Eine Argumentanalyse. Peter Singers Argument zur ethischen Verpflichtung zum Vegetarismus


Hausarbeit, 2020

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe


Inhalt

1. Einleitung

2. Argument und Kontext

3. Argumentanalyse
3.1. Basisargument - Empfindungsfähigkeit und das Prinzip der Gleichheit
3.2. Speziezismus
3.3. Tiere essen

4. Einwände
4.1. Seien-Sollen-Fehlschluss
4.2. Benachteiligung von Individuen
4.3. Tiere können keine Rechte haben

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis:
6.1. Primärtext:
6.2. Sekundärliteratur:
6.3. Internetquellen

7. Anhang

1. Einleitung

Tierethische Debatten sind kein neues Phänomen. „Bereits im 18. Jahrhundert haben frühe tierethische Reflexionen der Utilitaristen […] die Überwindung des reinen Anthropozentrismus vorweggenommen.“1 Angesichts der Steigerung des Interesses an tierleidfreien Ernährungsweisen, deren Umsetzung2 und der damit einhergehenden Zunahme von vegetarisch/veganen Produkten und deren Verbrauch3 steht die Frage nach der Rolle der Ernährung in der Tierethik im Raum. Entsprechend kann nach Gründen für eine Umstellung von fleischbetonter zu einer vegetarischen oder veganen Ernährung gefragt werden.

Peter Singer, der besonderes Interesse an diesem Thema zeigt, verfasst zur vegetarischen Ernährung und deren ethische Relevanz mehrere Schriften, darunter z. B. ein Buch mit dem Titel Animal Liberation. In diesem geht er auch besonders auf den Speziezismus ein.

In dieser Arbeit soll nun ein bestimmtes Argument des Philosophen analysiert werden, welches gewissermaßen die Basis für seine tierethische Argumentation darstellt. Dieses besteht im Rahmen einer Akteursethik und zielt somit auf die Verantwortung des Einzelnen, die nicht von einer Institutionsethik ersetzt, sondern nur ergänzt werden kann.4

Im Folgenden werden zunächst Singers Argument und dessen Kontext präsentiert. Anschließend wird das Argument in seiner logischen Form analysiert. Hierbei wird die Basis des Arguments und dessen Struktur prädikatenlogisch dargestellt bzw. wiedergegeben. Zudem wird auf verschiedene Prämissen inhaltlich eingegangen. Auf die Zusätze des Arguments, wie z. B. dem Speziezismus-Vorwurf, wird in den darauffolgenden Abschnitten eingegangen. Im zweiten Teil der Arbeit werden Einwände vorgestellt, die gegen das analysierte Argument oder Teile dessen erhoben werden (könnten). Bei der näheren Beleuchtung dieser soll herausgestellt werden, ob und welche Relevanz diese für das aus dem Argument hervorgehende Ergebnis haben. Hierdurch soll zusätzlich die heutige Relevanz des Arguments und dessen Ergebnis herausgearbeitet werden.

2. Argument und Kontext

Peter Singers Animal Liberation wurde 1975 erstmals veröffentlicht.5 In der bearbeiteten Auflage von 2009 trägt das erste Kapitel den Titel „All Animals Are Equal…or why the ethical principle on which human equality rests requires us to extend equal consideration to animals too“6. Dieses beschreibt den Inhalt des Arguments, welches im Zentrum dieser Arbeit steht, bereits treffend.

Im Sammelband von Angelika Krebs wurde der Text All Animals are Equal von Singer aus dem Werk Animal Rights And Human Obligations von eben diesem und Tom Regan in deutscher Sprache abgebildet. Das Argument wurde von Muhlnickel aus dem Sammelband von Krebs übernommen und in seiner Argumentdarstellung in Die 100 wichtigsten philosophischen Argumente wiedergegeben. Dieses Argument ist in folgender Arbeit das Objekt der Analyse:

If a being suffers, there can be no moral justification for refusing to take that suffering into consideration. No matter what the nature of the being, the principle of equality requires that its suffering be counted equally with the like suffering – in so far as rough comparisons can be made – of any other being. If a being is not capable of suffering, or of experiencing enjoyment or happiness, there is nothing to be taken into account. This is why the limit of sentience (using the term as a convenient, if not strictly accurate shorthand for the capacity to suffer or experience enjoyment or happiness) is the only defensible boundary of concern for the interests of others. To mark this boundary by some other characteristic like intelligence or rationality would be to mark it in an arbitrary way. Why not choose some other characteristics, like skin color?

The racist violates the principle of equality by giving greater weight to the interests of members of his own race, when there is a clash between their interests and the interests of those of another race. [Sexists violate the principle of equality by favouring the interests of their own sex.7 ] Similarly the speciecist allows the interests of his own species to override the greater interests of members of other species. The pattern is the same in each case. Most human beings are speciecists.

