Zahlreiche Interpretationen des „Blonden Eckbert“ erschöpfen sich in der Gattungsfrage oder diskutieren den Sinn bzw. Unsinn des Zusammenhanges der einzelnen Handlungsebenen. Mein Interesse gilt in dieser textimmanenten Analyse - neben einer Interpretation - vor allem dem Nachweis, daß bereits mit dem „Blonden Eckbert“ eine Wende im Literatur- und Weltverständnis einsetzt, und daß sich dieses Werk eben nicht nur nach den Maßstäben der traditionell romantischen Literaturdiktion verstehen läßt, sondern daß es in spezifischer Weise dem Einfluß der Moderne Rechnung trägt. Eine Ambivalenz, die lange verkannt worden ist. So beurteilt beispielsweise Emil Staiger1 die wiederkehrende Liedstrophe alleinig nach romantischem Literaturverständnis: „Die Stimmung wiederum wird, wie in der späteren hochromantischen Lyrik, gefestigt durch eine Art Refrain...“ und kommt zu dem Schluß: „Als Ganzes ist dieses Lied in sämtlichen Variationen nicht viel wert“. Ein wirkliches Umdenken zeichnet sich meines Erachtens erst seit den Arbeiten Marianne Thalmanns (u.a. Das Märchen und die Moderne, 1961) ab. Ich versuche mit dieser Arbeit herauszustellen, wie sich das Wechselspiel von Vormoderne und Moderne im Text selbst, in einer Differenz von Inhalt und Form, niederschlägt.
Während die Vertreter der Weimarer Klassik den Verlust der ganzheitlichen Welt im einheitlichen Kunstwerk, in der strengen Form, auszugleichen versuchten2, so weist die Forderung der Frühromantiker nach einer „progressiven Universalpoesie“3, die „alle getrennten Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen“4 hätte, zwar in die selbe Richtung, überschreitet aber die maßvolle Begrenzung des klassizistischen Kunstwerkes bei weitem, und ist somit sowohl als ein Reflex auf die Verbürgerlichung der Gesellschaft als auch auf die Manifestation der Klassik zu sehen. „Die romantische Dichtart ist noch im Werden; ja das ist ihr eigentliches Wesen, daß sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann. (...) Sie allein ist unendlich, wie sie allein frei ist und das als ihr erstes Gesetz anerkennt, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide.“5 Tieck geht noch einen Schritt weiter. Er läßt „die hergebrachte Rahmenerzählung aus der Binnenhandlung heraus zerstören. Das Zerbrechen der Erzählform führt zu Form-Experimenten, die bereits auf Erzählweisen des zwanzigsten Jahrhunderts vorausdeuten.“ [...]
Inhaltsverzeichnis
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Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Ludwig Tiecks Erzählung „Der blonde Eckbert“ unter dem Aspekt einer literaturwissenschaftlichen Deutung, um den Nachweis zu erbringen, dass dieses Werk bereits eine Wende im Literatur- und Weltverständnis einleitet und durch eine spezifische Ambivalenz dem Einfluss der Moderne Rechnung trägt.
- Analyse des Wechselspiels von Vormoderne und Moderne im Text.
- Untersuchung der Differenz von Inhalt und Form als Gestaltungselement.
- Betrachtung der Figurencharakterisierung und ihrer psychologischen Dimensionen.
- Deutung der Landschaft als Spiegel seelischer Zustände und deren Einfluss auf die Erzählstruktur.
- Kritische Einordnung des „Blonden Eckbert“ als Parabel der Menschheitsgeschichte.
Auszug aus dem Buch
Die Ambivalenz von Vormoderne und Moderne
Zahlreiche Interpretationen des „Blonden Eckbert“ erschöpfen sich in der Gattungsfrage oder diskutieren den Sinn bzw. Unsinn des Zusammenhanges der einzelnen Handlungsebenen. Mein Interesse gilt in dieser textimmanenten Analyse - neben einer Interpretation - vor allem dem Nachweis, daß bereits mit dem „Blonden Eckbert“ eine Wende im Literatur- und Weltverständnis einsetzt, und daß sich dieses Werk eben nicht nur nach den Maßstäben der traditionell romantischen Literaturdiktion verstehen läßt, sondern daß es in spezifischer Weise dem Einfluß der Moderne Rechnung trägt. Eine Ambivalenz, die lange verkannt worden ist. So beurteilt beispielsweise Emil Staiger die wiederkehrende Liedstrophe alleinig nach romantischem Literaturverständnis: „Die Stimmung wiederum wird, wie in der späteren hochromantischen Lyrik, gefestigt durch eine Art Refrain...“ und kommt zu dem Schluß: „Als Ganzes ist dieses Lied in sämtlichen Variationen nicht viel wert“.
Ein wirkliches Umdenken zeichnet sich meines Erachtens erst seit den Arbeiten Marianne Thalmanns (u.a. Das Märchen und die Moderne, 1961) ab. Ich versuche mit dieser Arbeit herauszustellen, wie sich das Wechselspiel von Vormoderne und Moderne im Text selbst, in einer Differenz von Inhalt und Form, niederschlägt.
Zusammenfassung der Kapitel
Die Analyse: Die Arbeit beleuchtet die Zersplitterung des Individuums bei Tieck und die Vorwegnahme moderner Erzählweisen sowie die symbolische Bedeutung der Natur als unheimliche Innenwelt.
Schlüsselwörter
Ludwig Tieck, Der blonde Eckbert, Romantik, Moderne, Literaturanalyse, Vormoderne, Subjektivität, Schuld, Erzählform, Naturdarstellung, Psychologie, Wahnsinn, Identität, Entfremdung, Reflexion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit liefert eine textimmanente Deutung von Ludwig Tiecks Erzählung „Der blonde Eckbert“ mit dem Fokus auf den Übergang von romantischen zu modernen Erzählstrukturen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Thematisierung der gespaltenen Identität, das Scheitern romantischer Erlösungsbotschaften und das Zerbrechen der herkömmlichen Erzählform.
Was ist das primäre Ziel der Analyse?
Das Ziel ist der Nachweis, dass Tiecks Erzählung durch eine spezifische inhaltliche und formale Ambivalenz bereits Aspekte der literarischen Moderne vorwegnimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine textimmanente Analyse, die den literarischen Text auf seine inneren Widersprüche und strukturellen Brüche hin untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Charakterisierung der Protagonisten, die Bedeutung des Unheimlichen, die Funktion der Landschaft sowie die Schuldfrage als zentrales Handlungsmotiv.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Subjektivität, moderne Erzählform, Schuld, Entfremdung und die Differenz zwischen Schein und Realität.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des „Wunderbaren“?
Die Autorin argumentiert, dass das Wunderbare bei Tieck nicht isoliert steht, sondern integraler Bestandteil des Alltags ist und dazu dient, seelische Konflikte zu veranschaulichen.
Welche Bedeutung kommt der „Geisterstunde“ zu?
Das romantische Stilmittel der Geisterstunde dient hier nicht als Selbstzweck, sondern als Medium, um den seelischen Konflikt der Protagonisten und deren Verdrängungsprozesse offenzulegen.
- Arbeit zitieren
- Jana Kullick (Autor:in), 1995, Ludwig Tieck - Der blonde Eckbert -- Versuch einer Deutung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11864