„Soldatensender Calais“ und „Nachrichten für die Truppe“ als vorgetäuschte Wehrmachtsorgane


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

26 Seiten, Note: 1,7

Stefan Färber (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der Weg zum „Atlantiksender“

3 Der „Deutsche Kurzwellensender Atlantik“

4 Der „Soldatensender Calais/ West“

5 Die „Nachrichten für die Truppe“

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Als am 25. April die erste Ausgabe der „Nachrichten für die Truppe“ über Frankreich und Deutschland abgeworfen wurde, war die Invasion der Alliierten bereits geplant. Die neue Flugblatt- Zeitung sollte auf kampflose Art und Weise mithelfen, den Weg zum Ende des Zweiten Weltkriegs zu ebnen. Doch was war dieses Blatt, das bis heute das erste und einzige seiner besonderen Art darstellt? Auf den ersten Blick nichts anderes als eine boulevardeske Truppenzeitung mit Kriegsneuigkeiten, Nachrichten aus der Heimat, Sportmeldungen und leicht bekleideten Mädchen. Wer sich diese Zeitung jedoch genauer ansah, dem fiel schnell der seltsame Unterton der „Nachrichten für die Truppe“ auf. Offiziell war dieses Blatt eine deutsche Truppenzeitung, doch ein deutscher Soldat an der Westfront sollte schnell bemerken, dass dieser Hintergrund nicht der Wahrheit entsprechen konnte. Der Grundtenor der „Nachrichten für die Truppe“ war zersetzend, sie verbreiteten Zwietracht säende Gerüchte, stellten die Kriegslage in ihrer für die deutsche Seite aussichtslosen Situation dar, machten sich lustig über die deutsche Führung und prangerten die Politik der Nationalsozialisten an. „Wenn das er Führer wüsste…“ dürften sich Soldaten und Zivilbevölkerung gedacht haben. Die „Nachrichten für die Truppe“ sprachen die Wahrheit, jedoch konnten sie unmöglich von deutscher Seite stammen. Trotzdem wurden sie gelesen. Doch was waren die „Nachrichten für die Truppe“ und woher kamen sie? Wer war Sefton Delmer; der Mann, dessen Gespür und Talent eine neue Form der Propaganda ermöglichten? Diese Mischform der beiden bekannten Formen weißer ungetarnter, und schwarzer vollständig getarnter Propaganda, nämlich eine sogenannte graue Propaganda, mit deren Hilfe er desorientierende und zersetzende Gerüchte streute? Was waren der „Soldatensender Calais“, der Ursprung der „Nachrichten für die Truppe“, und die „Nachrichten“ selbst? Welche Ziele verfolgten sie, welche Leute standen hinter ihnen, welche Inhalte wurden auf welche Art und Weise verbreitet? Wie verlief die Entwicklung dieser beiden grauen Medienformen über ihren Vorläufer, den „Deutschen Kurzwellensender Atlantik“? Diese Hauptseminararbeit soll all diesen Fragen auf den Grund gehen und eine zusammenfassende Erläuterung des Wesens dieser beiden Medien vor dem Hintergrund der grauen Propaganda liefern.

2 Der Weg zum „Atlantiksender“

Im Jahr 1940 weitete sich der Zweite Weltkrieg auf Nord- und Westeuropa aus. Das Oberkommando der Wehrmacht plante seit Kriegsbeginn aus Furcht vor einem Festsetzen der Alliierten in Skandinavien und einer Front im Norden des Reichs die Besetzung Norwegens.

Gleichzeitig erfolgten die Besetzung Dänemarks sowie die deutsche Westoffensive gegen Frankreich und die Benelux-Staaten. Belgien kapitulierte daraufhin am 28. Mai. Die Niederlande hatten bereits am 15. Mai ihre Kapitulation erklärt. Am 5. Juni setzte mit der "Schlacht um Frankreich" die zweite Phase des Blitzkriegs ein. Am 14. Juni erfolgte kampflos der deutsche Einmarsch in Paris, so dass die aussichtslose militärische Lage Frankreich am 17. Juni zwang, um Waffenstillstand zu ersuchen. Nach dem schnellen deutschen Triumph über Frankreich war Adolf Hitler auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Schließlich begann am 13. August die Luftschlacht über England zur Vorbereitung einer Invasion (DHM, 2005).

