Historischer Kommentar zur 'Lex de imperio Vespasiani'


Seminararbeit, 2009
23 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Vespasian als Usurpator

2. Lex de imperio Vespasiani und Interpretation des Gesetzes

3. Die Forschungsentwicklung

4. Die Entscheidung des Senats

5. Die kaiserlichen Befugnisse

6. Die Rolle des Gesetzes

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die öffentliche Anerkennung einer vom Volk akzeptierten Kaiserherrschaft signalisierte die ungebrochene Legitimität der Herrschaft eines solchen Imperators in dieser Gesellschaftsgruppe.

Herrschaft bedurfte einer Legitimation, um die übergeordnete Stellung des Herrschers zu erklären und ihm die Handlungsvollmacht zu erteilen. Dem Militär und dem Senat in Rom war sie ein Reflex der Beliebtheit und damit Gradmesser der Unantastbarkeit eines Kaisers, dem Imperator selbst diente sie als Rückversicherung und Bestätigung[1]. Wenn die Legitimität eines römischen Kaisers nicht durch juristisch festgelegte Kriterien vorgegeben war, liess die Form der Nachfolgeregelung und die Herrschaftspraxis eine inoffiziell vorhandene Herrschaftslegitimierung erkennen. Jede politisch gewichtige gesellschaftliche Gruppe konnte auf ihre Art legitimitätsstiftend wirken, wenn eine absolute und verbindliche Form der Herrschaftsberechtigung fehlte. Die Herrschaftsberechtigung eines römischen Kaisers organisierte sich im Laufe des ersten Jahrhunderts durch bestimmte Gesetzmässigkeiten und fand in der Lex de imperio seine staatsrechtliche Grundlage. Zu diesen gehört auch die in dieser Arbeit beschriebene Lex de imperio Vespasiani. Die Legitimation bei Vespasian ist wie bei Augustus folglich nicht nur Herrschaftslegitimation, sondern auch Machtlegitimation, weil gerade bei Vespasian die dynastische Rechtfertigung seiner Ausnahmestellung vollkommen fehlte[2].

Dieses Gesetz, das als eine Aufzählung der Privilegien aufgefasst werden muss, die man den Kaisern traditionellerweise verlieh und nicht als genaue und zusammenfassende Beschreibung der fundamentalen kaiserlichen Befugnisse, wurde zum Gegenstand sehr vieler Studien und Diskussionen, die sich die Frage stellen, wie es Vespasian möglich war, seine Herrschaft zu legitimieren und welche Rolle die Lex de imperio Vespasiani spielte? Welche Bedeutung hatte dieses Gesetz für Vespasian, für seine Herrschaft und für die Geschichte? Wir werden zudem der Frage nachgehen, wie und unter welchen Umständen das Gesetz erlassen wurde.

Die vorliegende Seminararbeit wird sich zudem mit der Forschungsentwicklung, der Historiographie und mit Vespasians Weg an die Macht beschäftigen. Diese werden getrennt voneinander betrachtet, da die Forschungsergebnisse zum Gesetz und die Vorstellungen der Forscher keineswegs einheitlich sind. Es gibt auch sehr wenige Werke, die nur der Lex de imperio Vespasiani gewidmet sind. Ein Teil der Arbeit unternimmt den Versuch, den Wandel der Forschung mit all ihren Ergebnissen zu erörtern.

1. Vespasian als Usurpator

Begründer zweiten Dynastie der Flavier, Titus Flavius Vespasian, war der erste Kaiser der keine senatorische Herkunft hatte. Seine Familie stammte aus Reate im Sabinerland, wo Vespasian auch geboren wurde. Geboren im Jahre 9 als Sohn eines Zolleintreibers und Bankiers sowie einer Mutter ebenfalls ritterlichen Standes, wuchs er im Stil der italischen Mittelschicht auf, deren Habitus weit entfernt war vom senatorischen Luxus in Rom. Laut Jürgen Malitz spielte Vespasians Mutter eine wichtige Rolle für die Karriere ihres Sohnes. Nachdem ihr älterer Sohn Flavius Sabinus den Weg einer senatorischen Laufbahn beschritten hatte, drängte sie auch den zweiten Sohn zu diesem Schritt. Vespasian machte schnell Karriere, vor allem als Offizier. 39 war er Prätor und dazu ein loyaler Untertan Caligulas. 42 wurde er Legionslegat in Strassburg und nahm in dieser Funktion an Claudius Britannienfeldzug teil. Als Lohn für militärische Erfolge in Britannien bekam er das Ehrenzeichen eines Triumphators, zwei Priesterämter und das Konsulat. Als sozialer Aufsteiger erreichte er diese höchste Stufe der Ämterlaufbahn zum frühest möglichen Zeitpunkt, im Alter von 42 Jahren. Als Statthalter der Provinz Africa wurde er korrekt und streng in allen finanziellen Fragen, wie später als Princeps, bezeichnet.[3]

