Machtkonstruktion eines Schiedsrichters im Sport am Beispiel Basketball erklärt anhand des symbolischen Interaktionismus


Bachelorarbeit, 2008
65 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Entstehung des Symbolischen Interaktionismus
2.1 Wegbereiter des interpretativen Paradigmas
2.1.1 Chicago School of Sociology
2.1.2 Pragmatismus: Philosophie der Nützlichkeit
2.1.3 Behaviorismus: Verhalten sind Reizreaktionen
2.1.4 Kritik am Behaviorismus
2.1.5 Impulse für Handlungsprozesse
2.2 W. I. Thomas: Die Definition der Situation
2.3 G. H. Mead: Symbole als Handlungsgrundlagen
2.3.1 Interaktion als Handlungsvoraussetzung
2.3.2 Vom Zeichen zum Symbol
2.3.3 Bewusstsein entsteht durch Kommunikation
2.3.4 Sozialisation mittels Rollenübernahme
2.4 H. Blumer: Das Grundkonzept des Symbolischen Interaktionismus
2.5 E. Goffman: Interakion in sozialen Beziehungen
2.5.1 Perspektivenverschiebung und der Rollenbegriff
2.5.2 Das Modell des dramaturgischen Handelns

3 Machtprozesse der Handlungsebene
3.1 Der Machtbegriff bei M. Weber
3.2 Machtausprägungen in sozialen Beziehungen
3.3 Herrschaft als Form legitimierter Macht“
3.4 Der Machtbegriff bei H. Popitz
3.5 Funktionen von Macht

4 Der Schiedsrichter im Mannschaftssport
4.1 Die Aufgaben eines Schiedsrichters
4.2 Orientierung in konstruierter Realität
4.3 Regeln für kontrollierten Handlungsablauf
4.4 Die Rolle des Schiedsrichters
4.5 Der Schiedsrichter als vermittelnder Dritter
4.6 Machtmittel des Unparteiischen

5 Die Machtkonstruktion eines Schiedsrichters erklärt anhand des Sym bolischen Interaktionismu
5.1 Sport als Handlungssystem
5.2 Kontrolle mittels konventionalisierter Zeichen
5.3 Symbole als Instrumente der Macht
5.4 Der Schiedsrichter als Machtinhaber

6 Schlussbetrachtung

7 Anhang

Abbildungsverzeichnis

5.1 Wechselwirkungen der Akteure im Handlungssystem Sport

5.2 Schiedsrichtersymbol: Zwei Punkte werden anerkannt

5.3 Schiedsrichtersymbol: Foul: Halten des Gegners

7.1 Schiedsrichtersymbole: Punkte

7.2 Schiedsrichtersymbole: Spieluhr bezogen

7.3 Schiedsrichtersymbole: U¨ berwachend

7.4 Schiedsrichtersymbole: Art des Verstoßes

7.5 Schiedsrichtersymbole: FoulKommunikation, Schritt

7.6 Schiedsrichtersymbole: FoulKommunikation, Schritt

7.7 Schiedsrichtersymbole: FoulKommunikation, Schritt

7.8 Schiedsrichtersymbole: Freiwurfüberwachung

Tabellenverzeichnis

5.1 Machtkonstruktion im Handlungssystem Sport

1 Einleitung

Strukturiertes Handeln setzt Verstehen voraus. Ohne Kenntnisse gewisser Muster sind Orientierungen im Alltag kaum sanktionsfrei zu gewährleisten. Zeichen helfen, Situationen vordefinierter Ordnung mit Bedeutung bzw. einem bestimmten Sinn zu versehen. Doch es sind nicht ausschließlich Elemente verbaler Kommunikation, die eine Verständigung in sozialen Beziehungsgeflechten ermöglichen. Jegliche Bestand teile kulturellen Lebens weisen unter bestimmten Voraussetzungen symbolischen Charakter auf, die auch über nichtsprachliche Kommunikation vermittelt werden. Sie, die Symbole, besitzen Repräsentanz eines anderen Phänomens, transportieren semantische Inhalte nach außen.

Durch zwischenmenschlichen Austausch, der vermittelte Symbole der Alltagswelt dem Handeln zugrunde legt, entsteht eine Konstruktion gesellschaftlichen Zusam menlebens auf mikrosoziologischer Ebene. Der Theoriezweig, der dieses Phänomen beschreibt, wird als Symbolischer Interaktionismus bezeichnet.

Der Symbolische Interaktionismus ist Denkrichtung des interpretativen Paradig mas, das in der sozialpsychologischen Wissenschaftstheorie seine Wurzeln hat – die beiden Teilbereiche des Pragmatismus und Behaviorismus spielen hierbei eine be deutsame Rolle – und in der Soziologie die Interaktion in sozialen Beziehungen zwi schen Individuen auf besondere Weise, nämlich mittels permanenter Bedeutungszu schreibungen, zu erfassen versucht [u.a. vgl. Brock et al., 2008]. Zugleich setzt dieses Hilfsmittel, das wie ein Werkzeug eingesetzt werden kann, voraus, dass Sinngehalte zwischen Interaktionspartnern gleiches Verständnis voraussetzen. Intersubjektivität ist dabei als Grundlage funktionierender Interaktion anzusehen. Auf das alltägliche Symbolischer soziale Handeln von Individuen kann somit das Werkzeug namens ” Interaktionismus“ zum Einsatz kommen.

Diese Sichtweise theoretischen Denkens findet in verschiedenen Bereichen der Ge sellschaft Anwendung, insbesondere in den Sphären, die vom Menschen erzeugt und reproduziert werden. In diesem Zusammenhang entsteht Kultur, die in diversen Teil gebieten (z.B. Religion, Schrift, Sport etc.) unseren Alltag durchzieht. Aber inwie weit ist der Symbolische Interaktionismus in der Lage, Handlungsprozessen Struktur zu geben? Entsteht aufgrund der Bedeutungszuschreibungen, d.h. wie die Individu en Situationen definieren, nicht automatisch eine Struktur des Handelns, das durch die sich gegenseitig wahrnehmenden Individuen generiert wird?