Zu dieser Zeit begann auch der „Radio War“ (Owen, 1978, S.69) von Deutschland gegen England. Goebbels Propagandaministerium hatte schwarze verdeckte Radiosender bereits im Winter 1939/40 erfolgreich im Feldzug gegen Frankreich eingesetzt. Im Januar 1940 begannen zwei von den Deutschen initiierte schwarze augenscheinlich alliierte Sender gegen „den Feind im Westen“ zu senden. Der eine war als eine geheime Station der „Französischen Kommunistischen Partei“ getarnt, der andere wurde augenscheinlich von britischen Regierungsgegnern aus Irland betrieben. Auf diese Weise konnte die französische Regierung kritisiert und das Augenmerk auf Niederlagen und Verluste der Alliierten gelegt werden. Während der Invasion in Frankreich verstörten und verunsicherten die deutschen Geheimsender sowohl Zivilbevölkerung als auch alliierte Soldaten mit erschreckenden Kriegsneuigkeiten sowie Gerüchten z.B. über die „Fifth Columnists“. Diese waren gemäß den Meldungen der schwarzen Sender Saboteure, die im Untergrund helfen sollten, die Niederlage Frankreichs zu besiegeln. Der Erfolg war so groß, dass sogar französische Zeitungen das Thema aufgriffen und unbewusst Zwietracht in der Bevölkerung säten. Unterstützt wurden diese zersetzenden Kampagnen von Angst schürenden Kriegsmeldungen, wie z.B. Warnungen, dass die deutschen Soldaten nach der Eroberung einer Stadt als erstes sämtliche Geldbestände der Banken beschlagnahmten. Das Ergebnis war ein Ansturm auf die französischen Banken und somit ein völliger wirtschaftlicher Zusammenbruch in einigen Gebieten. Nach der Niederlage Frankreichs ließ Goebbels die beiden schwarzen Sender abschalten, um nach ein paar Tagen eine neue Kampagne gegen England einzuleiten. Dabei wurde eine Gruppe britischer Kriegsgefangener benutzt, die sich als Churchill- Gegner hervorgetan hatten. Nicht weniger als fünf verschiedene geheime Radiosender sendeten gegen England. Sie enthielten z.B. Programme für revolutionäre sozialistische Arbeiter oder zielten auf schottische und walisische Nationalisten, die die Deutschen immer für potenzielle Verbündete gehalten hatten, und auf andere religiöse und pazifistische Gruppen. Das Hauptthema der verschiedenen Sendungen war der Wunsch nach Frieden. Die pazifistischen Sendungen konzentrierten sich auf die Vorteile von Hitlers Friedensangebot, während der Sender für die Revolutionäre unter den Arbeitern die Absetzung Churchills als Premierminister proklamierte. Goebbels Plan war, falsche Evakuations- Befehle während der geplanten Invasion zu senden, um völliges Chaos in England zu verursachen und die Verteidigung zu schwächen. Im weiteren Verlauf des Krieges wurde die Zersetzungsfähigkeit der schwarzen Sender weiter verbessert. Um die Glaubwürdigkeit zu wahren, griffen die Sender vordergründig zwar Deutschland und die Nationalsozialisten an, sendeten unter diesem Deckmantel jedoch immer mehr zersetzende Gerüchte. Einerseits diskreditierende Geschichten über englische Politiker, andererseits Augenzeugen- Berichte über die schrecklichen deutschen Angriffe, lebendig beschrieben um größtmögliche Angst zu erzeugen. Schließlich wurde dasselbe „Fifth Columnists“- Thema von Goebbels wieder aufgegriffen, um Zwietracht in der englischen Bevölkerung zu säen. Deutsche Soldaten hätten hunderttausend britische Uniformen erbeutet, mit denen nun deutsche Fallschirmspringer versuchten, geheime Sabotagen durchzuführen (Owen, 1978, S.73f).

