Verhungern im Überfluss

Essstörungen kulturwissenschaftlich betrachtet


Seminararbeit, 2008

36 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung: Magersucht – eine Krankheit auf dem Vormarsch

2. Die Krankheit Anorexia nervosa
2.1 Arten von Ess-törungen
2.2 Exkurs: Der Body-Mass-Index
2.3 Die Magersüchtigen
2.4 Auswirkungen und Folgen der Anorexia nervosa im gesellschaftlichen Kontext
2.5 Ursachen der Anorexia nervosa

3. Essen und Körper im kulturellen Kontext
3.1 Essen und Kultur
3.2 Der Körper – zwischen Kultur und Natur
3.2.2 Körperbilder
3.2.3 Identität, Macht und der Blick der Anderen
3.2.4 Medien und Körper

4. Anorexia nervosa im Internet
4.1 Pro-Ana
4.2 Wiederkehrende Elemente in Pro-Ana-Foren

5. Öffentliche Reaktionen auf Magersucht
5.1 „Zweiundreißig Kilo“ – eine Fotoserie von Yvonne Thein
5.2 Modewelt und Magersucht

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis

ANHANG

Anhang 1: Beispiel eines Bewerbungsschreibens

Anhang 2: Beispiel eines Bewerbungsschreibens

Anhang 3: Anas Brief

Anhang 4: Anas 10 Gebote .

1. Einleitung: Anorexia nervosa – eine Krankheit auf dem Vormarsch

Knapp 870 Millionen Hungernde gab es im Jahr 2007 in 80 Ländern der Welt[1]. Das entspricht ungefähr jedem siebten Menschen. In den westlich geprägten Ländern zeige eine von hundert Personen Symptome einer Ess-Störung[2]. In zahlreichen Ländern der Welt sterben Menschen auf Grund von Nahrungsmittelknappheit. In den westlich geprägten Ländern hat sich seit Ende des 19. Jahrhunderts ein „neues“ Krankheitsbild[3] entwickelt: die Magersucht (Anorexia nervosa). Dabei hungern sich Menschen trotz ausreichend vorhandener Nahrung selbst aus, teilweise zu Tode. „15% aller Magersüchtigen sterben an ihrer Krankheit, Heroinsüchtige haben eine höhere Überlebenschance“, berichtete das Magazin „Der Spiegel“ im September 2006[4].

Anorexia nervosa ist eine Variante der psychsomatischen Ess-Störungen. Als Krankheit beschrieben wurde sie Ende des 19. Jahrhunderts[5]. Seitdem steigt die Zahl der Anorektiker. Die Datenlage zu diesem Thema ist sehr lückenhaft. Der Spiegel berichtete 1985 von einer Verdreifachung der Ess- Gestörten in Deutschland innerhalb eines Jahrzehnts.[6] Es kann davon ausgegangen werden, dass die Zahlen weiterhin steigen. Laut Schätzungen seien 90% der Betroffenen Mädchen oder Frauen[7].

Anorexiekranke unterdrücken ihr Hungergefühl bewusst. Angetrieben sind sie dabei oft von einem tiefen Verlangen, mager zu sein. Selbstaushungerung ist ein paradoxes Phänomen mit morbiden Zügen. In der Vergangenheit tauchten jedoch immer wieder Varianten der bewussten Nahrungsverweigerung auft: Religiöses Fasten, Hungerkünstler oder Hungerstreiks.

Heute treffen sich Anorexie-Kranke in Internet-Foren. Neben Selbsthilfegruppen, die versuchen konstruktiv gegen die Krankheit vorzugehen, gibt es auch so genannte Pro-Ana-Seiten[8]. Dort bilden Anorektiker Gemeinschaften und isolieren sich von der Außenwelt. Gemeinsam glorifizieren sie die Krankheit und ernennen sie zum Lifestyle.

Innerhalb eines Jahres, zwischen Februar 2006 und Februar 2007, starben drei Models an den Folgen ihrer Ess-Störung, die ihnen den Lebensunterhalt sicherte: Ana Carolina Reston, Eliana Ramos und ihre Schwester Luisel.

