Soziales Kapital und Klinische Sozialarbeit

Kritische Betrachtung der Aktivierung sozialen Kapitals in der Sozialen Arbeit, dargestellt an Projekten aus den Bereichen des Sozial- und Gesundheitswesens


Hausarbeit, 2009
24 Seiten, Note: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ideengeschichte der Konzepte sozialen Kapitals
2.1 Was ist soziales Kapital?
2.2 Von der Bedeutung des Gemeinschaftsengagements - Sozialkapital nach Lyda Judson Hanifan
2.3 Kapitalientheorie/Ressource/soziale Ungleichheit - Sozialkapital nach Pierre Bourdieu
2.4 Funktionen des Sozialkapitals - Ansatz nach James S. Coleman
2.5 Netzwerke, Normen und Vertrauen - Der Sozialkapitalansatz nach Robert D. Putnam
2.6 Dimensionen des Sozialkapitals - Michael Woolcock
2.7 Sozialkapital aus der Sicht der Gesundheitswissenschaften - Bernhard Badura
2.8 Versuch einer Ordnung der Sozialkapitalansätze

3 Das Konzept des sozialen Kapitals in Anwendungsfeldern Sozialer Arbeit
3.1 AdressatInnen der Sozialen Arbeit und ihr Mangel an Sozialkapital
3.2 Sozialräumliche Ansätze - Seniorenarbeit
3.3 Gesundheitswissenschaften - Sozialkapital in Betrieben
3.4 Sozialkapital in der Kinder- und Jugendhilfe

4 Effekte der Aktivierung des sozialen Kapitals und die Bedeutsamkeit für die (Klinische) Sozialarbeit
4.1 Wirkungen und Nebenwirkungen von Sozialkapital
4.2 Sozialkapital in der Klinischen Sozialarbeit

5 Zusammenfassung

6 Anhang

7 Literaturverzeichnis

Erklärung

1 Einleitung

Das Thema soziales Kapital oder Sozialkapital[1] hat in der Science Community an Bedeutung gewonnen, was sich deutlich an der wachsenden Anzahl der Publikationen zeigt. Bis 1981 befassten sich 20 Artikel mit Sozialkapital, zwischen 1996 und März 1999 waren es bereits 1003 wissenschaftliche Arbeiten aus den Bereichen Soziologie, Politikwissenschaften, Volkswirtschaftslehre, Gesundheitswesen und anderen (vgl. Putnam/Goss 2001, S. 18 f.).

Interesse erweckten die Dimensionen des sozialen Kapitals und deren Effekte auf soziale Netzwerke und Einzelpersonen auch zunehmend in der wissenschaftlichen Sozialen Arbeit und deren sozialräumlicher Praxis. Soziales Kapital impliziert schon im wörtlichen Sinne Wert und Besitz. Die Soziale Arbeit steht vor der Aufgabe, wie diese Kapitalform zum Nutzen ihrer Adressaten gesteigert werden kann. Elsen formuliert als zentrale Aufgabe der Sozialen Arbeit das Investieren in das Sozialkapital, um Rendite zu gewinnen (vgl. Elsen, S. 13). Soziale Arbeit, auch in ihrer sozialräumlichen Ausprägung, hat soziale Problemlagen, Missstände, Nöte und deren Bewältigung im Fokus (vgl. IFSW 2000). Es stellt sich nun die Frage, inwiefern eine Überwindung der sozialen Problemlagen mit diesem Konzept stattfindet oder es zu einem gegenteiligen Effekt kommt, mit dem Phänomen der Exklusion von benachteiligten Gruppen und der Ausweitung sozialer Ungleichheit[2]. Die Untersuchungen diesbezüglich sind äußerst divergent. Evaluationen zum Programm „Soziale Stadt“ zeigen positive Aspekte bei der Erweiterung von sozialem Kapital (vgl. Soziale Stadt/Bundestransferstelle (a)). Badura zeigt in einer Untersuchung in Unternehmen den positiven Einfluss des Sozialkapitals auf die Gesundheit der Mitarbeiter und den Unternehmenserfolg (Badura u. a. 2008). Einen kritischen Ansatz vertreten die Autoren Kessl und Otto in ihrem Band „Soziale Arbeit und Soziales Kapital. Zur Kritik lokaler Gemeinschaftlichkeit“.