Mit diesen Fragestellungen einhergehend, soll in der vorliegenden Arbeit das Kon zept der Macht auf mikrosoziologischer Ebene behandelt werden. Es soll veranschau licht werden, wie Macht anhand des Symbolischen Interaktionismus instrumentali siert, jedoch vor allem konstruiert wird.

Ein praxisnahes Anwendungsfeld bietet in diesem Theorierahmen der professio nell ausgeübte Mannschaftssport. Dieser vollzieht sich in der Regel nach bestimm ten Richtlinien. Das Regelwerk, das jedem am Sport Interessierten (z.B. Zuschauer, Sportler, Trainer, Schiedsrichter etc.) bekannt sein sollte, strukturiert die entspre chenden Handlungsprozesse und Situationen. Allerdings nimmt der Schiedsrichter eine Schlüsselrolle in diesem Umfeld ein: Er fungiert als personifizierter Konsens festgelegter Handlungsoptionen. Anhand des Symbolischen Interaktionismus wird der Schiedsrichter als Bindeglied bzw. dessen Handlungen als Verhaltensursache zwi schen allen Akteuren angesehen.

Die Mannschaftssportart Basketball soll hierbei den Praxisbezug herstellen. Es soll untersucht werden, ob ein Schiedsrichter in dieser Sportart über Macht verfügt, wie diese konstruiert wird und inwiefern die Handlungen des Schiedsrichters dem vorhandenen Handlungssystem Struktur verleihen.

Der Fokus dieser Arbeit wird zunächst auf die Entstehungsgeschichte des Symbo lischen Interaktionismus gelegt. Ausgehend von der Verknüpfung des Pragmatismus und Behaviorismus nehmen in diesem Zusammenhang insbesondere die Arbeiten von William Isaac Thomas, George Herbert Mead, Herbert Blumer und Erving Goffman eine tragende Rolle ein. Des Weiteren werden unterschiedliche Konzepte von Macht auf der Handlungsebene zwischen Individuen diskutiert, die im Anschluss in einer Synthese mit der Theorie des Symbolischen Interaktionismus ein Schema offenlegen, das die Machtkonstruktion im benannten Praxisrahmen transparent werden lässt. Der Bezug auf das Anwendungsfeld sowie die kritische Auseinandersetzung mit dem theoretischen Grundgerüst beschließen diese Arbeit.

2 Entstehung des Symbolischen Interaktionismus

2.1 Wegbereiter des interpretativen Paradigmas

Die Theorie des Symbolischen Interaktionismus vereinigt diverse Ansätze handlungs orientierten Denkens, die ihren Ursprung in der amerikanischen Soziologie, aber auch in der verstehenden Denktradition deutscher Soziologen hat. Im Mittelpunkt dieser zum interpretativen Programm gehörenden Deutungsweise steht dabei vor allem das Individuum, das auf Grundlage von Bedeutungszuschreibungen sein Handeln ausrichtet [vgl. Korte, 2004, S.100ff.].

Die Ausführungen der verstehenden Soziologie, die insbesondere durch die Ar beiten Georg Simmels (18581918) und Max Webers (18641920) Antrieb erhielten, werden nicht Inhalt der vorliegenden Arbeit sein. Der Fokus ist vorwiegend auf die amerikanische Entstehungsgeschichte der Soziologie gerichtet, die in Chicago ihren Anfang nahm.

2.1.1 Chicago School of Sociology

Die Wurzeln der amerikanischen Soziologie gehen auf das Ende des 19. Jahrhun derts zurück. Mit Gründung der University of Chicago im Jahre 1892 bekam die Soziologie – verstanden als Wissenschaft, die gesellschaftliche Phänomene zu be schreiben versucht – ein Zentrum, deren Erkenntnisse sich binnen kürzester Zeit weltweit etablierten [vgl. Brock et al., 2008, S.31ff]. Dabei legten die Begründer der sogenannten Chicago School of Sociology“ den Fokus auf die ” Auseinandersetzung ” mit der materiellen Umwelt“ [vgl. Helle, 2001, S.43] und verstanden den wesent lichen Forschungsgegenstand der Soziologie in der Erfassung der tatsächlichen Er scheinungen und der Erklärung der damit verbundenen Kausalitäten [vgl. ebd.]. Die Frage nach dem Verstehen, also nach dem ,Warum‘, wurde ausgegrenzt; das Ziel Suche nach Gesetzmäßigkeiten“ [vgl. ebd.] orientiert. Die ” se als positivistisch bezeichnete Denkweise[1] wurde zunehmend von Anhängern des philosophischen Pragmatismus kritisiert.

2.1.2 Pragmatismus: Philosophie der Nützlichkeit

Der philosophische Pragmatismus, dessen bedeutendste Vertreter die amerikani schen Philosophen Charles Sanders Peirce (18391914), William James (18421910) und John Dewey (18591952) waren, zielte auf die Neuformulierung der Vorstel lungen vom Menschen und der Stellung des Menschen in der Welt ab. Wesentliche Berücksichtigung fand hierbei das SubjektObjektProblem und deren Lösungsan sätze, das in den Arbeiten der Aufklärung (hier ist z.B. Immanuel Kant (17241804) zu nennen) seine Anfänge hatte [vgl. Helle, 2001, S.44].