Wie eine solche Krankheit entstehen konnte, welche Ursachen sie hat und warum sie nur in bestimmten gesellschaftlichen Kontexten auftritt wird in der folgenden Arbeit dargestellt.

Dazu werden einleitend die unterschiedlichen Varianten von Ess-Störungen und ihre Symptome aufgezeigt. Da Essen unmittelbar mit dem Körper zusammenhängt, sollen im Anschluss daran Ideen unterschiedlicher Körperbilder vorgestellt werden. Auch das Essen selbst wird in einem kulturellen Kontext betrachtet.

Um die Aktualität des Themas zu unterstreichen werden danach Beispiele aus dem kulturellen Umgang mit Ess-Störungen in der heutigen Zeit dargestellt. Betrachtet werden u.a. Online- Communities von Anorexiekranken, die sich Pro-Ana-Foren nennen. Vorgestellt werden auch öffentliche Reaktionen zu diesem Thema. Dazu gehört auch die Foto-Serie „Zweiunddreißg Kilo“ der Fotografin Yvonne Thein. Abschließend sollen (Körper-)politische Reaktionen einzelner EU- Länder auf den Hungertod von Models[9] aufgezeigt werden.

Insgesamt soll so das Phänomen der Ess-Störungen in einen kulturellen Kontext gestellt werden. Zentral ist dabei die Frage nach der Bedeutung von Kultur für das gehäufte Aufkommen von Ess- Störungen in westlich geprägten Ländern.

2. Die Krankheit Anorexia nervosa

2.1 Ess-Störungen

Ess-Störungen gehören in westlichen oder industrialisierten Gesellschaften zu den häufigsten psychosomatischen Erkrankungen[10]. Oft haben sie Suchtcharakter.

Wesentlich für das Krankheitsbild ist ein gestörtes Verhältnis zum Essen und zum eigenen Körper[11]. Ess-Störungen können in unterschiedlichen Formen auftreten. Im Wesentlichen umfasst dieser Begriff drei Krankheitsbilder[12], die sich hinsichtlich des Erscheinungsbildes und der Psychodynamik unterscheiden:

1. Anorexia nervosa - Magersucht
2. Bulimia nervosa - Ess-Brech-Sucht
3. Adipositas - Übergewicht

Die Übergänge der unterschiedlichen Erscheinungsformen sind oft fließend. Auch Mischformen treten häufig auf. Ess-Störungen haben „[...] gravierende gesundheitliche, seelische und soziale Folgen“ für die Betroffenen.[13]

Im Folgenden wird ein Fokus auf die Anorexia nervosa gesetzt. Die anderen Varianten von Ess- Störung werden dennoch immer wieder auftauchen.

Anorexia nervosa heißt aus dem Lateinischen übersetzt „Appetitmangel nervöser Art“[14]. Vandereycken verweist auf den irreführenden Charakter dieser Übersetzung. Die wenigsten Anorexiekranken leiden unter Appetitmangel, vielmehr handele es sich um eine „[...] bewusste Unterdrückung des Appetits oder des Hungergefühls“[15].

Wesentlich für eine Diagnose der Anorexia nervosa sind drei Kriterien:

1. Angst vor dem Dickwerden, auch bei zu niedrigem Körpergewicht
2. ein gestörtes Verhältnis zur Körpererscheinung
3. die Weigerung des Betroffenen sich der Körpergröße, des Alters und der Statur entsprechend zu ernähren.

Daneben kommt es im zeitlichen Verlauf der Krankheit oft zu Störungen im Stoffwechsel- und Hormonhaushalt der Betroffenen[16].

Häufig auftauchende Symptome sind das Ausbleiben der Menstruation bei Frauen (Amenorrhoe), Hyperaktivität mit einem merkwürdigen Leistungs- und Durchhaltevermögen trotz der Mangel- Ernährung und ein gestörter Umgang mit Nahrungsmitteln im Allgemeinen. Lebensmittel werden so haargenau auf Kaloriengehalt geprüft und Mahlzeiten werden soweit es geht umgangen. Ein strenger Diätplan wird in der Regel eingehalten. Oft treiben Anorektiker zu dem übermäßig viel Sport. Manche greifen auch zu Medikamenten um das Hungergefühl zu unterdrücken, die Fettverbrennung anzukurbeln oder den Körper zu entwässern[17].