Soziale Arbeit war seit ihren Anfängen von der Sozialpolitik geprägt und, um es krass zu artikulieren, abhängig. Die Sozialstaatlichkeit ist seit den 1970er Jahren einer starken Kritik ausgesetzt, mit der Begründung, sie sei inhuman, ineffektiv und ineffizient. Dabei werden die Einwände sowohl von konservativen, linksliberalen und neomarxistische Denkern vorgebracht als auch von feministischen Theoretikerinnen. Seit den Neunzigern des letzten Jahrhunderts nehmen neoliberale Freiheitsdenker und neo-klassische Ökonomen zunehmend Einfluss auf die Debatte und transformieren diese Sozialstaatskritik erfolgreich (vgl. Kessl/Otto 2004, S. 10 ff.). Folgende Positionen liegen der letzteren Denktradition zugrunde: „Individueller Eigenverantwortung bzw. subjektiver Selbstorganisation wird der Vorrang vor staatlichen Interventionen eingeräumt. (...) Öffentliche Unterstützung habe sich nun nur noch darauf zu beschränken, private Verantwortlichkeit zu befördern. (...) Staatliche Sicherungssysteme sollen nun weniger versorgen als aktivieren. Soziale Arbeit bietet sich in diesem Zusammenhang als Aktivierungsinstanz förmlich an“ (ebd., S. 11). Ist dies noch mit den fachlichen Zielen der Sozialen Arbeit vereinbar oder werden ökonomische Faktoren die Debatte unter dem Deckmantel der Aktivierung des „Bürgerengagements“ und des Ausbaus von sozialen Netzen dominieren und prägen? Dieser Herausforderung muss sich eine moderne Soziale Arbeit mit ihrer reflexiven Denktradition stellen.

Im zweiten Kapitel werden die wesentlichsten Ansätze des Sozialkapitals skizziert, um in die Thematik einzuführen. Im dritten Kapitel werden Anwendungsfelder psychosozialer Praxis unter der besonderen Beachtung des Themas der Gesundheit, das sich konzeptionell auf Sozialkapital bezieht, beschrieben und im vierten Kapital kritisch bewertet, insbesondere unter der Perspektive der positiven und negativen Effekte des sozialen Kapitals und der „neuen“ Fachsozialarbeit Klinische Sozialarbeit.

2 Ideengeschichte der Konzepte sozialen Kapitals

2.1 Was ist soziales Kapital?

Diese Frage wird in vielen Publikationen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, gestellt. Und es existiert über diese Begriffsbestimmung keine einheitliche Auffassung. Ein besonderes Exempel findet sich im Bericht der Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerlichen Engagements“ (vgl. Deutscher Bundestag 2002, S. 350 ff.). Habisch, sachverständiges Mitglied der Enquete-Kommission, kritisiert in einem Sondervotum Partien des Abschlussberichtes scharf. Die Anwendung des Terminus „Sozialkapital“ sei zu unpräzise. Die Auftraggeber orientierten sich nicht an der Auffassung der gutachterlichten Stellungnahme von Ostrom und Ahn, die sie in Auftrag gegeben hatten. Dahinterliegend sieht er unterschiedliche Auffassungen der Beziehung zwischen der Bürgergesellschaft und dem Staat (vgl. Habisch 2002, S. 350 f.) „Die internationale Diskussion versteht „Sozialkapital“ als Selbstorganisationsprinzip, das kollektives Handeln („collective action“) ermöglicht. Wenn demgegenüber in den genannten Passagen des Abschlussberichtes der Kommission die vermeintliche Produktion von Sozialkapital durch „Soziale Unternehmen“ zum Subventionstatbestand erklärt wird, dann entspricht dies nicht den im Gutachten niedergelegten begrifflichen Standards für „Sozialkapital“ (ebd., S. 351).

