Arbeiten und Leben in der Berliner Innenstadt

Zur Analyse eines Milieus berufszentrierter Lebensstile am Beispiel des Clusters von Firmen der Kulturproduktion in Berlin Mitte und Prenzlauer Berg


Diplomarbeit, 2004
119 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung
I.I Fragestellung
I.II Vorgehensweise

1. Theoretischer Teil
1.1 Merkmale der Kulturwirtschaft
1.1.1 Warum Träger der Kulturwirtschaft als Untersuchungsgegenstand?
1.1.2 Was ist Kulturwirtschaft? Eine definitorische Abgrenzung
1.1.3 Dominanz von kleineren und mittleren Unternehmen
1.1.4 Vertikale Desintegration
1.1.5 Tendenz zur räumlichen Konzentration
1.1.6 Cluster
1.1.7 Institutionelle Infrastruktur
1.1.8 Perspektive der Arbeitnehmer und Firmengründer / Arbeitsmarkt
1.1.9 Standortmuster der Akteure
1.1.10 Milieubildungen
1.2 Formen der Arbeit in symbolanalytischen Dienstleistungsbranchen
1.2.1 Begriffsbestimmung
1.2.2 Arbeitsformen
1.2.3 Formen der Beschäftigungsverhältnisse
1.3 Neue urbane Mittelschichten
1.3.1 Begriffsbestimmung
1.3.2 Entstehungsfaktoren
1.3.3 Yuppies und Alternative
1.4 Lebensstilkonzept
1.4.1 Ursachen für wachsende Bedeutung von Lebensstilisierungsprozessen
1.4.2 Bewertung dieser Entwicklungen
1.4.3 Schrittweise Bestimmung / Operationalisierung von Lebensstilen
1.4.3.1 Lüdtke
1.4.3.2 Dimensionen nach Abel & Rütten
1.4.3.3 Dimensionen nach Müller
1.4.4 Indikatoren
1.4.5 Raumbezug von Lebensstilen
1.5 Milieukonzept
1.5.1 Allgemeine Begriffsbestimmung
1.5.2 Ursachen für den Wandel von Milieus
1.5.3 Wechselwirkungen zwischen Lebensstil und Milieu
1.5.4 Milieu und Raum
1.5.5 Wissensmilieus
1.5.6 Berufsmilieus
1.5.7 Merkmale und Indikatoren von Berufsmilieus
1.6 Zusammenfassung
Bedeutungszuwachs des innerstädtischen Raumes für Leben und Arbeiten

2. Empirischer Teil
2.1 Kulturwirtschaft in Berlin
2.1.1 Darstellung der Entwicklung seit der Wende
2.1.2 Auswahl der zu untersuchenden Branchen
2.1.3 Clusterbildung
2.1.4 Versuch einer kleinräumigen Gebietsbestimmung
2.1.5 Gebietsauswahl
2.2 Erhebung
2.2.1 Methode der Erhebung
2.2.1.1 Darstellung der Struktur des Fragebogens
2.2.1.2 Durchführung der Erhebung
2.2.1.3 Stichprobenbeschreibung
2.2.2 Nähe von Arbeiten und Wohnen
2.2.3 Räumliche Muster der Nutzung der Infrastruktur
2.2.4 Kopplung von Arbeit und Freizeit
2.2.5 Arbeitsmarkt
2.2.6 Funktionscluster
2.2.7 Milieubildung

3. Schlußfolgerungen
Medienszene in Berlin Mitte und Prenzlauer Berg: Ein sich entwickelnder neuer Arbeits- und Lebenszusammenhang zwischen Aufbruch und Krise

4. Anhang
4.1 Abbildung 1: Zum Versuch einer kleinräumigen Gebietsbestimmung
4.2 Abbildung 2: Untersuchungsgebiet
4.3 Abbildung 3: Standorte der Firmen in denen die Befragten arbeiten
4.4 Fragebogen
4.5 Tabelle Stichprobenbeschreibung

5. Literatur

I. Einleitung

I.I. Fragestellung

In der Berliner Innenstadt wurde von Stefan Krätke (2002) eine hohe Konzentration von Firmen der Kultur- und Medienwirtschaft beobachtet. Es wird angenommen, daß aufgrund der flexiblen Beschäftigungsformen in diesem Wirtschaftssektor bei den Mitarbeitern dieser Branchen ein berufszentrierter Lebensstil vorzufinden ist. Dieser müßte eine große Nähe aufweisen zu den sogenannten ´neuen Lebensstilen´ der stadtsoziologischen Literatur.

Aus der Beobachtung meiner Nachbarschaft im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, sind mir in den Läden, die von Firmen der Kultur- und Medienwirtschaft belegt sind, einige Besonderheiten aufgefallen. Die Arbeitszeiten scheinen dort extrem ausgedehnt zu sein - bis spät abends und bis ins Wochenende hinein; die Läden werden auch für Freizeitaktivitäten genutzt ± z.B. zum gemeinsamen gucken von Fußball - Liveübertragungen, zum Kickern oder auch zum Gitarre spielen. Der Debatte um die New Economy war zu entnehmen, daß jüngere Berufstätige arbeiten in unkonventionellen Kontexten, mit kreativen Ansprüchen unter gleichgesinnten attraktiver finden als in etablierten Strukturen. Eine Verschmelzung von Arbeit und Freizeit, Freundes- und Kollegenkreis und quasi alternative Lebensentwürfe könnten Merkmale dieses Lebensstils sein, so eine erste Überlegung. Ferner wird eine Verschränkung der räumlichen Kontexte von Arbeiten und Leben vermutet. Dieser Lebensstil soll im Rahmen dieser Arbeit empirisch näher beschrieben und interpretiert werden.

Beide Phänomene, also Anballungen von Firmen der Kulturproduktion und der Träger neuer Lebensstile scheinen demnach eine Neigung aufzuweisen, sich in innerstädtischen Quartieren niederzuschlagen:

- In der stadtsoziologischen Literatur wird sogar von der Notwendigkeit zum Wohnen in der Innenstadt für Träger der ´neuen´ Lebensstile gesprochen. Der Zusammenhang wird zum einen über die kleine Haushaltsform hergestellt, da diese einen hohen Bedarf nach außerhäuslichen Dienstleistungen bedingt und zum anderen durch die intensive Nutzung von Kulturangeboten und anderen geselligen Gelegenheiten. Dies bezieht sich meist allgemein auf Personen, die im gehobenen Segment neuer Dienstleistungsberufe verortet werden. Dabei wird weiterhin vermutet, daß deren Akteure eigenständige Milieus ausbilden. Beide Aspekte sollen in dieser Arbeit überprüft werden.
- In der stadtökonomischen Literatur wird im Zusammenhang mit der Kultur- und Medien- wirtschaft ebenfalls von Prozessen der Milieubildung gesprochen; die manchmal mit der Bezeichnung ´kreative Milieus´ versehen werden (vgl.. Bryson, Daniels, Henry und Pollard 2000: 114). Dies scheint die Eingrenzung der Personen, die interviewt werden sollen, auf Mitglieder der Kulturwirtschaft aus soziologischer Perspektive zu rechtfertigen. Ferner wird in der stadtökonomischen Literatur von innenstadtnahen Clustern von Firmen der Kultur- und Medienwirtschaft gesprochen. So wird auch von dieser Seite ein neues Muster der Urbanisierung beobachtet. Dies ist hier zum einen wichtig, da dann in der Gruppe der Beschäftigten dieser Branchen ein Zusammenbringen von Wohnen und Arbeiten in der Innenstadt wahrscheinlich erscheint. Zum anderen sollen die Kooperationsbeziehungen der Firmen untersucht werden, u. a. um Hinweise auf die Qualität innerhalb des Zusammenhangs zu erhalten.

Beide Dimensionen sollen hier zu folgenden Fragen verschränkt werden: Der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Arbeiten und Wohnen, der daraus resultierenden Frage nach der Bedeutung des so umschriebenen Raums und zu der Frage wie berufliche Anforderungen die Lebensweise prägen; sowie zu der Frage, ob sich aus diesen Dimensionen ein distinkter Lebensstil und aus der Gruppe deren Träger ein räumlich lokalisierbares Milieu konstituiert.

