Veränderung des Leseverhaltens in der Mediengesellschaft


Examensarbeit, 2008

124 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Notwendigkeit des Lesens
2.1 Die Entwicklung des Lesens
2.1.1 Die Antike
Exkurs: Platons Kritik an der Schriftlichkeit
2.1.2 Das Mittelalter
2.1.3 Die frühe Neuzeit
2.1.4 Vom Barock zur Aufklärung
2.1.5 Das 18. Jahrhundert
2.1.6 Das 19.Jahrhundert
2.1.7 Das 20. Jahrhundert bis 1945
2.2 Lesen – Eine Definition
2.3 Lesekompetenz
2.4 Lesesozialisation
2.4.1 Sozialisationsinstanz Familie
2.4.2 Sozialisationsinstanz Schule
2.4.3 Sozialisationsinstanz der Gleichaltrigengruppe

3 Veränderungen des Leseverhaltens in der Mediengesellschaft
3.1 Mediale Einflussfaktoren
3.1.1 Fotografie
3.1.2 Phonografie
3.1.3 Telegrafie
3.1.4 Film
3.1.5 Radio
3.1.6 Fernsehen
3.1.7 Computer und Internet
3.2 Veränderungen des Leseverhaltens durch neue Medien
3.2.1 Lesen nach 1945
3.2.2 Notwendigkeit einer Medienkompetenz
3.2.3 Lesekompetenz als Teil der Medienkompetenz
3.2.4 Lesen – aktueller Stand
Exkurs: Die Entwicklung der CD-ROM
3.3 Literarisches Lesen versus Sachlesen
3.3.1 Literarisches Lesen
3.3.2 Sachlesen
3.3.3 Literarisches Lesen versus Sachlesen – Ein Blick in die Zukunft
3.4 Aktuelle Problematik anhand der Ergebnisse international vergleichender Studien
3.4.1 PISA-Studie
3.4.2 IGLU-Studie 2006
3.4.3 JIM-Studie 2007
3.5 Handlungsmöglichkeiten auf die Problematik zu reagieren
3.6 Leseförderung

4 Die Zukunft des Lesens

Exkurs: eBooks – Die Zukunft des Publizierens und Lesens

5 Fazit

6 Literatur
6.1 Onlinequellen
6.2 Abbildungen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die Entwicklung des Lesens von der Antike bis zur frühen Neuzeit

Abbildung 2: Die Entwicklung des Lesens vom Barock bis zum 20. Jahrhundert

Abbildung 3: Technische Innovationen des 19. Jahrhunderts

Abbildung 4: kognitionstheoretische Modell des Lesens

Abbildung 5: Muybridges Serienaufnahme

Abbildung 6: His Master’s Voice

Abbildung 7: Vom Winde verweht

Abbildung 8: Volksempfänger VE 301

Abbildung 9: ENIAC

Abbildung 10: Graphik zur Mediennutzung

Abbildung 11: Formale Struktur der medialen und multimedialen Angebote

Abbildung 12: Die Entwicklung der CD-ROM

Abbildung 13: Leseindex nach Altersstufen

1 Einleitung

Seit das Fernsehen in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in unsere Wohnzimmer eingedrungen ist, und sich seither immer weitere neue Medien in unseren Alltag integriert haben, werden immer wieder Bedenken geäußert, dass der Fernseh- und generell der Medienkonsum das Lesen verdrängt, gar schädliche Wirkung haben kann. Neben Befürchtungen im Hinblick auf die soziale und emotionale Entwicklung wird heute vor allem die Beeinträchtigung der Sprach- und Lesefertigkeiten von Kindern und Jugendlichen diskutiert.

Lesen und Schreiben zählt wohl zu den grundlegendsten und wichtigsten Fähigkeiten in der heutigen Gesellschaft, da man ohne Lese- und Schreibfähigkeit weder an unserer gesellschaftlichen und politischen Kultur teilhaben, noch sich eigenständig Kenntnisse und Fähigkeiten für die berufliche Qualifikation oder seine persönliche Lebensgestaltung erwerben kann. In der Bundesrepublik Deutschland gibt es dennoch bei etwa 80 Millionen Einwohnern ungefähr vier Millionen sekundäre Analphabeten[1].

„Auch als das Buch sich als Medium durchsetzte wurde es von Kritik begleitet, die sich vor allem darauf bezog, dass Lesen schlecht für die geistige Verfassung der Frauen sei. Als das Kino sich als Unterhaltungsstätte durchsetzte, wurde gewarnt, dass die Theater bald schließen würden. Genauso wurde das Radio kritisiert. Zwanzig Jahre später warnte dann Marie Winn in ihrem Bestseller ‚Die Droge im Wohnzimmer‘: Nicht anders als der Alkohol gestattet auch das Fernsehen dem Zuschauer, die wirkliche Welt auszulöschen und in einem angenehmen und passiven psychischen Zustand zu versinken. Darauf folgte die Kritik vor der Einführung des Privatfernsehens und schließlich ging es gegen den Computer. Immer wurde erst mal der Untergang des Abendlandes heraufbeschworen, wenn ein neues Medium sich ausbreitete oder die Grenzen eines alten Mediums erweitert wurden.“[2]

In welchem Maße sich die mangelhafte oder gar fehlende Lesekompetenz in einer unzureichenden Fähigkeit, den Umgang mit diversen neuen Medien zu lernen, wiederfindet und wie die Selektion der zahlreichen Medienangebote in einer deutlichen Reizüberflutung stattfindet, ist und bleibt ein Thema, welches wohl nie aktueller war als in unserer, sich ständig wandelnden Gesellschaft. Die Relation zwischen den Medien und der Mediennutzung ist gerade aufgrund des rasanten medialen Wandels immer wieder neu als wissenschaftliche Problemstellung zu berücksichtigen und unter Bezugnahme aller relevanten sozial-historischen Einflussfaktoren zu analysieren.

Die folgende Arbeit soll das Leseverhalten in der Mediengesellschaft und die aus dem umfangreichen Medienangebot resultierenden Veränderungen beleuchten. Zu diesem Zweck wird zunächst die Entwicklung des Lesens und Schreibens im geschichtlichen Kontext dargelegt. Hier soll in einem kurzen Exkurs auf Platons Medienkritik näher eingegangen werden. Dann wird eine Definition zum Lesen konzipiert. Daraufhin soll die Wichtigkeit einer generellen Lesekompetenz in unserer heutigen Gesellschaft hervorgehoben werden. Ein zentraler Aspekt ist hier die Lesesozialisation mit ihren Sozialisationsinstanzen, Familie, Schule und Gleichaltrige.

Weiter soll gezeigt werden, welche medialen Einflussfaktoren sich im vergangenen Jahrhundert neben dem Printmedium durchgesetzt haben und bis heute mit diesem konkurrieren. Des Weiteren soll gezeigt werden, wie sich das Lesen nach 1945 gewandelt hat. Ein weiterer Punkt beleuchtet, wie wichtig gerade in der heutigen Zeit eine Medienkompetenz ist, um aus der großen Vielfalt an Angeboten zu selektieren. Das Lesen und Schreiben stellt nach wie vor eine grundlegende Fähigkeit dar. Hier soll demonstriert werden, wie sich das Leseverhalten in der Mediengesellschaft konkret verändert hat und wie der heutige Stand des Lesens ist. An dieser Stelle soll ein Exkurs zur Entwicklung der CD-ROM aufzeigen, wie mit dieser Technik der Buchmarkt erneut revolutioniert wurde, indem ganze Enzyklopädien und Lexika anfangs durch eine CD-ROM ergänzt wurden und diese mittlerweile sogar ersetzen. Dies zeigt sich am aktuellen Beispiel des Brockhaus-Verlages, der sich aus ökonomischen Gründen gegen einen weiteren Vertrieb in Buchform entschied.[3]

Eine wichtige Unterscheidung ist bei dem Thema Lesen zu treffen – die zwischen dem Literarischen und dem Sachlesen, beziehungsweise dem Informationslesen. Hier soll zudem ein aktueller Überblick entwickelt werden. Im folgenden Punkt sollen zusammenfassend die Ergebnisse der verschiedenen Internationalen Vergleichsstudien, wie PISA, IGLU und JIM anhand aktueller Problematiken zur Lesekompetenz aufgezeigt werden. Anschließend soll gezeigt werden, welche Möglichkeiten bestehen, die Lesekompetenz zu fördern und die Leselust zu steigern. Abschließend soll ein Blick in die Zukunft des Lesens im Hinblick auf Entwicklung des eBooks gewagt und somit abschließend die Tendenzen für die Zukunft zusammengefasst werden. Die Ergebnisse werden in einer kurzen Schlussbetrachtung gesichert.

2 Die Notwendigkeit des Lesens

2.1 Die Entwicklung des Lesens

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 : Die Entwicklung des Lesens von der Antike bis zur frühen Neuzeit (nach Schön, E. (2006): S. 2-19.)

