die daraus neu gewonnene Kenntnisse sowie damit einhergehend, die Überprü- fung von Forschungsstrategien und Theorien.

Die Emotion Angst ist durch eine typische dreiteilige Reaktionskette aus Erleben, physiologischen Reaktionen und den dafür spezifischen Verhaltensweisen gekennzeichnet (Rethorst, 2006). Schandry (2006) nennt ebenfalls drei typische Elemente der Emotionen: Einen spezifischen Funktionszustand des Gehirns und ein subjektives Empfinden, welche mit dem Erleben gleichgesetzt werden können, weiterhin charakteristische körperliche Reaktionsmuster, die sich aus physiologischen und biochemischen Prozessen sowie den dafür spezifischen Verhaltensweisen zusammensetzen.

Während die Neuropsychologie die neurologischen Grundlagen des Erlebens und Verhaltens untersucht, ist das Forschungsziel der Psychophysiologie der Rückschluss psychologischer Prozesse (Verhalten/Erleben) auf ihre physiologischen Ursachen. Dabei finden individuelle Reaktionsmuster, die auf spezifische Reize oder Situationen zurückzuführen sind, Berücksichtigung (Tewes & Wildgrube, 1999).

Während Lazarus-Mainka & Siebeneick (2000) drei Untersuchungsebenen der Angst einteilen, splittet Schandry (2006) die neurophysiologische Ebene in neuropsychologische und psychophysiologische Methoden auf und unterscheidet somit vier Untersuchungsebenen:

(1) Die Neuropsychologie untersucht mit bildgebenden Verfahren, elektrophysiologischen Methoden (EEG, EDA) sowie mit experimentellen Verfahren (Bspw. Läsionsexperimtente) die Vorgänge im Gehirn.
(2) Die Psychophysiologie untersucht vegetative und hormonelle Prozesse anhand der Herz-Kreislauf-Aktivität, der elektrodermalen Aktivität, der muskulären Aktivität und der okulären Prozesse.
(3) Motorische Reaktionen können sowohl anhand der quergestreiften Muskulatur (Mimik und Gestik) als auch durch die Prozesse im vegetativen System untersucht werden.
(4) Das subjektive Empfinden und Erleben der Emotionen lässt sich nur auf der verbalen Ebene untersuchen.

Eine umfassende Übersicht der Methoden der Neuropsychologie und Psychophysiologie geben Birbaumer & Schmidt (2006) und Lazarus-Mainka & Siebeneick (2000).

2.1.4.2 Physiologische Emotionsund Angsttheorien

Die moderne Psychologie stellte sich bereits im 19. Jahrhundert die Frage nach den physiologischen Ursachen des emotionalen Geschehens. Die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise der Emotionen setzte mit Charles Darwins Schrift „The Expressions of the Emotions in Man and Animal“ (1872) ein. Er sah das Nervensystem als Vermittler der körperlichen Reaktionen emotionaler Zustände. Die emotionalen Ausdrücke dienen hierbei der Kommunikation und Handlungsvorbereitung. So ergab sich ein Überlebensvorteil für Angreifer, die ihre Drohgebärden am wirkungsvollsten ausdrücken konnten.

Am Ende des 19. Jahrhunderts legten William James (1884) und Carl Lange (erst 1887) unabhängig voneinander eine erste physiologische Emotionstheorie vor. Die James-Lange- Theorie besagt, dass emotionsauslösende Reize von der Großhirnrinde (Cortex) empfangen und bewertet werden, der dann das autonome und somatische Nervensystem aktiviert. Erst die autonomen und vegetativen Reaktionen sind Auslöser der emotionalen Empfindung im Gehirn. Die von einer emotionalen Situation ausgelöste autonome Aktivität und das ihr folgende Verhalten rufen die emotionale Empfindung hervor. Damit stellten James und Lange vorhergehende Annahmen über den kausalen Zusammenhang zwischen Empfindung und Ausdruck einer Emotion auf den Kopf (Pinel & Pauli, 2007).

LeDoux (1998, S. 50) bemerkt hierzu:

„Der mentale Aspekt der Emotion, das Gefühl, ist ein Sklave ihrer Physiologie, nicht umgekehrt: Wir zittern nicht, weil wir uns fürchten, und wir weinen nicht, weil wir traurig sind; wir fürchten uns, weil wir zittern, und wir sind traurig, weil wir weinen.“

Während Lange seine Theorie als außerwissenschaftlich ansah und sich ausschließlich auf die physiologischen Aspekte der Emotionen beschränkte, formulierte James eine wissenschaftliche Theorie, deren Aussagen experimentell prüfbar waren. Er sah körperliche Vorgänge als essentielle Bestandteile emotionaler Reaktionen an (Schandry, 2006).

