Die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika

Gesellschaftliche, politische und soziale Themen im Vorfeld der WM


Bachelorarbeit, 2007

53 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1. Einleitung
1.1 Südafrika- ein Überblick
1.2 Die FIFA

2. Die Vergabe der WM 2010
2.1 Eine erfolglose Bewerbung
2.2 Südafrika hat den Zuschlag

3. Die Themen
3.1 Die Stadien
3.2 Die Infrastruktur
3.3 Die Sicherheit

4. Zusammenfassung
4.1 praktische Konsequenzen
4.2 Spekulationen
4.3 Fazit

5. Literatur- und Quellenverzeichnis
5.1 Abbildungsverzeichnis

Abstract

Dank der eindeutigen Wahl des FIFA-Komitees im Jahre 2004 wird Südafrika im Jahr 2010 die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft™ ausrichten. Diesem Großereignis stehen jedoch Hindernisse im Weg, die in der Vorberichterstattung verdeutlicht werden. Der Aufgabenkatalog der FIFA sieht vor, dass ohne Verzögerung und Abweichung alle Richtlinien erfüllt werden sollen. Südafrika bemüht sich trotz Pannen um den reibungslosen Ablauf, doch die Pressemeldungen sind unerbittlich. Der Stadienbau hat sich als eine sehr große finanzielle Belastung für Südafrika herausgestellt. Es bleibt fraglich, ob sich die Neubauten im gesamten Land rentieren. Besonders die ärmere Bevölkerungsschicht sieht in der WM-Ausrichtung die Chance für einen positiven Impuls. Und doch wägen Kritiker aufgrund der horrenden Kosten den Nutzen mit den Nachteilen ab. Letztendlich stellt sich die Frage, ob die südafrikanische Fußball-Weltmeisterschaft tatsächlich in einer so tadelnswerten Vorbereitungsphase steckt, wie sie von der Presse geschildert wird. Ebenfalls fraglich ist der ersehnte Nutzen, der sich aus der ausgerichteten WM ergeben soll. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten schreiten die Stadienbauten voran und es werden alle Anstrengungen unternommen, damit an einer einwandfreien Weltmeisterschaft kein Zweifel aufkommt. Durch eine tadellose WM-Ausrichtung soll der Welt das Potential Afrikas präsentiert und somit für einen unvorstellbaren Aufschwung gesorgt werden. Letztendlich bleibt es abzuwarten, wie sich Südafrikas milliardenschweres Projekt entwickelt.

1. Einleitung

Fünf Sommerwochen lang bot Deutschland der Welt ein großartiges Fußballfest. Milliarden Menschen rund um den Erdball waren von der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™ begeistert. Die erste FIFA WM™ im nicht mehr geteilten Deutschland war ein außergewöhnlicher Erfolg, der das Gastgeberland als heitere, weltoffene Nation zeigte. Nun geht die Ehre, das wichtigste Fußballturnier der Welt auszurichten, an Südafrika über. Erstmals wird im Jahr 2010 die 19. FIFA Fußball-Weltmeisterschaft™ in Afrika stattfinden und der gesamte afrikanische Kontinent blickt voller gespannter Erwartung auf dieses Ereignis.

Die Messlatte für Südafrika wurde von Deutschland allerdings enorm hoch gelegt. Bei der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2006™ präsentierte sich Gastgeber Deutschland in bestem Licht. Die Organisatoren der Fußball-Weltmeisterschaft 2010™ werden sicher das gleiche Ziel anstreben. Bei der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft™ in Südafrika kann währenddem das Interesse am gesamten afrikanischen Kontinent geweckt werden. So wird die Welt 2010 nicht nur ein Land, sondern einen ganzen Kontinent feiern und jubeln sehen. Die nächste FIFA Fußball-Weltmeisterschaft™, so FIFA-Präsident Joseph S. Blatter, wird "eine afrikanische und eine südafrikanische Weltmeisterschaft".1

Die Ausrichtung einer FIFA Fußball-Weltmeisterschaft™ ist die Chance für den gesamten Kontinent. Schon jetzt gibt es weit reichende Unterstützung für Südafrikas Fußball- Weltmeisterschaft in Form von humanitären Projekten wie "In Afrika mit Afrika gewinnen" und dem "African Legacy Programme". Hier engagieren sich beispielsweise George Weah, Kofi Annan und Bill Clinton.