2.1.1 Die Antike

Das Lesen ist, bezogen auf die Geschichte der Menschheit, eine gewissermaßen junge Kompetenz. Man kann, von einigen Vorformen abgesehen, die Anfänge des abendländischen Lesen s und Schreibens im Gebrauch von Zählsteinen bzw. symbolischen Tonfigürchen rekonstruieren. Diese waren seit ungefähr 7000 Jahren in Mesopotamien in Gebrauch. Ungefähr 3300 v. Chr. entstand die protosumerische Schrift. Die sumerische Keilschrift war eine Wortschrift, die aus rund 600 Zeichen bestand. Die Zeichen wurden mit spitzen Stiften in weichen Ton geritzt. Bei den überlieferten Schrifttafeln handelt es sich hauptsächlich um Steuerbescheide, Eigentumsverträge sowie staatliche Dokumente. Um 3200-3000 v. Chr. entwickelte sich die teilphonetische Schrift der ägyptischen Hieroglyphen.[4]

„Wissenschaftler vermuten, dass sich die ägyptische Schrift aus Verzierungen entwickelte, die auf Vasen und anderen Dingen des täglichen Gebrauchs eingeritzt wurden. Diese stellten dann eine Art visueller Mitteilung für den Leser dar. Von einer eigentlichen Schrift kann man jedoch erst sprechen, wenn die verwendeten Zeichen eine Umsetzung in Sprachlaute ermöglichen.“[5]

Im Laufe der Jahrtausende erhöhte sich die Zahl der Zeichen von etwa 700 auf ungefähr 5000. Die Hieroglyphen stellten ein vollständiges Schriftsystem dar, die die gesprochene Sprache wiedergeben konnte. Es wurden Texte zur Landwirtschaft, Medizin, Erziehung, wie auch Gebete, Legenden, Rechtstexte und Literatur geschrieben. Die Schrift erlaubte es den alten Ägyptern, ihre Geschichte aufzuzeichnen, Königslisten anzulegen oder von wichtigen Begebenheiten zu berichten.[6]

Die nahöstliche bzw. semitische Silbenschrift entstand bei den Phöniziern zwischen 1200-1000 v. Chr.. Die 22 Buchstaben dieser Silbenschrift kommen bereits in etwa dem indoeuropäischen Lautsystem gleich. Zwischen dem 9. und dem 8. Jahrhundert v. Chr. wurde diese Schrift von den Griechen übernommen und entsprechend ihres Lautsystems umgewandelt.[7] Das erste vollständig ausgebildete phonetische Alphabet mit 24 Buchstaben, Konsonanten wie auch Vokalen, entsteht.[8]

Der Beginn einer literarischen Kultur beziehungsweise literarischen Lesekultur lässt sich um 700 v. Chr. datieren, mit Hesiods um 700 v. Chr. niedergeschriebenen „Werken und Tagen“. Jedoch weicht diese Textart deutlich von unserer aktuellen Vorstellung von einer Eignung zum flüssigen Lesen wie es heute geläufig ist, ab. Der Text ist angefertigt in Großbuchstaben, ohne Trennung der einzelnen Wörter. Gelesen und geschrieben wurde dieser Text im Wechsel von links nach rechts und umgekehrt (in Form des „Bustrophedon“[9] ).

Die Schrift hatte für literarische Zwecke vom späten 8. bis ins 5. Jahrhundert v. Chr. bereits verschiedene Anforderungen. In der Kompositionsphase, zur Vorbereitung und während des mündlichen Vortrags als Gedächtnisstütze sowie zur Thesaurierung, zur Erhaltung des Gedankenguts. Man kann dies allerdings noch nicht als Lesekultur aus dem unmittelbar Geschriebenen bezeichnen. Die für die griechische Antike typische Rezeptionssituation war der öffentliche Vortrag vor Publikum.[10]

„Das Buch hatte an der eigentlichen Rezeptionssituation keinen Anteil. Das gilt bis ins 5. Jahrhundert v.a. für die „Vortragsgattungen“: Epos, Elegie und Iambos sowie chorlyrische und dramatische Gattungen.“[11]

Ausnahmen in Form von nicht mehr zum freien Vortrag geeigneter Literatur gab es bereits im 7. Jahrhundert v. Chr. Als älteste Bibliothek der Weltgeschichte gilt die, um 650 v. Chr. eingerichtete Sammlung von 5.000-10.000 Tontafeln des Assyrerkönigs Assurbanipanl in Ninive.[12] Der Beginn eines Buchhandels lässt sich allerdings erst um die Wende vom 6. zum 5. Jahrhundert v. Chr. feststellen. Auf dem Markt konnten Textrollen erworben werden, auch Bücher waren vorhanden. So wurde individuelles Lesen und Gestaltung eines Leseerlebnisses direkt aus dem Buch allmählich üblich.

Mit dem Hellenismus (326-330 v. Chr.) begann sich im 4. und 3. Jahrhundert eine Lesekultur des einzelnen Lesers herauszubilden und damit auch das individuelle Lesen zu verbreiten. Auf einer Grabstelle von der Wende des 5. zum 4. Jahrhunderts lassen sich die ersten Hinweise auf allein Lesende finden. Auch in entsprechender Andeutung in den Komödien des Aristophane und den Tragödien des Euripides lassen sich entsprechende Hinweise deuten. Noch ist diese Rezeptionsweise in der „legitimen Kultur“ der Zeit nicht anerkannt. Derartige Anspielungen verlieren sich mit der Zeit. Die Rezeptionsweise ist üblich geworden. So weiß man von Aristoteles (384-322), dass er systematisch Bücher sammelte und eine große Privatbibliothek besaß. In der Fülle privater und öffentlicher Bibliotheken wie Alexandria und Pergamon sowie in einem entwickelten Schulwesen lässt sich die Basis der individuellen Lesekultur des Hellenismus bemerken und der Beginn einer kulturellen Tradition feststellen.[13]

„Die ‚Vereinzelung des Lesers‘ im Hellenismus, die Ablösung des Lesens von der sozialen Situation des Vortrags, des gemeinsamen Rezipierens, ist kulturgeschichtlich und mentalitätsgeschichtlich bedeutsam, denn die Emanzipation des Lesens aus der sozialen Situation, und damit die Emanzipation des Lesers, bedeutet andererseits zugleich die Bindung des Umgangs mit Literatur an ein Buch.“[14]

Die Antike war eine Handschriftenkultur, in der Bücher handschriftlich vervielfältigt wurden und infolgedessen kostspielig waren. Aus diesem Grund konnte nur eine kleine Schicht Gebildeter und gleichermaßen Wohlhabender Träger der hellenistischen Lesekultur sein. Individuelles Lesen bedeutete, entgegen des öffentlichen Vortrags, eine Rezeption, die nicht in eine soziale Situation eingebunden und demzufolge auch schwer kontrollierbar war. Wer liest, entzieht sich sozialer Kontrolle. Dies ist eine Erkenntnis, die bis heute Gültigkeit hat und derzeit eine Differenz zum Fernsehen ausmacht. Trotz allem fand das Lesen in der Antike nur selten nach heutiger Vorstellung statt, denn Lesen war auch als individuelles Lesen ein mehr oder weniger artikuliertes lautes Lesen. Für das volle sinnliche Leseerlebnis galt, dass das laute Lesen eine entwickeltere literarische Rezeptionskompetenz darstellt.[15]

- Exkurs: Platons Kritik an der Schriftlichkeit

Starke Beachtung in der klassischen Philologie und in der Schriftkultur-Forschung fand Platons (428-347 v. Chr.) drastische Behandlung des Themas Schriftlichkeit. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht meist der Schlussteil des Dialogs Phaidros. Hier erörtert er die Bedeutung von Schriftlichkeit und Mündlichkeit in der Philosophie. In dem Dialog treffen Sokrates und Phaidros aufeinander und entwickeln die Vor- und Nachteile der Schriftlichkeit.[16] Hier hat Platon ein Schema der Medienkritik entwickelt, dessen Grundlinien auch für die Kritik an Medieninnovationen nach der Schrift immer wieder aktivierbar waren.[17]

„SOKRATES: Von der Anständigkeit und Unanständigkeit des Schreibens aber, wo angewendet es gut ist, und wo unschicklich, davon wäre noch übrig zu reden. Nicht wahr?

PHAIDROS: Ja.

SOKRATES: Weißt du wohl, wie du eigentlich Gott wohlgefällig das Reden behandeln und davon sprechen mußt?

PHAIDROS: Keinesweges, du aber?

[274c] SOKRATES: Eine Sage wenigstens habe ich darüber zu erzählen von den Alten, das Wahre aber wissen nur jene selbst. Könnten wir aber dieses finden, würden wir uns dann noch irgend um menschliche Urteile kümmern?

PHAIDROS: Lächerliches fragst du! Aber erzähle, was du gehört zu haben behauptest.

