Der bekannteste Satz aus Johannes 7,53-8,11 „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie“ ist von so großer Bekanntheit, dass selbst Nichtchristen diesen Verszitieren. Daher ist es für mich interessant, mich mit dieser Perikope näher auseinanderzusetzen.
In dieser Arbeit werden unter anderem zwei exegetische Fragestellungen näher betrachtet. Passt die Perikope Johannes 7,52–8,11, insbesondere die sehr oft zitierte Bibelstelle Joh 8,7 „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie“, in das Sündenverständnis des Johannesevangeliums? Und zweitens: Wird dieser Frau mit dem Vers Joh 8,11 „Das sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ tatsächlich vergeben?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitende Gedanken
2 Übersetzungsvergleich von Johannes 7,53–8,11
3 Textgeschichte
4 Analyse der Erzählung
4.1 Versgliederung
4.2 Versinterpretation
5 Sünde im Johannesevangelium
5.1 Das Sündenverständnis in Johannes 8,7
5.2 Vergebung in Johannes 8,11
6 Zusammenfassende Gedanken
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Perikope von „Jesus und der Ehebrecherin“ (Joh 7,53–8,11) im Hinblick auf ihr Sünden- und Vergebungsverständnis und hinterfragt, ob diese bekannte Erzählung mit der Theologie des Johannesevangeliums harmoniert.
- Exegetischer Übersetzungsvergleich verschiedener Bibelübersetzungen
- Textkritische Analyse der historischen Herkunft und Einordnung der Perikope
- Untersuchung des Sündenbegriffs innerhalb der johanneischen Theologie
- Analyse der Dynamik von Vergebung und dem Aufruf zum Neuanfang
- Didaktische Überlegungen zur Anwendung der Perikope im Religionsunterricht
Auszug aus dem Buch
4.2 Versinterpretation
7,53 Die Perikope hat keine echte Verbindung zum Voranstehenden. Vers 7,53 ist „der Abschluss einer vorhergehenden Erzählung“. 8,1-2 In diesen Versen wird der topographische und zeitliche Rahmen der Erzählung benannt. Jesus geht zum Ölberg, um dort die Nacht zu verbringen. Am frühen Morgen kehrt er zum Tempel zurück, um das Volk zu lehren. Seine Haltung ist sitzend, sie ist die eines Lehrers. 8,3 Nun wird diese Lehre durch das Auftauchen von Schriftgelehrten und Pharisäern unterbrochen, „die eigentliche Handlung beginnt“. Sie bringen die beim Ehebruch ertappte Frau zu Jesus. Diese Frau wird in die Mitte eines Kreises gestellt und rückt in den Mittelpunkt der Erzählung, „obwohl sie nur zwei Worte spricht“. Es wird dabei nicht erwähnt, wer sie ertappt hat und wer ihr Liebhaber ist. Auch die Reaktion des Ehemannes wird nicht erwähnt. In Vers 8,4 wird die Anklage erhoben und es wird explizit formuliert, was man ihr vorhält. Jesus wird dabei als Meister bzw. Lehrer angesprochen. Vers 8,5 macht deutlich, welches Urteil die Thora für Frauen vorsieht, die Ehebruch begangen haben. Sie werden gesteinigt, also mit dem Tod bestraft. In 8,6 versuchen die Schriftgelehrten und Pharisäer, Jesus in einen Konflikt zu bringen. Sie möchten etwas in der Hand haben, was sie gegen Jesus verwenden können. Sie möchten Vorwürfe gegen Jesus finden, „um seine Lehre und seine Glaubwürdigkeit zu schwächen“. Sie versuchen deshalb, ihn in ein Dilemma zu bringen: „Wenn Jesus sich gegen die Steinigung der Frau ausspricht, wendet er sich gegen das Gesetz. Stimmt er zu, dann verleugnet er die Liebe Gottes zu den Sündern.“ Auch hier reagiert Jesus mit „überlegener Souveränität“, er bleibt gelassen. Er ignoriert die Fragesteller und schreibt etwas in den Sand. Was er in den Sand schreibt, bleibt unklar. Vermutlich gibt es einen Bezug zu Jer 17,13. Dort heißt es, dass Gott die, die sich von ihm abwenden, „in den Staub schreiben“ werde. Es könnte auch ein Hinweis sein, „Jesus als schreibkundig und schriftgelehrt zu legimitieren“. 8,7 Mit dieser Geste sind die Fragenden nicht zufrieden und fordern ein zweites Mal sein Urteil heraus. Jesus steht auf und sagt etwas völlig Überraschendes.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitende Gedanken: Die Autorin begründet ihre Wahl der Perikope und definiert die zentralen Fragestellungen hinsichtlich des Sündenverständnisses im Johannesevangelium.
