Effektivität von Hypnose/Hypnosetherapie bei ausgewählten Angststörungen - Ein metaanalytischer Vergleich zwischen Hypnosetherapie und Verhaltenstherapie


Diplomarbeit, 2003

213 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Theoretischer Teil

1. Grundlagen der Hypnose
1.1. Was ist Hypnose?
1.2. Eine historische Einordnung der Hypnose
1.2.1. Hypnose im Altertum
1.2.2. Die Entwicklung vom Magnetismus zur wissenschaftlichen Hypnose
1.3. Unterscheidung von direkter und indirekter Hypnose
1.3.1. Direkte Induktion
1.3.2. Indirekte Induktion
1.4. Verschiedene Phänomene und Begriffe in der Hypnose
1.4.1. Hypnotische Phänomene
1.4.2. Suggestion
1.4.3. Fremdsuggestion und Autosuggestion
1.4.4. Posthypnotischer Auftrag / Posthypnotische Suggestion
1.4.5. Trancelogik
1.4.6. Vollzug im Unterbewusstsein
1.4.7. Suggestive Menschen
1.4.8. Suggestibilität
1.4.9. Fremdhypnose und Selbsthypnose
1.4.10. Spontanhypnose
1.4.11. Wirkungen der Hypnose
1.4.12. Negative Sinnestäuschungen
1.4.13. Positive Sinnestäuschungen
1.4.14. Eingeengte Bewusstseinslage
1.4.15. Trance/Trancetiefe
1.4.16. Rapport
1.5. Theoretische Erklärungsansätze zur Hypnose
1.5.1. „Hypnose als Schlaf“
1.5.2. „Hypnose als Hypersuggestibilität“
1.5.3. „Hypnose als konditionierte Reaktion“
1.5.4. „Hypnose als Regression“
1.5.5. „Hypnose als Dissoziation“
1.5.6. „Hypnose als eine besondere Bewusstseinsstufe“
1.5.7. „Hypnose als Rollenhandeln“
1.5.8. „Hypnose als Realitätsverkennung“
1.5.9. „Theorie der Hypnose als Alltag“
1.6. Theorien der Hypnose nach der modernen Wissenschaftsauffassung
1.6.1. Die State-Theorien
1.6.2. Die Non-State-Theorien
1.6.3. Hypnose in der Tradition von Erickson
1.6.4. Problem der modernen Hypnosetheorien
1.6.5. Hypnose im Fouries ökosystemischen Ansatz
1.7. Anwendungsmöglichkeiten und Anwendungsgebiete
1.7.1. Hypnose in der Medizin
1.7.2. Hypnose in Klinischer Psychologie und Psychiatrie
1.7.3. Hypnose im forensischen Bereich
1.7.4. Hypnose bei Sport
1.8. Modellbeispiel einer Hypnosesitzung
1.9. Abgrenzung/Gefahren/Kritik/Ängste zu Hypnose

2. Grundlagen der Verhaltenstherapie
2.1. Was ist Verhaltenstherapie bzw. kognitive Therapie?
2.2. Entwicklung der Verhaltenstherapie
2.3. Theoretische Grundlagen der Verhaltenstherapie
2.3.1. Lerntheoretisch
2.3.2. Soziale Lerntheorien
2.3.3. Kognitive Lernmodelle
2.4. Verhaltenstherapeutische Methoden und Techniken
2.4.1. Kognitiv-behaviorale Therapie
2.4.2. Kognitive Therapie
2.4.3. Biofeedback
2.4.4. Systematische Desensibilisierung
2.4.5. Reizkonfrontation
2.4.6. Angewandte Anspannung
2.4.7. Angewandte Entspannung
2.4.8. Informationsvermittlung
2.4.9. Stress-Management
2.4.10. Nondirektive Therapie
2.4.11. Training sozialer Kompetenz
2.5. Hypnose und Verhaltenstherapie
2.5.1. Vorteile der Methodenkombination

3. Angststörungen
3.1. Phobische Störungen
3.1.1. Agoraphobie
3.1.2. Soziale Phobie
3.1.3. Spezifische Phobie
3.2. Andere Angststörungen
3.2.1. Panikstörung
3.2.2. Generalisierte Angst

4. Grundlagen von Meta-Analysen
4.1. Einführung in die Meta-Analyse
4.2. Effektgrößen
4.2.1. Verschiedene Arten zur Berechnung von Effektstärken
4.2.2. Weitere Darstellungen von Effektgrößen
4.3. Probleme bei der Erstellung von Meta-Analysen
4.3.1. Inklusionskriterien
4.3.2. Fehlenden Angaben in Primärstudien
4.3.3. Berechnung von Effektgrößen
4.3.4. Einfluss der Stichprobe auf die Effektgrößen
4.3.5. Einfluss der Variablen auf die Effektgrößen
4.3.6. Interpretation der Effektstärken
4.3.7. Sonstige Probleme bei Meta-Analysen
4.4. Metaanalysenprogramm von Ralf Schwarzer
4.4.1. Allgemeine Informationen
4.4.2. Was leistet das Programm?
4.4.3. Genauere Betrachtung der Rechenverfahren
4.4.3.1. Ergänzende Bemerkungen zu den verschiedenen Rechenverfahren
4.4.3.1.1. Wahrscheinlichkeiten (p-Werte)
4.4.3.1.2. Effektstärke (d-Werte)
4.4.3.1.3. Effektstärke (r-Werte)
4.4.4. Zusätzliche Rechenverfahren (Utilities)
4.4.4.1. „Conversions to r“
4.4.4.2. „Effect Sizes d“
4.4.4.3. „Significance of Correlation“
4.4.4.4. „Weighted M, Variance & Correlation“
4.4.4.5. „t-Test“
4.5. Methoden und Ergebnisse bereits durchgeführter Meta-Analysen
4.5.1. Smith, Glass und Miller (1980)
4.5.2. Grawe, Donati und Bernauer (1994)
4.5.3. Revenstorf und Prudlo (1994)
4.5.4. Romminger (1995)
4.5.5. International Journal of Clinical and Experimental Hypnosis (2000)
4.5.6. Bongartz, Flammer und Schwonke (2002)
4.5.7. Weitere Veröffentlichungen

5. Fragestellungen der Untersuchung

II. Empirischer Teil

6. Material und Methodik der Untersuchung
6.1. Literaturrecherche
6.2. Auswahlkriterien der Studien
6.3. Kodierung der Studien
6.4. Berechnung der Effektstärken
6.5. Weitere Berechnungen

7. Ergebnisse der Untersuchung
7.1. Effektivität von Verhaltenstherapie bei Angststörungen
7.1.1. Effektivität psychologischer Therapien von spezifischer Phobie
7.1.2. Effektivität psychologischer Therapien von sozialer Phobie
7.1.3. Effektivität psychologischer Therapien von Panik und Agoraphobie
7.2. Beschreibung der ausgeschlossenen Studien
7.2.1. Ammond, D. M. et al (1971)
7.2.2. Johnson, L. R. et al (1984)
7.2.3. Spies, G. (1979)
7.2.4. Sapp, M. (1991)
7.2.5. Benson, H. (1978)
7.2.6. Stetter, F. (1994)
7.2.7. Glick, B. S. (1970)
7.3. Beschreibung der aufgenommenen Hypnosestudien
7.3.1. Agoraphobie (F 40.0)
7.3.1.1. Dyck, R. V. et al (1997)
7.3.2. soziale Phobie (F 40.1)
7.3.2.1. Stanton, H. E. (1991)
7.3.3. spezifische Phobie (F 40.2)
7.3.3.1. Horowitz, S. L. (1970)
7.3.3.2. O´Brien, R. et al (1981)
7.3.3.3. Hammerstrand, G. et al (1995)
7.3.3.4. Moore, R. et al (1996)
7.3.3.5. Boutin, G. E. et al (1983)
7.3.3.6. Melnick, J. et al (1976)
7.3.3.7. Stanton, H. E. (1988)
7.3.3.8. Stanton, H. E. (1992)
7.3.3.9. Stanton, H. E. (1984)
7.3.4. Panikstörung (F 41)
7.3.4.1. Stanton, H. E. (1978)
7.3.4.2. O´Neill, L. M. et al (1999)
7.3.4.3. Stanton, H. E. (1984)
7.3.5. Zusammenfassende Auswertung der Meta-Analyse
7.3.5.1. Vergleich von „reiner Hypnosetherapie“ und „kombinierter Hypnosetherapie“
7.3.5.2. Vergleich von Prä-Post und Prä-Follow-up bei Hypnosetherapie
7.3.5.3. Zusammenfassung
7.4. Vergleich von Verhaltenstherapie und Hypnose
7.4.1. Prä-Post Vergleich
7.4.2. Prä-Follow-up Vergleich
7.4.3. Zusammenfassung

8. Diskussion und Zusammenfassung
8.1. Möglichkeiten und Grenzen der Meta-Analyse
8.2. Anmerkungen zu Effektstärkenberechnungen
8.3. Kritik und Verbesserungsvorschläge

9. Literaturverzeichnis

Anhang
Anlage X 1: Effektstärkenübersicht der Hypnosestudien
Anlage X 2: Mittelwerte, Standardabweichung, sonstige Parameter
Anlage X 3: Berechnungsbeispiele aus dem Meta-Analysen-Programm (Schwarzer, 1989)

Einleitung

Hypnose ist ein sehr altes und zugleich modernes Heilverfahren. Es ist stark in medizinischen und psychotherapeutischen Anwendungen verbreitet. In den letzten 50 Jahren hat diese Therapieform vielfältige Veränderungen durchgemacht und sich zu einem differenzierten Behandlungsansatz entwickelt, der sich direkter, indirekter, symptom- und problemorientierter, aufdeckender und lösungsorientierter Verfahren bedient, und mit dem sich akute und chronische Schmerzen, psychosomatische Probleme, Ängste, Traumata, Verhaltensstörungen, Abhängigkeiten und vieles andere beeinflussen lassen.

In dieser Diplomarbeit wird die Effektivität von verschiedenen Behandlungsmethoden in Bezug auf Angststörungen untersucht. Zu Beginn der Diplomarbeit wird ein umfangreicher Überblick zur Hypnose abgefasst. Darin wird Hypnose zunächst historisch eingeordnet und anschließend deren Phänomene, Techniken und Begriffe erklärt. Anschließend wird versucht, die Vielzahl verschiedener grundlegender Theorien zum Thema Hypnose darzustellen und einzuordnen. Nachfolgend wird von Anwendungsmöglichkeiten und Anwendungsgebieten der Hypnose berichtet und ein Modellbeispiel einer Hypnosesitzung vorgestellt. Am Ende des Kapitels wird Hypnose in kritischer Hinsicht beurteilt.

An der durchgeführten Untersuchung hat Verhaltenstherapie einen maßgeblichen Anteil und wird deshalb in Kapitel 2, wenn auch nicht so ausführlich, ebenfalls historisch eingeordnet und erläutert. Ergänzend wird auf die Kombination von Hypnose und Verhaltenstherapie gesondert eingegangen.

In Kapitel 3 werden dann die untersuchten Angststörungen, Agoraphobie, soziale Phobie, spezifische Phobie und Panikstörungen, nach dem ICD-10 definiert.

Im darauf folgenden Kapitel 4 sollen die methodologischen Grundlagen dargestellt werden, die zum Verständnis der durchgeführten Untersuchung notwendig sind. Dabei wird auf Probleme von Meta-Analysen hingewiesen und erklärt, wodurch es bei Meta-Analysen zu unterschiedlichen Ergebnisse kommen kann. Um die Durchführung zukünftiger Meta-Analysen zu erleichtern, wird in dem Kapitel ein weit verbreitetes Meta-Analysen-Computerprogramm von Schwarzer (1989) erklärt. Zum Abschluss des Kapitels wird eine Übersicht von bereits durchgeführten Meta-Analysen, in denen Hypnosetherapie untersucht wurde, vorgestellt.

Hauptziel dieser Diplomarbeit ist es, die Wirksamkeit von Hypnosetherapie bei den ausgewählten Angststörungen Agoraphobie, soziale Phobie, spezifische Phobie und Panikstörungen zu bestimmen und diese mit verhaltenstherapeutischen Behandlungsmethoden zu vergleichen. Die Fragestellungen dazu werden in Kapitel 5 formuliert. Anschließend werden in Kapitel 6 die metaanalytischen Grundlagen definiert und auf zusätzliche Ausführungen hingewiesen. Im nachfolgenden Kapitel 7 erfolgt dann die Beschreibung der Hypnosestudien und Meta-Analysen die zu der Untersuchung herangezogen wurden. Auf Basis von berechneten und gemittelten Effektstärken erfolgt dann schließlich der Vergleich zwischen Hypnosetherapie und Verhaltenstherapie.

Am Ende der Arbeit werden in Kapitel 8 die Erkenntnisse der Arbeit, auch in Bezug auf Meta-Analysen, nochmals zusammengefasst und kritisch bewertet.

1. Grundlagen zu Hypnose

1.1 Was ist Hypnose?

Eine genaue Definition von Hypnose ist immer noch schwierig, obwohl man ihre Phänomene inzwischen gut kennt. Wie mannigfaltig diese Definitionsversuche sein können, zeigt Kossak (1997, S.64) auf. Aus diesem Grund wird nicht näher auf eine allgemeingültige Definition eingegangen, weil der Begriff Hypnose, wie auch der Begriff Verhaltenstherapie, nicht die unzähligen dahinter verborgenen Variationen alleine erklärt. Sehr vereinfacht kann man jedoch bei Hypnose feststellen, dass es zwischen Wachzustand und dem Schlaf so etwas wie einen „schlafähnlichen Bewusstseinzustand“ gibt. In diesem Zustand sind die körperlichen Funktionen herabgesetzt, während die geistigen aktiviert sind.

Die Hypnose kann demnach als ein vorübergehender Zustand veränderter Aufmerksamkeit beim Patienten, in dem verschiedene Phänomene spontan oder als Reaktion auf verbale und andere Reize auftreten können, verstanden werden. Diese Phänomene umfassen eine Veränderung des Bewusstseins und des Gedächtnisses, gesteigerte Empfänglichkeit für Suggestionen sowie Antworten und Gedanken beim Patienten, die ihm in seinem gewohnten Geisteszustand nicht vertraut sind. Unter anderem können im hypnotischen Zustand Phänomene wie Anästhesie, Paralyse, Muskelstarre und vasomotorische Veränderungen hervorgerufen und unterdrückt werden.

Eine genauere Beschreibung der Hypnose geben die nun folgenden Themengebiete.

1.2 Eine historische Einordnung der Hypnose

Die erhaltenen Keilschriften aus den Ländern an Euphrat und Tigris zeigen uns, dass das älteste bekannte Kulturvolk der Erde, die Sumerer, bereits im vierten Jahrtausend vor Christus eine Art Hypnose gebrauchten (Kossak, 1997).

