Das Mutter-Tochter-Motiv in "Effi Briest" von Theodor Fontane


Hausarbeit, 2021

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Mutterfigur in der Literatur des 19. Jahrhunderts

3. Die Parallelisierung des Mutter-Tochter-Verhältnisses im Kontext der Liebesthematik
3.1 Effis Beziehung zu ihrer Mutter Luise von Briest
3.2 Effis Beziehung zu ihrer Tochter Annie von Instetten
3.3 Die beiden Mutter-Tochter-Beziehungen im Vergleich

4. Die Verknüpfung des Liebes- und Krankheitsdiskurses

5. Der Mutterdiskurs in Liedern, Gedichten und Redewendungen

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der 1895 veröffentlichte bürgerliche Roman von Theodor Fontane, Effi Briest, welcher als Höhe- und Einschnittpunkt des deutschsprachigen poetischen Realismus zählt, erzählt von Ehebruch und sozialer Ächtung sowie deren Folgen für die Hauptfigur Effi, zur Zeit des bismarckschen Deutschlands. Es ist eines der ersten literarischen Werke, in welchem eine Frau die Hauptfigur darstellt. Auch weist der Roman einen besonders hohen Anteil an weiblichen Figuren im Personenensemble auf.

Diese Arbeit befasst sich mit verschiedenen Ebenen und Motiven des Mutter-Tochter-Sujets. Es soll der Fragestellung nachgegangen werden, wie das Mutter-Tochter-Motiv dargelegt und charakterisiert wird. In diesem Kontext wird insbesondere der Liebes- und Glücksdiskurs zentral behandelt.

Im zweiten Kapitel wird zunächst auf die Mutterfigur in der Literatur des 19. Jahrhunderts eingegangen. Beleuchtet wird hierbei die idealisierte Mutterrolle der Zeit. Im hierauf folgenden Kapitel werden Parallelen und Abweichungen im Charakter von Effi und ihrer Mutter Luise von Briest sowie von Effi und ihrer eigenen Tochter Annie von Instetten beleuchtet. In diesem Zusammenhang werde ich insbesondere näher auf die Beziehung der genannten Romanfiguren zueinander eingehen und die beiden Mutter-Tochter-Verhältnisse miteinander vergleichen. Weiterführend wird in Kapitel 4 der Zusammenhang zwischen dem Liebes- und Krankheitsdiskurs näher erörtert, welcher eng mit der Fragestellung verknüpft ist. In diesem Zusammenhang wird vor allem Effis Rückkehr nach Hohen-Cremmen, nachdem sie einige Jahre alleine in Berlin gelebt hat, fokussiert. Im fünften Kapitel wird das Muttermotiv in Liedern, Gedichten und Redewendungen des Romans aufgegriffen und analysiert. Abschließend werden im letzten Kapitel dieser Arbeit die wichtigsten inhaltlichen Punkte noch einmal zusammengefasst und in Bezug auf die Fragestellung beleuchtet.

2. Die Mutterfigur in der Literatur des 19. Jahrhunderts

Im Zuge des Diskurses um die geschlechtsspezifische Unterscheidung zwischen Mann und Frau entstand seit Anfang des 18. Jahrhunderts auch ein neues Interesse an der Mutterschaft. Der Begriff der Mutterliebe wurde erstmals thematisiert.

Die Mutter steht vor allem für den Erhalt der Gesellschaft (vgl. Catani 119). Bis ins 20. Jahrhundert gilt die Mutterrolle weiterhin als die einzig „legitime weibliche Existenzform“ (ebd.). Möbius schreibt hierzu: „[Die Natur] hat gewollt, dass das Weib Mutter sei, und hat alle ihre Kräfte auf diesen Zweck gerichtet. Versagt das Weib den Dienst der Gattung, […] so wird es mit Siechtum bestraft.“ (Möbius 15f.) Die Mutter sei von Natur aus rein und um dies zu bewahren wurde sie insbesondere in der Literatur als geistlos und passiv charakterisiert. Sexualität und eine Wirkungsfunktion außerhalb des Privaten wurden ihr in diesem Zusammenhang ebenfalls abgesprochen (vgl. Catani 120). „So ist es zu erklären, dass das Bild der Madonna als jungfräuliche Mutter, als reine trieblose, nur liebende Mutter-Frau bis ins 20. Jahrhundert zum Idealbild des Weiblichen schlechthin wird.“ (Roebling / Mauser 13) Durch die symbolische Zuschreibung der Mutter als Sinnbild des Heiligen wird dieser insbesondere die Generierung einer eigenen Identität entsagt (vgl. Catani 119f.).