SOKRATES: Ich habe also gehört, zu Naukratis in Ägypten sei einer von den dortigen alten Göttern gewesen, dem auch der Vogel, welcher Ibis heißt, geheiligt war, er selbst aber, der Gott, habe Theuth geheißen. Dieser habe zuerst Zahl und Rechnung erfunden, dann [d] die Meßkunst und die Sternkunde, ferner das Brett- und Würfelspiel, und so auch die Buchstaben. Als König von ganz Ägypten habe damals Thamus geherrscht in der großen Stadt des oberen Landes, welche die Hellenen das ägyptische Theben nennen, den Gott selbst aber Ammon. Zu dem sei Theuth gegangen, habe ihm seine Künste gewiesen, und begehrt, sie möchten den anderen Ägyptern mitgeteilt werden. Jener fragte, was doch eine jede für Nutzen gewähre, und je nachdem ihm, was Theuth darüber vorbrachte, richtig oder [e] unrichtig dünkte, tadelte er oder lobte. Vieles nun soll Thamus dem Theuth über jede Kunst dafür und dawider gesagt haben, welches weitläufig wäre alles anzuführen. Als er aber an die Buchstaben gekommen, habe Theuth gesagt: Diese Kunst, o König, wird die Ägypter weiser machen und gedächtnisreicher, denn als ein Mittel für den Verstand und das Gedächtnis ist sie erfunden. Jener aber habe erwidert: O kunstreichster Theuth, einer weiß, was zu den Künsten gehört, ans Licht zu gebären; ein anderer zu beurteilen, wieviel Schaden und Vorteil sie denen bringen, die sie gebrauchen werden. So hast auch du jetzt [275a] als Vater der Buchstaben aus Liebe das Gegenteil dessen gesagt, was sie bewirken. Denn diese Erfindung wird der Lernenden Seelen vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Gedächtnisses, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittels fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden. Nicht also für das Gedächtnis, sondern nur für die Erinnerung hast du ein Mittel erfunden, und von der Weisheit bringst du deinen Lehrlingen nur den Schein bei, nicht die Sache selbst. Denn indem sie nun vieles gehört haben ohne Unterricht, werden sie sich auch vielwissend [b] zu sein dünken, da sie doch unwissend größtenteils sind, und schwer zu behandeln, nachdem sie dünkelweise geworden statt weise.

PHAIDROS: O Sokrates, leicht erdichtest du uns ägyptische und was sonst für ausländische Reden du willst.

SOKRATES: Sollen doch, o Freund, in des Zeus dodonäischem Tempel einer Eiche Reden die ersten prophetischen gewesen sein. Den damaligen nun, weil sie eben nicht so weise waren als ihr Jüngeren, genügte es in ihrer Einfalt auch der Eiche und dem Stein zuzuhören, wenn sie nur [c] wahr redeten. Dir aber macht es vielleicht einen Unterschied, wer der Redende ist und von wannen. Denn nicht darauf allein siehst du, ob sich so oder anders die Sache verhält.

PHAIDROS: Mit Recht hast du mich gescholten. Auch dünkt mich mit den Buchstaben es sich so zu verhalten, wie der Thebaner sagt.“[18]

Platon befindet sich in einer bereits etablierten Schriftkultur, was bedeutet, dass sich der Umgang mit Schrift neben der dominierenden oralen Kommunikation eingebürgert hat. Seit Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. existierten in Athen Elementarschulen, in denen der männliche Nachwuchs das Lesen und Schreiben lernte. Das entsprach ungefähr einem Viertel der Gesamtbevölkerung der Stadt. Allerdings ist die Schulbildung allein noch kein Gradmesser für das Maß an Literalität in einer Gesellschaft. Es zeigen sich zudem verschiedene Anzeichen, die einen immer selbstverständlicher werdenden Schriftgebrauch bezeugen. Platon war daher in der Lage, den längst eingetretenen Medienwechsel kritisch zu reflektieren. Er problematisiert die neue Konstellation der Medienverhältnisse, eine doppelte Kritik, bei der die erste die Vor- und Nachteile der Literalität behandelt.[19]

„SOKRATES: Wer also eine Kunst in Schriften hinterläßt, und auch wer sie aufnimmt, in der Meinung, daß etwas Deutliches und Sicheres durch die Buchstaben kommen könne, der ist einfältig genug und weiß in Wahrheit nichts von der Weissagung des Ammon, wenn er glaubt, geschriebene Reden wären noch sonst etwas [275d] als nur demjenigen zur Erinnerung, der schon das weiß, worüber sie geschrieben sind.

PHAIDROS: Sehr richtig.

SOKRATES: Denn dieses Schlimme hat doch die Schrift, Phaidros, und ist darin ganz eigentlich der Malerei ähnlich; denn auch diese stellt ihre Ausgeburten hin als lebend, wenn man sie aber etwas fragt, so schweigen sie gar ehrwürdig still. Ebenso auch die Schriften. Du könntest glauben, sie sprächen, als verständen sie etwas, fragst du sie aber lernbegierig über das Gesagte, so enthalten sie doch nur ein und dasselbe stets. Ist sie aber einmal [e] geschrieben, so schweift auch überall jede Rede gleichermaßen unter denen umher, die sie verstehen, und unter denen, für die sie nicht gehört, und versteht nicht, zu wem sie reden soll, und zu wem nicht. Und wird sie beleidigt oder unverdienterweise beschimpft, so bedarf sie immer ihres Vaters Hilfe; denn selbst ist sie weder sich zu schützen noch zu helfen imstande.

PHAIDROS: Auch hierin hast du ganz recht gesprochen.

[276a] SOKRATES: Wie aber? wollen wir nicht nach einer anderen Rede sehen, der Schwester von dieser, wie die echte entsteht, und wieviel besser und kräftiger als jene sie gedeiht?

PHAIDROS: Welche doch meinst du, und wie soll sie entstehen?

SOKRATES: Welche mit Einsicht geschrieben wird in des Lernenden Seele, wohl imstande sich selbst zu helfen, und wohl wissend zu reden und zu schweigen, gegen wen sie beides soll.

PHAIDROS: Du meinst die lebende und beseelte Rede des wahrhaft Wissenden, von der man die geschriebene mit Recht wie ein Schattenbild ansehen könnte.“[20]

Die zweite behandelt die (Vor- und) Nachteile der Oralität – wobei die Literalität sowie die Oralität miteinander verknüpft sind:

„SOKRATES: Jetzt erst, Phaidros, können wir auch jenes entscheiden, nachdem wir uns hierüber vereinigt.

PHAIDROS: Was doch?

SOKRATES: Das was wir eigentlich sehen wollten, und nur dabei hierauf gekommen sind, ob wir nämlich nicht finden könnten, wie wohl dem Lysias das Redenschreiben zur Schande gereiche, [277b] und auch wegen der Reden selbst, welche mit Kunst und welche ohne Kunst geschrieben wären. Was nun kunstmäßig ist oder nicht, dünkt mich schon ziemlich deutlich gemacht worden zu sein.

PHAIDROS: Es dünkte mich auch, erinnere mich aber doch noch einmal.

SOKRATES: Nämlich ehe nicht jemand die wahre Beschaffenheit eines jeden Dinges kennt, worüber er redet und schreibt, es an sich vollständig zu erklären imstande ist, und nachdem er es erklärt, es auch wieder in seine Unterarten bis zum Unteilbaren zu teilen, und ebenso auch mit der Seele Natur bekannt, [c] die einer jeden angemessene Art der Rede herauszufinden versteht, und sie dann so ordnet und ausschmückt, daß er bunten Seelen auch bunte und wohllautreiche Reden gibt, einfachen aber einfache, eher werde er noch nicht vermögend sein, soweit es die Sache erlaubt, mit Kunst das Geschlecht der Reden zu behandeln, weder um zu lehren, noch um zu überreden, wie unsere ganze vorherige Rede gezeigt hat.

PHAIDROS: Allerdings so ungefähr war uns dieses erschienen.“[21]

Sokrates kritisiert, dass die Schrift die Vorzüge der oralen Kommunikation nicht völlig ersetzen, sie sogar zerstören kann. Die Schrift schwäche das Gedächtnis, antworte nicht auf unmittelbare Fragen und richte sich ungefragt an beliebige Adressaten und sei letztlich unernst. Platon lässt Sokrates den Missbrauch der Schrift so drastisch formulieren, um nicht die Vorteile der Schrift aufzuzeigen, sondern sich der Frage zu widmen, welches Medium sich am besten im Sinne der um Wahrheit bemühten Kommunikation eignet.[22] Zusammenfassend stellt Stein (2006) folgendes fest:

„Platon rettet die Oralität, indem er sie aus dem archaischen Kontext von Poesie und Mythos löst und sie dem Wissen übereignet. Er protestiert gegen die Ent-Oralisierung der Schriftkultur, treibt diese jedoch mit seiner Poesiekritik in die nächste Aporie, indem er mit der Favorisierung von Philosophie zugleich einen (logozentrische) Abstraktionsprozess in Gang setzt, der die Schriftkultur verstärkt. In diesem von Platons Kritik verkörperten Widerspruch, der angesichts des gegenwärtigen Medienwechsels im 20./ 21. Jahrhundert eine übertragene Bedeutung erlang hat, entfaltet sich die griechisch-hellenistische Schrift- und Lesekultur.“[23]

