“Brain Drain“ oder “Brain Circulation“?

Internationale Migration von deutschen Hochqualifizierten


Seminararbeit, 2008
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Datenquellen zur Untersuchung des Migrationsgeschehens in Deutschland

3. Entwicklung der Auswanderung deutscher Staatsangehöriger

4. Zielländer der deutschen Auswanderer

5. Bildungs- und Qualifikationsniveau der deutschen Auswanderer

6. Ausmaß und Formen der Abwanderung deutscher Hochqualifizierter
6.1 Wanderungsgedanke vs. Konkrete Wanderungspläne
6.2 Aufenthaltsdauer der deutschen Hochqualifizierten im Ausland
6.3 USA – das klassische Einwanderungsland für Hochqualifizierte
6.3.1 Entwicklung des Qualifikationsniveaus der Deutschen in den USA
6.3.2 Aufenthaltsdauer der deutschen Hochqualifizierten in den USA

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

9. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

In den letzten Jahren hat sich in Deutschland die Debatte über die Auswanderung Deutscher immer mehr in den Fokus von Wissenschaft, Politik und auch Medien gestellt. Im Jahr 2006 erhielt diese Diskussion durch die Veröffentlichung der Wanderungsstatistik einen neuen Impuls. Erstmals kam es demnach 2005 zur höchsten verzeichneten Emigration deutscher Staatsbürger seit 1954 und führte erstmalig seit den 60er Jahren zu einem Überschuss von Auswanderungen im Vergleich zu den Einwanderungen (vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2006:120). Die vielen öffentlichen und politischen Debatten machen deutlich, dass die internationale Migration ein bis heute wenig verstandenes Phänomen darstellt. Dies ist nicht nur in Deutschland der Fall, denn auch Großbritannien, die skandinavischen Länder, die Niederlande, Frankreich oder auch die USA, Kanada und Australien begannen parallel öffentliche Diskussionen zu diesem Thema (vgl. Sauer, Ette 2007:5). Grund dieser vielen Debatten ist die Tatsache, dass der Bereich der Emigration in der Migrationsforschung lange Zeit wenig Beachtung fand (Lederer 2004:38).

Innerhalb dieser Debatten tritt ein weiteres Thema immer mehr in den Mittelpunkt des Interesses vieler Untersuchungen – die Auswanderung Hochqualifizierter. Auch diese Arbeit setzt sich mit dem Phänomen auseinander, dass laut verschiedenster Studien und Berichte immer mehr höher Qualifizierte aufgrund von besseren Arbeitschancen und -bedingungen ihr Glück im Ausland versuchen (vgl. Sauer, Ette 2007; Diehl, Dixon 2005). „Haltet die Forscher! Die wissenschaftlichen Eliten fliehen ins Ausland …“ (Lepenies 2003). Mit dieser Überschrift warnt der Soziologie-Professor Wolf Lepenies in einem Artikel der süddeutsche.de vor der internationalen Migration der Hochqualifizierten. Die Debatte, ob Deutschland nicht nur mehr ein Einwanderungsland, sondern auch zu einem Auswanderungsland geworden ist, wird nicht nur von Wissenschaftlern viel diskutiert, auch die Medien und die Politik setzen sich mit dieser immer mehr auseinander (vgl. Diehl, Dixon 2005:714).