Die James-Lange-Theorie beherrschte die Psychologie der Emotionen, bis Walter Cannon, ein amerikanischer Physiologe, eine alternative Theorie (1927) präsentierte. Cannon entwickelte das Konzept der „Notfallreaktion“, bei der körperliche Prozesse lediglich in Verbindung mit Emotionen auftreten, nicht aber der Auslöser für deren Empfindung sind. Dies begründete er mit der Annahme, dass die physiologischen Reaktionen nicht emotionsspezifisch sind und daher immer gleich ablaufen (LeDoux, 1998).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.1 Schematischer Vergleich der Emotionstheorien (von oben nach unten: Ziele der Emotionsforschung, James-Lange-Theorie, Cannon-Bard-Theorie, Theorie von Schachter und Singer)

Cannons Theorie wurde von seinem Schüler Philip Bard erweitert und untermauert. So beschreibt die Cannon-Bard-Theorie, im Gegensatz zu James-Lange, emotionales Empfinden und emotionalen Ausdruck als parallele Prozesse, die keine kausale Beziehung aufweisen. Diese völlige Unabhängigkeit emotionaler Empfindungen von Rückkopplungen des somatischen Nervensystems hat sich ebenso als nicht haltbar erwiesen wie die Extremposition der James-Lang-Theorie (Pinel & Pauli, 2007).

Pauli und Birbaumer (2000) führen an, dass für die Gültigkeit der James-Lange-Theorie ein Nachweis über die Notwendigkeit spezifischer vegetativer und autonomer Reaktionen, für die Entstehung einzelner Emotionen, erbracht werden müsste. Für ontogenetisch sehr früh erworbene Emotionen (Angst, Freude) konnten spezifische Reaktionsmuster nachgewiesen werden (Ekman, Levenson, & Friesen, 1983; Levenson, 1992). Es liegen außerdem Ergebnisse vor, dass bei Patienten mit gestörter peripherer Reafferenz (Querschnittslähmung) ein Zusammenhang zwischen dem Grad der Zerstörung und Veränderungen im emotionalen Erleben besteht (Meyer, et al., 2001). Es liegen aber auch viele Fälle mit völliger Lähmung vor, deren Empfindungen normal verlaufen.

Mit der Theorie von Stanley Schachter und Jerome Singer (1962) wurde eine neue Lösung der James-Cannon-Debatte vorgelegt, in der kognitive Prozesse den Übergang von unspezifischen Reafferenzen zu spezifisch erlebten Emotionen bildeten. LeDoux (1998, S. 53) beschreibt ihre Theorie wie folgt: „Emotionale Gefühle entstehen […] dadurch, daß wir uns emotional mehrdeutige körperliche Zustände mit Hilfe kognitiver Interpretationen […] erklären und ihnen aus verschiedenen äußeren und inneren Ursachen eine [emotionalen Zustand] zuweisen.“

Abbildung 2.1 zeigt die Unterschiede der Emotionstheorien anhand eines einfachen Schemas, das dem Hauptziel der Emotionsforschung, die Erklärung der Prozesse zwischen dem emotionserregenden Reiz und den davon ausgelösten Emotionen, folgt. Die Forschung von Schachter und Singer wurde vielfach kritisch bewertet. So können Emotionen bei Pauli und Birbaumer (2000) ohne Attributionen, unspezifische periphere Aktivierung und kognitive Interpretation entstehen. Andere sehen in der Arbeit von Schachter und Singer die plausible Verknüpfung kognitiver Elemente mit physiologischen Prozessen des emotionalen Erlebens (LeDoux, 1998; Schandry, 2006).

Die heutige Forschung geht nicht mehr von einer alleinigen Verantwortung der Reafferenz körperlicher Veränderungen für das Gefühlserleben aus. Die Bewertungsprozesse (Attribution) situativer Merkmale, die eine körperliche Reaktion ausgelöst haben, scheinen grundlegend für das emotionale Erleben zu sein. Zusammenfassend beschreiben Karnath und Thier (2006, S. 528) emotionale Prozesse wie folgt:

„Das Gefühlserleben ist kein Epiphänomen der emotionsbegleitenden körperlichen Veränderungen oder des Emotionsausdrucks. Die emotionstypischen vegetativen Reaktionsmuster werden vielmehr von dem Verhaltensprogramm determiniert, welches durch die Emotion voraktiviert wird. Es gibt keine stabilen emotionsspezifischen psychophysiologischen Reaktionsmuster für eine begrenzte Anzahl von Basisemotionen.“

2.1.4.3 Neurobiologische Grundlagen der Angstentstehung

Wir erleben Angst durch die Funktionsweise unseres Gehirns. Welche Strukturen des Gehirns den Menschen in die Lage versetzen, Angst zu erleben, konnte erst in der Mitte des letzten Jahrhunderts durch Untersuchungen an Tieren annähernd geklärt werden. Nach derzeitigen Auffassungen gibt es kein emotionales Zentrum im Gehirn, sondern mehrere Schaltungssysteme. Sie verknüpfen und koordinieren Emotionen, die in verschiedenen Teilen des Gehirns lokalisiert sind. Trotz der Komplexität des Systems kristallisiert sich ein Fundus an verschiedenen Schaltungssystemen heraus, die für das Erleben von Angst verantwortlich erscheinen. Um ihre Interaktion in Angstzuständen besser zu verstehen, bietet sich eine funktionelle und strukturelle Betrachtung der wesentlichen Teile des Gehirns an.

