Die Passionen von Johann Sebastian Bach


Seminararbeit, 2002

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Überblick der Passion bis Bach

3. Die Passion bei Bach
3.1 Allgemeines zum Stil und den theologischen Bezügen
3.2 Die Johannes-Passion BWV 245
3.3 Die Matthäus-Passion BWV 244
3.4 Die Passionen nach Markus und Lukas (BWV 247 & 246)

4. Conclusio

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Unter dem Begriff „Passion“ versteht man die Geschichte des Leidens und Sterbens Jesu Christi, wie sie durch die Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes im Neuen Testament überliefert ist. Die Leidensgeschichte nimmt im Christentum eine zentrale Stellung ein: Jesus opfert sich selbst am Kreuz, nimmt durch dieses „Sühneopfer“ die Schuld der Welt auf sich und erlöst die Gläubigen durch seine Auferstehung: „Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden“ (Mk 16, 16). Der Karfreitag ist somit einer der wichtigsten Feiertage in der christlichen Kirche, nicht, weil Christus an diesem Tag leiden und sterben musste, sondern weil die Erlösung der Menschen nur dadurch ermöglicht wurde. So wurde dieser Tag schon immer mit besonderen Feierlichkeiten begangen, bei der natürlich auch eine besondere musikalische Gestaltung nicht fehlen durfte. Diese Arbeit wird nun einen Überblick über die geschichtliche Entwicklung der Passion als musikalische Gattung bis zu Johann Sebastian Bach geben und dann auf dessen Werk besonders eingehen.

2. Geschichtlicher Überblick der Passion bis Bach

„Bachs Passionen bedeuten Höhe- und Endpunkt einer über mehrere Jahrhunderte reichenden Tradition.“1

Frühe Aufzeichnungen belegen, dass es bereits im neunten Jahrhundert üblich war, die Passionsgeschichte mit verteilten Rollen und unter der Verwendung unterschiedlicher Deklamationsvarianten zu rezitieren: Durch den Buchstaben C (celeriter – schnell) wurde die Vortragsweise des Evangelisten gekennzeichnet, die Worte Jesu durch T (tenere – aushalten, später einfach durch ein Kreuz symbolisiert) und die der Soliloquenten, der weiteren Personen, mit S (sursum – oben, höhere Stimmlage).2 Die jeweiligen Rezitationstöne bilden auch den Ursprung für die Stimmlagen der Sänger: f für die Christusworte (Bass), c' für den Evangelisten (Tenor) und f' für die Soliloquenten. Ab dem 13. Jahrhundert war diese Vortragsart schon fest in die Karwochen-Liturgie integriert, ab dem 16. Jahrhundert wurde sie durch die Einführung so genannter Turba-Chöre immer dann ergänzt, wenn eine Gruppe oder die Volksmenge sich äußerten.

Unter den verschiedenen Passionstypen, die sich bis zum 16. Jahrhundert entwickelt hatten, sind zwei besonders erwähnenswert: Die motettische und die responsoriale Passion. In der motettischen Passion wird der gesamte Evangeliumstext mehrstimmig durchkomponiert, ein Beispiel hierfür liefert Antoine de Longueval, der um 1500 eine Passion bestehend aus den Texten aller vier Evangelien komponierte („Evangelien-Harmonie“). Die Kompositionen von Heinrich Schütz dagegen sind Beispiele für die responsoriale Passion, hierbei trägt der Evangelist den Bibeltext im Wechsel mit den Soliloquenten und dem Chor vor.

Im 17. Jahrhundert wurde die neue Form der Monodie mit ihren beiden Extremen, das syllabische Secco-Rezitativ und die melismatische Arie, sowie die Zwischenformen wie Accompagnato-Rezitativ und Arioso, aus dem Oratorium und der italienischen Oper übernommen: Das Secco-Rezitativ für den Evangelisten und die Soliloquenten mit Continuo-Begleitung, das Accompagnato-Rezitativ als lyrische Betrachtung und schließlich Da-Capo- Arien, Ariosi und Chöre mit frei hinzu gedichteten Texten. Die Entwicklung dieser oratorischen Passion war mit dem Jahr 1700 im Wesentlichen abgeschlossen.