Die britische Gegenattacke begann im Herbst 1939 mit Propaganda- und Nachrichten- Sendungen auf Deutsch. Im darauf folgenden Sommer begann Sefton Delmers Karriere bei der BBC. „An einem regnerischen Julinachmittag des Jahres 1940 […] erhielt ich in unserer Wohnung in Londons altem Lincoln’s Inn eine Nachricht […]. Sie kam von Duff Cooper, dem neuen Informationsminister. Duff fragte an, ob ich helfen wolle, die Qualität der deutschen Sendungen der BBC zu verbessern […], indem ich wöchentlich einen oder zwei Beiträge lieferte.“ (Delmer, 1962, S. 419). Delmer arbeitete weiterhin für den Daily Express und verfasste bei der BBC Radiobeiträge auf Deutsch. Er war weit mehr als ein talentierter und erfahrener Journalist. Da er seine Kindheit in Deutschland verbracht hatte und während des Ersten Weltkriegs in Deutschland zur Schule gegangen war, sprach er die deutsche Sprache besser als so mancher Deutscher. Er dachte quasi Deutsch und hatte während seiner Jahre als Journalist beim „Daily Express“ viele Nazi- Größen persönlich kennen gelernt. Am 19. Juli 1940 kam es dann laut Delmer zu seiner direkten Antwort auf Hitlers „letztes Friedensangebot an England“ (Delmer, 1962. S. 420), wo er dieses Friedensangebot auf schärfste und beleidigendste Art und Weise zurückwies. Delmer wurde daraufhin von Cooper und Leonard Ingrams, der einen Posten bei SO1 innehatte, dem für Propaganda zuständigen Zweig des SO2, dem späteren Special Operations Executive (SOE), zur Leitung einer Research Unit berufen. Das SOE war zuständig für die „Organisation von Widerstands- und Sabotageakten, Ermordungen und andere Unternehmungen“ (Delmer, 1962, S. 441). Im September 1941 wurde der größte Teil von SO1 dem neu gegründeten Political Warfare Executive (PWE) unterstellt. Das PWE war ein britischer Geheim- und Nachrichtendienst und zuständig für Propaganda und psychologische Kriegsführung. Das PWE hatte drei politische Köpfe. Zu oberst unterstand es dem Foreign Office und damit dem Foreign Secretary Anthony Eden. Des Weiteren dem Ministry of Information unter Brendan Bracken und schließlich dem Ministry of Economic Warfare, namentlich Hugh Dalton. Zur Tarnung benutzte das PWE das Political Intelligence Department (PID). Der erste Leiter dieses Geheimdienstes war Reginald Leeper, der allerdings 1943 zurücktrat, nachdem er 1942 Robert Bruce Lockhart unterstellt worden war. Das PWE arbeitete mit der BBC zusammen, über die die weiße Propaganda ausgestrahlt wurde und hatte großen Einfluss darauf, was die BBC in von den Deutschen besetze Gebiete sendete. Es hatte eine Doppelrolle wahrzunehmen: Einerseits sollte es die Meinung der deutschen Bevölkerung gegen die nationalsozialistische Regierung wenden und andererseits die Bevölkerung der besetzten Gebiete gegen die Deutschen aufbringen. Leonard Sanders übertrug Delmer nun die Leitung einer Research Unit. RU war der Deckname, den SO1 für seine Freiheitssender benutzte. Die Briten experimentierten ebenfalls mit zwei verdeckten schwarzen Radiosendern. Der eine zielte auf links gerichtete Arbeiter, wurde von einer Gruppe deutscher Marxisten betrieben und nannte sich „Sender der Europäischen Revolution“. Der andere war auf die rechte Opposition zu den Nationalsozialisten gerichtet und wurde von einem früheren Reichstagsabgeordneten der Zentrumspartei zusammengestellt. (Owen, 1978, S. 76f).