Es soll in dieser Arbeit erklärend beschrieben werden, wie die Träger berufszentrierter Lebensstile angewiesen sind auf innenstädtische Wohnquartiere und Arbeitsplätze und wie sich dies in bestimmten Nutzungsweisen dieser Akteure äußert.

I.I.I. Vorgehensweise

Die Arbeit ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten, dem theoretischen Teil, werden zum einen die oben angedeuteten Phänomene von Urbanisierungstendenzen sowohl aus ökonomischer als auch aus sozialer Sicht näher beschrieben und Ursachen angegeben. Daher beschäftigt sich Kapitel 1.1 mit der Kultur- und Medienwirtschaft und deren Merkmale. Das darauf folgende

Kapitel 1.2 setzt sich den Formen der Arbeit im Bereich gehobener Dienstleistungsbranchen auseinander. Im Kapitel 1.3 erfolgt dann eine Darlegung der Hintergründe der residentiellen Muster der sozialen Gruppe der ´neuen urbanen Mittelschichten´. Zum anderen wird in diesem Teil der Arbeit in Kapitel 1.4 näher auf die zunehmende Bedeutung einer Pluralisierung von Lebensstilen eingegangen und Lebensstilkonzepte dargelegt, von denen eines ausgewählt wird, um als Analyseraster für die Erhebung zu fungieren. Dieses wird im darauf folgenden Kapitel 1.5 durch die Konzeptualisierung eines Milieukonzepts und den dazugehörigen Merkmalen ergänzt. Ferner wird in diesem Kapitel die Bedeutung des Raums für soziale Gruppen erläutert.

Im zweiten Teil dieser Arbeit, dem empirischen Teil, wird zuerst in Kapitel 2.1 der Wirtschaftsstandort Berlin mit Hinblick auf die Kultur- und Medienwirtschaft mittels einer Sekundäranalyse dargestellt. In diesem Kapitel erfolgt eine Auswahl der Branchen, die in die empirische Untersuchung, die im Rahmen dieser Arbeit vorgenommen wurde, eingehen und eine Abgrenzung des Untersuchungsgebiets vorgenommen. Kapitel 2.2 erläutert die Methode der Rekrutierung der Interviewpartner und hat die Ergebnisse der Interviews zum Inhalt.

Im abschließenden dritten Teil erfolgt eine Darstellung der wichtigsten Ergebnisse in zusammenfassender Form.

1. Theoretischer Teil

1.1 Merkmale der Kulturwirtschaft

1.1.1 Warum Träger der Kulturwirtschaft als Untersuchungsgegenstand?

Aktuell lässt sich in prosperierenden Städten eine Phase der Konvergenz der Expansion der Kulturproduktion und ökonomischen Wachstums beobachten ± besonders in den Metropolen. Oder anders ausgedrückt: Innerhalb der verschiedenen Teilökonomien der Metropolen weisen wissens-, technologie- und designintensive Sektoren derzeit ein überdurchschnittliches Wachstum auf (Krätke 2002: 177) - sowohl im Hinblick auf die Zahl der Unternehmen als auch mit Bezug zu den Umsätzen. Kulturelle Zeichen werden immer bedeutender für sehr viele Bereiche der Produktion (Scott 1997: 323), bzw. kulturelle Aspekte der Waren werden für deren Absatz immer wichtiger (Scott 2000: 1). Der kulturelle Anteil in den Produkten nimmt stetig zu (Scott 1997: 325).

Die Kulturindustrien erscheinen also derzeit als dynamische Wachstumsbranchen. Als Ursachen dafür werden ein höheres Maß an frei verfügbarem Geld und Freizeit (Scott 1997: 324) und einer daraus resultierenden erhöhten Nachfrage nach kulturellen Gütern (Krätke 2002: 73 sowie Piesk & Werner 2003: 28) in der Literatur genannt. Weiterhin wird das Aufkommen differenzierter Konsumkulturen seit den 1970er Jahren (Scott 1997: 325) und ein gestiegenes Bildungsniveau (Piesk & Werner 2003: 28), die sich beide positiv auf die Nachfrage nach kulturellen Leistungen auswirken, angeführt.

Mittlerweile haben die Kulturindustrien einen relevanten Anteil am Beschäftigungsvolumen erreicht. So weist der 1. Hessische Kulturwirtschaftsbericht für das Jahr 2000 einen Anteil an der Gesamtzahl der sozialversicherungspflichtigen Stellen in Hessen von 4% auf (Piesk & Werner 2003: 34). Dies bedeutet, daß in Hessen mehr Menschen in der Kulturwirtschaft arbeiten als in der Chemie- oder der Automobilbranche (Piesk & Werner 2003: 34). Schon heute stellt der Sektor der Kulturwirtschaft also einen erheblichen und in seiner Bedeutung wachsenden Anteil am Beschäftigungsvolumen dar.

Weiterhin wird hier von der Bedeutung der Kulturwirtschaft deswegen ausgegangen, da das in diesem Sektor typische Modell einer flexibilisierten und hochgradig vernetzten Form der Produktion (Krätke 2002: 72) wegweisend für andere Branchen zu sein scheint und diese Form daher wohl in seiner gesellschaftlichen Relevanz zunehmen wird. Insgesamt stellt sich die Kulturwirtschaft als ein wichtiger Schauplatz der ökonomischen Restrukturierung dar (Scott 2000: 2 & Krätke 2002: 73).

1.1.2 Was ist Kulturwirtschaft? Eine definitorische Abgrenzung

In einer ersten Annäherung kann man nach Allen Scott (2000: 2) drei Typen kultureller Produkte unterscheiden: Erstens solche handwerklicher Art (Kleidung, Möbel oder Schmuck), zweitens solche, die er unter der Rubrik Dienstleistungen subsumiert (Führer, Theater oder Werbung) und drittens solche, die für ihn Hybridformen darstellen (Musikaufnahmen, Bücher und ähnliches). Als Gemeinsamkeiten der in diesen Bereichen produzierten Güter nennt dieser Autor:

-"Whatever the physico - economic constitution of such products, the sectors that make them are all engaged in the creation of marketable outputs whose competitive qualities depend on the fact that they function at least of social display, aestheticized objects, forms of entertainment and distraction, or sources of information and self - awareness, i. e. as artifacts whose psychic gratification to the consumer is high relative to utilitarian purpose." (Scott 1997: 323 - 324)

Piesk und Werner (2003: 26f.) definieren in ihrer Studie zur Kulturwirtschaft in Hessen ihren Untersuchungsgegenstand als bestehend aus drei Bereichen: Die marktorientierte Kulturwirtschaft (Unternehmen, deren Tätigkeit auf Gewinnerzielung gerichtet ist und mehrheitlich in einer privaten Rechtsform organisiert sind: Z. B. Tonstudios, Buchverlage, sowie Selbständige wie z. B. Drehbuchautoren oder Musikveranstalter), die freie Kulturszene (Vereine, gemeinnützige GmbHs und Projekte in kommunaler Trägerschaft, die in der Regel nicht auf Gewinnerzielung ausgerichtet sind: Wie soziokulturelle Zentren, Kulturcafes oder freie Theatergruppen) und den öffentlichen Kulturbetrieb (Kulturinstitutionen, die unmittelbar von der öffentlichen Hand getragen werden: Theater, Museen, Orchester u.ä.). Weiterhin untergliedern die beiden Autoren diese Bereiche in sechs verschiedene Teilmärkte: Die Musikwirtschaft, den Literatur-, Buch- und Pressemarkt, den Kunstmarkt (wozu auch die Werbebranche gerechnet wird), die Film-, TV- und Videowirtschaft, die darstellenden und unterhaltenden Künste sowie das kulturelle Erbe (Piesk und Werner 2003: 29). Ferner wird in dieser Studie unterschieden zwischen einer Kulturwirtschaft im engen Sinn: "... all jene Tätigkeiten, die ein kreatives Moment beinhalten, ihren Schwerpunkt aber nicht in der kommerziellen und massenmedialen Vermarktung großen Stils haben." (Piesk und Werner 2003: 30) und einer Kulturwirtschaft im weiten Sinne: "... zusätzlich der Vertrieb von Kulturgütern durch den Großhandel, die Vervielfältigung von Kulturgütern im Sinne der Massenproduktion, der Pressemarkt und große Teile des Kunstgewerbes sowie Architekturbüros ..." (Piesk und Werner 2003: 30).