1.2.1 Hypnose im Altertum

In der berühmten Priesterschule von Erech wurde seit urdenklichen Zeiten ein geschriebenes Werk aufbewahrt, das der Beweis dafür ist, dass in jenen Zeiten besonders ausgebildete Priesterärzte Kranke durch hypnotische Suggestionen im Schlaf heilten. Auch waren damals schon die drei Stufen, wie leichte, mittlere und tiefe Hypnose, des hypnotischen Zustandes bekannt, ähnlich wie heute die gleichen Stufen der Hypnose unterschieden werden.
Auch in der ältesten Sanskriturkunde der Inder, in Manus Gesetzbuch, werden bereits ähnliche Einleitungen der Hypnose beschrieben. Damals wurde es noch als Wachschlaf, Traumschlaf und Wonneschlaf bezeichnet. Bei vielen fortgeschrittenen Yogatechniken spielt die Selbsthypnose eine große Rolle (Jacobson, 1967).
Im alten Ägypten wurde Hypnose ebenfalls schon als therapeutisches Mittel verwendet. Auf einem dreitausend Jahre alten Papyrus, dem sogenannten Papyrus Ebers, sind die Methoden beschrieben, mit deren Hilfe die Heiler damals die Hypnose anwendeten. Sie sind den heutigen Methode sehr ähnlich. Die Heiler leiteten die Hypnose ein, indem sie den Kranken glänzende Metallscheiben vor die Augen hielten, um die Augen zu ermüden und so den hypnotischen Schlaf herbeizuführen. Dies kann mit der heute gebräuchlichen Fixationsmethode verglichen werden (Kossak, 1997).
Auch bei den Griechen war die Hypnose bekannt. Sie bezeichneten sie als Tempelschlaf. Die Kranken, die den Tempel aufsuchten, mussten zunächst eine bestimmte Diät einhalten. Die Vorbereitungen auf die eigentliche Behandlung wurden mit wohlriechenden Bädern und rituellen Waschungen fortgesetzt. Danach erzählte ein Priester den Kranken von den bereits erfolgten Heilungen, um sie auf das bevorstehende Ereignis einzustimmen und die Erwartungsspannung zu erhöhen. Dann erst durften sich die Kranken im Tempel zum Schlaf niederlegen. Während des Schlafes flüsterten Priester jedem Kranken bestimmte Suggestionen ins Ohr, damit diese unter dem Eindruck der Tempelatmosphäre ihre Selbstheilungskräfte aktivieren konnten. Vorher mussten sie geloben, all das was ihnen die Götter im Schlaf kundtun würden, auch zu befolgen (Ludwig, 1964). Die Anwendung der Hypnose in Form des Tempelschlafs hielt sich bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts. Dann übernahmen mehr und mehr christliche Mönche das Erbe der Tempelpriester mit Gebeten, Weihwasser und Reliquien von Märtyrern sowie durch Handauflegen. Daran beteiligten sich auch Päpste und Könige (Lichtenthaeler, 1982).

Im 11. Jahrhundert ist die erste Überlieferung der Selbsthypnose bei den Mitgliedern eines Mönchsordens, den Hesychasten auf dem Berg Athos zu finden. Diese pflegten eine Art Selbsthypnose dadurch herbeizuführen, dass sie den Blick beider Augen auf den eigenen Nabel richteten. Daher Omphalopsychiker oder Nabelschauer genannt.

Theophrastus Bombastus von Hohenheim (1493 - 1541), bekannt als Paracelsus, lehrte, dass der entscheidende Antrieb aller Heilungen der innere Arzt sei. Er berichtete, dass Mönche Kranke dadurch heilten, dass sie diese in glänzende Kristallkugeln blicken ließen. Die Kranken seien danach gewöhnlich in einen tiefen Schlaf gesunken. Im Schlaf gaben die Mönche den Kranken dann die entsprechenden Suggestionen zur Genesung.

Erst die Inquisition ließ diese Form der Heilkunst in Vergessenheit geraten und stellte die Anwendung dieser Verfahren unter Strafe. Jeder der sie ausübte, geriet in Gefahr, als Teufelsbeschwörer verbrannt zu werden (Jovanovic, 1988).

1.2.2 Die Entwicklung vom Magnetismus zur wissenschaftlichen Hypnose

Im Jahr 1646 berichtete der Jesuitenpater Athanasius Kirchner (1606 - 1680) aus Rom in seinem Buch „Experimentum Mirable“ von der ,,Verzauberung" eines Hahnes. Dies war die erste wissenschaftlich behandelte klassische Erscheinung der sogenannten Tierhypnose und kann als Vorläufer des Mesmerschen ,,Magnetismus animalis" angesehen werden (Kossak, 1997).

Ein anderer Jesuitenpater und bekannter Astronom, Professor Maximilian Hell (1720 - 1792), führte bereits zahlreiche ,,magnetische Kuren" durch. Er fertigte Magnete an und befestigte diese auf den schmerzhaften Körperstellen. Die Ergebnisse waren überraschend. Er heilte durch diese Kuren so 60 bis 70 Prozent der Kranken (Kossak, 1997).
Durch solche Berichte wurde Franz Anton Mesmer (1734 - 1815) zu der Erkenntnis angeregt, dass es zum Hervorrufen dieser Erscheinungen eigentlich gar keines Himmel-, Mineral- oder Eisenmagnetismus bedürfe. Es genüge die Wirkung des von dem Kranken ausgehenden ,,Fluidums" zur Magnetisierung. Er nannte dies ,,Magnetismus animalis", also den tierischen Magnetismus.

Mit Mesmer begann somit die moderne Geschichte der Hypnose. Er übertrug dieses ,,Fluidum" durch Streichbewegungen auf die Kranken (von Kopf bis Fuß), mit dem nach ihm benannten ,,Mesmerschen Strichen". Im Jahr 1775 schickte Mesmer ein Rundschreiben an alle bedeutenden Ärzte, in dem er in 27 Lehrsätzen seine Theorie erklärte. Durch seine aufsehenerregenden Heilerfolge machte er sich in der Ärzteschaft große Feinde. Er floh von Wien nach Paris, wo er viele Freunde und begeisterte Anhänger fand. Auf Anforderung des Königs wurde 1784 von der französischen Akademie der Wissenschaften eine Kommission gebildet, die die Lehren Mesmers überprüfen sollte. Diese Kommission verwarf die Lehre Mesmers und erklärte die ,,tierisch-magnetische Fluidum-Theorie" für unwissenschaftlich. Die Heilergebnisse des Mesmerismus wurden der Einbildungskraft zugeschrieben. Somit gab Mesmer, obwohl von falschen Voraussetzungen ausgehend, den Anstoß, dass die Hypnose international wissenschaftlich geprüft wurde. Demnach ist Mesmer als ein Vorkämpfer der modernen Psychotherapie zu bezeichnen (Kossak, 1997).

Den Anstoß zur heutigen Suggestionslehre gab der portugiesische Abbé Faria (1755 - 1819). Er hatte in Indien hypnotische Erscheinungen studiert und war zu der Überzeugung gekommen, dass zur Erzeugung des hypnotischen Schlafs keinerlei Fluidum seitens des Hypnotiseurs erforderlich ist, sondern dass die Suggestion die entscheidende Wirkung auslöse. Seine Hypnosemethode bestand darin, dass er einfach an den Kranken herantrat, ihn scharf anblickte und ihm plötzlich zurief: ,,Dormez!" (Schlafen Sie!). Fast 50 Prozent der Kranken fielen dabei schon in Hypnose. Mann kann dies als Vorläufer der Spontanhypnose (siehe Kapitel 1.4.10) deuten.

Einen entscheidenden Schritt zur Weiterentwicklung der Hypnose tat im Jahre 1841 der englische Augenarzt James Braid (1795 - 1860) aus Manchester. Er benutzte seine Frau und Freunde als Versuchspersonen. Zu seiner eigenen Überraschung gelang es ihm, diese in einen hypnotischen Schlaf zu versetzen, indem er ihnen einen glänzenden Gegenstand vor die Augen hielt. Durch seine Tätigkeit als Augenarzt war ihm bekannt, dass die Fixation eines glänzenden Gegenstandes Müdigkeit hervorruft. Er nannte diesen künstlichen Schlaf ,,Hypnose", nach dem griechischen Wort „hypnos“ (Braid, 1843).

Emile Coué (1857 - 1926) entwickelte die Lehre von der Autosuggestion. Er erkannte, dass die Hypnose im Grunde eigentlich immer Selbsthypnose ist. Der Hypnotiseur erzeugt in der Versuchsperson lediglich eine mehr oder weniger starke Vorstellung der beabsichtigten Wirkung. Er prägte den Lehrsatz: ,,Nicht der Wille ist der Antrieb unseres Handelns, sondern die Vorstellungskraft.“(Kossak, 1997)

Die Erforschung einer anderen Seite der Hypnose ist ein Verdienst des russischen Forschers I. P. Pawlow (1849 - 1936). Nach zahlreichen Versuchen mit Tieren fasste er seine Erkenntnis wie folgt zusammen: ,,Jeder dauernde oder systematisch sich wiederholende Reiz, der durch entsprechende Nervenbahnen einen bestimmten Punkt der Hirnrinde erreicht, führt früher oder später zu einer zwangsartigen Schläfrigkeit, dann zum Schlaf bzw. zur Hypnose.“(Pawlow, 1927).

Braid prägte im 19. Jahrhundert den heutigen Begriff Hypnose, indem Hypnose zu dieser Zeit von englischen und schottischen Ärzten mit Erfolg zur Analgesie in der Chirurgie eingesetzt wurde (Jovanovic, 1988).

Um die Jahrhundertwende wurde die durch den Einsatz chemischer Betäubungsmittel in Vergessenheit geratene Hypnose insbesondere von Charcot, aber auch von seinen Schülern Janet und Freud, als psychiatrisch charakterisiertes Phänomen wiederentdeckt.

Gleichzeitig beschäftigten sich Liebeault und Bernheim mit der Hypnose als normalpsychologischem Phänomen. So durchlief die Hypnose einen Wandel von einer religiös-spirituellen zu einer eher wissenschaftlichen Charakterisierung. In der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts verblasste jedoch wieder das Interesse an der Hypnose, woran Freud durch seine spätere Missbilligung der Hypnose aufgrund ihrer mangelnden Zuverlässigkeit einen nicht unerheblichen Beitrag leistete (Pattie, 1967; Kline, 1958).

In der praktischen Nutzanwendung lebt sie heute hauptsächlich in der eingeschränkten Form des von Schultz (1932) begründeten Autogenen Trainings weiter, das sich als eine Art Selbsthypnose mit formelhaftem Inhalt bezeichnen lässt.

Mit Beginn der dreißiger Jahre versuchte die Forschung, hier ist besonders Hull (1933) zu erwähnen, die Hypnose weitgehend mit experimentellen Methoden zu erfassen, etwa mit Hilfe einer Standardisierung der hypnotischen Phänomene oder der psychometrischen Erfassung der Suggestibilität. T.X. Barber (1984) hinterfragte insbesondere die Notwendigkeit formeller Induktion und die charakteristische Qualität des hypnoiden Zustandes.

Ab 1950 und später, nahm die Hypnose in der praktischen Nutzanwendung, wie z.B. in der klinischen Psychologie, immer mehr zu. Von großer Bedeutung war hier Milton H. Erickson (1901-1980), der die Hypnose insbesondere bei Verhaltensstörungen, Neurosen und psychosomatischen Beschwerden anwandte (siehe Kapitel 1.6.3).

Heute ist Hypnose Bestandteil der Forschung und Wissenschaft und es werden moderne Hypnosemethoden in der Praxis angewendet (Revenstorf, 1993).

1.3 Unterscheidung von direkter und indirekter Hypnose

Vor hypnotischen Phänomenen bzw. der hypnotherapeutischen Phase liegen die Induktions- oder Einleitungsverfahren. Unterscheiden kann man hauptsächlich zwei Formen, die direkte und die indirekte Induk­tion.

Untersuchungen, die Effektivitätsnachweise bzw. Unterschiede zwi­schen direktem und indirektem Stil erforschen, sind sehr spärlich. Die wenigen Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass die Diffe­renz im jeweiligen Untersuchungsdesign klein ist (Edwards, 1979; Mullins, 1980). Hammond (1986) führt ganz im Sinne von Erickson an, dass beide Vorgehens­weisen je nach Therapiesituation flexibel genutzt werden sollten. Es kann deshalb auch von Interesse sein, welche Induktionsmethode in den Primärstudien verwendet wurde.

1.3.1 Direkte Induktionen

Die der Allgemeinbevölkerung aufgrund verschiedener Bühnenshows, im Fernsehen usw. am besten bekannte Induktionsmethode ist die Technik der klassischen direkten Hypnose nach Schultz (1932). Hierbei wird Schritt für Schritt über Verbalsuggestionen die Trance aufgebaut. Ziel der Instruktion ist es, den Klienten in einen Zustand der Müdigkeit und Entspannung zu führen. Zunächst wird hierzu seine Aufmerksamkeit meist auf einen äußerlichen Punkt oder Gegenstand gelenkt und durch verbale Suggestionen fixiert. Eine verwendete Form hierbei ist z.B. die Fixationsmethode. Dabei richtet der Klient seine Augen z.B. auf ein unbewegtes Objekt, wie Finger des Hypnotiseurs oder einen Punkt im Raum. Dieses längere Fixieren bewirkt eine erhöhte Anspannung der Mus­keln der Augenlider, der Augäpfel und der Pupillen, was zu deren Ermüdung und somit zum Lidschluß führt. Im weiteren Verlauf der direkten Induktion beschreiben Suggestionen relativ genau die subjektiv wahrnehmba­ren und vom Suggestor gewünschten Veränderungen. Vorrangig kommen direkte Suggestionen zum Einsatz, wie z.B. „Sie sehen einfach nur auf diesen Punkt“. Auf diese Weise soll letztendlich die Aufmerksamkeit in entspannender Art und Weise nach innen gelenkt werden.

Andere Vorgehensweisen lenken die Aufmerksamkeit auf den Körper (sensorische Wahrnehmung) oder ein anderes inneres Erleben (Handle­vitation).

Das gleichmäßige monotone und wiederholte Vortragen der Sugge­stionen soll das Erreichen der Trance erleichtern. Bei sehr ge­nauen Zustands- und Veränderungsbeschreibungen durch den Hypnoti­seur, ohne Berücksichtigung des persönlichen Tempos oder den persön­lichen Ambivalenzen des Klienten bzgl. der Induktionsinhalte, kann es zu Abweichungen in der subjektiven Wahrnehmung des Klienten kommen bzw. der Klient fühlt sich zu sehr dirigiert, sodass er letztendlich mit Widerstand reagiert.

Alle direkten Induktionsverfahren, die mit genauen dirigistischen autoritären Anweisungen arbeiten, können bei entsprechenden Per­sonen Abwehrreaktionen hervorrufen. Durch das autoritäre Auftreten des Hypnotiseurs wird bei dieser Methode insbesondere der kindlich-regressive Anteil im Probanden angesprochen und der Anteil der Fremdbestimmtheit gefördert.

Im Gegensatz zu den ganz frühen autoritären Fixationsmethoden, wird heutzutage bei den direkten Methoden mehr Wert auf die Wahrnehmung des Individuums und seiner persönlichen Veränderung ge­legt. Genaue Beobachtung und eine gewisse Anpassung des Hypnoti­seurs sind die Regel. Trotz dieser Flexibilisierung ist der Rahmen sehr eng und wird erst bei der indirekten Induktion entscheidend erweitert.

