Tragen die Medien eine Mitschuld an fremdenfeindlichen Straftaten?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

29 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Rassismus in den Medien
2.1 Berichterstattung über Einwanderer
2.1.1 Lexik
2.1.2 Metaphorik und Kollektivsymbolik
2.1.3 Argumentation
2.1.4 Täter-Opfer-Beschränkung
2.2 Berichterstattung über Rechtsextremismus
2.2.1 Berichterstattung über Rechtsextremismus und fremdenfeindliche
Straftaten
2.2.2 Berichterstattung über fremdenfeindliche Straftaten führt zu
Nachahmungstaten
2.3 Die Medien – Empfehlungen zur Berichterstattung

3 Fazit

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Man muß sich nicht in die rechtsextreme Szene begeben, um auf rassistische Denkmuster zu treffen, auch fremdenfeindliche Gewalttaten werden schon lange nicht mehr nur von Nazis ausgeübt. Doch wie entstehen fremdenfeindliche Einstellungen in der Mitte unserer Gesellschaft, die sich in gewissen Fällen in physischer Gewalt äußern? Es spielt sicherlich eine Reihe von Faktoren eine Rolle, doch könnten auch die Medien eine Mitschuld tragen? Viele Menschen haben Vorurteile gegenüber gewissen ethnischen Gruppierungen, mit denen sie aber persönlich nie Kontakt hatten. Kann es sein, daß ihr Bild über Ausländer durch deren Darstellungen in den Medien geprägt wurde? Oft hört man in Kneipen rechtsextremistische Ideologien von Menschen, die vielleicht noch nie mit der rechtsextremen Szene in Kontakt getreten sind. Könnte es sein, daß auch sie ihre Informationen aus den Medien erhalten und diese übernommen haben? Und die Medien Angst verbreiten, indem von Asylantenfluten berichtet wird, die auf uns einströmen – könnte dies ein Anstoß für gewaltbereite Personen sein, fremdenfeindliche Gewalttaten zu begehen?

Eine direkte Verbindung zwischen Medienkonsum und fremdenfeindlichen Straftaten kann aufgrund der fehlenden Kausalität nicht nachgewiesen werden. Dies soll auch nicht die Aufgabe dieser Arbeit sein stattdessen wird der Blick auf die Medien und ihre Inhalte gerichtet. Welche charakteristischen Eigenschaften weisen Berichterstattungen über Einwanderer[1], fremdenfeindliche Straftaten und Rechtsextremisten auf? Enthalten sie Aspekte, die fremdenfeindliche Stimmungen fördern und unter Umständen zu Straftaten führen könnten?

Der Inhalt dieser Arbeit gliedert sich zur Beantwortung dieser Fragen in zwei Teilbereiche. Der erste und umfangreichste Teil befaßt sich mit der Berichterstattung über Einwanderer. In den ersten drei Unterkapiteln wird erläutert, welcher Mittel sich die Medien bedienen, um auf dem Gebiet der Lexik, Metaphorik und Argumentation Migranten negativ darzustellen. Es wird dabei versucht, die Analysen von Jäger und Huhnke mit den Ergebnissen der sprachwissenschaftlichen Untersuchung zum Migrationsdiskurs der Düsseldorfer Projektgruppe um Böke, Jung, Niehr und Wengeler zu kombinieren.[2] Im letzten Unterkapitel „Berichterstattung über Einwanderer“ wird darauf eingegangen, daß Berichte über Ausländer auf eine Thematik beschränkt sind: die des Negativen. Wenn Ausländer in den Medien vorkommen, dann nur als Täter oder Opfer krimineller Handlungen. Der zweite Teilbereich dieser Arbeit konzentriert sich auf die Berichterstattung über die rechtsextreme Szene. Ist in den Massenmedien keine Strategie erkennbar, wie kompetent über Rechtsextremismus und fremdenfeindliche Straftaten berichtet werden soll, besteht das Risiko rechtsextremistisches Gedankengut eher zu verbreiten, anstatt es einzudämmen. Es wird somit unter anderem den Fragen nachgegangen, ob die Medien angemessen über Rechtsextremisten aufklären und mit professionellen journalistischen Mitteln über fremdenfeindliche Gewalttaten berichten. In diesem Zusammenhang erfolgt anschließend eine Erläuterung der These von Brosius und Esser, daß intensive mediale Berichterstattung über fremdenfeindliche Anschläge kurzfristig zu einem deutlichen Anstieg von Nachahmungstaten führen kann. Abschließend werden Empfehlungen für eine kompetente Berichterstattung über Einwanderer und Rechtsextremisten skizziert.