Der Kern des Pragmatismus, der erstmals 1878 in Peirce’ Abhandlung ”¨ er die Klarheit unserer Gedanken“ Erwa¨hnung fand [vgl. Gaede, 2007, S.275], zielte darauf ab, wie Menschen im Handeln der Welt begegnen, wie sie die praktischen ” Probleme ihres Lebens angehen“ [Brock et al., 2008, S.32]. Bei den Entscheidungen, wie Individuen ihr Handeln ausrichten, wählen sie zwischen verschiedenen Optionen, um zum Ziel zu gelangen. Menschen entwickeln dabei Routinen des Deutens und ” Handelns, aber sie zeigen auch Kreativität, wenn sie Störungen oder Irritationen erfahren“ [vgl. ebd.].

Die auch als Philosophie der Nützlichkeit“ bezeichnete Theorie – aus dem Grund, ” dass stets erfolgreiche Wege zur Zielerreichung beschritten werden; erfolglose fin den keine weitere Berücksichtigung – beschäftigt sich mit den Situationen des Pro blemlösens ausgehend von bestehenden Erfahrungen des Handelns und Denkens [vgl. ebd.]. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang der Widerspruch zum Utilitarismus, der ausschließlich auf eine Nutzenmaximierung des Handelnden gerichtet ist. Das Individuum wird demnach an seine ökonomische Natur gebunden, die sein Handeln bestimmt. Durch Orientierung an die nutzenorientierten Motive kann auf diese Wei se das Handeln durch das Prinzip des maximalen Gewinns bei minimalem Aufwand beschrieben werden [vgl. Korte, 2004, S.38].

2.1.3 Behaviorismus: Verhalten sind Reizreaktionen

Neben dem Pragmatismus spielte auch der Behaviorismus eine bedeutende Rolle in den Ursprüngen der Theorie des Symbolischen Interaktionismus. Im Gegensatz zum Handeln sich an Problemlösungen orientiert ” und Denken aus Irritationen des Handelns entspringt“ [vgl. Brock et al., 2008, S.34], befasst sich der Behaviorismus mit den Mechanismen bzw. Zusammenhängen von Reizen und den damit ausgelösten Reaktionen [vgl. ebd., S.33]. Das Individuum orientiert sein Handeln an Umwelteinflüssen, die bestimmte, positive oder negative, Konsequenzen bewirken. Inwiefern Bewusstseinsprozesse, also vor allem Denken, Fühlen und Wollen [vgl. der Hyperkommunikation, 2008], das Handeln beeinflussen, ist hier nicht von Bedeutung [vgl. Helle, 2001, S.48ff].

Dieser psychologische Ansatz, Handeln von Lebewesen (Tier bzw. Mensch) anhand von Verhalten (behavior) zu beschreiben, geht auf John Broadus Watson (18781958) zurück, der erstmals 1913 in dem Aufsatz Psychology as the behaviorist views it“ ” darüber schrieb [vgl. Gaede, 2007, S.46]. Während Burrhus Frederic Skinner (1904 1990) sich vorwiegend Forschungen in der Tierwelt widmete (u.a. Experimente mit Ratten und Tauben) [vgl. Helle, 2001, S.49], modifizierte der amerikanische Philo soph und Sozialpsychologie George Herbert Mead (18631931) die Idee Watsons.

2.1.4 Kritik am Behaviorismus

Mead führte einen Zwischenschritt zwischen den UrsacheWirkungZusammenhäng en ein, um der Frage nachzugehen, warum Ursachen (Reize) Wirkungen (Reaktio nen) hervorrufen. Dieser Prozess, der zuvor in Watsons Befunden als Blackbox“ ” bezeichnet wurde, entspricht der bewussten Wahrnehmung, kognitiven Verarbei tung, dem Denken an sich bzw. der Interpretationsfähigkeit. In Abschnitt 2.5 wird darauf näher eingegangen. Diesen verstehenden Ansatz prägte Mead als Sozialver halten (social behaviorism) und begründete: Der Mensch muss aufgrund seiner ” Handlungen studiert werden, und zwar sowohl aufgrund der offen ausgeführten als auch der unsichtbar bleibenden, weil nur gedachten“ [ebd.]. Mead erkannte, dass ei nem Reiz nicht nur eine Reaktion (eine offen ausgeführte Handlung) folgte, sondern auch eine Bewusstseinsleistung bewirkte (der unsichtbar bleibenden, nur gedachten Handlung), die der Reaktion vorgelagert ist.

Des Weiteren sind nach Meads Ansicht die Handlungen eines Individuums an Ak tivitäten mit anderen geknüpft, stellen also letztlich nur Ausschnitte komplexerer Handlungszusammenhänge dar. Darin sieht Mead eine zentrale Frage der Sozialpsy chologie [vgl. Zijderveld, 1973, S.74] – und einen ersten Ansatz für den Symbolischen Interaktionismus.

2.1.5 Impulse für Handlungsprozesse

Während also der Utilitarismus verstärkt auf Bewusstseinsprozesse und nutzenma ximierende Selektionsoptionen ausgelegt ist, blendet der Behaviorismus diese aus und legt das Augenmerk auf ReizReaktionsMechanismen. Zwischen diesen beiden Kategorien, Handlungen zu beschreiben, setzt der Pragmatismus an, der das Zu ” viel an Denken“ des Utilitarismus als Handlungsvoraussetzung mit dem Zuwenig ” an Denken“ (bzw. dem völligen Verzicht auf Annahmen über menschliche Bewusst seinsprozesse) des Behaviorismus vermengt [vgl. Brock et al., 2008, S.34ff.].