Beide Sender wurden jedoch von diesen Deutschen mehr oder weniger auf eigene Faust betrieben. Delmer erhielt den Auftrag, eine komplett neue RU zu schaffen und entwickelte den ersten echten britischen schwarzen Propaganda- Sender Gustav Siegfried 1 (GS1). Im Mai 1941 ging GS1 auf Sendung. Delmer verzichtete darauf, seine Zuhörer gegen die Nationalsozialisten aufbringen zu wollen. Seine Meinung war, „die Deutschen würden sich derartige Sendungen erst anhören und auf sie reagieren, wenn sie überzeugt waren, dass der Krieg verloren war und es für sie besser sei, sich von Hitler abzuwenden als weiter zu kämpfen. Wer in dem damaligen Stadium des Krieges die Deutschen zu hitlerfeindlichen Gedanken und Handlungen veranlassen wollte, musste sich des Mittels der Irreführung bedienen.“ (Delmer, 1962, S. 445). Delmers Plan war, dass „wir Sendungen bringen müssen, die Hitlers Regime nicht dadurch zu untergraben suchen, dass wir offen gegen ihn sprechen, sondern dadurch, dass wir so tun, als seien wir ganz und gar für ihn und seinen Krieg.“ (Delmer, 1962, S. 446). Er war der Meinung, dass man „mit einer superpatriotischen Meinung für den neuen Sender imstande wäre, unter dem Deckmantel nationalsozialistischer und nationalbewusster Redensarten die gefährlichsten Gerüchte zu verbreiten.“ (Delmer, 1962, S. 446). Die Grundformel für diesen ersten schwarzen Sender sollte eine Art „psychologisches Judo“ (Delmer, 1962, S. 447) darstellen, das den „ideologischen Schwung des Gegners auffing und gegen ihn selbst kehrte“ (Delmer, 1962, S. 447). Die Sendungen sollten sich nicht so anhören, als seien sie an die Öffentlichkeit gerichtet, sondern den Voyeurismus und die Neugier der deutschen Bevölkerung auf nicht für sie Bestimmtes fördern. Der Zuhörer sollte plötzlich auf eine Radiosendung stoßen, die den Eindruck vermitteln sollte, eine geheime militärische Organisation gebe verschlüsselte Anweisungen an ihre in ganz Europa verstreuten Zellen durch. Zwischen diesen verschlüsselten Botschaften sollte der wahre Inhalt lauern: Ein Haudegen alter preußischer Schule sollte den Sender benutzen, um den Mitgliedern dieser Organisation seine Ansichten mitzuteilen. Um Zuhörer zu gewinnen, sollte er sich einer beißenden und vulgären Ausdrucksform bedienen. Die Ansprachen des „Chefs“, wie der Sprecher von Delmer genannt wurde, sollten reichlich mit Interna gespickt sein und den Eindruck erwecken, der Mann vom rechtsradikalen Flügel der Wehrmacht sei zwar dem Führer und dem nationalsozialistischen Gedanken treu ergeben, empfand jedoch eine tiefe Verachtung für das Pack, also die NSDAP und die Parteikommune, das im Namen des Führers die Macht an sich gerissen hatte. Die Sendungen sollten zeigen, dass sich zwischen den konservativen Wehrmachtselementen und den radikalen Nationalsozialisten eine immer tiefer werdende Kluft aufgetan habe (Delmer, 1962, S. 447f). Um möglichst faktengetreue Gerüchte zu streuen stand Delmer die Nachrichtenauswertung des PWE zur Verfügung. Das PWE baute ein großes Datennetzwerk auf, in dem alle möglichen Informationen aus Deutschland wie Zeitungen, Rundfunk- Mitschnitte, Kriegsgefangenen- Befragungen oder exakte Dokumentationen des Kriegsverlaufs gesammelt und ausgewertet wurden. Als Sprecher verpflichtete Delmer den Berliner Paul Sanders, einen ehemaligen Schriftsteller, der Deutschland 1938 verlassen hatte und nun ein Corporal eines Pionier- Korps war. Sein Adjutant und Ansager war „Johannes Reinholz, ein deutscher Journalist“ (Delmer, 1962, S. 456). Am 23. Mai 1941 ertönte zum ersten Mal die Stimme von GS1. Später wurde ein Erkennungszeichen des Senders hinzugefügt: Die Deutschlandmelodie, die auf einem kaputten Klavier gespielt wurde (Owen, 1978, S. 75ff.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
„Soldatensender Calais“ und „Nachrichten für die Truppe“ als vorgetäuschte Wehrmachtsorgane
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung)
Veranstaltung
Graue Propaganda: Techniken und Hintergründe
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
26
Katalognummer
V116309
ISBN (eBook)
9783640178308
ISBN (Buch)
9783640178261
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Calais“, Truppe“, Wehrmachtsorgane, Graue, Propaganda, Techniken, Hintergründe
Arbeit zitieren
Stefan Färber (Autor), 2008, „Soldatensender Calais“ und „Nachrichten für die Truppe“ als vorgetäuschte Wehrmachtsorgane, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116309

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: „Soldatensender Calais“ und „Nachrichten für die Truppe“ als vorgetäuschte Wehrmachtsorgane



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden