Konflikt der Harmonie - Neue Soziale Bewegungen in Japan


Bachelorarbeit, 2006
81 Seiten, Note: A

Leseprobe

Inhalt

1 EINLEITUNG

TEIL I

2 DIE STRUKTUR DER JAPANISCHEN GESELLSCHAFT
IE UND MURA
KONTROLLMECHANISMEN
ZWISCHENFAZIT

3 THEORIEN SOZIALER BEWEGUNG
NEUE SOZIALE BEWEGUNG

4 SOZIALE BEWEGUNGEN IN JAPAN BIS 1970
SOZIALE BEWEGUNGEN IM IMPERIALISTISCHEN JAPAN
SOZIALE BEWEGUNGEN IM NACHKRIEGSJAPAN
DIE STUDENTENBEWEGUNG
DIE ARBEITERBEWEGUNG
BEREITSCHAFT ZUR RADIKALEN AUSEINANDERSETZUNG
ZWISCHENFAZIT

TEIL II

ERSTER EXKURS: DIE MINAMATA-BEWEGUNG

5 DIE NEUE FRAUENBEWEGUNG
FORSCHUNGSSTAND
THEORETISCHE GRUNDLAGE / IDEOLOGIE
ENTWICKLUNG
ORGANISATIONEN
STRATEGIEN
TRÄGERSCHAFT
DISKUSSION
ZWEITER EXKURS: DIE ANTI-ATOMWAFFENBEWEGUNG
DRITTER EXKURS: BEWEGUNG GEGEN DEN AMPO-VERTRAG

6 DIE NEUE FRIEDENSBEWEGUNG
FORSCHUNGSSTAND
THEORETISCHE GRUNDLAGE / IDEOLOGIE
ENTWICKLUNG
ORGANISATIONEN
STRATEGIEN
TRÄGERSCHAFT
DISKUSSION

7 ABSCHLUSSDISKUSSION

LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG 1: FRIEDENSORGANISATIONEN

ANHANG 2: ONLINE-ARTIKEL

1 Einleitung

Durch einen siebenmonatigen Aufenthalt an der Chuô-Universität1 in Tôkyô konnte ich intensive Erfahrungen mit der japanischen Bevölkerung sammeln, wobei immer neue Fragen über das Zusammenleben in dieser Gesellschaft auftraten. Einen Teil dieser Fragen möchte ich mit dieser Arbeit versuchen zu beantworten.

Soziale Bewegungen sind ein fester Bestandteil von Modernisierungsprozessen. Auch in Japan ist ein breites Spektrum von sozialen Bewegungen zu beobachten. Zu einer Untersuchung der neuen sozialen Bewegungen in Japan wurde ich durch das nur zu deutlich werdende Bestreben vieler Japaner, mit ihren Mitmenschen in einer harmonischen Beziehung zu stehen, angeregt. Was passiert, wenn ein Aufrechterhalten der Harmonie nicht mehr möglich ist? Tatsächlich gibt es Bewegungen in Japan, die z. B. Unmut über Diskriminierungen, kriegerische Aktionen oder Umweltverschmutzungen zum Ausdruck bringen. Mich interessiert in erster Linie, wie dieser Protest in Erscheinung tritt. Wer sind die Akteure, welche Organisationen, welche Aktionen gibt es, und vor allem, welche Unterschiede bestehen zu den Bewegungen in der westlichen Hemisphäre?

In vielen Punkten, sowohl hinsichtlich der industriellen Arbeiterbewegungen, als auch gerade der nachindustriellen neuen sozialen Bewegungen, kommt Deutschland eine Vorreiterrolle zu. Viele Untersuchungen der neuen Bewegungen widmen sich daher ausgiebig den verschiedenen progressiven Massenbewegungen in Deutschland und anderen westlichen Industriestaaten, inklusive den USA. Die Autoren dieser Untersuchungen weisen vermehrt darauf hin, dass durchaus auch in anderen Teilen der Welt neue soziale Bewegungen aufkommen würden. Diese Bewegungen seien im Allgemeinen an die der westlichen Vorbilder angelehnt, spielten aber niemals eine vergleichbar große politische Bedeutung in den nationalen Modernisierungsprozessen (vgl. RUCHT, 1994:153).

Für die allgemeine Erforschung des Phänomens „soziale Bewegung“ mag diese Konzentration auf den Westen durchaus von Vorteil sein, Defizite zeigen sich allerdings bei interkulturellen Vergleichen der Bewegungen. So wirkt nach HELLMANN (1999:248) das persönliche Umfeld eines Bewegungsforschers und seine Nähe zum Gegenstand direkt auf die Interpretation desselbigen, und somit auch auf die Theoriefindung und die Ausarbeitung von Theorien. Es ist also fraglich, ob die Theorieansätze neuer sozialer Bewegungen ohne weiteres auf anders strukturierte Gesellschaften übertragbar sind. Zudem mangelt es an einschlägiger Fachliteratur, die sich mit neuen sozialen Bewegungen im asiatischen Raum und somit in Japan auseinandersetzt. Dennoch tauchten während der Modernisierung des Inselstaates Japan immer wieder shakai undô, also soziale Bewegungen, auf.

Es ist anzunehmen, dass sich die Voraussetzungen dieser Bewegungen von den westlichen unterscheiden, alleine schon dadurch, dass sich die japanische Gesellschaftsstruktur lange ohne äußere Einflüsse entwickelt hat. Bei der Untersuchung sozialer Bewegungen plädiert Rucht „für ein offener angelegtes Konzept, das ganz allgemein die gesellschaftlichen Kontextstrukturen sozialer Bewegung in Rechnung stellt“ (RUCHT, 1994:303). Darauf aufbauend merkt auch Hellmann an, dass es zwischen den Bewegungen in der westlichen Welt2 und denen in Japan deutliche Unterschiede geben muss, eine strukturelle Ähnlichkeit der westlichen Bewegungen vorausgesetzt. Aus diesen Annahmen resultiert die dieser Arbeit zugrunde liegende These:

Die neuen sozialen Bewegungen in Japan unterscheiden sich in den Dimensionen Ideologie, Trägerschaft, Organisationen, Strategien und Entwicklung deutlich von denen im okzidentalen Kulturkreis, vornehmlich bedingt durch die andersartigen gesellschaftlichen Kontextstrukturen Japans.

Zur Überprüfung dieser These werden zunächst die Vorraussetzungen für neue soziale Bewegungen in Japan untersucht. Hierbei werden die sozialstrukturellen Besonderheiten der japanischen Gruppengesellschaft vorgestellt, unter besonderer Berücksichtigung des Familiensystems und des damit zusammenhängenden Konsensmodells. Dabei soll die Schwierigkeit des öffentlichen Protestes und der Konfliktbildung in der japanischen Gesellschaft dargestellt werden. In diesem Zusammenhang ist auch der Titel dieser Arbeit „Konflikt der Harmonie“ zu verstehen, aufmerksam machend auf das Paradoxon einer nach Harmonie strebenden Gesellschaft und ihre Konflikte erzwingenden Unterdrückungsmechanismen.

Im darauf folgenden Teil wird nach einer Definition für neue soziale Bewegungen gesucht. Eine Durchleuchtung hinsichtlich der vorher beschriebenen gesellschaftlichen Besonderheiten soll die Übertragbarkeit dieser Definition auf Japan überprüfen. Dann zeigt ein sozialhistorischer Überblick der Bewegungen in Japan bis 1970, ob und zu welchen sozialen Bewegungen es in dem japanischen (Spät-)Modernisierungsprozess gekommen ist.

Der anschließende empirische Teil geht im Speziellen auf die neuen sozialen Bewegungen in Japan ein. Hier wird der Fokus auf die neue Frauenbewegung3 und die neue Friedensbewegung4 gelegt. Die Analysen orientieren sich an den von Rucht konstatierten Dimensionen für soziale Bewegungen: Ideologie, Trägerschaft, Organisationen, Strategien und Entwicklung (vgl. RUCHT, 1994:84ff).