In der „International Classification of Diseases“ (ICD 10) der Weltgesundheitsorganisation wird die Anorexia nervosa wie folgt beschrieben:

„A disorder characterized by deliberate weight loss, induced and sustained by the patient. It occurs most commonly in adolescent girls and young women, but adolescent boys and young men may also be affected, as may children approaching puberty and older women up to the menopause. The disorder is associated with a specific psychopathology whereby a dread of fatness and flabbiness of body contour persists as an intrusive overvalued idea, and the patients impose a low weight threshold on themselves. There is usually undernutrition of varying severity with secondary endocrine and metabolic changes and disturbances of bodily function. The symptoms include restricted dietary choice, excessive exercise, induced vomiting and purgation, and use of appetite suppressants and diuretics.“[18].

Die Anorexia nervosa tritt gehäuft während der Adoleszenz auf. Erkrankungen im Erwachsenenalter sind jedoch auch möglich.

Dem Wissenschaftlichen Kuratorium der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen zufolge sind ca. 95% aller sowohl an Anorexia nervosa, als auch an Bulimia Nervosa Erkrankten weiblich (siehe Abb.1). Adipositas hingegen tritt nur geringfügig häufiger bei Frauen auf[19].

Das Alter der Erkrankten variiert bei den einzelnen Arten von Ess-Störungen beträchtlich. Die Anorexia nervosa tritt bereits ab einem Alter von 12 Jahren auf. Dabei hat sie ihre Erkrankungsgipfel bei den 14- und 18-Jährigen. Mehr als ein Drittel der Kinder zwischen 7 und 13 Jahren haben bereits erste Diätversuche unternommen[20]. Generell wird eine zunehmende Beschäftigung mit Schlankheit und Figur bei den 7-bis 9-Jährigen beobachtet[21]. Insgesamt leidet 1% aller 15- bis 19-Jährigen an einer Ess-Störung. Eine Erkrankung von über 25-Jährigen ist äußerst selten.

Die Bulimia Nervosa tritt erst ab einem späteren Alter auf. In der Regel erkranken Menschen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Die Ess-Brech-Sucht tritt mehr und mehr auch bei Männern auf. Teilweise entsteht sie im Zusammenhang mit Leistungssport. Zur Teilnahme an bestimmten Wettkämpfen müssen sich Sportler oft an Gewichtsvorgaben einzelner Klassen halten.

Einer der bekanntesten Todesfälle durch „Sport-Bulimie“[22] ist der Ruderer Bahne Rabe. Nach seinem Olympiasieg in Seoul 1988 hungerte er sich zu Tode. Nach zahlreichen Krankenhausaufenthalten starb Rabe am 2. August 2001 im Alter von 37 Jahren an einer Lungenentzündung als Folge seines geschwächten Immunsystems.[23]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Ess-Störungen und ihre Verbreitung in Deutschland [24]

Adipositas ist generell die am häufigsten auftretende Ess-Störung. Sie gibt es zwar auch im Jugendalter, die häufigsten Erkrankungen allerdings geschehen zwischen 40 und 60 Jahren.

Interessant ist auch das differenzierte Auftreten der unterschiedlichen Ess-Störungen in Abhängigkeit von der sozialen Schicht. Anorexia nervosa ist vor allem in der höheren Mittelschicht vertreten, wobei die Bulimia Nervosa eher in der Mittelschicht auftritt. Das Verhältnis der Adipositas Erkrankten von Unter- zu Oberschicht ist 6:1. Dementsprechend ist die Krankheit eher in der Unterschicht vertreten.

So erscheint die Oberschicht mehr oder minder verschont von Ess-Störungen. Das gehäufte Auftreten von Adipositas in der Unterschicht wird häufig auf unausgewogene Ernährung und übermäßigen „Fast-Food-Konsum“ zurückgeführt. Psychische Ursachen spielen jedoch auch eine Rolle. Auf sie soll an dieser Stelle allerdings nicht eingegangen werden.

