Comics im Geschichtsunterricht. Chancen und Risiken am Beispiel von Art Spiegelmans "Maus"


Hausarbeit, 2021

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Das Fach Geschichte
2.2 Comics in der Fachdidaktik
2.3 Problematik Holocaust in Maus
2.4 Maus im Geschichtsunterricht
2.5 Analyse mit Pandels Konzeption
2.6 Weitere Aspekte

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland und der von dieser Zeit nicht zu trennende Holocaust sind feste Bestandteile des Geschichtsunterrichts an deutschen Schulen. An baden-württembergischen Gymnasien wird ab Klassenstufe 9 die Zeit ab 1933 zum festen Bestandteil des Bildungsplans.1 Eine der Kernfragen hierbei beschäftigt sich nicht nur damit, was vermittelt werden soll, sondern insbesondere auch, wie, also über welches Medium, vermittelt werden soll und/oder kann. Neben dem Einsatz „klassischer“ Medien wie Fotos aus bspw. Konzentrations-, Vernichtungs- und Arbeitslagern, zeitgenössischen Zeitungsartikeln oder Tonmitschnitten aus Reden von Joseph Goebbels oder Adolf Hitler beschäftigt sich diese Arbeit konkret mit dem Medium des Comics. Sind Comics als eine angemessene Art der Überlieferung anzusehen, um sie im Geschichtsunterricht zur Wissensvermittlung einzusetzen? Was wollen, können oder sollen Comics überhaupt vermitteln und was nicht? Was unterscheidet Comics in der Darstellungsweise von anderen Medien? Welche Chancen kann der Einsatz von Comics als eigenes Medium für den Unterricht bieten? Welche Probleme können dabei aber auch auftreten? Art Spiegelmans Holocaust-Comic Maus, das erstmals in deutscher Sprache 1989 erschien, soll hierbei als Grundlage dafür dienen, um die oben genannten Fragestellungen näher zu untersuchen und speziell diesen Comic auf seine Tauglichkeit für den Einsatz im Geschichtsunterricht zu überprüfen. Neben diversen Texten und Aufsätzen aus Wissenschaft und Forschung wird hier auch der Bildungsplan des Landes Baden-Württemberg für das Fach Geschichte an Gymnasien eine unterstützende und wichtige Rolle einnehmen. Dabei wird Art Spiegelmans autobiographisch Graphic-Novel Maus auf die im Bildungsplan verankerten Kompetenzen untersucht werden, um festzustellen, ob der Comic Bedingungen erfüllt, um als Medium im Geschichtsunterricht eingesetzt zu werden. In einem weiteren Schritt soll mit dem Modell der sieben Dimensionen von Hans-Jürgen Pandel (1987) untersucht werden, welche verschiedenartigen Zugänge Maus für ein Geschichtsbewusstsein liefert, um dessen historische Triftigkeit zu überprüfen und ggf. eine Verwendung im Geschichtsunterricht zu legitimieren. Zum Schluss erfolgt eine zusammenfassende Abwägung von Chancen und Risiken, um den Grad der Verwendbarkeit von Maus im Geschichtsunterricht festzustellen und was dies in einem allgemeinen Sinne für das Medium Comic im Unterricht bedeutet bzw. bedeuten kann.