Allgemeiner formuliert umfassen die Tätigkeiten der Kulturwirtschaft nach Kräkte Image - Produktionen in den Bereichen nahezu sämtlicher Güter sowie die Angebote der Unterhaltungsindustrie und der Medienwirtschaft (Krätke 2002: 70). Dies umfaßt jene Zweige, deren Produkte als Träger symbolischer Bedeutungen, als Mittel der Unterhaltung, Überzeugung und Beeinflussung oder auch als Mittel der Selbstdarstellung fungieren. Folgende Segmente rechnet Krätke zu der Kulturwirtschaft in diesem Sinn: Kreative Künste, Film, TV, Rundfunk, Verlage und Journalismus sowie Werbung, Design und Architektur (Krätke 2002: 72).

Die Entwicklung eines Produkts in der Kulturwirtschaft erfolgt primär - zumindest was den intellektuellen Input angeht - wie in den Bereichen Forschung und Entwicklung in der klassischen Industrie. Ergebnisse dieses Prozesses sind daher geistige Objekte. Somit bezeichnet die Erwerbung von Verfügungsrechten an geistigem Eigentum einen Hauptbestandteil dessen, was die Kulturindustrie ausmacht. Das damit beschriebene Design schafft dabei den meisten Mehrwert (Lash & Urry 1994: 134f.). Die Herstellung der Endprodukte erscheint dagegen sekundär bezüglich des damit verbundenen Aufwands, da die dazu benötigten Techniken meist bereits ausgereift sind (s. auch Krätke 2002: 80 - 81).

Ferner besteht eine gewisse Nähe der Kulturwirtschaft zu den ´advanced producer-, & business- services´ - dabei besonders in den Bereichen Finanzierung und Werbung (Lash & Urry 1994: 138). Die letzte Branche kann also sowohl der Kulturwirtschaft als auch den unternehmensbezogenen Dienstleistungen je nach Blickwinkel zugerechnet werden. Damit kann eine gewisse Überschneidung beider Bereiche festgestellt werden. Die Abgrenzung hängt ab, vom jeweiligen Blickwinkel.

Zusammenfassend ist die Kulturwirtschaft nach Scott (2000: 11 - 12) durch folgende Gemeinsamkeiten aller Branchen charakterisiert:

1. Hoher Anteil an manueller Arbeit bzw. Einsatz computergestützter Technologien
2. Überwiegend kleine und mittlere Betriebe in Netzwerken; in denen sich aber auch einzelne große Firmen finden.
3. Meist Projektarbeit. Diese kann für Arbeitnehmer und Arbeitgeber umso leichter realisiert werden, je größer das lokale Netzwerk ist.
4. Neigung zur räumlichen Agglomeration, weil so Innovation, Synergien und gemeinsames Lernen gefördert werden.
5. Je größer ein lokales Netzwerk ist, desto leichter wird es eine institutionelle Infrastruktur aufbauen, welche die Betriebe in vielfältiger Weise unterstützen kann.

Die Punkte 2., 4. und 5. sollen in diesem Kapitel näher erläutert werden. Denn in diesem Kapitel sollen die Mechanismen beschrieben werden, die zu einer räumlichen Konzentration der Firmen in bestimmten innenstadtnahen Quartieren - bzw. zu einer Ausbildung dieser Stadtteile zu vernetzten Räumen der Produktion führen. Zu Punkt 3. Finden sich Erläuterungen im Kapitel "Formen der Arbeit".

Dabei wird hier eine Eingrenzung des Bereichs im Sinne von Piesk und Werner (2003) auf den marktorientierten Bereich vorgenommen, da besonders in diesem Segment ein hoher Grad an räumlicher Konzentration und funktionaler Verflechtung angenommen werden kann.

1.1.3 Dominanz von kleineren und mittleren Unternehmen

Die Art der Produktion in den Branchen der Kulturwirtschaft kann als eine ´external economy industry´ (Begriff von Vernon 1963; in Scott 2000: 19) bezeichnet werden. Dies meint, daß die Produktion auf Faktoren basiert, die von dem einzelnen Betrieb aus gesehen, nur von außerhalb bezogen werden können bzw. daß der Bezug von außen günstiger ist als die Eigenproduktion (Scott 2000: 16). Branchen, die als ´external economy industries´ bezeichnet werden können sind u.a.: Wall Street - also Börsen allgemein, Werbung, Rundfunk und Fernsehen, Film, Verlagswesen, Theater und Schöne Künste. Als Gegenstände dieser sogenannten ´externalities´ können betrachtet werden: Design cultures und images, welche sich aus dem konkreten urbanen Kontext entwickelt haben (Scott 1997: 329). Diese Faktoren laufen stets darauf hinaus, daß Betriebe in der Kulturwirtschaft nicht alles, was für ihre Tätigkeiten von Bedeutung ist, selbst hervorbringen können. Vielmehr kann die Organisation der Produktion dadurch beschrieben werden, daß bedeutende Teile der Tätigkeiten ausgelagert werden und bedeutende Anteile der eigenen Tätigkeiten aus Tätigkeiten bestehen, die von anderen Firmen ausgelagert wurden. Dabei verbleiben die ausgelagerten Bereiche meist innerhalb ein und desselben regionalen Zusammenhangs (Scott 2000: 146f.). Daher sind sie auf ein Umfeld angewiesen, daß ihnen diese Güter bereitstellt:

- "Production is almost always organized in dense networks of small- and medium-sized establishments that are strongly dependent on one another for specialized inputs and services." (Scott 1997: 333)

Dann ist aber auch klar, daß sie von vornherein auf Kooperation angelegt sind und daher selber klein bleiben können: "Ihre Kleinheit ist nicht das Ergebnis verhinderten Wachstums, sondern ein Teil ihrer betrieblichen Strategie." (Läpple & Walter 2000: 24).

Die Zergliederung der Produktion auf eine Vielzahl kleiner Firmen zeigt sich z. B. bei Kinofilmproduktionen, in deren Rahmen Personal und Anlagen je nach Bedarf eingekauft bzw. angemietet werden. Unter den Bereichen, die von den großen Firmen ausgegliedert wurden, befinden sich Kinos, Studios, Kamera-, Sound- und Lichtzubehör. So wirken die gestiegene Nachfrage nach Kulturgütern, die vertikale Desintegration und Outsourcing als Ursachen für die Zunahme der Firmen in diesem Sektor - wie Scott Lash und John Urry in New York City und London beobachteten (Lash & Urry 1994: 206). Diesen Befund teilen auch die Autoren des Kulturwirtschaftsberichts Hessen:

- "Kennzeichnend für diesen Bereich der Kulturwirtschaft [den marktorientierten Bereich - d. A.] ist die Dominanz von kleineren und mittleren Unternehmen und eine hohe Personalintensität." (Piesk und Werner 2003: 26)

Wenn in der Kulturwirtschaft eine dezentrale Struktur vorherrscht, dann also deswegen, weil sich so eine Minimierung der Fixkosten und der Unsicherheit bezüglich der Art der Innovation herstellen lässt, die eine Voraussetzung für marktwirtschaftlichen Erfolg darstellen. Dies bedeutet aber nicht, daß nicht manchmal auch eine Tendenz zur vertikalen Integration - also zu Firmen, welche den gesamten Produktionsprozeß innerhalb des Hauses organisieren - zu beobachten wäre. Die konkrete Ausprägung hängt ab von den Bedingungen der jeweiligen Branche und den Erfordernissen der Zeit (DiMaggio & Hirsch 1976: 81).

Letztere scheinen zumindest derzeit eine Fragmentierung der Produktionsstrukturen zu fördern.