Vespasian ging aus der Auseinandersetzung nach dem Tod Neros, des letzten Vertreters der iulisch claudischen Dynastie, als Sieger hervor[4]. Nach Jürgen Malitz, hatte sich Vespasian schon zu einer Zeit zum Kampf um den Prinzipat entschieden, als man gerade erst von Vitellius Erhebung wusste und diesem nichts mehr vorwerfen konnte als eben dies. Im Sommer 69 liess sich Vespasian von den Legionen der Ostprovinzen zum Kaiser proklamieren. Die Truppen der Donauprovinzen schlossen sich ihm an und besiegten Vitellius. Im Dezember 69 wurde Vespasian vom Senat anerkannt. Da stellt sich die Frage, wie Vespasian die Anhänglichkeit seiner Legionen und das Vertrauen der orientalischen Legaten gewann? Nach Meinung Egon Flaigs[5] übergab ihm Nero den Oberbefehl über alle sieben Legionen zwischen Ägypten und Kappadokien mit dem Auftrag, den jüdischen Aufstand niederzuwerfen. Durch die effektive Führung der Truppen befand sich Vespasian demnach in der stärkeren Position und sollte im Osten je ein Kandidat für den Kaiserthron antreten, dann war es mit Sicherheit kein anderer als Vespasian. Da stellt sich noch die Frage, wie es Vespasian schaffte, an der Macht zu bleiben und eine neue Dynastie zu etablieren, was Galba, Otho und Vitelius nicht geschafft hatten?. Die Massnahmen, die Vespasian durchgesetzt hatte und seine zahlreiche Anhängerschaft ermöglichten seinen Triumph. Anders als Galba und Vitellius zog er sofort nach dem Sieg eine stattliche Anzahl von Senatoren zu wichtigen Aufgaben heran und scheute sich auch nicht, in manchen Provinzen die Statthalter sehr rasch auszutauschen[6]. So verhinderte Vespasian die Erhebung einen neuen Usurpators und mit der Erhebung einiger Ritter in den Senatorenstand schuf er sich die Senatoren, die er an Ort und Stelle nicht hatte. Die Mehrheit Vespasians Anhänger im Senat konnte die Zukunft seiner Macht sichern. Zum einen wandelte sich hierdurch das soziale Profil der Senatsspitze, denn diese Führungsgruppe war nun stärker dadurch charakterisiert, dass sie wichtige Funktionen direkt im Dienste des Princeps, und zwar in der Verwaltung von Provinzen, übernahm und fast nur noch aus Neupatriziern bestand[7].