2 Rassismus in den Medien

Die überwiegende Zahl der Einwanderer kam über zwei verschiedene Wege in die BRD. Waren es in den fünfziger und sechziger Jahren vor allem angeworbene Gastarbeiter, besteht der Großteil der Einwanderer ab den achtziger Jahren aus Flüchtlingen. Ab den neunziger Jahren stieg die Zahl der Asylbewerber stark an und erreichte ihren Höhepunkt im Jahr 1992 mit 440.000 Flüchtlingen. Eine Änderung des Asylrechts zur Reduzierung der Flüchtlinge trat im Juli 1993 inkraft. Der Beginn der neunziger Jahre hat sich zu einem beliebten Zeitraum medienwissenschaftlicher Untersuchungen entwickelt, allerdings nicht (nur) wegen der Asylbewerberhöchstzahlen, sondern weil dies auch der Zeitraum ist, in dem schwerwiegende Ausschreitungen und Anschläge gegen Ausländer in Hoyerswerda (20.09.91), Rostock (22.-26.08.92), Mölln (23.11.92) und Solingen (29.05.1993) stattfanden. Welche Zusammenhänge zwischen den Berichterstattungen über die Zunahme von Flüchtlingen und den Anschlägen bestehen, ist ein beliebtes Thema für Analysen geworden. Deshalb stellt dieser Zeitraum auch für diese Arbeit einen Orientierungspunkt dar, auf den oft Bezug genommen wird, ohne sich allerdings darauf zu beschränken.

2.1 Berichterstattung über Einwanderer

Massenmedien tragen durch ihre Berichterstattung dazu bei, welches mentale Bild die Rezipienten von Einwanderern haben. Durch die lexikalische Bezeichnung der Ausländer, den Gebrauch von Metaphern und die Argumentation in Berichten ist es möglich Einwanderer negativ darzustellen. Ob in den Medien aus diesen drei Ebenen eine nachteilige Präsentation von Minderheiten resultiert, soll folgend dargelegt werden.

2.1.1 Lexik

Seit der frühen Nachkriegszeit stoßen wir in den Medien auf die Bezeichnung Flüchtling. Jäger (1997;2001) weist jedoch darauf hin, daß seit Ende der siebziger Jahre eine „begriffliche Spaltung“ stattgefunden hat. Während der Begriff Flüchtling für Flüchtlinge aus Osteuropa bestehen bleibt, werden solche aus der sog. Dritten Welt als Asylanten bezeichnet. Dadurch wird „eine Aufspaltung in gute, zugangsberechtigte Flüchtlinge und schlechte, nicht berechtigte Flüchtlinge vorgenommen. Die Flüchtlinge das sind die politisch Verfolgten, von denen es auch nur wenige gibt. „Asylanten“, das sind die Massen, die uns bedrängen, die mit dem Grundgesetz Missbrauch treiben usw.“ (Jäger 1997:83) Weiterhin betont Jäger (1993), daß der Ausdruck Asylant durch sein Postfix –ant Assoziationen zu Querulant, Simulant, Sympathisant und dergleichen hervorruft und bei den Rezipienten äußerst negativ konnotiert ist. Durch die mediale Verwendung des Ausdrucks Asylant entsteht somit ein negatives Bild der Flüchtlinge.[3]

In den Medien wurden mittlerweile die unterschiedlichsten Komposita mit Asylant- wie Asylantenvergeher, Asylantencontainer, Asylantenproblem usw. gebildet. Besonderer Beliebtheit erwiesen sich Zusammensetzungen wie Asylantenstrom, - flut, - lawine usw., die mit einer Katastrophenandrohung verbunden sind[4], (vgl. Strauß/Haß/Harras 1989:88).