Durch die Zergliederung des Prozesses kann ein Höchstmaß an Flexibilität erreicht werden und so unvorhersehbare Marktbedingungen besser austariert werden. Dann müssen aber sowohl die Auftraggeber als auch deren Agenten einen leichten Zugang haben zu den Firmen und Mitarbeitern, welche die gerade nachgefragten Dienste anbieten. Dies fördert wiederum die Agglomeration der Betriebe, da so schneller wechselnde Beziehungen eingegangen werden können (Scott 2000: 99).

1.1.4 Vertikale Desintegration

Bevor auf die Agglomerationstendenzen von Firmen der Kulturwirtschaft näher eingegangen wird, soll vorher noch kurz ein wesentlicher Faktor erläutert werden, der dieses Phänomen mitverursacht. Die Dominanz kleiner und mittlerer Unternehmen in der Kulturwirtschaft resultiert im Wesentlichen also - wie gesagt - aus bestimmten Anforderungen des Marktes, die sich in den Produktionsstrukturen niederschlagen. Daher muß die Ausrichtung der Unternehmen sich schnell ändern lassen:

- "An advanced level of vertical disintegration, of course, represents a classic means of dealing with market uncertainty by making it possible for a high order of transactional flexibility to occur within the production system." (Scott 2000: 117)

Eine vertikale Desintegration der Produktionsweise ist der Begriff, mit dem in Reaktion auf das Aufbrechen der Massenmärkte in differenzierte Marktsegmente und die dadurch ausgelöste Spezialisierung von Gütern und Dienstleistungen bezeichnet wird (Lash & Urry 1994: 206). Diese Art der Organisation der Produktion kann weiterhin als eine Reaktion darauf gewertet werden, daß die Märkte sich auch wegen der starken Abhängigkeit von Moden und Trends schnell ändern (Scott 2000: 175).

Die Marktstrategie der Angebotsseite einer Differenzierung der Produkte (Scott 1997: 326) entspricht einer ´economy of scope´ (Scott 2000: 6). Der Begriff ´economy of scope´ umschreibt eine Produktionsweise, die gekennzeichnet ist durch einen schnellen Wechsel der Produkte, eine große Anzahl an Produkten, die gleichzeitig im Angebot sind und eine relativ geringe Stückzahl je Produkt. Diese erfordert ein hohes Maß an Innovation, Wissen und sehr flexible Prozesse (Lash & Urry 1994: 121).

Aus diesen Besonderheiten der Produktion - der flexiblen Spezialisierung und der economy of scope- können weitere Merkmale der Kulturwirtschaft abgeleitet werden:

a) Einzigartige und komplexe Produkte

b) Kleine Menge an Stückzahl für Marktnischen (Scott 2000: 172)

Grenzen dieser Entwicklung können in den Bereichen Finanzierung und Vertreibung (Distribution) beobachtet werden, soweit es sich um Produkte handelt, die für den Massenmarkt konzipiert sind. Denn diese können am effektivsten von großen, international agierenden Konzernen beworben und vermarktet werden:

- "However, it is not uncommon to find large and relatively integrated firms also participating in these same networks, as, for example, in the case of the major Hollywood film studLRV RU WKH OHDGLQJ 1HZ <RUN SXEOLVKHUV ´ (Scott 1997: 333)

Eine kleinteilige Produktion geht so oft Hand in Hand mit einer zentralisierten Vertreibung (Lash & Urry 1994: 123f.). Dabei profitieren große Firmen von der Kreativität der Kleinen und kleine Unternehmen profitieren von den Skaleneffekten, welche die Großen realisieren können (Scott 2000: 116) und deren Zugang zu globalen Märkten (Scott 2000: 173).

Je differenzierter also das Angebot wird, desto spezifischer - also ortsgebundener - werden in der Folge die Strukturen der Branchen (Scott 2000: 7). Denn eine hohe Spezifität und Flexibilität erfordern viele und enge Kooperationen (Scott 2000: 24). Durch diese Differenzierung und Spezialisierung entsteht daher wiederum der Bedarf nach Zusammenarbeit mit anderen Firmen. Dies ist ein Grund, weshalb Firmen der Kulturwirtschaft die Tendenz aufweisen, in bestimmten Regionen dichte Netzwerke zu bilden:

- "Darüber hinaus sind die Unternehmen und Institutionen dieses [des der marktorientierten Kulturwirtschaft - d. A.] Bereichs in der Mehrzahl dauerhaft in lokale Milieus und regionale Netzwerke eingebunden." (Piesk und Werner 2003: 26)

Branchen der Kulturwirtschaft tendieren - wie oben bereits gesagt - zur Konzentration in zentralen Bereichen von Metropolen im Gegensatz zu z. B. High - Tech - Betrieben, die sich eher an der Peripherie ansiedeln (Scott 2000: 178).

1.1.5 Tendenz zur räumlichen Konzentration

Das Ergebnis dieser Tendenzen ist also ein an Transaktionen reiches Netzwerk von meist kleineren Betrieben, die über den Markt miteinander verbunden sind (Lash & Urry 1994: 114). Dies schlägt sich in einer hohen räumlichen Konzentration der Firmen nieder.

-"Unternehmen der Kulturwirtschaft und selbständige Kulturschaffende arbeiten - ähnlich wie zahlreiche unternehmensnahe Dienstleister - in Netzwerken zusammen, die es ihnen ermöglichen, auch über den regionalen Maßstab hinaus nutzbringende Beziehungen aufzubauen. Damit werden die jeweiligen Informationszugänge verbessert, fachliche Ressourcen projektbezogen zur Auftragserfüllung gebündelt und die Akquisition erleichtert. In diesem Sinn tragen die Netzwerke dazu bei, die eigene wirtschaftliche Entwicklung der zumeist kleineren oder sehr spezialisierten Unternehmen zu fördern." (Piesk und Werner 2003: 26)

Wenn man sich in diesem Zusammenhang den Bereich der Filmproduktion ansieht, so zeigt sich, daß in Großbritannien 85% der diesbezüglichen Firmen in London ansässig sind (Lash & Urry 1994: 125). In den USA haben 96,8% der Firmen in den Segmenten Filmproduktion und Vertreibung ihren Sitz in den metropolitanen Regionen (Scott 1997: 328) und in Frankreich sind 75% aller Betriebe der Filmindustrie in der Pariser Innenstadt angesiedelt (Scott 2000: 100). Aufgrund der stärker polyzentralen Struktur in der Bundesrepublik sieht das Bild in Deutschland etwas anders aus. So beträgt der Anteil der Filmwirtschaft von Berlin

- Brandenburg (also Berlin zusammen mit Potsdam Babelsberg) am gesamten Volumen der Bundesrepublik 20% der Unternehmen. Dies ist immerhin noch die höchste Konzentration von allen deutschen Städten und Regionen. Die dort ansässigen Firmen bestreiten im Jahr 1997 13% der Umsätze aller Betriebe der Filmwirtschaft in der Bundesrepublik (Krätke 2002: 111). Eine solche Konzentration von Firmen eines Sektors wird auch als Cluster bezeichnet. Als andere Beispiele für solche transaktions - intensiven Agglomerationen können für den Bereich des traditionellen Handwerks das sogenannte ´Dritte Italien´, für den Bereich der Erholungszentren z. B. Las Vegas und für den hier interessierenden Bereich der urbanen

Kultur- und Medienwirtschaft die Metropolen angeführt werden (Scott 1997: 327). Letztere können auch als ´World Media Cities´ bezeichnet werden (Krätke 2002: 202).

Ein Konzept für diese räumlichen Konzentrationen - das der Cluster - soll im Folgenden näher erläutert werden, da mit dessen Hilfe deren interne Strukturen besser veranschaulicht werden können.

