Symbolische Merkmale im "Bahnwärter Thiel" von Gerhart Hauptmann


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

14 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Naturalismus im Bahnwärter Thiel
2.1. Naturalistische Themen
2.2. Naturalistischer Erzählstil

3. Symbolismus in Bahnwärter Thiel
3.1. Darstellung der Natur
3.2. Darstellung der Technik

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Bahnwärter Thiel, die in der Zeitschrift „die Gesellschaft“ erschienene Novelle leitete im Jah­re 1888 den Naturalismus in der Prosa ein.1 2 Die Zuwendung der deutschen Naturalisten zum novellistischen Genre in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre ist sicherlich vor dem Hinter­grund zu sehen, dass die Novelle einem Zugriff auf die Wirklichkeit, der weniger an gesell­schaftlicher Totalität als an der Besonderheit des seelischen Individuellen interessiert war, entsprach. Hierbei ist jedoch die Besonderheit, dass die Novelle eine bevorzugte Gattung des

Poetischen Realismus ist, von der sich die Naturalisten jedoch ablösen wollten, zu sehen.

Des Weiteren ist das Ziel der Naturalisten, eine möglichst unverfälschte Wirklichkeitsdarstel­lung darzustellen, die jedoch im Verhältnis zur literarischen Strömung des Symbolismus, im ersten Blick antithetisch gegenübersteht. Die vorliegende Arbeit will nun aber zeigen, dass der Bahnwärter Thiel starke symbolische Momente aufweist, die jedoch trotz ihrer Gegensätz­lichkeit mit dem Ideal des Naturalismus eine Synthese ergeben. Dazu soll geklärt werden, wann die Erzählung in der Tradition der naturalistischen Programmatik steht und ob und wes­halb der Bahnwärter Thiel symbolische Momente aufweist.

In einem ersten Schritt soll dabei zuerst kurz gezeigt werden, was für eine Bedeutung der Un­tertitel der Erzählung hat. Im nächsten Schritt soll dann eine Untersuchung der naturalisti­schen Merkmale in der Erzählung erfolgen. Dabei sollen die Kennzeichen naturalistischen Erzählens aber auch die Themen im Bahnwärter Thiel beleuchtet werden. Abschließend wird sich den symbolischen Elementen gewidmet, indem versucht wird, herauszufinden warum sie im Bahnwärter Thiel erhalten sind und was sie bewirken.

2. Naturalismus im Bahnwärter Thiel

2.1. Naturalistische Themen

Gerhart Hauptmanns „novellistische Studie“ Bahnwärter Thiel erschien zuerst im Jahre 1888 in der Zeitschrift „die Gesellschaft“. Das Besondere charakterisiert schon mit dem Untertitel „Novellistische Studie“. Dabei wird die eigenwillige Struktur der Erzählung klar aufgezeigt, aber auch eine Abgrenzung zum Realismus vorgenommen. Dabei entfaltet sich dies zwischen Traditionsbruch und Traditionskonstanz. Des Weiteren zeigt sich mit dem Begriff „Studie“, dass er Zola, der als Leitfigur und Begründer der Strömung des Naturalismus und in der Rolle des Experimentators und seiner protokollierenden Beobachtung gilt, nacheifert.

Im Hinblick auf die Thematik des Bahnwärter Thiels, schließt sich Hauptmann der naturalisti­schen Tradition an. Hauptmann greift die soziale Thematik der Milieuzugehörigkeit und des Arbeitsalltags auf. Thiels Schicksal verweist auf die sozialhistorischen und kulturellen Um­brüche der Entstehungszeit und die konkreten Leidenserfahrungen des Einzelnen durch den bis in die Gegenwart dauernden Modernisierungsprozess.3 Des Weiteren zeigt sich das Thiel als unmündiger Bürger einen typischeren Protagonisten für diesen Prozess und für die natura­listische Literatur darstellt.

Zu den Schlüsselbegriffen des Naturalismus gehört der Determinismus. Die Idee vom sittlich autonomen Individuum und einer selbst zu verantwortenden Schuld wird hierbei seit der Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Annahme, dass der Mensch in seinem Handeln, Fühlen und Denken vornehmlich durch Vererbung und Milieu determiniert ist. Das der Bahnwärter Thiel in seinem Handeln, Fühlen und Denken bis zu seiner zweiten Ehe mit Lene frei war, zeigt wieweit Thiel determiniert ist. Denn trotz dieser Handlungsfreiheit, verliert er diese. Der star­ke Kontrast zwischen seinem moralischen Empfinden und seinem sexuellen Trieb entwickelt dies.4 Diese Willensschwäche zeigt sich zum Beispiel in der Tobias Misshandlung durch Le­ne.