Mit ihrer langen Tradition weist die japanische Frauenbewegung viele Ähnlichkeiten zu ihrem westlichen Pendant auf. Im Gegensatz zu der Situation in Europa und den USA brachte die fortschreitende Liberalisierung in Japan wenig reale Vorteile für die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Mit einem Blick auf die wechselnden politischen Gegebenheiten in Japan nach dem Zweiten Weltkrieg, schlussfolgert Mackie:

„On paper at least, the post-war system enshrines the principles of liberal democracy. However, in considering the place of women in this system, we can see the very limits of such liberal democracy. The barriers to their political participation lie not in political structures and the legal system, but in the familial structures and employment practices which shape their activities in the public sphere. “(MACKIE, 2003:7)

Zwar konnte sich die traditionelle Frauenbewegung mehrfach erfolgreich mobilisieren, „aber die Geschlechterdifferenzierung [wurde] in der Demokratisierung fortgeschrieben und zugleich wurde ein Rollenarsenal angepaßter öffentlicher Weiblichkeit verbreitet“ (LENZ, 1998:144).

Dies desavouierte die neue Frauenbewegung, die sich klar gegen den vorherrschenden Androzentrismus stellte.

Die neue Friedensbewegung sowie die Umweltbewegung5 sind weitere neue soziale Bewegungen in Japan. Doch während sich die Umweltbewegung eher nicht zu einer einheitlichen und überregionalen Bewegung formieren konnte (vgl. COULMAS, 1993:176ff, VOSSE, 1998:244), schaffte zumindest der Protest gegen den Vietnamkrieg eine deutlich landesweite Protestbasis. Ebenso wie bei der Umweltbewegung zeichneten sich auch bei der Friedensbewegung territorial begrenzte Einzelziele ab, bei der letzteren konnte sich allerdings eine universale ideologische Bestimmung durchsetzen. Die Struktur der Organisationen und Netzwerke sowie ihre Trägerschaft erscheinen wiederum fast identisch. Zur Vermeidung von Repetition und mit Blick auf den begrenzten Umfang dieser Arbeit wird von einer tiefer greifenden Analyse der japanischen Umweltbewegung abgesehen. Dennoch stellt diese Bewegung eine nach den westlichen Theorien typische neue soziale Bewegungen dar (vgl. VOSSE, 1998:270), und soll deshalb exemplarisch vorgestellt werden. In Form eines Exkurses wird ein Fall von Umweltverschmutzung, sowie die Reaktion der Öffentlichkeit darauf, einen Einblick in die Welt der japanischen Umweltbewegung geben.

Teil I

2 Die Struktur der japanischen Gesellschaft

Um einen für die Untersuchung der neuen sozialen Bewegungen ausreichenden Überblick zu schaffen, ist es notwendig, die Grundprinzipien der japanischen Gesellschaftsstruktur vorzustellen. Nur so wird deutlich, welchen Schwierigkeiten sich diejenigen Japaner gegenübersehen, die Kritik an vorhandenen Strukturen und Gegebenheiten äußern und dieser Kritik durch öffentlichen Protest Ausdruck verleihen wollen.

Als Spezifikum japanischer Bewegungen gilt das auf reinen Konsens und Vermeidung jeglichen Konflikts ausgelegte japanische Erziehungs- und Wertesystem (vgl. NENNSTIEL, 1998b). Um die Besonderheiten der japanischen Gesellschaftsstruktur und dem sich daraus entwickelten Wertesystem näher zu bringen, gibt dieses Kapitel eine Einführung in die Tradition und Entwicklung des japanischen Konsensmodells.

Zunächst sollte eine Möglichkeit der Typisierung von Gesellschaften gefunden werden. Hellmann schlägt vor, die japanische Gesellschaft nach den von Luhmann konstatierten

„System-zu-System Beziehungen“ (LUHMANN , 1997:613) zu analysieren (vgl. HELLMANN, 1999:249). Folgende drei Formen erkennt Luhmann innerhalb der gesellschaftlichen Evolution6:

- Die segmentär differenzierte Gesellschaft besteht aus nicht-hierarchisch angeordneten, gleichartigen Teilsystemen wie z. B. Familien.
- Die stratifikatorisch differenzierte Gesellschaft zeichnet sich durch weitgehend hierarchische Strukturierung und damit ungleichartige Teilsysteme aus (Personen werden verschiedenen Ständen zugeordnet).
- Die funktional differenzierte Gesellschaft bietet ungleichartige Teilsysteme, die sich funktional unterscheiden, wie z.B. Recht, Politik oder Wissenschaft (vgl. LUHMANN, 1997:614ff).

Im nächsten Schritt muss geklärt werden, welcher Differenzierungstyp am ehesten die Struktur der japanischen Gesellschaft reflektiert. Die japanische Sozialanthropologin Chie Nakane erkennt in der gesellschaftlichen Struktur ihres Heimatlandes ein „ vertikales Prinzip “ (vgl. NAKANE, 1985). Sie spricht von einer Gruppengesellschaft, deren Teilsysteme mit Familien vergleichbar sind und einen ebenso geringen Grad der Hierarchisierung aufweisen. Ohne große Mühe kann man Japan also in die Gruppe der segmentär differenzierten Gesellschaften nach Luhmann einordnen.

Über Jahrhunderte isoliert vom Westen, durch unterschiedliche außenpolitische Ansichten verschiedener Herrscher mal mehr und mal weniger von Ostasien beeinflusst, formte sich im Inselstaat eine Gesellschaft, die sich stark von dem westlichen Typus unterscheidet. Der traditionelle Stellenwert des eigenen Haushalts, Seniorität und das Streben nach Harmonie beherrschen bis in die heutige Zeit noch weite Teile der japanischen Gesellschaft. Es ist nicht abzustreiten, dass vor allem in der Nachkriegszeit eine Verwestlichung stattgefunden hat, jedoch ist die Jahrhunderte alte Tradition, homophone Gruppen im japanischen Familienstil zu bilden, fest im japanischen Wertesystem verankert (NAKANE, 1985:16; LEBRA, 1992:15f; LENZ, 1998).

Dieses Wertesystem drückt sich vor allem in dem Prinzip der „ Ie “ aus, dem Zusammenleben in einem Haushalt, einem Familiensystem. Die nächst größere und auf demselben Konsensprinzip basierende Einheit ist der Verbund der Nachbarschaft, also die Dorfgemeinschaft7.

Trotz der ständig fortschreitenden Globalisierung, der Verwestlichung japanischer Traditionen auf vielen Ebenen, sowie zahlreicher Versuche, neue Denkweisen in Japan zu etablieren, ist das Ie -Prinzip bis heute in verschiedenen Organisationen erkennbar. Vor allem aber während der Blütezeit der neuen sozialen Bewegungen in Japan in den 1970er und 1980er Jahren, durchdrang das Ie -Prinzip „auch die letzten Winkel der japanischen Gesellschaft“ (NAKANE, 1985:16) und liefert somit den gesellschaftlichen Rahmen für soziale Aktivität.

Als Grund für die Kontinuität der Ie wird in der vorliegenden Literatur vor allem die lange Isolation Japans genannt (u.a. SHIMIZU, 1976:13). Zu beobachten ist auch, dass viele Japaner in Zeiten wirtschaftlicher Rezession stets nach Antworten in den traditionellen asiatischen Weisheiten suchen und Halt in ihrer Gruppe finden (ebd.).

Dem Familiensystem und der Dorfgemeinschaft, der persönlichen Subsumption von Individuen in Gruppen, kommt also auch bei der Betrachtung der neuen sozialen Bewegungen Japans ab den 1970er Jahren ein besonderer Stellenwert zu. Sie werden daher im folgenden Abschnitt näher untersucht.

Ie und mura

Um den Aufbau der gleichartigen Segmente zu verstehen, die so charakteristisch für die japanische Gesellschaft sind, ist ein Blick auf die Entstehungsgeschichte der japanischen Familie sinnvoll.

Seinen Ursprung findet dieses System in den ländlichen japanischen Familien, die sich traditionell weniger durch die Blutsverwandtschaft identifizierten, als vielmehr durch die Bindung der Mitglieder in einem Haushalt (NAKANE, 1985:17). Innerhalb des Familiensystems hat auch heute noch das im Standesregister festgehaltene Oberhaupt des Hauses die Entscheidungsgewalt. Es war traditionell immer der erste Sohn, der für den Fortbestand des Haushalts sorgte, während seine Geschwister das Familiensystem stets verließen und einen eigenen Haushalt gründeten bzw. in den einer anderen Familie einheiraten mussten (FUKUTAKE, 1989:30). Es war nicht üblich, engen Kontakt zu den dann außerhalb des eigenen Haushalts wohnenden Verwandten zu pflegen. Dafür verfestigte man früher oftmals die Bindung zu den neu hinzugekommenen Haushaltsmitgliedern, häufig sogar durch Adoption der Schwiegertöchter und Schwiegersöhne (NAKANE, 1985:17).