Vespasian stellte in dem durch den Bürgerkrieg zerrütteten Reich die Ordnung wieder her, vor allem in den Finanzen, in der Rechtspflege und im Heer. Der Senat wurde aus der Munizipalaristokratie Italiens und der Westprovinzen ergänzt, die spanischen Städte erhielten das lateinische Bürgerrecht. Die stoischen Philosophen als Träger der Opposition wurden 74 aus Italien verwiesen. Sein Sohn Titus, den er zum Mitregenten ernannte, beendete 70 den Jüdischen Krieg. Gleichzeitig liess Vespasian den Bataveraufstand unter Iulius Civilis niederschlagen. 73/74 wurde mit der Eroberung der Decumates agri begonnen, ab 77 dehnte Agricola die römische Herrschaft in Britannien nach Norden aus. Von den zahlreichen Bauten in Rom und den Provinzen, dort vor allem im Bereich des Strassenbaus, ist das Kolosseum am bekanntesten. Der nüchtern und energisch regierende Begründer der ersten flavischen Dynastie gilt nach Augustus als der bedeutendste Herrscher des frühen Prinzipats.[8] Es zeigten sich dabei aber auch die Divergenzen der Mittel und Methoden dieser zwei Herrscher. Wenn sich Augustus weithin undefinierten Einflusses bediente, stets die republikanische Fassade berücksichtigte und oft genug die indirekten Wege bevorzugte, so waren für Vespasian solche Methoden zu kompliziert. Er verhüllte nichts. Für ihn sind, ganz im Gegenteil, die direkte Manifestation der Macht und ihr entschiedener Gebrauch in rücksichtslosem Zugriff typisch. Durch die Massnahmen, die Vespasian durchgesetzt hatte, gewann die flavische Herrschaft in den höchsten Rängen eine fast risikolose Geschlossenheit.[9] Mit der idealen Sicht der Aufgaben des Princeps verband sich bei Vespasian die Entschlossenheit, den Principat der eigenen Familie zu erhalten. Daran liess er von Anfang an nie einen Zweifel aufkommen, wie schon aus seinem Wort hervorgeht, dass ihm entweder seine Söhne im Prinzipat nachfolgen würden oder überhaupt niemand. Nach dem Tode Vespasians, am 24. Juni 79 n. Chr., vollzog sich die Nachfolge reibungslos. Sein ältester Sohn Titus übernahm als nun 39-Jähriger die Herrschaft[10]. Einige Forscher, etwa Manfred Clauss, behaupten, dass Vespasian zwei Söhne hatte. Deshalb lag es für ihn nahe, an die Begründung einer neuen Dynastie zu denken[11].

Das Geschlecht der Flavier, das von Sueton als von „dunkler Herkunft“ bezeichnet wurde, kann keinerlei legitimatorische Funktion für eine Kaiserwürde gehabt haben. Es sind auch keinerlei Versuche des Kaisers Vespasian überliefert, eine solche Legitimationsbasis durch eine nachträglich konstruierte Familiengeschichte zu schaffen[12]. Väterlicherseits kann also keineswegs von einer glanzvollen Familiengeschichte die Rede sein, die eine Bedeutung für Vespasians Aufstieg zum Kaiserthron gehabt haben könnte.

Die Notwendigkeit der Legitimation seiner Macht und seines Handelns war für Vespasian zentral und darf man die Notwendigkeit einer innenpolitischen Legitimationsbasis nicht unterschätzen. Der Bürgerkrieg im Jahre 68/69 und die Schicksale der Kaiser Nero, Otho, Galba und Vitelius hatten ihm vor Augen geführt, was mit einem Princeps passiert, der einen oder mehrere Bereiche dieser Herrschaftslegitimation vernachlässigt. Bei Vespasian umfasst Herrschaftslegitimation gleichzeitig und im besonderen Masse Herrschaftssicherung und -aufbau. Es war für die neue Dynastie unabdingbar, besonderen Wert auf ihre Herrschaftslegitimation zu legen, da gerade bei Vespasian die dynastische Rechtfertigung seiner Ausnahmestellung vollkommen fehlte. Durch Baupolitik, Instrumentalisierung der Plebs urbana[13] und finanzielle Aufwendungen versuchten viele Kaiser und auch Vespasian, sich und ihre Herrschaft in diesen Legitimationsbereichen abzusichern. Der erste und erfolgreichste Lgitimationsversuch Vespasians war die Lex de imperio Vespasiani, aus der die systematischen Fixierungen der Rechte und Kompetenzen des Princeps bekannt sind[14].

Vespasian scheint in den Monaten nach seiner Akklamation – und dadurch findet das eben Gesagte eine Stütze – grossen Wert darauf gelegt zu haben, die Kompetenz des Senats, der einzig die kaiserliche Macht vermitteln konnte, nicht zu beschneiden. Ein in Iudaea gefundener Meilenstein, auf dem sich die kaiserliche Titulatur auf Imperator Caesar Vespasianus Augustus beschränkt, dürfte so gedeutet werden, dass Vespasian das Votum des Senats abwartete, um sich tribuncia potestas, Konsulat und Oberpontifikat übertragen zu lassen und vorläufig den Anspruch auf diese Vollmachten zurückstellte[15] , worauf er später das Lob Suetons erntete, der in der abwartenden Haltung Vespasians einen Beleg für dessen civilitas und madiocritas erkannte. Das besagte senatorische Votum wurde durch die Lex de imperio Vespasiani bestätigt[16].

