Erziehung und Rolle der Jüdischen Frau im Wilhelminischen Deutschland

Versuch einer Bestimmung


Studienarbeit, 2008
14 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung:

II. eine Welt ändert sich – das liberale Reformjudentum und die neue Erziehung jüdischer Mädchen:

III. Die jüdische Frau der Oberschicht des wilhelminischen Deutschlands:

IV. Die jüdische Frau der Mittelschicht des Wilhelminischen Deutschlands:

V. Die jüdische Frau der unteren Schichten des wilhelminischen Deutschlands:

VI. Fazit:

VII. Literaturverzeichnis:

I. Einleitung:

Gibt es so etwas wie ein Musterbeispiel für die typische jüdische Frau der Vorkriegszeit? Lassen sich bestimmte Charakteristika feststellen, anhand derer man große Gemeinsamkeiten ausmachen kann? Ist ihre Position beispielsweise mehr im häuslichen Bereich, als ordentliche Kindererzieherin und fleißige Mutter zu sehen, oder war sie großteils stärker im Berufsleben, in Kunst oder auch Kultur tätig? War ihr Leben stärker religionsverbunden, oder legte sie mehr wert auf weltliche Lebensführung?

Diese Arbeit hat das Ziel, die Rolle der jüdischen Frau im Deutschland der Vorkriegszeit näher zu beleuchten. So viel sei vorab schon erwähnt, eine einheitliche Typisierung ist, wie in so vielen Bereichen des menschlichen Daseins ganz und gar nicht möglich. So zahlreich, wie diese ungefähr 300.000 Personen umfassende Gesellschaftsgruppe im damaligen Deutschland war, so unterschiedlich sind auch die weiblichen Positionen in deren jeweiligen Familien, sowie ihre persönlichen Einstellungen zu den unterschiedlichsten Fragen des Lebens. Was allerdings in dieser Arbeit bewerkstelligt werden kann, ist die Beleuchtung des Lebens einiger Vertreterinnen dieser Gesellschaftsgruppe anhand verschiedener Biographien. Dadurch können exemplarisch die Positionen einiger ausgewählter jüdischer Frauen innerhalb ihrer Familien aufgezeigt werden. Bei der Auswahl der Biographien habe ich versucht einen einigermaßen breiten Querschnitt durch die verschiedenen Gesellschaftsschichten zu bieten, da es mir logisch erscheint, dass die Lebensführung im Hause eines wohlhabenden jüdischen Bankiers sicherlich eine andere war, als die der eher einfacheren jüdischen Viehhändlerfamilie.

Ich habe meine Arbeit in fünf Kapitel geteilt. Zuerst möchte ich in einer kurzen Einleitung auf die großen Veränderungen in Ausbildung und Lebenswandel eingehen die das liberale Reformjudentum den jüdischen Mädchen und angehenden Frauen ab der Zeit der Aufklärung und besonders nach der Revolution von 1848 bescherte. In den Kapiteln zwei, drei und vier sollen anhand von Beispielen die Rollen unterschiedlicher jüdischer Frauen in ihren jeweiligen Familien beleuchtet werden. Das abschließende fünfte Kapitel wird dann schließlich der Analyse der wichtigsten neu gewonnenen Erkenntnisse dienen.

Bei meinen Recherchen habe ich mich vor allem auf Angaben in einem biographischen Werk mit dem Namen „Jüdisches Leben in Deutschland“ verlassen, dass von Frau Monika Richarz herausgegeben wurde. Es ist in drei Bänden erschienen, die den Zeitraum von 1780 -1945 biographisch erfassen. Weitere Informationen bezog ich außerdem aus einem Werk „Zur Geschichte der jüdischen Frau in Deutschland“. Hierin finden sich die Ergebnisse eines 1991 stattfindenden Symposiums zum Thema. Zusätzliche Biographien, oder vielmehr biographische Erlebnisse kann man auch in Hilde Domins „Gesammelte autobiographische Schriften“ ausfindig machen.