Ganz oben in der Hierarchie der Familieneinheit stand der Familienvater. Allerdings stellte diese Vormachtstellung nicht die des prädominierenden Vaters dar, die in weiten Teilen Asiens verankert war. Während in China beispielsweise auch die Erziehung Männersache war und das Familienoberhaupt seine Macht in der Erziehung immer wieder ausnutzte, war die Hierarchie in der japanischen Familie eher still. Entscheidungen wurden gemeinsam getroffen und die Ehefrau nahm ihrem Mann die Erziehung der Kinder ab (HARTMANN, 1992). Ziel der japanischen Familie war es, sich durch innere Harmonie und dem Ziehen an einem gemeinsamen Strang ganz auf die Präsentation nach außen konzentrieren zu können.

Die gesamte Erziehung bereitete die Kinder auf ein Leben innerhalb dieser patriarchalen Gemeinschaft vor. Das Harmoniebewusstsein und der Gemeinschaftssinn hatten größere Bedeutung als Eigeninitiative (FUKUTAKE, 1989:42f) und Spontaneität. Jeglicher Protest hätte das Gefüge aus dem Gleichgewicht gebracht. Nakane betont die emotionale Beteiligung des Mitglieds an der Familie und anderen Gruppen, sowie das hohe Zugehörigkeitsgefühl (NAKANE, 1985:16). Das japanische Wort amae, inhaltlich der Ausdruck der Liebe einer Mutter zu ihrem Kind, beschreibt dieses Zugehörigkeitsgefühl, die Geborgenheit, die man in einem solchen Familiensystem erfährt.

Dieses Konsensmodell lässt sich auch im heutigen Japan oft wieder finden. Kontinuierlich werden Konflikte innerhalb einer Gruppe unterdrückt, um die Gemeinschaft nicht zu stören. Der Einzelne bringt seine individuelle Meinung nicht zum Ausdruck, es kommt also nicht zu unterschiedlichen Positionen innerhalb der Gruppe. Widerstandslos fügt sich jedes Mitglied den gemeinsam getroffenen Entscheidungen.

Wichtiger als der enge Kontakt zu den Verwandten war in der traditionellen japanischen Familie der Verbund der Nachbarschaft, der sich im „ mura “ ausdrückt. Mura, die Dorfgemeinschaft, bestand aus mehreren Familien, die wiederum untereinander einen harmonischen Umgang pflegten. Die Kinder lernten früh, welches Verhalten in dieser Gemeinschaft angebracht war und welche Gewohnheiten auf Widerstand stießen. Ein Verständnis der Kinder, was richtig oder falsch ist, förderte diese Erziehung allerdings nicht. Es wurde ersetzt durch ein Gefühl der Scham, das sich im „Verlust des Gesichts“ ausdrückte (vgl. HARTMANN, 1992).

So entwickelten sich in das Gesellschaftssystem implementierte Kontrollmechanismen. Es gab innerhalb der Gruppe kaum Möglichkeiten, Unmut zu entwickeln und diesen zum Ausdruck zu bringen. Jedes Mitglied der Gruppe musste sich der Entscheidung des Familienoberhauptes fügen. Das Familienoberhaupt wiederum, idealtypisch um den Erhalt des Gleichgewichts bemüht, traf seine Entscheidungen uneigennützig und nach Abstimmung mit den Gruppenmitgliedern. Dadurch bestand eine starke emotionale Bindung der Gruppenmitglieder zur eigenen Gruppe (uchi)8, die jedoch das Verständnis für anderer Gruppen (soto)9 fast vollständig ausblendete (vgl. COULMAS, 1993:176ff).

Bis ins erste Viertel des 20sten Jahrhunderts hinein lebten mehr als 80% der Japaner in solchen Gemeinschaften (FUKUTAKE, 1989:33). Während der Verstädterung der Landbevölkerung fand das Prinzip der traditionellen Idealfamilie seinen Fortbestand in verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen (vgl. NAKANE, 1985). In den darauf folgenden Jahren erhöhte sich die Zuwanderung in die Stadt immens. So übertrugen bald acht von zehn Stadtbewohnern die Wertevorstellung der Gruppengemeinschaft und das Harmonieverständnis in die Organisationen, Institutionen und Firmen:

„The ideal relationship between employees and employers in Japan is akin to the traditional one among family members. No notion of rights and obligations in the Western sense has developed. (...) In Japan economic arrangements are often conducted without the aid of a written contract, and when contracts are written they are simple and their provisions are abstract, general, and vague.“ (HANAMI, 1984:113)

Trotz dieses, unter westlichen Maßstäben betrachtet, lockeren Umgangs mit Arbeitsverhältnissen, können sich die ohne Vertrag angestellten Stammarbeiter einer Firma auch heute noch sicher sein, dass der Arbeitgeber sein Möglichstes tun wird, um ihn nicht der plötzlichen Arbeitslosigkeit auszusetzen.

„The abstractness and vagueness of Japanese contracts is based on the presumption that the parties to the contract have, or will have, a close personal relationship and can rely on mutual understanding and trust. “ (ebd., 1984:113)

Die emotionale Verbundenheit weitet sich nun zunehmend auf die verschiedenen Gruppen aus, denen die Japaner angehören. Allerdings merkt Imamura an, dass die Nachbarschaft immer mehr an Relevanz verliert, und sich zusätzlich der Familienvater, eingespannt durch zunehmende geschäftliche Agilität, von seiner Familie daheim distanziert (IMAMURA, 1987:2). Diese Distanzierung spricht für die Annahme, dass nicht etwa Verwandtschaftsgrad oder Klassenzugehörigkeit die Grundlage für soziale Bindungen sind, sondern im Gegenteil die „situationsbedingte Stellung“ (NAKANE, 1985:13), durch die sich Mitglieder einer Gruppe definieren. So haben es in Japan auch überbetriebliche Gewerkschaften nie zu einem Durchbruch geschafft, vielmehr kommt es zu Betriebsgewerkschaften bzw. Zusammenschlüssen aller Mitarbeiter eines Unternehmens. So vereinen sich in japanischen Unternehmen die Blue-Collar und die White-Collar Arbeiter mit dem Management und arbeiten Hand in Hand für das gemeinsame Ziel: die Stellung des eigenen Unternehmens zu verbessern. Sollte es doch zu Arbeitskämpfen kommen, so sind diese unternehmensspezifisch und treten nur dann auf, wenn ein Part der Gruppe das gesamte Gefüge auseinander brechen will10.

Sicherlich sind innerhalb der Gruppen hierarchische Strukturen zu erkennen, die den westlichen ähneln, allerdings sind diese nicht als solche in der Gruppe verankert. Es zählt nicht wer etwas sagt, sondern was gesagt wird, und vor allem wie.

Kontrollmechanismen

Nachdem in der Darstellung der japanischen Gesellschaftsstruktur klar geworden ist, welche Erklärung das japanische Wertesystem selbst für die Schwierigkeit von Konfliktaustragungen liefert, geben auch zahlreiche daraus hervorgegangene Kontrollmechanismen den Autoritäten Möglichkeiten, offenen Konflikten aus dem Weg zu gehen.

Einigen Konflikten wird durch Institutionalisierung und damit einhergehender Berechenbarkeit, die Intensität geraubt. Deutlich wird dies beispielsweise anhand der alljährlichen Arbeitskämpfe im Frühjahr, die von den Gewerkschaften organisierte so genannte Frühjahrsoffensive. Die Streiks wurden längst etabliert und bewirken eine (schon vorhersehbare) Lohnerhöhung11. Der Sinn dieser Streiks liegt in der Bestätigung des Zusammenhaltes der Gruppe.

Häufig werden Auseinandersetzungen so gelöst, indem sich der Schwächere dem Stärkeren ohne Widerstand unterwirft, um auf diese Weise verlustreiche Kämpfe zu verhindern. Durch die Versprechen der stärkeren Partei wird die öffentliche Konfliktaustragung verhindert, sodass die schwächere Partei sich am Ende einer totalen Niederlage gegenüber sieht (vgl. NENNSTIEL, 1998b:80).

Ein weiteres Verfahren ist die Instrumentalisierung von Protestbewegungen. Viele Beispiele im japanischen Modernisierungsprozess zeigen, dass vor allem sozialistische oder kommunistische Parteimitglieder die Themen der Bewegung aufgriffen und sich programmatisch anpassten. Allerdings gab es nach der Wahl dann häufig keinen Platz mehr für die Belange der Bewegung (ebd., 1998b:81).