1.3.2 Indirekte Induktionen

Der Allgemeinbevölkerung weniger bekannt ist die Technik der indirekten Hypnose, weil dieser wesentlich subtilere Züge enthält und aufgrund ihrer eingeschränkten Publikumswirksamkeit nicht so stark propagiert wird. Sie wurde zum großen Teil von M.H. Erickson (1948) konzipiert. Sie betont stärker die Einzigartigkeit des Patienten und der besonderen, vertrauensvollen Beziehung zwischen Hypnotiseur und Hypnotisiertem. Trance wird als sehr persönliche Erfahrung betrachtet, ebenso der Weg (Induktion) dorthin. Univer­selle formalisierte Induktionen werden als unrealistisch abgelehnt. Man möchte dadurch, im Gegensatz zur direkten Hypnose, autonome Prozesse beim Probanden berücksichtigen und zur Geltung kommen lassen. Es werden meist lediglich indirekte Suggestionen benutzt, z.B. „Während Sie mir zuhören, dürfen Ihre Gedanken Ihre eigenen Wege gehen“. Nach Möglichkeit versucht man, auf individuelle Präferenzen des Probanden in der Wahrnehmung, sozialer Interaktion, kognitiven Stil usw. Rücksicht zu nehmen (Utilisationsprinzip). Treten unmittelbare Reaktionen auf, so werden diese vom Hypnotiseur nach Möglichkeit so genutzt, dass sie die erwünschte Reaktion begünstigen (Inkorporation) (Heigl, 1993). Im Utilisationsansatz geht es darum, augenblickliches Erleben zur Kenntnis zu nehmen und darauf einzugehen, sowie Veränderungen in den sensorisch-perzeptiven, emotionalen und kognitiven Prozessen wahrzunehmen und sie zur Herbeiführung der Trance zu nutzen. Die Trance kann aber auch aus einem unverfänglichen Gespräch entstehen, in dessen Verlauf die Aufmerksamkeit immer mehr nach innen gelenkt wird und Inhalte angeboten werden, die die Imagination sti­mulieren z.B. Erinnerungen an Kindheit oder Schule. Bei der utilisativen Induktionsform wird auch die augenblickliche Stimmungslage oder das Bewegungspotential akzeptiert und ge­nutzt, wie z.B. ein Bewegungsdrang wird zum Sitzen und zur Ruhe geleitet und schließlich in Entspannung und Trance geführt (Erickson 1979). Angewandte Formen der indirekten Induktion/Suggestion sind z.B. die Einstreutechnik, Gemeinplätze/ Tautologien/ Binsenweisheiten, vage zeitliche Angaben, Abdecken aller Möglichkeiten einer Kategorie von Reaktionen oder Bindung und Doppelbindung (siehe Tabelle 1.3.2.1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1.3.2.1: Möglichkeiten der indirekten Suggestionen (entnommen aus Kossak 1997, S.138-139).

Um den Klienten für ungewöhnliche Er­lebnisse und Denkweisen zu öffnen, bietet sich eine Konfusion an, die durch zunächst verworrene aber erscheinende Mitteilungen erreicht werden kann. Das kann wie folgt geschehen: „Sie kön­nen träumen dass sie wach sind, obwohl sie sich in Trance befin­den. Oder sie können so tun, als ob sie in Trance sind, obwohl sie wach sind. Und obwohl sie nicht richtig zu wissen glauben, was die Trance eigentlich ist, können sie das Bedürfnis verspüren sie zu erleben und tiefer und tiefer sich in Trance begeben.“ (Revenstorf, 1983). Dem Verhalten des Klienten zu folgen und es zunächst evtl. wiederzuspiegeln und rückzumelden (pacing), sowie Veränderungen zu ini­tiieren, die in die Trance führen (leading), sind weitere grundle­gende Induktionsprinzipien. Immer geht es darum, dass Klienten den hypnotischen Zustand auf eine ihnen angemessene Weise erreichen.

1.4 Verschiedene Phänomene und Begriffe in der Hypnose

Bei der Frage nach eindeutigen Merkmalen, die die Hypnose beschreiben, stößt man auf das Problem, dass Phänomene, die unter Hypnose in Erscheinung treten können, nicht ausschließlich und zwangsläufig in Zusammenhang mit Hypnose auftreten, sondern auch im normalpsychologischen und pathologischen Bereich ihren Platz haben (Svoboda, 1984).

Um ein besseres Verständnis von der Hypnose zu erhalten, werden in den folgenden Kapiteln erst verschiedene Begriffe und Eigenschaften in Zusammenhang mit Hypnose erläutert und anschließend, werden auftretende Phänomene mit einigen Beispielen beschrieben. Die Phänomene sollen jedoch weder als hypnosespezifisch betrachtet werden, noch erheben diese einen Anspruch auf Vollständigkeit.

1.4.1 Hypnotische Phänomene

Werden die gängigen Induktionstechniken (siehe Kapitel 1.3) angewandt, so kann man zunächst einen herabgesetzten Muskeltonus beobachten, der vom Hypnotisierten als ein Gefühl der Schwere wahrgenommen wird und auch als ein solches vom Hypnotiseur suggeriert wird. Die Atemintensität und auch die Herzfrequenz werden vermindert. Die peripheren Gefäße weiten sich, was zu einem Gefühl der Wärme führt und häufig tritt auch eine allgemeine Umstellung des Stoffwechsel- und Ernährungszustandes ein, was sich z.B. in einer Veränderung der Magengeräusche äußert (Svoboda, 1984).

All diese Ereignisse treten jedoch auch gehäuft bei einem allgemeinen Zustand der Entspannung auf. Hier wird das Problem einer eindeutigen Abgrenzung deutlich. Der sogenannte „hypnoide Zustand“, der v.a. auch durch die Dissoziation vom Alltag, d.h. durch die Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf Realitätsfremdes gekennzeichnet ist, zeigt sich z.B. beim lesen eines spannenden Buches (evasorisches Lesen), wenn sich der Leser ganz in der Welt die der Autor aufbaut befindet.

Welche Verhaltens- und Erlebensweisen in Hypnose nun konkret auftreten, hängt sehr stark von den Suggestionen bzw. von den bearbeiteten Inhalten und der Suggestibilität des Klienten ab. Bei Fortbestand der Trance können kataleptische Reaktionen beobachtet werden. Es tritt ein besonders unwillkürlicher Muskeltonus ein, der zu "wächsernen Biegsamkeit" führt, was sich beim Hypnotisierten z.B. im Lidschluss äußert und im subjektiven Gefühl der Unfähigkeit, etwa die Augen zu öffnen oder den Mund zu verziehen, die Arme zu heben oder aufzustehen. Im Gegensatz dazu, kann der Hypnotisierte durch Suggestionen der Leichtigkeit auch in die Lage versetzt werden, z.B. die Arme über größere Zeiträume ohne nennenswerten Kraftaufwand in der Luft „schweben“ zu lassen (Levitation) (Kossak, 1989)

Ungewöhnlich ist die verzerrte Wahrnehmung der während der Trance vorübergehenden Zeitspanne. Wenn nichts Gegenteiliges suggeriert wird, unterschätzen die meisten Hypnotisierten die tatsächlich verstrichene Zeit fast um die Hälfte (Zeitverdichtung). Es kann aber auch die gleiche Zeitspanne als ein stundenlanges Ereignis suggeriert und so wahrgenommen werden (Zeitausdehnung) (Svoboda, 1984).

Weitere von der Zeit abhängige hypnotische Phänomene sind die Revivifikation und die Altersregression. Bei der Revivifikation erlebt der Patient vergangene Begebenheiten aus seinem Leben noch einmal. Alle späteren Erinnerungen, die sich auf die Zeit nach der revivifizierten Altersstufe beziehen, sind für den Zeitraum der Trance „gelöscht“. Bei der Altersregression wird ebenfalls Vergangenes wiedererlebt, spätere Erinnerungen sind aber nicht gelöscht.

Das Phänomen der Altersprogression sollte nur nach sorgfältiger Abwägung evoziert werden. Es handelt sich hierbei um eine Pseudo-Orientierung in der Zeit, d.h. der Klient wird in die „Zukunft“ versetzt. Er wird z.B. gebeten, ein Ereignis, das real erst noch bevorsteht, als „Erinnerung“ zu schildern. Dies ist z.B. bei der Vorbereitung eines Patienten auf größere medizinische Maßnahmen wie Operationen und Chemotherapien sinnvoll, um latente Ängste zu erkennen und entsprechende therapeutische Maßnahmen zu ergreifen. Da aber diese Vorwegnahme der Zukunft der üblichen Erlebensweise widerspricht, kann es bei der Rückkehr zum normalen Bewusstsein zu Zweifeln und Verwirrung kommen. Dadurch kann der therapeutische Erfolg ausbleiben. Deshalb wird empfohlen, eine posthypnotische Amnesie zu suggerieren (Svoboda, 1984).

Das Vergessen bestimmter Ereignisse (Amnesie) kann nach einer Sitzung spontan auftreten, kann aber durch die posthypnotischen Suggestionen des Hypnotiseurs bewusst herbeigeführt werden. Eine vollständige Amnesie für die in der Trance bearbeiteten Inhalte tritt aber nicht immer ein. Es kann unter Hypnose auch zu einer enorm gesteigerten Gedächtnisleistung, zu einer Hypermnesie kommen, wobei der Hypnotisierte sich an längst vergessene Ereignisse genau erinnern kann, was ihm bei einem normalpsychologischen Aufmerksamkeitszustand nicht möglich wäre.

Nicht leicht von einer Hypermnesie abzugrenzen sind Halluzinationen. Diese können auf reaktivierten Erinnerungen oder aber auch auf bloßen Vorstellungen beruhen. Man unterscheidet positive Halluzinationen, bei denen mehr als tatsächlich vorhanden wahrgenommen wird (z.B. zwei Stühle statt einem) von negativen Halluzinationen, bei denen weniger wahrgenommen wird (z.B. ein real vorhandener Stuhl wird nicht wahrgenommen).

Mit Hilfe der Dissoziation und der Halluzination, insbesondere der negativen Halluzination, kann eine hypnotische Analgesie und Anästhesie bewirkt werden. Dissoziierte Körperteile sind schmerzunempfindlich. Der dadurch hervorgerufene Mangel an Schmerzbewusstheit und Empfindungslosigkeit wird durch den Morphinantagonist Naloxon nicht aufgehoben, was gegen die Verantwortlichkeit endogener Endorphine für dieses Phänomen spricht. Auch im EMG zeigt sich, dass eine schmerzauslösende Gewebereizung fortbesteht, die aber in hypnotischer Analgesie nicht als solche empfunden wird.

Ein weiteres interessantes Phänomen ist das des hypnotischen Traums. Sowohl die Inhalte eines zu träumenden Traumes als auch die Frage, wann dieser Traum geträumt werden soll, lassen sich suggestiv manipulieren. Dabei gibt es, v.a. bei gut hypnotisierbaren Menschen, kaum Unterschiede zwischen normalen und induzierten Träumen (Kossak, 1989)

Der Somnambulismus tritt nur in tiefer Trance auf und ist meist mit einer Spontanamnesie verbunden. Das auffälligste Merkmal ist die tiefe Entspannung auch bei geöffneten Augen. Beim Somnambulismus handelt es sich um eine Form des Dämmerzustandes, in dem der Betroffene weiter bestimmte Handlungen ausführen kann.

Die schon mehrfach erwähnten posthypnotischen Suggestionen führen zu Empfindungen oder Handlungen, die nach der Beendigung der Hypnose vollzogen werden. Sie sind qualitativ einer Zwangshandlung ähnlich.

Eine Vielfalt der hier aufgeführten Phänomene kann man als Hinweise auf die Tiefe einer Trance heranziehen (siehe Tabelle 1.4.1.1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1.4.1.1: Trancetiefe (ent. aus: T. Svoboda, 1984, S. 15-16).

1.4.2 Suggestion

Das Wesen der Suggestion besteht darin, dass im Unterbewusstsein der eigenen Person oder in einem anderen Menschen auf irgendeine Weise eine bestimmte Vorstellung erzeugt wird. Dadurch erreicht man eine Beeinflussung seiner Gefühle, Einstellung, Urteile oder Verhaltensweisen. Je deutlicher und je stärker diese Vorstellung erzeugt wird, desto leichter kann sie sich beim anderen durchsetzen und desto länger wird die Wirkung anhalten.

1.4.3 Fremdsuggestion und Autosuggestion

Wird diese Suggestion bei einer anderen Person erzeugt, so sprechen wir von Fremdsuggestion. Erzeugen wir diese Vorstellung bei uns selbst, sprechen wir von Autosuggestion. Auch eine Fremdsuggestion muss jedoch, um wirksam werden zu können, in unsere Vorstellung aufgenommen und damit in Autosuggestion umgesetzt werden. Jede Suggestion, auch die von außen gegebene Fremdsuggestion, ist letztlich eine Autosuggestion.

1.4.4 Posthypnotischer Auftrag/ Posthypnotische Suggestion

Hierzu gehören alle Suggestionen, deren Ausführungen erst nach Ende der Hypnosesitzung realisiert werden. Die Spannbreite kann von einfachen direkten Aufträgen bis zu komplexen Anweisungen reichen, die mehr oder weniger spezifiziert werden. Erickson (1976) verstehen unter posthypnotischen Sugge­stionen sowohl die direkte Anweisung als auch die Unterbreitung von Ideen/Anregungen (priming), die durch den rezeptiven Zustand des Klienten, evtl. unter Umgehung bestehender Schemata, leichter integriert und individuell ausgeführt werden können.

In zahlreichen therapeutischen Settings spielen „implantierte Reaktionsketten“, die im Sinne von posthypnotischen Aufträgen wirken sollen, eine verbreitete Rolle (z .B. PrüfungàGelassenheitàZuversicht). Jedoch wird das individuelle, motivationale und soziale Gefüge einer Person in dieser Vorgehensweise, häufig nicht berücksichtigt.

1.4.5 Trancelogik

Unter der Trancelogik wird die Toleranz des Hypnotisierten gegen­über den Absurditäten und Inkongruenzen des hypnotischen Gesche­hens verstanden. Logische oder inhaltliche Fehler von Suggestio­nen, große Zeitsprünge bei der Altersregression oder Zukunftspro­jektion, sowie scheinbar Gesehenes (Halluzinationen) werden wie ganzheitliche Realitäten angenommen. Unvereinbare Geschehnisse (z.B. Urlaubsort und Prüfungssituation) können nebeneinander beste­hen.

1.4.6 Vollzug im Unterbewusstsein

Eine Suggestion vollzieht sich nicht im Bewusstsein. Sie kann nur wirksam werden, wenn wir sie durch die Autosuggestion in eine bildhafte Vorstellung umwandeln. Auch sämtliche Hypnoseerscheinungen sind die Folge von Suggestionen bzw. Autosuggestionen. Der Gedanke ist der Anfang aller Dinge. Hieraus entsteht die bildhafte Vorstellung. Dann erst kann die Ausführung folgen. Alle Suggestionen sind lediglich Auswirkungen unseres eigenen Glaubens.

1.4.7 Suggestive Menschen

Es gibt Menschen, mit einer sehr starken suggestiven Ausstrahlung und damit andere leicht überzeugen können. Es sind Persönlichkeiten, die von ihren eigenen Fähigkeiten überzeugt sind und daher auch andere überzeugen können. Solche Menschen eignen sich sehr gut als Hypnotiseure. Ein Mensch der nicht an sich selbst glaubt, kann unmöglich erwarten, dass andere an ihn glauben.

