Symbiose

Aus: Flügel auf! Novellen


Klassiker, 2008
57 Seiten
Ilse Frapan (Autor)

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Lisbeth Markwort an Axel Lorenzen.

Wedel, 5. September 1892

Lieber Axel Du wirst einen gerechten Schrecken bekommen, daß ich Dir schon wieder schreibe, ohne Papa und Mama, aber, weißt Du, es ist etwas, was in den vorgestrigen»offiziellen«Brief nicht hereinpaßte und was ich doch nothwendig beantwortet haben möchte. Ich kann niemand als Dich danach fragen, sie sind hier alle so dumm, die Eltern natürlich ausgenommen, aber die wundern sich immer so über meine»ungelegten Eier«, oder sie werden grimmig, und dann kann man ja überhaupt nichts mehr besprechen. Sie sind ja schrecklich gut, und ich weiß, daß Mama alles für unser Glück thäte, aber daß ich selber etwas dafür thue, das will sie nicht, da stellt sie sich gleich so zu sagen auf ihre kleinen Hinterbeine und drückt mich mit einem Wort, mit einem Blick in das erste beste Mauseloch hinunter. Ich bin so furchtbar traurig, so zwiespältig, weißt Du; ich möchte ihr ja gern zu Dank leben, alles zu Willen thun, wie sie Papa alles zu Willen thut, aber wenn auch immer Dinge von mir verlangt werden, die ich nicht leisten kann, dann fühlt man sich so – so fremd in der eigenen Familie Ach, ich erschrecke selbst vor dem gräßlichen Wort. Fremd Und es ist doch wahr Aber wie furchtbar würde es Mama kränken, wenn sie wüßte, daß ich solche Gedanken habe. Und noch dazu muß ich immer lustig sein; ich komme mir manchmal wie ein Hanswurst vor, der für Kost und Kleidung – so eine Art Hofnarr, weißt Du Pfui, wie greulich, mit solchen Gedanken zu lachen und Unsinn zu machen Aber sonst sagen sie gleich:»Na, Lisbeth, Dir ist wohl heute die Petersilie verhagelt?«Selbst die kleine Frieda fängt schon so an:»Lisbeth, bist heute gar nicht lächerlich, hast wohl schon wieder Kopfweh?«Und plötzlich, wie auf Kommando, sehen mich alle an, und jeder findet was anderes: dann soll ich blaß sein, dann roth, Papa sagt gewöhnlich grün; ich läse zu viel, ich sollte mich lieber im Hausstand beschäftigen, ich könnte doch mal Fehrs besuchen und Frieda und Trude mitnehmen, daß ich doch an die Luft käme, und Tante fängt zuletzt noch an:»Ja, wenn man umsonst oder für ’n Ei und Butterbrod Privatstunden gibt und sich abrennt mit Krankenvisiten, dann kann man sich natürlich der Familie nicht mehr widmen«, und dann predigt sie immer wieder:»charity begins at home«und ist doch die einzige im Haus, die fortwährend auf das Mädchen schilt und sich wundert, daß klein Frieda noch nicht so still sitzen mag wie sie. Na, wir haben sie aber auch oft schön geärgert, und Du mit, eben fällt es mir ein. Als Du das letzte Mal mit Deiner Mama bei uns warst und wir fortwährend vor Tantes Sopha auf und ab marschierten und»Bickbeern, blaue Bickbeern Stint labennige Stint«dazu brüllten Tante hielt sich die Ohren zu und gab uns sogar Püfe, aber wir wollten uns todtlachen und schrieen immer mehr. Man ist doch grausam unartig als Kind. Und wir waren gar nicht mal so klein, Du schon zwölf und ich neun, aber warum nannte sie uns auch immer»abscheuliche Gören«, wenn sie allein mit uns zu Haus bleiben mußte – Lieber Axel Ich muß mein Lehrerinnen-Examen machen, frage mich nicht, wieso, ich muß Was ich aber von Dir wissen möchte, ist, ob ich mich wohl selber darauf vorbereiten kann. Ich meine allein. Denn ins Seminar ibt Papa mich nicht, er sagt, ich sei nicht kräftig genug und viel zu unruhigen Sinnes, um später als Lehrerin einen Breuf auszuüben. Mein Beruf seien meine kleinen Geschwister, dann die Verschönerung des Hauses durch Heiterkeit und Dienstwilligkeit gegen Jedermann Und dann citirt er mir:»dienen lerne beizeiten«u. s. w., daß ich schon manchmal gedacht habe: lieber großer Göthe, hättest du doch das nur nicht geschrieben. Seit vorigen Ostern nun habe ich wieder ordentlich zu lernen angefangen, natürlich im Stillen. Papa ist ja darin nett, er wundert sich nicht, wenn ich ihm Bücher aus dem Bord nehme, ohne zu fragen. Neulich, als ich einen Band von Ranke wieder hineinstellte, hat er sogar geschmunzelt. Ich war so glücklich darüber, ich wäre ihm fast um den Hals gefallen und hätte ihm meine heimlichen Verschwörerpläne gebeichtet. Aber es kam nicht dazu, Papa zeigte mir in der hohlen Hand einen abgerissenen Hemdknopf, sah mich dann strenge an:»Das eine thun, und das andere nicht lassen, mein Kind.«Na, da wußte ich schon wieder Bescheid Abe das glaube ich sicher, ehe die Herrenhemden nicht rundum zu sind oder angewebte Knöpfe haben, oder so etwas, werden wir Frauenzimmer nicht frei und glücklich sein. Also, glaubst Du, daß ich es erreiche? Denn ich will nachher wirklich Geld verdienen. Wozu – das kann ich Dir noch nicht sagen, ich fürchte, Du lachst mich aus. Nein, ich will jedenfalls Deine Antwort abwarten. Und noch eine Bitte: Naturwissenschaftliches fehlt ganz in Papas Bilbliothek; wenn Du mir etwa schicken könntest, was Du im Gymnasium gebraucht hast Und Häckel müßtest Du mir auch schicken, und etwas von Nietzsche, wenn es nicht zu unbescheiden von mir ist Aber nun kommt das Unangenehmste: Du müßtest mir die Sachen nicht direkt senden. Aber dann wohin?