Nach Platon sind diejenigen, die etwas aufschreiben nur zu „bequem“ das eigene Erinnerungsvermögen zu trainieren. Wer sich Speichermedien anvertraut, verwechselt das eigentliche Erlebnis mit seiner Reproduktion. Medien entfernen von den eigentlich seienden Ideen; die toten Schriftzeichen suggerieren nur, sie hätten noch Bezug zu der Bewegung des lebendigen Geistes. Hörisch vergleicht Medienprodukte mit unreifen Kindern, die sich unverantwortlich verselbständigen. Platons berühmte Schriftkritik im Phaidros ist wohl nicht die erste, wohl aber die erste wirkungsmächtige Medienkritik unserer Kulturtradition.[24]

2.1.2 Das Mittelalter

Im 5., spätestens im 6. Jahrhundert fand die antike Lesekultur ein Ende. Nach dem Verfall des weströmischen Reiches wurden hauptsächlich in den Klöstern die Überreste der Kultur weitergegeben. Von einem Buchhandel, wie er sich zur römischen Kaiserzeit entwickelt hatte, konnte nun keine Rede mehr sein.[25] In der römischen Kaiserzeit war das Lesen und Schreiben eine weit verbreitete Fähigkeit gewesen, so dass man hier bereits von einer Alltagskompetenz sprechen konnte. Bis ins 12. Jahrhundert war die Fähigkeit des Lesens und Schreibens vornehmlich innerhalb des Standes der Geistlichen und Mönche anzutreffen. Laien, unabhängig ihrer Schicht, und Herrscher waren Analphabeten. Latein war die einzig anerkannte Schriftsprache, daher fand das Lesen - und Schreiben lernen in dieser Sprache statt. Im 12. und 13. Jahrhundert, zur Zeit des Mittelhochdeutschen, traten die europäischen Volkssprachen verbreitet in die Schriftkultur ein. Jedoch wurde erst im 16. Jahrhundert in Deutschland in der Muttersprache das Lesen und Schreiben, ohne gleichzeitiges Lateinlernen, vermittelt.[26]

Die Zahl derer, die generell lesen konnten, wuchs im 14. und 15. Jahrhundert in breitere Schichten hinein: Die wirtschaftliche Entwicklung, vor allem die des Handels, machte für mehr Menschen immerhin eine grundlegende Lese- und Schreibfähigkeit zu einer notwendigen Qualifikation. Es entstanden erste städtische Schulen. Ein Übergang wurde geschaffen vom Diktieren und Sich-Vorlesen-Lassen zum Selbst-Schreiben und Lesen. Bereits im 15. Jahrhundert begann die Alphabetisierung sukzessive mit dem Stadt-Land-Gegensatz zusammenzufallen. Analphabetismus wurde ein Attribut der Minderwertigkeit, zumindest für die Städter.

Im 14. und 15. Jahrhundert wurde auch im Bereich des nicht professionellen Lesens Literatur von der Art, wie sie im Hochmittelalter vorgetragen worden war, immer mehr zum Gegenstand einer Lesekultur. Die Schicht der literarischen Leser blieb in Deutschland nach wie vor klein. Neben den alten Feudaladel und das Rittertum traten immer mehr Bürger, wie reiche Kaufleute und Handwerker.[27]

„Oft waren gerade sie es, die die höfische Literatur fortleben ließen, in bürgerlicher Adaption der Stoffe oder indem sie ‚besitzen‘ wollten und deshalb in Handschriften sammelten, was den Rezipienten von ihnen Gegenstand des Hörens gewesen war.“[28]

Dessen ungeachtet konnte man hier noch von keinem literarischen Lesepublikum im heutigen Sinne sprechen. Das Bild bestimmte die sehr kleine, aber aktive Gruppe der Gelehrten des Humanismus, oft Juristen, nachdem das Bildungsmonopol der Geistlichkeit durch die neugegründeten Universitäten gebrochen war. Ihre Bildung war nach wie vor lateinisch, ihr Gegenstand, soweit literarisch, waren die antiken Autoren. Laien beschränkten sich, wie auch die lesenden Adligen, zum einen auf Gebrauchsliteratur wie Rechtsbücher oder medizinische Literatur, zum anderen auf verbreitete populär-religiöse Lektüre. Deutschsprachige belletristische Literatur war in allen Schichten zunächst nur die Ausnahme. Grundsätzlich kann man sagen, dass Laien bis ins 18. Jahrhundert hinein, neben der religiösen Lektüre, wenn überhaupt, nur gelegentlich auch Belletristik lasen.[29]

2.1.3 Die frühe Neuzeit

Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Metalllettern durch Johann Gutenberg (Gensfleisch) Mitte des 15. Jahrhunderts war die Folge eines immer stärker gewordenen Interesses an Texten. Dies zeigte sich anhand einer zuvor verstärkten Nachfrage bzw. Produktion nach Handschriften in klösterlichen wie in weltlich-kommerziellen Schreibstuben. Von den technischen Aspekten Gutenbergs Erfindung weiß man heute fast nur aus Zeugnissen, die fast 100 Jahre oder sogar später entstanden sind; das meiste muss aus erhaltenen Drucken rekonstruiert werden.[30]

Ein Hinweis auf die Vermehrung der Schriftkultur ist, im Vergleich zu den Prachthandschriften des 15. Jahrhunderts, eine „Verlotterung“ der Schreibtechnik. Die treibende Kraft der Entwicklung war also weniger die Seite der Produktion, die treibende Kraft war vielmehr die erhebliche Nachfrage der Lese r. Diese Nachfrage hatte bereits vorher schon zu technischen Steigerungen der Vervielfältigungsmöglichkeiten geführt. Das Papier, in Asien seit Jahrhunderten bekannt und über die arabische Welt nach Europa gekommen, wurde ab 1150 in Spanien, ab 1276 in Italien und ab 1390 auch in Deutschland, in Nürnberg, aus Leinenlumpen hergestellt.

„Die Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern (Typographie) war das Ergebnis einer spätmittelalterlichen Problemlage: Der Bedarf an geschriebenen Texten konnte auch mit den gesteigerten Mitteln der Manuskriptkultur, d.h. mit dem Einsatz arbeitsteiliger, kommerzieller und mit billigerem Papier arbeitender Produktionsmethoden nicht mehr befriedigt werden. Es gab das Lesebedürfnis eines über den klerikalen Bereich erweiterten, pragmatische Orientierung suchenden Publikums, es gab Publikationswünsche einer gelehrten Öffentlichkeit und es gab Kaufkraft.“[31]

Ein-Blatt-Drucke konnten bereits vor Gutenbergs Erfindung mit dem Holzschnitt bzw. dem Kupferstich in hoher Auflage hergestellt werden und sogar die Erzeugung so genannter Holz- oder Blockbücher war möglich. Ein Nachteil des Holzschnitts war, dass er beim Drucken abgerieben werden musste, so dass kein Widerdruck möglich war. Trotzdem schloss Gutenberg unmittelbar an die Technik des Blockdruckes an, bei dem zu seiner Zeit bereits Metallstempel mit den einzelnen Buchstaben des Alphabets verwendet wurden. Hier wurden die Buchstaben spiegelbildlich auf der Holzplatte abgebildet, die der Holzschneider dann freizustellen hatte, um druckende Buchstaben zu erhalten. Gutenbergs Erfindung war weniger die Druckerpresse als vielmehr das Handgießinstrument zur seriellen Herstellung der Lettern. Beim Holzschnitt war keine Standardisierung möglich; jeder zu druckende Holzschnitt musste einzeln hergestellt werden. Holzschnitte und Kupferstiche druckten ganze Seiten, während Gutenbergs Erfindung die Zerlegung der Schrift in kleinere Einheiten, die kombinierbar, wieder zerlegbar und rekombinierbar sind, ermöglichte.[32]

„Im Jahr 1452 begann Gutenberg mit dem Druck der Bibel, dem Buch der Bücher, das zur damaligen Zeit sicherlich sehr gefragt war, kostete eine kunstvoll auf Pergament geschriebene Bibel doch mehr als 1000 Gulden. Nur reiche Fürsten, Klöster oder Universitäten konnten sich eine Bibel leisten.“[33]

Das Publikum des neuen Buchdrucks blieb noch lange Zeit dasselbe wie das der geschriebenen Bücher. Und die weiteren Kreise, die seit den 1520er Jahren von den Flugschriften der Reformation erreicht wurden, waren nicht als Folge des Buchdrucks alphabetisiert worden. Zum einen waren dies soziale Gruppen, die bereits lesen konnten, nur bisher nicht als Publikum von Literatur aufgetreten waren, zum anderen die Gruppen, die nach wie vor darauf angewiesen waren, dass ihnen jemand vorlas.[34]

