Über Thomas Bernhards „Heldenplatz“

Konfrontation der österreichischen Bevölkerung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit als Folge der fehlende Vergangenheitsbewältigung in der Nachkriegszeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

16 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Historische Grundlagen
2.1 Nationalsozialismus in Österreich
2.2 Der Anschluss 1938
2.3 Die fehlende Vergangenheitsbewältigung in der Nachkriegszeit

3. Thomas Bernhards „Heldenplatz“ – Konfrontation mit der nationalsozialistischen Vergangenheit
3.1 Uraufführung und Medienspektakel
3.2 Textanalyse
3.2.1 Aufbau des Stückes
3.2.2 Zweite Szene
3.2.3 Dritte Szene

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ganz Österreich hat sich aufs Stichwort in eine Thomas-Bernhard-Komödie verwandelt – die hinterhältigste, abgefeimteste, entlarvendste, die Bernhard sich je ausgedacht hat“[1]; schrieb die Literaturkritikerin Sigrid Löffler einige Zeit nach der Uraufführung des Stückes „Heldenplatz“. „Ganz Österreich ist die Bühne, alle Österreicher sind Komparsen, die Hauptdarsteller sitzen in der Hofburg und am Ballhausplatz, in den Zeitungsredaktionen und in den Parteizentralen. Das Publikum aber ist die ganze Welt.“[2]

Dieses Zitat kennzeichnet sowohl die Reaktionen der Österreicher auf einen der größten Theaterskandale der Nachkriegszeit als auch die die Bedeutung des Werkes als ein internationales, mindestens europäisches Kulturereignis. „Heldenplatz“, mit dem sich diese Arbeit auseinandersetzt, kann als Thomas Bernhards politischstes Stück bezeichnet werden, da es die Gegenwart mit der Vergangenheit verbindet und damit an die rassistische und politische Verfolgung nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland im März 1938 erinnert. Den Schwerpunkt meiner Arbeit bildet die Konfrontation der Österreicher mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit im Stück „Heldenplatz“. Diesbezüglich möchte ich mich mit folgenden Fragestellungen auseinandersetzen:

- Inwieweit zeigt sich Österreich in die Geschichte Nazi-Deutschlands verstrickt und inwiefern fand eine Aufarbeitung der Vergangenheit statt? Welche Reaktionen folgten auf die Uraufführung des Stückes?
- Wie übt Bernhard über seine Protagonisten Kritik an Österreich und den Österreichern? Und in welcher Art und Weise klagt er dabei im Text seines Stückes die noch bestehenden nationalsozialistischen und antisemitischen Tendenzen an?

Im ersten Teil der Arbeit fasse ich zunächst die historischen Hintergründe in knapper Form zusammen. Diese bilden die Grundlage für die in der Textanalyse genannten Argumente und Inhalte. Der zweite Teil beschäftigt sich mit dem Stück selbst. Im Mittelpunkt steht dabei die Konfrontation der österreichischen Bevölkerung mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit. Dabei gehe ich auf den Medienspektakel ein, den das Stück auslöste. Anschließend arbeite ich am Text und versuche gezielt herauszustellen, wie Bernhard über seine Protagonisten an Österreich und den Österreichern – und dabei besonders an den bestehenden nationalsozialistischen und antisemitischen Tendenzen – Kritik übt. Den Anschluss bildet eine kurze Zusammenfassung.

2. Historische Grundlagen

Da sich Bernhards Stück „Heldenplatz“ auf den Anschluss Österreichs an Deutschland im März 1938 bezieht, gibt das folgenden Kapitel zunächst einen Überblick über die historischen Hintergründe. Thematisiert werden der Nationalsozialismus in Österreich, die Reaktion der Bevölkerung auf den Anschluss und die fehlende Vergangenheitsbewältigung in der Nachkriegszeit.

2.1 Nationalsozialismus in Österreich

Schon lange vor dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich existierte in Österreich ein ausgeprägter Antisemitismus, der sich seit dem 19. Jh. auch politisch artikulierte. Besonders in der Zeit des Austrofaschismus[3] gab es eine Reihe von Maßnahmen und Anordnungen – von Verboten jüdischer Schriftsteller bis zu Kampagnen „Kauft nicht bei Juden“ – die an ähnliche Aktionen im nationalsozialistischen Deutschland erinnerten. Trotz dessen könnten die jüdischen Bürger Österreichs zumindest noch ohne physische Bedrohung leben. Mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich änderte sich das radikal.[4]

2.2 Der Anschluss 1938

Mit dem Anschluss an das Deutsche Reich am 12. März 1938 verschwand Österreich als eigenständiger Staat „für einige Jahre von der politischen Landkarte Europas“[5]. Der Anschluss wurde vor allem nach 1945 gerne als ein Gewaltakt des Nationalsozialismus gegenüber dem „Opfer“ Österreich dargestellt. Doch dies kann keineswegs über die Tatsache hinwegtäuschen, dass ein relativ hoher Anteil der österreichischen Bevölkerung diesen Anschluss befürwortete.[6] Drei Tage später, am 15. März, verkündete Hitler auf dem Heldenplatz in Wien, unter Jubel zehntausender Menschen, den Eintritt seiner Heimat in das Deutsche Reich. Der Anschluss war für viele Österreicher eher eine festliche Revolution als ein „ausländischer Militärcoup“[7]. Auf den Straßen Wiens zeigten sich die österreichischen Nationalsozialisten offen in ihren Uniformen. Von Widerstand ist entmutigend wenig zu hören.[8]

