Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Krieges hat seit dem Ende des Ost-West Konflikts eine Vielzahl von Einschätzungen zur Entwicklung gewaltsamer Konflikte, Krisen und Kriege zum Ende des 20. Jahrhunderts hervorgebracht. Zugleich wurde häufig versucht anhand dieser Beobachtungen Prognosen für die zukünftige Analyse und Betrachtung gewaltsamer Konflikte abzuleiten. Dabei spielt neben eher klassischen politikwissenschaftlichen Kriegstheorien auch die soziologische Perspektive der Entwicklung von Kriegen, ihren Ursachen sowie ihrer sozialen Funktion, sofern vorhanden, eine wichtige Rolle.
Doch wo liegen die Unterschiede zwischen klassischen Konflikten und den „neuen Kriegen“, wie Münkler sie bezeichnet? Und wie lassen sich diese theoretisch fassen?
Die vorliegende Arbeit möchte versuchen auf diese Fragen zu antworten, indem Sie zunächst die wesentlichen Unterschiede zwischen den klassischen zwischenstaatlichen Konflikten unter den symmetrischen Bedingungen der Vergangenheit und den so genannten „Neuen Kriegen“, die in einem Umfeld von Asymmetrien vorwiegend am Rande der Wohlstandszonen und in Ländern der dritten Welt von zahlreichen staatlichen und parastaatlichen Akteuren geführt werden, kurz skizziert, um anschließend mit dem theoretischen Rahmen der Systemtheorie die Erscheinungsweisen moderner gewaltsamer Auseinandersetzungen zu untersuchen.
In diesem Zusammenhang soll in die wesentlichen Eigenschaften und Definitionskriterien der Kriegssysteme eingeführt werden um anschließend die besondere Form des von Matuszek formulierten amorphen Krieges zu beleuchten.
In der abschließenden Zusammenfassung sollen dann die zentralen Ergebnisse der Arbeit zusammengeführt und auf ihrer Basis ein Ausblick in die Zukunft gewaltsamer Konflikte versucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Alte und Neue Kriege
2.1 Von der Symmetrie zur Asymmetrie
2.2 Neue Kriege
3 Krieg aus systemtheoretischer Perspektive
3.1 Kriegssysteme
3.2 Der amorphe Krieg
4 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Wandel gewaltsamer Konflikte vom Ende des Ost-West-Konflikts bis heute. Das Ziel ist es, die Unterschiede zwischen klassischen Staatenkriegen und den sogenannten "Neuen Kriegen" herauszuarbeiten und die Erscheinungsweisen moderner Auseinandersetzungen unter Anwendung der systemtheoretischen Perspektive theoretisch zu fundieren.
- Vergleich zwischen symmetrischen Staatenkriegen und asymmetrischen Konflikten
- Analyse der Rolle von Gewalt- und Schattenökonomien in modernen Kriegen
- Systemtheoretische Betrachtung von Krieg als autopoietischem System
- Charakterisierung des "amorphen Krieges" und dessen Resistenz gegen Friedensinitiativen
Auszug aus dem Buch
3.1 Kriegssysteme
Krieg ist die am weitesten gehende Form des Konflikts und hat sich in seiner Struktur und Entwicklung, wie wir bereits gesehen haben, in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Im Folgenden soll das Phänomen Krieg aus einer systemtheoretischen Perspektive betrachtet werden, die Kriege als operativ-geschlossene, ausdifferenzierte und autopoietische Kriegssysteme zu fassen versucht.
In seinem Klassiker „Vom Kriege“ beschreibt Clausewitz die Notwendigkeit des politischen Zwecks, dem die gewaltsame Auseinandersetzung untergeordnet ist, da sonst die sich gegenseitig verstärkenden Wechselwirkungen von Gewalt und feindlichen Absichten zu einem totalen Krieg führen würde, der keine Mäßigung mehr kennt. ( Matuszek 2007, S. 25; Vgl. Clausewitz 2002, S. 27-47) Auf Grund der bereits im vorigen Kapitel beschriebenen Faktoren, ist diese Mäßigung des Krieges in vielen modernen Konflikten nicht mehr gegeben.