Zwar entwickelt er Gewissenbisse und Ekel, jedoch kann er in dieser Situation nicht handeln.5 6 7 Der Bahnwärter Thiel ist somit als unmündiger, passiver und sprachloser Mann seinen sexuel­len Trieben völlig ausgeliefert.

Als nächster Aspekt ist die Darstellung unschöner Wirklichkeitszusammenhänge, die eben­falls typisch für den Naturalismus sind. Dabei rückt beim Bahnwärter Thiel, seine Familie als Aspekt in den Vordergrund. Das Bild von einer Familie als Ort von Ordnung und Geborgen­heit repräsentiert darüber nicht die Vorstellungen der Naturalisten. Im Bahnwärter Thiel wird dieses Bild, von einer Familie mit Geborgenheit radikal als scheinheilig und verlogen entlarvt, 7 die Ehe als Ehehölle und die Familie als Zwangsanstalt vorgeführt. Obwohl Thiels Familie zunächst nach außen als glücklich aufgezeigt wird, ändert sich dies spätestens mit Thiels geis­tigem Zerfall und dem Tod Tobias. Die Schilderung des geistigen Zerfalls Thiels, der schließ­lich im Wahnsinn endet, wird in ihrer Radikalität ausformuliert, was für den Naturalismus 8 ebenso typisch ist.

Es fällt jedoch auf, dass das Hauptthema der Schauplatz der Großstadt und somit das Thema der Industrialisierung in der Novelle wegfällt. Nur teilweise hält diese Problematik durch das Dingsymbol der Eisenbahn auch im einsamen märkischen Kieferforst Einzug. Dies ist beson­ders erstaunlich, da der technisch- industrielle Fortschritt die Hauptproblematik des Natura­lismus war, wobei diese zugleich faszinierend und beunruhigend wirkte.8 Obwohl es mehrere Möglichkeiten gilt die Eisenbahn als Problematik anzusehen. Zum einen kann man sie als Beispielfigur für die Technik, bedingte Entfremdung und Anonymisierung deuten, die mit Tobias Tod gipfelt. Des Weiteren kann man die Eisenbahn für Thiel aus einem positiven Blick sehen. Die Eisenbahn gibt ihm eine militärische Disziplin. Zur strikten Ordnung und Pünktlichkeit erzogen, gibt sie ihm in seinem Leben halt gibt.9

2.2. Naturalistischer Erzählstil

Obwohl sich Gerhart Hauptmann mit seinem Werk Bahnwärter Thiel, im Hinblick auf die ausgewählten Themen, sich der naturalistischen Tradition anschließt, muss man dem Stil je­doch nur teilweise und unter Vorbehalt naturalistische Stilzüge anerkennen. Arno Holzs For­mel: „Kunst = Kunst-X“10 11 12 legt zwar die wichtigste Grundregel für die Schreibweise der Natu­ralisten fest, trotzdem wird dieser Stil überhaupt nicht und nur mit Abstrichen in nur wenigen 12

Werken des Naturalismus umgesetzt. Im Idealfall soll Kunst und Natur identisch sein. Der Erzähler soll die Natur, also die Realität, objektiv und unverfälscht abbilden. Dabei ist Ziel eine reproduktivmimetische und auf jeden Schreibschmuck verzichtende Schreibweise. In­wieweit dies im Bahnwärter Thiel enthalten ist, wird im Folgenden exemplarisch analysiert. Um einer möglichst objektiven und naturalistischen Erzählung gerecht zu werden, wurde von den Naturalisten als Erzähltechnik der Sekundenstil entwickelt. Dabei handelt es sich um eine 13

minutiöse Wiedergabe der Alltagssprache. Damit ist die exakte Wiedergabe des Sprechens der einzelnen Figuren, einschließlich des Stotterns, der Atempausen und weitere Besonderhei­ten wichtig. Des Weiteren erzeugt ein sekundengenauer Bericht, eine Sinneswahrnehmung. Dieses erkennt man zum Bespiel bei Thiels Reaktion auf den Unfalltot:

„»Du, Minna, hörst du? - gib ihn wieder - ich will ...« Er tastete in die Luft, wie um jemand festzuhalten. »Weibchen - ja - und da will ich sie ... und da will ich sie auch schlagen - braun und blau -auch schlagen - und da will ich mit dem Beil - siehst du? - Küchenbeil - mit dem Küchenbeil will ich sie schlagen, und da wird sie verrecken. Und da ... ja mit dem Beil - Küchenbeil, ja -schwarzes Blut!«“14