Doch natürlich stehen nicht nur diese internationalen Berühmtheiten hinter Südafrika, sondern auch die gesamte südafrikanische Regierung. Dies wurde besonders deutlich durch die Anwesenheit von Staatspräsident Thabo Mbeki bei der Zeremonie zur Enthüllung des Offiziellen Emblems am 7. Juli in Berlin. Er lud die Welt ein, sich 2010 selbst ein Bild zu machen und dabei zu sein.

In dieser Bachelorarbeit soll anhand der Vorberichterstattung geprüft werden, in wie weit die Aussichten für ein von den Medien prognostiziertes Scheitern einer erfolgreichen Fußball- Weltmeisterschaft gegeben sind. Da diese Arbeit dreieinhalb Jahre vor diesem Großereignis entsteht, verwende ich Zeitungsberichte und Internetartikel aus dem Grund, dass erstens noch keine vollständige Literatur zu dem bevorstehenden Ereignis erschienen ist und wahrscheinlich auch erst nach 2010 eine Bilanz gezogen werden kann. Zweitens lässt sich durch diese Quellenanalyse hervorragend betrachten, wie sich die betroffenen Personen und organisatorischen Abweichungen während der Vorbereitungen in der Presse äußern und welche Konsequenzen daraus zu befürchten sind. Dadurch lassen sich ebenfalls die Annahmen der FIFA und der Kritiker nachvollziehen. Die Zeitungsartikel zeigen zudem die anfänglichen Probleme und Zielsetzungen und deren Ausgang bis zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieser Bachelorarbeit.

Zunächst gehe ich auf die Situation Südafrikas mit Bezug auf die wichtigsten Bestandteile der WM ein. Dann folgt eine Vorstellung der FIFA mit Schwerpunkt auf Afrika. Dies soll verdeutlichen, warum eine südafrikanische Weltmeisterschaft so bedeutend für den afrikanischen Kontinent ist. Des Weiteren zeige ich die Umstände der Vergabe 2010 und der erfolglosen Bewerbung im Jahre 2000 auf. Schließlich werden die am Meisten in den Medien kritisierten Themen im Hinblick auf die Vorbereitungen der Weltmeisterschaft im Einzelnen behandelt. Diese häufig negative Berichterstattung über Südafrikas Fortschritte in Sachen Fußball-Weltmeisterschaft führte zu Zweifel in der deutschen Bevölkerung, wie auch bei Verantwortlichen für die WM, dass die Weltmeisterschaft 2010 reibungslos ablaufen könnte. Daher stellt sich die Frage, in wieweit eine erfolgreiche FIFA Fußball-Weltmeisterschaft™ in Südafrika realistisch erscheint. Südafrikas erste Fußball-Weltmeisterschaft ist ein außergewöhnliches Ereignis, so dass es sich optimal zur Berichterstattung eignet. Da Ereignisse nur dann zur Nachricht werden, wenn sie gehaltvoll sind, und sich diese Bachelorarbeit auf die Informationen aus der Presse stützt, werden die verwendeten Nachrichten unter dem Aspekt betrachtet, welche realistischen Konsequenzen aus der berichteten Situation zu erwarten sind. Da sich nur ein geringer Anteil der Informationen auf politische Themen bezieht, wird dieser Teil so gründlich wie möglich, jedoch verkürzt bearbeitet.

Natürlich kann Südafrika aufgrund ihres geschichtlichen Hintergrundes und ihrer jungen Demokratie nicht direkt mit Deutschland verglichen werden. Da aber die FIFA Richtlinien und die Pflichten, die sich daraus ergeben, in jedem Gastgeberland dieselben sind, ergibt sich die Frage, ob die jüngst in Deutschland aufgetretenen Effekte der WM, die mit dem Gastgeberstatus einhergingen, auch in Südafrika bei einer erfolgreichen WM zu erwarten sind. Ist die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2010™ fähig, Südafrikas Erwartungen zu erfüllen? Und ist Südafrika in der Lage, die Weltmeisterschaft in Ihrem Land den Erwartungen der Weltöffentlichkeit entsprechend auszurichten?

Diesen Fragen soll eine Prognose als Antwort dienen, die sich aus der Vorberichterstattung ableiten lässt.

1.1 Südafrika- ein Überblick

Südafrika ist ethnisch ein sehr gemischtes Land, dessen Bevölkerung alle Hautfarben aufweist. Es wird aufgrund dieser Vielfalt auch die Regenbogennation genannt. Da die verschiedenen Volksgruppen aber nicht immer konfliktfrei nebeneinander lebten, beherrschten ethnische Probleme und Unruhen zwischen der weißen Bevölkerungsminderheit und der schwarzen Mehrheit die Geschichte und Politik des Landes. Südafrika hat eine Fläche von 1.219.912 km², das entspricht ungefähr dem 3,4-fachen der Fläche Deutschlands.