Stattdessen kann man von einer Ausdifferenzierung des Krieges zu einem selbstreferentiellen, operativ-geschlossenen Kriegssystem ausgehen. Diese Ausdifferenzierung ergibt sich unter anderem aus der Loslösung des Krieges von politischen, rechtlichen und ethischen Beschränkungen. Zahlreiche parastaatliche Akteure sorgen für eine fehlende Bindung an zwischenstaatliche Politiken und bilden zudem keine Adressaten des Kriegsvölkerrechts.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in das Phänomen der "Neuen Kriege" ein und stellt die methodische Vorgehensweise sowie die forschungsleitenden Fragen der Arbeit dar.
2 Alte und Neue Kriege: Das Kapitel kontrastiert die Symmetrie des klassischen Staatenkrieges mit der Asymmetrie moderner Konflikte und analysiert die Merkmale und Treiber der "Neuen Kriege".
3 Krieg aus systemtheoretischer Perspektive: Hier wird das Phänomen Krieg mithilfe der Systemtheorie als ein sich verselbstständigendes, operativ-geschlossenes System analysiert.
3.1 Kriegssysteme: Dieser Abschnitt erläutert die Ausdifferenzierung des Krieges zu einem autopoietischen System, das sich von politischen Beschränkungen löst und durch einen binären Code (Freund/Feind) strukturiert wird.
3.2 Der amorphe Krieg: Der Abschnitt beschreibt eine spezifische Form der Konfliktdesintegration, bei der Gewaltökonomien jede Form von Ordnung oder politischem Zweck verdrängen.
4 Zusammenfassung: Die Arbeit fasst die zentralen Erkenntnisse über die Eigendynamik moderner Konflikte und die Grenzen humanitärer Interventionsstrategien zusammen.
Schlüsselwörter
Neue Kriege, Asymmetrie, Symmetrie, Systemtheorie, autopoietische Systeme, Kriegssysteme, amorpher Krieg, Gewaltökonomie, Schattenglobalisierung, Pazifierungskrieg, Staatenkrieg, Resymmetrierung, Akteure, Konfliktverlauf, Friedensinitiativen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den fundamentalen Wandel der Kriegsführung nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, weg von klassischen Staatenkriegen hin zu modernen, häufig asymmetrischen und innergesellschaftlichen Konflikten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Symmetrie und Asymmetrie in Konflikten, die Rolle von Warlords und nicht-staatlichen Akteuren, die Bedeutung von Schatten- und Gewaltökonomien sowie die systemtheoretische Analyse der Autonomie des Krieges.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Unterschiede zwischen klassischen und "Neuen Kriegen" aufzuzeigen und zu untersuchen, wie moderne gewaltsame Auseinandersetzungen mit dem theoretischen Rahmen der Systemtheorie als ausdifferenzierte Systeme beschrieben werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine politikwissenschaftliche und soziologische Perspektive. Sie stützt sich auf die Kriegstheorien von Herfried Münkler sowie systemtheoretische Konzepte von Matuszek und Luhmann, um das Phänomen Krieg analytisch zu fassen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historisch-politikwissenschaftliche Analyse der Unterschiede zwischen klassischen und neuen Kriegen sowie eine systemtheoretische Untersuchung, die Krieg als ein operativ-geschlossenes und autopoietisches System begreift.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind "Neue Kriege", "Asymmetrie", "Gewaltökonomie", "Kriegssysteme", "autopoietische Systeme" und "amorpher Krieg".
Was versteht man unter dem Begriff "amorpher Krieg"?
Ein amorpher Krieg ist eine Form des Konflikts, in der durch Gewaltökonomien die sozialen Bindungen und Identitäten der Kämpfenden zerfallen, was zu einer unüberschaubaren Struktur führt, die gegen klassische Friedensbemühungen weitgehend resistent ist.
Warum sind moderne Pazifierungskriege nach Ansicht der Arbeit oft erfolglos?
Die Arbeit argumentiert, dass externe Interventionen oft nur einen "negativen Frieden" (Unterbindung von Gewalt) erreichen können, während ein "positiver Frieden" von innen heraus durch eine befriedete Gesellschaft selbst wachsen müsste, was in den untersuchten Konfliktgebieten kaum gelingt.
Welche Rolle spielt die "Schattenglobalisierung"?
Die Schattenglobalisierung versorgt die Akteure in "Neuen Kriegen" mit finanziellen Mitteln durch illegale Kanäle, was es ihnen ermöglicht, Kriege autark von staatlicher Steuerung und über lange Zeiträume hinweg aufrechtzuerhalten.
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- Florian Meyer (Author), 2008, Die Neuen Kriege, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119334