3. Die Passion bei Bach

Im Jahr 1721 fand in der Thomaskirche zu Leipzig unter Bachs Amtsvorgänger Johann Kuhnau zum ersten Mal die Aufführung einer oratorischen Passion im Rahmen der Vesperandacht am Karfreitag statt. Im Zentrum der Vesper stand eine Predigt, die von zwei musikalischen Teilen umrahmt wurde. Zwei Jahre später ermöglichte eine Stiftung auch der anderen Hauptkirche Leipzigs, der Nikolaikirche, eine solche Karfreitagsvesper. Da man aber die erforderliche Anzahl an Sängern und Instrumentalisten nicht gleichzeitig in beiden Kirchen einsetzen konnte, einigte man sich, diese Karfreitagsvesper immer im Jahresrhythmus abwechselnd in beiden Kirchen aufzuführen. Als Johann Sebastian Bach nun sein Amt als Thomaskantor im Jahr 1723 antrat, war diese Regelung gerade eingeführt worden. Am 7. April 1724 führte er in der Nikolaikirche zum ersten Mal seine Johannes-Passion auf, auf die ich gleich näher eingehen werde. Zunächst sei aber noch einiges zum Stil der bach'schen Passionen und zu ihren theologischen Bezügen gesagt.

3.1 Allgemeines zum Stil und den theologischen Bezügen

Wie schon oben erwähnt, hatte die Annäherung zwischen der Passion und Formen wie dem Oratorium und der italienischen Oper bereits um das Jahr 1700 seinen Abschluss gefunden. Dies bedeutet aber nicht, dass diese Entwicklung von Seiten der Kirchenoberen gerne gesehen war. Bach musste also durch sein Einbeziehen von Formen wie Rezitativ und Arie und vor allem durch seine Praktik der Affektenlehre hart an die stilistischen Grenzen gehen, die ihm durch den Leipziger Rat als Leitlinie vorgegeben war. Durch seine Verwendung von Kirchenliedern wollte er ein Gegengewicht schaffen. Schließlich konnte er sich als Komponist nicht dem Usus der Zeit, in der die drei funktionsbezogenen Stile der Theater-, Kammer- und Kirchenmusik sich immer mehr vermischten, sich die Musik als solche immer mehr emanzipierte, entziehen. So sind Bachs Passionen durch eine stilistische Vielfalt geprägt, die wohl mit dazu beigetragen hat, dass sie bis heute die bedeutendsten ihrer Gattung sind.

Die Worte des jeweiligen Evangelisten in Luthers Übersetzung bleiben bei Bach unangetastet. Er verwendet keine Nachdichtung, wie es anderenorts üblich war, sondern unterbricht den Bibeltext für Betrachtungen in freier Poetik und, wie schon erwähnt, mit Hilfe von Kirchenliedern. Er bezieht diese dabei direkt auf das Passionsgeschehen; der Chor und die Solisten kommentieren gleichsam als staunende Gemeinde, was dort passiert. Die freien Texte wurden von Bach bzw. von seinen Textdichtern aus Predigten übernommen, „denen ja nicht nur die Aufgabe katechetischer Lehre, sondern auch die Weckung emotionaler Regungen im Zuhörerkreis zukommt.“3 Der Bibeltext selbst wird, wie in der responsorialen Passion üblich, zwischen dem Evangelisten als Erzähler, den Soliloquenten und dem Chor geteilt.

3.2 Die Johannes-Passion BWV 245

Neben der Matthäus-Passion ist die Johannes-Passion die einzige authentische und auch vollständig erhaltene Passion Bachs. Der Textdichter der freien Texte ist unbekannt, leider ist kein Exemplar des Librettodrucks für die Kirchengemeinde bewahrt worden. Über eine Autorenschaft des Komponisten wird spekuliert. Laut Werner Breig „liegt kein einheitlich konzipierter Text zugrunde, sondern eine Kompilation aus Texten von B.H. Brockes, Chr. Weise und Chr. H. Postel.“4

Es existieren vier unterschiedliche Fassungen, die Uraufführung der ersten fand 1724 in der Nikolaikirche statt. Eine Originalpartitur von dieser Fassung liegt nicht vor, es sind uns die Chornoten sowie die beiden Violinen und das Continuo erhalten; in diese sind bereits die Änderungen, die Bach für die zweite Fassung (1725) vorgenommen hat, eingetragen.