2. Hauptteil

2.1 Das Fach Geschichte

Zunächst rückt an dieser Stelle das Fach Geschichte selbst in den Fokus. Um die Analyse von Maus besser nachvollziehen zu können, ist ein Verständnis dafür hilfreich und notwendig, welche Anforderungen an die Schülerinnen und Schüler im Rahmen des kompetenzorientierten Unterrichts in den jeweiligen Klassenstufen gestellt werden. Hieran wird sich die Analyse des Comics zunächst orientieren, um grundlegend zu prüfen, welche Kernanforderungen Maus erfüllt, erfüllen kann oder auch nicht erfüllt, um einem angemessenen Geschichtsunterricht gerecht zu werden. Jedoch muss an dieser vorausgeschickt werden, dass nicht alle Aspekte des Bildungsplans in Bezug auf die NS- Zeit beachtet werden können, was der Begrenztheit dieser Arbeit ebenso geschuldet ist wie der Tatsache, dass der Bildungsplan nicht das Zentrum dieser Arbeit darstellt. Ab Klassenstufe 9/10 sind die Schüler und Schülerinnen damit beauftragt, „die ideologischen Grundlagen des Nationalsozialismus [zu] charakterisieren und [zu] bewerten“.2 Hierbei werden sie insbesondere mit Schlagwörtern wie „Rassismus, Antisemitismus [und] Lebensraum“ konfrontiert.3 Anhand von Maus können diese grundlegenden Termini mit Leichtigkeit herausgearbeitet und behandelt werden. Rassismus und Antisemitismus sind hier im Comic eng verzahnt und leicht zu erkennen. Das erste Mal begegnen Leserin und Leser dem Wort „Rasse“ auf S. 8 in einem Zitat Adolf Hitlers. Bereits dieses vor Beginn der eigentlichen Geschichte eingeschobene Zitat könnte hier im Unterricht für eine kurze Diskussion darüber verwendet werden, wie und warum das Wort Rasse verwendet wird und was sich dahinter verbergen könnte, um sich der komplexen Holocaust-Thematik anzunähern. Auch antisemitische Motive treten bereits früh im Comic auf, so taucht auf S. 32 erstmals eine Hakenkreuzflagge auf, während auf S. 33 ein Banner an einem Ortseingang verkündet: „Dieser Ort ist judenrein“. Zudem ist hier auch das erste Mal von einem „Pogrom“ die Rede. Die starke Symbolik von Hakenkreuzflagge, Banner und der Erwähnung eines Pogroms können im Rahmen des Unterrichts fabelhaft dazu dienen, um die Begriffe von Pogrom, Antisemitismus, Rassismus und auch Lebensraum auf ihre Bedeutung und Einordnung hin zu untersuchen. Die jüdische Bevölkerung wird im gesamten Comic als Mäuse dargestellt, die deutsche Bevölkerung als Katzen, die Jagd auf die Mäuse machen. Auch dieses oberflächlich einfach zu verstehende Prinzip kann im Unterricht gut für einen Zugang zur Thematik der oben genannten Themenbereiche verwendet werden, da sie doch alle eine gemeinsame Schnittmenge aufweisen und im Rahmen der Betrachtung der NS-Zeit im Unterricht kaum voneinander isolierbar sind. Zudem sollen die Schüler „das Alltagsleben in der NS-Diktatur zwischen Zustimmung, Unterdrückung und Widerstand erläutern und Auswirkungen auf die Stabilität der NS- Herrschaft beurteilen“.4 Im Comic werden sehr viele Beispiele dafür geliefert, wie ein Alltagsleben in der NS-Diktatur ausgesehen haben könnte. So berichtet Arties Sohn Wladek in seiner Erzählung bspw., wie die SS Straßen abriegelte, um Arbeitspapiere der Zivilbevölkerung zu kontrollieren, doch da er selbst keine Papiere gehabt habe, hatte er sich vor der SS verstecken müssen.5 Auch das Einkaufen von Waren ohne entsprechende Marken musste er bewerkstelligen und er beschreibt, was geschah, wenn man beim Handel ohne Marken von der SS entdeckt wurde.6 Der Comic liefert hier in Form von Wladeks Erzählung Einblicke in viele verschiedene Aspekte des Lebens während der NS- Zeit und beschreibt die stetige Unsicherheit, die überall während der nationalsozialistischen Herrschaft in von der Wehrmacht besetzten Gebieten herrschte. Auch hier setzt der Bildungsplan von 2016 an, wenn er von Schülerinnen und Schülern fordert, sie sollen „die NS-Herrschaftspraxis im besetzten Europa und die Reaktionen darauf analysieren“.7 Neben der ständigen Unsicherheit während der deutschen Besatzung wird im Comic sehr deutlich, wie die Bevölkerung sich als Reaktion darauf verhielt. So berichtet Wladek seinem Sohn, wie er und seine Familie sich während dieser