Unsere dumme kleine Post schickt es uns doch ins Haus, wenn Du das Paket selbst postlagernd adressirtest Ich habe schon hin und her gesonnen, und endlich ist mir die gute Steenocken eingefallen, Du weißt wohl, unsere alte Näherin, die den Papagei hat. Wir waren auch mal da, während Du hier warst, und der Lora zackte Deinen Strohhut so schön aus, den Du übern Käfig gehängt hattest Steenbocken wundert sich über nichts, was ich thue, das ist eine treue Seele. Wir sprechen immer über Himmel und Erde, wenn wir zusammen sind; und ich wundere mich oft, wie viel Interesse sie an Dingen nimmt, die ihr doch so fern und unklar sind. Ach, geht es denn mir besser? Du glaubst nicht, Axel, was für eine Wuth ich habe zu lernen Ich gebe jetzt Trude und Frieda Naturgeschichtsstunde, denk Dir. Die Kinder sind süß dabei, aber die Lehrerin taugt nicht Ich kann ihnen oft die einfachsten Dinge nicht beantworten, und dann schäme ich mich so vor mir selbst, daß ich stottere und roth werde. Auch ein paar älteren Damen hier gebe ich Botanikstunde; frech von mir, nicht? Aber sie meinten plötzlich, die Namen der hier wachsenden Pflanzen sollte doch eigentlich jeder Mensch wissen, na – und da konnte ich ihnen doch so ziemlich dienen. Eine gräßliche Angst, diese Stunde Mühsam, mühsam bereite ich mich vor, und nachher fühle ich bei jedem Wort, das ich sage, wie eng mein Wissen ist, ich lebe richtig von der Hand in den Mund, es ist ein Elend. O, ihr glücklichen, glücklichen Jungens

Bitte, schick mir, was Du für nütztlich hältst, Du bist ja meine einzige Freundin Mußt aber keinen Schnurrbart kriegen, hörst Du wohl? Auf Deinem Bild von vor einem Jahr schimmert schon so was; es wäre mir aber ungemüthlich.

