Zunächst soll erläutert werden, wie Kant auf den Begriff des Zwecks an sich selbst kommt. Die Selbstzweckformel ist wie die anderen Formeln, die Kant formuliert, eine Ausdrucksweise des kategorischen Imperativs, nach dem sich alle vernünftigen Wesen im rationalen Wollen und Handeln richten sollen. Der Wille von vernünftigen Wesen bestimmt sich im Handeln nach der Vorstellung gewisser Gesetze. Kant kann den Begriff des Zwecks einführen, da der vernünftige Wille einen Zweck braucht, um sich der Vorstellung von Gesetzen gemäß zu bestimmen. Ein Zweck ist etwas, um deswillen etwas geschieht. Ein objektives Gesetz, das für alle vernünftigen Wesen gilt, bräuchte einen für alle ersichtlichen Zweck, der von der Vernunft gegeben wird. Dies wäre ein Zweck an sich selbst. Dieser Zweck an sich selbst wäre, vorausgesetzt, dass es ihn gäbe, ein Zweck um seiner selbst willen, "dessen Dasein an sich selbst einen absoluten Wert hat".
In dem Buch "Tiere wie wir" versucht Christine M. Korsgaard, einige Elemente von Kants Moralphilosophie für ihre neue tierethische Theorie zu benutzen. In dieser stellt sie die bedeutsame These auf, dass Tiere Zwecke an sich selbst sind. Der Begriff des Zwecks an sich selbst stammt aus Kants berühmter "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" (GMS). Der ‚Zweck an sich selbst‘ ist ein Begriff, der bei Kant menschlichen Personen zugeschrieben wird: "Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest".
Inhaltsverzeichnis
Inwiefern können Tiere Zwecke an sich selbst sein?
Der Zweck an sich selbst bei Kant
Korsgaards Interpretation des Zwecks an sich selbst bei Kant
Autonome praktische Vernunft als Bedingung, ein Zweck an sich selbst zu sein
Tiere als Zwecke an sich selbst
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die philosophische Fragestellung, ob Tiere im Rahmen der kantischen Moralphilosophie als „Zwecke an sich selbst“ betrachtet werden können. Dabei liegt ein besonderer Fokus auf der Interpretation von Christine M. Korsgaard, welche die klassische, auf autonome Vernunft fokussierte Exklusivität Kants kritisch hinterfragt und zu erweitern versucht.
- Analyse des Begriffs „Zweck an sich selbst“ bei Immanuel Kant
- Kritische Auseinandersetzung mit der Autonomie als notwendigem Kriterium
- Darstellung von Christine M. Korsgaards konstruktivistischer Interpretation
- Unterscheidung zwischen aktivem und passivem Zweck-an-sich-selbst-sein
- Ableitung moralischer Pflichten gegenüber Tieren
Auszug aus dem Buch
Tiere als Zwecke an sich selbst
Korsgaard bringt zunächst ein weiteres Argument dagegen, dass Autonomie das einzige Kriterium ist, das darüber entscheidet, ob man ein Zweck an sich selbst ist oder nicht. So sei die Entscheidung, einem subjektiven Zweck, den man begehrt, einen Wert zuzuschreiben, keine Handlung des Respekts vor der eigenen Autonomie (Korsgaard, 2021, S. 188). Denn es gehörten zwei Momente zu einer Entscheidung (Korsgaard, 2021, S. 188). Zuerst müssten wir beschließen, ein Ziel für gut zu halten, da wir ein höchstes, für uns erstrebenswertes Gut haben (Korsgaard, 2021, S. 188-189). Dann erst könnten wir die Entscheidung als autonome Wesen zu einem Gesetz machen (Korsgaard, 2021, S. 189). Daher kann „ich [...] meine eigenen Entscheidungen nicht respektieren und tun, was nötig ist, um sie in die Tat umzusetzen, bevor ich sie getroffen habe“ (Korsgaard, 2021, S. 188). Handlungen würden also nicht aus Respekt vor der eigenen Autonomie getroffen, sondern als Anerkennung des eigenen Wesens als Wesen mit höchstem Gut.