Zeit in selbst eingerichteten Bunkern verstecken mussten, um nicht entdeckt und deportiert zu werden.8 Der Bildungsplan sieht auch bspw. auch Bewertungen des zweiten Weltkriegs oder die Mittel der Machtübernahme vor, diese Aspekte werden jedoch in Maus nicht behandelt.

Für die Klassenstufen 11/12 bestehen keine Unterschiede zwischen zweistündigen und vierstündigen Kursen, was die Beschreibung seitens des Bildungsplans für die NS-Zeit vorsieht. Rein oberflächlich betrachtet erscheinen sich die Anforderungen im Vergleich zu den Anforderungen für die Stufen 9/10 nur zu wiederholen, die praktische und alltägliche Unterrichtssituation ist jedoch auf Vertiefung und Spezialisierung des bereits erworbenen Wissens und der erworbenen Kompetenzen ausgelegt. So sollen die Schülerinnen und Schüler „die Ideologie des Nationalsozialismus erläutern“, „den zweiten Weltkrieg charakterisieren und bewerten“ und den „Machterwerb und Herrschaftspraxis des Nationalsozialismus analysieren und bewerten“.9 Für diese Punkte bietet Art Spiegelmans Werk Motive, um Ideen, Diskussionsansätze und Analyseansätze im Unterricht zu entwickeln.

Maus bietet also inhaltlich in vielerlei Hinsicht Möglichkeiten, um die NS-Zeit und damit auch den Holocaust im Unterricht als Gegenstand aufzugreifen und zu thematisieren. Da jedoch vollkommen logisch nachvollziehbar ein Werk alleine nicht die gesamte Komplexität des NS-Zeit abdecken und behandeln kann, ist es notwendig, den Comic im Unterricht nicht für sich allein sprechen zu lassen. Der Comic muss selbstverständlich von der Lehrkraft angemessen kommentiert und moderiert werden. Zudem sollte der Comic nicht vollständig, sondern vielmehr auszugsweise und in Kombination mit andersartigen Quellen aus der NS-Zeit Schülerinnen und Schülern nähergebracht werden, um den Fokus auf den in der jeweiligen Unterrichtseinheit wichtigen Untersuchungsgegenstand stärker zu konzentrieren. Der baden-württembergische Bildungsplan für Geschichte und Art Spiegelmans Maus jedenfalls schließen sich nicht gegenseitig aus, was in einem ersten Schritt hier zu zeigen war und die Grundlage für eine im nächsten Schritt tiefergehende Analyse bildet.

[...]


1 Ministerium für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg: Bildungsplan des Gymnasiums. Bildungsplan 2016. Geschichte. S. 12.

2 Bildungsplan 2016. S. 28.

3 Ebd.

4 Bildungsplan 2016. S. 28.

5 Art Spiegelman: Die vollständige Maus. Frankfurt am Main 2008. S. 78

6 Ebd., S. 83.

7 Bildungsplan 2016. S. 29.

8 Spiegelman: Maus. S. 110ff.

9 Bildungsplan 2016. S. 40.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Comics im Geschichtsunterricht. Chancen und Risiken am Beispiel von Art Spiegelmans "Maus"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
22
Katalognummer
V1168489
ISBN (Buch)
9783346586643
Sprache
Deutsch
Schlagworte
comics, geschichtsunterricht, chancen, risiken, beispiel, spiegelmans, maus, art
Arbeit zitieren
Mario Sofka (Autor:in), 2021, Comics im Geschichtsunterricht. Chancen und Risiken am Beispiel von Art Spiegelmans "Maus", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1168489

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