Schreib mir nur, wenn Du mir keine Moralpredigt halten willst, bitte, die brauch ich wirklich nicht. Wirst Du mir meinen Wunsch erfüllen? Wirst Du mir beistehen? Ich sitze hier in dem Nest wie auf einer einsamen Insel, obgleich ich im Elternhaus bin Der liebe Gott schütze und erhalte es mir, es ist ein reizendes Haus, aber ich möchte mal weg Kannst Du Dich in solche Widersprüche hineindenken?

Die Adresse ist: Fräulein Henrika Steenbocken, Strichweg 5. Wedel.

Deine treue Cousine Lisbeth.

Axel Lorenzen an Lisbeth Markwort.

Kopenhagen, 8. September 1892.

Liebe Cousine Dein Brief hat mir eine angenehme Überraschung bereitet. Gott sei Dank, daß Ihr endlich einmal anfangt, Euch zu rühren Es wird aber auch Zeit, wir glauben Euch sonst nicht, daß Ihr es ernst meint. Also solch ein tapferer kleiner Kerl ist die Lisbeth Natürlich sollst Du die Bücher haben, ich mache Dir ein ordentliches Paket zusammen, und dann kannst Du sehen, ob Du’s brauchen kannst. Ich habe allerdings keinen Hochschein, was Du verstehst, oder was Du eigentlich lernen möchtest. Du drückst Dich ziemlich unpräcise aus. Auch möchte ich Dir die Illusion beschneiden, daß es»uns«so viel klarer und sicherer im Kopf sei. Ich sage Dir, wir rennen täglich an ein neues Brett, wo wir nicht weiter können. Schadet aber nicht, das Rennen selbst ist die Freude. Daß Du die»einfachsten Dinge«nicht beantworten kannst, braucht Dich auch nicht zu ärgern, die»einfachsten Dinge«sind meist die komplizirtesten. Frag mich zum Beispiel nicht, warum der Baum wächst, Wasser aus dem Boden aufnimmt und bis in die höchste Krone treibt; es hat’s noch kein Gelehrter recht ergründet. Wir beschäftigen und übrigens recht wenig jetzt mit Spekulation, die Metaphysik ist an den Nagel gehängt. Alle Wissenschaft ist heute deskriptiv, und warum Ihr Weibsen da nicht ebensogut wie wir Eure Augen und Ohren aufthun und beobachten solltet, wüßte ich wahrhaftig nicht zu sagen. Entschuldige, liebe Cousine, aber die Wahrheit ist, daß Ihr scheußlich faul und indolent seid, so im Allgemeinen. Du nicht, Du scheinst mir ja eine wundervolle Ausnahme zu sein, obwohl Du freilich auch bis zu Deinem zwanzigsten Jahr warten mußtest, ehe Du Augen kriegtest

