Die Kultivierungshypothese George Gerbners


Hausarbeit, 2002

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Ihaltsverzeichnisd

1. Einleitung

2. Kultivierungsanalyse & Vielseherforschung
2.1 Kultivierung, Viel- und Wenigseher. Worum geht es?
2.2 Gerbner,s Forschungen
2.2.1 Die Message System Analysis
2.2.2 Die Kultivierungsanalyse
2.2.3 Mainstreaming und Resonance – Weiterentwicklung der Vielseherforschung

3. Kritische Stimmen
3.1 Paul M. Hirsch – kritische Revision der Kultivierungsanalyse
3.2 Weitere Kritik

4. Neuere Ansätze zur Kultivierungshypothese

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Fernsehen ist das zentrale und beherrschende Massenmedium in der amerikanischen Kultur; es spielt eine entscheidende und, historisch gesehen, einzigartige Rolle.[1]

Eine der ersten und lange auch der wichtigsten Studien zu der langfristigen Wirkung von Fernsehen auf die soziale Realität der Fernsehnutzer war die Kultivierungsanalyse von George Gerbner und seinem Forschungsteam an der Annenberg School of Communications an der University of Philadelphia.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit diesen Arbeiten und den Forschungsergebnissen von George Gerbner. Hierbei ist, wie es in der Literatur leider manchmal etwas unscharf geschieht, zu unterscheiden zwischen Kultivierungsanalyse und –hypothese. Unter Kultivierungsanalyse soll in dieser Arbeit nur verstanden werden, was Gerbner in seinen Studien ab 1976 als „Cultivation Analysis“ bezeichnet, auf die er neben der „Message System Analysis“, der Inhaltsanalyse zur Fernsehgewalt von 1967-80, seine Studien konzentrierte.

Bei der Verwendung des Begriffs Kultivierungshypothese steht dagegen die langfris­tige Wirkung von Fernsehen auf die Realitätswahrnehmung des Zuschauers im Zentrum der theoretischen Betrachtung; sie ist auch Gegenstand anderer Studien.

Zunächst soll ein allgemeiner Einstieg in die Hypothese der „Kultivierung“ langfristiger Einstellungsänderungen durch das Fernsehen gegeben werden. Als nächstes werden die Arbeit und die ihr zu Grunde liegenden Gedanken Gerbners und seines For­schungsteams vorgestellt und ein Überblick über seine Forschungen und Stu­dien zur Kultivierungshypothese gegeben. „Mainstreaming“ und „Resonance“ sind Gegenstand Gerbners neuerer Forschungen. Auch auf diese beiden Ansätze der Vielseherforschung geht ein Kapitel dieser Arbeit ein.

Anschließend wird vor allem anhand der Kritik von Paul M. Hirsch und Gerbners Erwiderung darauf die Proble­matik der Studien des Annenberg Teams diskutiert.

Zuletzt werden einige neuere Studien zum Thema Kul­tivierung und Vielseher-Problematik vorgestellt, die Gerbners Forschungen bestä­tigen, zum Teil aber auch relativieren

oder erweitern. Der 15. Jahrgang der Zeitschrift „Fernsehen und Bildung“ (Nummern 1-3) beschäftigt sich mit dem Thema „Der Vielseher – Herausforderung für Fernsehforschung und Gesellschaft“. Darin sind nicht nur die Studien von George Gerbner und die Kritik von Paul M. Hirsch zusammengefasst, sondern auch ein Aufsatz von Konrad Burdach zu dieser Kontroverse und die Studien von Jo Groebel und Peter Vitouch enthalten, die versuchen Gerbners Ansatz weiterzuentwickeln. Diese sollen hier kurz zusammengefasst werden. Zusätzlich wird je eine Studie von Heinz Bonfadelli, der Befunde zur Kultivierungsanalyse aus der Schweiz vorbringt,[2] und von Bertram Barth, der die Kultivierungsanalyse in Österreich überprüft,[3] vorgestellt. Diese Auswahl kann sicher nicht für sämtliche Studien zur Kultivierungshypothese repräsentativ sein, sie soll nur eine kleine Weiterführung zu neueren Forschungen darstellen.