1.4.8 Suggestibilität

Es besteht zwar ein enges Verhältnis zwischen Hypnose und Suggestion bzw. Suggestibilität, aber dennoch ist diese ein außerhalb der Hypnose liegendes Phänomen. In Hypnose werden zwar Richtungen, wie z.B. bei der Altersregression, vorgegeben, aber deren inhaltliche imaginative bzw. halluzinative Realisation fällt meist individuelle aus und nimmt häufig auch überraschende Verläufe. Das Zustandekommen der Hypnose in Forschung oder Therapie wird aus dem Zusammenwirken mehrerer Variablen erklärt, dazu gehören Rapport, Suggestion, Kontext und Erwartung. Motivation und individuelle kognitive Stile beeinflussen die Suggestibilität. Um die Suggestibilität eines Menschen zu erfassen, werden in der Forschung, wie auch in der Hypnosetherapie, spezielle Tests und Suggestibilitätsskalen verwendet (z.B. Hilgard, 1977; Barber, 1965; Weitzenhoffer & Hilgard, 1959; Spiegel, 1974). Jedoch bestehen zwischen Hypnotisierbarkeit und Therapieerfolg ungewisse Zusammenhänge (vgl. Bernheim, 1886; Weitzenhoffer, 1980;Evens, 1989; Bowers, 1989; Hüber, 1993).

1.4.9 Fremdhypnose und Selbsthypnose

Im Vorgang der Fremdhypnose (Heterohypnose) wird eine von außen kommende Vorstellung an den Menschen herangetragen und von ihm angenommen. Bei der Selbsthypnose wird eine Vorstellung von ein und demselben Menschen erzeugt und angenommen. Ohne Annahme, Billigung der Vorstellung ist eine Wirkung ausgeschlossen. Deshalb ist im Grunde jede Hypnose Selbsthypnose. Die Vorstellung kann durch häufige Wiederholung zu einem bedingten Reflex und damit zu einem Teil der Persönlichkeit werden. Wichtig für eine dauerhafte Wirkung ist also auch eine Wiederholung.

1.4.10 Spontanhypnose

Fällt eine Person plötzlich in Trance, ohne dass dafür eine besondere Intervention eingeleitet wurde, so spricht man von einer Spontanhypnose. Tatsächlich bewirkt hier nicht der Hypnotiseur die Hypnose, sondern der Hypnotisierte versetzt sich selbst in Hypnose, nachdem der Hypnotiseur in ihm die Vorstellung von dem Einsetzen der Hypnose erzeugt hat. Die Hypnose tritt dann ein, weil der Hypnotisierte sie erwartet. Eine vertrauensvolle Erwartung der Patienten bestimmt die Wirksamkeit der Hypnose. Bevor man eine Hypnose einleitet, sollte man also in einem vorbereitenden Gespräch einen Kontakt zur Versuchsperson herstellen, was eine Atmosphäre des Verständnisses und der Sympathie schafft.

1.4.11 Wirkungen der Hypnose

Die Hypnose hat tiefgreifende Wirkungen auf den gesamten Organismus. So lassen sich in der Hypnose Atmung und Pulsfrequenz verlangsamen oder beschleunigen. Außerdem können Funktionen wie die Magensaftsekretion, die Schweißabsonderung, Husten, Erbrechen, Niesen, sexuelle Funktionen, die Menstruation usw., beeinflusst werden. (siehe Kapitel 1.7)

1.4.12 Negative Sinnestäuschungen

Bei einer negativen Sinnestäuschung können z.B. bestimmte vorhandene Gegenstände nicht wahrgenommen werden, wenn eine entsprechende Suggestion gegeben wird. So kann man auch völlige Blindheit suggerieren.

1.4.13 Positive Sinnestäuschungen

Mit dem gleichen Erfolg kann man natürlich auch positive Sinnestäuschungen suggerieren. Wird der Versuchsperson in Hypnose die Suggestion gegeben, dass sie Limonade trinkt, obwohl es sich lediglich um Leitungswasser handelt, so wird sie trotzdem das Gefühl haben, Limonade zu schmecken.

1.4.14 Eingeengte Bewusstseinslage

Spricht man von Hypnose, dann denkt man meist an einen Schlafzustand, den sogenannten hypnotischen Schlaf. Äußerlich gleicht der hypnotische Zustand meist einem leichten Schlaf, aber tatsächlich bestehen große Unterschiede zwischen Schlaf und Hypnose (siehe Tabelle 1.4.14.1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1.4.14.1: Unterschied Hypnose und Schlaf (Kossak, 1989)

Die Hypnose ist ein Zustand eingeengten Bewusstseins, aber innerhalb dieser begrenzten Bewusstseinskegels können alle Schattierungen zwischen Schläfrigkeit und Wachheit vorkommen.

1.4.15 Trance/Trancetiefe

Hypnose und da­mit auftretende Phänomene werden von Fourie und Lif­schitz (1987) aus interaktionaler Sicht inter­pretiert. Die Hypnotiseur-Hypnotisand-Beziehung stellt den Bezie­hungsrahmen dar, innerhalb dessen die Phänomene auftreten, und zwar unabhängig von ihrer Schwierigkeit oder der Trancetiefe. Die Suggestibilität wird dementsprechend nur als Maß für die Weite einer hypnotischen Beziehung gewertet, und nicht als Maß für Hypnoseempfänglichkeit. Folgt man dieser Auffassung, so ist das Nichtzu­standekommen bestimmter Phänomene das Resultat der Interaktion zwischen Hypnotiseur und Klient. Die Fähigkeiten und die Gestal­tung der Situation von Seiten des Hypnotiseurs und das Vertrauen und/oder die imaginative Fähigkeit des Hypnotisierten waren zu diesem Zeitpunkt nicht ausreichend, um gewisse Phänomene zuzulas­sen.

1.4.16 Rapport

In der Hypnose ist das Bewusstsein im Wesentlichen auf den Hypnotiseur gerichtet. Diesen Kontakt nennt man ,,Rapport“. Bei diesem Kontakt ist die Kritikfähigkeit zwar deutlich verringert, aber trotzdem vorhanden. Das zeigt sich deutlich, wenn der Versuchsperson eine Suggestion gegeben wird, die außerhalb ihrer Persönlichkeitsstruktur liegt, z.B. sie solle sich entkleiden oder auf einen anderen schießen. In diesem Fall bricht die Hypnose sofort zusammen und die Versuchsperson ist hellwach.

In anderen Therapieformen werden z.B. oft die Schlüsselbegriffe Kongruenz, Empathie und positive Achtung genannt, in der Hypnotherapie hat der Begriff des Rapports, dem auch bei anderen Therapiear­ten ein bedeutungsvolles Gewicht zugedacht wird, eine wichtige Rolle. Im weitesten Sinne kann ein guter Rapport in den Medien begin­nen, die auf Hypnoseangebote hinweisen. Als wechselseitiger Be­ziehungsaspekt durchzieht er wie ein roter Faden die gesamte Kom­munikation zwischen Hypnotiseur und Klient. In der Vorbereitungs­phase können es Informationsfragen sein, die es zu beantworten gilt. Vorerfahrungen, Vorurteile und Ängste gilt es zu erkennen und zu klären. Es können auch leichte Imaginationsübungen zum Einstimmen auf die Methode durchgeführt werden, damit kann der Klient seine Fähigkeit und die Bedeutsamkeit seiner Mitarbeit erfahren. Positive wechselseitige Gefühle des Einverständnisses dienen als Wachstumsmedium für die therapeutische Veränderung.

Achtsamkeit in der Anfangsphase ermöglicht dem Therapeuten seinen Zugang zum Klienten auf dessen Interaktionsstil abzustimmen. Mit­teilungen des Klienten eröffnen einen Fundus für spätere indivi­duelle Suggestionen und Interventionen (Interessen, Einstellun­gen, Ressourcen).

Schäfer und Revenstorf (1987) sehen im Rapport ein Bindeglied zwischen Trancetiefe und Suggestibilität und meinen damit, dass guter Rapport die Trancetiefe begünstigt und somit der Klient besser für therapeutische Suggestionen erreichbar ist.

Bandler und Grinder (1984) sprechen vom Gleichschalten mit dem Anderen (um ihn dort abzuholen, wo er ist) und sprechen eben die­ser Kunst einen wichtigen Teil des hypnotherapeutischen Erfolgs zu. Lynn, Nash, Rhue (1984) belegen mit ihrer Untersuchung das guter Rapport wesentlich ist, um die als unwillkürlich erlebten „Reaktionen“ zuzulassen. Guter Rapport ist also eine Grundvoraussetzung für den the­rapeutischen Prozess und somit wohl auch für dessen Erfolg und Effek­tivität. Im gleichen Sinne betonte auch Erickson (siehe Gordon, 1978), dass es zu­nächst wichtig ist die Sichtweise des Klienten zu akzeptieren, ihre Welt zu begreifen und nachzuvollziehen. Auf dieser Grundlage intervenierte Erickson (siehe Kapitel 1.6.3).

1.5 Theoretische Erklärungsansätze zur Hypnose

Es gibt eine beachtliche Vielfalt von Theorien zur Erklärung der Hypnose. Wissenschaftler unterschiedlichster Fachrichtungen haben sich mit dem Phänomen der Hypnose konfrontiert und verschiedene Theorien aufgestellt. Lediglich in dem Punkt, dass Hypnose deskriptiv etwas mit veränderter Aufmerksamkeit bzw. verändertem Bewusstsein zu tun hat, scheinen sich die meisten Forscher einig zu sein. Barber (1984) definierte die Hypnose als eine Situation, „in der Personen durch geeignete Wahl der Worte (verbale Interaktion) und nonverbale Kommunikation sowie Kontextvariablen dahin geführt werden, dass sie Aufmerksamkeit anders verteilen: die Alltags- und Außenwahrnehmung wird zugunsten der Innenwahrnehmung bezüglich Denkens, Fühlens, Vorstellens und Empfindens reduziert.“(zit. Schorr, 1993, S. 338). Zu der Frage, wie diese Situation entsteht, gibt es nun verschiedene Erklärungen.

1.5.1 „Hypnose als Schlaf“

Pawlow griff 1973 die schon seit langem bestehende Assoziation auf und ging davon aus, dass es sich bei der Hypnose um einen partiellen Schlaf handelt. Er stellte die Behauptung auf, im Zentralen Nervensystem gebe es bestimmte kortikale Prozesse, die sowohl in Hypnose als auch im Schlaf vorhanden seien. Bei beiden Phänomenen lässt sich, so Pawlow, eine neuronale Hemmung der Hirnhemisphären beobachten, die immer dann zustande kommt, wenn der Betroffene bewegungslos verharrt und ausreichend lang möglichst schwachen, monotonen Reizen ohne Verstärkung ausgesetzt ist. Im Schlaf ist die neuronale Hemmung lückenlos und andauernd. In Hypnose sind nach Pawlow sogenannte „Wachpunkte“ auf der Gehirnrinde festzustellen, während denen der Kontakt zwischen Hypnotiseur und Proband ermöglicht wird.

1.5.2 „Hypnose als Hypersuggestibiltät“

Diese Theorie leitete Hull (1933) aus dem ideomotorischen Gesetz ab, nach dem, das Fehlen andersartiger Ideen vorausgesetzt, allein der Gedanke an eine Bewegung genau diese Bewegung zumindest in Bruchstücken auslöst. Die Hull'sche Theorie besagt, dass sich Hypnose vom normalpsychologischen Zustand lediglich quantitativ im Sinne einer erhöhten Suggestibilität unterscheidet. Die in Hypnose hervorgerufenen Phänomene können auch im Normalzustand erreicht werden, wenn auch nur in abgeschwächter Intensität.

1.5.3 „Hypnose als konditionierte Reaktion“

1947 fasste Welch die Hypnose als konditionierte Reaktion auf. Seiner Ansicht nach spielen konditionierte symbolische Stimuli, d.h. die Worte des Hypnotiseurs, die Hauptrolle. Er betrachtet die Hypnose im Wesentlichen als eine Sequenz von Ereignissen zwischen Hypnotiseur und Hypnotisierten: Der Hypnotiseur stellt eine Behauptung auf und beginnt so den Konditionierungsprozess. Sein Gegenüber reagiert auf diese Behauptung in Form von Handlungen oder bestimmten Erlebnissen, die auf die Behauptungen des Hypnotiseurs zurückführbar sind. Wenn diese Reaktion unmittelbar erfolgt, entsteht eine Bereitwilligkeit, reflexartig auf andere Behauptungen zu reagieren, die auf der Anfangssituation beruhen. Wesentlich ist die Überzeugung, dass die Suggestionen richtig und angemessen sind.

1.5.4 „Hypnose als Regression“

Die Theorie der Hypnose als Regression betrachtet die Hypnose als eine herbeigeführte Regression zu primitiven mentalen Funktionen unserer stammesgeschichtlichen Vorfahren; hypnotische Phänomene werden also als frühe phylogenetische Reaktion aufgefasst (Meares, 1960a). Fremde Gedanken werden ohne Kritik übernommen, logisches Denken und kritische Bewertung sind so gut wie nicht vorhanden. Gill und Brenman (1959) sehen den Grund hierfür in einer teilweisen Aufhebung der Kontrolle des „Es“ über das „Ich“ und dem damit einhergehenden partiellen Verlust der Realitätsanbindung. Dadurch verliert dieser untergeordnete Teil des „Ich“ seine Autonomie. Aufgrund dieser dadurch ausgelösten psychologischen Desorientierung kommt es zu einer Suche nach einer starken Figur, die Schutz und Betreuung bieten kann (Gill, 1972). Es kommt also zum Aufbau eines Subsystems im „Ich“. Dem „Ich“ bleibt aber auch in Trance ein „Realitäts-Ich-Kern“ zur Verfügung, der im Kontakt zum Hypnotiseur steht und diesem auch nur zeit- und versuchsweise die Kontrolle über das Subsystem überlässt (Grill, 1972).

1.5.5 „Hypnose als Dissoziation“

Janet (1925) beobachtete, dass viele Phänomene der Hysterie und der multiplen Persönlichkeit in Trance forciert werden können. Daher interpretierte er die Hypnose als eine pathologische Erscheinung. Seine Theorie der Hypnose als Dissoziation geht zurück auf die Annahme, dass sich das Bewusstsein aus zwei miteinander verbundenen Teilen zusammensetzt, dem „Bewusstsein“ und dem „Mit-Bewusstsein“ (Svoboda, 1984). In Hypnose, wie auch bei Hysterie, kommt es zu einer Trennung dieser beiden Teile, so dass diese nicht mehr gemeinsam, sondern nebeneinander arbeiten.

Hilgard (1977) knüpfte an Janets Hypothese der Dissoziation an und begründete damit die Neodissoziationstheorie. Er interpretierte die Hypnose allerdings nicht als pathologischen Zustand. Er ging davon aus, dass der mentale Apparat aus vielen teilweise autonomen Teilsystemen (Logik, Kreativität, Emotion, ZNS, Immunsystem usw.) aufgebaut ist, die durch eine Exekutiv-Institution kontrolliert werden. In Trance wird nun diese Exekutiv-Institution unterlaufen, so dass die einzelnen Teilsysteme sowohl auf kognitivem als auch unter Umständen auf somatischem Niveau direkt kontaktierbar werden und in ihrer Wirkungsbreite nicht mehr durch die Exekutiv-Institution eingeschränkt werden. Auf die Frage, wie dieser Zustand erreicht werden kann, bietet die unmittelbar zuvor abgehandelte Theorie der Hypnose als Regression eine mögliche Antwort.