In der Literatur um 1900 tritt die Figur der Mutter zunehmend auch abweichend vom idealisierten Bild der Mutter auf. Thematisiert wird die Mutter in ihrem Charakter und ihrer Identität, also außerhalb der Mutterrolle, vor allem, wenn diese von der klassischen Rollenzuweisung abweicht. Die häufig als Femme Fatale charakterisierte Mutter führt so jedoch auch zu gesellschaftskritischen Momenten (vgl. Catani 121).

3. Die Parallelisierung des Mutter-Tochter-Verhältnisses im Kontext der Liebesthematik

Effis Mutter Luise verzichtete, im Alter von ungefähr achtzehn Jahren, auf ihre Liebe zu Baron von Instetten und wurde stattdessen mit dem älteren und ranghöheren Herrn von Briest verheiratet. Trotzdem lässt sie ihre eigene Tochter ihren Ehemann nicht selbst aussuchen. So unterliegen beide Frauen demselben Schicksal, einer Ehe ohne echte Liebe (vgl. Catani 123). Effi, welche selbst die einzige Tochter ihrer Eltern ist, bekommt in ihrer Ehe ebenfalls nur eine Tochter. Diese Parallelisierung ist besonders interessant, da so das Verhältnis zwischen Effi und ihrer Mutter Luise sowie zwischen Effi und ihrer eigenen Tochter Annie in Bezug zueinander gesetzt und miteinander verglichen werden können. Die dabei deutlich werdenden Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Mutter-Tochter-Verhältnisse sind besonders prägend für den Roman. Die Parallelen lassen eine Reflexion und die Unterschiede ein Kontrastgefälle von Gefühlen, Handlungen und Situationen entstehen. Beide Verhältnisse sind auf emotionaler Ebene defizitär und somit wichtige Motive der Liebesthematik, die in Fontanes Roman auf mehreren Ebenen behandelt wird. Insbesondere wird dahingehend jedoch das Fehlen von Liebe thematisiert. Diese drückt sich in der Lieblosigkeit der Ehe von Effi und Geert von Instetten sowie in der Mutter-Tochter-Beziehung von Effi und Luise sowie von Effi und ihrer eigenen Tochter Annie aus. Wobei Lieblosigkeit in diesem Kontext ein nicht ganz passender Begriff zu sein scheint. Denn auf den Leser wirkt es, als würde es nicht an Liebe zu der anderen Person mangeln, sondern als stünden vor allem die gesellschaftlichen Normen und Werte im Weg, um dieser Ausdruck zu verleihen und nach ihr zu handeln.

Im Folgenden werden die genannten Beziehungen vor dem Hintergrund der Liebesthematik analysiert.

3.1 Effis Beziehung zu ihrer Mutter Luise von Briest

Der leitmotivische Charakter der Mutter-Tochter-Beziehung in Fontanes Effi Briest wurde in der literaturwissenschaftlichen Forschung mehrfach betont. Gesprochen wird von einer besonderen Schuld, welcher Luise am Tod ihrer Tochter zukommt. Christoph Miething, Professor für Romanistik an der Universität Münster, schreibt 1994 in seinem Aufsatz Drei Frauen, drei Romane, dreimaliger Tod: Eine Reflexion zum Problem des Schönen in der Moderne, dass nicht Effi die eigentliche Hauptfigur in Fontanes Roman sei, sondern „die mörderische Mutter, die Briestin“ (365).

„[A]n Tagen aber, wo die Sonne niederbrannte, wurde die Gartenseite ganz entschieden bevorzugt, besonders von Frau und Tochter des Hauses, die denn auch heute wieder auf dem im vollen Schatten liegenden Fliesengange saßen“ (Fontane 5). Interessant ist, dass Fontanes Roman mit einer Szene, in welcher Luise und Effi zu zweit auftreten, beginnt. Sie arbeiten zusammen an der Herstellung eines Altarteppichs.

[A]ber während die Mutter kein Auge von der Arbeit ließ, legte die Tochter, die den Rufnamen Effi führte, von Zeit zu Zeit die Nadel nieder und erhob sich, um unter allerlei kunstgerechten Beugungen und Streckungen den ganzen Kursus der Heil- und Zimmergymnastik durchzumachen. Es war ersichtlich, dass sie sich diesen absichtlich ein wenig ins Komische gezogenen Übungen mit ganz besonderer Liebe hingab (Fontane 6).

