In seinem Roman ‚Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten‘ entwirft Christian Kracht eine alternative Weltgeschichte. Die fiktive SSR vereint Elemente sowohl der real existierenden Sozialismen als auch der imperialistischen westlichen Staaten Europas. Unter Bezugnahme auf postkoloniale und marxistische Theoretiker*innen werden Ideologie und Geschichte in ‚Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten‘ analysiert.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Reale und fiktive Geschichte
Ideologische Geschichtsschreibung und Fetischisierung des Krieges
Rassismus und das koloniale Subjekt des kommunistischen Imperialismus
Fazit: Antikolonialer Widerstand und Geschichte machen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die ideologische Indoktrinierung und das daraus resultierende verzerrte Geschichtsbild des Ich-Erzählers in Christian Krachts Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“. Im Zentrum steht die Analyse des Widerspruchs zwischen dem propagierten kommunistischen Antirassismus und der kolonialen Wirklichkeit der sowjetschweizerischen Herrschaft.
- Alternative Weltgeschichtsschreibung in der Dystopie
- Die Rolle von Ideologie und totalitärer Propaganda
- Krieg als zentrales Element der sowjetschweizerischen Identität
- Kolonialismus und Rassismus unter kommunistischen Vorzeichen
- Prozesse der Bewusstseinswerdung und Dekolonisation
Auszug aus dem Buch
Rassismus und das koloniale Subjekt des kommunistischen Imperialismus
Der Ich-Erzähler ist ein Schwarzer Parteikommissär in Neu-Bern. Er wurde in einem kleinen Dorf in Nyasaland, dem heutigen Malawi, in Südostafrika geboren und, „[w]ie es üblich war“, als Letztgeborener an die Militärakademie in Blantyre geschickt. Die Hautfarbe des Erzählers spielt eine entscheidende Rolle; sein größter Wunsch zur Zeit seiner Ausbildung war es, genauso zu werden wie die Schweizer. Nach Fanon befindet er sich also „in einer neurotischen Situation“, weil „er in einer Gesellschaft lebt, die seinen Minderwertigkeitskomplex ermöglicht, in einer Gesellschaft, die die Überlegenheit einer Rasse behauptet“.
Die SSR gibt sich jedoch ihrem Selbstverständnis nach ebenso antirassistisch wie antifaschistisch. Für rassistische Äußerungen „gab es ein Jahr Zwangsarbeit in den zuunterst liegenden Schichten der Réduit-Stollen.“ Strafmaßnahmen dieser Art weisen nicht nur auf ein sowjetschweizerisches Pendant zu Stalins Gulags, ‚Besserungsarbeitslager‘ in denen Zwangsarbeit verrichtet wurde hin, sondern auch auf das Bestreben der SSR, Rassismus als dem Kommunismus nicht zugehörig zu markieren. Der Antirassismus der SSR entpuppt sich im Laufe der Geschichte jedoch als Farce; ihr Imperialismus, in der marxistischen Wirtschaftstheorie eigentlich ein genuin kapitalistisches Bestreben und Endstufe in der Entwicklung kapitalistischer Staaten, ist für das Fortbestehen der SSR essenziell. Die SSR war militärisch sehr erfolgreich in Südostafrika und „dort, wo kein Krieg mehr herrschte, bauten sie Schulen, Universitäten und Krankenhäuser.“ Der sowjetschweizerische Kolonialismus wird als säkularisiertes, humanistisches Projekt dargestellt, doch „als endlich nie gekannte Gleichheit herrschte“ wurde seine wahre Intention demaskiert, denn nun „begannen die Schweizer mit dem Bau der Militärakademien, um die Afrikaner zu Soldaten zu machen und damit den gerechten Krieg, der in der Heimat wütete, endlich zu gewinnen.“
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Reale und fiktive Geschichte: Dieses Kapitel führt in Krachts dystopisches Alternativwelt-Szenario ein und erläutert, wie die subjektive Wahrnehmung des Ich-Erzählers als Grundlage für die Untersuchung ideologischer Indoktrinierung dient.
Ideologische Geschichtsschreibung und Fetischisierung des Krieges: Hier wird analysiert, wie der permanente Kriegszustand zum identitätsstiftenden Kern der sowjetschweizerischen Ideologie wird und wie die Geschichte durch die Partei funktionalisiert wird.
Rassismus und das koloniale Subjekt des kommunistischen Imperialismus: Das Kapitel legt dar, wie die SSR trotz antirassistischer Rhetorik koloniale Strukturen und Rassismus aufrechterhält, um ihre imperialistische Machtbasis in Afrika zu sichern.
Fazit: Antikolonialer Widerstand und Geschichte machen: Zusammenfassend wird die Abkehr des Protagonisten von der Staatsideologie als notwendiger Schritt zur Subjektwerdung und als Akt der Dekolonisation interpretiert.
Schlüsselwörter
Christian Kracht, Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, Kommunismus, Imperialismus, Sowjetschweiz, Rassismus, Ideologiekritik, Totalitarismus, Geschichtsbild, Dekolonisation, Indoktrinierung, falsches Bewusstsein, Literaturwissenschaft, Dystopie, Antikolonialismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Christian Krachts Roman als Dystopie, in der eine kommunistische Schweiz ein imperialistisches Kolonialreich aufbaut, und untersucht die ideologischen Widersprüche dieser Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit befasst sich mit den Themenbereichen Ideologie, kolonialer Machtausübung, der Manipulation von Geschichte sowie der psychologischen Konstruktion eines „falschen Bewusstseins“ beim Protagonisten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Kracht die Mechanismen einer totalitären Ideologie entlarvt, die unter dem Deckmantel eines humanistischen Kommunismus Rassismus und Krieg verherrlicht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Analysemethoden, gestützt durch theoretische Konzepte unter anderem von Frantz Fanon, Hannah Arendt und Herbert Marcuse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der ideologischen Geschichtsschreibung und der Fetischisierung des Krieges sowie eine kritische Untersuchung des Rassismus und der kolonialen Strategien der SSR.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind insbesondere Kommunismus, Imperialismus, Ideologiekritik, Indoktrinierung, Rassismus und das Konzept der Dekolonisation innerhalb einer fiktiven Weltgeschichte.
Wie bewertet der Autor das Ende des Romans in Bezug auf die Dekolonisation?
Der Autor interpretiert die Rückkehr des Erzählers nach Afrika und seine Abkehr von der SSR als einen persönlichen Dekolonisationsprozess, der jedoch im Vergleich zu realen, organisierten Bewegungen ungewöhnlich gewaltfrei und individuell verläuft.
Was bedeutet die Erwähnung der „Steckdosen“ im letzten Kapitel?
Sie dienen als Symbol für eine „posthumane Welt“ und verdeutlichen, dass der technische Fortschritt in der SSR gerade nicht zur menschlichen Befreiung führt, sondern entfremdete, an die Partei gebundene Individuen schafft.
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- Leon Maack (Autor:in), 2021, Ideologie und Geschichte in Christian Krachts "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1192412