Huhnke (1993) führte eine Analyse der Wochenzeitungen „Bild am Sonntag“ und „Der Spiegel“ hinsichtlich der Inszenierung rassistischer Feindbilder durch. Sie kommt unter anderem zu dem Schluß, daß beide Zeitungen den Begriff Asylant bewußt als negativ konnotierten „Kampfbegriff“ benutzen. Ist die Verwendung des Ausdrucks Asylant in der Bild am Sonntag im Jahr 1986, welches den Ausgangspunkt der Analyse darstellt[5], keine Ausnahme mehr, vollzog der Spiegel laut Huhnke in diesem Jahr eine Wende in der Wortwahl. Am 25. August beginnt der Start der Spiegel-Serie „Die Spreu vom Weizen trennen“[6] und nach Huhnke der Zeitpunkt, an dem dann auch der Spiegel auf der semantischen Ebene das Tabu bricht und den Ausdruck Asylant in sein Repertoire aufnimmt. „Ohne jegliche inhaltliche Distanzierung ist ab nun überwiegend von „Asylanten“ die Rede“ (Huhnke 1993:229).

Daß dieser abrupte Wortwandel des Spiegels, wie Huhnke ihn darstellt, allerdings nie stattgefunden hat, konnte Niehr (1996) belegen. „Bereits zu Anfang der achtziger Jahre finden sich nämlich im Spiegel Lexeme wie Asylanten(zu)strom und Scheinasylanten, und zwar in nicht-zitierender Verwendung“ (Niehr 1996:86). Niehr kritisiert zudem die Methodik Huhnkes Analyse. Um von einer Wende sprechen zu können, ist demnach die Betrachtung des Analysematerials von mehreren Jahren und nicht nur von einigen Ausgaben vonnöten.[7] Eine Wende in der Wortwahl deutet außerdem auf einen „Sinneswandel“ des Magazins hin, welcher sich neben der Verwendung der Lexeme auch in der Argumentationsweise wiederfinden müßte. Doch bereits vor der Spiegel-Serie „Die Spreu vom Weizen trennen“ finden sich Artikel die Flüchtlinge und Asylbewerber negativ darstellen, (vgl. Niehr 1996:84ff). „Es bleibt also […] festzuhalten: Weder wird mit dem Beginn der Serie […] ein Tabu gebrochen, noch wird eine „Wende in der Wortwahl“ vollzogen“ (Niehr 1996:87).

Ein Teilaspekt des Düsseldorfer Forschungsprojekts zum Migrationsdiskurs seit 1954 bestand aus der Analyse der Lexik. Jung (1997) betont die Wichtigkeit der Diskursforschung bei der Untersuchung von Lexemen wie Asylant und Flüchtling, da der Kontext sowie der Stellenwert des Belegs innerhalb des Diskurses berücksichtigt werden muß. Wenn sich Analysen nur auf Einzelbelege konzentrieren, „besteht die Gefahr, daß auto-biographisch-idiosyntaktische Kommunikationserfahrungen und die eigenen Überzeugungen unkontrolliert in die Untersuchung eingehen“ (Jung 1997:199).[8]

Die Ergebnisse der Düsseldorfer Untersuchungen zeigen, daß die Schwarz-Weiß-Problematik der Begriffe Asylant und Flüchtling nicht so rigoros zutrifft, wie die oben beschriebenen Analysen von Jäger und Huhnke darstellen. Der Begriff Asylant wurde nicht zur Diffamierung von bestimmten Asylbewerbern eingeführt, sondern steht seit den sechziger Jahren „im öffentlichen Sprachgebrauch für die Trennung zwischen (noch nicht anerkannten) Asylbewerbern und (anerkannten) Asylanten“ (Böke/Jung/Niehr 2000:29). Es fanden sich auch Artikel, in denen Asylant in neutralen oder sogar positiven Kontextualisierungen vorkommt, während sich bei anderen Artikeln eine Pejorisierung bei Asylbewerber zeigt. Selbst der Begriff Flüchtling wurde in der Nachkriegszeit umgangssprachlich als Schimpfwort benutzt (Flüchtlingspack, Flüchtlingsgeschwindel), (vgl Jung 1997:200f). Trotz dieser Ausnahmen bleibt der Begriff Asylant fast durchgängig negativ konnotiert. Niehr führt dies darauf zurück, daß Komposita mit Asyl- bzw. Asylant- meist in negativen Kontextualisierungen vorkommen (Asylanten-Springflut, - pack, Asylbetrüger usw.), während die Flüchtlings-Komposita als neutral besetzt empfunden werden (Flüchtlingskredite, Flüchtlingsarbeitnehmer usw.). Flüchtling und Asylant wurden „schließlich zu ideologischen Bezeichnungsvarianten für den gleichen Personenkreis“ (Böke/Jung/Niehr 2000:29).

