Fiktion und Realität in "Don Quijote" von Miguel de Cervantes

Don Quijote und Sancho Panza im Capítulo VIII. Charakterisierung und Verhältnis


Akademische Arbeit, 2018

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Entstehung des Werks „Don Quijote“

3 Don Quijotes Kampf gegen die Windmühlen

4 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„La genialidad de Cervantes estriba en haberse dado cuenta de las posibilidades de la novela que acababa de crear y en lanzarse a continuarla buscando un compañero de fatigas para el hidalgo loco, Sancho Panza.“1 Ab dem Moment als Sancho Panza der Begleiter von Don Quijote wird, gewinnt der Roman an Aufschwung und der Protagonist bekommt mehr Bedeutung und Tiefe. Einerseits nimmt Sancho Panza die Realität wahr und versucht seinen Herrn auf den Boden der Tatsachen zu holen, indem er ihm z. B. im Capítulo VIII sagt, dass es bloß Windmühlen sind. Andererseits ist er stets loyal, treu und steht jedes Abenteuer mit ihm durch.

So verkörpert Don Quijote die Fiktion und Sancho Panza die Realität. Anhand einer Charakterisierung der beiden Figuren, hauptsächlich bezogen auf Capítulo VIII, soll diese Behauptung nachgewiesen werden. Des Weiteren wird untersucht, wie Cervantes das Verhältnis der beiden Figuren zueinander beschreibt.

El siglo de oro, das goldene Zeitalter, bezeichnet die zwischen 1550 und 1660 angeordnete Blütezeit Spaniens. Die Machtposition des erschaffenen Imperiums, die spanische Kunst (z.B. Velázquez und Murillo) und Literatur (Lope de Vega oder Calderón) erreichten ihren Höhepunkt. In dieser Zeit wurde auch eine neue literarische Gattung eingeführt – la novela.

Obwohl Miguel de Cervantes (1547-1616) erst 1605 literarischen Ruhm erlangte, ist sein Werk Don Quijote bedeutend für das goldene Zeitalter und bis heute ein Klassiker der Weltliteratur. Don Quijote, der eigentlich Alonso Quijano heißt, zieht zusammen mit seinem Weggefährten Sancho Panza in die Welt hinaus, um Abenteuer, wie in seinen Ritterbüchern, zu erleben. Das bewegte Leben des Autors Cervantes lässt sich ebenfalls wie ein Abenteuerroman lesen.

Aufgrund der „[…] Autoreflexivität, Intertextualität, Dialogizität, ironisch gebrochene Beglaubigungsstrategien, komplexe Erzähltechniken [...]“2 ist der Roman so vielseitig interpretierbar, dass in dieser Arbeit nur die Charakterisierungen, eine kurze Analyse der Herr-Diener-Beziehung und der Erzählperspektive im Capítulo VIII vorgenommen werden können.

2 Die Entstehung des Werks „Don Quijote“

2.1. Siglo de oro

„Has de saber, ¡oh Sancho amigo!, que yo nací, por querer del cielo, en esta nuestra edad de hierro, para resucitar en ella la dorada, o de oro, Yo soy aquel para quien están guardados los peligros, la hazaña grandes, los valerosos fechos...“3, sagt Don Quijote im Capítulo XX und benennt dadurch ganz klar, in welchem Zeitalter Cervantes seinen Roman geschrieben hat: Im Siglo de oro.

Mit Siglo de Oro bezeichnet man das 16. und 17. Jahrhundert, es stellt den Übergang von Renaissance zum Barock dar. Allerdings wird die „epochale Zeitenwende“4 auf das Jahr 1492 datiert, denn die Jahreszahl markieren das Ende der Reconquista durch die Eroberung Granadas, die Entdeckung der Neuen Welt und der Beginn der Conquista. „Ein neues Goldenes Zeitalter stehe bevor,so Juan del Encina 1478 bei der Geburt des Thronfolgers der Katholischen Könige, Ferdinand von Aragón und Isabella von Kastilien […].“5 Im Folgenden werden nur die wichtigsten Merkmale der literarischen Epoche genannt.

Im Siglo de Oro wird das moderne Spanien nicht nur von einer politischen Großmacht geprägt, sondern erfährt auch kulturellen Aufschwung. 1492 erscheint die Gramática castellana von Antonio de Nebrija, zwar wird diesem Werk im 16. und 17. Jahrhundert keine Beachtung mehr geschenkt, dennoch „ist das Buch ein deutliches Symptom eines aufkommenden Sprachbewusstseins.“6 Sprache soll nun nicht mehr nur ein natürliches Instrument sein, sondern sie soll als ein geistiges Phänomen bzw. als „ein tragendes Element der Kultur“7 angesehen werden. So erlangt die Sprache im Siglo de Oro eine imperiale und literarische Größe, sodass die lexikalische, semantische und syntaktische Form des Spanischen bis heute wegweisend ist.

