„Das Prestige Thomas Buddenbrooks war anderer Art. Er war nicht nur er selbst;
man ehrte in ihm noch die unvergessenen Persönlichkeiten seines Vaters,
Großvaters und Urgroßvaters[…]. Die leichte, geschmackvolle und bezwingende
liebenswürdige Art freilich, in der er ihn [einen hundertjährigen Bürgerruhm, Anm. d.
Verf.] repräsentierte und verwertete, war wohl das Wichtigste; und was ihn
auszeichnete, war ein selbst unter seinen gelehrten Mitbürgern ganz
ungewöhnlicher Grad formaler Bildung, der, wo er sich äußerte, ebenso viel
Befremdung wie Respekt erregte…“ (Thomas Mann 1901: S. 410). Vor rund 150
Jahren konnten gutbürgerliche Abstammung inklusive Familienbesitz und gute
Manieren genügen, um Firma und Familie über Generationen hinweg Reichtum zu
bescheren. Anders als heute, war damals Firma und Familie eben meist synonym
zu verstehen, es brauchte keine Bildungstitel. Vielmehr entschied in geschäftlichen
Verbindungen und bei gesellschaftlichen Anlässen zumeist der Habitus einer
Person über Ausgang und Erfolg der Absichten. Heutzutage hingegen sind
Bildungstitel das alles entscheidende Kriterium für den Aufstieg in die wirtschaftliche
Elite. Oder nicht? Hat sich möglicherweise gar nicht so viel verändert?
Zwar ist es bei den Buddenbrooks eine Reihe von Faktoren, die den Niedergang der
Firma bestimmen. Doch spielt die von Generation zu Generation schwindende
kaufmännische bzw. unternehmerische Begabung eine tragende Rolle für den
Zerfall. Elitäre Bildungstitel hätten an diesem Prozess sicher kaum etwas ändern
können.
Die vorliegende Arbeit wird sich im Folgenden nicht mehr mit dem Werk Thomas
Manns beschäftigen, sondern vielmehr die gegenwärtige Wirtschaftselite
betrachten.
[...]
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Theoretischer Teil
Bourdieus Modell des sozialen Raumes und der sozialen Klassen
III. Empirischer Teil
1. Herkunft und Rekrutierung von Topmanagern im internationalen Vergleich
1.1. USA
1.1.1. Rekrutierung
1.1.2. Herkunft
1.2. Großbritannien
1.2.1.Rekrutierung
1.2.2.Herkunft
1.3. Frankreich
1.3.1.Rekrutierung
1.3.2.Herkunft
1.4. Zwischenfazit
2. Deutschland
2.1. Rekrutierung
2.2. Herkunft
2.3. Der klassenspezifische Habitus
IV. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die soziologischen Aspekte der Herkunft und Rekrutierung von Topmanagern im internationalen Vergleich, um strukturelle Muster der Elitenbildung zu identifizieren und die Rolle des klassenspezifischen Habitus bei der Besetzung von Führungspositionen zu beleuchten.
- Analyse der Rekrutierungsmuster in den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland.
- Anwendung des Habitus-Konzepts nach Pierre Bourdieu auf die Wirtschaftselite.
- Untersuchung der Bedeutung von Bildungstiteln und sozialen Herkunftsmerkmalen.
- Gegenüberstellung von Bildungssystemen als Selektionsinstrumente.
- Betrachtung des Einflusses von Vertrauen und „Stallgeruch“ bei Managemententscheidungen.
Auszug aus dem Buch
1.1.1.Rekrutierung
In den USA gibt es rund 3500 Universitäten, darunter bessere und schlechtere. Bei dem Gedanken an das US-amerikanische Hochschulsystem fällt der Blick allerdings meist auf eine Handvoll bekannter Universitäten. In verschiedenen Rankings haben sich ca. 10 bis 20 private Eliteuniversitäten herausgebildet, die an der Spitze der Hochschullandschaft stehen (darunter z.B. das Massachusetts Institute of Technologie MIT oder die Stanford University). Noch elitärer wird der Kreis der „Ivy League“. Die acht Universitäten Brown, Columbia, Cornell, Dartmouth, Harvard, Pennsylvania, Princeton und Yale bilden unter dieser Bezeichnung eine Riege der absoluten Topeinrichtungen des Landes. Doch selbst innerhalb dieser Klassifikation gibt es primi inter pares. Die „Big Three“ Princeton, Harvard und Yale machen die Crème de la Crème amerikanischer Universitäten aus und sind gleichsam die Speerspitze der internationalen Wissenschaft und Forschung.
Für eine Spitzenposition in der amerikanischen Wirtschaft sollte man studiert haben. 80 bis 95 Prozent der Spitzenmanager haben an einer Universität studiert. Dabei steigt der Prozentsatz der Absolventen der Eliteeinrichtungen, je höher die Position der Spitzenmanager ist.
Bereits in den 60er Jahren kamen 20% der Topmanager von den Big Three (Hartmann 2001: S.8 nach Pearson: 1969). An dieser elitären Rekrutierung hat sich bis heute nichts geändert, die Konzentration auf wenige Elitebildungsstätten ist sogar noch gestiegen.
Von den CEO der 100 größten US- Konzerne 1995 weisen 28 einen Abschluss an einer der Ivy- League Universitäten auf, wobei 12 davon allein auf Harvard entfallen. Weitere 11 haben an einer der fast ebenso angesehenen privaten Universitäten MIT, Stanford, Chicago, Carnegie Mellon, Northwestern und John Hopkins studiert (Hartmann 2001).