Als wohlhabendes Schwellenland wird Südafrika von manchen Beobachtern (UN, EU) zur Ersten Welt gerechnet, während die ländlichen Gebiete in den ehemaligen Homelands eher noch einem Entwicklungsland ähneln.

Das Finanz- und Rechtssystem ist gut entwickelt und eine allgemein gut ausgebaute Infrastruktur (Kommunikations-, Energie- und Transportwesen) ist ebenfalls vorhanden. Obwohl die letzten zehn Jahre vom Wachstum geprägt waren, liegt die Arbeitslosenquote bei etwa 28% (Stand: Januar 2006)2, und auch die Nachwirkungen der Apartheid, vor allem Armut und wirtschaftliche Benachteiligung der nicht-weißen Bevölkerung, sind noch nicht beseitigt worden. Weitere Probleme sind eine hohe Kriminalitätsrate, Korruption und HIV/Aids.

Die beiden größten und wichtigsten Flughäfen des Landes liegen in Johannesburg und Kapstadt. Die staatliche südafrikanische Fluglinie South African Airways (SAA) bietet internationale Verbindungen von und zu diesen beiden Flughäfen an. Auch andere große internationale Fluggesellschaften fliegen täglich nach Johannesburg oder Kapstadt. Dazu bestehen für Inlandsflüge in Südafrika oder Flüge in afrikanische Nachbarstaaten viele Angebote. Des Weiteren werden außerdem kleinere Flughäfen wie Durban, Port Elizabeth, East London, Pretoria, Lanzeria oder Bloemfontein angeflogen .

In Südafrika verkehren auf einem 24.000 km langem Schienennetz der Spoornet regelmäßige Passagierzüge auf Nebenstrecken und zwischen den größeren Städten. Mit einer Ausnahme sind alle Nachbarländer von Südafrika aus mit grenzüberschreitendem Bahnverkehr zu erreichen. Für den Sonderfall Mosambik ist eine Bahnstrecke von Johannesburg nach Maputo in Bau.

Internationale Busverbindungen stellen die Linien Intercape Mainliner von Windhoek nach Kapstadt und Translux von Harare über Bulawayo nach Johannesburg her. Translux verkehrt wie die Greyhound Coach Lines, die Baz-Busse und Intercape auch innerhalb Südafrikas. Die Haltestellen sind oft flexibel .

In Südafrika herrscht Linksverkehr. Das Land verfügt mit Autobahnen in und zum Teil zwischen den Großstädten über ein gut ausgebautes Straßennetz, wie zum Beispiel die N3- Autobahn zwischen Johannesburg und Durban. Das gesamte Straßennetz umfasste 1999 etwa 364.100 km, wovon nahezu 62.900 km geteert sind. Große Teilabschnitte der Autobahnen des Landes sind heute gebührenpflichtig und mit einer gestaffelten Autobahngebühr je nach Fahrzeuggröße belegt. Da das öffentliche Transportsystem schlecht ausgebaut ist, sind viele Pendler auf Sammeltaxis, Busse oder den Individualverkehr angewiesen. Dies erhöht das Verkehrsaufkommen auf den Straßen erheblich und führt während der Hauptverkehrszeiten zu überfüllten Autobahnen und Staus in den Großstädten.

Im Jahr 2005 wurde der Tourismusanteil vom Bruttosozialprodukt schon auf mehr als 7% geschätzt. Im Jahr 2002 besuchten mehr als sechs Millionen Touristen das Land. Ungefähr 3% der erwerbstätigen Südafrikaner arbeiten in der Tourismusbranche, für die weitere Zuwachsraten prognostiziert werden. Am 13. Mai 2002 präsentierte der südafrikanische Umwelt- und Tourismusminister Mohammed Valli Moosa Leitlinien für eine verantwortungsvolle Tourismusentwicklung in Südafrika. Damit soll nicht nur der Tourismus im Lande gefördert, sondern vor allem die einheimische Bevölkerung in die Planung und Entwicklung des Tourismus einbezogen werden. Besonders die ärmeren Schichten sollen so direkter vom Tourismus profitieren.