Ein weiterer Mechanismus ist die Verzögerungs- bzw. Hinhaltetaktik, wie zum Beispiel bei der Minamata-Bewegung (vgl. OSIANDER, 1998:212), beziehungsweise die Eigenschaft, jeglichen Protest schlichtweg zu ignorieren.

Zwischenfazit

Die Entscheidung, sich einer sozialen Bewegung anzuschließen, bedarf entweder persönlicher Betroffenheit oder der Solidarität mit den Protestierenden. Diese können sich in Europa und den USA oft einer breiten Mehrheit im Land sicher sein, während das in einer in viele unabhängige Gruppen aufgeteilten Gesellschaft utopisch klingt. Vor allem die Zugehörigkeit vieler zu einer bestimmten gesellschaftlichen Klasse machen in Europa und den USA Massenbewegungen möglich. In Japan ist die Austragung von Konflikten generell verpönt.

Festzuhalten ist vor allem, dass es schwierig ist, Protest in einer Gruppengesellschaft zu äußern und erst recht, die Mitglieder anderer Gruppen für „die Sache“ zu gewinnen und so diesen Protest in eine überregionale soziale Bewegung zu verwandeln. Um kollektives Vorgehen zu ermöglichen, sind also umfassende Aufklärung, schockierende Ereignisse oder ein Bruch mit dem gesellschaftlichen Wertesystem nötig. Hierzu gehört eine Beteiligung der Regierung am Irakkrieg ebenso wie die Kündigung von Arbeitnehmern12.

3 Theorien sozialer Bewegung

Um die charakteristischen Eigenschaften neuer sozialer Bewegungen verständlich zu machen, muss zunächst eine allgemeine Definition für soziale Bewegungen an sich gefunden werden. Bei der Suche nach einer geeigneten Definition, soziale Bewegung von anderen Formen kollektiven Handelns abzugrenzen, treten erste Schwierigkeiten auf. So exisitiert keine einheitliche Begriffsbestimmung für „soziale Bewegung“, sondern eine Fülle von Theorieansätzen, die sich seit den ersten Untersuchungen sozialer Bewegung13 geformt haben.

Es gibt daher verschiedene Möglichkeiten, sich den Bewegungen in Japan auf theoretischem Wege zu nähern. Ein Blick in japanspezifische Lexika, die nicht in japanischer Sprache abgefasst sind, enttäuscht. Soziale Bewegungen werden in ihrer Gesamtheit nicht erfasst, nur einzelne Bewegungen werden vorgestellt (e.g. Kodansha Encyclopedia of Japan, 1983). Einen Schritt weiter begibt sich Nennstiel, die in einem japanischsprachigen Soziologielexikon soziale Bewegungen erklärt findet als:

„[...]kollektive Aktivitäten zur Reformierung gesellschaftlicher Zustände, deren strukturelle Widersprüche dazu beitragen, daß Alltagsbedürfnisse nicht ausreichend befriedigt werden.“ (KATAGIRI 1993:595; Übers. nach NENNSTIEL, 1998a:59)

Eine soziale Bewegung wird hier als kollektive Aktivität bezeichnet, die mit dem Ziel gesellschaftlicher Veränderung auftritt. Diese Definition liefert erste Einschränkungen, lässt aber Raum für Spekulationen, welche Bewegungen zu den sozialen Bewegungen gezählt werden können.

Einen ähnlichen Ansatz findet Smelser in seiner Theorie sozialer Bewegung, die schnell unter japanischen Soziologen bekannt wurde und dort einige Anhänger fand. Soziale Bewegung bezeichnet Smelser als kollektive Episode, bei der, vergleichbar mit dem Wertschöpfungsprozess, jeder Schritt ein Element zur Zielerreichung ist und auf die vorhergehenden Schritte aufbaut. Da Smelser allerdings panische Massenbewegungen ebenso wie politisch motivierte Bewegungen mit seiner Definition erklärt, ist dieser Ansatz für die Untersuchung der zugrunde liegenden These weniger geeignet (vgl. NENNSTIEL, 1998a:60ff).

Bei seiner Untersuchung von sozialen Bewegungen in Deutschland, Frankreich und den USA gibt Raschke die im Folgenden vorgestellte Definition an, um soziale Bewegungen von anderen Bewegungsformen abgrenzen zu können:

„Soziale Bewegung ist ein mobilisierender kollektiver Akteur, der mit einer gewissen Kontinuität auf der Grundlage hoher symbolischer Integration und geringer Rollenspezifikation mittels variabler Organisations- und Aktionsformen das Ziel verfolgt, grundlegenderen sozialen Wandel herbeizuführen, zu verhindern oder rückgängig zu machen.“ (RASCHKE, 1985:77)

Raschke schlägt vor, dass es sich erst dann um eine soziale Bewegung handelt, wenn sie mehrere Jahre andauert. Ein ausgeprägtes „Wir-Gefühl“ ist dabei ebenso wichtig, wie die Verschiedenartigkeit von Organisations- und Aktionsformen. Raschke betont weiterhin den kollektiven Akteur. So kann, anders als bei Smelser, spontanes Massenverhalten wie Panik, Manie oder feindselige Ausbrüche klar abgegrenzt werden. Ebenso wenig zählt Raschke Initiativgruppen wie Bürgerinitiativen zu den sozialen Bewegungen, da sie minimale Integration und Mobilisierung aufweisen (RASCHKE, 1985:79).

Die vorangegangene Betrachtung der japanischen Gesellschaftsstruktur und ihres Wertesystems hat gezeigt, dass die japanische Gesellschaft sich wesentlich von den westlichen unterscheidet. Es stellt sich nun die Frage, inwiefern diese Erkenntnis die Anwendung der westlichen Bewegungstheorie beeinflusst.

Betrachten wir Raschkes Definition genauer, scheint zumindest die „hohe symbolische Integration“ ein diskussionswürdiger Abgrenzungsfaktor zu sein, da das „Wir-Gefühl“ in der japanischen Gesellschaft tendenziell stärker ausgeprägt ist als in der abendländischen Kultur. Bewegungen jeglicher Art genießen also wahrscheinlich von vornherein ein starkes Bindungsgefühl der Anhänger. Da diese Annahme hier allerdings nicht ausreichend analysiert werden kann, wird in der weiteren Untersuchung eine hohe symbolische Integration im Sinne Raschkes als Indikator für soziale Bewegungen gesehen.

Als ein unerwartet deutlicher Abgrenzungsfaktor könnte sich allerdings die Stärke der Bewegung gegenüber ihren Organisationen beweisen. Es ist anzunehmen, dass die Identifikation japanischer Anhänger mit den Zielen einzelner Organisationen eher übereinstimmt als in Europa. Vereinzelt bleiben Organisationen auch nach dem Ende einer Bewegung bestehen und orientieren sich neu, um ihre Mitglieder nicht zu verlieren. Unter den gegebenen Vorraussetzungen kann also besonders von einer sozialen Bewegung gesprochen werden, wenn sich die Anhänger möglichst frei von irgendwelchen Organisationen bewegen.

Ferner sollten auch die von Raschke ausgegrenzten Initiativgruppen als Mitglieder einer Bewegung erkannt werden, sofern die Zielsetzungen kongruent sind. Gerade in Japan ist ein ungewöhnlich hohes Aufkommen von Bürgernetzwerken zu beobachten. Schmidt sieht in Ihnen sogar Vertreter „der so genannten ‚neuen Politik’ [...], für die in Deutschland insbesondere die Grünen eintreten“ (SCHMIDT, 2005:24)

Neue soziale Bewegung

Nach Rucht sind die neuen sozialen Bewegungen in den Industrieländern in den 1960er und 1970er Jahren entstanden, einhergehend mit der Phase des wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus und in „Abgrenzung zu den darauf verpflichteten Arbeiterorganisationen“ (RUCHT, 1994:150). Ob neue soziale Bewegungen allerdings ein wirklich „neuer“ Bewegungstyp sind oder bloß eine Weiterentwicklung der vorherigen, ist so nicht eindeutig zu bestimmen.

Wenn von klassischen sozialen Bewegungen in der industriellen Zeit gesprochen wird, sind damit meist die organisierten Arbeiterbewegungen jener Zeit gemeint. Die Studentenbewegungen in den 1960er Jahren werden, trotz ihrer parteipolitischen Ausrichtung, oft als Übergangsphase zu den neuen sozialen Bewegungen bewertet.