Man kann zusammenfassen, daß die Printmedien den Begriff Asylant bewußt als negativ aufgeladenen Begriff verwenden. Dies spricht für die These, daß die Medien eine Mitschuld am Entstehen eines negativen Images der Flüchtlinge tragen.

Sind sich die Redaktionen über die Pejorisierung bei Asylant offensichtlich bewußt, kann man ihnen bei unangemessener Bezeichnung ethnischer Minderheiten eine gewisse Unwissenheit unterstellen. Bei Begriffen wie Mischehe, Mulatte, Farbiger, Squaw usw. tritt unter Umständen eine Unsicherheit bei den Journalisten auf, ob diese noch zu benutzen sind oder ob sie rassistische Stereotype transportieren. Folglich sind diese Ausdrücke in den Medien immer wieder vorzufinden, und selbst der Duden enthält keine Hinweise auf eine diskriminierende Bezeichnung. Demzufolge sind die Redaktionen bei einer Verwendung dieser Begriffe auch offiziell nicht angreifbar. So finden sich keine Hinweise darauf, daß die Bezeichnung S quaw von Indianerinnen als extrem rassistisch verstanden wird und nicht wie im Duden vermerkt, synonym mit „indianische Frau“ verwendet werden kann. Ursprünglich wurde der Begriff Squaw nämlich von Trappern aus der Algonquin-Sprache abgeleitet und bedeutet „Vagina und Hure“, (vgl. Koch 1996:23ff; 2001:149ff). „Grundsätzlich spielen bei dem Prozeß der Begriffsprägung Reporter und Redakteure eine Schlüsselrolle, denn die Massenmedien verfügen über die stärkste Definitionsmacht“ (Koch 1996:27). Trotzdem stellt sich die Frage, warum sich die Medien ihre Funktion als Vorbild nicht richtig bewußt machen und sich nicht bemühen, Minderheiten so zu bezeichnen, wie diese es bevorzugen. Viele Redaktionen benutzen den Begriff Farbige, um sich von dem rassistischen Begriff Neger zu distanzieren und scheinen dabei nicht zu wissen, daß dieser Begriff bei dem Bezeichneten ebenfalls diskriminierenden und beleidigenden Charakter hat. Die Initiative Schwarzer Deutscher bevorzugt den Ausdruck Afro-Deutsche oder Schwarze Deutsche und betont dabei die Bedeutung für die Mitglieder einer Gruppierung, sich selbst bestimmen zu können, als von außen bestimmt zu werden. Doch hier endet das Verwirrspiel nicht, denn nicht alle dunkelhäutigen Deutschen sind mit diesem Begriff einverstanden. Dieser Akt der Namensgebung ist für jede Minderheit von großer Bedeutung, allerdings gibt es auch immer einzelne unter ihnen, die sich davon distanzieren, (vgl. Koch 1996:23ff; 2001:149ff). „Angesichts der Multikulturalität deutscher Städte werden sich auch deutsche Journalisten in Zukunft daran gewöhnen müssen, den in Amerika bereits etablierten Regeln zu folgen. Dort gilt es als journalistischer Grundsatz und Zeichen des Respektes, im Zweifelsfall die Person, über die man schreibt und berichtet, persönlich zu fragen, welche Identitätsbezeichung sie für sich selbst wählt oder bevorzugt“ (Koch 1996:32). Koch kritisiert zudem, daß Journalisten undifferenziert von Deutschen und Ausländern sprechen und dadurch eine Schwarz-Weiß-Welt schaffen, die es so nicht gibt. Viele sogenannte Ausländer haben oft nie im Ausland gelebt und befinden sich in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland. Koch schlägt zur Lösung dieser Problematik die Einführung des Begriffs „Deutschländer“ vor. „Deutschländer wären […] Bürger, die in Deutschland leben und aufgewachsen sind, sich von ihren kulturellen, ethnischen Identitäten jedoch nicht (nur) als Deutsche verstehen“ (Koch (1996:37). Allerdings merkt Koch auch an, daß eine solche Neuschöpfung zu Beginn krampfhaft wirken könnte. Die Notwendigkeit einer neuen Wortschöpfung bezieht sich nach Koch auch auf die Ersetzung rassistisch aufgeladener Stigma-Wörter wie Asylant oder Squaw. Solche Ausdrücke seien unbrauchbar geworden, da die Assoziationen, die die Verwendung derartiger Begriffe hervorrufen, sich nicht einfach ändern oder abschalten lassen. Und wenn eine Minderheit durch einen neuen Begriff identifiziert werden soll, dann ist dies durch eine Selbstbezeichnung wohl am besten, (vgl. Koch 1996:37;41). Ändert sich allerdings nicht die negative Darstellung der Minderheiten in den Medien, so wird eine neue Bezeichnung auf Dauer auch keine Lösung sein, da diese schlußendlich ebenfalls pejorativ sein wird.