Ob nun ein krankhaft gestörtes Verhältnis zum Essen besteht, ist unter Umständen schwer zu sagen. Einerseits ist dies abhängig von der psychischen Konstitution des Individuums, andererseits aber auch von messbaren Größen, wie etwa dem Verhältnis der Körpergröße zum Gewicht.

Beides ist schwer zu bestimmen. So gehört es zum Krankheitsbild Ess-Gestörter, dass sie sich selbst nicht krank fühlen und dementsprechend einem Arzt kaum von einem Leiden berichten[25]. Messbare Größen liefern auch nicht immer eindeutige Ergebnisse. Zentral ist die Größe des Body-Mass-Index (BMI), der im folgenden Abschnitt erläutert wird.[26]

2.2 Exkurs: Der Body-Mass-Index

Der Body-Mass-Index (BMI) setzt sich zusammen aus dem Gewicht einer Person dividiert durch das Quadrat ihrer Größe. So gibt er das Gewicht einer Person pro Quadratmeter an. Er ist bei Männern und Frauen, sowie Kindern und Jugendlichen oder Sportlern unterschiedlich zu bewerten. Das wissenschaftliche Kuratorium der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) veröffentlichte in Band 3 der Suchtmedizinischen Reihe die unten stehende Abbildung zur Identifizierung Adipositas-Erkrankter. Die Werte sind angelehnt an die Normen der Weltgesundheitsorganisation.

Als normal gilt hierbei ein BMI zwischen 18,5 und 25. Untergewicht liege bei einem BMI unter 18,5 vor, Übergewicht bei einem BMI über 25.

Insgesamt gilt der BMI als umstrittene Maßzahl. Unberücksichtigt bleibt zum Beispiel der Anteil von Fett- zu Muskelmasse. Außerdem wird er meist nicht entsprechend differenziert auf Alter und Geschlecht angewendet. Dennoch wird er als Richtwert auch von internationalen Organisationen angewendet.

Abbildung 2 dient dazu Adipositas-Patienten zu klassifizieren und einzuordnen. Aber auch für Anorektiker scheint der BMI eine große Rolle zu spielen. In zahlreichen Internet-Foren auf denen sich Ess-Gestörte austauschen blinkt schon auf der ersten Seite ein BMI-Rechner[27].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Der Body-Mass-Index; hier zur Bestimmung von Adipositas [28]

2.3 Die Magersüchtigen

Dennoch ist die Gruppe der Magersüchtigen nicht homogen. Dies lässt sich aus der Studie Esther Wollenschlägers zur Magersucht ablesen[29]. Mit Hilfe von Fragebögen erhob sie zu rund 200 Patienten Daten. Sie teilte die Befragten in drei Gruppen auf: 1. die „Essgestörten“, 2. die „Magersüchtigen“[30], 3. „Normalgewichtige“. Prinzipiell seien dies willkürliche Definitionen, betont Wollenschläger, aufschlussreich aber dennoch. Zusätzlich führte sie eine Kontrollgruppe ein. Dazu wurde der gleiche Fragebogen an Menschen ohne diagnostizierte Ess-Störung verteilt. Diese Gruppe sind die „Gesunden“.

In allen Gruppen lag eine durchschnittliche Körpergröße von 1,67 Metern vor[31]. Die Ess-Gestörten haben dabei ein durchschnittliches Gewicht von 51,7 Kilogramm, die „Gesunden“ von 60,8 Kilogramm. Der durchschnittliche BMI der „Gesunden“ lag bei 22, der durchschnittliche BMI der „Essgestörten“ bei 18.

Noch deutlicher wird der Unterschied zu den „Magersüchtigen“. Sie hatten ein durchschnittliches Körpergewicht von 44 Kilogramm bei einer Druchschnittsgröße von 1,67 Metern. Dies entspricht einem durchschnittlichen BMI von 15,5[32]. Die Durchschnittswerte der „Normalgewichtigen“ weichen kaum von denen der „Gesunden“ ab.