Eine Vermehrung der Lesefähigkeit ist insofern anzunehmen, als dass der Protestantismus auch die Etablierung von Schulen förderte. In Städten hieß das vielfach nur ein Einfluss der evangelischen Kirche auf die bestehenden städtischen oder privaten Schulen. Auf dem Land aber waren nur Ansätze vorhanden gewesen, hier beschleunigte die Reformation in der Tat den Aufbau von Schulen. Die katholischen Regionen blieben hier zunächst zurück, zogen aber in der Gegenreformation nach.[35]

„Die Schulen waren für den Protestantismus Mittel zur Realisierung seiner Grundhaltung: Der Protestantismus propagierte wegen seines anderen Verhältnisses zur Bibel (‚sola scriptura‘) deren Lektüre; deshalb war sie ja von Luther ins Deutsche übersetzt worden. Als Haltung übertrug sich das auch auf andere religiöse Schriften: auf die reformatorischen Texte, auf Erbauungs- und Predigtliteratur. Und aufgrund seiner Arbeitsethik und insofern im Interesse einer verbesserten Ausbildung zu praktischem Gewerbe förderte er über die schulischen Qualifikationen hinaus die Lektüre weltlicher, aber eben ‚nützlicher‘ Literatur. Hier hat eine konfessionell unterschiedliche Einstellung zu Bildung und zu Lektüre ihre Wurzeln, deren Folgen sogar in unserer vermeintlich säkularisierten Gegenwart noch nicht völlig verschwunden sind.“[36]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die Entwicklung des Lesens vom Barock bis zum 20. Jahrhundert (nach Schön, E. (2006): S. 19- 57.)

2.1.4 Vom Barock zur Aufklärung

Nach dem Dreißigjährigen Krieg, ab 1648, erreichten sowohl die allgemeine Lesefähigkeit als auch das tatsächliche Leseverhalten nicht so schnell wieder den Stand der Lesefähigkeit um 1600. Die Wiedererstehung eines Publikums vollzog sich nach einem komplett neuen Muster. In Deutschland entstanden zu Beginn des 17. Jahrhunderts die ersten Zeitungen. Die Entstehung eines neuen Lesepublikums nach dem Dreißigjährigen Krieg vollzog sich über dieses neue Medium. Im letzten Drittel des 17.Jahrhundert bestanden bereits 50 bis 60 deutschsprachige Zeitungen nebeneinander und erreichten somit bereits ein breites Publikum. Um 1750 dürften es dann bereits 100 bis 120 gewesen sein.[37]

„Die Anfänge der modernen Lesekultur hingegen gründen nicht auf dem Buch, sondern auf der Zeitung. Seit Beginn des 17. Jh. erreicht sie ein breites Publikum und öffnet das Lesen für alle Belange des gesellschaftlichen Lebens. Es gewinnt dadurch eine neue Form: Das Lesen religiöser Texte ist geprägt durch eine wiederholte Lektüre, die Zeitung wird durch ihre Ausrichtung auf Aktualität meist nur einmalig gelesen.“[38]

Die Buchproduktion des 17. und 18. Jahrhunderts blieb gegenüber der Zeitungsproduktion zunächst weit zurück. Während sich das Zeitungslesen bereits in breitere Schichten ausweitete, war die Buchproduktion des 17. Jahrhunderts überwiegend eine Produktion von Gelehrten für Gelehrte. Diese Situation änderte sich erst Mitte des 18. Jahrhunderts, wobei sich hier der Anteil der gelehrten lateinischen Literatur verringerte und ein Zuwachs der deutschen Titel zu beobachten war.

Inhaltlich war die Buchproduktion im 17. Jahrhunderts eine fast ausschließlich gelehrte, mit weit überragender Stellung der Theologie. Poesie spielte nur am Rande eine Rolle. Die wenigen Titel der Poesie enthalten zudem nicht nur literarische, sondern auch theoretische Texte, Poetiken etwa; entsprechend sind sie zunächst ganz oder überwiegend in Latein verfasst, erst 1700 überwiegen auch bei der Poesie die deutschen Titel.[39]

2.1.5 Das 18. Jahrhundert

„Die Bedeutung des 18. Jh. für die Geschichte des Lesens hat ihren Grund in epochalen literatursoziologischen Veränderungen: Es entstand das moderne Publikum. Sozialgeschichtlicher Hintergrund der literatursoziologischen Veränderungen ist jener vielschichtiger Prozess, dessen Facetten als ‚Industrielle Revolution‘ oder ‚Entstehung und Aufstieg des modernen Bürgertums‘ benannt werden.“[40]

In der Geschlechterrollenverteilung gab es klare Zuordnungen: Die Männer lasen – von berufsbezogener Lektüre abgesehen – vor allem die Zeitung, Politik- und Sachliteratur, während fast ausschließlich Frauen das Publikum der Belletristik-Literatur im 18. Jahrhundert darstellten. Dieses Muster blieb bis ins 19. Jahrhundert erhalten und ist noch heute deutlich erkennbar.

Eine für ganz Europa geltende Tendenz in der Buchproduktion des 18. Jahrhunderts ist zunächst der weitere Rückgang der lateinischen Titel zugunsten der nationalsprachlichen. Dies ist ein Anzeichen dafür, dass die Adressaten der steigenden Buchproduktion anteilmäßig immer weniger Gelehrte waren und immer mehr Laien. Daneben ist eine wichtige Tendenz der Rückgang des Anteils der für Laien publizierten kirchlich-theologischen Literatur an der Gesamtproduktion. Die Literaturgeschichte sieht dies zunächst als eine komplementäre Entwicklung zu der teilweise explosionsartigen Ausweitung der Belletristik, vor allem der Romanproduktion.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde nicht nur das Interesse an religiöser Erbauungsliteratur abgelöst vom steigenden Interesse an Belletristik. Hinzu kam ein steigendes Interesse an einer neuen Art von Sachliteratur. Das Interesse der Männer des Bürgertums an berufsbezogener Fachliteratur stieg. Neben religiöse Literatur, populärmedizinischen und hauswirtschaftlichen Ratgebern trat immer mehr Sachliteratur zur allgemeinen Information sowie politische Literatur. Politische Bücher sind zu dieser Zeit historische Werke, ökonomisch-statistische Darstellungen und geographische; die letzten beiden noch überwiegend in der äußeren Form von Reisebeschreibungen.[41]

Der Umfang der Werke, deren Besitz durch die Kategorie der Bildung motiviert war, stieg im Laufe des 18. Jahrhunderts an. Der Inhalt dieser Werke veränderte sich bis weit ins 19. Jahrhundert hinein. Eine Unterscheidung zwischen hoher und trivialer Literatur begann sich zu etablieren. „Diese Dichotomisierung von ‚hoher‘ und ‚trivialer‘ Literatur gegen Ende des 18. Jh. korrespondiert mit sozialen Differenzen.“[42]

Der Roman veränderte sich qualitativ, was eine Zunahme der Romanproduktion im 18. Jahrhundert nach sich zog. Es entstand eine ganz neue Art von Roman. Der neue Roman bezieht seit der Mitte des 19. Jahrhunderts seine Legitimation aus seiner Funktion als Zweckform zur Aufklärung, zur Belehrung und zur Erbauung. Nachdem er sich etablierte und sein Publikum gefunden hatte, emanzipierte er sich von der Beschränkung auf Aufklärung und trägt nun seine Funktion in sich selbst. Der Leser orientierte sich am Leseerlebnis selbst. „Bei der Lektüre der neuen Romane ist dies v.a. die Erfahrung identifikatorischer, in kompetenter Form sogar empathischer Teilhabe an den fiktionalen Charakteren. Denn dies ist die wesentliche Funktion des neuen Lesen s: die phantasiehafte ‚Teilnehmung an anderer ihrem Zustande‘, wie es in der Empfindsamkeits-Definition Kants 1798 heißt.“[43]

„Der historische Begriff der Lesekultur korrespondiert einem bestimmten Begriff des Ästhetischen; seine historisch-faktische Realität ist aber nicht einfach davon abgeleitet: Lesekultur wird erst (historisch) dann und (sozial) dort möglich, wo sich das Lesen – jenseits der Informations- und Qualifizierungsfunktion – auch emanzipiert von seinen exemplarischen Funktionen, von seiner (letztlich moralisch bzw. religiös bestimmten) Beschränkung auf Belehrung und Erbauung. Dies ist aber erst im Laufe der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts der Fall, durchgesetzt vielleicht erst mit der Romantik.“[44]

Die wichtigsten Medien der Aufklärung stellen Zeitungen und Journale dar. Ein wichtiges Mittel zur Verbreitung unter einem breiten bürgerlichen Publikum waren die neu entstandenen Lesegesellschaften. Die Entstehung eines modernen Lesepublikums war im 18. Jahrhundert keine „ Medienrevolution “. Hintergrund dieser Veränderungen waren keine technischen Innovationen, sondern ausschließlich soziale Veränderungen. Es entwickelten sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die ersten Lesegesellschaften aus einem Gemeinschaftsabonnement von Journalen. Ab 1750 integrierten sich allmählich Lesezirkel in den Alltag, die mehrere Periodika hielten und zunächst von Haus zu Haus zirkulieren ließen. Eine Umwandlung erfuhren diese Lesezirkel etwa ab 1775, hier entstanden so genannte Lesekabinette. Die Journale wurden nicht mehr mit nach Hause genommen, sondern in explizit dafür eingerichteten Räumlichkeiten gelesen. „Dies sind die historisch für das bürgerliche Lesen des 18. Jh. signifikant gewordenen ‚ Lesegesellschaften‘.“[45] Der Zweck der Lesekabinette lag nicht in der Lektüre zur Unterhaltung. Die Weiterbildung im Sinne einer als gesellschaftlicher Aufgabe bewusst gewordene Allgemeinbildung stand im Mittelpunkt. Die Funktion der Lesegesellschaften im 18. Jh. lag nicht bei der Verbreitung von Literatur, sondern darin, dass sie ihren Mitgliedern aktuelle Informationen und aufklärerische Bildung zugänglich machten.