Nimm’s mir nicht übel, wenn ich grob bin, aber mich ärgert das ewige Gewinkel von Eurer Unfreiheit, von Eurer Sklaverei. Es ist einfach nicht wahr. Wenn eine Frau Geist und Talent gehabt hat und dazu die nöthige Willenskraft, sich in der Welt durchzusetzen, so hat sie sich durchgesetzt, zu allen Zeiten. Beweise dafür gibt es in Menge, wenn mir auch gerade keine einfallen. Ihr wundert Euch immer, daß die Papas und die Mamas Euch nicht in den Arm nehmen und dahin tragen, wohin Ihr wollt, Ihr trägen Puppen Hättet Ihr ein klein bißchen Psychologie gelernt, nur so durch Beobachtung, so würdet Ihr wissen, daß die ältere und die neuere Generation nie gleiche Wege gehen kann, daß es ebenso naturwidrig wäre, von Deinem Papa allen Vorschub für Dich zu erwarten, wie für Dich, im alten Regime zufrieden und wohl zu bleiben. Man muß den Mund aufmachen, mein Fräulein, und da mit den Jahren das Gehör etwas zu leiden pflegt, so muß man ihn oft weiter aufmachen, als einem selber lieb ist.

Daher gefällt mir Dein Plan sehr schlecht, Dich heimlich aufs Lehrerinnen-Examen vorzubereiten. Du sollst sehen, da wird nichts draus. Deine Eltern sind doch keine Unmenschen Setze ihnen nur alles frisch und frei auseinander, damit sie Dir Zeit und einen ruhigen Ort zum Lernen gewähren; so viel werden sie doch wohl thun. Meinen lieben Pastoronkel Markwort, den ich immer um den Finger gewickelt habe Man muß es nur schlau anfangen; o, ich wollte es schon machen Dein Papa kann noch viel lernen, er ist ja noch ziemlich jung, so Mitte der Vierzig, nicht wahr? Der hat noch lange nicht abgeschlossen. Dazu hat man seine Eltern, daß man sie ein bißchen weiter bringt. Ich – wenn ich welche hätte – Mustereltern sollten es sein Mamachen war es ja schon, solch eine Frau gibt es nie wieder. Wenn sie noch lebte, dann hättest Du es einfach, sie würde Dir so thatkräftig geholfen haben. Besser bleibt es, Du hilfst Dir selbst. Ich stehe Dir in jeder Beziehung zu Diensten. Ob ich dabei einen Schnurrbart habe oder nicht, scheint mir ziemlich überflüssig. Sollte es Dich aber doch interessiren, so brauchst Du es nur zu sagen, ich schicke Dir dann Puhlsens letzte Amateuraufnahme, sie ist viel gelungener als das milchige Bild von mir, das Du erwähnst. Wie siehst Du denn eigentlich jetzt aus? Ich denke mir ein schmales, dünnes Gör mit dunklen aufgerissenen Augen und zotteligem Haar; kannst mir auch mal eine Photographie verehren, hörst Du?

Dein alter Spielbruder Axel.

Lisbeth Markwort an Axel Lorenzen.

Wedel, 15. September 1892.