An diesem Beispiel wird deutlich, nicht jeder Mensch mit Anorexia nervosa ist untergewichtig. Es gibt auch Ess-Gestörte mit normalem Gewicht, die entweder ihr Gewicht nur „halten“ oder ein geringeres erreichen wollen. Der Übergang zu einem gefährlichen Umgang mit Essen und Körper bleibt fließend.

2.4 Auswirkungen und Folgen der Anorexia nervosa im gesellschaftlichen Kontext

„Der Kern des Anorexia-nervosa-Syndroms ist die gestörte Einstellung zum Essen und zum Gewicht, [...]“[33]. Diese Einstellung kann sich sehr unterschiedlich äußern. Viele Anorexiekranke empfinden sich nicht als krank. Sie behaupten sich „gut“ und „fit“ zu fühlen und keine Hunger- oder Ermüdungserscheinungen zu kennen[34]. Die Nahrungsverweigerung macht sie oftmals sogar stolz und sie verspüren eine gewisse Befriedigung darin dem Drang nach Essen widerstanden zu haben[35].

Die vorher schon angeführte Studie von Esther Wollenschläger aus dem Jahr 2000 bestätigt diese Aussage noch einmal. Bei ihrer Untersuchung der Anorexia nervosa beantworteten ca. 85% der „Essgestörten“ und „Magersüchtigen“ die Frage „Wenn Gewicht abnimmt, fühlt die Befragte sich stark und leistungsfähig?“ mit „Ja“[36].

„Die Nahrungsverweigerung und die Abmagerung sind Teil einer Leistungsorientierung geworden, die häufig die allgemeine Lebensform kennzeichnet.“[37]. Man kann davon ausgehen, dass Ess- Gestörte eine Art Doppelleben führen. Einerseits demonstrieren sie (Willens-) Stärke und Kraft nach außen ihren Mitmenschen gegenüber. Auf der anderen Seite leben sie in einem ständigen Kampf mit sich selbst gegen ihren Körper. Oft führen Ess-Störungen zu Vereinsamung, da soziale Kontakte gemieden werden. Ein Grund dafür ist mitunter, dass die wenigsten Freunde und Bekannte Verständnis für die Selbstaushungerung der Erkrankten haben. Ein konfliktfreier Austausch über das alltägliche Paradigma der Umgehung von Essen kann demnach kaum stattfinden. Der Anorektiker fühlt sich folglich missverstanden und meidet die Auseinandersetzung über das Thema, das ihn am meisten beschäftigt.

Die Vermeidung der Nahrungsaufnahme bekommt einen zentralen Stellenwert. „Das Essen ist von Ritualen und Geheimniskrämerei umgeben.“[38]. Gemeinsame Mahlzeiten werden umgangen und ein genau berechneter Diätplan wird eingehalten. Häufig wird Nahrung gehortet und heimlich eingenommen. Die Folge ist in vielen Fällen Erbrechen der Nahrung, Missbrauch von Abführmitteln oder übermäßig viel Sport als Ausgleich. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen der Anorexia nervosa und der Bulimia Nervosa.

2.5 Ursachen der Anorexia nervosa

Die Ursachen einer Ess-Störung sind nicht eindeutig und in den unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen werden darüber unterschiedliche Auffassungen vertreten.

Der psychoanalytische Ansatz geht von traumatischen Erfahrungen in der frühen Kindheit aus. Während der Pubertät werden daher Wachstum und Entwicklung durch Abmagerung blockiert. Grund dafür sei die Angst vor sexueller Reife und Erwachsenwerden[39].

Der lehrtheoretische Ansatz sieht die Anorexia nervosa als Symptom einer gestörten Familienstruktur. Ziel für den Erkrankten sei es Aufmerksamkeit zu bekommen[40].

Der feministische Ansatz zur Interpretation der Anorexia nervosa sieht die Krankheit als Reaktion auf Kultur und Gesellschaft. Ein immer stärker betontes Schlankheitsideal treibe Frauen in die Magersucht.