1.5.6 „Hypnose als eine besondere Bewusstseinsstufe“

Im Kontext einer „Ich-psychologischen“ Theorie betrachtete Fromm (1977) die Hypnose als eine besondere Bewusstseinsstufe. Solche Bewusstseinsstufe sind z.B. Alltags-Bewusstsein oder Traum-Bewusstsein. Danach liegt die Hypnose zwischen dem normalen Wachzustand und dem psychotischen Zustand, nahe dem halluzinatorischen Zustand. Die Ich-psychologische Theorie baut auf drei Einheiten auf: Der Ich-Aktivität, der Ich-Passivität (Fromm, 1972) und der Ich-Rezeptivität (Deikmann, 1971). Immer dann, wenn man sich willentlich und aus freien Stücken für etwas entscheidet, ist das Ich aktiv. Passiv ist das Ich dann, wenn es diese Entscheidungsfreiheit an das Es, die Umwelt oder das Über-Ich verliert. Sobald das kritische Denken und der Realitätsbezug verloren gehen, ist das Ich rezeptiv. In diesem Zustand, vergleichbar einem psychotischen Zustand, kann Material aus dem Unbewussten frei in das Bewusste übertreten. Die Hypnose ist nun ein Zustand, in dem einerseits die gesamte Aufmerksamkeit auf einen Punkt hin ausgerichtet ist, andererseits das Ich aber auch aktiv und v.a. in erhöhtem Maße rezeptiv ist. Daraus erklärt sich einerseits die erhöhte Beeinflussbarkeit in Trance, andererseits das Unvermögen, Dinge gegen den Willen des Hypnotisierten von diesem durchführen zu lassen.

1.5.7 „Hypnose als Rollenhandeln“

Sarbin (1972) erörtert in seiner Theorie der Hypnose als Rollenhandeln Hypnose weniger aus dem subjektiven Erleben heraus, sondern eher aus der Situation, in der das Phänomen sich abspielt. Es handelt sich also um einen sozialpsychologischen Ansatz. Danach kann jeder Mensch in unterschiedlichem Maße in verschiedene Rollen involviert werden. Je stärker diese Involvierung wird, desto mehr nimmt die Trennung psychischer und somatischer Prozesse ab bis sie schließlich aufgehoben wird und die Phantasie Realitätscharakter erhält. In dieser „Realität der Phantasie“ kommt es dann zu starken somatischen Effekten, die u.U. sogar irreversibel sein können, wie beispielsweise beim Voodoo-Tod.

1.5.8 „Hypnose als Realitätsverkennung“

Die Theorie der Hypnose als Realitätsverkennung konzentriert sich auf das subjektive Erleben des Hypnotisierten. Orne (1966, 1971) nutzt hierzu die Berichte Hypnotisierter über ihre Erfahrung in Trance als Quelle. Nach diesen Berichten kann man von Hypnose sprechen, wenn der Betroffene daran glaubt, hypnotisiert zu sein bzw. hypnotisiert gewesen zu sein. Wesentliche Erfahrungen, die die Trance charakterisieren, sind Gedächtnis-, Wahrnehmungs- und Empfindungsstörungen (Sheehan & Perry, 1976). Der Hypnotisierte empfindet seine Suggestionen als echt und kann dann nicht mehr zwischen Phantasie und Realität unterscheiden.

1.5.9 „Theorie der Hypnose als Alltag“

In seinem Ansatz aus den 60er Jahren, der Theorie der Hypnose als Alltag, reduziert T.X. Barber (1984) den Effekt der Hypnose auf Prozesse, zu denen der Mensch immer dann in der Lage ist, wenn sowohl eine positive Einstellung und eine positive Erwartungshaltung als auch die Fähigkeit zur plastischen Vorstellung gegeben sind. Dann und nur dann ist ein Mensch fähig und bereit so zu denken, zu fühlen oder zu handeln, wie es den Suggestionen entspricht. Eine positive Erwartungshaltung und die damit einhergehende Kooperationsbereitschaft können sich aber nur dann entwickeln, wenn dem zu Hypnotisierenden die behandelnde Person ebenso wie die Prozedur an sich glaubwürdig und vertrauenswürdig erscheinen. Das bedeutet, dass auch bei der Hypothese, es handle sich bei der Hypnose nicht um einen besonderen Bewusstseinszustand, sondern um einen willentlichen Entschluss zur Kooperation, die hypnotische Beziehung die wesentliche Rolle spielt.

1.6 Theorien der Hypnose nach der modernen Wissenschaftsauffassung

Die folgenden Ausführungen sollen einen Überblick über die drei wichtigsten Richtungen der Hypnosetheorien geben, die State - Theorien, Non - State - Theorien und die Hypnose in der Tradition von Erickson. Anschließend werde die Probleme dieser drei Ansätze diskutieren und eine andere wissenschaftstheoretische Sichtweise des Phänomens Hypnose, den ökonomischen Ansatz von Fouries (1994) vorstellen. Anzumerken ist, dass dieses Kapitel der Diplomarbeit nur einen skizzenhaften Einblick in die Theorien der Hypnose geben kann und auch nur als Überblick verstanden werden soll.

1.6.1 Die State - Theorien

Die State - oder Zustandstheorien die von Wissenschaftlern wie z.B. Hilgard (1977) oder Evans (1977) vertreten werden, sind in historischer und konzeptueller Sicht den älteren Theorien am ähnlichsten. Die Hypnose wird hier als ein besonderer, außergewöhnlicher Bewusstseinszustand betrachtet. Dieser wird durch zwei Faktoren bestimmt, der hypnotischen Suggestibilität der Klienten und der vom Hypnotiseur verwendeten Induktionstechnik. Das hauptsächliche Interesse bei diesen Theorien liegt auf dem Klienten, ihrem Verhalten und subjektiven Erfahrungen. Dabei betonen die State - Theoretiker, dass die Versuchspersonen von einem „besonderen Zustand“ berichten, den sie unter Hypnose erfahren haben. Weiterhin ist für die State- Theoretiker enorm wichtig, dass es während der Hypnose zu einer „Dissoziation“ von verschiedenen kognitiven Funktionen kommt, die, und das ist wichtig, von den dargebotenen Suggestionen des Hypnotiseurs abhängen. Demnach beschreibt Hilgard (1977) das Konzept der „Dissoziation“ folgendermaßen: „Die übliche geordnete und mehr oder weniger festgefügte Hierarchie der Kognitionen ist während der Hypnose gelockert und zum Teil aufgespalten, und diese Teile können während der Trance und zum Teil noch danach neu assoziiert werden.“ (zit., Asanger, 1992, S.308). Voraussetzung für eine erfolgreiche „Dissoziation“ sind nach dieser Auffassung, gemäß den Bedingungen für die Hypnose, ein genügender Grad an Suggestibilität und eine „situationsgemäße“ Induktionstechnik. Aus diesem Grunde verstehen State - Theoretiker die Suggestibilität als Hypnotisierbarkeit, die auch mit verschiedenen Skalen gemessen werden kann. Die Testaufgaben der Skalen bestanden aus immer schwieriger werdenden hypnotischen Phänomenen, wobei die kompliziertesten (wie z.B. Halluzinationen) demgemäß nur noch von sogenannten hochsuggestiblen Personen bewältigt werden konnten. Das Konzept der Suggestibilität wurde jedoch in verschiedenen experimentellen und klinischen Arbeiten kritisiert (vgl. Kapitel 1.4.8). Besonders fraglich bleibt, ob Suggestibilität mit Hypnotisierbarkeit gleichzusetzen ist. Weiterhin ergeben sich bei dem Versuch Suggestibilität zu messen zahlreiche methodische Schwierigkeiten. Fourie (1994) kritisiert, dass die Newtonsche Perspektive der Suggestibilität irreführende Auswirkungen hat, da sie die Suggestibilität ähnlich einer Eigenschaft wie dem Körpergewicht ansieht. Er macht dies treffend deutlich: „...während das Besteigen einer Waage das Gewicht einer Versuchsperson nicht deutlich verändert, hat die Messung der Suggestibilität einen Einfluss auf die hypnotischen Fähigkeiten“ (zit. Fourie, 1994, S. 46). Das Konzept der Suggestibilität wird aber auch in den Non - State - Theorien und den Theorien Ericksons vertreten. Kossak (1989) definierte die Suggestibilität folgendermaßen: „... die Fähigkeit einer Person, sich auf bestimmte ihr übertragene Instruktionen einzulassen und darauf angemessen zu reagieren.“ (zit. Kossak, 1989, S. 180 ). Mann kann die State - Theorie und die Theorien Ericksons von den Non- State - Theorien dadurch abgrenzen, dass diese einen „besonderer Bewusstseinszustand“ annehmen. Die Anhänger der State- Theorien verweisen auf die subjektiven Berichte von Klienten, die aber nicht ausreichen um einen „besonderen Bewusstseinszustand“ zu beweisen. Auch die physiologischen Veränderungen unter Hypnose sind keine Beweise für die Annahme dieser Hypothese. Man nimmt heute an, dass eine Einflussnahme auf physiologische Prozesse über Suggestion und Imagination möglich ist. Einen „besonderen Bewusstseinszustand“ anzunehmen wäre demnach überflüssig. Letztlich wird sogar nachgewiesen, dass die Tiefe der Entspannung in Hypnose durchaus nicht stärker ist als bei normalen Entspannungsverfahren (Edmonston, 1972; McAmmond, Davidson & Kovitz, 1971). Sogar die therapeutisch so bedeutsame Lebhaftigkeit und subjektive Realität der Vorstellungen ist durch aufgabenmotivierende Instruktionen in gleicher Weise zu bewirken (Ham & Spanos, 1974; Spanos & Ham, 1973; Starker, 1974). Diese Daten, die die Annahme eines Hypnose- Zustandes widerlegen, verneinen jedoch nicht, dass Hypnoseinduktionen Verhaltensänderungen bewirken können. Sie sind nur keine Beweise für ein verändertes Bewusstsein (Kossak, 1989, S.59).

1.6.2 Non - State - Theorien

In den Non - State- oder Nicht - Zustands - Theorien existiert die Annahme eines „besonderen Bewusstseinszustand“ nicht. In diesen Theorien wird versucht, die Hypnose mit Alternativen zum herkömmlichen Trancekonzept zu erklären. Die Hypnose wird mit Hilfe von gewöhnlichen sozialpsychologischen Konzepten wie Rollenanforderung und der Kongruenz der eigenen Rolle erklärt. Der Hypnosebegriff ist in diesen Theorien mehr ein operationaler Arbeitsbegriff. „Insgesamt bedeutet dies, dass hypnotische Phänomene nichts eigenständiges anderes, sondern mit anderen Sozialverhaltensweisen vergleichbar sind. So tritt die „Hypnosereaktion“ nicht unwillkürlich (evtl. unkontrollierbar) ein, sondern sie ist durch das Vorwissen um Hypnose und die Form der sozialen Kommunikation bedingt.“ (zit. Kossak, 1989, S. 58) Die durch den hypnotischen Kontext geschaffenen Anforderungen werden von den Versuchspersonen erfüllt, indem sie sich verschiedener Fähigkeiten (z.B. Aufmerksamkeitsablenkung) bedienen, um sich dann wie hypnotisierte Personen zu verhalten. Dabei gibt es natürlich interindividuelle Unterschiede, und die Qualität der Hypnose hängt somit von dem Grad der Fähigkeiten der Versuchspersonen ab, den Anforderungen der hypnotischen Situation nachzukommen. Die Non - State - Theoretiker gehen also offensichtlich davon aus, dass die Hypnose durch drei Faktoren hervorgerufen wird: der Suggestibilität der Versuchspersonen, deren Wahrnehmungen in der situationsspezifischen, hypnotischen Anforderungen und der durch die Versuchspersonen verwendeten kognitiven Strategien, um diesen Anforderungen nachzukommen.

Anhänger der Non - State - Theorie sind z.B. T. X. Barber (1979), Spanos (1982) und Sarbin und Coe (1972). Kossak (1993) bezeichnete Fourie als Non - State – Theoretiker, weil dieser auch eine kontextbezogenen Sichtweise des Phänomens Hypnose hat und einen „besonderen Bewusstseinzustandes“ annimmt. Jedoch ist diese Bezeichnung hinsichtlich der Epistemologie von Fourie nicht ganz zutreffend. Die dadurch auftretenden theoretischen Unterschiede werden kurz im Kapitel 1.6.5, über Fouries ökosystemischen Ansatz, skizziert.

1.6.3 Hypnose in der Tradition von Erickson

Die Ansätze, die sich unter diesen Punkt subsumieren lassen, gründen sich auf die Arbeit von Milton H. Erickson (1901 - 1980) und wurden von einigen seiner ehemaligen Schüler wie Lankton (1983), Rossi (1980) und Zweig (1982) weiter ausgearbeitet. Erickson war ein bekannter amerikanischer Psychotherapeut, der vor allem durch seine vielseitigen Therapiemethoden und Techniken für die Klinische Hypnose sehr bedeutungsvoll wurde. Die Ansätze, die sich auf ihn berufen, unterscheiden sich vor allem von den Non - State- und State - Theorien dadurch, dass das Konstruktes der hypnotischen Suggestibilität und der Anwendung indirekter Induktionstechniken in Frage gestellt wird, um unter Umgehung des „Bewussten“ das „Unbewusste“ anzusprechen. Vereinfacht kann man die Mehrzahl der Hypnosetheorien die sich auf Erickson berufen, durch 3 Punkte kennzeichnen. Erstens ist Hypnose ein häufig mit dem Begriff „Trance“ bezeichneter Bewusstseinszustand, zweitens wird ein „Unbewusstes“ angenommen und eine sich daraus ergebende Dichotomie in Verbindung mit dem „Bewussten“ und drittens, dass es ungenutzte Ressourcen im Inneren der Individuen gibt, die insbesondere durch die Formen der indirekten Suggestionen utilisiert werden können. Die Hypnose umgeht das „Bewusste“, um zu den „unbewussten“ Ressourcen vorzudringen.

Diese Konzepte sind in den Ericksonschen Theorien sehr wichtig, sodass ihr eigentlicher Status als Konstrukte oder Annahmen häufig übersehen wird und diese Prämissen vergegenständlicht werden. Der Versuch Lanktons (1983) das „Unbewusste“ bzw. das „Bewusste“ in der rechten bzw. linken Hirnhemisphäre zu lokalisieren, kann bereits als ein Versuch gewertet werden, solch eine Vergegenständlichung vorzunehmen. Havens schrieb zu diesem Thema: „ ... als Erickson sich auf das Unbewusste berief, sprach er von einem sehr realen Phänomen, das sich beobachten und demonstrieren ließ. Er gebrauchte den Begriff nicht nur als Metapher oder Konstrukt, sondern war der Meinung, dass Menschen tatsächlich über ein Unbewusstes verfügen ... so wie sie auch Arme und Beine haben“ (Havens 1986, S.55). Bei aller theoretischen Kritik an Erickson haben die praktischen klinischen Methoden Ericksons großen Einfluss und Erfolg in der Psychotherapie erzielt. Das Besondere seiner Methoden liegt dabei in seinen indirekten Suggestionsmethoden. „Die indirekten Formen von Suggestion sind semantische Folien, die das Erleben neuer Reaktionsmöglichkeiten erleichtern“ (zit. Erickson & Rossi, 1981, S. 35).