Da für die Weltmeisterschaft Sportstätten unentbehrlich sind, sind die von der FIFA ausgewählten Stadien besonders relevant. Das FNB-Stadion, auch Soccer City genannt, ist das größte Stadion Südafrikas und befindet sich im Süd-Westen Johannesburgs nahe dem Messezentrum NASREC und dem Township Soweto in der Provinz Gauteng. Das Stadion, welches nach der First National Bank benannt ist, ist ein reines Fußballstadion und bietet derzeit Platz für ca. 80.000 Zuschauer. Das Ellis-Park-Stadium steht ebenfalls in Johannesburg. 1982 wurde das Stadion modernisiert und seitdem können 60.000 Zuschauer die Spiele besuchen. Im Stadion finden Fußball- und Rugbyspiele sowie Musik- Veranstaltungen statt. Das Free-State-Stadion, auch bekannt als Vodacom Park Stadium, ist die Heimspielstätte der Rugby-Mannschaften Free State Cheetahs in Bloemfontein. Rustenburg weist das Royal Bafokeng Stadium mit einer Kapazität von 40.000 Plätzen auf. Gebaut wurde das Stadion für die Rugby-Union-Weltmeisterschaft 1995 und wurde nach der Royal Bafokeng Nation benannt.

Alle weiteren für die Weltmeisterschaft bedeutenden Stadien werden momentan abgerissen, neu gebaut oder restauriert. Bei manchen von ihnen steht zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest, ob und wie sie überarbeitet oder gebaut werden sollen.

In Südafrikas Sport lässt sich, wie in nahezu allen anderen öffentlichen Bereichen, eine Trennung in ethnische Gruppen beobachten. Die mit Abstand populärste Sportart unter der schwarzen Bevölkerung ist Fußball. Da auch Weiße die Sportart auf hohem Niveau ausüben, war Fußball während der Zeit der Apartheid weniger stark von den ethnischen Abgrenzungen betroffen als beispielsweise das Rugby. Rugby gilt bislang als ausschließlich weißer Sport. Die südafrikanische Fußballnationalmannschaft Bafana Bafana, was übersetzt „unsere Jungs“ bedeutet, konnte sich seit dem Ende der Apartheid und der Wiederaufnahme in die FIFA zweimal, nämlich in den Jahren 1998 und 2002, für die Endrunde um die Fußball- Weltmeisterschaft qualifizieren. Ein weiterer Erfolg der Fußball-Nationalmannschaft ist der Gewinn der Afrikameisterschaft im Jahr 1996.

1.2 Die FIFA

Die Idee einer Fußballweltmeisterschaft wurde erstmals 1905 vom Niederländer Anton Willem Hirschmann auf der zweiten Versammlung der Fédéracion Internationale de Football Association (FIFA) vorgetragen. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich erst zwölf nationale Verbände unter dem Dach des 1904 in Paris gegründeten Weltverbandes. Bei den Olympischen Spielen 1908 in London war erstmals auch Fußball im Programm. Der erste Weltkrieg bereitete dem internationalen Spielen der FIFA-Macher ein unverhofftes Ende. Die Turniere von 1924 und 1928 dokumentierten die Möglichkeiten einer eigenständigen Fußballweltmeisterschaft. Das erste WM-Turnier wurde 1930 in Uruguay angepfiffen. Eigens für die WM ließ die Regierung in Montevideo das Estadio Centenario bauen.