Die Anhänger neuer sozialer Bewegungen mobilisierten sich vor allem, um für die Erhaltung der Lebensgrundlage und Lebensqualität sowie umfassende Partizipation zu demonstrieren (RUCHT, 1994:151)14. In dieser Wertorientierung begründet sich ihr „neuer“ Charakter. Selbstbestimmung und Individualität, Offenheit und Flexibilität stellen die zentralen Grundsätze dar. Die Hauptangriffspunkte der Proteste sind Technisierung, Technokratisierung, Institutionalisierung sowie staatliche Bevormundung (NENNSTIEL, 1998a:68).

Hauptströmungen der neuen Bewegungen sind die Ökologiebewegung, die neue Frauenbewegung, die neue Friedens-/Abrüstungsbewegung und die Anti- Nuklearbewegung. Allerdings ist die Liste der neuen Bewegungen damit keineswegs vollständig. Die Zeit nach der Industrialisierung bot weitaus mehr Motivation für bürgerliche Partizipation an aktueller Politik und auch heute gibt es viele Organisationen mit einem weit gefächerten Themenangebot, in denen sich viele Bürger engagieren. Die einzige Möglichkeit, eine adäquate Abgrenzung alter, also klassischer, und neuer Bewegungen zu finden, bietet also ein Vergleich der Hintergründe, Ziele, Anhänger, Organisationen und den Formen des Protestes.

Die Anhänger neuer sozialer Bewegungen verbindet die gemeinsame Zielorientierung, zum Beispiel gegen Umweltverschmutzung oder für Abrüstung. Die Akteure kommen aus unterschiedlichen sozialen Schichten. Zudem fallen neue Bewegungen vor allem durch ihre lockere Eingebundenheit in Netzwerke auf: die Anhänger und Aktivisten werden nicht zwingend einer Organisation zugeschrieben. Die Strömungen sind nur schwach strukturiert, der fluide, offene Typ ist ihnen gemein (vgl. RASCHKE, 1985). An oberster Stelle steht die Bewegung selbst, die Organisationen bereiten nur den Weg für wirksame Aktionen.

Die klassische Annahme der Bewegungsforschung, dass die industriellen Bewegungen von der Unterschicht, die postindustriellen Bewegungen hauptsächlich von Mitgliedern der Mittelschicht begleitet werden, ist nicht ohne weiteres auf Japan anzuwenden. Die typisch westliche Klassifizierung gilt in asiatischen Staaten eher nicht. Es zählen sich wiederholt über 90% der Japaner zur Mittelschicht (e.g. NENNSTIEL, 1998b:78), was kein Argument für Klassenbewusstsein ist. Zwar sind hierarchische Muster innerhalb der Gesellschaft zu erkennen und Teile der Bevölkerung können durchaus einer nach westlichen Maßstäben unteren bzw. oberen Schicht zugeteilt werden. Ein Japaner fühlt sich jedoch niemals einer solchen Schicht zugehörig, denn eine Klassendifferenzierung dieser Art spiegelt nicht das Wirklichkeitsbild der japanischen Gesellschaft wieder (NAKANE, 1985:121). Ein Beweis dafür sind die Betriebsgewerkschaften, deren Konfliktaustragung sich eigentlich nur auf das eigene Unternehmen auswirkt. Überbetriebliche Aktivitäten führten fast nie zu einem Erfolg und so kann sich z. B. ein Streik „nicht zu einem Problem entwickeln, das die Gesellschaft als Ganzes im Tiefsten und Innersten berührt.“ (NAKANE, 1985:121)

Selbstbestimmung, Identität, Flexibilität und Offenheit sind die zentralen Werte der neuen Bewegungen. Aufgrund der beschriebenen Gruppenmentalität in Japan erscheint eine solch liberale Einstellung schwer realisierbar und wird somit zu einem entscheidenden Kriterium bei der Untersuchung der neuen sozialen Bewegungen in Japan.

4 Soziale Bewegungen in Japan bis 1970

Auch nach der Öffnung zum Westen während der Meiji-Restauration, wurde Japan bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges weitgehend autoritär regiert. Erst die amerikanischen Besatzungsmächte ermöglichten nach dem Zweiten Weltkrieg eine Demokratisierung des Inselstaates. Den Japanern wurde eine neue Verfassung oktroyiert, die einerseits die Position des Kaisers auf eine repräsentative Funktion reduzierte und andererseits die Beteiligung des Volkes an politischen Entscheidungen verbesserte. So unterstützten die Amerikaner in den ersten 2 Jahren der Besatzung beispielsweise die Gewerkschaftsbildung.

In der japanischen Geschichtsschreibung tauchen jedoch früher schon Ausdrücke des Protestes auf, die als soziale Bewegungen definiert werden können und im Folgenden skizziert werden.

Soziale Bewegungen im imperialistischen Japan

Raschkes Definition sozialer Bewegung greift laut Mathias schon im Jahre 1874, mit der Bewegung für Freiheit und Volksrechte, Jiyûminken undô (MATHIAS, 1998:21). 10 Jahre lang warben die Völkerrechtler für mehr politische Mitbestimmung auf einer Rechtsgrundlage und demonstrierten somit gegen die auf Pflichten basierende soziale und politische Struktur. Organisatorische Unterstützung lieferten lokale Gruppen, allerdings ohne überregionale Vernetzung. Diese Bewegung bewies Kontinuität, hatte klare Ziele grundlegenden sozialen Wandels, und war bis zu einem gewissen Grad organisiert. 1884 löste sich die Bewegung auf. Mathias bestätigt ihr, sie hätte „durchaus zu Veränderungen im individuellen Bewusstsein beigetragen“ (MATHIAS , 1998:21). Jiyûminken undô fungierte als Wegbereiter sowohl für klassische Bewegungen (Bauern-, Frauen-, Studenten- und Demokratiebewegungen), als auch für die Burakumin- Befreiungsbewegung15 16. Begünstigender Faktor für soziale Bewegungen war auch ein Bildungssystem, welches durch Einbeziehung der gesamten Gesellschaft zu wachsendem politischen Bewusstsein führte (vgl. COULMAS, 1993:88). In der entstehenden Arbeiterschaft z. B. sorgten Diskussionen um Arbeitsschutzgesetze für die Mobilisierung einer Gewerkschafts- bzw. Arbeiterbewegung.

All diese Proteste führten noch nicht zu länger anhaltenden Massenbewegungen, vielmehr konzentrierten sich kleinere Gruppen mit intellektuellen Führern auf die Implementierung gesellschaftskritischer Impulse (MATHIAS, 1998:25). Die Organisationen waren instabil und scheiterten an den Harmoniebestrebungen der Gesellschaft. Überdies verprellten sie Interessenten durch bedingungslosen Ideologismus und mussten gegen die staatliche Unterdrückungsmaschinerie ankämpfen17.

Es gab gewisse Massenproteste, wie die landesweiten Proteste gegen hohe Reispreise. Diese erloschen jedoch erfolglos schon nach wenigen Wochen (LEWIS, 1990:xvii) und können somit eher durch Smelsers „kollektive Episoden“ definiert werden, denn durch Raschkes „soziale Bewegungen“.

Wiederholt vermochten diese Proteste es nicht, einen gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen. Sie zeigten der Bevölkerung aber Möglichkeiten der aktiven Gesellschaftsbeteiligung auf und hatten somit Vorbildcharakter.

Für einen neuen Aufschwung sorgten die sozialen Probleme während der Regentenära der Taishô-Demokratie (1912-1926), als die Städte unter der starken Zuwanderung litten. Der Wirtschaftsboom des ersten Weltkrieges lockte die Landbevölkerung in die Ballungszentren und die Städteregierungen sahen sich mit nahezu unüberwindbaren Versorgungsengpässen konfrontiert. Es entwickelte sich ein gesellschaftliches Bewusstsein für soziale Missstände, und Protestbewegungen erfuhren eine breitere Unterstützung. So verfestigte sich zum Beispiel die Burakumin-Befreiungsbewegung und auch die Gewerkschaften erstarkten. Studenten gingen für die Einführung des allgemeinen Wahlrechts auf die Straße und Anhänger der Volkskunstbewegung propagierten die Rückkehr zu der traditionell handwerklichen Produktionsweise. Nicht zuletzt wachgerüttelt durch neue Kommunikationsmöglichkeiten, vor allem das Aufkommen der Massenmedien, die eine weite Verbreitung des Gedankenguts in dieser „Blütezeit“ (MATHIAS, 1998:26) garantierten, beteiligten sich immer mehr Menschen an den Aktionen. Eine breite Basis der Akzeptanz öffentlichen Protestes wurde geschaffen und einige Autoren sehen hier sogar schon erste Massenbewegungen18.