Kinderliteratur gliederte sich im späten 18. Jahrhundert aus der Gesamtliteratur aus. Kinder bilden nun ein eigenes Publikum für Lektüre. „Das stand im Zusammenhang mit dem langfristigen Prozess der ‚Entstehung der Kindheit‘, der im 18. Jahrhundert zuerst im Bürgertum zur Etablierung des Moratoriums ‚Kindheit‘ und dann auch der ‚Jugend‘ führte.“[46] Kinder hatten im Rahmen der Familien zunehmend Freiraum für eigene Lektüre. Es etablierte sich eine speziell für sie geschriebene Kinderliteratur, neben der Literatur zur pädagogisch intendierten Belehrung, wie es sie schon seit langem gab.[47]

2.1.6 Das 19.Jahrhundert

Die Entwicklung im 19. Jahrhundert begründet sich zum einen in der Durchsetzung der Massenproduktion wie zum anderen in den sozialen Unterschieden des Publikums. Die Veränderungen im 19. Jahrhundert sind im Vergleich zum 18. Jahrhundert eher quantitativer Art. Im Laufe des 19. Jahrhunderts etablierten sich eine Reihe von technischen Innovationen bei der Papier- und Buchproduktion. Dies lässt sich als Ergebnis einer Suche nach billigeren Produktionsmöglichkeiten in Reaktion auf eine gestiegene Nachfrage verstehen.[48] Nachfolgend eine Auflistung der technischen Innovationen des 19. Jahrhunderts:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Technische Innovationen des 19. Jahrhunderts (nach. Schön, E. (2006): S. 39.)

„Das Buch wird durch den technischen Fortschritt der Drucktechniken das erste der modernen Massenmedien. […] Literatur spaltet sich auch in Literatur für die Gebildeten, im empathischen Sinne Lesefähigkeiten, und in die Literatur für die Masse, die lediglich die Kulturtechnik beherrscht. Voraussetzung für das Buch, die Zeitschrift und die Zeitung als Massenmedien ist die in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa erreichte Vollalphabetisierung.“[49]

Eine zweite große Tendenz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die soziale Differenzierung des Publikums. Ein Bild sozial getrennter „Klassenkulturen“ ergibt sich für die Zeit nach 1848 bis hin zum 1. Weltkrieg.

„Dabei unterschieden sich die verschiedenen Publika aber nicht scharf durch unterschiedliche, ihnen jeweils zugeordnete Lektüreobjekte oder gar bereits durch Gattungen, sondern mehr durch ihr Selbstbild und das mentalitätsmäßige, auch ideologische Verhältnis, das sie zu Literatur einnahmen.“[50]

Bis heute wird das Bild von „ Lesekultur “ von einer vom Bildungsbürgertum entwickelten Vorstellung von Lesen geprägt. Bildung ist zunächst formal an das Abitur gebunden. Von der Funktion der Bildungsinstitutionen her war bei der Bildung im 19. Jahrhundert der Besitz von Bildungspatenten, vor allem dem Abitur, entscheidend. Diese Bildungspatente beschränkten und garantierten zugleich den Eintritt in bestimmte berufliche Laufbahnen. Der Begriff Lesekultur ist verbunden mit einem gewissen Niveau. Er schließt Trivialliteratur, wie das Lesen um die Langeweile zu vertreiben, aus. Familien- und Unterhaltungszeitschriften, wie beispielsweise die Zeitschrift „Gartenlaube“ und Leihbibliotheksromane fanden ihr Publikum im Bürgertum sowie im Kleinbürgertum. Hier ist das tatsächliche belletristische Lesen verbreitet.[51]

Die lesegeschichtliche Bewegung des 18. Jahrhunderts (1. Leserevolution) beinhaltet die qualitativen Veränderungen innerhalb einer kleinen Schicht. Diese Veränderungen weiteten sich im letzten Jahrhundertdrittel (2. Leserevolution) auf ein Massenpublikum aus. Einen Gegenpol zum Bildungsbürgertum bildete im 19. Jahrhundert die Kulturbewegung der Arbeiterbewegung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften. „Hintergrund war das sozial-demokratische Konzept von Bildung, das Wilhelm Liebknecht 1872 auf die Formel gebracht hatte: ‚Wissen ist Macht – Macht ist Wissen‘.“[52] Dieses Konzept stand in der Tradition der Aufklärung. Hier wird Bildung als Voraussetzung zum Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit verstanden. Bildung macht in diesem Sinne frei und unabhängig.

„Eine Widersprüchlichkeit lag freilich darin, dass die durch literarische Bildung zu erreichende Freiheit, die die Weimarer Klassik und ihre Umsetzung im Bildungskonzept Humboldts an die Stelle des z.T: sehr konkret, auch politisch gemeinten Freiheitsbegriffs der Aufklärung gesetzt hatte, eine bloß geistige Freiheit des Einzelnen sein sollte.“[53]

Zudem steht die Formel „Wissen ist Macht“ für die konkrete Funktion der bürgerlichen Bildung. Das Abitur als Bildungspatent ist Zugangsvoraussetzung wie auch Zugangsgarantie für öffentlich kontrollierte Ämter, für eine Beamtenlaufbahn und damit für einen eventuellen sozialen Aufstieg.[54]

2.1.7 Das 20. Jahrhundert bis 1945

„Die mit dem 19. Jahrhundert verbundene Form [der Lesekultur] zeigt Auflösungserscheinungen schon vor 1900; sie endet in den 20er Jahren: der 1. Weltkrieg, die sozialen Veränderungen in der Folge der Inflation und die Umstrukturierungen der staatlichen und wirtschaftlichen Organisation […] setzen in ihrer Summe einen Einschnitt; die Verbreitung von Film und Rundfunk kommt dazu.“[55]

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Buchproduktion durch verschiedene Einflussfaktoren, wie Wirtschaftskrise, Inflation sowie die beiden Weltkriege, geprägt. Etwa zwei Drittel der Erwachsenenbevölkerung konnte zu diesem Zeitpunkt so gut lesen, dass sie tatsächlich zumindest ab und an auch zu Unterhaltungsliteratur griff. Dies lässt sich ungefähr mit der heutigen Lesesituation vergleichen. Zwischen der Jahrhundertwende und dem 1. Weltkrieg erlebt die Geschichte des Lesen s einen quantitativen Höhepunkt. Ein Grund hierfür liegt in dem technisch-industriellen Phänomen der Massenproduktion, die Preise sanken aufgrund steigender Produktionszahlen. Es etablierte sich eine „ Unterhaltungsindustrie “ wie es sie vorher nie gegeben hatte. Es wurden Prachtbände für das Bildungsbürgertum, Klassikerausgaben bis hin zu Kioskheftchen und Zeitschriften mit belletristischem Inhalt produziert und gelesen. Kurz nach 1900 etablierten sich Importe aus der amerikanischen Unterhaltungsindustrie in Form von Kiosk-Romanheftchen wie beispielsweise Buffalo Bill, etc.[56]

Des Weiteren war neben der Verbilligung des Lesestoffs, dieser nun auch in öffentlichen Leihbibliotheken zu erhalten. Damit war die wichtigste Voraussetzung gegeben, dass die ökonomischen Schwellen für die Beschaffung von Lesestoff an Bedeutung verlieren konnten und für alle frei zur Verfügung standen. Diese Entwicklung der Unterhaltungsindustrie war noch eine reine „Lektüre-Industrie“. Sie standen in keinster Konkurrenz zu Rundfunk, Kino und Fernsehen. Die Druckmedien Buch, Heft, Zeitschrift und Zeitung standen noch im Vordergrund. Die Welt des Lesen s war hier noch in Ordnung. Erst in Folge des 1. Weltkrieges und der danach folgenden Inflation sollte der Habitus „Bildungsbürgertum“ unzeitgemäß werden.[57]

Bereits um 1900 begannen die klaren Grenzen zwischen den Klassenkulturen des Bürgertums zu verschwimmen. Das Bildungsbürgertum fand in den 1920er Jahren sein Ende. Vor allem die Inflation traf das Bildungsbürgertum, da es seinen ökonomischen Rückhalt zum großen Teil in Geldvermögen gehabt hatte. Hinzu kamen Umstrukturierungen der staatlichen und wirtschaftlichen Organisation, aus der die Entstehung des „Angestellten“-Status resultierte.