Topographisch wird das menschliche Nervensystem (NS) in zwei große Bereiche gegliedert:

1. Das Zentralnervensystem (ZNS) setzt sich aus dem Gehirn und dem Rückenmark, mit seinen afferenten (leiten Informationen zum ZNS) und efferenten (leiten Informationen vom ZNS) Nervenfasern, zusammen.
2. Das Periphere Nervensystem umfasst alle Nervenzellen und Nervenfasern außerhalb des ZNS (Birbaumer & Schmidt, 2006).

Funktionell sind ebenfalls zwei Bereiche zu unterscheiden:

1. Das Somatische (motorische) Nervensystem ist willentlich beeinflussbar und ermöglicht Empfindungen und Bewegungen. Die Reaktion auf Informationen des sensorischen Systems (Afferenz) erfolgt über die Willkürmotorik (Efferenz), die durch die quergestreifte Muskulatur gesteuert wird.
2. Das Vegetative (autonome) Nervensystem ist willentlich nicht beeinflussbar und steuert die lebenswichtigen Funktionen des Körpers durch die glatte Muskulatur. Das ZNS wirkt über vegetative Efferenzen auf die Effektoren innerer Organe ein, deren Rezeptoren Informationen über die viscerale Afferenz an das ZNS zurückgeben. Das vegetative Nervensystem außerhalb des Gehirns besteht aus dem aktivierenden Sympathicus und dem beruhigenden Parasympathicus (Pauli & Birbaumer, 2000; Pritzel, 2006).

Die Abbildung 2.2 zeigt eine Übersicht der genannten Bestandteile des menschlichen Nervensystems.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.2 Gliederung des menschlichen Nervensystems

Das menschliche Gehirn kann aufgrund morphologischer, funktioneller und entwicklungsgeschichtlicher Gesichtspunkte in Hirnstamm, Kleinhirn, Mittelhirn, Zwischenhirn und Groß- hirn (Endhirn) unterteilt werden. Die folgende Schilderung des funktionellen Grundaufbaues folgt der Absicht, das neurologische Angstempfinden verständlich zu machen (Schandry, 2006).

Der Hirnstamm umfasst im unteren Teil die Medulla oblongata (verlängertes Mark), an deren oberen Teil sich die Brücke (Pons) anschließt. Das Kleinhirn (Cerebellum) befindet sich im hinteren Teil der Schädelgrube und umschließt große Teile von Medulla oblongata und Brü- cke. Die große, stark gegliederte Struktur ist mit dem vorgelagerten Hirnstamm über starke Bahnen verbunden und ist für die Koordination motorischer Handlungen und der Körperhaltung verantwortlich.

Der Hirnstamm verbindet das Rückenmark mit dem Zwischenhirn (Diencephalon) und der Großhirnrinde (Cortex cerebri) und ist das Steuerungsund Regulationszentrum der wichtigsten Lebensfunktionen (Schandry, 2006).

Die Formatio reticularis ist eine säulenartige Neuronenstruktur, die sich über den ganzen Hirnstamm bis zum Mittelund Zwischenhirn ausdehnt. Bei Gefahr aktiviert sie das ganze Gehirn über das Netzwerk des aufsteigenden retikulären Aktivierungssystems (ARAS). Werden Reize als bedrohlich bewertet, dann bewirkt der Formatio reticularis eine arousal reaction (Alarmreaktion des gesamten Organismus, gesteigerte Wachheit, Angst, Blutdruckanstieg). Der Locus coeruleus befindet sich in der Brücke und enthält die Hälfte aller Noradrenalin synthetisierenden Neuronen. Die Aktivierung des Gehirns (ARAS), insbesondere des limbischen Systems und der Großhirnrinde, hat hier ihren Ursprung (Schandry, 2006).

Der Übergangsbereich zwischen Hirnstamm und den vorderen Regionen, Zwischenund Großhirn, ist das Mittelhirn (Mesencephalon). Der obere Teil, das Tectum, dient der Blickund Kopforientierung, während das darunter liegende Tegmentum wichtige Zentren der Handlungskontrolle beinhaltet. Die ventral liegende Substantia nigra (schwarze Substanz) und der Nucleus ruber (roter Kern) arbeiten bei der Koordination der Bewegung mit dem Kleinhirn zusammen (Morschitzky, 2004).