Der Begriff für die Auswanderung Hochqualifizierter kam erstmals in Großbritannien in den 1960er Jahren auf – „Brain Drain“ nannten die Wissenschaftler nun dieses neu diskutierte Phänomen. Zitiert nach Mahroum bedeutet dieses laut der Ecyclopedia Britannica: „… departure of educated or professional people from one country, economic sector, or field for another usually for better pay or living conditions.” (Mahroum 1998). Diese Form der Migration bezieht sich auf eine eher dauerhafte Abwanderung und steht in Verbindung mit einem Verlust an Humankapital und Innovationsfähigkeit (vgl. Sauer, Ette 2007:15). Eine weitere Form der Auswanderung dieser „Eliten“ (Lepenies 2003) ist die weniger negativ behaftete Darstellung des „Brain Circulation“. Dieser Prozess steht in enger Verbindung mit den gedeihenden internationalen Verflechtungen in Wirtschaft und Wissenschaft (vgl. Diehl, Dixon 2005:715) und wird von Mahroum folgenermaßen definiert: „Brain Circulation … [is] … the cycle of moving abroad to study, then taking a job abroad, and later returning home to take advantage of a good opportunity …“ (Mahroum 2003). Brain Circulation bezieht sich so auf eine eher temporäre Auswanderung, welche im Vergleich zum Brain Drain zu einem Wissenstransfer und so zu einer Steigerung des Humankapitals führt. Diese migrationsbedingten Prozesse sind ein weltweites Phänomen, denn nicht nur die Entwicklungsländer und deren Organisationen, sondern auch die OECD-Länder kennen und erfahren diese. Sauer und Ette machen in ihrer Studie „Auswanderung aus Deutschland“ deutlich, dass nicht „… unbedingt die Quantität ein Grund zur Besorgnis [ist], sondern die Zusammensetzung oder Selektivität.“ (2007:6). Somit ist es für die genauere Betrachtung der Auswanderung deutscher Staatsbürger wichtig, nicht nur zu untersuchen, wie viele deutsche Hochqualifizierte jährlich Deutschland den Rücken kehren, sondern sich auch mit der Selektivität dieser zu befassen.

Wie schon erwähnt, zeigt sich die Internationale Migration oft als ein unverstandenes Phänomen aufgrund der geringen Bedeutung in der Migrationsforschung, was wiederum an dem geringen Interesse an dem Thema Auswanderung lag. Es existieren zu diesem Gegenstand kaum umfangreiche Quellen und so erfordert es vielmehr eine Einbeziehung verschiedener, deren Zusammenführung ein differenziertes Bild über die Struktur und Dynamik der Migrationsbewegungen ergibt. Die unterschiedlichen Datenquellen und Zugänge werden zu Beginn dieser Arbeit in kurzer Form dargestellt. Im nächsten Teil wird die Entwicklung der Aus- und auch Einwanderung von deutschen Staatsbürgern näher betrachtet und anschließend die Zielländer und das Bildungs- und Qualifikationsniveau als Selektivität der Migranten dargestellt. Um der Frage nach einem tatsächlichen Brain Drain nachzugehen, beziehen sich die danach folgenden Kapitel auf das Ausmaß und die Formen der Auswanderung Hochqualifizierter. An dieser Stelle sollen nicht nur die zahlenmäßigen Daten benannt werden, es soll auch speziell auf die Wanderungsgedanken, die Realisierung dieser Pläne und die Motive der Auswanderung eingegangen werden. Interessant sind hier auch die Untersuchungen zur Dauer des Auslandsaufenthaltes. Der letzte große Punkt bei der Betrachtung der Arbeitsmigration widmet sich dem klassischen Einwanderungsziel – den USA. Um das Verständnis der Phänomene zur Auswanderung Deutscher und speziell zur Migration der Hochqualifizierten zu gewährleisten, geht es im Fazit noch einmal zusammenfassend um die Frage, ob in Deutschland tatsächlich von einem Brain Drain gesprochen werden kann oder die Phänomene nicht ganz so definiert zu betrachten sind.