1.1.6 Cluster

Ein Cluster kann als ein ökonomischer Wirtschaftsraum bezeichnet werden, der gekennzeichnet ist durch eine Matrix sehr dichter Austauschbeziehungen zwischen Firmen in materieller, intellektueller oder technologischer Hinsicht (Scott 2000: 16 -17). Eine gemeinsame Nutzung urbaner Ressourcen, eine große funktionale Nähe (Scott 2000: 10) sind Merkmale eines Clusters. Ein Cluster ist dabei stets mehr als die Summe seiner Teile, da durch die engen Interaktionsbeziehungen neue Qualitäten entstehen wie z. B. Innovationen durch gemeinsames Lernen (Scott 2000: 12).

Ein Cluster kann auch beschrieben werden als eine räumliche Ballung von Elementen einer Produktionskette und deren institutionelle Ordnung, bzw. als die Ordnung der Produktionsvorgänge und das Zusammenspiel der Akteure einer Produktionskette (Krätke 2002: 31 - 32):

- "Produktionscluster nutzen die externen Effekte regional vernetzter Produktion, indem sie den Austausch von branchenspezifischem Erfahrungswissen fördern." (Krätke 2002: 32) Regionale Produktionscluster stellen sich danach als räumlich konzentrierte Wertschöpfungsketten dar. Die danach ausgerichtete Cluster - Definition lautet:
-"´Cluster´ bezeichnen hier räumliche, vor allem regionale Konzentrationen von Unternehmen (und Institutionen) einer arbeitsteiligen Wertschöpfungskette, an deren Ende bestimmte Endprodukte wie spezielle Industriegüter, komplexe Dienstleistungen, oder auch Kulturproduktionen stehen." (Krätke & Borst 2000: 111)

Im Ergebnis führen diese Mechanismen zu einem stetigen Wandel der Zusammensetzung der Firmen bei den jeweiligen Projekten. Dabei wird bei der Rekrutierung der Firmen meist auf solche aus demselben regionalen Zusammenhang zurückgegriffen, weil dabei diverse Vorteile ausgespielt werden können (s.u.). Diese Wertschöpfungsketten umfassen die Produktionsvorbereitung, die Produktion bzw. Leistungserstellung und die Vermarktung bzw. Distribution der fertigen Erzeugnisse (Krätke 2002: 108 - 109).

Solche Cluster oder bei Scott ´regional industrial complexes´ (2000: 149) sind also nicht bloß zufällige Ansammlungen von Produzenten, sondern sind durch Verbindungen charakterisiert, die sich bei Scott (2000: 150) durch vier Merkmale beschreiben lassen:

1. Vielseitige Formen der Arbeitsteilung (Dies werden erleichtert durch Kooperationen, Vertrauen und Teilen der Informationen.)
2. Vielseitiger lokaler Arbeitsmarkt (Pool von Fachkräften und der Institutionen, die diese ausbilden)
3. Informelle Lerneffekte, welche die Akteure immer enger miteinander in Bezug setzen.
4. ´Social Superstructure and physical Infrastructures´ (Entwicklung von Banken, Gewerbegebieten und eines Milieus)

Zu Punkt 1. ist schon einiges gesagt worden. Zu Punkt 2. und 4. wird noch weiter unten eingegangen. Punkt 3. wird hier nicht ausführlicher verfolgt, da dieser den Rahmen dieser Arbeit überschreitet.

Krätke und Borst (2000: 112) nennen folgende Merkmale eines Clusters : Arbeitskräftepool, informelle Netzwerke und raum- und personengebundenes Wissen (´tacit knowledge`). Diese bilden die industrielle Kompetenz des regionalen Zusammenhangs.

Cluster sind daneben auch ein Reflex der Bedeutung raumgebundenen Wissens und einem hohen Bedarf an Interaktion der Akteure für die Generierung von Innovation (Krätke 2002: 32). Daher brauchen gerade wissensbasierte Wirtschaftszweige regionale Verankerungen (Krätke 2002: 33). Der Hamburger Sozialwissenschaftler Joachim Thiel beobachtete dies im Zusammenhang einer Studie über die Werbe - Branche in Deutschland:

- "The present spatial organisation is also above all moulded by the interplay of the globalising logic with the peculiarities of the creative professional, thereby strongly fostering the spatial clustering of advertising agencies. Spatial proximity appears to underpin the social relations necessary to deal with the volatility brought about by this interplay, providing both firms and employees with the possibility to adapt to changing circumstances. In addition it facilitates the ´enculturation´ of newcomers into the ´community of practice´ (Grabner 2002: 254) thereby constantly restructuring and rejuvenating the professional milieu. It is obvious that a relatively small and decentralised national space - economy as the German territory also offers possibilities of community - building between different regions. However these cannot replace the construction of sociability in everyday life as in one urban context." (Thiel 2002: 19 - 20)

Die engen Beziehungen der Firmen fördern also die räumliche Konzentration und dadurch können Vorteile realisiert werden wie eine Reduktion der Austauschkosten und Beschleunigung des Flusses von Informationen und Kapital (Scott 2000: 18) sowie eine Reduktion von Beschaffungskosten (Scott 2000: 121) und weiterhin die Realisierung von Lerneffekten, der Zugang zu kreativen Impulsen und effektiven Wegen der Vertreibung [Distribution] (Scott 2000: 122). Damit ist die Ebene der ´organization of economic acitvity´ angesprochen (Scott 2000: 39).

Weitere Vorteile nach Krätke sind a) eine Minimierung von Transaktionskosten (wegen der Distanzabhängigkeit von Transaktionskosten), b) die Erleichterung des Wissenstransfers, c) Urbanisationsvorteile (Risiko - Minimierung durch vielfältiges und umfangreiches Angebot an Ressourcen) und d) Lokalisationsvorteile [integrierte Produktionssysteme] (Krätke 2002: 34 - 35).

Folgen der so erzielten Vorteile können die Verbesserung der Qualität der Produkte und eine Erhöhung der Produktivität sein (beide Krätke 2002: 335). Weitere Folgen einer Clusterbildung sind eine Erhöhung der Innovation, Milieubildungen (Ebene der ´formation of cultural communities´ [Scott 2000: 39]) und die Entwicklung spezifischer Kulturen (Scott 2000: 17). Eine hohe Flexibilität und Offenheit entsteht, wenn ein Cluster genügend groß ist. Das Ergebnis kann dann eine lernende Region sein. Kreativität und Innovation können daher als Ergebnisse von sozialen Prozessen verstanden werden, die durch die Logik des Produktionssystems und dessen räumliche Struktur entstehen (Scott 2000: 36ff.).

Hier sollen die Zusammenhänge eines Clusters als These getestet werden. Also, ob sich eine vergleichsweise enge funktionale Verflechtung der Firmen beobachten läßt. Wenngleich hier keine wirklich qualifizierte Analyse der Geschäftsbeziehungen erbracht werden kann, soll doch gefragt werden, welche Bedeutung der noch auszuwählende Stadtteil für die noch auszuwählenden Firmen in ökonomischer Hinsicht hat. Schließlich soll sowohl von wirtschaftlicher als auch von lebensweltlicher Perspektive nach dem Stellenwert des lokalen Umfelds gefragt werden. Das Umfeld sollte dabei verschiedene Vorteile bieten:

-"Für die unternehmensbezogenen Dienstleister kommt es darüber hinaus (neben akzeptablen Mieten und passenden Räumlichkeiten - d. A.) auf die Zentralität des Standortes an, wobei unterschiedliche Seiten der Zentralität betont werden, z. B. Erreichbarkeit für Kunden, die Nähe zu anderen Dienstleistern, die Nähe zum eigenen Wohnort oder das urbane Milieu." (Läpple & Walter 2000: 74)

Neben den geschäftlichen Aspekten der räumlichen Konzentration sind demnach auch soziale Faktoren für das Standortmuster der Firmen der Kulturwirtschaft maßgeblich. Denn mit dem letzten Aspekt ist die Interaktionsebene der Akteure angesprochen. Im Folgenden soll daher auf Punkt 5., der von Scott beschriebenen Merkmale lokal eingebetteter Produktionskomplexe der Kulturwirtschaft - wie auf oben angeführt- eingegangen werden.