In der Weimarer Zeit erreichte die Klassenkultur der Arbeiterschaft wiederum einen Höhepunkt, wobei hier das Lektüreverhalten der großen Masse nicht so stark von dem des Kleinbürgertums abwich. Aber auch diese Klassenkultur fand mit der nationalsozialistischen „Gleichschaltung“ ihr Ende.

Die Produktion von Literatur verzeichnete im Jahr 1933 einen Einschnitt, denn etwa 1500 bekannte Schriftsteller mussten nach der nationalsozialistischen Machtergreifung emigrieren. Die Rezeption blieb von dieser Tatsache allerdings weitestgehend unberührt. Die wichtigsten Schriften der nationalistischen Ideologie stammten aus einer Zeit lange vor 1933 und die Altbestände in Verlagen, Buchhandlungen, in Bibliotheken sowie in privaten Beständen konnte in den ersten Jahren des Regimes nicht unterdrückt und verboten werden. Außerdem waren Literatur und Literaturpolitik nicht das Feld, auf dem die Nationalsozialisten die Prioritäten für ihre Aktivitäten legten. Zwar wurde auch Literatur als Propagandainstrument genutzt, aber im Vergleich zu Zeitungen, Illustrierten, Rundfunk oder Film wurde ihr kein großer Einfluss zugetraut. Spätestens mit Kriegsbeginn wurden sowohl die bildungsbürgerliche Literatur als auch die triviale Heftchenliteratur stärker kontrolliert. Die gänzliche Kontrolle über private Lektüre wurde allerdings nie erreicht.[58]

„Literatur war für die Nationalsozialisten nicht jenes Medium der Identitätsbildung, wie es das für das Bürgertum des 19.Jahrhunderts gewesen war. Die ästhetische Dimension von Literatur kam ihnen gar nicht in den Blick; ihr Literaturverständnis war ein pragmatisch-rhetorisches, das auf Brauchbarkeit und Wirkung sah. Konsequenz war, dass sich die nationalsozialistische Leseregulationen weniger auf die Texte und ihre Gestaltung bezogen – obwohl dies dann auch der Fall war – als auf den Umgang damit, auf das Lesen bzw. den Leseakt selbst: Individuelles Lesen, unabhängig davon, was gelesen wird, entzieht den Leser sozialer Kontrolle und bildet individuelle Erfahrungshintergründe aus.“[59]

Die Einflussnahme der Nationalsozialisten bezog sich neben der Kontrolle der Autoren und der aktuellen Produktion vor allem auf den Buchhandel und die Bibliotheken. Es wurden Bibliotheken in Schulen, wie auch öffentliche Bibliotheken ausgebaut, da man kirchliche und auch gewerkschaftliche Bibliotheken nicht verbieten konnte, ohne Alternativen anzubieten. Auf den privaten Buchbesitz hatte das Regime allerdings weitgehend keinen Einfluss. So kam es, dass vor allem Leser aus den Unterschichten, aus dem Kleinbürgertum und aus der Arbeiterschaft, die nicht auf Bücher in privatem Besitz zurückgreifen konnten, auf diese zensierten öffentlichen Literaturversorgungen angewiesen waren. Besonders Jugendliche waren während ihrer intensiven Lesephase in der Pubertät und Adoleszenz hiervon betroffen. Allerdings kann man aus diversen Autobiographien entnehmen, dass auch Erwachsene und Jugendliche aus dem bürgerlichen Milieu die Lektüre zur geistigen Abgrenzung vom herrschenden System nutzen konnten.[60]

„Denn jedenfalls solange dieses Lesen nicht öffentlich sichtbar wurde, im Raum des Privaten blieb, konnten die potentiellen Leser im Bücher-besitzenden Bürgertum, wenn sie wollten, die in den Alt-Beständen vorhandene Literatur lesen. Wohlgemerkt: wenn sie wollten.“[61]

2.2 Lesen – Eine Definition

Unser heutiges Verständnis einer Lesekultur setzte sich zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert durch. Eine Reihe sozialer und kultureller Veränderungen prägten den Fortschritt. Es entstand ein Maschinenwesen und die moderne Industrie sowie eine grundlegende Veränderung der Familienstruktur und die des Kindheitsbildes fanden statt. Mit diesen Entwicklungen verschoben sich Einstellungen und Wertevorstellungen grundlegend, es kam zu einem Prozess der Verinnerlichung von Widersprüchen und der Emanzipation. Die Schriftkultur leistete einen wichtigen Beitrag, ohne die weitere Entwicklungen der Naturwissenschaften und der Techniken nicht denkbar wären. Das Denken der Menschen und ihr Verhältnis zur Natur veränderte sich, führte zu einer bis dahin nicht gekannten Beherrschung der äußeren und inneren Natur. Ohne dies wäre der Fortschritt in den letzten 200 Jahren kaum denkbar.[62]

„[…] denn seine [Gutenbergs] Erfindung hat die Schrift, die vorher Sache einer dünnen Schicht von Gelehrten und Schreibern war, zu einer Sache von Jedermann gemacht. Die Schrift ist das externe, personenunabhängige Gedächtnis einer Kultur. Sie verlagert das Denken in ein Material, das dauerhafter ist als das vergessliche menschliche Gehirn. Der Druck vervielfältigte diese Inhalte so, dass im Prinzip jeder immer und überall Zugang zu ihnen haben könnte. Durch Gutenbergs Erfindung konnte der zur Schrift geronnene Fundus der Kultur zum Allgemeinbesitz werden.“[63]

Die bis dato vorherrschende Oralkultur verlor durch das Aufkommen der Schriftkultur an Wert. Zwar ging die Fähigkeit des Erzählens, wie die Herstellung von erzählender Gruppenkommunikation nicht verloren, sie bildete sich jedoch weiter zurück. Die Fähigkeit, sich der Schriftsprache zu bedienen, führte dazu, dass die Sprache nicht mehr nur in konkreten Situationen spontan und im Vollzug sondern bewusst als Gestaltungsmittel verwendet wurde.

„Der reflexive Gebrauch der Sprache erklärt die kognitivierende Wirkung der Schrift, die die Kommunikation mit Traditionsbeständen und mit dem ermöglicht, was andere, zeitlich und örtlich Entfernte gedacht und erfahren haben.“[64]

Die Schriftkultur leistete einen großen Anteil an der Aufklärung, ohne die der ungeheure Rationalitätsschub mitsamt seinen Auswirkungen nicht denkbar ist. Zugleich fördert sie die individuellen Entwicklungschancen und damit die Emanzipation. Lesen ist heute ein wesentliches Element des modernen Zivilisationsprozesses.[65] An dieser Stelle scheint wichtig, herauszustellen, was genau unter Lesen bzw. dem Leseprozess zu verstehen ist.

Das Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm liefert folgende Definition zu Lesen: Angefangen bei auflesen, sammeln (z.B. Weinlese, das Sammeln von Trauben), aussuchen (beispielsweise die Auslese, bei Filmen, Wein, etc.), ordnen, zurechtlegen (z.B. Linsen lesen/ Aschenputtel), bis hin zu Buchstaben, Worte, Schrift lesen (Aus einem Text Sinn/ Informationen entnehmen). Dieses findet den Ursprung im Werfen der Runenzeichen, die der kundige germanische Priester oder Zauberer aufgelesen und so gedeutet hat. Diese Runen waren aus Buchenholz geschnitzt, daher unser Wort Buchstabe.[66]

Laut Metzler Lexikon Sprache ist „Der Begriff Lesen […] nicht eindeutig. Normalerweise bezeichnet er eine individuelle Tätigkeit (oder eine allgemeine Fähigkeit), die das Rezipieren von geschriebener Sprache durch das Auge […] oder den Tastsinn […] bezeichnet, wobei das Entnehmen von Bedeutung und Informationen im Mittelpunkt steht.“[67]

Schön gibt zu Anfang seiner Abhandlung „Geschichte des Lesens“ nachfolgende Definition:

„Lesen ist Handeln von Menschen, die in der kognitiven Dimension des Lesens aus einem Text Sinn bilden und in seinen sinnlichen und emotiven Dimensionen sich durch ihr Tun ein Erleben selbst bereiten. Dabei entsteht die Lese-Erfahrung gerade durch die untrennbare Einheit der verschiedenen Dimensionen des Lesens.“[68]