2. Datenquellen zur Untersuchung des Migrationsgeschehens in Deutschland

Seit 1950 stellt die Wanderungsstatistik die wichtigste Datenquelle zur Darstellung der Struktur und Dynamik der räumlichen Wanderungsbewegungen von und nach Deutschland dar. Die Gesamtheit der Daten ergeben sich aus den von den Meldeämtern erfassten Einträgen zu einem Wechsel der Haupt- und Nebenwohnungen von Deutschen und auch von Ausländen über die Gemeindegrenzen hinaus. Dieser Wohnungswechsel kann innerhalb Deutschlands oder über die Grenzen ins Ausland erfolgen. Neben der Frage nach dem Zielland können durch die Formulare der Ämter auch das Herkunftsland, das Geschlecht, der Familienstand, das Alter, die Staatangehörigkeit und die Religionszugehörigkeit erfasst werden – nur die Dauer des Aufenthaltes zwischen zwei Wanderungsbewegungen wird nicht erfragt. All diese Daten können zum Beispiel vom Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge verwendet werden, die sich mit Hilfe dieser näher mit der Selektivität der Migration auseinander setzen. Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden stellt die Ergebnisse der einzelnen Bundesländer zu einer Gesamtstatistik zusammen und veröffentlicht diese regelmäßig (vgl. Sauer, Ette 2007:27). Nutzer der Wanderungsstatistik sind verschiedene Bundesministerien und Bundesbehörden, Landesministerien und Landesbehörden, internationale Organisationen, Wirtschaftverbände, Medien und Presse sowie Privatpersonen (vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland 2007:4). Das Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zählt hier zu den Hauptnutzern. Dieses erstellt regelmäßig im Auftrag der Bundesregierung einen Migrationsbericht, der sich intensiv mit den Wanderungsbewegungen in Deutschland auseinandersetzt. Neben der Wanderungsstatistik verwendet das BAMF auch Statistiken der einzelnen Zuwanderergruppen und bezog erstmals 2006 das Ausländerzentralregister (AZR) als weitere Datenquelle mit ein und kann so noch besser die verschiedenen Migrantengruppen berücksichtigen. In diesem Register werden alle Daten von Ausländern erfasst, welche sich länger als drei Monate in der Bundesrepublik aufhalten oder ein Visum bei einer deutschen Auslandsvertretung beantragt haben (vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2008, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2007:9). Weitere Möglichkeiten zur Untersuchung der Auswanderung Deutscher bieten Statistiken über die Visavergabe, die Auswandererdatenbanken, die Deutsche Rentenversicherung, die Daten der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit, die Daten des Raphaelswerks über die Beratung von Auswanderern oder auch die prozessproduzierten Statistiken des Passregisters des Auswärtigen Amtes und allgemeine und spezielle Bevölkerungsumfragen. Die meisten dieser Datenquellen liefern jedoch keine zuverlässigen Informationen, da die Anzahl der Auswanderungen deutlich untererfasst bleiben (vgl. Sauer, Ette 2007:27).

All diese Quellen zur Betrachtung des Migrationsgeschehens in Deutschland sind zur Planung und Steuerung von Migration und auch Integration notwendig und eröffnen Möglichkeiten, aktuelle Migrationsströme zu erkennen und dementsprechende Maßnahmen zu planen und einzuleiten.

3. Entwicklung der Auswanderung deutscher Staatsangehöriger

Den im vorhergehenden Kapitel benannten Möglichkeiten der Datenerfassung von Zu- und Fortzügen deutscher Auswanderer, kann die Entwicklung der Größenordnungen und der Dynamik der Migranten entnommen werden.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gab es durch Beschränkungen der Alliierten nur für Ehepartner und Kinder ausländischer Staatangehöriger und für Verfolgte des nationalsozialistischen Regimes die Möglichkeit, aus Deutschland auszuwandern. Weltweit gab es zudem kaum ein Land, das deutsche Einwanderer zugelassen hätte. Deshalb blieb die Zahl der deutschen Überseemigranten zwischen 1945 und 1948 auf ca. 32.000 beschränkt. Zu dieser Zeit waren vor allem westeuropäische Länder wie Frankreich und Großbritannien die Hauptziele der Auswanderer. Mit der Gründung der Bundesrepublik gab es nun auch für alle anderen die Möglichkeit, ins Ausland zu emigrieren und auch die wichtigsten Einwanderungsländer wie die USA, Kanada und Australien zeigten sich nun bereit, die Einreise Deutscher zu akzeptieren und sahen sie aufgrund eines Arbeitskräftemangels nun sogar als gut qualifizierte und hoch motivierte Fachkräfte an. Aufgrund dieser Entwicklungen gab es in den folgenden Jahren einen „… explosionsartigen Anstieg der Auswanderzahlen …“ (Bade, Oltmer 2004:69). Im Jahr 1954 wurden 107.381 Fortzüge deutscher Staatsangehöriger aus dem Bundesgebiet registriert. Werden die Angaben zur ehemaligen DDR mit einbezogen, so lagen die Fortzüge bei 167.335 Fällen deutscher Auswanderer (vgl. Sauer, Ette 2007:28). Ab dem Jahr 1957 setzte jedoch ein kontinuierlicher Rückgang ein, der sich bei jährlich ca. 50.000 bis 65.000 Abwanderungen ab den 1970er Jahren einpendelte, bis sie ab 1989 auf über 100.000 pro Jahr anwuchsen, was durch die Wanderungen zu und aus der ehemaligen DDR zu erklären ist (vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2007:120). Die höheren Fortzugszahlen nach 1991 sind dadurch begründet, dass sowohl aus Westdeutschland als auch aus Ostdeutschland (und damit aus einem größeren Gebietsstand) Fortzüge verzeichnet wurden. Zwischen den Jahren 1991 und 2001 gab es in der Entwicklung der Auswanderung große Schwankungen: Während von 1991 bis 1994 ein leichter Anstieg der Emigration deutscher Staatsangehöriger auf 138.280 Fälle erfasst wurde, sank diese Zahl auf 109.507 Fälle im Jahr 2001. Seit 2002 sind die Fortzüge deutscher Staatsangehöriger wieder kontinuierlich gestiegen; 2006 haben 155.290 Deutsche das Bundesgebiet verlassen, was der höchsten registrierten Abwanderung seit 1954 entspricht.