Zuletzt wird die Arbeit als Fazit noch ein mal zusammengefasst, wobei der Autor hier seine eigene Meinung einfließen lässt.

2. Kultivierungsanalyse & Vielseherforschung

2.1 Kultivierung, Viel- und Wenigseher. Worum geht es?

Gerbner wie auch vielen anderen Medienwissenschaftlern zufolge ist das Fernsehen zu einer wichtigen, wenn nicht zur wichtigsten Sozialisationsinstanz der heutigen Zeit geworden.[4] Dabei besteht laut George Gerbner das amerikanische Fernsehprogramm vor allem aus gewalttätigen Inhalten jeglicher Form.[5] Zudem vermittelt das Fernsehen vermeintlich

wahre Stereotype über Menschen, Machtverhältnisse und Themen, sowie simple Hand­lungsmuster, die mit der komplexen Realität nichts zu tun haben.[6]

Dies kann im Hinblick auf die langfristigen Wirkungen, die das Fernsehen auf den Zu­schauer, hat nicht ohne Konsequenzen bleiben. Zu dieser Schlussfolgerung gelangt Gerbner aufgrund der These, dass das Fernsehen beim Rezipienten bestimmte Vorstellungen über die Realität, ein bestimmtes Weltbild „kultiviert“, d.h. der Zuschauer die dargestellten Stereotype und Handlungsmuster verinnerlicht und auf seine Wirklichkeit überträgt. Der Fernsehnutzer nimmt seine Umwelt quasi durch eine „Fernseh-Brille“ wahr. Der starke Gewaltanteil der Fernsehprogramme führt laut Gerbner dann dazu, dass Fernsehnutzer die Welt z.B. angsteinflößender und bedrohlicher wahrnehmen, als sie es in Wirklichkeit ist.

Kultivierung ist nach Gerbner also die langfristige Wirkung des Fernsehens auf grundlegende Vorstellungen von der sozialen Realität. Durch die Fernsehinhalte wird dem Fernsehzuschauer ein einheitliches Weltbild vermittelt, das der Fernsehrealität entspricht. Diese Medienwirkung, erfolgt laut Gerbner additiv, d.h. Personen, die viel Fernsehen, werden stärker beeinflusst als Personen, die wenig fernsehen. Um diese These zu verifizieren, untersucht Gerbner in seinen empirischen Studien ab 1976 die so genannten Kultivierungseffekte bei Vielsehern („TV-Heavy-Users“) und Wenigsehern („TV-Light-Users“).

2.2 Gerbners Forschungen

2.2.1 Die Message System Analysis

Die Message System Analysis hatte nicht weniger zum Ziel, als die „Darstellung der „Fernsehwelt“ in ihrer ganzen Komplexität, also mit allen wesentlichen Merkmalen, Strukturen, Beziehungen und Wechselwirkungen“[7], um herauszufinden „wie diese Welt aussieht, was da geschieht, wer in ihr lebt und wer was wem antut“[8]. Dazu wurde zwischen 1967 und 1980 jedes Jahr eine Woche lang eine Stichprobe des amerikanischen Fernsehprogramms einer Inhaltsanalyse unterzogen.

Diese Inhaltsanalyse beschränkt sich jedoch nur auf den Gewaltaspekt des Fernsehpro­gramms und zwar auf die Darstellung offener physischer Gewalt, da gewalthaltige Inhalte, so Gerbner, das amerikanische Fernsehprogramm stark dominieren.[9] Zur Erfassung der Gewalt wurden zwei Arten von Kennwerten ermittelt, die Gewalt-Indizes („Violence Measures“) und die Täter-Opfer-Relationen („Victimization Scores“).[10]

Tabelle 1 zeigt exemplarisch verschiedene Gewalt-Indizes, die von Gerbner und seinem Forschungsteam zwischen 1967 und 1975 erstellt wurden.