Bereits in den ersten Tagen der Machtübernahme inhaftierten die neuen Machthaber rund 72.000 Menschen (darunter viele Politiker und Intellektuelle, vor allem aber Juden), insbesondere in Wien. Die schrecklichen Gräueltaten, unter denen die Juden leiden mussten, wurden nicht von den Deutschen, sondern hauptsächlich von österreichischen Nazis und den österreichischen Bürgern verübt.[9]

In den Wochen und Monaten nach dem Anschluss kam es zur sogenannten

„Säuberung“ der Institutionen. Beamte, Lehrer sowie Hochschulund Universitätsprofessoren jüdischer Herkunft wurden ihrer Posten enthoben. Die nationalsozialistische Rassenpolitik in Form der Nürnberger Gesetze wurde nun auch in Österreich voll wirksam. Damit verloren die Juden ihre rechtliche Gleichstellung mit den „arischen“ Staatsbürgern. Ab 1942 begann die Deportation der Juden in Konzentrationslager. In Österreich lebten 1938 etwa 200.000 Juden, die diesen Maßnahmen zum Opfer fielen.[10]

Österreicher kämpften in der Deutschen Wehrmacht und der Waffen-SS an allen Fronten und auch an der Massenvernichtung waren Österreicher maßgeblich beteiligt.[11]

2.3 Die fehlende Vergangenheitsbewältigung in der Nachkriegszeit

Im Zuge des Wiederaufbaus beseitigte man die Spuren der Kriegszeit nicht nur in der Wirtschaft, sondern kehrte auch in politischer Hinsicht bald zum Alltag zurück. Die Formulierung der Alliierten, Österreich sei das Opfer des Nationalsozialismus, wurde nur zu gern aufgenommen und als Ideologie der Nachkriegszeit ausgebaut.[12]

Die Entnazifizierung verlief bald im Sande. Zunächst wurden in Volksgerichtshöfen Kriegsverbrecher abgeurteilt und hingerichtet. Die nationalsozialistischen Beamten, Lehrer, Hochschulund Universitätsprofessoren wurden entlassen, um vielfach bald darauf wieder eingestellt zu werden. Für Mitglieder der NSDAP bestand Registrierungspflicht, die die Registrierten in drei Gruppen teilte: Kriegsverbrecher, Belastete (ca. 42.000) und Minderbelastete (495.000 Menschen). Sie mussten Sühneleistungen erbringen und wurden in vieler Hinsicht im beruflichen Bereich eingeschränkt. Die Minderbelasteten wurden allerdings schon mit der Nazi-Amnestie 1948 wieder in die Gesellschaft integriert und konnten an Wahlen teilnehmen.[13]

Eine schwerwiegende Frage bildet die Einstellung der ehemaligen Nazis nach dem Krieg zu ihrer eigenen Vergangenheit. Inwieweit hier Lernprozesse aus dem eigenen Schicksal stattgefunden haben, sei dahingestellt. Wie sich an vielen Beispielen deutlich zeigen ließe, stellte das Bekenntnis zur Demokratie und zu den Menschenrechten, das viele implizit nach 1945 ablegten, nur ein Lippenbekenntnis dar. Die Vergangenheitsbewältigung wurde dieser Kriegsgeneration auch leicht gemacht, da man nach Kriegsende alle Kräfte für den Wiederaufbau brauchte. Die unbequemen Erinnerungen an die gewaltige Schuld, die die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit auf sich geladen hatte, wollte man vergessen und verdrängen.[14]

Obwohl sich österreichische Historiker bemühten, die komplexen Verhältnisse und die Zusammenhänge von Austrofaschismus und Nationalsozialismus zu analysieren und herauszuarbeiten, herrschte in der Bevölkerung noch immer das Bedürfnis, „die Geschichte ruhen zu lassen, die Frage einer Mitschuld zu bagatellisieren und sich lieber auf die politische Bedeutungslosigkeit der kleinen Alpenrepublik zurückzuziehen“[15].

[...]


[1] Mittermayer 1995: S. 175

[2] Ebenda, S. 175

[3] Bezeichnung für das ab 1933 in Österreich etablierte autoritäre und an faschistischen Ideen orientierte Herrschaftssystem

[4] Vocelka 2000: S. 309

[5] Ebenda, S. 297

[6] Vocelka 2000: S. 297

[7] Van Ingen 2001: S. 7

[8] Ebenda, S. 7

[9] Vocelka 2000: S. 297

[10] Ebenda, S. 309-310

[11] Ebenda, S. 302

[12] Vocelka 2000: S. 319

[13] Ebenda, S. 319-320

[14] Ebenda: S.303

[15] Van Ingen 2001: S. 18

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Über Thomas Bernhards „Heldenplatz“
Untertitel
Konfrontation der österreichischen Bevölkerung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit als Folge der fehlende Vergangenheitsbewältigung in der Nachkriegszeit
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Thomas Bernhard - Ich bin ein Geschichtenzerstörer
Note
1,5
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V118766
ISBN (eBook)
9783640224203
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas, Bernhards, Thomas, Bernhard, Geschichtenzerstörer
Arbeit zitieren
Sophie Männel (Autor), 2008, Über Thomas Bernhards „Heldenplatz“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118766

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