Lieber Axel Entschuldige, daß ich Dir heute erst antworte, es war mal wieder eine Hetzwoche für mich: große Schneiderei, zwei Nähmaschinen Tag und Nacht im Gange; mein Trost war die alte Steenbocken, die diesmal ihren Papagei mitbringen durfte, weil er sonst gar zu verlassen gewesen wäre, das arme Thier Ich wollte, ich hätte dafür in Steenbockens kleiner Stube allein sitzen dürfen und Deine Bücher lesen, für die ich Dir tausendmal danke Kannst Du Dir vorstellen, daß ich das Paket nur erst aufgemacht, aber noch keinen Blick recht hineingethan habe? Wenn man immer sitzen und prünen muß – entschuldige den Ausdruck – , aber Deine harten Worte, die gewiß sehr gut gemeint waren, haben mich furchtbar traurig gemacht. Du sagst, unsere Faulheit und Willenlosigkeit sei an Allem schuld; aber bedenke doch nur, daß ich zum Beispiel nie einen eigenen Willen haben durfte. Du glaubst gar nicht, was für verwundete Gesichter sie machen, sobald ich nur den leisesten Versuch wage, etwas fest zu behaupten, und wenn ich es auch noch so gut weiß. Nun räthst Du mir wohl, mich nicht um die Verwunderung zu kümmern, aber das ist leicht gesagt und schwer gethan. Ich habe doch nichts Lieberes auf der Welt als die Meinigen, und ich kann es nicht ertragen, wenn sie mir böse sind; lieber will ich Alles aufgeben. Neulich hatte ich solche Geschichte mit Mama, es kam auch über die ewige Näherei her. Ich sollte nämlich deswegen die Botanikstunde bei den Damen aussetzen, ich erzählte Dir schon davon. Tante sagte:»Du kriegst ja doch nichts dafür«, da sagte ich ein paar ärgerliche Worte. Plötzlich bemerkte Mama mit trauriger Stimme:»O, laß nur, Lisbeth will lieber, daß ihre Mama die Nacht durch arbeitet, als daß sie ihre überspannten Ideen aufgibt.«Ich war ganz verzweifelt.»Kann das Kleid denn nicht morgen weiter genäht werden? es kommt doch nicht auf einen Tag an,«sagte ich.»Ja, wo kämen wir da wohl hin«rief Mama;»nächste ganze Woche wird aingemacht, das weißt Du doch.«»Ich habe nicht abgesagt, ich muß gehen, und wenn heute Nacht genäht werden muß, so will ich es thun,«bat ich.»Ja, das kennen wir Geh Du nur Lauf nur aus dem Hause, so oft Du kannst. Ist das nun, als wenn man eine große Tochter hat?«so rief es hinter mir her, als ich wirklich wegging. Der Weg ist weit, dreiviertel Stunden. Erst, muß ich sagen, freute ich mich schrecklich, als ich draußen war. So schönes Wetter, windig und warm, und eine Menge Blumen auf den Stoppelfeldern. Aber als ich dann hinkam und sie kaum noch ein Wort von der vorigen Stunde behalten hatten und die lateinischen Namen so verdrehten und ein paarmal von ganz anderen Dingen anfingen, dachte ich bei mir: na, hättest auch ebensogut wegbleiben können; und ich hatte schreckliche Gewissensbisse, daß ich mich deshalb mit Mama erzürnt hatte. Sie guckte mich auch den ganzen Abend nicht an, und doch war das Kleid schon um neun Uhr fix und fertig. Ganz matt sagte sie mir gute Nacht, und ich hatte Todesangst, daß sie so großen Kummer über mein Betragen hätte. Denke Dir meine Beruhigung, lieber Cousin: als ich um halb elf noch leise mal in ihr Schlafzimmer huschte, schlief sie ganz süß und sah ganz vergnügt aus. Aber an jenem Abend hab ich mir gelobt –

Ich habe Dir all das so ausführlich geschrieben, um Dir zu zeigen, daß ich es nicht leicht habe, und daß Du mich nicht heruntermachen mußt, wenn ich sehr langsam vorwärts komme. Die Bücher scheinen mir auch sehr schwer, einen Augenblick war ich so entmuthigt, daß ich all meine schönen Pläne aufgeben wollte. Wer weiß, ob ich nicht zu dumm bin, trotz allen guten Willens. Aber dann habe ich Deinen lieben Brief noch einmal wieder gelesen und habe mir gesagt: nein, man muß sich nicht unterkriegen lassen. Und dann hab ich was Gräßliches gethan, was ich einzig Dir vertraue, weil Du Dich unterzeichnet hast»Dein alter Spielbruder«, und weil es mich an die Zeiten erinnerte, wo wir zusammen Deine Hefte verkäs’ten Nämlich ich habe ja nie Geld, keinen Pfennig, und da habe ich ein altes kleines Armband»verkäs’t«beim Goldschmied. Es war doch schon kaput und stammte von Tante her, sie wird es hoffentlich nicht merken. Zwei Mark hab ich dafür gekriegt, und weißt Du, was ich mir dafür angeschafft habe? Drei Pakete Stearinlichter, Steenbocken hat sie in Verwahrung; ich hol mir immer eins zur Zeit, damit es nicht auffällt. Jetzt kann ich in meiner kleinen Bodenkammer jeden Abend lesen und arbeiten, wenn die Andern schlafen. Ist das nicht reizend? Wenn es nur dies Jahr nicht früh kalt wird, aber dann kann man ja im Bett lesen, das geht auch. Heute fange ich an, ich freue mich so darauf. Papa, meinst Du, würde einwilligen, wenn ich ihn bäte, mich das Lehrerinnenexamen machen zu lassen? Ach, Axel, da irrst Du Dich sehr Bei jeder Gelegenheit spricht er seine Abneigung gegen Lehrerinnen aus, er sagt immer, sie seien alle bleichsüchtig und pedantisch und behandelten auch die Erwachsenen wie dumme Jungen. Ein frisches lustiges Dienstmädchen sei ihm viel lieber, denk Dir Ich kann ihm aber doch nicht den Gefallen thun und Dienstmädchen werden Nein, weißt Du, ich finde das nun prachtvoll so vor einer vollen Klasse zu stehen, all die großen aufmerksamen Kinderaugen auf sich gerichtet. Ich möchte freilich nicht dabei stehen bleiben, es soll mir nur Mittel sein. Aber darüber kann ich selbst Dir nichts verrathen, das ist mein hohes Geheimniß