1.1.7 Institutionelle Infrastruktur

Die Beschäftigten der Bereiche Multimedia und ´Digital Visual Effects´ (Studios für digitale Bildeffekte) haben sich in Los Angeles ein eigenes Institutionengefüge geschaffen (Scott 2000: 168). In Kalifornien scheinen die Gründe dafür im Bestreben zu liegen, die Bildung von Expertise voranzutreiben und innovatives Handeln zu stärken (Scott 2000: 168). Dazu gehören etwa Berufsverbände, die als Interessenvertretungen auftreten, Fortbildungen organisieren und zur schnellen Verbreitung wichtiger Informationen (wie solche über neue Technologien oder über offene Stellen) beitragen (Scott 2000: 167).

Es wird erwartet, daß von Institutionen organisierte Veranstaltungen in Berlin ebenfalls eine Rolle spielen für den Zusammenhalt des vermuteten Berufsmilieus. Denn weil hier vermutet wird, daß die Firmen auch in Berlin relativ klein sind (entsprechend den oben beschriebenen Mechanismen - s. dazu auch Kapitel Kulturwirtschaft in Berlin), kann angenommen werden, daß deren Träger auf intensive Austauschbeziehungen aus den verschiedenen angegebenen Gründen angewiesen sind (s. Läpple & Walter 2000: 20f.). Die Funktionen innenstadtnaher Stadtteile für Träger kreativer Milieus und deren informellen Kontakten beschreiben Läpple und Walter (2000) wie folgt:

- "Wie wichtig ... ´schwache Verbindungen´ sind, wird am Aufwand deutlich, mit dem sie gepflegt werden. Z. B. finden allmonatlich sog. ´Jour fixe´ statt, an denen sich die Medienbranche versammelt. Denselben Zweck erfüllen öffentliche Vorträge, Fachveranstaltungen und Tagungen zu branchenrelevanten Themen. Neben diesen institutionalisierten Formen der Öffentlichkeit werden auch die informelleren Formen des Umgangs gepflegt, die sich über gemeinsame kulturelle Neigungen, Lebensstile und Moden artikulieren. Bestimmte Stadtteile und ihre Treffpunkte werden von beruflichen Milieus als Sznerie genutzt, d. h. als Räume, die sich als Darstellungsorte für die gerade herrschenden symbolischen Moden etabliert haben, und in denen man sich relativ sicher sein kann, seinesgleichen zu finden und gefunden zu werden." (Läpple & Walter 2000: 81)

Solche Kontakte können weiterhin als wichtig angesehen werden für die Geschäftsführung der Firmen zur Akquisition von Aufträgen (Reich 1993: 200) sowie bei dem Aufbau von Kontakten zu Kooperationspartnern - entsprechend der Annahme eines Funktionsclusters.

Die Frage nach organisierten Treffpunkten soll aber auch die Frage nach der Kohäsion des Berufsmilieus aus einer institutionellen Perspektive mitbeantworten. Dabei ist von Interesse, wer als Träger auftritt, wie häufig deren Veranstaltungen von den Probanden besucht werden und welche Bedeutung diese Treffen für sie haben. Diese Indikatoren der Qualität und Relevanz des vermuteten Institutionengefüges sollen auch Hinweise dafür liefern, wie fest die Akteure der Medienbranche von dieser Seite her miteinander verknüpft sind.

Im Folgenden soll die Perspektive der die Kulturwirtschaft tragenden Akteure weiter verfolgt werden. Es soll gefragt werden, inwieweit die oben beschriebene Entstehung neuer ökonomischer Räume eine Ressource für die Beschäftigten der Branchen für die Bewältigung ihres Lebens - hier vom ökonomischen Blickwinkel aus betrachtet- darstellt oder ob - wie oben zitiert - diese urbanen Kontexte nur als Szenerien für Lebensstilinszenierungen dienen.

1.1.8 Perspektive der Arbeitnehmer und Firmengründer / Arbeitsmarkt

Wenn also nach der Qualität von räumlichen Konzentrationen für die Akteure gefragt werden soll, sollen hier zunächst die Merkmale des Arbeitsmarktes näher erläutert werden, da dieser überhaupt erst den Eintritt in den Bereich der Kulturwirtschaft reguliert und so eine Ebene darstellt, mit denen sich die Akteure an vorderster Stelle auseinander zusetzen haben.

Bei der Rekrutierung in der Multimedia - Branche in Los Angeles spielen informelle Netzwerke eine dominante Rolle. Von Inseraten wird nur mäßiger Gebrauch gemacht (Scott 2000: 164). Der Wechsel der Firmen durch Mitarbeiter verläuft meist entlang von persönlichen Netzwerken, die diese im Laufe ihrer Karriere aufgebaut haben.

Dies konnte auch in verwandten Bereichen in der Bundesrepublik beobachtet werden. So haben Läpple und Walter in einer Studie zu Betrieben1 in Hamburg festgestellt (Läpple & Walter 2000: 81), daß zur Rekrutierung neuer Mitarbeiter ebenfalls fast ausschließlich informelle Kanäle genutzt werden, da Geschäftsführer die geforderten Fähigkeiten nicht von Bewerbern, die vom Arbeitsamt vermittelt werden, erwarten:

- "Die Mitarbeitersuche läuft in den unternehmensbezogenen Dienstleistungen ausschließlich über informelle Kanäle. Die Vernetzung in den jeweiligen Dienstleistungsbereichen ist so weit ausgebildet, daß auf diese internen Ressourcen zurückgegriffen werden kann. Es werden andere Unternehmen oder die eigenen Mitarbeiter gefragt; wenn ein Stamm von Arbeitskräften da ist, wird möglichst immer wieder auf diesen zurückgegriffen. Nicht nur das Arbeitsamt spielt überhaupt keine Rolle, selbst Ausschreibungen werden nur gemacht, wenn es nicht anders geht." (Läpple & Walter 2000: 71)

Inwieweit dies auch für die Kultur- und Medienwirtschaft in Berlin zutrifft, soll in der Erhebung untersucht werden. Denn die nahezu vollständige Nutzung informeller Beziehungen zur Anbahnung von Beschäftigungsverhältnissen könnte als Gradmesser für die Geschlossenheit des Berufsmilieus und dessen Reife gedeutet werden.

Es wird darüber hinaus erwartet, daß Kontakte zu Kollegen und Geschäftspartnern im urbanen Umfeld für die Beschäftigten eine Hilfe sind, falls einmal eine neue Stelle gefunden werden muß. Solche Beziehungen scheinen auch wichtig zu sein, um Beschäftigungsverhältnisse den persönlichen Bedürfnissen anpassen zu können - zum Beispiel im Falle von Kinderwunsch (Thiel 2002: 17). Den Ergebnissen der Literatur zufolge müßten also informelle Kontakte eine unbedingte Voraussetzung sein, um in die Branche als Arbeitnehmer hineinzugelangen.

Bezüglich der für den Arbeitsmarkt der Kulturwirtschaft relevanten Qualifikationen berichtet Scott, daß die Ausbildung der von ihm Befragten mehrheitlich einem College - Abschluß entspricht - mit einem beträchtlichen Anteil von Universitätsabsolventen (Master). Obwohl er bei den Ausrichtungen der Studiengänge der Probanden eine gewisse inhaltliche Fokussierung bemerkt, spricht er von mehreren möglichen Zugangswegen in die Branche (Scott 2000: 164).

So wurde an anderer Stelle in den Bereichen Werbung und Multimedia ein hoher Anteil an Quereinsteigern beobachtet (Noller & Ronneberger 1995: 137). Die Berufsausbildung der zu befragenden Probanden in der Erhebung festzustellen, könnte zum einen über das kulturelle Kapital der Stichprobe informieren und zum anderen etwas über den Grad der Offenheit bzw. Geschlossenheit - bzw. über die möglichen Zugangswege - des Arbeitsmarkts der Medienwirtschaft in Berlin aussagen.