Die WM 1950 geriet zum ersten wirklichen „Interkonti-Turnier“. Afrika, Asien und Ozeanien blieben jedoch auch bei den folgenden Turnieren weitgehend unberücksichtigt. 1966 war endlich das „Mutterland des Fußballs“ England Austragungsort einer Weltmeisterschaft. Die Qualifikation fand ohne Afrika statt. Da die FIFA-Führung Afrika und Asien nur einen gemeinsamen Platz zugestand, boykottierten 15 zunächst gemeldete afrikanische Länder die Veranstaltung. Südafrika wollte teilnehmen, wurde aber aufgrund seiner Politik der Apartheid von der FIFA ignoriert. 1974 wurde Afrika durch Zaire vertreten. Im Vorfeld der Veranstaltung wählte der im Frankfurt am Main tagende FIFA-Kongress mit dem Brasilianer Joao Havelange erstmals einen Nicht-Europäer an die Spitze des Weltverbandes. Havelanges Wahlkampf führte ihn durch 86 Länder, wobei er nicht nur die Stimmen Südamerikas, sondern auch Afrikas und Asiens gewann. Gegenkandidat war der amtierende Präsident Sir Stanley Rous. Bei den afrikanischen FIFA-Mitgliedern hatte Rous auf Grund seiner Anlehnung an das weiße Fußball-Establishment Südafrikas einen schweren Stand. Der afrikanische Regionalverband Confédération Africaine de Football (CAF) hatte die Football Association of South Africa (FASA), die den Fußball des Landes nach den Vorgaben des Apartheid-Systems organisierte, 1958 ausgeschlossen, nachdem die FASA sich geweigert hatte, beim African Cup ein Team mit Spielern unterschiedlicher Hautfarbe aufzubieten. Rous vertrat indes die Auffassung, dass sich die FASA lediglich nach den Sitten und Gesetzen Südafrikas richte und die FIFA sich nicht in die inneren Angelegenheiten des Landes einmischen dürfe. Havelange forderte hingegen, dass die FASA ihre Apartheidpolitik beenden müsse. Finanziell war die FIFA unter Havelange und dessen Nachfolger Joseph Blatter enorm erfolgreich. Diese Entwicklung fand jedoch von Anfang an Kritiker, denn Havelange erschlich sich Stimmen und stützte sich weitgehend auf Länder aus Lateinamerika und Afrika, denen vielfach Diktatoren oder autoritäre Regierungen vorstanden. Um seine Zusagen einlösen zu können, verbündete er sich zudem mit internationalen Firmen, die weltweit expandierten und dabei einheimische Produzenten verdrängten.

Außerdem verlagerten sie ihre Produktion zunehmend in arme Länder Asiens und Afrikas, um niedrigere Löhne zu zahlen.3 Als Havelange den Vorsitz der FIFA anstrebte, dominierten europäische Länder den Verband. Die Kräfteverhältnisse verschoben sich jedoch in den 1960er Jahren, als die ehemaligen Kolonialreiche zerfielen und vor allem in Afrika neue, unabhängige Staaten entstanden. Auf dem FIFA- Kongress 1976 in Montreal erfolgte dann tatsächlich der Ausschluss Südafrikas.

Von einem Weltturnier lässt sich eigentlich erst seit Frankreich 1998 sprechen. Neun der Endrundenteilnehmer kamen aus Afrika (5) und Asien (4). Die WM 2002 bedeutete eine Premiere. Erstmals wurde das Turnier in zwei Ländern ausgetragen: Südkorea und Japan.

Die Länder Asiens und Afrikas sind längst keine Außenseiter des Weltfußballs mehr. Doch der große sportliche Durchbruch lässt noch auf sich warten, wofür im Falle Afrikas insbesondere organisatorische und finanzielle Gründe eine Rolle spielen. Bis unter die „letzten Vier“ schaffte es von den asiatischen und afrikanischen Teilnehmern bislang nur Südkorea während der WM 2002.4 Politisch sind die afrikanischen Verbände in den FIFA- Gremien annähernd gleichberechtigt, ökonomisch dagegen nicht. Einen wichtigen Schritt in diese Richtung könnte die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika bedeuten. Zum ersten Mal in der Geschichte des Fußballs überhaupt wird dann eine Sportveranstaltung dieser Größe auf dem afrikanischen Kontinent stattfinden.

2. Die Vergabe der WM 2010

Südafrika präsentierte seine Bewerbung am 30. September 2003. Vom 30. Oktober bis zum 5. November 2003 besuchte die Inspektionsgruppe für die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2010™ mit dem Vorsitzenden Jan Peeters Südafrika. Der Besuch dauerte insgesamt 155 Stunden und 25 Minuten.

In dem Bericht vom April 2004 der Inspektionsgruppe über die FIFA Fußball- Weltmeisterschaft 2010™ wird die Bewertung „Hervorragend“ bei Transport, Hotel, Trainingsanlagen und der medizinische Versorgung gebraucht.5

Am 15. Mai 2004, um 12:21 Uhr wurde im Züricher World Trade Center schließlich entschieden, dass Südafrika für den ganzen afrikanischen Kontinent das größte Sportereignis der Welt ausrichten würde. Die Spitzenvertreter der südafrikanischen Delegation, Ex-Präsident Nelson Mandela, sowie der Vorsitzende und der Geschäftsführer der Bewerbungskommission, Irvin Khoza und Danny Jordaan, wurden auf das Podium gebeten, um Fragen zu beantworten. Ebenfalls anwesend waren Südafrikas Präsident Thabo Mbeki und Erzbischof Desmond Tutu.