Zu Beginn des Romans sitzt Effi nur ungern lange still und ist selten ernst und sachlich. Auch ist sie im Gegensatz zu ihrer Mutter sehr verträumt. „Effi […] lebt in ihren Vorstellungen und Träumen“ (Fontane 23), reflektiert Luise auf ihrer gemeinsamen Reise nach Berlin. „[P]hantasiereich wie sie war“ (ebd. 28), „ganz wie ein Märchen“ (ebd. 168), „»[…] es war ganz wie ein Märchen.«“ (ebd. 28) beschreibt Effi die Theateraufführung des Aschenbrödels, die Effi und Luise an ihrem letzten Abend in Berlin sehen. „Und diesen heiteren Phantasien entsprach denn auch ihre Haltung“ (ebd. 22); „»[…] Denn ich kenne dich ja. Du bist eine phantastische kleine Person, malst dir mit Vorliebe Zukunftsbilder aus, und je farbenreicher sie sind, desto schöner und begehrlicher erscheinen sie dir. […] Es kommt dir vor wie ein Märchen, und du möchtest eine Prinzessin sein.«“ (Fontane 31), sagt Luise zu Effi einige Wochen vor der Hochzeit. Luise ist sehr viel ernster und strenger und doch scheint sie ebenfalls einen Hang zum Abenteuer zu haben. „Ich werde mich aber hüten dir nachzuklettern, ich bin nicht so waghalsig. Jahnke hat ganz recht, wenn er immer sagt, du hättest zu viel von dem Bellingschen in dir, von deiner Mama her.“ (ebd. 14)

Luise von Briest spricht ihre Tochter meist mit „meine liebe Effi“ (Fontane 31) an. Auffällig ist, dass insbesondere, wenn Luise negativ auf Effi zu sprechen ist und diese kritisiert, sie jene euphemistische Formulierung verwendet (vgl. Müller 91). Auch Effi spricht ihre Mutter mit „liebe Mama“ (Fontane 29) an. Dies tut sie jedoch seltener und auch nicht um eine unangenehme Situation zu beschönigen (vgl. Müller 91). Interessant ist hier das Wort liebe , denn besonders liebevoll ist Luises Handeln, Effi gegenüber, nicht. Das Verhältnis zu Effi scheint gekennzeichnet von der Verwirklichung eigener Träume durch die Tochter sowie von Ambivalenz und Wettstreit (vgl. Müller 90f.). „Du wirst deine Mama weit überholen“ (Fontane 180), sagt Luise zu Effi, nach Instettens Heiratsantrag, im Vertrauen. Mit Sicht auf Fontanes Anglophilie ist der Name Instetten in diesem Zusammenhang bedeutsam. Das englische Wort „instead“ ist diesem lautlich sehr ähnlich. Statt Luise, welche in ihrer Jugend ein Verhältnis mit Instetten gehabt hatte, heiratet nun Effi diesen (vgl. Hellberg 373). Beim Verlobungsmahl reflektiert Luise über die Heirat: „[S]ie hatte es nicht sein können, nun war es statt ihrer die Tochter – alles in allem ebensogut oder vielleicht noch besser.“ (Fontane 18) Die gesellschaftliche Stellung ihrer Tochter scheint Luise sehr wichtig zu sein.

Effi und Luise beschließen für einige Tage nach Berlin zu verreisen, um Besorgungen für die Ausstattung von Effis und Instettens gemeinsamem Hausstand zu machen. Beide sehen der bevorstehenden Reise freudig entgegen: „Effi freute sich sehr auf den Aufenthalt in Berlin“ (Fontane 22). In Berlin verbringen sie viel Zeit mit Effis Vetter, welcher mit seiner lockeren Art und seinem Witz wie ein Ruhe- und Harmoniepol zwischen Mutter und Tochter wirkt und so „kleine Differenzen immer rasch auszugleichen [versteht].“ (ebd. 23) „An solch Meinungsverschiedenheiten zwischen Mutter und Tochter war nun, wie das so geht, all die Zeit über kein Mangel“ (ebd.). „Es waren glückliche Tage gewesen“ (ebd. 24). „Es waren himmlische Tage“ (ebd. 23). Der gemeinsamen Reise scheint, aufgrund der Unbeschwertheit, ein wegweisendes Moment inhärent zu sein.

Luise weiß, dass Effi noch sehr jung ist und, dass diese Instetten nicht kennt und merkt, dass sie auch noch kurz vor der Hochzeit wenig Interesse an ihm zeigt. Dies bereitet ihr zwar Sorgen und sie spricht mit ihrem Mann darüber und doch entscheidet Luise sich nicht gegen die Heirat.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Mutter-Tochter-Motiv in "Effi Briest" von Theodor Fontane
Hochschule
Universität Hamburg
Veranstaltung
52-251 DIGITAL: ‚Wie bist du, Weib?‘ – Frauenbilder um 1900
Note
1,7
Autor
Jahr
2021
Seiten
18
Katalognummer
V1185675
ISBN (eBook)
9783346614728
ISBN (Buch)
9783346614735
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theodor Fontane, Effi Briest, Frauenbilder um 1900, Literatur der Jahrhundertwende, Germanistik, Master, Hausarbeit, Mutter-Tochter-Verhältnis, Femme Fatale
Arbeit zitieren
Lea Väisänen (Autor:in), 2021, Das Mutter-Tochter-Motiv in "Effi Briest" von Theodor Fontane, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1185675

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