„Die Dichter und Schriftsteller werden zu den Autoritäten der spanischen Sprache, als die sie zu Anfang des 18. Jh. im Diccionario de Autoridades institutionalisiert werden.“8

Bekannte Dichter sind Luis de Góngora (1561-1627) y Argote und Lope de Vega Carpio (1562-1635), die zu Beginn des 17. Jahrhunderts, „die in ihrer Gegensätzlichkeit gleichsam die Sevillaner bzw. die Salamantinische Dichterschule fortführen“9 und barocke Lyrik schreiben. Lope de Vega wird für Cervantes eine Art Vorbild und er nennt den Dichter „monstruo de naturaleza“10 Ein weiterer Vertreter dieser Epoche ist Francisco de Quevedo (1580-1645), der sein sprachliches Können als Satiriker versteht und spanische Gesellschaft erbarmungslos verhöhnt.

Neben der Lyrik und dem Theater entstand im Siglo de oro eine neue literarische Gattung: der Roman. Bevor Cervantes Don Qujote zum herausragenden Roman der Literaturgeschichte gezählt, gab es vorher noch weitere Roman, die im Siglo de oro bedeutend waren wie z.B. der Schäferroman Diana von Jorge de Montemayors, der pikareske Roman Guzmán de Alfarache von Mateo Alemán, Montalvos Ritterroman Amadís de Gaula oder Lazarillo de Tormes. „Der Roman galt als frivol, weil er die Unterhaltung über die Belehrung, die Zerstreuung über die Moral zu stellen schien.“11 Deswegen existierte in Kastilien zwischen 1625 und 1634 ein generelles Druckverbot für Romane. Die Fantasie konnte sich deshalb nur im Renacimiento, also in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, freier entfalten, sodass sich die verschiedenen Genres (Ritterroman, Schäferroman, Moriskenerzählung ect.) entwickelt haben. Allerdings seien die literarischen Aktivitäten, die nicht unmittelbar der Religion dienten, oder sich nicht wenigstens mit einem orthodoxen Mantel umgaben, anrüchig und gefährlich gewesen.12 Die Romane des Siglo de oro zielten nicht auf ein Interesse ab und sie richteten sich auch nicht an ein bestimmtes Publikum, sondern sie waren sowohl für die discretos als auch für den vulgo gedacht und bieten „die Möglichkeit unterschiedlicher Lektüre und Auslegungen“13.

Die novela de caballerías war eine der beliebtesten und erfolgreichste der Genres des Romans. „Die spanischen Ritterbücher sind gleichsam der letzte Nachklang der mittelalterlichen Ritterepik […] und lassen schon in der Herkunft ihres Personals und in der Abenteuerstruktur die bleibende Nachwirkung des höfischen Romans und seiner Liebeskonzeption […] erkennen.“14 Cervantes hatte eher ein zwiespältiges Verhältnis dazu, denn „[e]inerseits lehnte er ihn ab, wie der Kirchmann in seinem Roman [...]“15, weil er keine historias verdaderas beinhaltete. Andererseits hatte Cervantes offensichtlich Spaß an der unterhaltsamen Abenteuerlektüre wie an dem Amadís-Stoff, der ebenfalls im Don Quijote erwähnt wird.

Die novela pastoril ist neben dem Ritterroman auch ein erfolgreiches Genre im Siglo de oro. Allerdings wird hier mehr die friedliche Welt im Einklang mit der Natur beschrieben. „In der Schäferwelt erscheinen die höfischen Damen und Herren, die in der städtischen Wirklichkeit tagtäglich um Einfluss buhlen […], eben nicht mehr umgetrieben von Neid und Missgunst, sondern fern aller Alltagssorgen […].“16

Im Gegensatz zu den beiden Romanformen steht die novela picaresca. „Die in ihr beschriebene Welt ist nicht mehr fern und märchenhaft, sondern spanisch nah, aktuell und real [...]“17 Statt des Adels spielen Bettler, Gauner und Prostituierten eine Rolle und die Schauplätze sind die Straße, der Platz, die Kaschemme, der Hafen oder die Universität. Für den pícaro bzw. den Antihelden gibt es keine Fluchtwelt mehr, sondern er muss sich der Realität stellen. Der Antiheld entstammt niederen Verhältnissen, er hat keine Familie, trägt keine Waffen und kann sich nur auf „seine persönliche Gewitztheit und Geschicklichkeit verlassen“18. Der Roman besteht aus mehreren Episoden. Im Schelmenroman durchläuft der pícaro eine Gauner-Karriere, bei der er alle Höhen und Tiefen übersteht.

Cervantes lässt diese Formen des Romans in seinen Quijote mit einfließen: Er parodiert den Ritterroman, stellt die Schäferwelt dar und macht Don Quijote zum pícaro.

Der Don Quijote markiert in der spanischen Literaturgeschichte den Höhepunkt sowie den Endpunkt des Romans im Siglo de oro, denn „[…] im Laufe der Zeit [wird] das ‚Übergewicht ethischer Reflexion über die jedesmal dünner werdende Romanmaterie‘ (Montesinos) immer erdrückender, bis sie gegen Mitte des 17. Jh. in der Ideenprosa Graciáns vollends verschwindet.“19 Das Ende der Epoche wird in der Literaturwissenschaft mit dem Tod Calderóns bestimmt. Erst durch Umwege über England und Frankreich mit Cadalsos Cartas marruecas findet der Roman in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und im europäischen Realismus und Naturalismus über die spanischen Grenzen hinaus wieder seine Blütezeit.