Zwischen Stammhirn und Großhirn liegt das Zwischenhirn mit den Strukturen Thalamus und Hypothalamus. Der Thalamus ist das wichtigste subcortikale (unbewusst arbeitende) Zentrum der Sensibilität. Er wird auch als Tor zum Bewusstsein bezeichnet, da er als Integrationszentrum von Sinnesreizen und Affekten die zur Großhirnrinde aufsteigenden Nervenbahnen überwacht. Seine paarweise angeordneten Kerne erhalten Informationen von den sensorischen Rezeptoren, die sie verarbeiten und an den Cortex projizieren (Pinel & Pauli, 2007). Der Hypothalamus steuert die sympathischen und parasympathischen Funktionen und ist somit das Steuerungszentrum des vegetativen Nervensystems. In Stressund Angstsituationen bewirken Hypothalamus und limbisches System die schnelle Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin im Nebennierenmark. Der Nucleus paraventricularis setzt den Corticotropin - Releasing -Faktor (CRF) frei, ein Hormon, das in der Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) die Ausschüttung des adrenokortikotrophen Hormons (ACTH) veranlasst. Dadurch kommt es in der Nebennierenrinde zur Freisetzung von Cortisol.

Das Großhirn (Telencephalon) besteht aus zwei, von der Großhirnrinde bedeckten Hemisphä- ren, die durch den Balken (Corpus callosum) verbunden sind, den Basalganglien und dem limbischen System. Durch die Windungen und Furchen wird die Gesamtfläche des Cortexes stark vergrößert. Der cerebrale Cortex besteht zu 90% aus Neocortex, einer evolutionär jungen Struktur, mit höheren kognitiven Funktionen.

Im Angst-Kontext hat der präfrontale Cortex folgende Funktionen: Interpretation sensorischer Eingänge, Löschung gelernter Angstreaktionen und Reaktionsplanung (Morschitzky, 2004).

Das limbische System liegt im mediobasalen Hirnbereich, rings um den oberen Bereich des Hirnstamms. Es teilt sich in einen äußeren und inneren Ring, welche aus Amygdala (Mandelkern), Hippocampus, Mamilarkörper des Hypothalamus, Thalamuskerngebieten, Septum, Fornix, Gyrus cinguli, entorhinalem Cortex und Bulbus olfactorius zusammensetzt sind. Durch das dicke Nervenbündel des Fornix werden die verschiedenen Teile des limbischen Systems miteinander verbunden. Außerdem bestehen enge Verbindungen zu anderen Hirnregionen, die der Vernetzung der angstaktivierenden Systeme dienen (Vgl. Abbildung 2.3). Die emotionalen Dimensionen des limbischen Systems definieren ein vorbewusstes Bewertungsund Belohnungssystem, das als Entscheidungsregulativ in bestimmten Situationen dient.

Das limbische System galt bis in die neunziger Jahre als primäres Emotionssystem. Diese Vorstellung ist heute nicht mehr haltbar, da eine entscheidende Bedeutung beim Entstehen von Angstzuständen nachgewiesen wurde, aber auch eine Beteiligung an Gedächtnisund Lernprozessen vorliegt (Pinel & Pauli, 2007).

Dennoch sind die beiden Mandelkerne (Amygdalea) des limbschen Systems von entscheidender Bedeutung für die Entstehung von Angst. Während die Unterstrukturen des Zwischenhirns sehr genaue sensorische Infomationen zum Cortex projizieren, erhält auch der laterale Amygdalakern (AL) auditorische, visuelle, somasensorische sowie olfaktorische Eingänge aus den Zwischenhirnkernen. Diese werden zum basolateralen Kern der Amygdala (ABL) projiziert, von wo aus die ABL-Neuronen zum zentralen Kern (AC) und zum Assoziationskortex projizieren. Absteigende Projektionen des AC aktivieren angeborene Furchtreaktionen: Beschleunigung des Herzschlages, steigender Blutdruck, Angststarre und die Freigabe von Stresshormonen (LeDoux, 1998).

Der AC projiziert gleichzeitig an den Nucleus basalis des Vorderhirns, der die indiskriminative Ausschüttung von Acetylcholin anregt, um Lernvorgänge über neue Angstreize zu erleichtern (Lazarus-Mainka & Siebeneick, 2000).

[...]

Ende der Leseprobe aus 169 Seiten

Details

Titel
Empirische Studie zur Angst von Sportlehrern
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
169
Katalognummer
V116043
ISBN (eBook)
9783640176649
Dateigröße
1528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Empirische, Studie, Angst, Sportlehrern
Arbeit zitieren
Christian Tröger (Autor), 2007, Empirische Studie zur Angst von Sportlehrern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116043

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