Nach James und Dewey bestimmen dabei permanente Rückkopplungsprozesse zwischen den Bewusstseinsleistungen und dem Handeln der Menschen“ dessen Ak ” tivitäten. ”¨ Reize erzeugen demnach nicht das Handeln, sondern wirken als Impulse zur permanenten Neujustierung ablaufender Handlungsprozesse“ [vgl. ebd., S.35]. Es sind diese Impulse, mit denen sich auch Mead beschäftigte. Sie bilden den Ausgangspunkt seiner Betrachtungsweise für den Symbolgebrauch. Diese Impulse, die dem Reiz und der Reaktion – insbesondere beim Menschen – zwischengelagert sind, stellen Reizwahrnehmungen dar. Die Erkenntnis eines Reizes, dass es sich um einen solchen handelt und was dieser schließlich bewirkt, bedarf der Interpretation, also einer Bewusstseinsleistung, die letztlich auf die aktive Verwendung von Zei chen und Symbolen hin abzielt [vgl. ebd., S.59ff.]. Bevor jedoch auf den Symbol und Zeichengebrauch bei George Herbert Mead eingegangen wird, sollen zunächst die Arbeiten von William Isaac Thomas in den Mittelpunkt rücken. Seine Befunde Situationsdefinition“, die im folgenden ” Abschnitt thematisiert wird.

2.2 W.I. Thomas: Die Definition der Situation

Im vorangegangenen Kapitel wurde herausgearbeitet, dass zwischen dem Auslösen und dem Umsetzen von Handlungen Prozesse des Bewusstseins stehen. Sinneswahr nehmungen, Denkleistungen und damit verbundene Interpretationsschemata helfen, die Situation des Individuums abzuwägen und zwischen verschiedenen Möglichkeiten die geeignete für das subjektiv als erfolgreich geltende Handeln auszuwählen. Es sind somit nicht Reflexe oder Instinkte des Menschen, anhand deren Verhalten und Handeln erklärt werden kann, sondern internalisierte Deutungsmuster, die situati onsbedingt beständig neu definiert werden [vgl. Brock et al., 2008, S.40ff.]

Diese Erkenntnis geht auf den amerikanischen Soziologen William Isaac Thomas (18631947) sowie den polnischen Philosophen Florian Znaniecki (18821958) zurück, die gemeinsam in einer qualitativen Studie über polnische Bauern forschten. Dabei orientierten sie sich an den Arbeiten Georg Simmels (18581918) und Charles Hor ton Cooleys (18541929), die jeweils das gegenseitige Wirken von Gesellschaft und Individuum in den Mittelpunkt ihrer Forschung stellten [vgl. Helle, 2001, S.59ff.].

Thomas und Znaniecki differenzierten diesbezüglich zwischen einer subjektiven und einer objektiven Komponente. Dem Individuum, das als Subjekt seine Umwelt über persönliche Eindrücke wahrnimmt, wird ein subjektiver Faktor zugeschrieben, der als ,attitude‘ (Einstellung, Haltung) bezeichnet wird, während die Gesellschaft mit einer objektiven Variable, ,value‘ (Wert) genannt, versehen wird [vgl. ebd.].

Durch das Zusammenwirken beider Größen entsteht das Konzept der Definition der Situation“, bei welchem Thomas davon ausgeht, dass Menschen immer in ,Situationen‘ handeln und dass dieses Handeln ganz im Sinne des Pragmatismus als eine situationsbezogene ,Problemlösung‘ verstanden werden kann“ [vgl. Brock et al., 2008, S.36ff.]. Während der subjektive Faktor (attitude) auch als Motiv angesehen werden kann, der das Geschehen vorantreibt, ist der objektive Faktor (value) als Bedingung der Situation wie beispielsweise der räumliche Kontext oder die Zahl ” der Anwesenden“ [vgl. ebd.] anzusehen. Beide Größen sind jedoch nicht unabhängig voneinander zu betrachten, sondern bedingen sich gegenseitig in der jeweiligen Si tuation, in der sich das Individuum befindet [vgl. ebd.].

Beispielsweise ist im Mannschaftssport das Phänomen zu beobachten, dass die zurückliegende Mannschaft mit abnehmender Restspielzeit zumeist den Druck ge genüber der führenden Mannschaft erhöht, vorausgesetzt die Chance einer nicht negativen Entscheidung zugunsten der zurückliegenden Mannschaft ist noch rea listisch. Der subjektive Faktor, das Motiv, um das Spiel noch zu wenden, wächst aufgrund der Bedingung der Situation, dem Rückstand.

Aus Phänomenen solcher Charakteristika wurde das sogenannte ThomasTheorem abgeleitet, das besagt: If men define situations as real, they are real in their conse ” Wenn die Menschen Situationen als real definieren, so sind ” auch ihre Folgen real.“ [Auszug: Thomas/ Thomas (1928). The Child in America, S. 572, In: Thomas, 1965]. Damit verbunden sind zugleich auch stets zwei Sichtwei sen: die des Individuums und die objektiv nachprüfbare, denn die Perspektive des Handelnden unterscheidet sich stets im Vergleich zum allumfassenden Handlungs Die Gesamtsituation wird stets mehr oder weniger ” subjektive Faktoren enthalten und die Verhaltensreaktion kann deshalb nur im Ge samtzusammenhang untersucht werden, d.h.: sowohl die Situation, wie sie objektiv nachprüfbar besteht, als auch die Situation, wie sie die betreffende Person sieht, müssen untersucht werden.“ [vgl. Steinert, 1973, S.334.].

Trotz dieser binären Betrachtungsunterscheidung bezieht sich der Kern der Situa tionsdefinition auf die interpretative Wahrnehmungsleistung des Individuums, denn jedem selbstbestimmten Handeln geht ein Stadium der Prüfung und U¨ berlegung ” voraus, in dessen Verlauf die Situation, in der gehandelt werden soll, definiert wird“ [vgl. Helle, 2001, S.57]. Dessen Ursache sieht Thomas im Sozialisationsprozess des In dividuums selbst. Durch die Familie wird dem Handelnden ein vorgefertigtes Kontin gent an Situationsdefinitionen übermittelt, die jedoch durchaus den ” der Beeinflussung und Modifikation“ obliegen [vgl. Brock et al., 2008, S.38ff.]