Da der Posten ´Arbeit´ als größter Kostenfaktor in der Medienwirtschaft aufgrund der Personalintensität anzusehen ist, entsteht ein Bedarf nach flexiblen Strukturen innerhalb der Betriebe um die Fixkosten gering zu halten (Läpple & Thiel 2000: 13). Daß bedeutet, daß die Zahl der unbefristet angestellten Mitarbeiter möglichst klein gehalten wird. Der häufige Wechsel der freien und befristet Beschäftigten verstärkt auf Seiten der Produzenten die Tendenzen der räumlichen Konzentration und um diesen Aspekt geht es in diesem Abschnitt, um mit den aus der ungewissen Nachfrage entstehenden Schwankungen des Arbeitsvolumens und damit der Zahl der gebrauchten Mitarbeiter umgehen zu können (Joachim Thiel: 2002 nach Allen J. Scott: 1984 / 1988).

Dabei spielen berufliche Milieus - die verstanden werden können als eine Gruppe von Akteuren einer Branche, die über vielfältige nicht - marktmäßige Beziehungen verbunden sind; gemeinsame Orientierungen und Praktiken der Lebensführung teilen und ihre Unterscheidbarkeit zu anderen Gruppen reflektieren (nach Läpple & Walter 2000: 20f. - näheres dazu in Kapitel "Milieukonzept") eine wesentliche Rolle und die spezifischen Qualitäten des urbanen Umfeldes treten dabei als wesentliche Ressourcen auf (Läpple & Walter 2000: 81). Die Verwobenheit mit bestimmten Quartieren zeigt sich auch darin, daß für die Betriebe die Quartiere Vorteile bieten, indem dort potentielle Beschäftigte wohnen und diese durch den Vorteil kurzer Wege und die Identifikation mit den Quartieren leichter an das Unternehmen gebunden werden können (Läpple & Walter 2000: 82).

Durch die Integration der Firmen in einen räumlich abgrenzbaren Zusammenhang läßt sich auf der Seite der Arbeitgeber eine Reduktion der Kosten im Rahmen von Neubesetzungen von Stellen erreichen, weil so die Suche und Einstellung einfacher zu handhaben ist. Ferner wird dadurch auf der Seite der Arbeitnehmer ein leichterer Zugang zu alternativen Erwerbsquellen möglich, was mit Hinblick auf wiederkehrende Perioden der Arbeitslosigkeit verursacht durch die Dominanz von Projektarbeit von Bedeutung ist (Joachim Thiel 2002: 3f.; nach Allen J. Scott: 1984 / 1988). Scott formuliert diesen Zusammenhang in einem Artikel aus den 1990er Jahren wie folgt:

- "These networks form multifaceted industrial complexes which in aggregate tend do exert huge demands on local labour markets and to require an enormous variety of worker skills / attributes. The employment relation in the cultural - products industries is typically intermittent, leading to frequently recurrent job - search and recruitment activities ... In this regard, risks for both workers and employers are reduced as the size of the local production complex increases." (Scott 1997: 333)

Demzufolge wird erwartet, daß eine räumliche Konzentration von Firmen der Kultur- und Medienbranche und die damit verbundenen informellen Kontakte auch in Berlin die Aufrechterhaltung einer stetigen Erwerbsbiographie für die abhängig Beschäftigten erleichtern analog zu den Befunden in der Literatur (vgl. Reich 1993: 200).

Ein dynamischer Arbeitsmarkt kann daher als ein wichtiger Faktor bei der Standortentscheidung der Betriebe angesehen werden (Thiel 2002: 15). Ein hinreichendes Angebot an hochqualifizierten Arbeitnehmern ist in diesem Zusammenhang wegen der design

- intensiven Arbeit ein grundlegender Faktor (Lash & Urry 1994: 199). So sind Uni - Städte für Firmen der gehobenen Dienstleistungen besonders attraktiv. ""Spatial reorganization is driven by the need for skilled labour." Bassett u. a. 1989" (Lash & Urry 1994: 199). Weiterhin ist der Zugang zu qualifiziertem Personal eine wichtige Voraussetzung, um an einem bestimmten Standort eine Wachstumsdynamik zu entfesseln (Läpple & Thiel 2000: 11). Ob und inwieweit sich dies für den hier interessierenden Fall Berlin nachweisen läßt, wird im empirischen Teil kurz erörtert werden.

1.1.9 Standortmuster der Akteure

Da in dieser Arbeit ein wesentlicher Teil der Fragestellung aus dem Zusammenhang zwischen Arbeiten und Wohnen in bestimmten großstädtischen Quartieren besteht, soll in diesem Abschnitt dieser Aspekt eingehender erläutert werden Eine enge räumliche Verbindung zwischen Arbeitskräften und Firmen ihrer Branche, bzw. ihren Arbeitsplätzen wurde von Scott im Multimedia - Bereich in Los Angeles beobachtet. Im Durchschnitt ergab seine Stichprobe, daß diese 15 - 20 Minuten für ihren Weg zur Arbeit aufwenden (Scott 2000: 159). Ob sich ähnliche Muster auch im Untersuchungsgebiet beobachten lassen, ist hier ein Teil der Fragestellung.

Krätke (2002: 243) benennt einige wesentliche Einflußfaktoren der Standortmuster aus Sicht der Akteure im Bereich der New Economy und Medienwirtschaft, die er als aussagekräftig für die gesamte Kulturwirtschaft ansieht: Es werde zum einen eine lokale Verbindung von Arbeiten, Wohnen und Freizeit von diesen angestrebt. Die Frage, ob dabei die Firmengründer dem qualifizierten Personal folgen, das gerne in Szene - Vierteln lebt oder umgekehrt die Firmengründer zuerst da sind und die Beschäftigten folgen, beantworten Läpple und Walter so:

- "Es sind zuerst die Betriebsgründer selbst, die in der Nähe ihres Betriebsstandortes wohnen. Die Mitarbeiter besitzen nicht rein zufällig ähnliche Vorlieben für die attraktiven inneren Stadtteile und bevorzugen vergleichbare Wohnorte. Obwohl nicht eigens auf kurze Distanzen geachtet wird, stellen die kulturellen Gemeinsamkeiten und Vorlieben den Zusammenhang zwischen Arbeitsort und Wohnung auf indirekt Weise her." (Läpple & Walter 2000: 72).

Es scheinen sowohl die Firmengründer als auch die Mitarbeiter die gleichen Präferenzen bezüglich der Auswahl der Quartiere für Arbeiten und Wohnen aufzuweisen. Der Lebensstil der Akteure der Kultur- und Medienwirtschaft kann also als eine weitere Ursache räumlicher Konzentrationen von neuen Firmen im Bereich gehobener Dienstleistungen angesehen werden (s. Kapitel "Neue urbane Mittelschichten"). Ob sich dieser Zusammenhang auch im Untersuchungsgebiet dieser Studie nachweisen läßt, ist hier eine der leitenden Fragen. Also einerseits, daß Firmen der Kulturwirtschaft überwiegend in innenstadtnahen Quartieren siedeln und daß Beschäftigte dieser Firmen überwiegend in gleichartigen Vierteln und daher in der Nähe ihrer Arbeitsstätten wohnen.

Als weitere Einflußfaktoren der Standortmuster nennt Krätke:

c) Ein großes Angebot an Büros mit Charme; gute ÖPNV - Anbindung der Innenstädte

d) Unternehmensbezogene Dienstleistungen im unmittelbaren Umfeld

e) Nähe zu anderen Firmen der gleichen Branche; Eintreten in einen Möglichkeitsraum, um Netze zur Risiko - Minimierung zu nutzen (Krätke 2002:171 - 172)

Diese Faktoren treten in der Regel in innerstädtischen Quartieren auf. Diese werden daher von den Akteuren bevorzugt, wenn es um die Frage des Standorts geht:

- "Die innovativen Dienstleister gehören jedenfalls zu den Betrieben, die es in die zentralen Stadtteile zieht und die auch dort bleiben, wenn die Standortanforderungen und -bedingungen sich nicht grundlegend ändern." (Läpple & Walter 2000: 74)

Von Seiten der Arbeitnehmer ist die Lebensqualität einer Stadt oder Region für die Wahl des Wohnorts und des Standorts der Arbeitsstätte wichtig. Je gefragter die Qualifikationen der Arbeitnehmer sind, desto größer ist ihre Autonomie in der persönlichen Standortwahl, so daß Arbeitgeber unter Druck geraten, ihre Standortwahl der Betriebe den Neigungen der gesuchten Fachkräfte anzupassen (Lash & Urry 1994: 213). Dies gilt besonders in Bereichen, in denen der Standort der Firmen vom technischen her gesehen beliebig wählbar ist wie in den Bereichen EDV, Werbung oder allgemeine im Segment der Medien (Lash & Urry 1994: 214). Die Basis für die Entstehung neuer Stellen im Dienstleistungsbereich einer Stadt oder Region sind in der Regel entsprechende Ausbildungssysteme und eine hohe Lebensqualität vor Ort (Lash & Urry 1994: 220). An Angeboten, die eine Stadt für Beschäftigte im gehobenen Bereich der Dienstleistungen attraktiv machen, werden von Lash und Urry (1994: 221) genannt: Ein vielseitiges Konzertangebot, Museen, exotische Restaurants und auch Therapeuten.

