Ideologie und Geschichte in Christian Krachts "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten"

Der Widerspruch zwischen Ideologie und Wirklichkeit. 'Falsches Bewusstsein' unter einem kommunistischen Imperialismus


Hausarbeit, 2021

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsangabe

Einleitung: Reale und fiktive Geschichte

Ideologische Geschichtsschreibung und Fetischisierung des Krieges

Rassismus und das koloniale Subjekt des kommunistischen

Imperialismus

Fazit: Antikolonialer Widerstand und Geschichte machen

Bibliografie

Einleitung: Reale und fiktive Geschichte

In seinem Roman Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten entwirft der Autor Christian Kracht eine alternative Weltgeschichte. Ausstaffiert mit zahlreichen Anspielungen und Verweisen auf historisch verbürgte Figuren und Ereignisse beschreibt Kracht eine Dystopie, in der der Erste Weltkrieg bis ins nächste Jahrhundert hinein kein Ende gefunden hat. Dieser fiktive Hergang der Weltgeschichte, wie er den Leser*innen präsentiert wird, wird jedoch keinesfalls objektiv erzählt, sondern beruht auf den Darstellungen des namenlos bleibenden Ich­Erzählers; was wahr ist und was Ideologie, lässt sich nicht eindeutig unterscheiden. Die „auf die Erlebnisse des Protagonisten konzentrierte Ereignisfolge“,1 nach der die Handlung chronologisch linear erzählt wird, gibt lediglich Aufschluss über die Wahrnehmungen und Gedanken des Erzählers sowie der Charaktere, mit denen er im Laufe der Erzählung interagiert. Dieses tendenziöse Bild der (Welt-)Geschichte eignet sich zwar nicht für die parteilose und sachliche Analyse eines alternativen Geschichtsverlaufs, sehr wohl aber für eine Untersuchung der ideologischen Indoktrinierung des Erzählers, welche sein Geschichtsbild und damit seine Wahrnehmung der Gegenwart konstituiert.2

Die Ursprünge von Krachts Alternativweltgeschichte lassen sich auf den Beginn des 20. Jahrhunderts zurückverfolgen. Der Autor hat den Geschichtsverlauf schon vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs grundlegend verändert: Russland ist in Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten in Folge des Tunguska­Ereignisses 1908 grossflächig verseucht worden. Der Ich-Erzähler beschreibt das Russische Reich als „eine einzige Ödnis voller giftigem Staub und todbringender Asche.“3 Außerdem befand sich die Schweiz in Krachts Geschichte zum Zeitpunkt des kommunistischen Umsturzes bereits seit Jahrzehnten im Kriegszustand;4 es bestand also eine revolutionäre Situation in der es Wladimir Lenin möglich war, in Zürich, Basel und Neu-Bern den Sowjet zu gründen. In diesem Aspekt deckt sich Krachts Geschichtsentwurf mit der klassischen Marxschen Theorie, die sich den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus als eine Revolution vorstellt in der sich die befreienden historischen Kräfte „ innerhalb der etablierten Gesellschaft“5 entwickeln. Im Fall von Ich werde hier sein... geschieht dies in der kapitalistischen Schweizer Eidgenossenschaft, und nicht etwa im zaristischen Russland, das Anfang des 20. Jahrhunderts vom Feudalismus zum Sozialismus überging, ohne jemals kapitalistisch gewesen zu sein. Lenin fährt im Jahre 1917 also nicht mit dem Zug nach St. Petersburg und bricht dort nicht mit Marxens These, die proletarische Revolution könne nur in den entwickeltsten Ländern beginnen,6 sondern bleibt im Schweizer Exil; die Russische Revolution findet nicht statt, stattdessen erlebt die Schweizerische Eidgenossenschaft eine Kommunistische Revolution und wird zur Schweizerischen Sowjetrepublik (SSR).

Ideologische Geschichtsschreibung und Fetischisierung des Krieges

Das 20. Jahrhundert ist auch in Krachts Geschichtsentwurf ein „Jahrhundert der Massen“7 und der ,totalen Kriege', geprägt von einer Kriegsführung, deren historisch neue Qualität darin liegt, dass sie einer allumfassenden Ideologie unterliegt und Menschenmassen, unter ihnen unser Ich-Erzähler, „zur Herde degradiert“8 werden. Dieser moderne Krieg bedeutet auch bei Kracht „nicht nur die militärische und wirtschaftliche, sondern auch die ideologische Mobilmachung des ganzen Volkes.“9