Ausgehend vom ThomasTheorem stellt eine Aneinanderreihung mehrerer Hand lungen einen kontinuierlichen Prozess sich bedingender Situationsneudefinitionen dar. Die individuell als wirklich erachtete Situation wird mit real existenter Konse quenz angesehen, die vom Individuum permanent neu gedeutet werden muss.

Situationsdefinitionen setzen sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Elemente zusammen, die das Handeln, ob nun positiv oder negativ, beeinflussen. Dass dabei internalisierte Deutungsmuster beim Individuum von Bedeutung sind, wird voraus gesetzt. Doch wie kommt es zur Entstehung dieser Interpretationsoptionen, die das Fortschreiten des Handelns bilden? Oder anders gefragt: Wie wird das Handeln vor angetrieben? Mit diesen Fragestellungen beschäftigte sich George Herbert Mead in seinen Ausführungen zur Verwendung von Symbolen, die unter anderem Thema des folgenden Abschnitts sein werden.

2.3 G.H. Mead: Symbole als Handlungsgrundlagen

In den bisherigen Ausführungen war von den Einflüssen des Pragmatismus sowie des Behaviorismus die Rede. Außerdem wurde das Zustandekommen von Situationsdefi nitionen besprochen, einem entscheidenden Beitrag für den Handlungsprozess. Den noch fehlen bisher die wesentlichen Bestandteile, die als grundlegend für die Theorie des Symbolischen Interaktionismus gelten.

Zwar hatte George Herbert Mead (18631931) in seinen Ausführungen den Sym bolischen Interaktionismus nicht erwähnt – dies geschah erst durch Herbert George Blumer (19001987), der Meads Arbeiten als Grundlage seiner Forschungen frucht bar machte [vgl. Abels, 1998, S.15] –, dennoch waren die Erkenntnisse dieses prag matistischen Sozialphilosophen und Sozialpsychologen, der von 1894 bis zu seinem Tod 1931 an der University of Chicago lehrte, grundlegend für die Entstehung des interpretativen Programms.

Eines von Meads Forschungsinteressen konzentrierte sich darauf, wie die Kom munikation zwischen Menschen abläuft. Ausgehend von den Einflüssen des Beha viorismus, der Reaktionen aufgrund von Reizen erklärt und dabei aber ausblendet, warum ein bestimmter Reiz eine bestimmte Reaktion auslöst bzw. bewirkt, übertrug Mead die Idee Watsons auf den Menschen. Auch für Mead war dabei das Verhalten ein Ansatz in seinen Forschungen. Während jedoch Watson den Vorgang, der zwi schen Reiz und Reaktion liegt, als nicht wissenschaftlich abtat, da er seiner Meinung nach auf Spekulationen beruhte, sah Mead darin einen bedeutsamen Unterschied des Menschen im Vergleich zum Tier: Die geistigen Aktivitäten seien es, die für die Er klärung des Verhaltens wichtig sind. Der Mensch besitzt somit die Fähigkeit, sein Verhalten zu regulieren, d.h. bewusst zu steuern [vgl. ebd., S.13]. Dieser Vorgang vollzieht sich anhand bestimmter Symbole, die auf den Menschen aus seiner Um welt einwirken. Die Bedeutung, die den Symbolen dabei zukommt, ist der zentrale Aspekt hierbei.

2.3.1 Interaktion als Handlungsvoraussetzung

Um zu erklären, wie Symbole den Alltag und damit das Handeln prägen, bedarf es gewisser Vorkenntnisse, wie sich die unmittelbare Umwelt des Menschen zusammen setzt. Dies wird im Folgenden erläutert.

Mead sieht die Voraussetzung menschlichen Handelns in Kommunikationsprozes sen: Er [der Kommunikationsprozess; T.K.] ist das Medium, durch das die koope ” rativen Tätigkeiten in einer ihrer selbst bewussten Gesellschaft abgewickelt werden der Mensch sich seine Welt können“ [Mead, 1934, S.306]. Dabei differenziert Mead zwischen U¨ bermittlungsvorgängen auf gesellschaftlicher bzw. sozialer Ebene und den eigenen Bewusstseinsleistungen [vgl. Brock et al., 2008, S.59]. Es ist sozusagen Interaktion mit sich selbst und Inter aktion mit anderen. Abels betont diesbezüglich, dass ” über symbolische Bedeutungen erschließt“ und er aufgrund dessen über die Welt [verfügt] und [...] sie durch sein Handeln [bewältigt]“ [vgl. Abels, 1998, S.16]. Daraus ergibt sich die Frage, wie das Erschließen symbolischer Bedeutungen möglich ist, um das eigene Handeln daran auszurichten, genereller: sich in der Welt zurechtzufinden?

2.3.2 Vom Zeichen zum Symbol

Mead unterscheidet zwischen Zeichen, Gesten und Symbolen. ” türlichsten Zeichen sind Sinnesreize, die instinktive Reaktionen auslösen”[vgl. ebd.], also Signale aus der Umwelt, die sowohl beim Menschen als auch beim Tier be stimmte Reaktionen hervorrufen. Der soziale Charakter spielt dabei keine Rolle, sondern kommt erst im Zusammenhang mit Verhalten gegenüber anderen (Mensch bzw. Tier) zum Ausdruck. Sind Zeichen also daran gekoppelt, dass sie von ande ren wahrgenommen werden, handelt es sich laut Mead um Gesten. Es werden drei Grundtypen von Gesten unterschieden: vokale (mittels Stimme), mimische (mittels Gesichtsausdruck) und motorische (mittels Bewegung). [vgl. Weiß, 1999, S.173].