1.6.4 Probleme der modernen Hypnosetheorien

Die wesentlichsten Merkmale moderner Newtonscher Erklärungen von hypnotischen Phänomenen sind der Reduktionismus, die lineare Kausalität und der Begriff der neutralen Objektivität.

Beim Reduktionismus geht es darum, komplizierte Phänomene zu vereinfachen, indem sie in Bestandteile zerlegt werden, die als die wesentlichen Elemente des Phänomens angesehen werden. Das Problem hierbei ist, dass die Ganzheit oder die „Gestalt“ des Phänomens verloren geht und dies zu einer verkürzten Sichtweise des Phänomens führen kann. Denn wie Perls (1969) schon anmerkte, kann durch die bloße Synthese der Einzelelemente häufig nicht das Ganze verstanden werden. Die Theorien über Hypnose, die unter den drei beschriebenen Richtungen zu finden sind, reduzieren das Phänomen Hypnose, indem man sie als etwas betrachtet, was mit oder in dem Klienten geschieht. Die Konzentration liegt immer auf dem Klienten. Der Lebenszusammenhang und die Erfahrungen der an der hypnotischen Situation Beteiligten, wie z.B. die Erwartungen anderer Personen in Hinsicht auf die hypnotische Situation der Klienten, wird wenig Beachtung geschenkt. Bei den State - Theorien wird dies deutlich an der Betonung, dass Hypnose ein „besonderer Zustand“ im Klienten ist. Deutlich wird dies bei der Definition von Revenstorf (1983): „Hypnose ist ein durch Suggestion herbeigeführter, eingeengter, schlafähnlicher Bewusstseinszustand mit vegetativen Veränderungen.“ Auch in den Non - State - Ansätzen liegt das Hauptaugenmerk auf dem Klienten, wenn ihre hypnotischen Reaktionen auch mit kontextuellen Elementen erklärt werden. Die Klienten bedient sich kognitiver Strategien, um sich so zu verhalten, als wäre sie in Hypnose, d.h. die intrapsychischen Vorgänge des Klienten, wie z. B. Aufmerksamkeitsablenkung spielen die zentrale Rolle. Bei den Ericksonschen Theorien wird der Reduktionismus noch deutlicher, da die Hypnose als „Trance“ gesehen wird, die eine intensive Konzentration auf die innere phänomenale Realität darstellt. Trotz des Wissens, dass hypnotische Erfahrungen eingebettet sind in eine komplexe soziale Realität, wird die Komplexität des Phänomens in diesen drei Ansätzen auf Ereignisse reduziert, die im inneren des Klienten stattfinden. Der Gebrauch der vergegenständlichten Konzepte, wie „Bewusstseinszustand“ (State - Theorien), „fantasy - prone personality“ (Non - State - Theorien) und „Unbewusstes“ (Ericksonsche Theorien) unterstreicht diese Aussage.

Die drei Ansätze sind zwar unterschiedlicher Meinung, wie die Hypnose herbeigeführt wird, verwenden aber die gleiche Art der Argumentation, dass Hypnose in linearer Art von einer Person oder durch eine spezielle Prozedur verursacht wird. Das heißt, dass eine Situation erst dann als hypnotisch qualifiziert wird, wenn es den Wünschen und Vorstellungen des jeweiligen Hypnotiseurs entspricht.

Die Annahme, dass eine „objektive“ Beobachtung möglich und wünschenswert sei, lässt sich bei den drei Ansätzen ebenfalls erkennen. Bei den State - Theorien wird dies an dem Bemühen deutlich, einen „besonderen Bewusstseinszustand“ objektiv zu beweisen. Gruzelier und Brow (1985) haben in einem Experiment gezeigt, dass die Hypnose einen veränderten Bewusstseinszustand darstellt, da sich bestimmte Funktionen im Gehirn verändern. Was in diesem Experiment als „Hypnose“ bezeichnet wurde, war eine sehr spezielle Prozedur, die nur bei einigen (von den Versuchsleitern als ‘hochsuggestibel’ bezeichneten) Versuchspersonen Erfolg hatte. Es waren auch genau diese Probanden, bei denen es zu Veränderungen der Hirnfunktionen kam. Überdies hatten sich bei den Teilnehmern aufgrund der vorhergehenden Arbeit mit den Autoren besondere Erwartungen bezüglich des Phänomens aufgebaut. Diese Faktoren wurden in den Schlussfolgerungen der Autoren nicht berücksichtigt, da diese sich an das strenge Gebot der Objektivität hielten (Fourie, 1994). Weiterhin ist der Drang vieler Non - State - oder State - Anhänger zur „Objektivität“ an den vielen Versuchen zu erkennen, Suggestibilität oder Hypnotisierbarkeit messen zu wollen. Die Vergegenständlichung des Konzeptes der Suggestibilität führt dann dazu, kontextuelle und attributive Faktoren der hypnotischen Situation außer Acht zu lassen. Die Ericksonianer gehen davon aus, dass der Hypnotiseur durch die Beobachtung seines Klienten objektiv entscheiden kann, welche Hypnosetechnik gewählt werden muss und wie sie angewendet werden muss. Da die Ericksonschen Therapieformen hauptsächlich pragmatisch und veränderungsorientiert sind, müssen die geplanten Veränderungen exakt definiert werden, was eine Diagnose voraussetzt.

Dieser Abschnitt sollte zeigen, wie ähnlich die zugrunde liegenden Denkarten der drei wesentlichsten Ansätze zur Hypnose sind, was nicht darüber hinwegtäuschen soll, dass sie inhaltlich sehr unterschiedlich sind. Trotzdem bringt die Verwurzelung im modernen Newtonschen Denken Probleme mit sich, die, wie skizziert, alle drei Ansätze einschließen. Wie sich diese Probleme auf die Praxis der Hypnose auswirken, zeigt Fourie (1994) in seinem Buch (Kapitel 4). Diese hier zu erörtern, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Zum Abschluss wird nur noch auf die alternative theoretische Sicht Fouries zu den Newtonschen Sichtweisen der Hypnose eingegangen.

1.6.5 Hypnose in Fouries ökosystemischen Ansatz

Fouries ökosystemischer Ansatz ist keine neue Theorie der Hypnose, sondern mehr eine andere wissenschaftstheoretische Sichtweise des Phänomens Hypnose. So kann diese Denkweise auf der epistemologischen Ebene von der Denkweise der drei wichtigen Hypnoseansätzen (des newtonschen Ansatzes, State - Theorie, Non - State - Theorie, Ericksonsche Theorien) unterschieden werden.

Die anschließenden Ausführungen sollen kurz darstellen welche Konsequenzen es hat, wenn der ökosystemische Ansatz auf die Hypnose angewendet wird. „Aus ökosystemischer Perspektive ist die Hypnose keine Entität, wie ein Bewusstseinszustand, in dem es zu Entspannung, Starrheit der Körperglieder, Amnesien und Analgesien kommt. Sie ist ein Konzept, das von verschiedenen Wissenschaftlern gebraucht wird, um ausgewählte Verhaltensweisen in (von ihnen oder anderen) als hypnotisch definierten Situationen zu beschreiben. Hypnose existiert nicht als „Gegenstand“. Der Begriff wird auf bestimmte Verhaltensweisen angewandt, wenn sie in einer Situation stattfindet, die man als „Hypnose“ bezeichnen kann oder sollte“ (zit. Fourie, 1994, S.64). Nach dieser Sichtweise gibt es kein Verhalten, dass dem Wesen nach hypnotisch ist. Verhaltensweisen, die unter Hypnose auftreten, können auch von Zeit zu Zeit im normalen Leben auftreten (z.B. Arm anheben, keinen Schmerzen spüren, Augen schließen usw.). Wenn sie aber in einer Situation auftreten, die als eine hypnotische ausgewiesen ist, werden diese Verhaltensweisen auch als hypnotisch klassifiziert. Die Versuchsperson oder der Proband verhält sich meist so, wie es von ihm erwartet wird, er wird ruhiger und bewegt sich anders, wodurch er anzeigt, dass es sich nicht um eine alltägliche Situation handelt. Der Hypnotiseur spricht oft mit einer ruhigen und monotonen Stimme mit dem Patienten. Dabei redet er mit dem Patienten so, als ob dieser ein Beobachter der eigenen Handlungen ist. Sind Zuschauer vorhanden, verhalten sie sich ruhig und konzentrieren sich auf den Patienten. Alle diese an der Hypnose beteiligten Personen klassifizieren die Situation gleichzeitig und bilden so ein Netzwerk gegenseitiger und reziproker qualifizierender oder disqualifizierender Handlungen. Die entstehende hypnotische Situation wird über die Zeit immer komplexer und gewinnt ihren besonderen und einzigartigen Charakter, abhängig von den in der Hypnose interagierenden Personen. Mantura (1975) bezeichnete diese als „Bereich der Übereinstimmung“. Diese Sicht lässt es nicht mehr zu, Hypnose als von jemanden oder durch eine Prozedur verursacht anzusehen. Trotzdem kommt dem Hypnotiseur eine besondere Stellung in der Hypnosesituation zu, da dies in einer als Hypnose definierten Situation von ihm erwartet wird. Er ist es, der die Induktion durchführt, die Situation definiert und den Patienten ins Zentrum des Geschehens rückt. Die Induktion ist der Zeitpunkt ab dem bestimmte Verhaltensweisen erwartet werden, die als hypnotisch klassifiziert werden können. Natürlich tragen intrapsychische Vorgänge (siehe Non - State - Theorien) der Versuchsperson dazu bei, die Patienten von der „Realität“ der Hypnose zu überzeugen, sie sind jedoch nur Teilaspekte einer komplexen sich ständig entwickelnden sozialen Interaktion. „Aus ökosystemischer Perspektive gesehen, findet die Hypnose in einem komplizierten sozialen Kontext statt, in dessen Rahmen eine große Anzahl miteinander in Wechselwirkung stehender Variablen wirksam sind: die Definition des Kontextes als hypnotisch, die Erwartungen und Attributionen sowie die zwischenmenschlichen und intrapsychischen Fähigkeiten aller Anwesenden. Es ist unmöglich einer dieser Variablen die ursächliche Wirkung zuzuschreiben. Bestenfalls könnte man sagen, dass der Prozess multikausal ist “ (zit. Fourie, 1994, S. 67). Die Konzentration der weiter oben geschilderten Hypnoseansätze liegt eindeutig auf dem Klienten. In der ökosystemischen Sichtweise liegt der Schwerpunkt auf dem Gesamtkontext, in dem sich die Hypnose abspielen soll. Dabei wird dieser Gesamtkontext nicht vorwiegend bestimmt von den physischen Gegebenheiten des Ortes (Einrichtung, anwesende Personen), sondern besonders von den Vorstellungen, Erfahrungen und Attributionen aller Beteiligten. Diese Ausführungen sollen genügen, um den ökosystemischen Ansatz der Hypnose von den Hypnoseansätzen zu unterscheiden, die sich auf die Newtonsche Wissenschaftsauffassung berufen. Zusammenfassend vertritt der ökosystemische Ansatz die in Tabelle 1.6.5.1 dargestellten Annahmen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1.6.5.1: Annahmen des ökosystemischen Ansatzes (Fourie, 1994)

An diesen Annahmen ist zu sehen, dass im ökosystemischen Ansatz besonderen Wert darauf gelegt wird, dass es sich bei der Arbeit mit Hypnose um die Arbeit mit der Idee der Hypnose handelt. Die traditionellen Hypnoseansätze nehmen dies nur wenig zur Kenntnis, was sich daran zeigt, dass sie sich mit allen möglichen Arten hypothetischer und vergegenständlichter Konstrukte befassen, wie „Unbewusstes“, „Suggestion“ usw.. Die bedeutendste Konsequenz, die aus der ökosystemischen Sichtweise entsteht, ist die, dass hier natürlich keine „Sicherheiten“ durch „objektive“ Tatsachen bestehen. Somit existieren auch keine vorgefertigten Rezepte oder Techniken für bestimmte Probleme und auch keine vorgefertigten Vorwände, wie die mangelnde Suggestibilität der Patienten. Wie dargestellt, ist der ökosystemische Ansatz eher eine Denkweise als eine praktische Anleitung zur Hypnose.

1.7 Anwendungsmöglichkeiten und Anwendungsgebiete

Die Hypnose findet in vielen unterschiedlichen Bereichen ihre Anwendung. Sie wird z.B. in der Medizin, Psychologie, Psychiatrie, Zahnmedizin, dem kriminologischen und forensischen Bereich oder im Sport angewendet. Der medizinische und therapeutische Bereich ist heute einer der Wichtigsten. Um einen besseren Einblick in die Anwendungsgebiete zu erhalten, werden diese im Folgenden in knapper Form dargestellt. Für detailliertere Beschreibungen und Ergebnisse aus der Hypnoseforschungen vgl. Kossak (1997, S.433-482)

1.7.1 Hypnose in der Medizin

Die Liste der Anwendungsgebiete der Hypnose in der Medizin und Zahnmedizin ist nahezu endlos, z.B. bei Behandlung von allg. Schmerzen, Herzbeschwerden, Darmerkrankungen, Rheuma, Allergien, Warzen, Neurodermitis, Schuppenflechte, Herbes, Verbrennungen, Immunsystem, Krebs, Epilepsien, Diabetes, Augenheilkunde, Ohrenheilkunde usw. Hypnose wird auch oft zur Geburtsvorbereitung und Geburtenhilfe eingesetzt. Desweiteren kann Hypnose auch bei Anästhesie und Rehabilitationen eingesetzt werden. Alle somatischen Störungen bzw. Krankheiten haben stets auch psychische Aspekte im Sinne von sekundären Wirkungen. Die häufig festgestellten Ursachen der Krankheiten beziehen sich auf Kontrollverlustängste oder mangelnde Entspannung der Patienten. Besonders dabei kann Hypnose oder Selbsthypnose helfen. Bei einer Indikation werden auch oft verhaltenstherapeutische Methoden mit Hypnose kombiniert oder ergänzt.

1.7.2 Hypnose in Klinischer Psychologie und Psychiatrie

Hypnose kann im Bereich der klinischen Psychologie sowohl mit der Indikation der Symptomkontrolle eingesetzt werden, aber auch im Rahmen von aufdeckenden dynamisch-analystischen Verfahren. Ein solches Verfahren ist z.B. die graphomotorische Informations-Therapie nach Lazarus und Ambramovitz (1962). Dabei lässt der Therapeut von dem Patienten vor und während der Hypnose Zeichnungen des zu bearbeitenden Problems anfertigen. Im Anschluss daran werden die Zeichnungen (evtl. mit dem Patienten gemeinsam) verglichen und die Unterschiede gedeutet. Allgemein wird bei aufdeckenden Verfahren Hypnose angewandt, um einen Zugang zum Unbewussten und zu verdrängten Erinnerungen herzustellen. Hypnoseanalyse ist die Verbindung von hypnoidem Zustand und analytisch-therapeutischem Vorgehen. Von Vorteil ist hier die Beschleunigung des Prozesses, weil in Trance, Widerstände leichter abgebaut werden können.