Untersuchte Einheiten waren Fernsehsendungen, Programmstunden und auftretende Personen (Darsteller). Angegeben wird auch, wie viel Prozent der analysierten Sendun­gen und Programmstunden Gewalt (d.h. mindestens eine gewalthaltige Szene) enthalten. Unter „Rate“ sind die Gesamtanzahl der Gewaltszenen und die durchschnittliche Anzahl solcher Szenen pro Sendung (R/P), bzw. pro Programmstunde (R/H) zu verstehen. Unter „Rollen“ ist der prozentuale Anteil von handelnden Personen angegeben, die entweder als Täter oder als Opfer in Gewalt verstrickt sind. Der Programm-Score besteht aus der Summe des Prozentsatzes gewalthaltiger Programme (%P) zuzüglich der mit 2 multipli­zierten beiden Gewaltraten (R/P) und (R/H), der Darsteller-Gewalt- Score aus der Kombination der beiden Rollenscores; der Gewalt-Index („Violence Index“) ergibt sich aus der Kombination der beiden letzteren globalen Kennwerte.

Diese Kennwerte werden außerdem gesondert für tödliche Gewaltakte (Mörder/Leichen) angegeben. Zuletzt werden globale Kennwerte für Fernsehgewalt angegeben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 Gerbners Gewalt-Indizes („Violence Measures“) für das amerikanische Fernsehprogramm zwischen 1967 und 1975. Nach Burdach, K. in: Schenk, M.: Medienwirkungsforschung. 1987. S. 348. (vom Autor übersetzt)

Um die „Fernsehwelt“ zu beschreiben, werden in Gerbners Forschungen auch die Täter-Opfer-Relationen („Risk Ratios“ oder „Victimization Scores“) herangezogen,. Dazu wird in einer definierten Subgruppe (z.B. männliche Jugendliche) die Zahl derer, die Gewalt verüben, also Täter sind, mit der Zahl derer, die als Opfer auftreten und Gewalt erfahren, in Beziehung gesetzt. Der errechnete Wert zeigt an, welche Subgruppen im Fernsehen haupt­sächlich oder ausschließlich als Täter und welche als Opfer dargestellt werden und welche Stereotype über die Welt damit vermittelt werden. So tauchen Mädchen und heranwach­sende Frauen in Gerbners Studien ausschließlich als Opfer und niemals als Täter in der Fernsehwelt auf. Männliche Heranwachsende hingegen werden (in den Stichproben) ausschließlich als Täter dargestellt, niemals in der Opferrolle.[11]

2.2.2 Die Kultivierungsanalyse

Um die Hypothese von der Kultivierung einer bestimmten Weltsicht durch das Fernsehen zu belegen, wenden Gerbner und sein Team ab 1976 die in der Message System Analysis gewonnenen Erkenntnisse auf die Fernsehzuschauer an. Dazu werden vor allem die Daten des NORC (National Opinion Research Corporation’s General Social Service), einer jährlichen Repräsentativumfrage in den USA, aber auch von anderen externen und eigenen Umfragen verwendet.[12]

Da sich nach der Kultivierungshypothese die Kultivierung bei Personen, die viel fernsehen, in höherem Maße auswirkt, werden diese Vielseher mit denen verglichen, auf die das Fernsehen am wenigsten Einfluss haben müsste. Die Fernsehzuschauer werden also in Viel- und in Wenigseher unterteilt. Als Vielseher gelten in den meisten Studien Gerbners Personen, die durchschnittlich vier Stunden und mehr pro Tag fernsehen, Wenigseher konsumieren durchschnittlich zwei Stunden und weniger TV. Die Zuordnung zu diesen Gruppen erfolgt nach Selbsteinschätzung der untersuchten Personen. Diese Einteilung ist jedoch nicht absolut, sondern wird für jede Studie so vorgenommen, dass möglichst eine gleichmäßige Aufteilung erreicht wird.[13]

[...]