Bei der zweiten Fassung handelt es sich um die erste annähernd komplett überlieferte Version der Johannes-Passion, es sind zusätzlich auch die Stimmen für die Holzbläser und die Vokalsoli erhalten. Bach nahm für diese Fassung grundlegende Änderungen vor: Der Eingangschor, in der ersten Fassung bereits „Herr, unser Herrscher“, wurde durch die Choralbearbeitung „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ ersetzt, die später dann ihren Platz als Abschluss des ersten Teiles der Matthäus-Passion bekommen sollte. Nach dem Choral „Wer hat dich so geschlagen“ wurde die Choral-Arie für Sopran und Bass „Himmel reiße, Welt erbebe“ eingefügt. Die Tenorarien „Ach, mein Sinn“ und „Erwäge“ (zusammen mit dem dazu gehörigen Bass-Arioso „Betrachte, meine Seel“) wurden durch die Arien „Zerschmettert mich, ihr Felsen und ihr Hügel“ und „Ach windet euch nicht so, geplagte Seelen“, beide ebenfalls für Tenor, ersetzt. Außerdem trat an Stelle des Abschlusschorals „Ach Herr, lass dein lieb Engelein“ der Choral „Christe, du Lamm Gottes“. Welche dieser eingefügten Stücke für die Neuaufführung der Johannes-Passion extra komponiert wurden, ist unklar. „Christe, du Lamm Gottes“ ist der Schlusschoral der Kantate „Du wahrer Gott und Davids Sohn“ aus dem Jahr 1723 und auch „Himmel reiße, Welt erbebe“ dürfte vermutlich vor 1725 entstanden sein, wahrscheinlich zu Bachs Weimarer Zeit. Weder bei der Choralbearbeitung, noch bei den beiden Tenorarien ist eine vorherige Verwendung bekannt. Auch warum die Johannes-Passion in zwei aufeinander folgenden Jahren (1724 und 1725) aufgeführt wurde, ist nicht geklärt.5

Die dritte Fassung, etwa um das Jahr 1730 datierbar, nähert sich wieder mehr der ersten Fassung an, sämtliche Änderungen der zweiten Fassung wurden beseitigt. Außerdem wurden alle Einschübe aus dem Matthäusevangelium der vorhergehenden Fassungen entfernt: Die Verleugnungsszene und Petrus' anschließende Trauer entfällt, und damit auch die sich darauf beziehende Tenorarie „Ach, mein Sinn“; an ihrer Stelle wurde eine heute verschollene Arie eingesetzt. Auch das Evangelistenrezitativ Nr. 336 entstammt dem Evangelium nach Matthäus, es wurde zusammen mit dem Tenorarioso „Mein Herz“ und der Sopranarie „Zerfließe“ durch eine heute ebenfalls verschollenen Sinfonia ersetzt. Die Gründe für das Weglassen des Matthäustextes sind, laut Dürr, unklar: „Am ehesten möchte man an eine obrigkeitliche Anordnung denken (...). Denn hätte die Tilgung einer Absicht Bachs entsprochen, so bliebe schwer erklärbar, warum er sie in Fassung IV wieder rückgängig gemacht hat.“7 Konrad Küster schreibt allerdings im Bach Handbuch, dass die Entfernung der Matthäuszitate eine Reaktion auf die 1727 erfolgte Komposition der Matthäus- Passion sei.8 Außer diesen Änderungen und einigen sich daraus ergebenden harmonischen Anpassungen, entspricht die dritte Fassung der ersten.

Wie oben bereits erwähnt, fügte Bach die Einschübe aus dem Matthäusevangelium in der vierten Fassung wieder ein, greift also somit prinzipiell wieder auf die erste Fassung zurück, verstärkt dabei allerdings den Aufführungsapparat, zum Beispiel durch das Hinzufügen eines „bassono grosso“. Außerdem nahm er bei der Sopranarie Nr.9, beim Bassarioso Nr.19 und bei der Tenorarie Nr.20 Textänderungen vor, „mit denen eine Veränderung des theologischen Geschmacks erkennbar wird“9. Diese letzte Fassung entstand 1749. Bei den heutigen Aufführungen ist eine Mischfassung üblich geworden, die sich vor allem auf die vierte Fassung stützt, allerdings ohne die Textänderungen. Die Instrumentierungen der einzelnen Sätze ist meist nach den vier Versionen variabel gemischt, die Besetzungsstärke richtet sich üblicherweise nach der vierten Fassung. Da es von Bach keine endgültige Vorgabe gibt, wie die Passion auszusehen hat, kann der jeweilige Dirigent selbst entscheiden, nach welcher Fassung er sich richten möchte.

[...]


1 Werner-Jensen, 1993, S. 233

2 Vgl. Scholz, S. 8

3 Scholz, S.19f

4 MGG, Personenteil 1, S. 1486

5 Vgl. Dürr, S. 17ff

6 Sämtliche Angaben von Satznummern entsprechen der Zählung der NBA

7 Dürr, S. 20f

8 Vgl. Bach Handbuch, S. 440

9 Bach Handbuch, S.441

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Passionen von Johann Sebastian Bach
Hochschule
Universität Bayreuth
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
15
Katalognummer
V119378
ISBN (eBook)
9783640224876
ISBN (Buch)
9783640230518
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Passionen, Johann, Sebastian, Bach
Arbeit zitieren
Elisabeth Heidecker (Autor), 2002, Die Passionen von Johann Sebastian Bach, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119378

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