2 Übersetzungsvergleich von Johannes 7,53–8,11: Anhand von drei Bibelübersetzungen werden textliche Unterschiede analysiert, die jedoch die Kernaussage des Textes unberührt lassen.
3 Textgeschichte: Es wird erörtert, warum die Perikope textkritisch umstritten ist und vermutlich erst nachträglich in das Johannesevangelium eingefügt wurde.
4 Analyse der Erzählung: Die literarische Gattung und die dramatische Struktur der Situation werden untersucht, wobei der Fokus auf dem Moment des Perspektivwechsels liegt.
5 Sünde im Johannesevangelium: Dieser Abschnitt klärt den theologischen Sündenbegriff im Johannesevangelium und setzt ihn in Bezug zur Perikope sowie zur göttlichen Vergebung.
6 Zusammenfassende Gedanken: Die Autorin bilanziert, dass die Perikope zwar textgeschichtlich schwer einzuordnen ist, aber eine große Bedeutung als Zeugnis der Barmherzigkeit und für die religionspädagogische Praxis besitzt.
Schlüsselwörter
Johannesevangelium, Ehebrecherin, Exegese, Sünde, Vergebung, Steinigung, Bibelauslegung, Christologie, Barmherzigkeit, Textgeschichte, Religion, Religionsunterricht, Neuanfang, Thora, Hermeneutik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit bietet eine exegetische Untersuchung der bekannten Perikope „Jesus und die Ehebrecherin“ (Joh 7,53–8,11) unter Berücksichtigung ihrer textgeschichtlichen Herkunft und ihrer theologischen Bedeutung.
Welche zentralen Themen werden behandelt?
Die zentralen Themen sind das biblische Sündenverständnis, der Vorgang der Vergebung, die Rolle der Barmherzigkeit Jesu und die textkritische Problematik der Aufnahme dieser Geschichte in den Kanon.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist zu klären, wie die Perikope in das johanneische Sündenverständnis passt und ob Jesus der Frau in Vers 8,11 im strikten theologischen Sinne vergibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Autorin nutzt einen vergleichenden exegetischen Ansatz, inklusive eines Übersetzungsvergleichs, einer historisch-kritischen Textgeschichtsanalyse und einer systematischen Untersuchung der Schlüsselbegriffe.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Textanalyse, die Untersuchung des Sündenbegriffs im Johannesevangelium und eine spezifische Interpretation der Verse 8,7 und 8,11 hinsichtlich ihrer Vergebungs- und Urteilsdimensionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Johannesevangelium, Ehebrecherin, Sünde, Vergebung, Barmherzigkeit und Exegese definiert.
Warum wird die Perikope in älteren Handschriften nicht gefunden?
Die Forschung legt nahe, dass der Text möglicherweise aus inhaltlichen Gründen weggelassen wurde, da Jesu Verhalten für die strenge Sexualmoral der frühen Kirche als zu anstößig empfunden wurde.
Ist der Vers „Wer von euch ohne Sünde ist...“ eine explizite Vergebung?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass es primär um eine Aufhebung der Anklage und die Einladung zu einem Neuanfang geht, wobei der Vers als „Wort der Vergebung“ zu verstehen ist, das den Menschen befreien möchte.
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- Juliane Richter (Author), 2021, Exegese zu Johannes 7,53–8,11, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1183370