In der Wanderungsstatistik werden neben den Abwanderungen auch die Zuzüge von Deutschen (auch Spätaussiedler, Rückkehrer und Nachkommen) aus dem Ausland nachgewiesen. 1991 sank die Zahl der Zuzüge deutscher Staatsangehöriger aus dem Ausland von 273.633 Fällen auf 103.384 Fälle im Jahr 2006 stark. Der Wanderungssaldo der Deutschen, d.h. die Differenz zwischen Zu- und Fortzügen, war 2005 das erste Mal seit 1968 negativ und für das Jahr 2006 wurde sogar ein negativer Saldo von 51.906 verzeichnet. Werden die Spätaussiedler in dieser Berechnung nicht beachtet, so ist zu erkennen, dass bereits in den 1990er Jahren ein Negativsaldo registriert wurde. Während dieser bis 2001 verringerte, hat er sich seit 2002 wieder konstant erhöht. Bereits vor 2005 gingen mehr Deutsche in Ausland als zurück kamen. Durch die hohen Zuzüge von Aussiedlern und Spätaussiedlern wurde diese Tatsache teilweise kompensiert (vgl. Sauer, Ette 2007:30).

4. Zielländer der deutschen Auswanderer

Von den erwähnten 155.290 deutschen Staatsbürgern, die im Jahr 2005 das Land verließen, wanderten 34 Prozent (52.743) in eines der alten EU-14 Länder[1] und 8,9 Prozent (13.750) in die USA aus. In der Abbildung 1 ist gut zu erkennen, dass seit den 1990er Jahren ein kontinuierlicher Zuwachs der Immigrationen in die Schweiz zu verzeichnen ist. In den Jahren 2005 und 2006 war es das Hauptzielland der deutschen Migranten, insgesamt zogen 18.007 (11,6 Prozent) Personen in diesen Jahren in das Nachbarland um. Auch bei der Emigration nach Österreich gab es einen Zuwachs zu verzeichnen. 2006 wurden 10.345 (6,7 Prozent) Abwanderungen registriert (vgl. Bundesministerium des Inneren 2007:123). Insgesamt verteilen sich 67 Prozent aller Fortzüge auf die Länder der Europäischen Union, die klassischen Einwanderungsländer (USA, Kanada, Neuseeland, Australien), Ost- und Mittelosteuropa sowie die EFTA-Staaten[2]. Durch die Demokratisierung und mit der deutschen Wiedervereinigung wurde eine Abwanderung in die Ost- und Mittelosteuropäischen Länder ermöglicht und auch attraktiver (vgl. Sauer, Ette 2007:31).

[...]


[1] Stand April 2004

[2] Mitglieder: Schweiz, Liechtenstein, Norwegen und Island

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
“Brain Drain“ oder “Brain Circulation“?
Untertitel
Internationale Migration von deutschen Hochqualifizierten
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Allgemeine Soziologie I)
Veranstaltung
Migration und Integration
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
26
Katalognummer
V121554
ISBN (eBook)
9783640263554
ISBN (Buch)
9783640263677
Dateigröße
652 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brain drain, Brain-drain, Brain circulation, Brain-circulation, Auswanderung, Hochqualifizierte, Wissenstransfer, Humankapital, Einwanderung, Emigration, Immigration, Migration, USA
Arbeit zitieren
Jenny Neuber (Autor), 2008, “Brain Drain“ oder “Brain Circulation“?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121554

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