Bei der Symptomkontrolle steht v.a. die Therapie von Schmerzzuständen im Vordergrund. Durch verschiedene Techniken kann dem Patienten eine gewisse Erleichterung verschafft werden. Hierzu ist eine leichte Trance bereits ausreichend. Ähnliche Methoden werden zunehmend auch in der medizinischen Psychologie angewandt (z.B. in der Zahnheilkunde oder in der Geburtshilfe), aber auch in der Psychiatrie (Depression, Hysterie, Schlafstörungen, Impotenz usw.) und in der Psychotherapie (Stottern, Abhängigkeiten Entscheidungsproblemen, Konfrontationen usw.). Die Hypnose findet auch in der Therapie von neurotischen und psychosomatischen Krankheiten Anwendung. Die klassisch-suggestive Methode kann bei akuten Kriseninterventionen eingesetzt werden, um Symptome günstig zu beeinflussen, z.B. bei einem akut-psychogenen Asthmaanfall. Allerdings sollte bei der Behandlung von Psychosen auf Hypnoseanwendungen verzichtet werden. Nach Ansicht von Stocksmaier (1984) können beginnende schizophrene Psychosen durch Hypnosebehandlung manifest werden, weil der hypnotische Zustand sehr den Symptomen der Schizophrenie ähneln kann, z.B. bei der Depersonalisierung.

Im Rahmen einer stützenden Therapie kann die Hypnose zur inneren Entspannung beitragen, Symptome lindern und die allgemeine Stabilisierung des Gesundheitszustandes unterstützen. Auch hier wird in der Verhaltenstherapie die hypnotische Suggestion als unterstützendes Verfahren eingesetzt. Darauf wird aber in Kapitel 2.5 noch differenzierter eingegangen (vgl. auch Kossak 1997, 483-549).

1.7.3 Hypnose im forensischen Bereich

Wissenschaftler haben sich mit der Frage beschäftigt, inwiefern Hypnose dazu benutzt werden kann, um kriminelle Handlungen zu begehen. Es gibt zwar dokumentierte und beglaubigte Fälle von kriminellen Handlungen unter Hypnose, z.B. Belästigungen oder Vergewaltigung, aber meist wird dabei die Hypnose nur als Vorwand benutzt um nicht verantwortlich für eine Tat zu sein (Kossak 1997). Orne (1962) hat die Fragestellung ausführlich untersucht und festgestellt, dass niemand gegen seinen Willen hypnotisiert werden kann, auch nicht ohne sein Wissen. Hypnose kann nur eine sekundäre Rolle für gezeigtes Verhalten spielen, sie ist kein Kausalfaktor. Hypnose ist als ein imaginatives Therapieverfahren zu verstehen, bei dem es auf die Vorstellungsfähigkeit und -bereitschaft des Patienten ankommt. Er hat stets Einsicht in sein Verhalten und bestimmt das Geschehen innerhalb der Kommunikation unter Hypnose mit.

Im forensischen, also gerichtspsychologischen Bereich, kann Hypnose bei der Befragung eines Angeklagten oder einer Zeugenvernehmung eingesetzt werden. Bei der konventionellen Zeugenbefragung (Loftus, 1979) sind ähnliche Faktoren wie bei der Befragung unter Hypnose (Kossak, 1997, S. 578) wirksam, sie werden jedoch selten angemessen berücksichtigt. Der Vorteil bei Hypnose ist, dass die Befragten entspannter sind und sich stabiler fühlen. Den Befragten ist es auch möglich die Tat aus einem anderen Blickwinkel zu beurteilen. Zeugen/Opfer mit einer Amnesie durch Traumatisierung können in Hypnose dennoch über das Erlebte aussagen. Im klinischen Bereich der Forensik kann die Zurechnungsfähigkeit begutachtet werden, oder eine psychotherapeutische Betreuung von Verbrechensopfern erfolgen. Anzumerken ist, dass eine Befragung unter Hypnose kaum stärkere Aussagekraft vor Gericht hat, da eine Hypnose auch vorgetäuscht werden kann.

1.7.4 Hypnose bei Sport

Literaturbeiträge zur Anwendung der Hypnose im Sport sind sehr selten. Vermutlich ist jeder Trainer darauf bedacht, seine Form der Trainingsmethode und -technik geheim zu halten. Die ersten offiziellen Publikationen stammen von den Olympischen Spielen 1960 in Rom (Naruse, 1974). Im Folgenden werden einige Beispiele für Anwendungsbereiche im Sport genannt.

Hypnose und vor allem Selbsthypnose ist ein gutes Mittel die Motivation und das Selbstvertrauen des Sportlers aufzubauen. Wichtig dabei ist, dass sich der Sportler stets als Ort der Kontrolle („locus of control“, Rotter, 1964) erlebt. Wettkampfangst kann z.B. durch Entspannung, Schaffung von Distanz zu Störreizen (Publikum usw.) und mentales Widererleben von Wettkampfsituationen behandelt werden (Kossak, 1997). Das Training und die Ausbildung unterschiedlicher motorischer und mentaler Wettkampffertigkeiten kann unter Hypnose optimiert werden, z.B. indem eine bewusste Analyse der effizientesten Bewegunksequenzen durchgeführt wird. Die Fähigkeit der Schmerzreduktion während des Wettkampfes oder nach Verletzung ist mit Hypnose möglich. Obwohl dies einerseits hilfreich sein kann, kann diese Anwendung auch indirekt zu Schädigung von Organen führen (Kossak, 1997, S.597).

1.8 Modellbeispiel einer Hypnosetherapie-Sitzung

In diesem Kapitel wird zum Verständnis der Hypnosetherapie ein kurzer Überblick zum Ablauf einer Hypnose-Sitzung geben. Genauere Beschreibungen sind in Revenstorf (1993, S.193) und Kossak (1989, S.69ff) zu finden.

Ein Fünf-Phasen-Paradigma, das sowohl für explizite und formale Hypnose als auch für indirekte Induktion gilt, beschreiben Erickson und Rossi (1976). Dabei folgt auf die Fokussierung der Aufmerksamkeit zunächst ein Außerkraftsetzen des gewohnten Bezugsrahmens, dann eine Simulation interner Suchprozesse und impliziter Verarbeitungen, woraus dann veränderte Erlebnis- oder Verhaltensweisen resultieren (siehe Tabelle 1.8.1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1.8.1: Ablauf einer Hypnosetherapie-Sitzung (übernommen aus Revenstorf, 2003, S. 26)

1.9 Abgrenzung/Gefahren/Kritik/Ängste zu Hypnose

Die Frage des Missbrauchs stellt sich, weil die Hypnose eine Intervention sein kann, die sehr intensiv in Gefühle und psychische Verarbeitungsmechanismen eingreifen kann. Am stärksten ist ein Missbrauch in der Bühnen- und Showhypnose vertreten (Kossak, 1997). Leider ist dieser Bereich einer der bekanntesten und hat deshalb großen Einfluss auf häufig auftretende Vorurteile gegenüber der Hypnose. Meist handelt es sich bei der Bühnen- und Showhypnose nicht um wirkliche Hypnose. Der Showhypnotiseur sucht sich eine Versuchsperson und ermittelt schnell deren Bereitschaft. Ist die Person ungeeignet, kann er sie wieder im Hintergrund Platz nehmen lassen. Die Personen sind meist verunsichert und befolgen oder simulieren die Anweisungen und Phänomene. Die Showhypnose eignet sich zum Betrug. Nicht selten erfolgt die Hypnose auch mit eingeweihten, bezahlten ,,Freiwilligen“. Genauso liegt der Show meist nur ein (optischer) Trick zugrunde. Die Gesetzgebung ist hier sehr lückenhaft. In manchen Ländern ist Showhypnose zwar verboten, ,,Hypnose“ durch Laien allerdings nicht (Kossak, 1997).

Bei der Tierhypnose handelt es sich ebenfalls nicht um echte Hypnose. Für gewöhnlich liegt nur eine Immobilisation/Schreckstarre (nach plötzlichem auf-den-Rücken-Drehen) vor oder durch Druckreizung an bestimmten Stellen kann z.B. eine Kobra in einen Stab „verwandelt“ werden (funktioniert durch leichten Druck in den Nackenbereich).

In der Hypnosepraxis kann, hauptsächlich bei Berufsanfängern, durch Falldarstellungen und Veröffentlichungen über erfolgreiche Therapien der Eindruck entstehen, dass Sie eine Art „Allheilmethode“ gefunden haben. Hier ist es wichtig, dass erfahrene Anleiter, Supervisoren und Kollegen den Realitätsbezug wiederherstellen. Hypnose kann auch schnell nur als reines Technikrepertoire benutzt werden. Dabei wird sie meist ohne Diagnostik und Indikationsstellung eingesetzt, was zu Fehlbehandlungen führen kann (Kossak, 1997).

Der Therapeut könnte die Hypnose auch benutzten, um seine eigenen Autoritäts- und Machtansprüche zu befriedigen. Die enge Beziehung zwischen Therapeut und Patient könnte missbraucht werden, um auf dieser Basis sexuelle Belästigungen vorzunehmen. Jedoch kann sich auch ein intensiver Partnerwunsch des Patienten auf den Therapeuten ausrichten und durch die sachlich, distanzierte Zurückweisung des Therapeuten kann der Patient dem Therapeuten plötzlich mit Vorwürfen und Beschuldigungen begegnen (Kossak, 1997). Wichtig ist, dass der Hypnotiseur eine gute Ausbildung erfahren hat, z.B. durch die DGH („Deutsche Gesellschaft für Hypnose“), die eine garantiert seriöse Ausbildung über mehrere Jahre anbietet, zu der nur Psychologen, Ärzte und Zahnärzte zugelassen werden (siehe auch Kapitel 8).

2. Grundlagen der Verhaltenstherapie

Nachfolgend werden kurz theoretische Grundlagen der Verhaltentherapie beschrieben, die hauptsächlich aus dem Buch von Christian Reimer et al. (1969) entnommen sind. Speziell werden dann einige Methoden bzw. Techniken der Verhaltenstherapie erläutert, die vor allem bei Angstbehandlungen eingesetzt werden und in der Untersuchung der vorliegenden Diplomarbeit verwendet wurden. Anschließend wird gesondert auf die Kombination von Verhaltenstherapie und Hypnose eingegangen.

2.1 Was ist Verhaltenstherapie bzw. kognitive Therapie ?

Die kognitive Therapien und die Ver­haltenstherapien sind Psychotherapien, die zum Ziel haben, menschliches Leiden und Einschränkungen menschlicher Handlungsfähigkeit zu beheben bzw. zu vermindern. Dazu benutzen die Psychotherapien Erkenntnisse aus der all­gemeinen, der experimentellen und der Sozialpsychologie sowie aus den relevanter Nachbardisziplinen, wie Biologie, Phy­siologie, Neurophysiologie, Neuroendokrinologie, Soziologie usw.. Die Behandlungen umfassen Veränderungen des Handelns, des Denkens, des Empfindens, des Fühlens, der Umwelt, der sozialen Interaktionen, doch auch körperlicher Vorgänge und biologischer Ab­läufe. Die Veränderung von Bedingungen eines Problems sollte zur Verbesserung von Selbstkontrolle und Eigensteuerung des Patienten führen. „Die kogniti­ven Therapien und Verhaltenstherapien legen Wert auf eine systematische Evaluation ihrer Metho­den, die Überprüfung der Wirksamkeit von Be­handlungen und damit die Klärung der Fra­gen zur Indikation, die Erfolgserwartung, die Erfolgsmöglichkeit und die Grenzen einer so definierten Psychothe­rapie.“ (Reimer et al, 1969).

Genaugenommen gibt es, wie schon bei der Definition von Hypnose, nicht „die“ Verhaltens­therapie oder „die“ kognitive Therapie. Vielmehr werden unter diesen Begriffen viel­fältige Behandlungsmethoden und Herangehensweisen zusammengefaßt. Das wesentliche Gemeinsame der verhaltenstherapeutischen Ansätze ist ein lerntheoretisches Verständnis für die Genese und die Therapie von psychischen Störungen. Eine modernere Entwicklung in der Verhaltenstherapie ist die ausdrückliche Ergänzung um die Gedankenebene in der sogenannten „Kognitiven Verhaltenstherapie“ bzw. der „Kognitiv-Behavioralen Therapie“.

2.2 Entwicklung der Verhaltenstherapie

Für die Entwicklung bzw. Entstehung der Ver­haltenstherapie als psychologischer Ansatz lässt sich kein genauer Zeitpunkt angeben. Dies hängt damit zusammen, daß eine genaue Gegenstandsbestimmung und Grenzziehung für Verhaltenstherapie zwar immer wieder versucht wurde, daß eine entsprechende Einigung jedoch nie stattfand. Angesichts der Heteroge­nität (oder in gewissem Sinne der Offenheit) der Modelle, Methoden und der störungsspezi­fischen Behandlungsausrichtung vielleicht auch nicht stattfinden kann (Reimer et al, 1969).

In den 50ziger Jahren tauchte der Begriff Verhal­tenstherapie („Behavior Modification“) erstmalig auf und wurde von mehreren Autoren (Wolpe, Eysenck, Skinner, Lindsley, Meyer), unabhängig voneinander, zeitgleich vorgeschlagen. Es wurde zwar schon auf verhal­tenstherapeutische Ansätze hingewiesen die zwischen 1920 und 1930 auf­tauchten, dabei handelte es sich aber um einzelne, verstreute Ansätze, die sich zwar durchaus in eine „moderne“ Verhaltenstherapie einordnen ließen, eine einheitliche Entwicklung ergab sich daraus jedoch noch nicht. Um die Jahrhundertwende gab es auch ver­streut Ansätze, die als bedeutsam für die Grundlegung der Verhaltenstherapie angesehen wer­den können (z.B. Price, Donley, W.Wiliams). Man könnte auch die Tradition der Verhaltenstherapie auf ein­zelne Bestrebungen im Mittelalter und in der Antike zurückführen, z.B. hat der berühmte Redner Demos­thenes durch kontinuierliche Übung seiner Aussprache seinen Sprachfehler selbst korrigie­rt. Aber auch alte griechische Philosophen haben den Satz geprägt, dass wir nicht durch die Dinge der Welt selbst beunruhigt seien, sondern durch die Vorstellungen von den Dingen.

„Seit Mitte der 50er Jahre kann man von einer kontinuierlichen Entwicklung der Verhaltenstherapie sprechen. Die Wurzeln der Verhaltenstherapie sind in England (Eysenck, Shapiro, H.G. Jones), in Südafrika (Wolpe, A. Lazarus) sowie in den Vereinigten Staaten (Lindsley, Skinner, Mowrer, Dollard, Muler) zu finden. Es lassen sich zwar eine Reihe von Namen anführen, die für die Entwicklung der Verhaltenstherapie bedeutsam waren, dennoch gibt es keine eindeutige Grün­derfigur. Dieser Umstand und die Tatsache, daß wichtige Grundlagen und Methoden der Verhaltenstherapie an mehreren Orten unab­hängig voneinander entwickelt wurden, weisen darauf hin, daß die Zeit für das Aufkommen der Verhaltenstherapie gewissermaßen reif ge­worden war. Man kann von der Verhaltenstherapie als einer „sozialen Bewegung“ (Krasner) sprechen. Dabei darf man nicht aus dem Auge verlieren, daß diese Bewegung zwar eine Reihe wichtiger Gemeinsamkeiten aufweist, die sich allerdings nicht eindeutig festlegen las­ssen. Es handelt sich bei diesen Gemeinsamkeiten wohl eher um „Familienähnlichkeiten", d. h. um eine Art „roten Faden", der sich durch die Bewegung zieht (Reinecker, 1994)“ (zit. Reimer et al, 1969).