„Afrika hatte das Recht auf diese WM. Bisher durfte es nur seine besten Spieler auf andere Kontinente entsenden und zweimal das olympische Fußballturnier gewinnen. Nun kann Afrika zeigen, dass es richtig war, die WM in seine Hände zu legen“, sagte Blatter, der seit seiner Wahlkampagne 1998 für eine WM-Endrunde in Afrika gekämpft und geworben hat.6 Die Kap-Republik, die bei der Vergabe der WM 2006 gegen Deutschland mit 11:12 Stimmen bei einer Enthaltung denkbar knapp den Kürzeren gezogen hatte, bekommt nun doch noch ihr Fußball-Fest. Südafrika, für dessen Kandidatur sich neben FIFA-Boss Blatter auch Nelson Mandela und Staatspräsident Mbeki stark gemacht hatte, richtet damit als erste afrikanische Nation einen Anlass dieser Größenordnung aus. Mit dem ehemaligen Apartheidstaat setzte sich das wirtschaftlich stärkste Land durch. Auch in punkto Infrastruktur weist Südafrika gegenüber den gescheiterten Mitbewerbern Marokko, Ägypten und Libyen Vorteile auf. Tunesien hatte sich bereits am 27.10.2006 aus dem Rennen zurückgezogen. Fünf Bewerber hatten sich 2002 zu einer WM-Kandidatur entschlossen. Am Tag vor der Wahl erklärte aber Tunesien seinen Rückzug.

Zur geheimen Wahl durch das 24-köpfige Exekutivkomitee zugelassen waren am Morgen des 28.10.2006 also nur noch drei Bewerber. Libyen sei aus dem Rennen gefallen, weil es nicht den Anforderungen im Bewerbungsdossier erfüllt habe. Die Wahl unter den verbliebenen drei Bewerbern ging schnell vonstatten, so dass FIFA-Präsident Joseph Blatter kurz nach 12 Uhr den Sieger verkünden konnte. 24:10-Stimmen lautete das Ergebnis im ersten Wahlgang. Südafrika war dank der absoluten Mehrheit mit 24 Stimmen gewählt. Ägypten war als dritter Kandidat leer ausgegangen.

Vier Jahre nach der knappen Niederlage gegen Deutschland am 06.07.2000 für die WM- Endrunde 2006 herrschte damit Riesenjubel in den Millionenstädten Kapstadt, Johannesburg, Durban und Soweto. Südafrika, das mit den drei Friedensnobelpreisträgern Nelson Mandela, Frederik de Klerk und Desmond Tutu nach Zürich reiste, war seine Favoritenrolle gerecht geworden. Im Inspektionsbericht der Fifa hatte das nach Libyen zweitgrößte Bewerberland die Bestnote erhalten und es war auch kein Geheimnis, dass Blatter die südafrikanische Bewerbung bevorzugte.

Die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2010™ soll den Demokratisierungs- und Einigungsprozess des Landes, der vor zehn Jahren begonnen hat, weiter vorantreiben, so die Hoffnung der FIFA über die Nachhaltigkeit für das Land. In Bezug auf den Fußball soll die Organisation der Weltmeisterschaft 2010 in einem Land, in dem der Sport einen hohen Stellenwert genießt, dem Verband helfen, den Anschluss an den internationalen Topstandard herzustellen und das in der Vergangenheit Versäumte nachzuholen.7 Jedoch müssen nach Peeters´ Bericht vorher noch Spielfelder verbessert, die mangelnde Sicherheit im Land, das Budget und das Ticketing überarbeitet werden.

2.1 Eine erfolglose Bewerbung

Die Vergabe der WM nach Deutschland 2006 beruhte auf einem Beschluss des FIFA- Exekutivkomitees vom 06.07.2000. Das Exekutivkomitee ist das ausführende Organ der FIFA. Es bestimmt gemäß Art. 31 Ziff. 11 und Art. 73 Ziff. 1 der FIFA-Statuten den Austragungsort und den ausrichtenden Verband einer jeden Fußball-WM. Das Exekutivkomitee besteht aus einem Präsidenten,8 Vizepräsidenten und 15 weiteren Mitgliedern aus den jeweiligen nationalen Mitgliedsverbänden. Bis zum 31. Oktober 1998 wurden die FIFA-Verbände eingeladen, ihre Kandidatur für die Ausrichtung der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2006™ anzumelden. Bis April 2000 wurden die Bewerbungen durch eine FIFA -Kommission und den Inspektionsdelegationen geprüft, so dass im Mai der ausführliche Inspektionsbericht zur Beurteilung durch das FIFA-Exekutivkomitee verfasst werden konnte. Schließlich wurde am Donnerstag, dem 6. Juli 2000 die FIFA Fußball- Weltmeisterschaft 2006™ vom FIFA-Exekutivkomitee in Zürich an Deutschland vergeben.