Lieber Cousin, bitte, schicke mir die gute Amateurphotographie von Dir, ich hätte sie zu gern Von mir hab ich leider kein neueres Bild, kann doch auch keins unvermerkt wegnehmen, weißt Du. Eine Beschreibung von mir kann ich auch nicht gut machen; ich habe eine ziemlich lange Nase, über die ich mich oft ärgere, besonders wenn Papa sagt, sie würde noch mal mit meinem Kinn zusammenwachsen, wenn ich alt bin. Mein Haar ist noch immer etwas zottelig, zu Mamas Ärger, und meine Augen sind auch gewöhnlich aufgerissen, wie Du sie schilderst. Die Welt ist so groß, man möchte zwanzig Augen haben, nicht Du?

Es grüßt Dich

Deine treue Cousine Lisbeth.

Axel Lorenzen an Lisbeth Markwort.

Kopenhagen, 1. Oktober 1892.

Liebe Cousine Ich habe Deine Jeremiade mit einem gewissen sarkastischen Achselzucken gelesen. Ja, so seid Ihr; selbst wenn Ihr mal einen Anlauf nehmt – wie Du es in Deinem ersten Schreiben thatest – , es kommt doch nicht viel dabei heraus. Das erste Hinderniß macht Euch stutzig und muthlos, und der ganze schöne Eifer ist wieder vorbei. Das sind ja wahrhaft vorsündfluthliche Verhältnisse bei Euch im Hause Mir wurde ganz öde zu Muthe beim bloßen Lesen, und ich muß sagen, wer sich das gefallen läßt, ist jedenfalls von inferiorer Intelligenz. Liebe Cousine, ich rufe Dir den groben aber wahren Fibelvers in Erinnerung:»Esel dulden stumm; allzu gut ist dumm.«Freilich wirst Du mir diese Worte übel nehmen, aber das ist mir ganz gleichgültig. Wenn Du nicht begreifen kannst, daß Du Dir Platz machen mußt, so rathe ich Dir, bleibe um Gottes willen bei Deiner Nähmaschine und dem Kochtopf, es sind ja auch da immer Hände nöthig.

Die Geschichte aber mit dem verkauften Armband und dem Arbeiten im Bette ist mir zu romantisch und sentimental und erscheint mir sehr unnütz, wo ein kräftiges Auftreten Deinerseits Dir mir einemmal alles verschaffen würde: Licht und Zeit und die Achtung Deiner Alten. Übrigens habe ich Dir einen Fünfmarkschein eingelegt, für den Fall, daß Du wieder Stearinlichter kaufen mußt. Ich bin ja zum Glück nicht so waschlappig wie mein Fräulein Cousine. Onkel Markwort, mein geehrter Herr Vormund, hat sich nie getraut, mir meine nöthigen Bedürfnisse zu beschneiden. Nein, Lisbeth, wir Männer sind doch ganz andere Kerle als ihr Weiber. Ein Mädchen von zwanzig Jahren und keinen Pfennig Geld Ich konnte nur staunen, als ich es las.