I shall now very briefly describe some of the practices that show this. For the great majority of human beings, especially in urban, industrialized societies, the most direct form of contact with members of other species is at mealtime: we eat them. In doing so we treat them purely as means to our ends. We regard their life and well-being as subordinate to our taste for a particular kind of dish. I say “taste” deliberately – this is purely a matter of pleasing our palate.8

Das Argument besteht aus mehreren Teilen, die nun im Folgenden näher beschrieben, prädikatenlogisch dargestellt und analysiert werden.

3. Argumentanalyse

3.1. Basisargument - Empfindungsfähigkeit und das Prinzip der Gleichheit

Im ersten Satz des Arguments spricht Peter Singer das Leiden an. Singer leitet das Argument somit mit einer pathozentrischen Einstellung ein, die als „einzige moralisch relevante Eigenschaft die Schmerz- oder Leidensfähigkeit“910 anerkennt. Zusätzlich verwendet Singer im Argument den Begriff sentience 11 und bemerkt zu seiner Bedeutung: „[…] (using the term as a convenient, if not strictly accurate shorthand for the capacity to suffer or experience enjoyment or happiness) […]”12. Hiermit hebt er nicht ausschließlich die Leidens- und Schmerzempfindungsfähigkeit hervor, sondern auch die positiven Fähigkeiten, Freude und Glück zu empfinden. Diese Empfindungsfähigkeit (und nur diese Fähigkeit) im eben beschriebenen Sinn zeichnet für Singer ein Lebewesen bzw. seine Interessen13 als moralisch zu berücksichtigen aus. Aus diesen Schritten entsteht der erste Teil des Arguments:

Die erste Prämisse (P1) besteht aus dem ersten Satz14 des Arguments und lautet prädikatenlogisch: ꓯ x (x ist ein empfindungsfähiges Wesen → x ist moralisch zu berücksichtigen). Die zweite Prämisse (P2) entsteht durch die Negation der beiden Prädikate aus P1: ꓯ x (¬ x ist ein empfindungsfähiges Wesen → ¬ x ist moralisch zu berücksichtigen)15.

Die erste Konklusion (K1) ( ꓯ x (x ist moralisch zu berücksichtigen → x ist ein empfindungsfähiges Wesen )) folgt logisch durch das Gesetz der Kontraposition aus P2 und dient hier nur als verdeutlichender Zwischenschritt. P2 und K1 sind somit logisch äquivalent zueinander und müssen denselben Wahrheitswert besitzen.16 Die zweite Konklusion (K2) ergibt sich nun logisch aus P1 und K1: ꓯ x (x ist moralisch zu berücksichtigen ↔ x ein empfindungsfähiges Wesen). Waren die Prädikate ein empfindungsfähiges Wesen sein und moralisch zu berücksichtigen sein zuvor (in P1 und K1) bloße Subjunktionen mit umgekehrter Stellung der Prädikate, so sind sie in der zweiten Konklusion (K2) durch eine materiale Äquivalenz/ Bisubjunktion verbunden. Damit wird festgestellt, dass ein Wesen genau dann moralisch zu berücksichtigen ist, wenn es empfindungsfähig bzw. leidensfähig ist. Demnach ist ein Wesen nicht moralisch zu berücksichtigen, wenn es nicht empfindungs- bzw. leidensfähig ist: „This is why the limit of sentience […] is the only defensible boundary of concern for the interests of others. To mark this boundary by some other characteristic like intelligence or rationality would be to mark it in an arbitrary manner.”17

Dieser Setzung des Empfindungsvermögens als einzig moralisch vertretbare Grenzziehung der ethischen Berücksichtigung von Interessen folgt, im Argument, das „Prinzip der Gleichheit“18 bzw. das Prinzip der gleichen Berücksichtigung der Interessen (= Prämisse 3 (P3)). Dieses Prinzip wird von vielen Philosophen „in some form or other, as a basic moral principle”19 angesehen. Es beinhaltet, dass gleiches bzw. vergleichbares Leiden in gleicher Weise berücksichtigt wird bzw. werden muss, ungeachtet der Natur des Wesens, welches das Leiden empfindet und „rough comparisons can be made“20.21 Singer bemerkt allerdings, dass, auch wenn dieses Prinzip bei vielen Philosophen Zustimmung findet, es meistens ausschließlich auf eine Spezies, nämlich die Spezies Mensch bezogen und auf diese begrenzt ist. In diesem Argument und im Zuge des Pathozentrismus wird der Kreis der moralisch schutzwürdigen Objekte durch das Prinzip der Gleichheit ausgeweitet. „Es handelt sich hier also um ein typisches epistemisch-anthropozentrisches22 Ausdehnungsargument.“23 Die Ausdehnung bewegt sich über die Grenze der menschlichen Spezies hinaus und umschließt die „gesamte schmerzempfindliche Natur“24. Zur Empfindungs- bzw. Leidensfähigkeit der Tiere und somit der Berechtigung der Inbezugnahme der Tiere in das Prinzip der gleichen Berücksichtigung von Interessen merkt Fenner folgendes an:

Niemand wird ernsthaft bezweifeln wollen, dass die meisten Tiere über die Eigenschaft der Schmerzempfindlichkeit verfügen. Aufgrund der weitreichenden Ähnlichkeiten in der physiologischen Ausstattung lässt ein bestimmtes tierliches Ausdrucksverhalten durchaus den Analogieschluss von menschlichen auf tierliche Schmerzempfindung zu: […] Nur wenige primitivere Tierarten wie Bakterien oder Schwämme besitzen keine Nervenzellen und kein Nervensystem. Ihnen fehlt damit die neurophysiologische Basis für Schmerzempfindungen […]. Höherentwickelte schmerzempfindliche Tiere können hingegen nicht nur physische Schmerzen empfinden, sondern auch psychische Leidenszustände wie Angst oder Stress.25

So sind auch die Reaktionen von Tieren auf Schmerzempfindungen denen der Menschen sehr ähnlich (Schreie, Zittern, Flucht, usw.) und zeigen damit (eben wie Menschen) ein Verhalten, das die Vermeidung von Schmerzen und Leid beinhaltet.

[...]


1 FENNER, Dagmar (2010): Einführung in die Angewandte Ethik. Tübingen. S. 115

2 Vgl. SKOPOS Group (2016): 1,3 Millionen Deutsche leben vegan. https://www.skopos-group.de/news/13-millionen-deutsche-leben-vegan.html, Zuletzt geprüft am 05.01.2021 & Veganz Group AG (2020): Europäischer Ernährungsreport 2020. Vorabzug Deutschland. https://veganz.de/wp-content/uploads/2020/12/2020-11-27-veganz-ernaehrungsreport-vorabauszug-de-2020.pdf, Zuletzt geprüft am 05.01.2021

3 Vgl. The Nielsen Company GmbH (2015): Sensible Esser – Food Trends 2015 – Vegan, Vegetarisch, Laktose- und Glutenfrei. https://www.nielsen.com/de/de/insights/article/2015/sensible-esser/, Zuletzt geprüft am 05.01.2021

4 Vgl. FENNER, D. (2010): Einführung in die Angewandte Ethik. S. 119

5 Vgl. SINGER, Peter (2009): Animal Liberation. The definitive classic of the animal movement. New York. S. X

6 Ebd. S. 1

7 Ebd. S. 9

8 SINGER, Peter (1989): All animals are equal. In: Tom Regan (Hrsg.): Animal rights and human obligations. New Jersey. S. 154-155

9 Siehe Abb. 1 für rein prädikatenlogische Formulierung und Aufbau des Arguments

10 FENNER, D. (2010): Einführung in die Angewandte Ethik. S. 139

11 Vgl. SINGER, P. (1989): All animals are equal. S. 154

12 Ebd. S. 154

13 Auf diese Unterscheidung wird im Abschnitt zu der dritten Prämisse (3.1.) und im Kapitel zu den verschiedenen Einwänden zum hier besprochenen Argument (4.1. Seien-Sollen-Fehlschluss) genauer eingegangen.

14 „If a being suffers, there can be no moral justification for refusing to take that suffering into consideration.” SINGER, P. (1989): All animals are equal. S. 154

15 „If a being is not capable of suffering, or of experiencing enjoyment or happiness, there is nothing to be taken into account.” SINGER, P. (1989): All animals are equal. S. 154

16 Vgl. DAMSCHEN, Gregor/ SCHÖNECKER, Dieter (20132): Selbst philosophieren. Ein Methodenbuch. Berlin/ Boston. S. 88-89

17 SINGER, P. (1989): All animals are equal. S. 154

18 MUHLNICKEL, Robert L. (2013): Ein ethisches Argument für Vegetarismus. In: Michael Bruce/ Steven Barbone (Hrsg.): Die 100 wichtigsten philosophischen Argumente. Darmstadt. S. 268

19 SINGER, P. (1989): All animals are equal. S. 153 & SINGER, P. (2009): Animal Liberation. S. 6

20 Ebd. S. 154

21 Vgl. SINGER, P. (1989): All animals are equal. S. 154 & MUHLNICKEL, R. (2013): Ein ethisches Argument für Vegetarismus. S. 268

22 Zur Terminologie: „Menschliche Moralsubjekte versuchen mit Argumenten darzulegen, aufgrund welcher moralisch relevanter Eigenschaften bestimmten Entitäten moralischer Wert zukommt. Angelika Krebs spricht bei solchen physiozentrischen Positionen von einem epistemisch-anthropozentrischen Physiozentrismus.“ FENNER, D. (2010): Einführung in die Angewandte Ethik. S. 138

23 FENNER, D. (2010): Einführung in die Angewandte Ethik. S. 139

24 Ebd. S. 139

25 Ebd. S. 140

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Eine Argumentanalyse. Peter Singers Argument zur ethischen Verpflichtung zum Vegetarismus
Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
21
Katalognummer
V1190339
ISBN (eBook)
9783346626134
ISBN (Buch)
9783346626141
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eine, argumentanalyse, peter, singers, argument, verpflichtung, vegetarismus, singer, vegan, vegetarisch, argumente
Arbeit zitieren
Kim Henn (Autor:in), 2020, Eine Argumentanalyse. Peter Singers Argument zur ethischen Verpflichtung zum Vegetarismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1190339

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