Die detail- und sekundengenaue Erzählung weist mehrere Aspekte auf. Zum einen wird durch die Sprechpausen die Zerrissenheit Thiels ausgedrückt. Zum anderen wird durch Einzelste­hende Wörter Thiels Zerrissenheit aber auch der tragische Höhepunkt, Thiels Krankheit dar- gestellt.13

Eine solche Darstellung der Geschehnisse wird im Bahnwärter Thiel jedoch nur selten konse­quent angewendet. Des Weiteren ist zu beobachten, dass Hauptmann dem Dialog mit oft schwerfälligen Konjunktiven geradezu ausweicht:

„Sie ... ermannte sich endlich so weit, ihren Mann heftig anzulassen: was es denn heißen solle, dass er um diese ungewöhnliche Zeit nach Hause käme, er würde sie doch nicht etwa gar belauschen wollen.“14 15

Dies ist besonders erstaunlich, da Gerhart Hauptmann hier das Geschehen versucht genau wiederzugeben, aber trotzdem auf einen Dialog verzichtet. Ein Grund für diesen nicht natura­listischen Erzählstil, könnte Gerhart Hauptmanns Bewusstsein seiner fehlenden Begabung für 17 die Nachbildung natürlicher Sprechweisen sein. Zudem findet man im Bahnwärter Thiel nur selten Formen der Personenrede, des Selbstgespräches, der indirekten Rede und des inneren Monologes. Auch in zentralen Abschnitten wie in der Tobias misshandelt wird, wird dies in 18 der indirekten Rede erzählt.

Ein weiteres Merkmal novellistischen Erzählens gilt die erzählerische Distanz zum Gesche­hen. Der naturalistische Erzähler soll nur durch die Gespräche und Handlungen einer Figur Einsicht in ihr Innenleben erhalten. Nur so kann entsprechend Auskunft über ihren Seelenzu­stand erlangt werde. Die meisten Autoren wählten dazu eine auktoriale Erzählerposition. Der Bahnwärter Thiel führt jedoch zwei Erzählfiguren auf.

[...]


1 Vgl. J. Benner, Peter: Neue deutsche Literaturgeschichte. Vom Ackermann zu Günter Grass. 2. Auflage. Tü­bingen 2004. S. 192.

2 Vgl. Sprengel, Peter: Gerhart Hauptmann. Epoche-Werk-Wirkung. München 1984. S. 187.

3 Vgl. Payrhuber, Franz: Gerhart Hauptmann. Literaturwissen für Schule und Studium. Stuttgart 1998. S. 84.

4 von Wiese, Benno: Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel. In: Ders. (Hg.): Die deutsche Novelle von Goethe bis Kafka. Interpretationen I. Düsseldorf 1967, S.269.

5 Vgl. Hauptmann, Gerhart: Bahnwärter Thiel. Novellistische Studie 1988. Hrsg. v. Peter Langemeyer. Stutt­gart 2017. S. 16.

6 Vgl. Wiese, Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel, S. 54.

7 Vgl. Brenner, Neue deutsche Literaturgeschichte, S. 192.

8 Vgl. Wiese, Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel, S. 52.

9 Vgl. ebd., S. 54.

10 Holz, Arno: Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze. In: Brauneck, Manfred & Müller, Christine (Hg.): Natura­lismus. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1880-1900. Stuttgart 1987, S. 148.

11 Vgl. Krämer, Herbert: Gerhart Hauptmann, Bahnwärter Thiel: Interpretation. München 1980, S.44.

12 Vgl. Wiese, Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel, S.40.

13 Vgl. Rasch, Wolfdietrich: Zur dramatischen Dichtung des jungen Gerhart Hauptmann. In: Ders. (Hg.): Zur deutschen Literatur seit der Jahrhundertwende. Gesammelte Aufsätze. Stuttgart 1967, S.80.

14 Hauptmann, Bahnwärter Thiel, S. 16.

15 Vgl. Rasch, Zur dramatischen Dichtung des jungen Gerhart Hauptmann, S.81.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Symbolische Merkmale im "Bahnwärter Thiel" von Gerhart Hauptmann
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V1214846
ISBN (Buch)
9783346641939
Sprache
Deutsch
Schlagworte
symbolische, merkmale, bahnwärter, thiel, gerhart, hauptmann
Arbeit zitieren
David Schröder (Autor:in), 2019, Symbolische Merkmale im "Bahnwärter Thiel" von Gerhart Hauptmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1214846

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