Es blieb allerdings nicht immer bei friedlichen Protesten. LEWIS (1990) entdeckt in den Unruhen im imperialistischen Japan erstaunliches Gewaltpotenzial, das wiederum diejenigen stärkte, die den Protesten mit Abneigung entgegentraten. Geschwächt wurden die Bewegungen auch durch eine zunehmende Ideologisierung, die viele Mitglieder zu einem Rückzug aus der Bewegung veranlasste. Dadurch fehlten in vielerlei Hinsicht die Mittel, um die Organisationen zu unterhalten. Als zum Ende der 1920er Jahre die Verfolgung der Sozialisten einsetzte, bedeutete dies für einige Bewegungen das Ende (vgl. MATHIAS, 1998:27).

Auch in dieser Periode konnten keine direkten Erfolge erzielt werden. Allerdings fand das Instrument des öffentlichen Protestes in der Bevölkerung eine wachsende Resonanz.

In den 1930er Jahren gewannen die Anhänger der ultranationalistischen Ideologie die Überhand und die bisherigen Proteste verloren an Bedeutung. Institutionen und Organisationen schlossen sich den Faschisten an und bildeten die Basis für eine Bewegung, die schon bald viele Teile der Gesellschaft auf ihre Seite ziehen konnte. Angeführt von Militärs und Bürokraten, gestalteten sich die staatlichen Sanktionen gegenüber dieser faschistischen Bewegung weniger stark und konzentrierten sich vor allem auf die ansteigende Gewalt der Rechten. Erklärtes Ziel der Ultranationalisten war die Wiederherstellung einer traditionellen Gesellschafts- und Staatsform (MATHIAS, 1998:29). Nach einem gescheiterten Putschversuch im Jahr 1936, kam die Bewegung zum Stillstand. Für die Akteure der Bewegung fand sich Platz in der immer stärker werdenden, nationalorientierten Regierung. 1940 beendete dann die Gleichschaltung jegliche Form des Widerstandes (ebd.).

Bis zum Zweiten Weltkrieg sind also durchaus soziale Bewegungen zu erkennen, die sogar große Ähnlichkeiten mit den Entwicklungen im Westen aufweisen. Einerseits gab es die Jiyûminken undô (Bewegung für Freiheit und Volksrechte) im 19. Jahrhundert und die Arbeiterbewegung in den 1920er Jahren, andererseits die faschistische Bewegung der 1930er Jahre.

Soziale Bewegungen im Nachkriegsjapan

Wie Deutschland zählte auch Japan zu den Besiegten des Zweiten Weltkrieges, und in beiden Staaten gehörten weitreichende Reformen zum Wiederaufbauplan der Siegermächte. Grundsätzliches Ziel war es, einen fähigen asiatischen Wirtschaftspartner nach dem Vorbild westlich demokratischer Staaten zu schaffen.

Im Zuge der Demokratisierung wurden die Verantwortlichen für den Krieg verurteilt, während die politischen Gefangenen, vornehmlich Sozialisten und Kommunisten, aus den Gefängnissen entlassen wurden. Gleichzeitig schufen die Reformen Platz für Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegungen. Die Reformen ermöglichten vor allem die Studenten- und die Arbeiterbewegung:

Die Studentenbewegung

Der bedingungslosen Kapitulation Japans folgte eine Welle von Streiks an Erziehungseinrichtungen, in denen die Studenten die Entmilitarisierung der Lehrerschaft forderten.19 Studenten und Schüler suchten gemeinsame Aktionsfelder und etablierten Studentenschaften als Pflichtorganisation. Im Jahr 1948 wurde mit 300.000 Mitgliedern der Zengakuren gegründet, ein japanweiter Verband der Studentenschaften unter der Führung der Kommunistischen Partei Japans (KPJ) (SHIMIZU/TAMANOI, 1976:202). Nach einiger Zeit des erbitterten Streits zwischen den Parteimitgliedern, die eine friedliche Revolution für möglich hielten und denen, die mit aller Gewalt den Umsturz herbeiführen wollten, übernahm die „neue Linke“ als Gegner der KPJ die Führung des studentischen Dachverbands (DERICHS, 1998:40). Die Ziele der Aktivisten wurden auf der einen Seite durch das alltägliche Studentenleben bestimmt, auf der anderen Seite durch die Anwesenheit der amerikanischen Besatzer. Während eine Konzentration auf die Verbesserung der Lebenssituation der Studenten ein Abschwächen der Bewegung herbeigeführt hatte, konnte eine radikale Vorgehensweise gegen die Militärbasen der USA die Bewegung wieder stärken (SHIMIZU/TAMANOI, 1976:204).20

Ihren politisch relevanten Höhepunkt erfuhr die Studentenbewegung bei der Mobilmachung gegen die Revision des japanisch-amerikanischen Sicherheitsvertrages21 (Nichi-Bei anzen hoshô jôyaku, Akronym: AMPO) im Jahr 1960. Sie wurde die bislang größte soziale Bewegung im Nachkriegsjapan (DERICHS, 1998:39). Es wird geschätzt, dass in ganz Japan ungefähr 5,8 Millionen Menschen gegen die Annahme der vertraglichen Änderungen bei der Abstimmung im Parlament demonstrierten (ISHIKIDA, 2005:91). Allerdings erfuhr diese umfassende außerparlamentarische Opposition eine herbe Niederlage, da sie gegen die Mehrheit der konservativen liberaldemokratischen Partei (LDP) im Parlament nicht gewinnen konnte.22 Obwohl durch diese Demonstrationen der geplante Besuch des amerikanischen Präsidenten Eisenhower abgesagt wurde, schwächte das Versagen der Bewegung die Hoffnungen der Bevölkerung auf politische Partizipation. Die Studenten beschlossen, sich von der KPJ zu distanzieren. Von nun an erfuhr „Spontaneität und individuelle Interessenartikulation (...) gehobene Wertschätzung“ (DERICHS, 1998:41). Nach der Spaltung der Zengakuren in den 1960ern, gibt es heute 5 Organisationen mit diesem Namen.

Die Arbeiterbewegung

Auf derselben politischen Ebene wie die Studenten bewegten sich auch in Japan die Arbeiter. Die Arbeiterbewegung ist die zweite große soziale Bewegung im Nachkriegsjapan, die sich parallel zu der Studentenbewegung entwickelte. Die Kommunisten konnten bei der Demokratiegestaltung durch die Amerikaner in den ersten Monaten Erfolg versprechend mitwirken und die Gewerkschaften gewannen an Einfluss. Jedoch wurde der von den Gewerkschaften geplante Generalstreik von 1947 durch das Einschreiten des Generals Douglas MacArthur verhindert. Mit dem Aufkommen des Kalten Krieges benötigten die USA Japan als wirksamen Puffer zu Russland und China. Die schnelle Demokratisierung Japans wurde als vorteilhaft für die eigentlich zu bekämpfenden Sozialisten im Lande angesehen und so lösten die Autoritäten umgehend die Schritte des sozialen Fortschritts, wie zum Beispiel das Recht zur Gewerkschaftsbildung, wieder auf (SHIMIZU/TAMANOI, 1976:203).

Im ersten Jahrzehnt nach dem Krieg erschütterten harte Arbeitskämpfe das sich im wirtschaftlichen Aufschwung befindende Japan. In den Auseinandersetzungen zwischen Beschäftigten und Unternehmern der Mitsui-Kohlegruben in Miike um 1960 sieht Derichs einen Höhepunkt der Arbeiterbewegung, bei der die Entlassung von 2000 Arbeitern Aufruhr in der ganzen Nation hervorrief (DERICHS, 1998:37).

In den folgenden Jahren verloren die von den Sozialisten und Kommunisten angetriebenen Bewegungen an Intensität. Die weltweiten Friedensbewegungen gegen den von den USA geführten Vietnam-Krieg leiteten in Japan die erste Bewegung ein, die auf einen sozialistischen Aufruf verzichtete. Es sollte „das persönliche Befürworten oder Ablehnen des Vietnamkrieges beziehungsweise jedweden anderen Krieges [...] bestimmend für die Handlungsmotivation sein“ (DERICHS, 1998:42). Eine neue Phase sozialer Bewegungen wurde eingeleitet.