In Krachts dystopischer Fiktion dauert dieser permanente Kriegszustand schon beinahe ein ganzes Jahrhundert an und ist längst selbst zu einem Grundbaustein sowjetschweizerischer Ideologie geworden. Die Bedeutung des Krieges geht über die „organische“ Verbindung von Krieg und Revolution, also den Umstand, dass jede wirkliche Revolution im Zusammenhang mit einem Krieg ausgebrochen ist,10 hinaus. Bildete die „Fetischisierung“ der Revolution ein konstitutives Merkmal der russischen Sowjetideologie,11 so tritt in der sowjetschweizerischen Ideologie der Krieg an die Stelle der Revolution. Die im Stil des sozialistischen Realismus gehaltenen Reliefarbeiten im Innern des Alpenréduit, dem „Triumph der Arbeiter“,12 erzählen die Schweizer Geschichte vergangener Jahrhunderte nach. Der Protagonist erkennt: „Die Geschichte der Schweiz, die durch die Fresken erzählt wurde, [...] war naturgemäss eine Geschichte des Krieges“.13 Der Dauerzustand des Krieges äußert sich unter anderem auch darin, dass die „Jahreszeiten verschwanden“;14 Generationen von Menschen haben keinen Frieden erlebt. Bezeichnenderweise meint die Divisionärin Favre, die der Protagonist im Laufe der Erzählung kennenlernt: „Niemand ist mehr im Frieden geboren. Die Generation, die nach uns kommt, ist der erste Baustein zum neuen Menschen. Es lebe der Krieg.“ Daraufhin erwidert der Ich­Erzähler: „Es lebe die SSR“, und Favre ergänzt: „Natürlich. Es ist ja dasselbe.“15 Die Partei und der Krieg sind synonym geworden, und selbst auf einer Miene stehend, scheinbar dem Tode nahe, versichert sich der Protagonist: „Es gab keinen Gott. Wir wurden im Krieg geboren, und im Krieg würden wir sterben.“16 Überhaupt ist die Politik dem Primat des Krieges untergeordnet; der Clausewitzsche Ausspruch, der Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln,17 wird auf den Kopf gestellt, denn: „Das Politische tangiert das Militärische erst am Abend, wenn die Kanonen schweigen.“18 Die Fetischisierung des Krieges geht für den Erzähler sogar so weit, dass er ihn zum Selbstzweck und alleinigen Sinn seines Daseins erklärt: „Es war notwendig, dass der Krieg weiterging. Er war der Sinn und Zweck unseres Lebens, dieser Krieg.“19 Eine derartige Einstellung zum Krieg ist eine klare Absage an den Slogan des ,war to end all wars‘; vor diesem Hintergrund scheint Frieden weder sinnvoll noch wünschenswert.

Der Protagonist ist nicht nur von der Notwendigkeit des ,gerechten' Krieges, sondern auch von der Richtigkeit der Heilsversprechen einer kommunistischen Utopie überzeugt. Beim Anblick von hungernden, in Lumpen gekleideten Kindern denkt er, so etwas „würde es eines Tages, wenn wir den Kommunismus erreicht hatten, nicht mehr geben.“20 Er hat die analytische Prädikation der herrschenden Ideologie, die sich wie in der real existierenden UdSSR in Ausdrücken wie ,Arbeiter und Bauern', dem ,Kampf gegen den Klassenfeind' oder dem 'Aufbau des Kommunismus oder Sozialismus' manifestiert, vollständig verinnerlicht.21 Die Instrumentalisierung der Geschichte, „das ständige Umschreiben der Geschichte“, wie Hannah Arendt es nannte, zeichnete auch schon das „organisierte Manipulieren von Tatbeständen und Meinungen“22 in der UdSSR aus. Das offizielle Geschichtsbild der SSR inklusive ihrer Teleologie, wie die Geschichte verlaufen ist und auf welches Ziel, eine kommunistische Gesellschaft, sie sich hinbewegt, informieren die Wahrnehmung des Erzählers und determinieren so sein Handeln. Die Geschichte ist auch in Ich werde hier sein... zweifelsohne „die der Herrschaft“.23

Diese Herrschaft zeichnet sich außerdem dadurch aus, dass die Buch- und Schreibkultur der SSR nahezu vollständig liquidiert wurde; der des Lesen und Schreiben mächtige Protagonist bildet die große Ausnahme unter dem Analphabetismus seiner schweizerischen Zeitgenossen. Neben den „Bibelfeuer[n]“,24 die dem zur Staatsräson erhobenen Atheismus der SSR geschuldet sind, ist das kollektive Verlernen des Schreibens, wie es Divisionärin Favre ausdrückt, „ein Prozess des absichtlichen Vergessens.“25 Eine derartige orwellsche Funktionalisierung der Sprache verfolgt das Ziel, „nonkonformistische Elemente aus der Struktur und Bewegung des Sprechens zu verdrängen“26 und so subversives Denken zu verunmöglichen. Wenn sich niemand mehr an die Geschichte erinnert, ist es ein Leichtes für die Partei die Geschichte nach ihrem Interesse umzugestalten.