Mithilfe der Wahrnehmung wird dem Zeichen Sinn auferlegt, eine bestimmte Be Sinn ist die Verbindung einer deutung kommt zum Tragen. Konkreter formuliert: ” Geste mit einer Handlung, die stattgefunden hat und die sie repräsentiert, oder einer des Denkens erfolgt: Handlung, die von ihr ausgelöst wird“ [Mead, 1934, S.120ff.]. Gesten besitzen dem nach die Funktion, Kommunikation zu sichern, indem sie aufeinander abgestimmte Reaktionen hervorrufen. Diese können jedoch – und das ist nach Mead der entschei dende Unterschied zwischen Tier und Mensch – verzögert werden, was im Prozess Denken bedeutet [...], dass der Mensch von einer Geste abstra ” hiert und auf den darin zum Ausdruck kommenden Sinn sieht“. [Abels, 1998, S.17].

Es ist in diesem Zusammenhang der Abstraktionsprozess, dem eine weiterführende Bedeutung zukommt.reproduziert werden kann. Da der Mensch sich in verschiedenen Alltagssituationen und Handlungsvorgängen befindet, kann er gleiche Gesten unterschiedlich vorherrschenden Kontexten zuord nen; er kann sie interpretieren, bei Bedarf jedes Mal neu auslegen. Zum Beispiel kann eine erhobene Hand mehrere Bedeutungen besitzen: Sie kann einerseits als Gruß eines entfernten Bekannten, andererseits auf ein Mitteilungsbedürfnis eines Schülers im Unterricht hinweisen. Indem der Mensch den Sinn hinter einer Geste deutet, kann er konkrete Situationen verallgemeinern. Ist also in genannten Bei spielen eine Rückkopplung aufgrund der gehobenen Hand (Erwiderung des Grußes des Gegenübers bzw. Berücksichtigung des Lehrers) gegeben, kann die erhobene Hand für die konkrete Situation universellen Charakter bei einer Begrüßung bzw. im Unterricht besitzen. Somit wird die Hand, als Zeichen gesehen, zum Symbol, das aufgrund seines Bedeutungsinhaltes im Zusammenhang mit der jeweiligen Situation Symbole sind Zeichen, die Träger einer über sie selbst ” hinausweisenden Bedeutung sind. [Brock et al., 2008, S.60]“ Die erhobene Hand ist für sich gesehen kein Symbol, sondern erlangt erst den Charakter eines solchen, indem ihr ein bestimmter Sinn, eine konkrete Bedeutung zugetragen wird.

Was geschieht aber, wenn das Symbol nicht die Reaktion beim Interaktionspart ner auslöst, die es ursprünglich auslösen sollte? Die Kommunikation ist dann gestört und der Aushandlungsprozess beginnt erneut, bis dem Zeichen die gegenseitig gleich verstandene symbolische Bedeutung zukommt. Wenn das Handeln nicht mehr pro blemlos verläuft, wird die Wahrnehmung gestört und die Reflexion setzt ein. Die

Reflexion führt zur Entwicklung von Konzepten oder Begriffen, die eine neue Orien tierung geben und der Wahrnehmung [...] wieder dazu verhelfen, fortgeführt werden zu können, sodass schließlich auch das Handeln fortgeführt werden kann“ [vgl. Helle, 2001, S.105].

Ein Scheitern kann zwar nicht ausgeschlossen, jedoch unterbunden werden, in dem die Kommunikation auf sogenannte signifikante Symbole ausgerichtet wird.

Von einem signifikanten Symbol ist dann die Rede, wenn ein Zeichen oder eine symbolische Geste beim anderen Individuum die gleiche Vorstellung über die dahin terliegende Bedeutung hervorruft wie im Erzeuger und somit die gleiche Reaktion auslöst“ [Mead, 1934, S.188ff.]. Wenn zwischen Handlungspartnern eine Konvention über die Symbolbedeutung vorliegt, d.h. das Symbol dieselbe Reaktion bei beiden Kommunizierenden auslöst, ist von einem signifikanten Symbol die Rede [vgl. Brock et al., 2008, S.63]. Die menschliche Fähigkeit des Denkens, die Mead als eine Art Verständigung des Individuums mit sich selbst mithilfe signifikanter Symbole um schreibt [vgl. Mead, 1969, S.213ff.], wird hierbei vorausgesetzt.

Vollziehen sich Handlungen in einem bestehenden System, deren Mitglieder über dieselben Kenntnisse der Bedeutungen der verwendeten signifikanten Symbole ver fügen, wird dies als Diskursuniversum bezeichnet. Nach Mead handelt es sich da bei um ein System konventionalisierter Zeichen und Bedeutungen, das innerhalb ” sozialer Gruppen in Interaktionen und im Sprechen produziert, reproduziert und verändert wird“ [Brock et al., 2008, S.65]. Das Diskursuniversum ist also einer seits als Behältnis anzusehen, in dem die symbolischen Begrifflichkeiten für (beide) Kommunikationspartner vorzufinden sind, andererseits jedoch auch einem gewissen Wandel ausgesetzt, den die darauf zurückgreifenden Akteure aufgrund ihrer Deu tungsmechanismen regulieren und aushandeln. Gibt es für ein Symbol keine Ver wendung mehr, wird es nicht weiter als Träger von Bedeutungen verwendet und verschwindet nach und nach aus dem Diskursuniversum.

2.3.3 Bewusstsein entsteht durch Kommunikation

Bisher war sowohl von der Verwendung von Symbolen als auch von der Denkfähigkeit des Menschen die Rede. Beides ist offensichtlich miteinander verknüpft. Es stellt sich allerdings die Frage, welcher Begriff den anderen voraussetzt? Wie die philosophi sche Frage, ob das Huhn vor dem Ei existierte oder umgekehrt, eröffnet sich auch in diesem Rahmen die Diskussion nach der Bedingung des anderen Begriffs. Mead hat dafür eine Erklärung: Denken wird erst unter Rückgriff vorhandener signifikan ter Symbole möglich. Dieser Kanon existierender Bedeutungsträger entsteht nur in sozialen, also in wechselseitigen Erfahrungs und Handlungszusammenhängen, die dadurch die Basis für das Bewusstsein legen [vgl. ebd.].