Bild auf Titelblatt von Warren Linn: Stossel, Scott: The man who counts the killings. http://www.theatlantic.com/issues/97may/gerbner.htm (21.08.2002)

[1] Gerbner, George et al.: Die „angsterregende Welt“ des Vielsehers. In: Fernsehen und Bildung 1-3/1981. S. 34.

[2] Bonfadelli, Heinz: Der Einfluß des Fernsehens auf die Konstruktion der sozialen Realität: Befunde aus der Schweiz zur Kultivierungshypothese. In: Rundfunk und Fernsehen 3-4/1988 S. 415-430.

[3] Barth, Bertram: Fernsehnutzung und Realitätswahrnehmung: Zur Überprüfung der Kulti­vierungshypothese. In: Rundfunk und Fernsehen 1/1988. S. 67-79.

[4] Vgl.: Gerbner, George et al.: Vielseher. In: Fernsehen und Bildung 1-3/1981. S. 17/34.
Burdach, Konrad J.: Methodische Probleme der Vielseherforschung aus psychologischer Sicht. Zur Kontroverse Gerbner/Hirsch. In: Fernsehen und Bildung 1-3/1981. S. 100.
Vitouch, Peter: Vielseher und Attribution. Ein sozialpsychologischer Ansatz zur Medienforschung. In: Fernsehen und Bildung 1-3/1981. S. 160-161.

[5] Vgl.: Gerbner et al. In: Fernsehen und Bildung 15, 1-3/1981. S. 22.

[6] Vgl.: Ebd. S. 19.

[7] Burdach, K. in: Schenk, M.: Medienwirkungsforschung. 1987. S. 348.

[8] Gerbner, George et al.: Vielseher. In: Fernsehen und Bildung 15, 1-3/1981. S. 22.

[9] Vgl.: Ebd. S. 19.

[10] Vgl.: Burdach, K. in: Schenk, M.: Medienwirkungsforschung. 1987. S. 348.

[11] Vgl.: Ebd. S. 350.

[12] Vgl.: Gerbner, George, Larry Gross, Michael Morgan, Nancy Signorielli: Eine wunderliche Reise in die angsterregende Welt des Paul Hirsch. In: Fernsehen und Bildung 15, 1-3/1981. S. 81.

[13] Vgl.: Ebd. S. 85.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Kultivierungshypothese George Gerbners
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Publizistik)
Veranstaltung
Einführung in die Publizistikwissenschaft - Medienwirkungsforschung
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
22
Katalognummer
V11646
ISBN (eBook)
9783638177528
ISBN (Buch)
9783638642002
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine der ersten und lange auch der wichtigsten Studien zu der langfristigen Wirkung von Fernsehen auf die soziale Realität der Fernsehnutzer war die Kultivierungsanalyse von George Gerbner und seinem Forschungsteam an der Annenberg School of Communications an der University of Philadelphia. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit diesen Arbeiten und den Forschungsergebnis-sen von George Gerbner. Hierbei ist, wie es in der Literatur leider manchmal etwas unscharf geschieht, zu unterscheiden zwischen Kultivierungsanalyse und -hypothese. Unter Kultivierungsanalyse soll in dieser Arbeit nur verstanden werden, was Gerbner in seinen Studien ab 1976 als 'Cultivation Analysis' bezeichnet, auf die er neben der 'Message System Analysis', der Inhaltsanalyse zur Fernsehgewalt von 1967-80, seine Studien konzentrierte.
Arbeit zitieren
Paul Eschenhagen (Autor), 2002, Die Kultivierungshypothese George Gerbners, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11646

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