II. eine Welt ändert sich – das liberale Reformjudentum und die neue Erziehung jüdischer Mädchen:

Die Aufklärung und Emanzipation brachte ganz Europa große Veränderungen. Auch, oder besser gesagt gerade auch die jüdischen Gemeinden erlebten in dieser Zeit mit dem liberalen Reformjudentum einen Ruck, der einen Aufbruch, hin zu neuen Ideen und neuem Gedankengut brachte. Die Grundsätze der Mädchenerziehung waren bislang im ethisch-didaktischen Werk „Sefer Chassidim“ geregelt, welches vom Rabbiner Jehuda Hechassid im 12. Jahrhundert in Regensburg verfasst worden war[1]. Mädchen sollten demnach in den religiösen Hauptlehren, sowie im Gebet unterrichtet werden, was allerdings nicht unbedingt in hebräischer Sprache stattfinden musste. Es war jedoch verboten, heranwachsende Mädchen von einem jungen Mann unterrichten zu lassen, oder mit anderen Jungen zusammen in eine Klasse zu geben[2]. Hauptziel dieser Erziehung war es, das Mädchen auf seine künftige gesellschaftliche Rolle als Erzieherin und Mutter vorzubereiten[3]. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gab es also fast keinen formalen Unterricht für Mädchen, die Erziehung fand, abgeschottet von der Welt im Elternhaus statt. Die Haskalah, die jüdische Aufklärung brachte hier bahnbrechende Änderungen. Besonders in wohlhabenden jüdischen Familien wurde es jetzt immer mehr Usus, die Töchter in allgemeinen Bereichen, in Sprachen und gesellschaftlichen Umgangsformen zu schulen. Aus privaten Mitteln entstanden in immer mehr Gemeinden Privatanstalten für die Erziehung besser situierter Töchter. Sie bildeten die Vorläufer der späteren höheren Töchterschulen, die so viele der von mir in späteren Kapiteln beschriebenen jüdischen Mädchen besucht hatten. Durch die neue Betrachtungsweise wurden besonders profane Lehrbücher immer wichtiger. Eliav Mordechai räumt ihnen sogar einen bevorzugten Platz in den neuen Lehrplänen ein[4]. Dem allgemeinen damaligen Trend folgend gab es eine immer stärkere Reduzierung der festen religiösen Formeln und eine Hinwendung zu universalen und ethischen Elementen der Religion. Auf diese Weise nahmen die Gegensätze zur nichtjüdischen Umwelt auch immer mehr ab. Das war unter anderem auch das Ziel der Aufklärer dieser Zeit. Traditionelle Riten und Gebräuche wurden sukzessive in den Hintergrund gedrängt, manchmal sogar ganz beseitigt[5].

Personen wie David Friedländer und Hartwig Wessely sprachen sich gegen die traditionelle Erziehung und die damit verbundene Vernachlässigung der jüdischen Mädchen aus. Dieser Benachteiligung konnte man nach ihrem Dafürhalten besonders durch Unterricht in der Deutschen Sprache und durch eine höhere Allgemeinbildung entgegenwirken. Einen Anfang machten so genannte Freischulen. Besonders für ärmere Mädchen gedacht, boten sie Ausbildungen im Handwerk und Beruf an und verzichteten auf gesellschaftliche Umgangsformen. Erste Schule dieser Prägung war die 1798 in Hamburg gegründete „Schul- und Arbeitsanstalt“ für Mädchen im Alter von 8-15 Jahren[6]. In kurzen Abständen folgten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ähnliche Schulen im gesamten Gebiet der deutschen Staaten. Durch diese äußerst weitsichtige Schulpolitik der jüdischen Aufklärer und die Annahme durch die jüdischen Gemeinden, gab es bereits zur Hälfte des 19. Jahrhunderts nahezu kein jüdisches Mädchen mehr, das ohne formale Erziehung geblieben war[7], womit die jüdischen Gemeinden den Christlichen um etwa ein halbes Jahrhundert voraus waren, wo eine flächendeckende Alphabetisierung erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts durchgesetzt werden konnte. Etwa zur selben Zeit begannen die deutschen Fürsten mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht, was zumeist zur Folge hatte, dass die rein jüdischen Volksschulen zu Gunsten der Christlichen abnahmen. Um trotzdem noch jüdische Erziehung zu gewährleisten, wurden die so genannten Religionsschulen gegründet. Da sie allerdings keine Pflichtschulen waren, hielt sich der Zustrom eher in Grenzen. Folge war, dass sehr viele jüdische Mädchen überhaupt keine religiöse Erziehung bekamen[8]. Bis zur Mitte der vierziger und fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts setzte sich dann auch durch stattliche Förderung schließlich eine weitere Neuerung durch, die Einführung der Konfirmation, als weibliches Pendant zur Bar-Mizwah. Aufgeschreckt durch diese radikale Änderung entstand mit der orthodoxen Erziehung schließlich eine Gegenbewegung, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, dem gefürchteten „Verlust von Religiosität“ entgegenzuwirken. Nachdem die Liberalen mit der profanen Ausbildung der Frauen eine Entwicklung in Gang gesetzt hatten, die nicht mehr aufzuhalten war, mussten nun auch die orthodoxen Juden Ausbildung für Frauen und Mädchen in ihr Programm aufnehmen. In den ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründeten Lehranstalten gab es nun wieder mehr Rückbesinnung auf Tradition und althergebrachte Riten, wobei allerdings auch auf eine Angleichung des Unterrichtsniveaus geachtet wurde. Dies brachte natürlich auch Veränderungen im jüdischen Familienleben mit sich. In den Zentren der Haskalah, den großen deutschen Städten Königsberg, Breslau, Berlin, Hamburg, Leipzig, sowie Frankfurt am Main, in denen das liberale Judentum besonders anzutreffen war, bemühte man sich um Assimilation in die Bevölkerung. Hier waren auch bereits zahlreiche diskriminierende Gesetze abgeschafft, der Zugang zu Universitäten nicht mehr beschränkt, sowie die Gewerbefreiheit eingeführt worden[9].