Rassismus und das koloniale Subjekt des kommunistischen Imperialismus

Der Ich-Erzähler ist ein Schwarzer Parteikommissär in Neu-Bern. Er wurde in einem kleinen Dorf in Nyasaland, dem heutigen Malawi, in Südostafrika geboren und, „[w]ie es üblich war“,27 als Letztgeborener an die Militärakademie in Blantyre geschickt. Die Hautfarbe des Erzählers spielt eine entscheidende Rolle; sein größter Wunsch zur Zeit seiner Ausbildung war es, genauso zu werden wie die Schweizer.28 Nach Fanon befindet er sich also „in einer neurotischen Situation“, weil „er in einer Gesellschaft lebt, die seinen Minderwertigkeitskomplex ermöglicht, in einer Gesellschaft, die die Überlegenheit einer Rasse behauptet“.29

Die SSR gibt sich jedoch ihrem Selbstverständnis nach ebenso antirassistisch wie antifaschistisch. Für rassistische Äußerungen „gab es ein Jahr Zwangsarbeit in den zuunterst liegenden Schichten der Reduit-Stollen.“30 Strafmaßnahmen dieser Art weisen nicht nur auf ein sowjetschweizerisches Pendant zu Stalins Gulags, ,Besserungsarbeitslager‘ in denen Zwangsarbeit verrichtet wurde hin, sondern auch auf das Bestreben der SSR, Rassismus als dem Kommunismus nicht zugehörig zu markieren. Der Antirassismus der SSR entpuppt sich im Laufe der Geschichte jedoch als Farce; ihr Imperialismus, in der marxistischen Wirtschaftstheorie eigentlich ein genuin kapitalistisches Bestreben und Endstufe in der Entwicklung kapitalistischer Staaten,31 ist für das Fortbestehen der SSR essenziell. Die SSR war militärisch sehr erfolgreich in Südostafrika und „dort, wo kein Krieg mehr herrschte, bauten sie Schulen, Universitäten und Krankenhäuser.“32

[...]


1 Birgfeld, Johannes und Conter, Claude D.: Christian Kracht. Zu Leben und Werk. S.255.

2 Said, Edward W.: Culture and Imperialism. S.4.

3 Kracht, Christian: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. S.58.

4 Ebd.

5 Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. S.43.

6 Lukacs, Georg: Marxismus und Stalinismus. Politische Aufsätze, Ausgewählte Schriften IV. S.194.

7 Lohmann, Hans-Martin: Sigmund Freud zur Einführung. S.58.

8 Ebd.

9 Lukacs, Georg: Marxismus und Stalinismus. Politische Aufsätze, Ausgewählte Schriften IV. S.14.

10 Ebd. S.205

11 Adamczak, Bini: Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende. S.25.

12 Kracht, Christian: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. S.48.

13 Ebd. S.122.

14 Ebd. S.13.

15 Ebd. S.43.

16 Ebd. S.85.

17 Lukacs, Georg: Marxismus und Stalinismus. Politische Aufsätze, Ausgewählte Schriften IV. S.20.

18 Kracht, Christian: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. S.33.

19 Ebd. S.21.

20 Kracht, Christian: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. S.52.

21 Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. S.107.

22 Arendt, Hannah: Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays. S.75.

23 Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. S.154.

24 Kracht, Christian: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. S.81.

25 Ebd. S.43.

26 Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. S.105.

27 Kracht, Christian: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. S.54.

28 Ebd. S.57.

29 Fanon, Frantz: Schwarze Haut, weiße Masken. S.86.

30 Kracht, Christian: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. S.22.

31 Vgl. Lenin, Wladimir: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (1988: Dietz Verlag, Berlin).

32 Kracht, Christian: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. S.76.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Ideologie und Geschichte in Christian Krachts "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten"
Untertitel
Der Widerspruch zwischen Ideologie und Wirklichkeit. 'Falsches Bewusstsein' unter einem kommunistischen Imperialismus
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Veranstaltung
Literatur und Geschichte / Kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaften
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
15
Katalognummer
V1192412
ISBN (Buch)
9783346630896
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ideologie, geschichte, christian, krachts, sonnenschein, schatten, widerspruch, wirklichkeit, bewusstsein, imperialismus
Arbeit zitieren
Leon Maack (Autor:in), 2021, Ideologie und Geschichte in Christian Krachts "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1192412

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