2.2. Das Leben von Miguel de Cervantes

1547 wurde Miguel de Cervantes als viertes von sechs Geschwistern in Alcalá de Henares geboren. Sein Vater war Chirug, jedoch war das zu dieser Zeit kein besonders anerkannter Beruf, der nicht viel Geld einbrachte. Aus seiner Jugendzeit ist nichts bekannt, aber mit 20 Jahren erhielt er möglicherweise bei López de Hoyos eine humanistische Ausbildung. Im Jahr 1969 musste er fliehen, weil er von der Polizei wegen Körperverletzung gegen den einflussreichen Don Antonio de Segura gesucht wurde. In Rom wurde er vom gleichaltrigen Giulio Acquaviva angestellt, „der im Gegensatz zu Cervantes eine steile Karriere in den Letras machte und bald darauf ein blutjunger Kardinal wurde.“20

Cervantes beschäftigte sich hingegen mit den Armas: Er diente von 1571 bis 1575 als Marinesoldat und war an der berühmten Seeschlacht von Lepanto zugegen. „El ideal militar resultó para él decisivo: en él se cumplían caracteristícas como el sacrificio, la sobriedad y la renuncia […].“21 Diese Eigenschaften verwendete er später für seine Figur Don Quijote.

Auf der Heimreise nach Spanien wurde sein Schiff von türkischen Piraten überfallen. Sie verschleppten Cervantes nach Algier und forderten ein hohes Lösegeld für ihn, da sie ihn für eine hochgestellte Persönlichkeit hielten. Seine Familie konnte die hohe Summe leider nicht aufbringen, sodass Cervantes fünf Jahre lang im Bagno verbrachte. Erst durch die gesammelten Spenden der Trinitariermönche und durch das Geld seine Familie wurde er 1580 freigelassen.

Sein erster Schäferroman La Galatea erschien 1585, doch der Erfolg blieb aus, obwohl er versuchte in den Madrider Literatenkreisen eines adligen Herrn Fuß zu fassen. 1584 lernte Ana Villafranca de Roja kennen und bekam mit ihr die Tochter Isabel de Saavedra.

Um Geld zu verdienen war er als Proviantkommissar für die spanische Flotte tätig und kam 1592 ins Gefängnis. Daraufhin war er Steuereinnehmer und wurde wegen Geldgeschäften verhaftet. Angeblich soll Cervantes im Gefängnis Don Quijote begonnen haben zu schreiben. Während seiner Zeit in Valladolid vollendete er das Werk und veröffentlichte den ersten Teil 1605 unter dem Titel El ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha. Mit diesem Roman erreichte der Autor endlich Erfolg.

Daraufhin veröffentlichte er 1613 die Novelas Ejemplares und 1615 folgte der zweite Teil des Quijote. „Cervantes contempla la tragedia de la vida, pero desde sus libros y con una sonrisa irónica, base de humor y freno de su desesperación. “22

1616 schreibt er im Prolog seines letzten Werks Persiles y Segismunda: „Adios, gracias; adios, donaires; adios, regocijdos amigo; que yo me voy muriendo, y descando veros presto contentos en la otra vida.“23 Am 23. April 1616 starb Miguel de Cervantes in Madrid, verarmt und schon seit längerem krank. Persiles wird deswegen postum 1617 veröffentlicht.

[...]


1 Cañal, Rafael González (Hrsg.) (1999): Don Quijote de la Mancha (Antología). Bruño: Barcelona, S. 31.

2 Neuschäfer, Hans-Jörg (Hrsg.) (2006): Spanische Literaturgeschichte. Stuttgart: J. B. Metzler, S. 145.

3 Cervantes, Miguel de: El ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha I. Edición de Luis Andrés Murillo. Madrid: Clásicos Castalia (1978), S. 248.

4 Neuschäfer (2006), S. 69.

5 Ebd., S. 69.

6 Ebd., S. 73.

7 Ebd., S. 73.

8 Ebd., S. 74.

9 Ebd., S. 113.

10 Ebd., S. 113.

11 Ebd., S. 123.

12 Vgl. Ebd., S. 123.

13 Ebd., S. 125

14 Ebd., S. 126.

15 Ebd., S. 126.

16 Ebd., S. 128.

17 Ebd., S. 133.

18 Ebd., S. 134.

19 Ebd., S. 124.

20 Ebd., S. 141.

21 Ebd., S. 13.

22 Ebd., S. 16.

23 Cañal (1999), S. 20.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Fiktion und Realität in "Don Quijote" von Miguel de Cervantes
Untertitel
Don Quijote und Sancho Panza im Capítulo VIII. Charakterisierung und Verhältnis
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Grundmodul Literaturwissenschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V1195538
ISBN (Buch)
9783346638915
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Don Quijote, Cervantes
Arbeit zitieren
Eileen Schüler (Autor:in), 2018, Fiktion und Realität in "Don Quijote" von Miguel de Cervantes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1195538

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