Laut Mead entsteht das Bewusstsein durch Kommunikation, durch Verständi gung im sozialen Prozess oder im Zusammenhang der Erfahrung – nicht Kommuni kation durch Bewusstsein“ [Mead, 1934, S.217]. Bewusstseinsleistungen können also nur erfolgen, wenn Kommunikation vorhanden ist. Die Grundlage wird in der So zialisation geschaffen, da Menschen in vorhandene Diskursuniversen hineingeboren werden und die darin genutzten signifikanten Symbole internalisieren. Auf diese Wei se generieren sie eine Identität von sich, eine Art SelbstBewusstsein“, das Mead als Self“ bezeichnet. Dieses setzt sich aus dem ” I“ (Ich) und dem ” Me“ (Mich) zu ” sammen, das einerseits die innere Sichtweise, z.B. individuelle Bewusstseinsprozesse, andererseits die Perspektive des Anderen auf sich selbst von außerhalb beschreibt [vgl. Brock et al., 2008, S.66ff.]. Anders ausgedrückt, steht das I“ für die Individua liät, das Me“ für die Vergesellschaftung, und das ” Self“ bildet die Persönlichkeit, ” d.h. das Zusammenwirken des I“ und des ” Me“ [vgl. Korte, 2004, S.102]. Diese ” Vorarbeit ist nach Ansicht Meads für individuelle Interaktionsprozesse von Bedeu tung. Auch für die weitere Betrachtung [vgl. Abschnitt 5] rückt dieser Aspekt in den Fokus, denn Menschen verfolgen ständig, wie sie auf andere Menschen wirken; sie ” orientieren sich, ihr Sprechen und ihr nichtsprachliches Verhalten am Verständnis signifikanter Symbole und bemühen sich dadurch um eine Kontrolle der Anschluss handlungen“ [Brock et al., 2008, S.68].

2.3.4 Sozialisation mittels Rollenübernahme

Im Zusammenhang mit der zuvor knapp dargestellten Sichtweise Meads zum Inter aktionsprozess beinhaltet ein weiterer Teil seiner Sozialisationstheorie das Zustan dekommen von Rollen und die Wahrnehmung des eigenen Selbst sowie der Mit menschen. Auch in diesem Fall unterscheidet Mead zwischen verschiedenen Berei chen. Im Laufe seiner Entwicklung durchläuft ein Mensch den Prozess der Sozialisa tion. Als Sozialisation wird allgemein die Gesamtheit aller Vorgänge“ verstanden, ” in deren Verlauf der Einzelmensch zu einem aktiven Angehörigen einer Gesellschaft ” und Kultur wird“ [vgl. Hillmann, 1994, S.104].

In der frühkindlichen Phase setzt Mead das sogenannte play“ beim freien Spielen ” an, das mit sich häufig verändernden Rollen durchgeführt wird. Das Kind erlernt auf diese Weise, wie es sich in eine andere Person (z.B. Mutter) hineinversetzen kann [vgl. Brock et al., 2008, S.68ff.]. Beim play“ treten zumeist die Personen des significant others“ näheren Umfelds in den Mittelpunkt des Spiels, die Mead als ” (signifikante Andere) bezeichnet [vgl. Korte, 2004, S.102ff.]. In einer späteren Sozia lisationsphase kommt das game“ hinzu, wobei sich das Spiel an zuvor festgelegten Regeln orientiert. Bei dieser Phase nimmt das Individuum die Rolle eines gene ralized other“ (generalisierter Anderer) ein. Dies geschieht aus dem Grund, da das Bewusstsein bereits dermaßen abstrahieren kann, um sich selbst in den Augen der Anderen wahrzunehmen. Das Kind begreift sich hier als Teil eines sozialen und all gemeinen Erwartungszusammenhanges, in dem es eine spezifische Rolle einnimmt. Der generalisierte Andere kann eine Sportmannschaft sein bzw. später dann ganz allgemein ,die Gesellschaft‘ [vgl. Brock et al., 2008, S.69]. Abels spricht in diesem Zusammenhang auch von ego (eigene Person) und alter (andere Person), die sich in der Kommunikation gegenüberstehen. Beide verwenden dieselben Symbole zur Verständigung und richten daran ihr Verhalten aus. Vorausgesetzt, ego und alter verfügen jeweils über die Bedeutung der Symbole, die in der Verständigung be nutzt werden, so ist es möglich, die Reaktion bzw. das Verhalten des Gegenübers zu erahnen, zu antizipieren. Aufgrund dessen versetzt sich ego in die Rolle alters und umgekehrt. Mead bezeichnet die Fähigkeit, sich in die Position des anderen taking the role of the other“ hineinzuversetzen bzw. aus dessen Sicht zu denken, als ” (Rollenübernahme) [vgl. Abels, 1998, S.21]. Dies wird mithilfe signifikanter Symbo le möglich, die zugleich die Fähigkeit zur Rollenübernahme ausprägen, da dadurch gleiche Bedeutungszuweisungen vermittelt werden. Beispielsweise ist der Bäcker auf grund seiner Arbeitskleidung und seines Berufsbilds von einem Schiedsrichter zu unterscheiden.

Somit wird deutlich, dass Symbole die Fähigkeit des Denkens und der Rollenüber nahme, die während der Sozialisation entwickelt wird, bedingen. Zusammenfassend meinte Mead mit seiner Theorie über den Symbolgebrauch in Bezug auf zwischen Persönlichkeit und soziales Handeln sind durch ” Symbole geprägt, die im Prozess der Sozialisation erworben werden und im Prozess der Interaktion von den Handelnden wechselseitig bestätigt und verändert werden.“ [ebd., S.16].