Die Legitimationsfrage scheint bei Vespasian eine sehr wichtige Rolle gespielt zu haben, was seine Rivalen unterschätzten. Durch eine lokale Pflichterfüllung versuchte er sogar eine sakrale Legitimation zu erreichen. Mit seiner Wundertätigkeit[17], die als flavische Propagandatätigkeit eingestuft werden kann, konnte er sich als princeps legitimus zeigen. Damit war Vespasian göttlich legitimiert[18].

[...]


[1] Julia Sünskes: Demonstrative Legitimation der Kaiserherrschaft im Epochenvergleich, Stuttgart 1993, S. 62.

[2] Kevin Loock: Herrschaftslegtimation in der römischen Kaiserzeit, München 2008, S. 11.

[3] Jürgen Malitz: Die römischen Kaiser (Hg. von Manfred Claus), München 1997, S. 86.

[4] Manfred Clauss: Kaiser und Gott. Herrscherkult im römischen Reich, Stuttgart 1999, S. 113.

[5] Egon Flaig: Den Kaiser herausfordern. Die Usurpation im Römischen Reich, Frakfurt/New York 1992, S. 359.

[6] Egon Flaig: S. 407.

[7] Egon Flaig: S. 409.

[8] Lexikon der Antike. Digitale Bibliothek Bd. 18-Directmedia 2000.

[9] Karl Christ: Geschichte der römischen Kaiserzeit, München 2002, S. 256.

[10] Karl Christ: S. 261.

[11] Manfred Clauss: S. 113.

[12] Hermann Bengston: Die Flavier, Vespasian, Titus, Domitian. Geschichte eines römischen Kaiserhauses. München 1979, S. 61ff.

[13] Die Plebejer (Lat. plebs „Menge, Volk“) waren in der römischen Republik das einfache Volk, das nicht dem alten Adel, den Patriziern (lat. patres „Väter, Vorfahren“), angehörte. Es bestand vor allem aus Bauern und Handwerkern. Sie galten als Römer und standen nach den Ständekämpfen (ca. 500-287 v. Chr.) unter dem Schutz des römischen Rechts. Sie sind zu unterscheiden von den Sklaven, die zeitweise zwei Drittel der römischen Bevölkerung ausmachten. Der Begriff diente nun der sozialen Differenzierung aller Bürger unterhalb des Senatoren- und Ritterstands. Es wurde zwischen den städtischen (was sich nur auf die Stadt Rom bezieht) Plebejern, der plebs urbana, und den ländlichen, der plebs rustica, unterschieden.

[14] Karl Christ: Geschichte der römischen Kaiserzeit, München 2002, S. 84.

[15] Angela Pabst: Annäherungen an die Lex de imperio Vespasiani, in: Werner Dahlheim u.a. (Hg.), Konstanz 1989, S. 17.

[16] Ulrich Huttner: Recusatio imperii, Hildesheim 2004, S. 180.

[17] Wie die Kranken ihn gebeten hatten, berührte Vespasian den Gelähmten mit seinem Fuss und benetzte

die Augen des Blinden mit seinem Speichel, woraufhin beide wie ein Wunder gesund waren. In der

Heilung mit dem Fuss besteht eine Parallele zu Sarapis. Der Speichel gilt als Träger seelischer Kräfte.

Ziethen (1994), S. 184.

[18] Florian Steger: Asklepiosmedizin, Stuttgart 2004, S. 133.

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Details

Titel
Historischer Kommentar zur 'Lex de imperio Vespasiani'
Hochschule
Universität Zürich  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
„Reichsorganisation im Imperium Romanum“
Autor
Jahr
2009
Seiten
23
Katalognummer
V121442
ISBN (eBook)
9783640260300
ISBN (Buch)
9783640260584
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Historischer, Kommentar, Vespasiani, Imperium, Romanum“
Arbeit zitieren
Elchan Gassanow (Autor), 2009, Historischer Kommentar zur 'Lex de imperio Vespasiani', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121442

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