Unternehmensorientierte Dienstleister scheinen darüber hinaus in ihr Umfeld maßgeblich integriert zu sein durch ´ihre Identifikation mit dem Stadtteil als Symbol für einen urbanen, multikulturellen und offenen Lebensstil´ (nach Läpple & Walter 2000: 39). Dies impliziert, daß nur bestimmte Quartiere von diesen Dienstleistern für ihren Lebens- und Arbeitszusammenhang ausgesucht werden: "Die Partnerschaften2 verbindet ein emphatischer Bezug zu den gründerzeitlichen, urbanen Stadtteilmilieus." (Läpple & Walter 2000: 68).

Wenn man beiden Zitaten folgt, wären Quartiere mit einer gewissen Heterogenität an Bevölkerungsgruppen, einem vielfältigen und fast jederzeit zugänglichen Infrastrukturangebot und attraktiver Bausubstanz diejenigen mit dem höchsten Zuspruch der Dienstleister:

- "Die partnerschaftlich organisierten Betriebe bekennen sich ganz eindeutig zum Stadtteil (Hamburg Ottensen - d. A.) und dem eigenen ´urbanen´ Lebensstil, auch um sich von den kleinbürgerlichen Ordnungsvorstellungen abzugrenzen." (Läpple & Walter 2000: 38)

Diese Dienstleister identifizieren sich also besonders mit Stadtteilen, die ein gewisses urbanes Flair ausstrahlen. Sie schätzen Quartiere mit Internationalität, Lebendigkeit, Gegensätzlichkeit und Vielfalt. Dies scheint ihrem Lebensstil zu entsprechen (Läpple & Walter 2000: 77). So stelle sich indirekt - über den urbanen Lebensstil der Gründer und Beschäftigten - ein lokaler Beschäftigungszusammenhang her, auch wenn es nach Meinung der beiden Autoren nicht zu einer Ausbildung funktionaler Zusammenhänge auf Stadtteilebene kommt, weil Gründer und Beschäftigte bei der Standortwahl wie bei der Wahl ihres Wohnstandortes die gründerzeitlichen Quartiere bevorzugen (Läpple & Walter 2000: 80).

Dieses Präferenzschema kann im Rahmen dieser Arbeit zum einen an dem Punkt überprüft werden, wenn dargelegt wird, in welchen Quartieren Berlins es zu räumlichen Konzentrationen von Firmen der Kulturwirtschaft gekommen ist und zum anderen in der eigentlichen Erhebung, wenn es um die Zuzugsmotive der Probanden geht. Ob funktionale Verflechtungen in einem begrenzten räumlichen Gebiet vorliegen oder bestimmte Stadtteile nur als Kulissen für die Inszenierung von urbanen Lebensstilen anzusehen sind, soll dann in der Auswertung eingehender behandelt werden.

Es soll daher hier geprüft werden, ob eine räumlich gesehen enge Anordnung von Arbeitsstätte und Wohnort sich auch in der Kultur- und Medienbranche in Berlin nachweisen läßt. Die Annahmen dabei lauten, daß beide Orte in einem Raum zusammengebracht werden, der städtebaulich als Einheit betrachtet werden kann. Daher dürfte der Arbeitsweg nicht länger als 15 Minuten zurückgelegt mit dem ÖPNV oder dem Fahrrad sein. Ferner wird angenommen, daß die Probanden sich bewußt so ein Arrangement geschaffen haben. Daher wird die Neigung, längere Wege in Kauf zu nehmen als gering veranschlagt.

Die räumliche Konzentration der Akteure erleichtert die schon im Abschnitt ´Institutionelle Infrastruktur´ angesprochenen Tendenzen einer Milieubildung der Träger der Kulturwirtschaft.

1.1.10 Milieubildungen

Viele Typen der Kulturproduktion wurzeln in eigenständigen Gemeinschaften von Kreativen. Innerhalb dieser steht nicht allein die Arbeit im Mittelpunkt, sondern auch die Aufrechterhaltung der dazu nötigen Kompetenzen. Diese Milieus können als vergleichsweise homogene Kollektive angesehen werden, die zusammengehalten werden durch Traditionen und Konventionen. Die Träger eines solchen Milieus werden auch als ´repositories of an accumulated interpersonal cultural capital´ bezeichnet (Scott 2000: 32 - 33). Die Reproduktion dieses Kapitals geschieht dabei sowohl während der Arbeit als auch im Bereich der persönlichen Beziehungen:

- "To sum up, two major conclusions can be drawn: First, it appears indispensable for understanding the spatial logic of the advertising industry to take the organisation and structure of its labour markets seriously under scrutiny and, second, to understand them, they have to be conceived of primarily as being embedded in networks of social relations, together constituting a dense professional milieu which functions both as vehicle of risk - reduction and as a ´community of equals´ in which individual employees can see their work appreciated by other members of this community, thereby being enabled to develop an own professional identity." (Thiel 2002: 20)

Hier geht es im Wesentlichen um den Zusammenhang zwischen den beruflichen Netzwerken und der daraus resultierenden Milieubildung in der Kulturwirtschaft. Die damit vorgenommene breite Basis, erscheint zulässig, da die zitierten Befunde für den Bereich der Werbung nach Thiel (2002: 20) auch für die Analyse der Kernbereiche anderer wissensintensiver Branchen gelten. Damit sind einige wichtige Aspekte angesprochen, die in dieser Arbeit empirisch überprüft werden sollen: Der Zusammenhang zwischen dem Trend der Urbanisierung von bestimmten Firmen und dem Trend der Urbanisierung der diese Betriebe tragenden Akteure in denselben Stadtregionen mit der Vermutung, daß es dabei zur Herausbildung einer eigenen alltäglichen Lebenswelt kommt.

[...]


1 Dies waren Betriebe des traditionellen Handwerks, alternative Betriebe und soziale Dienstleistungen sowie unternehmensorierntierte Betriebe. Unter letzteren befragten die beiden Autoren u.a. Firmen aus der Werbung, Softwareentwicklung, Filmproduktion und Architekten (Läpple und Walter 2000: 23).

2 Darunter verstehen die beiden Autoren unternehmensorientierte Dienstleistungen (u.a. Werbung, Film- und Medienbranche sowie Softwareentwicklung), private soziale Dienstleistungen und Alternativbetriebe, die gemeinsame Formen der Betriebsstrukturen aufweisen. (Läpple & Walter 2000: 67).

Ende der Leseprobe aus 119 Seiten

Details

Titel
Arbeiten und Leben in der Berliner Innenstadt
Untertitel
Zur Analyse eines Milieus berufszentrierter Lebensstile am Beispiel des Clusters von Firmen der Kulturproduktion in Berlin Mitte und Prenzlauer Berg
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
3,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
119
Katalognummer
V116857
ISBN (eBook)
9783640187386
ISBN (Buch)
9783640222599
Dateigröße
18125 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeiten, Leben, Berliner, Innenstadt, Kulturwirtschaft
Arbeit zitieren
Diplom Sozialwissenschaftler Marco Müller (Autor), 2004, Arbeiten und Leben in der Berliner Innenstadt , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116857

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