Bereitschaft zur radikalen Auseinandersetzung

Kommt es zu Konflikten in Japan, werden diese z. T. sehr radikal geführt und sind vereinzelt mit einem ungewohnt hohen Gewaltpotenzial belastet. Die Radikalität fällt auch Hanami Tadashi bei der Untersuchung von Arbeiterprotesten auf:

„Japanese labor relations being what they are, one needs to hate the company in order to confront it in a dispute. Without hate, employees can muster only halfhearted opposition and are soon ready to compromise“. (HANAMI, 1984:120)

Ob diese Analyse auf allgemeine Konflikte in der japanischen Gruppengesellschaft übertragen werden darf, bleibt unbeantwortet. Hanami zieht bei seiner Untersuchung allerdings Rückschlüsse auf das Familiensystem im Unternehmen („enterprise family“, ebd. 1984:113), welches, wie vorher schon besprochen, fast überall in Japan wieder zu finden war. Erkennbar sind zumindest Analogien zwischen den gewalttätigen Studentenprotesten der 1960er Jahre und den Arbeiterprotesten (vgl. ebd. 1984:126).

Wird der Protest allerdings zu gewalttätig, wendet sich die Bevölkerung zumeist ab und die Bewegung verliert an Intensität. Diese Entscheidungskraft der öffentlichen Meinung spezifiziert Nennstiel wie folgt:

„Mit ihrem [gem.: die Öffentlichkeit] Urteil darüber, ob es im betreffenden Fall gerechtfertigt sei, die Harmonie zu zerstören, entscheide sie über die Legitimität und damit letztendlich auch über die Erfolgschancen der Bewegung“ (NENNSTIEL, 1998b:83)

Konflikte in Japan müssen nicht gewalttätig geführt werden, um große Aufmerksamkeit zu erregen. Lenz spricht in Japan von der „großen Bedeutung von symbolischen Auseinandersetzungen“ (LENZ, 1998:147).

Auffällig selten wird in Japan der Rechtsweg zur Durchsetzung eines Protestes eingeschlagen. In manchen Fällen glättet eine Entschuldigung die Wogen. Wo diese fehlt, schaukelt sich der Protest in die Höhe.23

Zwischenfazit

Die vorangegangene sozialhistorische Darstellung hat gezeigt, dass es auch in Japan soziale Bewegungen im Sinne der zugrunde gelegten Definition gibt. MATHIAS (1998:33) und DERICHS (1998:36f) sehen durch die Gemeinsamkeiten in der Geschichte Japans und Deutschlands Ähnlichkeiten in dem Spektrum sozialer Bewegungen beider Länder.

Das Auftreten der sozialen Bewegungen in Japan kann grob in drei verschiedene Phasen eingeteilt werden. Die erste Phase beginnt mit der Öffnung des Inselstaates zum Westen und dem damit verbundenen Einfluss fremden Gedankenguts. Bis zum zweiten Weltkrieg sind zahlreiche soziale Bewegungen zu erkennen. Nach der Gleichschaltung aller Organisationen, kam es während des Krieges nicht zu sozialen Bewegungen. Die bedingungslose Kapitulation und die Besetzung des Landes durch die Amerikaner eröffnete neue Möglichkeiten sozialen Protests und leitete die zweite Phase ein. Der Beginn der dritten Phase ist ungefähr mit dem Erscheinen der neuen sozialen Bewegungen in den westlichen Industrienationen gleichzusetzen. Um 1960 während der Proteste gegen den AMPO-Vertrag, wurde der Wandel innerhalb der Bürgerbewegungen (shimin undô) erstmals sichtbar. Konzeptionell bedeutete dieser Wandel einen neuen Bewegungstypus in Japan, der durchaus mit den neuen sozialen Bewegung des Westens vergleichbar war.

Teil II

Erster Exkurs: Die Minamata-Bewegung

Vom 20. Juni 1971 bis zum 10. März 1973 erkannten japanische Gerichte vier Fälle von grober Umweltverschmutzung mit folgenschweren Erkrankungen der lokalen Bevölkerung an, die in der Literatur als die „big four“ bekannt wurden24. Fast immer mussten sich die Opfer mit minimalen Entschädigungssummen zufrieden geben und im Gegenzug versprechen, die Unternehmen nicht weiter mit dem Auftreten der Krankheit in Verbindung zu bringen. Die Zahlungen wurden als gutgemeinte Gaben für die leidende Bevölkerung benannt. Sie waren also nur Zuwendungen ohne jegliches Schuldeingeständnis und stoppten nicht die Verschmutzungen (vgl. BROADBENT, 1998:103).

Der folgende Exkurs widmet sich der Quecksilberverseuchung in der Minamata-Bucht. Die Reaktionen in der Öffentlichkeit sind stellvertretend für die vielen Umweltschutzbemühungen in der nachindustriellen Phase.

Minamata ist ein ehemaliges Fischerdorf in der Präfektur Kumamoto (auf der südlichen Insel Kyushu), über 1000 Kilometer von Tôkyô entfernt. Zwischen 1932 und 1966 (OSIANDER 1998:199) leitete die Firma Chisso Corporation in Minamata große Mengen Quecksilber mit den Abwässern in das Shiranui-Meer. Die Folgen für Mensch und Tier wurden in den 1950er Jahren offensichtlich. Es kam zu tötlichen Schädigungen des Gehirns und des Nervensystems, sowie schweren Geburtsfehlern25. Doch auch nachdem alle übrigen Ursachen ausgeschlossen waren und im Herbst 1956 eindeutig feststand, dass die Erkrankungen durch ein Biozid oder Gift hervorgerufen worden sein mussten (GUNNARSON, 1974:15), negierten die Regierung und das Unternehmen jeglichen Zusammenhang zwischen der Krankheit und den Abwässern der Firma.

Eine unabhängige Forschergruppe der Kumamoto-Universität um Jun Ui deckte auf, dass, wie die Einwohner längst vermuteten und die Techniker und Arbeiter der beschuldigten Firma längst wussten (NENNSTIEL, 1998b:181), die quecksilberhaltigen Abwässer des Chisso Unternehmens die Ursache für die Erkrankungen war. Da jedoch große Teile der Stadtverwaltung unter anderem personell mit dem Unternehmen verbunden waren26, wurde die Arbeit der Forschungsgruppe auch von den Behörden immer wieder behindert.

Es gab keine finanzielle Hilfe, die Ergebnisse der Analysen wurden angefochten und firmeneigene Forscher verwirrten die Bevölkerung mit Gegendarstellungen. So war der Protest in den ersten Jahren des Bekanntwerdens der Verseuchung auf Opfervereinigungen und teilweise gewalttätige Angriffe der Fischer auf das Firmengebäude beschränkt. Die Proteste waren demnach auf ein kleines Territorium begrenzt, die übrige Bevölkerung Japans interessierte die Minamata-Krankheit lange Zeit nicht. Starke Proteste im Jahr 1959 bewirkten lediglich die Gründung von Selbsthilfegruppe (OSIANDER, 1998:201). Erst, als sich die Verseuchung auf Niigata (s.o.) ausweitete und in Tôkyô Vermutungen aufkamen, auch der dortige Fisch könne vergiftet sein, erlangte der Fall landesweites Interesse. Zwar wurden die Proteste gegen Ende der 1960er Jahre noch einmal stärker, eine soziale Bewegung entwickelte sich laut Osiander bis 1968 allerdings nicht (OSIANDER 1998:201). Erst dann, 10 Jahre nach dem Höhepunkt der lokalen Proteste, formten sich Demonstrationen und Solidaritätsbekundungen in ganz Japan zu einer landesweiten sozialen Bewegung. Schadensersatzklagen wurden von freiwilligen Anwälten vertreten und Wissenschaftler recherchierten zusammen mit Bürgern für ein Dossier, „in dem aus juristischer, medizinischer und verfahrenstechnischer Hinsicht die Verantwortung des Unternehmens für die Verseuchung erläutert wurde“ (OSIANDER, 1998:210).27 Erstmals wurden also juristische Mittel zur Durchsetzung der Ziele des Protestes eingesetzt. Diese „gänzlich neue Vorgehensweise“ (U I , 1985:56) in Japan bot eine geeignete Plattform für die Öffentlichkeitsarbeit der Bewegung und verschärfte die Proteste der Bevölkerung, so dass den Opfern Schadensersatz zugesprochen wurde. Hohe umweltpolitische Auflagen für das Chisso Unternehmen folgten.