Etwas anders gesagt hat ein Drittel der Spitzenmanager auf nur neun und ein Viertel sogar auf nur vier von 3500 Universitäten studiert (Hartmann 2001).
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Wirtschaftselite ein und stellt den Bezug zum soziologischen Konzept des Habitus her, während die Relevanz der Untersuchung von Rekrutierungsmustern hervorgehoben wird.
II. Theoretischer Teil: Dieses Kapitel erläutert Bourdieus Modell des sozialen Raumes, die Kapitalformen und den Begriff des klassenspezifischen Habitus als theoretisches Fundament der Arbeit.
III. Empirischer Teil: Der empirische Teil untersucht detailliert die Rekrutierungspraktiken und Herkunft von Topmanagern in den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland unter Anwendung der theoretischen Konzepte.
1. Herkunft und Rekrutierung von Topmanagern im internationalen Vergleich: Einleitendes Kapitel zum internationalen Vergleich, das die zentralen Länder und ihre Ansätze in den Fokus rückt.
1.1. USA: Analyse der Bedeutung von Elite-Universitäten (Ivy League) als zentrale Selektionsmechanismen bei der Besetzung von CEO-Posten.
1.1.1. Rekrutierung: Detaillierte Untersuchung der Konzentration auf wenige Elite-Bildungsstätten im US-amerikanischen Management.
1.1.2. Herkunft: Erörterung der sozialen Selektion durch hohe Studiengebühren und Auswahlverfahren, die den Nachwuchs der Oberschicht begünstigen.
1.2. Großbritannien: Darstellung der Bedeutung von Public Schools und Elite-Universitäten für die britische Wirtschaftselite.
1.2.1.Rekrutierung: Analyse der Rolle von Oxford und Cambridge sowie alternativer Ausbildungswege für britische Topmanager.
1.2.2.Herkunft: Untersuchung der sozialen Herkunft und der Bedeutung des frühen Bildungsweges für den Zugang zur oberen Gesellschaftsklasse.
1.3. Frankreich: Analyse des französischen Sonderfalls der Grandes Écoles und deren zentraler Bedeutung für die Rekrutierung.
1.3.1.Rekrutierung: Darstellung der exklusiven Rolle der Grandes Écoles als Eliteschulen für die französische Führungsetage.
1.3.2.Herkunft: Erörterung der trotz formaler Öffnung bestehenden sozialen Selektion, die den Nachwuchs der Classe dominante bevorzugt.
1.4. Zwischenfazit: Zusammenfassung der Gemeinsamkeiten in den untersuchten Ländern bezüglich der Bedeutung von institutionalisiertem kulturellem Kapital.
2. Deutschland: Analyse der deutschen Besonderheiten bei der Rekrutierung, die sich durch das Fehlen expliziter Eliteinstitutionen auszeichnen.
2.1. Rekrutierung: Darstellung der gestiegenen Bedeutung akademischer Abschlüsse bei gleichzeitiger Verteilung über ein breiteres Hochschulspektrum.
2.2. Herkunft: Untersuchung der sozialen Herkunft deutscher Spitzenmanager und der Dominanz des gehobenen Bürgertums.
2.3. Der klassenspezifische Habitus: Erörterung, wie in Deutschland der Habitus als direktes Entscheidungskriterium für Vertrauen und Besetzung fungiert.
IV. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert über die Veränderbarkeit der Rekrutierungsstrukturen in der Wirtschaft.
Schlüsselwörter
Wirtschaftselite, Topmanagement, Rekrutierung, Pierre Bourdieu, Habitus, soziales Kapital, kulturelles Kapital, Bildungstitel, soziale Selektion, Klassengesellschaft, internationales Management, Unternehmensführung, Elitebildung, USA, Deutschland.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert soziologische Muster bei der Herkunft und Rekrutierung von Topmanagern in einem internationalen Vergleich zwischen den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Mittelpunkt stehen die Bedeutung von Bildungsabschlüssen, die Rolle sozialer Herkunft und der Einfluss des klassenspezifischen Habitus nach Pierre Bourdieu auf den Zugang zu Führungspositionen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie unterschiedliche Länder durch Bildungssysteme oder den Habitus soziale Exklusivität in Wirtschaftseliten reproduzieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine soziologische Analyse auf Basis der Theorie von Pierre Bourdieu durchgeführt, unterstützt durch Literaturanalysen und den Vergleich empirischer Daten zu Karrierewegen von Führungskräften.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Rahmen zu Bourdieus Kapitalbegriff und eine empirische Analyse der Rekrutierung in den vier genannten Ländern, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf dem deutschen Management liegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Habitus, Wirtschaftselite, soziale Selektion, kulturelles Kapital, Rekrutierungsmuster und internationale Vergleichsstudien.
Warum spielt der Habitus in Deutschland eine so große Rolle?
Da in Deutschland spezialisierte Elite-Bildungseinrichtungen fehlen, fungiert der klassenspezifische Habitus als direkter Indikator für Vertrauen, das in den Chefetagen für Entscheidungen unerlässlich ist.
Was bedeutet „Stallgeruch“ im Kontext der Manager-Rekrutierung?
Der „Stallgeruch“ bezieht sich auf eine geteilte soziale Herkunft und das damit verbundene Auftreten, was für Vorstände als Vertrauensbasis bei geschäftlichen Verhandlungen dient.
- Quote paper
- Björn Hentschel (Author), Josephine Lukowsky (Author), 2008, Herkunft und Rekrutierung von Topmanagern im internationalen Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118561