Journalisten benutzen, ob bewußt oder unbewußt, rassistisch aufgeladene Begriffe zur Identifizierung von Minderheiten. Sie stehen aber in einer Vorbildfunktion, da sich die Rezipienten an der lexikalischen Verwendung der Medien orientieren. So wie ethnische Gruppierungen in den Printmedien bezeichnet werden, werden sie auch von den Lesern benannt. Ist es auch mit etwas Mühe verbunden, nichtdiskriminierende Begriffe für Minderheiten zu finden, stehen Journalisten trotzdem in der Pflicht einer politisch korrekten Identifizierung.

2.1.2 Metaphorik und Kollektivsymbole

Wie gezeigt werden konnte, benutzen die Medien Bezeichnungen wie Asylant, obwohl - oder gerade weil - diese negativ konnotiert sind. Der Begriff Asylant wird aber in den Printmedien zudem mit kollektiven Symbolen[9] in Verbindung gebracht, die das Aufkommen von Bedrohungsgefühlen beim Leser sehr wahrscheinlich machen. So ist in den Medien von Asylantenfluten oder Asylantenschwemmen die Rede, gegen die Dämme errichtet werden müssen, und in den Printmedien werden in diesem Zusammenhang Zeichnungen von überfüllten Booten abgedruckt.[10]

Die Verwendung solcher Flut- und Bootsymbolik zog sich vor allem gemeinsam mit der Flüchtlingsdebatte durch die Medien. Jäger (1997) macht den Einsatz solcher Symbole mitverantwortlich für die Eskalation von Gewalt gegenüber fremden Menschen in der BRD. Die Medien entwerfen allein aufgrund der „bildlichen Logik der Symbole“ ein Bild, das die deutsche Bevölkerung in einer Notwehrsituation zeigt, in der sie von Einwanderermassen bedroht wird. Solch eine Darstellung von Gefahr würde geradezu danach verlangen, diese abzuwehren. „Die gewalttätigen Gruppen, die angesichts dieser Formulierungen in den Medien zur Tat schritten und weiter zur Tat schreiten, müssen sich durch die Berichterstattung und Einschätzungen der Medien und Politiker dazu geradezu aufgefordert fühlen“ (Jäger 1997:86). Jäger verweist darauf, daß solche Kollektivsymbole stereotyp mit dem Thema Einwanderer und Asyl auftreten und nicht nur in der Boulevardpresse, sondern auch in seriösen Zeitungen wie „Die Zeit“ oder in der „Süddeutschen Zeitung“ zu finden sind, (vgl. Jäger 2001:131ff).