Osiander geht einigen Hypothesen nach, warum sich die landesweite Bewegung erst 10 Jahre nach dem Auftreten der Krankheitsbilder und den damit zusammenhängenden starken Protesten in Minamata formierte. Als Grundlage für die Bewegung Ende der 1960er Jahre identifiziert sie ein verändertes „Wir-Gefühl“. In den Anfangsjahren des Protestes wurden die Opfer und ihre Forderungen an das Unternehmen von vielen Teilen der Bevölkerung als rückständig erachtet, schließlich verhieß Chisso eine glorreiche Zukunft. Nachdem man die Grenzen der Zukunftsträchtigkeit des Chisso Unternehmens erkannte, wurde „das Stigma der Rückständigkeit [...] in ein positiv besetztes Ideal von der nichtentfremdeten, vorindustriellen Lebensweise der Vorfahren umgedeutet“ (OSIANDER, 1998:220). Landesweit vereinte die Demonstranten also die Sorge, die Welt der Vorfahren durch die Verseuchung und die Krankheit zu verlieren. Auf diese Weise konnte sich das regionale Problem in ein nationales verwandeln und in den Jahren 1968 bis 1973 eine soziale Bewegung formen mit dem Ziel, die Zerstörung des traditionellen Japans aufzuhalten.

[...]


1 Japanische Begriffe und Eigennamen werden nach der modifizierten Hepburn-Transkription umgeschrieben. Die Darstellung japanischer Personennamen entspricht der in Japan üblichen Reihenfolge Familienname-Vorname.

2 Wenn im Folgenden von der westlichen Welt oder dem Westen gesprochen wird, so bezieht sich dies auf die westeuropäischen und nordamerikanischen Staaten.

3 Die Frauenbewegung bildet sich aus all denjenigen Gruppen, Protestereignissen usw., die sich der gesellschaftlichen Anerkennung, beruflichen Gleichstellung o.ä. des weiblichen Geschlechts gewidmet haben bzw. widmen und somit vor allem emanzipatorische Ziele verfolgen.

4 Die Friedensbewegung bildet sich aus all denjenigen Gruppen, Protestereignissen usw., die sich gleichwohl mit japanischen wie auch außerjapanischen friedenspolitischen Themen auseinandersetzen.

5 Die Umweltbewegung bildet sich aus all denjenigen Gruppen, Protestereignissen usw., die sich im Umwelt- und Naturschutz sowie anderen umweltpolitischen Bereichen engagieren.

6 Die vierte Differenzierung nach Zentrum und Peripherie fand laut Luhmann bisher noch keine Anwendung in der Realität und wird deshalb nicht mit aufgeführt.

7 Dies soll nicht bedeuten, dass sich dieses Phänomen des Zusammenlebens auf immer größere Gruppen, wie zum Beispiel eine ganze Stadt oder gar eine Präfektur ausweitet. Die Einheiten sind immer überschaubar. In größeren Unternehmen bilden sich deswegen wieder kleinere Gruppen, die sogar untereinander Konkurrenzdenken aufzeigen können und doch harmonisch für das Unternehmensziel kämpfen.

8 Uchi und Ie sind verschiedene Leseweisen des selben Schriftzeichens und bedeuten ebenso innen wie auch Familie oder Haushalt.

9 Soto bedeutet soviel wie draußen, außerhalb, öffentlich.

10 Eine Ausnahme bilden die so genannten Frühlingsstreiks, symbolische Protesthaltungen, die vor allem dem Zusammenhalt der Gewerkschaft dienten.

11 Einen Überblick zur Frühjahrsoffensive gibt ISHIDA, 1984:29ff

12 Wie schon angedeutet, identifiziert sich ein Arbeitnehmer mit seiner Arbeitsgruppe bisweilen mehr als mit seiner eigenen Familie. Ihn aus dem Arbeitsleben zu reißen bedeutet ein Bruch mit der Harmonie und erweckt Unmut in der gesamten Nation.

13 MATHIAS (1998:15) datiert die Anfänge der Bewegungsforschung mit Verweis auf die Frankreich- Studie von Lorenz von Stein auf das Jahr 1850

14 Im Gegensatz dazu waren die Ziele der Arbeiterbewegung soziale Gerechtigkeit und politische Demokratisierung (vgl. RUCHT, 1994:151)

15 Der häufig verwendete Ausdruck „Vorkriegsjapan“ für die Zeit vor der Beteiligung Japans am Zweiten Weltkrieg verwischt die geschichtlichen Fakten, da Japan von 1894 an seinen imperialistischen Bestrebungen kriegerisch nachkam. Aus diesem Grund wird hier die Bezeichnung imperialistisches Japan bevorzugt (vgl. u.a. MACKIE, 2003:5)

16 Die Burakumin gehören ethnisch zu der japanischen Mehrheitsbevölkerung und bilden die größte Minderheit in Japan. Obwohl sie 1871 durch den „Befreiungserlass“ gleichgestellt wurden, sind sie bis heute Opfer von Diskriminierungen (s. ausführlich VOLLMER, 1998).

17 Diese Restriktionen drückten sich zum Beispiel durch das Polizeigesetz zur Wahrung von Ruhe und Ordnung aus. Zu den außergewöhnlich harten Sanktionen gegen Unruhestifter s. LEWIS, 1990:114ff und SHIMIZU/TAMANOI (1976)

18 Z. B. AKAMATSU KATSUMARO: Nihon shakai undô shi [Geschichte der sozialen Bewegungen in Japan] Tôkyô:1952:ii, (nach MATHIAS, 1998:27).

19 Schon zwei Monate nach der Kapitulation Japans begann der erste Streik an einer Oberschule in Mito. Ausführlich hierzu Shimizu/Tamanoi (1976)

20 Allerdings war die Bewegung in sich noch immer nicht vollkommen geeint. Es kam weiterhin zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen den kommunistischen Studenten und der KPJ.

21 Der japanisch-amerikanische Sicherheitsvertrag wurde 1951 während des Koreakrieges geschlossen. Ziel war es, den amerikanischen Truppen in Japan Stützpunkte anzubieten, während die Amerikaner Japan unter ihren Sicherheitsschirm nahmen (die Abmachungen sollten auch nach der Besatzungszeit anhalten). Die Änderungen 1960 beliefen sich vor allem auf die Stärkung der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte. Zudem verpflichteten sich beide Vertragspartner zu gegenseitigen Hilfeleistungen im Falle eines Angriffs durch ein drittes Land. Diese Verpflichtung sollte auch greifen, sollte dieser Angriff in der japanischen Umgebung stattfinden. Diese Umgebung und andere Teile des Vertrages wurden später ausgeweitet. Der Sicherheitsvertrag besteht bis heute (vgl. ABE/SHINDÔ/KAWATO, 1994:102ff). S. auch dritter Exkurs: Bewegung gegen den AMPO-Vertrag.

22 Die Regierung schaffte es, die Vertragsgegner im Parlament zu überrumpeln und die Revision des Vertrags ohne ihre Anwesenheit zu ratifizieren

23 Zu den inoffiziellen Meetings zur Konfliktlösung s. ZHAO, S. 134

24 Die Fälle wurden unter folgenden Namen bekannt: Toyama Itai Itai, Niigata Minamata Krankheit, Yokkaichi Fall und Kumamoto Minamata Krankheit (vgl. U PHAM , 1976:317).

25 Zum ausführlichen Verlauf der Vergiftung und den Formen der Erkrankung s. GUNNARSON, 1974:14-42)

26 Der ehemalige Firmenchef war der Bürgermeister der Stadt (NENNSTIEL, 1998b:181f)

27 Zu der Minamata-Bewegung ab 1968 s. ausführlich OSIANDER, 1998:208-213

Ende der Leseprobe aus 81 Seiten

Details

Titel
Konflikt der Harmonie - Neue Soziale Bewegungen in Japan
Hochschule
Universität Osnabrück  (Sozialwissenschaften)
Note
A
Autor
Jahr
2006
Seiten
81
Katalognummer
V116049
ISBN (eBook)
9783640177158
Dateigröße
4274 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit wurde für den Universitätspreis vorgeschlagen - leider ohne Erfolg. Einige Daten beruhen auf persönlichen Interviews und Erfahrungen während eines siebenmonatigen Aufenthalts an einer Universität in Tokyo. Diese Arbeit eignet sich gut als Einführung in das Thema der neuen sozialen Bewegungen in Japan. Eine Fortführung dieser Arbeit mit Schwerpunkt auf die Friedensbewegung in Tokyo ist in Vorbereitung.
Schlagworte
Konflikt, Harmonie, Neue, Soziale, Bewegungen, Japan
Arbeit zitieren
Daniel Joachim (Autor), 2006, Konflikt der Harmonie - Neue Soziale Bewegungen in Japan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116049

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