Die FIFA musste zwischen fünf Gastgebern für 2006 entscheiden: Brasilien, England Marokko, Deutschland und Südafrika. Die gesamte Prozedur im Hauptquartier der FIFA dauerte 100 Minuten. Bereits vor der Wahl hatte der Neuseeländer Charles Dempsey seinen Kollegen angekündigt, nur für England stimmen zu wollen. Somit gingen im letzten Durchgang nur 23 Stimmen in die Wertung.

Wenn es nach Blatter gegangen wäre, hätte schon die WM 2006 in Südafrika stattgefunden. Das hat der Neuseeländer Charles Dempsey verhindert, als er sich bei der Wahl des FIFA- Exekutivkomitees der Stimme enthielt und somit ein 12:11 für Deutschland ermöglichte. Bei einem 12:12- Unentschieden hätte der FIFA-Boss die entscheidende Stimme für Südafrika gehabt. "Die Zeit ist gekommen, dass die WM in Afrika ausgetragen werden muss. Wir müssen dieses Risiko einmal eingehen. Aber diesmal war die Zeit noch nicht reif ", so Joseph Blatter.8 In der Nacht zum Wahltag hatte sich die Situation zugespitzt. Bereits am Vortag war das südafrikanische Lager von den Nachrichten der europäisch-asiatischen Front für Deutschland überrascht worden. Am Donnerstag wurde dann der Thailänder Morawi Makudi in einer Bangkoker Zeitung mit den Worten zitiert, alle vier asiatischen Exekutivler würden nun für Deutschland stimmen. Daraufhin hat FIFA-Chef Blatter das Quartett morgens um halb sechs MESZ in Zürich noch einmal auf Südafrika einschwören wollen. Vergeblich, denn das Verhältnis war zerrüttet. Den FIFA-Kongress 1999 in Los Angeles ließen die asiatischen Verbände platzen, als sie am ersten Tag geschlossen aus dem Saal marschierten. Der Grund war, dass sie mehr Startplätze für die WM 2002 wollten. Bei der Entscheidung, wer Ausrichter der Weltmeisterschaft 2006 werden sollte, enthielt sich der Neuseeländer Charles Dempsey der Stimme, obwohl er von seinem Dachverband Ozeanien den Auftrag erhalten hatte, für Südafrika zu stimmen. „Ich habe ja nicht gegen Südafrika und für Deutschland gestimmt, sondern mein Wort gehalten, dass ich bei einem Ausscheiden Englands (Dempsey hat schottische Vorfahren) von meinem Stimmrecht keinen Gebrauch mehr mache“, so Dempsey in einem Interview.9 Donnerstag früh haben sich die südafrikanischen Lobbyisten dann noch einmal energisch auf den Neuseeländer Dempsey gestürzt, der im Hotel "Baur au Lac" residierte. Der Schotte legte Wert auf die Feststellung, dass es bei dieser WM-Vergabe "nur einen riesigen Druck, aber keine Korruption" gegeben habe.10 Für Blatter ging es auch um die künftige FIFA-Präsidentschaft. Es sickerte durch, dass sich Welt-Verbands-Vize Mong-Joon Chung (Südkorea) 2002 als möglicher Gegenkandidat von Blatter zur Wahl stellen würde. Der ebenfalls ambitionierte Chef der afrikanischen Konföderation (CAF), Issa Hayatou (Kamerun) verzichtete wohl auf eine Kandidatur, weil er auf dem afrikanischen Kontinent nicht unumstritten ist.

Die Entscheidung von Zürich hat ein ganzes Land und einen ganzen Kontinent desillusioniert. "Das ist ein tragischer Tag für ganz Afrika", klagte Präsident Thabo Mbeki in einer Fernsehansprache, die nur wenige Minuten nach der Abstimmung landesweit übertragen wurde.11 Von Stimmenkauf und Bestechung war die Rede, sowie von Rassismus der europäischen Fußball-Mächte. Sogar die sonst eher liberale und moderate Wochenzeitung Mail & Guardian hatte sich für das eher grobe Raster entschieden und machte ihre folgende Ausgabe mit einer Karikatur auf, bei der ein deutscher Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg unterwegs war.