Mit der Etablierung liberalen Gedankengutes werden auch regionale Unterschiede in der Erziehung und damit auch in der Rolle der jüdischen Frau innerhalb ihrer Familie sichtbar. Die nächsten Kapitel haben es sich daher zur Aufgabe gemacht, biographische Angaben zum Leben einiger jüdischer Frauen zu beleuchten und diese nach ihrem sozialen Umfeld zu trennen.

[...]


[1] Eliav Mordechai, Die Mädchenerziehung im Zeitalter der Aufklärung und der Emanzipation, in: Julius Carlebach (Hg.), Zur Geschichte der jüdischen Frau in Deutschland, Berlin 1993, S.97-111; S.97.

[2] Moritz Güdemann, Quellenschrift zur Geschichte des Unterrichts und der Erziehung bei den deutschen Juden, Berlin 1891, S.13-14.

[3] Eliav Mordechai, Die Mädchenerziehung im Zeitalter der Aufklärung und der Emanzipation, in: Julius Carlebach (Hg.), Zur Geschichte der jüdischen Frau in Deutschland, Berlin 1993, S.97-111; S.97.

[4] Eliav Mordechai, Die Mädchenerziehung im Zeitalter der Aufklärung und der Emanzipation, in: Julius Carlebach (Hg.), Zur Geschichte der jüdischen Frau in Deutschland, Berlin 1993, S.97-111; S.100.

[5] Eliav Mordechai, Die Mädchenerziehung im Zeitalter der Aufklärung und der Emanzipation, in: Julius Carlebach (Hg.), Zur Geschichte der jüdischen Frau in Deutschland, Berlin 1993, S.97-111; S.101.

[6] Eliav Mordechai, Die Mädchenerziehung im Zeitalter der Aufklärung und der Emanzipation, in: Julius Carlebach (Hg.), Zur Geschichte der jüdischen Frau in Deutschland, Berlin 1993, S.97-111; S.101.

[7] Eliav Mordechai, Die Mädchenerziehung im Zeitalter der Aufklärung und der Emanzipation, in: Julius Carlebach (Hg.), Zur Geschichte der jüdischen Frau in Deutschland, Berlin 1993, S.97-111; S.106.

[8] Eliav Mordechai, Die Mädchenerziehung im Zeitalter der Aufklärung und der Emanzipation, in: Julius Carlebach (Hg.), Zur Geschichte der jüdischen Frau in Deutschland, Berlin 1993, S.97-111; S.105.

[9] Maya Fassmann, Jüdinnen in der deutschen Frauenbewegung 1865-1919, in: Julius Carlebach (Hg.), Zur Geschichte der jüdischen Frau in Deutschland, Berlin 1993, S.147-165; S.147.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Erziehung und Rolle der Jüdischen Frau im Wilhelminischen Deutschland
Untertitel
Versuch einer Bestimmung
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
VU Jüdische Frauen und Mädchen
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V116597
ISBN (eBook)
9783640185191
ISBN (Buch)
9783640185252
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erziehung, Rolle, Jüdischen, Frau, Wilhelminischen, Deutschland, Jüdische, Frauen, Mädchen
Arbeit zitieren
Philipp Strobl (Autor), 2008, Erziehung und Rolle der Jüdischen Frau im Wilhelminischen Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116597

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