2.3 Theoretische Grundlagen der Verhaltenstherapie

Die Verhaltenstherapie wurde um kognitive Behandlungskonzepte erweitert. Heute ist sie eine moderne Form der Psychologie. Früher wurde eine rein lerntheoretische Fundierung der Verhaltenstherapie (z.B. Eysenck und Rachman 1967) angenommen, diese muss heute aber als zu eng angesehen werden. Es sind eine ganze Reihe anderer psychologischer Ansätze aus den Bereichen der Motivations- und Kognitions-, Sozial-, Entwicklung- und Persönlichkeitspsychologie zu berücksichtigen (Reimer et al, 1969).

2.3.1 Lerntheoretisch

Thorndike (1932) hat angefangen, das Lernen durch unterschiedliche Lernexperimente mit Tieren und Menschen zu untersuchen. Er kam dabei zu dem Ergebnis, dass Lernen in der Bildung von Assoziationen zwischen Situation (S) und Reaktion (R) besteht. Pawlow (1927) hat das klassische Konditionieren beschrieben, bei welchem ein unkonditionierter Stimulus (UCS) der eine unkonditionierte Reaktion (UCR) auslöst, mit einem für den Organismus ursprünglich neutralen Reiz (CS) gekoppelt wird, so das dieser neutrale Reiz eine bedingte Auslöserfunktion (CR) für die ursprüngliche unkonditionierte Reaktion (UCR) gewinnt. Er ging noch weiter und hat ein „zweites Signalsystem“ entdeckt, in welchem der nun konditionierte Stimulus (CS1) weitere neutrale Reize (CS2, CS3) in den Konditionierungsprozess miteinbeziehen kann. Dies wird „Konditionierung höherer Ordnung“ genannt.

Das Prinzip der klassischen Konditionierung wird noch heute zur Beschreibung und Erklärung einiger Lernprozesse herangezogen.

Skinner (1935, 1938) begann Ende der 20er Jahre das Verhalten zu erforschen, indem er exakte und kontinuierliche Beobachtungen einzelner Merkmale des Verhaltens in kontrollierter Untersuchungssituation machte. Er konstruierte zu diesem Zweck eine Versuchsanordnung um Tiere zu beobachten, die nach ihm benannte „Skinner-Box“. Durch funktionale Analyse des Verhaltens beschrieb er das operante Lernen. Skinner (1937) unterschied nun die klassische Konditionierung von der operanten Konditionierung. Bei der operanten Konditionierung treten die unabhängigen Variablen erst nach der jeweiligen Reaktion auf, bei der klassischen Konditionierung sind die unabhängigen Variablen vor dem Auftreten der jeweiligen Reaktion zu identifizieren. Eine Theorie, die beide Prinzipien enthält ist die „Zwei Faktoren Theorie“ von Mowrer (1960). Danach wird in der ersten Stufe durch eine klassische Konditionierung Angst als Reaktion ausgebildet. In der zweiten Stufe wird dann durch eine bestimmte Verhaltensweise die angstauslösende Situation beendet oder umgangen und dadurch werden diese Verhaltensweisen weiter verstärkt. Hier spricht man von operanter Konditionierung. In der Verhaltenstherapie diente dieses „Zwei-Faktoren-Modell“ lange Zeit als Erklärung für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Angst- und Vermeidungsreaktionen (z.B. Ängste und Phobien). Jedoch kann diese strenge Trennung in zwei unterschiedliche Konditierungs- bzw. Lernprozesse heute nicht mehr aufrechterhalten werden. Lernen ist eher als komplexer und heterogener Prozess anzusehen, der mehrere Ebenen umfasst.

2.3.2 Soziale Lerntheorie

Zusammenfassend sehen neuere Lerntheorien Persönlichkeitsmerkmale, soziale und kognitive Faktoren, die Fähigkeit zur aktiven Informationsverarbeitung, Erwartungsbildung und Selbstkontrolle als bedeutsam an und gehen davon aus, dass diese die Geschwindigkeit der Ausbildung von Assoziationen beeinflussen.

Bandura (1977) hat ein weiteres Lernverhalten, das Modellernen oder stellvertretendes Lernen, erklärt. Dabei eignet sich eine Person aufgrund von Beobachtung ein neues Verhalten an. Die theoretische Einordnung des Ansatzes ist jedoch schwierig, weil viele kognitive Prozesse und Konstrukte dabei eine Rolle spielen können. Dem kognitiven Bereich kann man beispielsweise Aufmerksamkeits-, Behaltens-, Kodierungs- Transformations-, Reproduktions- und Motivationsprozesse zuordnen.

2.3.3 Kognitive Lernmodelle

Tolman (1932) nahm an, dass Organismen nicht S-R-Verbindungen lernen, sondern sie bilden Erwartungen über Zusammenhänge von Umweltbedingungen mit ihrem eigenen Verhalten. Unter dem Sammelbegriff der Kognitionen werden Prozesse wie der selektiven Wahrnehmung, der Filterung von Erfahrungen, von spezifischen Gedächtnis- und Informationsmechanismen zusammengefasst, die daran beteiligt sind. Wimmer und Perner (1979) verstehen unter Kognition alle Vorgänge, welche Informationen transformieren, reduzieren, ausarbeiten, abspeichern, abrufen, weiterverwenden. Bandura (1977) hat eine Theorie der Selbstwirksamkeit erklärt, nach der die Erwartung der Selbsteffizienz und Verhaltenseffizienz eine große Rolle bei Verhaltensänderungen spielt. Die Kognitiven Theorien greifen also zur Erklärung von Lern- und Veränderungsprozessen nicht auf direkt beobachtbare Konstrukte und Variablen zurück, sondern Lernen wird als die Bildung von Erwartungsmustern über Situation bzw. Reaktion aufgefasst, bei denen kognitive Prozesse eine wichtige Rolle spielen. Wissenschaftliche Untersuchungen (z.B. Kelly 1967, Heider 1958, Schachter und Singer 1962, Abramson et al.1978) zeigen auch, dass Attributionen, also die Suche nach und Zuschreibung von Ursachen zu bestimmten Ereignissen, große Relevanz bei Verhaltensänderungen haben können.

2.4 Verhaltenstherapeutische Methoden und Techniken

Die nachfolgenden Ausführungen der verhaltenstherapeutischen Methoden und Techniken beschränken sich auf diejenigen, die in der metaanalytischen Auswertung verwendet wurden. Die folgenden Therapieformen werden bei Verhaltenstherapie auch vorzugsweise bei Angststörungen angewendet.

2.4.1 Kognitiv-behaviorale Therapie

Kognitiv-behaviorale Verfahren stehen für Therapiemethoden, die sowohl

behavioristisch-lerntheoretisch (verhaltenstherapeutisch), als auch kognitiv begründet sind. Heute spricht man statt von Verhaltenstherapien (VT) deshalb von kognitiv-behavioralen Therapien (KVT), da die behavioristischen Lerntheorien als Erklärungsmodelle innerhalb der Verhaltenstherapie heute keine aktuelle Rolle mehr spielen, sondern durch die Konzepte aus der kognitiven Psychologie und der Informationsverarbeitungsforschung abgelöst wurden. (Grawe, 1994).

In den Studien von M. Ruhmland und J. Margraf (2001) wird kognitiv-behaviorale Therapie als Kombination aus kognitiver Therapie und Konfrontation beschrieben. Außerdem wurden Behandlungen die zusätzlich Entspannungsverfahren, Modelling oder Selbstsicherheitstrainings aufgenommen hatten auch zur Kategorie „kognitiv-behavioralen Therapien“ gezählt. Solche Kombinationen finden heute auch die weiteste Verbreitung.

2.4.2 Kognitive Therapie

Kognitive Therapie ist auch ein Teilgebiet der Verhaltenstherapie, die sich zwar im Wesentlichen auf die Kognitionen konzentriert, in der Diagnostik aber auch alle anderen Bereiche aus der Lebenssituation eines Patienten umfasst und in der Therapie berücksichtigt z.B. Problemanalyse und Verhaltensanalyse.

Aus der Sicht von Hauzinger (in Reimer et al, 1969) ist „kognitive Therapie“ keine eigenständige Psychotherapie, sondern repräsentiert eine sinnvolle und not­wendige Weiterentwicklung der Verhaltensthe­rapie.

2.4.3 Biofeedback

Mit Hilfe der Rückmeldung (Feedback) einer bestimmten körperlichen Funktion in Form eines sensorischen Signals lässt sich die willentliche Steuerung der betreffenden (oder einer verwandten) Funktion erlernen (Biofeedback-Training). Dies konnte in erster Linie für eine Reihe vegetativer Prozesse gezeigt werden, ließ sich aber auch für muskuläres und zentralnervöses Geschehen nachweisen. So ist es möglich, mittels Biofeedback-Unterstützung innerhalb weniger Sitzungen eine willentliche Steigerung oder Senkung der Herzfrequenz, des Blutdrucks, der Muskelanspannung bestimmter Körpergebiete sowie hirnelektrischer Potentiale zu erlernen. Man erklärt den Erwerb dieser Steuerungsfähigkeit mit instrumentellem Lernen, bei dem die „Verstärkung“ für eine gewünschte Reaktion in dem (Feedback-) Signal bestehen dürfte, das über den Erfolg bei der jeweiligen Aufgabe informiert. Klinische Anwendung des Biofeedbacktrainings waren insbesondere bei neuromuskulären Störungen und bei bestimmten Kopfschmerzformen erfolgreich (eine ausführliche Darstellung geben Gatchel, 1979; Price, 1979). Auch im Stress-Management und im Trainingssport wird sie erfolgreich angewendet.

2.4.4 Systematische Desensibilisierung

Bei der klassischen Methode ist das Grundprinzip, in tiefer Entspannung mit abge­stuften Angstreizen konfrontiert zu werden. Diese Abstufung wird durch den Patienten in Form einer Hierarchieaufstellung vorgenommen. Zu Beginn erlernt der Patient ein Entspannungsverfahren z.B. die Progressive Muskelentspannung (nach Jacobson 1938), um danach die eigentliche Therapie im Sinne einer Konfrontation zu durch­laufen. Wird das Verfahren in sensu, also auf der Vor­stellungsebene, angewandt. Der Patient muss sich die einzelnen Stufen aus seiner Angsthierarchie vorstellen. Sobald Angst oder Erregung auftritt, er­folgt eine Entspannungsphase. Ist wieder Ent­spannung erreicht, so erfolgt erneut die Exposi­tion der einzelnen Angstvorstellung. Jede dieser Stufen wird so lange dargeboten oder vorgestellt, bis keine Angst mehr erlebt wird und letztlich die gesamte Hierarchie durchlaufen wurde. Die Praxisbeobachtungen zeigen, dass diese rein auf der Vorstellungsebene erfolgte Bearbei­tung auch in der Realkonfrontation seine positi­ven Auswirkungen hat. Theoretische Erklärungen zur Wirkungsweise bei der Systematischen Desensibilisierung werden sehr kontrovers geführt. Zur Diskussion stehen reziproke Hemmung (Wolpe, 1958), Habituation (Lader & Wing, 1966; Lader & Mathews, 1968), kognitiv-phy­siologische Modelle und Löschung (Bandura, 1969), Modellernen (Bandura, Blanchard & Ritter, 1969) und kognitive Erwartung.

2.4.5 Reizkonfrontation

Unter der Bezeichnung Reizkonfrontation versteht man, dass Patienten mit situationsbezogenen Ängsten direkt mit den gefürchteten Situationen konfrontiert werden. Im Unterschied zur Systematischen Desensibilisierung wird dabei das Auftreten von Angst, auch von massiver Angst, nicht vermieden, sondern das Erleben und Aushalten der bisher ver­miedenen Angstgefühle stellt in der Regel einen wesentlichen Teil der Therapie dar. Der Patient wird seinen Angstsituationen über längere Zeit (auch mehrere Stunden) mit voller Intensität ausgesetzt und daran gehindert, seine Angstge­fühle durch Flucht oder Vermeidung zu reduzieren, denn er soll die Erfahrung machen, dass er die Situation ohne die erwarteten unange­nehmen oder katastrophalen Folgen bewältigen kann. Die verschiede­nen Vorgehensweisen werden danach unterscheiden, ob der Patient schrittweise oder unmittelbar ganz massiv mit den Angst­situationen konfrontiert wird und ob die Konfrontation, wie bei der Systematischen Desensibilisierung, in der Vorstellung (in sensu) oder durch Aufsuchen der entsprechenden realen Situationen (in vivo) er­folgt. Alle Arten beinhalten jedoch, dass der Patient die Konfrontation ohne irgendwelche Ausflüchte oder Vermeidungsreaktionen über längere Zeit aushalten muss. Die Konfrontation wird erst abgebrochen, wenn der Patient die Situation weitgehend angstfrei ertragen kann. Die untersuchten Vorgehensweisen können sich in einer ganzen Reihe weiterer Merkmale unterscheiden, wie zeitlicher Aufeinanderfolge der Konfron­tationen (z. B. täglich oder wöchentlich), mit oder ohne Anwesenheit des Therapeuten, mit oder ohne Einbezug von realen Lebenspartnern, Durchführung in Gruppen oder einzeln u. a. m. Eine nähere Beschrei­bung der Reizkonfrontationsmethoden findet sich bei Fliegel et al. (1981, S.212-236). Die Meta-Analysen von M. Ruhmland und J. Margraf (2001) unterscheiden zwischen „kognitiver Therapie“ und „Konfrontation“, weil bei kognitiver Therapie auch „Verhaltensexperimente“ durchgeführt werden in denen der Patient seine Gedanken überprüfen. Deshalb ist demnach der Unterschied der beiden Behandlungen darin zu sehen, dass der Zugang zu den Veränderungen primär entweder auf der Verhaltensebene oder auf der Gedankenebene gesucht werden muss.

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Ende der Leseprobe aus 213 Seiten

Details

Titel
Effektivität von Hypnose/Hypnosetherapie bei ausgewählten Angststörungen - Ein metaanalytischer Vergleich zwischen Hypnosetherapie und Verhaltenstherapie
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
213
Katalognummer
V116342
ISBN (eBook)
9783640186105
ISBN (Buch)
9783640188079
Dateigröße
2142 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Effektivität, Hypnose/Hypnosetherapie, Angststörungen, Vergleich, Hypnosetherapie, Verhaltenstherapie
Arbeit zitieren
Dipl.-Psych. Andreas Escher (Autor), 2003, Effektivität von Hypnose/Hypnosetherapie bei ausgewählten Angststörungen - Ein metaanalytischer Vergleich zwischen Hypnosetherapie und Verhaltenstherapie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116342

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