Lesen stellt keinen linearen, abbildhaft zu denkenden Vorgang der äußeren oder inneren Prozesse dar, die Leser/innen arbeitet vielmehr aktiv von Beginn der Lesebiographie an der Sinngebung des Textes mit. Je besser die Lesefähigkeit, desto aktiver sind die Leser/innen in dieser Aufgabe. Auch diese Mitarbeit ist nicht nur als ein Einsatz isoliert gespeicherter Einheiten zu verstehen, sondern als Erprobung von Regelbildungen in Form von Buchstabenkombinationen, Wortkombinationen, Satzmuster, wie auch Sinnzusammenhängen. Das auf Sinn ausgerichtete Lesen als ganzheitlicher Akt ist zudem durch das erworbene Weltwissen beeinflusst, das zuerst als sprachliches Handlungswissen zu deuten ist. Dazu zählen die Fähigkeit zur Situationseinschätzung, thematische Vorkenntnisse (Vorverständnis), Sinnerwartung und (Lese-)Motivation, bis hin zu aktuellen Gefühlen und Stimmungen. Bei der Klärung solcher Fragen wirken Leserpsychologie, Entwicklungspsychologie, Textlinguistik und andere Disziplinen zusammen. Der Text mit all seinen mitgeteilten Vorgaben, einschließlich der Präsuppositionen (kommunikative Voraussetzungen) und der vom Autor gesetzten Kontextsignale, aktiviert die vorhandenen und ermöglicht zugleich neue Deutungsfähigkeiten. „So können Texte als kondensierte und durch Leser als Koproduzenten wiederzubelebende kommunikative Handlungen verstanden werden“.[69]

Seit der Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht war Analphabetismus bzw. Illiteralität kaum noch ein Thema in den hochentwickelten industrialisierten Ländern. Das Phänomen des funktionalen Analphabetismus wurde in den hoch entwickelten Industriestaaten, angefangen in den USA und Großbritannien, erst in den 70er/ 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts wiederentdeckt. Auslöser für die Wahrnehmung dieses sozialen Problems war die wirtschaftliche Rezession. Diese setzte viele Arbeitskräfte frei, die aufgrund unzulänglicher schriftsprachlicher Kompetenz bei zugleich sich ändernden Berufsprofilen kaum wieder in den Produktionsprozess integrierbar waren. Konkret hatte somit nicht die Zahl der Illiteraten zugenommen; sie wurden nur erstmals deutlich zur Kenntnis genommen, da die Anforderungen in den Berufsprofilen gestiegen und aus diesem Grund die Definitionskriterien strenger geworden waren. Kritisiert wird an dieser Stelle, dass funktionaler Analphabetismus als Mittel der Stigmatisierung und Ausgrenzung genutzt werden kann. Zu beobachten ist, dass heute viele Leser/innen schon beim Lesen von Alltags- und Gebrauchstexten, die allgemein verständlich sein sollten, überfordert sind. In diesem Fall spricht man von einem funktionalen Analphabetismus. Man kann sagen, von der Unfähigkeit, im Alltag mit schriftlichen Texten zurechtzukommen. Die Dunkelziffer scheint hier sehr hoch. Vor allem Heranwachsende sind besonders gefährdet, an der Unverständlichkeit von Texten zu scheitern.[70]

Bonfadelli führt folgende Phänomene des Analphabetismus unter Bezug auf Schön (1996) auf:

- „Analphabeten im engeren Sinn sind Menschen, die keinerlei Lese- und Schreibfertigkeiten haben, d.h. nicht einmal ihren Namen schreiben können. In den hochentwickelten Industrienationen liegt ihr Anteil meist unter 1% der Bevölkerung.
- Analphabeten im weiteren Sinn können zwar einzelne Worte lesen und/ oder ihre eigene Unterschrift leisten. Sie sind aber im Sinne der UNESCO-Definition des funktionalen Analphabetismus nicht gleichberechtigt in der Lage, an den gesellschaftlichen Aktivitäten ihres Kulturkreises teilnehmen zu können. In Deutschland wurde diese Gruppe als Kriterium eine Lesefähigkeit vorgeschlagen, die unterhalb jener liegt, die mit dem Hauptschulabschluss erreicht wird. Von der Größenordnung her schätzt man den Anteil dieser Gruppe je nach Land zwischen 2% und 7% der Gesamtbevölkerung.
- Illiterate können kurze und einfache Texte lesen, aber sie können weder flüssig lesen, noch vermögen sie längere Texte zu lesen. Schön (1996) beziffert diese Gruppe auf 10-15% der Bevölkerung.
- Aliterate: Sie können zwar lesen und tun dies auch gelegentlich, d.h. vor allem in Situationen wo dies verlangt wird, wie z.B. bei Gebrauchstexten. Sie lesen aber keine Bücher. Ihr Anteil liegt bei etwa 25% der Bevölkerung.“[71]

[...]


[1] Vgl. Döbert, M./ Hubertus, P.: Ihr Kreuz ist die Schrift. Analphabetismus und Alphabetisierung in Deutschland. http://www.alphabetisierung.de/fileadmin/files/Dateien/Downloads_Texte/IhrKreuz-gesamt. pdf (10.03.2008).

[2] Pfeifer, D. (2007): S. 15ff.

[3] Vgl. http://www.brockhaus.de/presse/detail.php?nid=17&id=537 (25.02.2008).

[4] Vgl. Hörisch, J. (2004): S. 96.

[5] Griep, H.-J. (2005): S. 38.

[6] Vgl. Griep, H.-J. (2005): S. 41ff.

[7] Vgl. Schön, E. (2006): S.2f.

[8] Vgl. Hörisch, J. (2004): S. 97.

[9] Schön, E. (2006): S. 4.

[10] Vgl. ebd.: S. 3f.

[11] Ebd.: S. 4.

[12] Vgl. Hörisch, J. (2004): S. 117.

[13] Vgl. Schön, E. (2006): S. 4f.

[14] Schön, E. (2006): S. 5.

[15] Vgl. ebd.: S. 5f.

[16] Vgl. Stein, P. (2006): S. 69ff.

[17] Vgl. Hörisch, J. (2004): S. 110.

[18] Platon. Hrsg. von Ursula Wolf (2006): S. 602ff.

[19] Vgl. Stein, P. (2006): S. 69ff.

[20] Platon. Hrsg. von Ursula Wolf (2006): S. 604ff.

[21] Platon. Hrsg. von Ursula Wolf (2006): S. 606f.

[22] Vgl. Stein, P. (2006): S. 69ff.

[23] Ebd.: S. 71.

[24] Hörisch, H. (2004): S. 110ff.

[25] Vgl. Griep, H.-J. (2005): S. 185.

[26] Vgl. Schön, E. (2006): S. 9f.

[27] Vgl. ebd.: S. 13f.

[28] Ebd.: S. 14.

[29] Vgl. Schön, E. (2006): S. 14.

[30] Vgl. ebd.: S. 15.

[31] Stein, P. (2006): S. 185.

[32] Vgl. Schön, E. (2006): S. 15f.

[33] Griep, H.-J. (2005): S. 214.

[34] Vgl. Schön, E. (2006): S. 17.

[35] Vgl. ebd.: S. 19.

[36] Schön, E. (2006): S. 19.

[37] Vgl. Schön, E. (2006): S. 19.

[38] Metzler Lexikon Medientheorie - Medienwissenschaft (2003): S. 177.

[39] Vgl. Schön, E. (2006): S. 19ff.

[40] Ebd.: S. 24.

[41] Vgl. Schön, E. (2006): S. 28ff.

[42] Ebd.: S. 29.

[43] Schön, E. (2006): S. 30f.

[44] Schön, E. (1995): S. 142.

[45] Schön, E. (2006): S. 32.

[46] Ebd.: S. 38.

[47] Vgl. ebd.: S. 32ff.

[48] Vgl. Schön, E. (2006): S. 39.

[49] Schanze, H. (2001): S. 253.

[50] Schön, E. (2006): S: 43.

[51] Vgl. ebd.: S. 44ff.

[52] Ebd.: S: 52.

[53] Schön, E. (2006): S. 52.

[54] Vgl. ebd.: S. 52.

[55] Schön, E. (1995): S. 142.

[56] Vgl. Schön, E. (2006): S. 53f.

[57] Vgl. Schön, E. (2006): S: 53ff.

[58] Vgl. ebd.: S. 55f.

[59] Ebd.: S. 57.

[60] Vgl. Schön, E. (2006): S: 57f.

[61] Ebd.: S: 57f.

[62] Vgl. Dahrendorf, M. (1995): S. 32f.

[63] Zimmer, D. (2001): S. 25.

[64] Dahrendorf, M. (1995): S. 32.

[65] Vgl. ebd.: S. 32f.

[66] Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (1885): S. 774ff.

[67] Metzler Lexikon Sprache (2000). S. 405.

[68] Schön, E. (2006): S. 1.

[69] Weber, A. (1993): S. 16f.

[70] Vgl. Marenbach, D. (1995): S. 39f.

[71] Bonfadelli, H. (2006). S. 131f.

Ende der Leseprobe aus 124 Seiten

Details

Titel
Veränderung des Leseverhaltens in der Mediengesellschaft
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,5
Autor
Jahr
2008
Seiten
124
Katalognummer
V119696
ISBN (eBook)
9783640229512
ISBN (Buch)
9783640231010
Dateigröße
1535 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Veränderung, Leseverhaltens, Mediengesellschaft
Arbeit zitieren
Daniela Schmitt (Autor), 2008, Veränderung des Leseverhaltens in der Mediengesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119696

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