Dies ließe sich dadurch ergänzen, dass wir Kant zufolge aufgrund einer Naturnotwendigkeit alle nach unserem Wohlergehen streben (Ricken, 2000, S. 244). Es liege nämlich in der Bedürfnisnatur des Menschen, das Ziel zu haben, das eigene Wohlergehen zu befördern (Steigleder, 2002, S. 10). Da dies auch auf andere Wesen zutrifft, müssen wir verallgemeinernd den Zielen und Zwecken von Wesen mit höchstem Gut einen unbedingten Wert zuschreiben (Korsgaard, 2021, S. 189). Nur weil autonome vernünftige Wesen von sich als Zwecke an sich selbst ausgehen müssen, heißt das nicht, dass nur vernünftige Wesen Zwecke an sich selbst sind (Korsgaard, 2021, S. 189). Wir schätzen uns auch in unserer Rolle als Lebewesen mit Neigungen (Korsgaard, 2021, S. 189).
Zusammenfassung der Kapitel
Inwiefern können Tiere Zwecke an sich selbst sein?: Einführung in die Thematik der Tierethik durch Korsgaard und Darlegung der zentralen Fragestellung bezüglich Kants Zweckbegriff.
Der Zweck an sich selbst bei Kant: Erläuterung der kantischen Herleitung des Zwecks an sich selbst durch ein Ausschlussverfahren von subjektiven Neigungen hin zum objektiven moralischen Gesetz.
Korsgaards Interpretation des Zwecks an sich selbst bei Kant: Vorstellung einer konstruktivistischen Lesart, nach der Dinge einen Wert erhalten, indem rationale Wesen sie als unbedingt gut anerkennen.
Autonome praktische Vernunft als Bedingung, ein Zweck an sich selbst zu sein: Diskussion der Rolle der Vernunft als notwendiges Kriterium bei Kant und die daraus folgende Exklusion von Tieren.
Tiere als Zwecke an sich selbst: Herleitung der These, dass Tiere zumindest im passiven Sinn als Zwecke an sich selbst gelten können, da ihre Interessen als unbedingt gut zu behandeln sind.
Fazit: Zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse, die Kants anthropozentrische Sichtweise zugunsten einer erweiterten moralischen Verantwortung für Tiere korrigiert.
Schlüsselwörter
Kants Moralphilosophie, Zweck an sich selbst, Christine M. Korsgaard, Tierethik, Autonomie, praktische Vernunft, kategorischer Imperativ, Selbstzweckformel, absoluter Wert, Konstruktivismus, moralische Pflichten, Lebewesen, Menschen, Tierschutz, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob und wie Tiere innerhalb einer kantianisch geprägten Ethik als Wesen mit eigenem moralischem Wert – als „Zwecke an sich selbst“ – begriffen werden können.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen Kants Moralphilosophie, insbesondere die Selbstzweckformel, sowie die tierethische Neuinterpretation durch Christine M. Korsgaard.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Kants strikte Trennung zwischen vernünftigen Personen und vernunftlosen Tieren zu hinterfragen und zu zeigen, dass auch Tiere als Zwecke an sich selbst behandelt werden sollten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse, die auf primären und sekundären Quellen der kantischen Moralphilosophie basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Herleitung des Zweckbegriffs bei Kant, kritisiert die Autonomie als exklusives Kriterium und erarbeitet Korsgaards konstruktivistische Sichtweise zur moralischen Statusbestimmung von Tieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Zweck an sich selbst, Korsgaard, Kant, Autonomie, praktische Vernunft und Tierethik.
Wie unterscheidet sich der aktive vom passiven Sinn des Zwecks an sich selbst?
Der aktive Sinn bezieht sich auf die Fähigkeit zur gesetzgebenden Vernunft (Mensch), während der passive Sinn bedeutet, dass ein Wesen moralisch zu achten ist, da seine Interessen für es selbst einen Wert besitzen.
Warum hält Kant Tiere für bloße „Sachen“?
Kant ordnet Tieren keine praktische Vernunft zu, weshalb sie für ihn keine moralischen Gesetze einsehen oder anwenden können, was ihren Status als Zweck an sich selbst ausschließt.
- Arbeit zitieren
- Marvin Steiner (Autor:in), 2021, Der "Zweck an sich selbst" nach Immanuel Kant. In "Tiere wie wir" von Christine M. Korsgaard, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1191270