Auch innerhalb des Mediums Fernsehen wird sich der Kollektivsymbolik bedient. Ein Beispiel von vielen ist der ZDF-Film „Wenn die Zigeuner kommen. Roma suchen Asyl“, welcher wie eine objektive Dokumentation gestaltet ist. Dieser Film verstärkt sämtliche Vorurteile gegenüber Zigeunern und setzt diese „zudem mit einer suggestiven Kollektivsymbolik ins Bild, durch die diese Menschen in die Nähe von Schweinen und Ungeziefer gestellt werden. Über weite Strecken wird den dargestellten Menschen ihr Subjekt-Status bestritten, wodurch diese zum Freiwild stilisiert werden, auf das die Jagd eröffnet werden kann“ (Jäger 1997:91). Der gleichen Methodik bedienen sich allerdings auch die Printmedien. In einem Spiegelartikel über Flüchtlinge vom 21.07.92 heißt es: „Menschen schlafen auf den Bahnsteigen, im Bahnhofsklo steht die Jauche knöchelhoch: Szenen wie in den Flüchtlingslagern von Pakistan oder Thailand.“[11] Der Gebrauch des Wortes Jauche wird bei den Lesern allerdings eher Assoziationen mit tierischen Exkrementen hervorrufen. Und wenn die Flüchtlinge erst mal als Vieh betrachtet werden, ist es mit dem Schlachten auch nicht mehr weit her, (vgl. Huhnke 1993).

[...]


[1] In dieser Arbeit verwende ich die Ausdrücke Einwanderer und Ausländer synonym und bezeichne damit Personen nicht-deutscher Herkunft, die in der BRD dauerhaft leben.

[2] Böke, Jung, Niehr und Wengeler führten zwischen 1994 und 1999 das von der DFG geförderte Projekt „Die Einwanderungsdiskussion im öffentlichen Sprachgebrauch seit 1945“ durch. Bei dieser linguistischen Diskursanalyse wurden Texte auf den drei Untersuchungsebenen Lexik, Metaphorik und Argumentation untersucht, (vgl. u.a. Böke/Niehr 2000).

[3] Jäger verweist in seinen Ausführungen besonders auf die Analysen von Link 1983.

[4] Näheres zu Metaphern wie Asylantenstrom siehe Kapitel 2.1.2

[5] Der Analysezeitraum bezog sich auf die Jahre 1986-1992.

[6] Der Untertitel lautet: „Spiegel-Serie über Asylanten und Scheinasylanten in der Bundesrepublik“.

[7] Niehr wirkte am Düsseldorfer Projekt zum Thema „Die Einwanderungsdiskussion im öffentlichen Sprachgebrauch nach 1945“ mit, auf deren quantitativen Recherchen er sich beruft.

[8] Jung verweist hier unter anderem auf die Kritik Spieles 1993 bezüglich der Thesen von Link und Gehard.

[9] Link 1983 versteht unter kollektive Symbole Sprachbilder sowie Bilder im Wortsinn, die Träger eines bestimmten Sinns sind.

[10] So wurde zum Beispiel ein überfülltes Boot auf dem Titelblatt des Spiegels Nr. 37 vom 09.09.1991 abgedruckt, deren Überschrift lautete: Flüchtlinge – Aussiedler – Asylanten. Ansturm der Armen. Hierbei handelt es sich um die Spiegel-Serie, auf die bereits in Kapitel 2.1.1 eingegangen worden ist.

[11] Der Spiegel vom 21.07.92, zitiert nach Huhnke 1993, S. 228.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Tragen die Medien eine Mitschuld an fremdenfeindlichen Straftaten?
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
29
Katalognummer
V117976
ISBN (eBook)
9783640201778
ISBN (Buch)
9783640206728
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medien, Mitschuld, Straftaten, Ausländer, fremdenfeindlich, Asylanten, Rechtsextremismus, rechts, Rassismus, Einwanderer, Berichterstattung, Migranten, Migrationsdiskurs, Flüchtling
Arbeit zitieren
Diana Schuett (Autor), 2006, Tragen die Medien eine Mitschuld an fremdenfeindlichen Straftaten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117976

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