Kevin Wakeford von der Südafrikanischen Handelskammer errechnete 16 Milliarden Rand an möglichen ausländischen Direktinvestitionen für den Fall, das größte Sportereignis der Welt neben den Olympischen Spielen käme 2006 an den Südzipfel Afrikas. Zusammen mit etwa 14 Milliarden Rand an Investitionen aus dem Inland wären umgerechnet mehr als fünf Milliarden Euro in die nationale Ökonomie geflossen. Für die Kap-Republik die Voraussetzung für ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes um immerhin zwei Prozent, so Wakeford. Dies hätte der südafrikanischen Wirtschaft eine Initialzündung verschaffen können.12 Dem Staat entgingen somit 3,3 Milliarden Rand an zusätzlichen Steuereinnahmen, man erwartete insgesamt 278.000 Besucher, die im Durchschnitt 900 Rand pro Tag ausgegeben hätten. Besonders Tourismuswerte wurden berechnet, schließlich stieg bereits nach dem Rugby-World-Cup 1995 in Südafrika die Zahl der ausländischen Besucher im Jahresschnitt um beachtliche zehn Prozent.

Mehr als 40 Millionen Rand - knapp sieben davon staatlich und durch Steuergelder finanziert - sind für eine letztendlich erfolglose Bewerbung ausgegeben worden. Doch was vielleicht noch schwerer wog als der finanzielle Verlust, das war wohl der psychologische Schock für die Menschen zwischen Krüger-Nationalpark und Kap.

Inzwischen feierte Blatter die deutsche WM als „die großartigste und stimmungsvollste bisher“ und bezeichnete Dempsey als „Hand Gottes“. „Ich bin ein gläubiger Mensch. Ich habe ihm gesagt, du warst die Hand Gottes, du hast es gefügt, dass die Weltmeisterschaft zuerst nach Deutschland und dann nach Südafrika kam.“13 Der nach der Wahl von Blatter heftig kritisierte Dempsey ist inzwischen mit der FIFA-Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet worden.

[...]


1 Auf Wiedersehen, Deutschland- Wamkelekele eMzansi, Afrika! FIFAworldcup.com; 13.07.2006 http://fifaworldcup.yahoo.com/06/de/060713/1/5nu5.html

2 Deutsche Botschaft Pretoria, Referat Sozialwesen, htttp://www.pretoria.diplo.de/Vertretung/pretoria/de/03/seite__Pol__DtuSa4.html

3 Fußball weltweit; Brüggemeier, Franz-Josef, Informationen zur politischen Bildung, bpb, Nr. 290

4 Die Geschichte der FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft; Schulze-Marmeling, Dietrich; APuZ, 8. Mai 2006, 19/2006

5 Bericht der Inspektionsgruppe für die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2010™; S.61; Peeters, Jan

6 Tagesanzeiger; Baumann, René; 15.05.2004, www.tagesanzeiger.de

7 Bericht der Inspektionsgruppe für die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2010; S.14; Peeters, Jan

8 „Entscheidung durch Enthaltung“; Berliner Zeitung; Sport; S. 40; Weinreich, Jens; 07.07.2000

9 „Herr Blatter war sehr böse“; Berliner Morgenpost; Sport; Lotter Markus; 09.06.2005

10 „Entscheidung durch Enthaltung“; Berliner Zeitung; Sport; S. 40; Weinreich, Jens; 07.07.2000

11 „Germany´s secret weapon dooms SA´s 2006“; Übersetzung aus Mail&Guardian; 14.07.2000 http://www.mg.co.za/articledirect.aspx?articleid=164106&area=%2farchieves__print_edition%2f

12 „Was haben wir getan?“; Freitag; Pretoria; Mayer, Andreas; 14.07.2000 http://www.freitag.de/2000/29/00290902.htm

13 „Joseph Blatter sorgt sich um die WM 2010“; Financial Times Deutschland; 04.07.2006 http://www.ftd.de/sport/wm2006/news/topnews/92617.html

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Details

Titel
Die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika
Untertitel
Gesellschaftliche, politische und soziale Themen im Vorfeld der WM
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
53
Katalognummer
V118725
ISBN (eBook)
9783640221004
ISBN (Buch)
9783640223091
Dateigröße
7256 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fußball-Weltmeisterschaft, Südafrika, Stadien, Ausgaben, Finanzen, Soziales, Bürgermeister
Arbeit zitieren
BA Brit Harder (Autor), 2007, Die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118725

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