Also ein Bild bekomme ich nicht? Du hast nicht mal soviel Courage, Dein eigenes Bild aus dem Familienalbum zu nehmen? Gut, so laß es bleiben, aber dann kriegst Du meins ebensowenig. Du wirst sowieso wohl bald hingehen und Deiner Mutter reuevoll beichten, was für gefährliche Bücher ich Dir geschickt habe. Mater peccavi, ich seh Dich schon.

Dein Geheimniß, auf das Du nun schon ein paarmal so geheimnißvoll hindeutest – natürlich damit ich danach fragen soll – , ist wohl mehr zarter als hoher Natur? Am Ende hat sich Fräulein Cousine in einen Lehrer verliebt und möchte nun dem Angebeteten recht ähnlich werden? Das sind ja meistens die Motive Eurer Bildungsbestrebungen, wir kennen das.

Adieu, liebe kleine Märtyrerin, möge Dein Martyrium bald belohnt werden. Nähe recht viele Kleider, und koche recht viel Gurken ein, aber den Darwin wirf in die Ecke, wo sie am dunkelsten ist, der hat für Leute Eures Schlages nicht gelebt und geschrieben.

Dein wohlmeinender Vetter Axel.

Lisbeth Markwort an Axel Lorenzen.

Wedel, 5. Oktober 1892.

Lieber Axel, Du bist ein ekliger Junge, weißt Du das? Wenn ich mir von Mama und Papa alles gefallen lasse, so weiß ich doch warum, von Dir aber lasse ich mir nicht das Geringste gefallen, und wenn ich auch zehnmal von inferiorer Intelligenz bin Ich soll in Jemand verliebt sein und deshalb lernen wollen? O, wie schändlich von Dir, mir so etwas zuzumuthen. Du denkst wohl nur an lauter Liebesgeschichten, deshalb setzest Du auch bei mir dergleichen voraus. Glaube nur nicht, daß ich mich über Deinen scheußlichen Brief geärgert habe; wenn mich etwas traurig macht, so ist es nur Deine Verständnißlosigkeit. Du vergleichst immer Deine freie Lage mit meiner gebundenen und rechnest Dir Deine Freiheit als Verdienst zu. Was hast Du denn vielleicht bis jetzt gethan, um Dir Deine Freiheit zu erwerben? Gar nichts es ist alles von selbst gekommen, weil Du ein Mann und kein Mädchen bist. Du kannst Dich in keine andere Person hineinversetzen, kannst nicht Jemand nachfühlen, der durch Liebe gebunden ist. Ach, wie schade, lieber Cousin, daß Du kein Mädchen bist Wie gut würden wir uns dann verstehen. So aber soll ich, nach Deiner Meinung, plötzlich ein Dragoner werden, nachdem ich doch zwanzig Jahre ein junges Mädchen gewesen bin. Das ist wohl etwas zuviel verlangt. Ich bin Dir sehr böse, daß Du so dumm bist, denn bei Dir ist es nur schlechter Wille. Lieber Axel, kannst Du den Fünfmarkschein auch entbehren? Es heißt doch, die Studenten brauchen immer so viel Geld?

57 von 57 Seiten

Details

Titel
Symbiose
Untertitel
Aus: Flügel auf! Novellen
Autor
Jahr
2008
Seiten
57
Katalognummer
V120163
ISBN (Buch)
9783640234578
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Symbiose
Arbeit zitieren
Ilse Frapan (Autor), 2008, Symbiose, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120163

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