Keiner der Erklärungsansätze erfasst das Phänomen Magersucht komplett. Ursachen und Folgen sind nicht eindeutig abgrenzbar. Die Anorexia nervosa ist ein komplexes Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. So können Ess-Störungen als auch aus der (Ess-)Kultur einer Gesellschaft resultierende Krankheit verstanden werden[41].

[...]


[1] World Food Program [WFP] 2007:8

[2] nach Schätzungen von Vandereycken et al. 1990:12

[3] vgl. Vandereycken et al 1991:473

[4] Großkathöfer 2006

[5] vgl. Diezemann 2005: 71ff; und Vandereycken et al 1991: 474ff.. 1873 tragen der Vorsitzende der „Clinical Society“ in London und Leibarzt der Queen Victoria Sir William Withey Gull und der französische Mediziner Ernest Charles Lasèguer die Symptome junger Mädchen, die sich selbst aushungern unter dem Name „Anorexia nervosa“ und „Anorexia Hystérique“ zusammen. Ähnliche Symptome wurden aber auch schon davor beschrieben, oftmals wurden sie allerdings unter dem Begriff Hysterie oder Melancholie beschrieben. Im Vergleich zur englischen und französischen Literatur zum Thema Anorexia nervosa, ist die Anzahl der Publikationen von Deutschen Ärzten im ausgehenden 19. Jahrhundert eher gering.

[6] Wollenschläger 2000:6

[7] Vandereycken 1990:9

[8] Pro-Ana ist abgeleitet von Pro-Anorexia

[9] Araghi et al. 2007

[10] Bundesfachverband für Essstörungen e.V. - Formen von Essstörungen

[11] Ebd.

[12] DHS 2004

[13] Bundesfachverband für Essstörungen e.V. – Formen von Essstörungen

[14] Vandereycken 1990:9

[15] Vandereycken 1990:9

[16] Vandereycken 1990:11

[17] World Health Organization (WHO) ICD 10 2007

[18] WHO ICD 10 2007:F50.0

[19] Essstörungen bei Männern: 5-10% Anorexia nervosa; 10- 15% Bulimia nervosa, 50% Adipositas (DHS 2004:50)

[20] DHS 2004:34

[21] DHS 2004:34

[22] siehe auch: Großekathöfer 2006

[23] Bis zu 25% aller Sportlerinnen leiden unter Ess-Störungen, ist das Ergebnis einer Studie des Kölner Bundesinstituts für Sportwissenschaft, in: Kurbjuweit 2001. Besonders betroffen seien Turnerinnen, Eiskunstläuferinnen, Ruderinnen, Judo-Kämpferinnenund Skispringer. Fälle unter männlichen Sportlern seien kaum bekannt.

[24] DHS 2004:8

[25] vgl. Vandereycken 1990:9ff.

[26] WHO 2008; zitiert nach: DHS 2004:85

[27] Beispiele solcher Internet-Foren: www.sturmwaisen.de; www.seelenkinder.de

[28] DHS 2004:85

[29] Wollenschläger 2000

[30] „Magersüchtige“ in Wollenschlägers Studie hatten 15% Untergewicht zu Broca Normal: Körpergröße in cm – 100

[31] Wollenschläger 2000:101ff

[32] vgl. Wollenschläger 2000:101

[33] Vandereycken 1990:10

[34] ebd.

[35] ebd.

[36] Wollenschläger 2000:112

[37] Vandereycken 1990:10

[38] Vandereycken 1990:10

[39] vgl. Wollenschläger 2000:9ff

[40] vgl. Vandereycken 1990:11

[41] vgl. Diezemann 2005:9

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Verhungern im Überfluss
Untertitel
Essstörungen kulturwissenschaftlich betrachtet
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Europäische Ethnologie)
Veranstaltung
Aspekte der Körper- und Sexualethnologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
36
Katalognummer
V118995
ISBN (eBook)
9783640225521
Dateigröße
735 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verhungern, Aspekte, Körper-, Sexualethnologie, Magersucht, Anorexie, Pro-Ana, Thein
Arbeit zitieren
Alexandra Appel (Autor), 2008, Verhungern im Überfluss, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118995

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