Mit den Arbeiten über die Nutzung von Symbolen und zur Rollentheorie legte George Herbert Mead zwei Grundsteine für die Entstehung des Symbolischen In teraktionismus. Sein Assistent Herbert Blumer, der nach Meads Tod dessen sozial psychologische Lehrveranstaltung in Chicago übernahm, nutzte die Aufzeichnungen seines Vorgängers, um die Theorie des Symbolischen Interaktionismus fruchtbar zu machen [vgl. Helle, 2001, S.66ff, 93]. Darauf wird im Folgenden eingegangen.

2.4 H. Blumer: Das Grundkonzept des Symbolischen Interaktionismus

Um die Theorie des Symbolischen Interaktionismus zu entwickeln, griff Herbert Ge orge Blumer im Wesentlichen auf die Kerngedanken George Herbert Meads zur Ver wendung von Bedeutungszuschreibungen beim Symbolgebrauch zurück. Außerdem nutzte er die Arbeiten der Pragmatisten Charles Horton Cooley und John Dewey und führte William Isaac Thomas’ Idee der Situationsdefinition weiter aus [vgl. Hel le, 2001, S.93]. Auch aus dem Grund, dass zuvor viele Vertreter der Chicago School of Sociology sich diesem Thema zuwandten, jedoch keinen einheitlichen Terminus für dessen Beschreibung deklarierten, machte es Blumer sich zur Aufgabe, diese Perspektive menschlichen Handelns klar einzugrenzen und eine Methode für dessen Darstellung herauszuarbeiten. [vgl. Blumer, 1981, S.80].

Der Ausgangspunkt des Werkes Blumers beinhaltet daher drei Prämissen, die das Grundkonzept des Symbolischen Interaktionismus zusammenfassen und treffend zum Ausdruck bringen:

Die erste Prämisse besagt, dass Menschen ’Dingen’ gegenüber auf der ” Grundlage der Bedeutungen handeln, die diese Dinge für sie besitzen.

Unter ’Dingen’ wird alles gefasst, was der Mensch in seiner Welt wahr zunehmen vermag – physische Gegenstände, wie Bäume oder Stühle; andere Menschen, wie eine Mutter oder einen Verkäufer; Kategorien von Menschen, wie Freunde oder Feinde; Institutionen, wie eine Schule oder eine Regierung; Leitideale wie individuelle Unabhängigkeit oder Ehrlich keit; Handlungen anderer Personen, wie ihre Befehle oder Wünsche; und solche Situationen, wie sie dem Individuum in seinem täglichen Leben begegnen.

Die zweite Prämisse besagt, dass die Bedeutung solcher Dinge aus der sozialen Interaktion, die man mit seinen Mitmenschen eingeht, abgeleitet ist oder aus ihr entsteht.

Die dritte Prämisse besagt, dass diese Bedeutungen in einem inter pretativen Prozess, den die Person in ihrer Auseinandersetzung mit den ihr begegnenden Dingen benutzt, gehandhabt und abgeändert werden“ [Blumer, 1981, S.81].

An diesen drei Leitsätzen wird Blumers Orientierung an den Gedanken Meads erkennbar. Die erste Prämisse kennzeichnet, dass Menschen ihre Handlungen an der Bedeutung der Dinge[2]ausrichten, die diese für den Handelnden aufweisen. Menschen handeln also auf Grundlage von Bedeutungen.

[...]


[1]Der Positivismus geht auf Auguste Comte (17981857) zurück. Er versuchte, anhand der po sitivistischen Methode Gesetzmäßigkeiten gesellschaftlicher Vorgänge [vgl. Brock et al., 2002, S.42] aufzudecken. Die Vorgehensweise zielt darauf ab, für wissenschaftliche Erkenntnisse nur Tatsachen zuzulassen [vgl. ReinhardtBecker, 2003].

[2]Die Bezeichnung ,Dinge‘ dient der Zusammenfassung grundverschiedener Begrifflichkeiten des ,Dinge‘ sind [...] nicht nur tatsächliche materielle Objekte, sondern auch sehr abstrakte Ideen” reiheit, Fortschritt, Frieden), soziale Handlungszusammenhänge (Insti tutionen und Organisationen), Verhaltensweisen und Tätigkeiten (arbeiten, faulenzen, helfen),menschliche oder tierische Lebewesen, P anzen, Hergestelltes und ,Naturliches` usw. Blumer unterscheidet deswegen zwischen physikalischen (Baum), sozialen (Freund) und abstrakten (Freiheit) Objekten.\[Brock et al., 2008, S.74]

Ende der Leseprobe aus 65 Seiten

Details

Titel
Machtkonstruktion eines Schiedsrichters im Sport am Beispiel Basketball erklärt anhand des symbolischen Interaktionismus
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Soziologie und Demographie)
Veranstaltung
Symbolischer Interaktionismus
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
65
Katalognummer
V120478
ISBN (eBook)
9783640239795
ISBN (Buch)
9783640239887
Dateigröße
2783 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Das Thema dieser Arbeit ist selbst gewählt und kreativ umgesetzt worden. Sprachlich-stilistisch wie auch hinsichtlich der Textformatierung ist die Arbeit vorbildlich. Das Literaturverzeichnis übertrifft in seinem Umfang die Anforderungen an eine B.A.-Arbeit. Die von Herrn Thomas Käckenmeister vorgelegte Schrift entspricht zweifellos den Anforderungen an eine B.A.-Arbeit und ist insgesamt hervorragend gelungen.
Schlagworte
Machtkonstruktion, Sport, Beispiel, Basketball, Interaktionismus, Symbolischer, Schiedsrichter, Erving Goffman, Heinrich Popitz, George Herbert Mead, Herbert Blumer, Max Weber, Geste, Symbol, Zeichen, interpretatives Paradigma
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Thomas Kaeckenmeister (Autor), 2008, Machtkonstruktion eines Schiedsrichters im Sport am Beispiel Basketball erklärt anhand des symbolischen Interaktionismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120478

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