Im Folgenden sollen skizzenhaft die wichtigsten Positionen zum sozialen Kapital erläutert werden.

2.2 Von der Bedeutung des Gemeinschaftsengagements - Sozialkapital nach Lyda Judson Hanifan

Anfang des letzten Jahrhunderts prägte Lyda Judson Hanifan, ein amerikanischer Pädagoge, den Begriff des Sozialkapitals als Resultat seiner Untersuchungen in seinem Heimatstaat West-Virginia, wo er im Schulwesen beschäftigt war. Er beobachtete eine Erosion ziviler Beteiligungsformen, bestimmter Bräuche, sozialen Gemeinschaftslebens und eine zunehmende Isolation von Familien. Die Wiedererstarkung des Gemeinschaftsengagements sei eine unabdingbare Voraussetzung für den Erhalt und die Evolution von demokratischen Gesellschaftsformen (vgl. Putnam/Goss 2001, S. 16 f.). Das Sozialkapital bezieht sich nach Hanifan auf „(...) jene greifbaren Eigenschaften, auf die es im Alltag der Menschen am meisten ankommt, nämlich guter Wille, Gemeinschaftsgeist, Mitgefühl und gesellige[n] Austausch zwischen den Einzelnen und den Familien, aus denen sich eine gesellschaftliche Einheit zusammensetzt. (…) In gesellschaftlicher Hinsicht ist der Einzelne hilflos, wenn er auf sich selbst gestellt ist. (…) Wenn er in Kontakt mit seinen Nachbarn kommt und beide wiederum mit weiteren Nachbarn, sammelt sich Sozialkapital an, mit dem sich seine gesellschaftlichen Bedürfnisse unmittelbar befriedigen lassen. Möglicherweise reicht dieses soziale Potential auch für eine substanzielle Verbesserung der Lebensbedingungen der gesamten Gemeinschaft aus“ (Hanifan in: Putnam/Goss 2001, S. 16 f.). Hanifan hob die Bedeutsamkeit des Sozialkapitals für den privaten und den öffentlichen Bereich hervor.

Nach Putnam und Goss waren in Hanifans Überlegungen inhaltlich alle wesentlichen Elemente enthalten, die in späteren Arbeiten zum Sozialkapital auch vertreten wurden. Dennoch wurden seine Ideen nicht aufgegriffen (vgl. ebd., S. 17).

2.3 Kapitalientheorie/Ressource/soziale Ungleichheit - Sozialkapital nach Pierre Bourdieu

Erst mit den Publikationen des französischen Soziologen Pierre Bourdieu setzte in den 1970er Jahren eine systematische theoretische Debatte mit dem Themenkomplex „soziales Kapital“ ein (vgl. Zmerli 2008, S. 33). Sozialkapital im Sinne Bourdieus ist Teil einer Kapitalientheorie. Dabei wird Kapital verstanden als „akkumulierte Arbeit, entweder in Form von Materie oder in verinnerlichter, ‚inkorporierter‘ Form“ (Bourdieu 1992, S. 49), und es differenziert sich in drei Arten: das ökonomische, das kulturelle und das soziale Kapital. Letzteres wird von Bourdieu beschrieben als „(...) die Summe der aktuellen oder virtuellen Ressourcen, die einem Individuum oder einer Gruppe aufgrund der Tatsache zukommen, dass sie über ein dauerhaftes Netz von Beziehungen, einer – mehr oder weniger institutionalisierten – wechselseitigen Kenntnis und Anerkenntnis verfügen; es ist also die Summe allen Kapitals und aller Macht, die über ein solches Netz mobilisierbar sind“ (Bourdieu/Wacquant 1996, S. 151 f.), d. h. die Ressourcen beruhen auf der Mitgliedschaft und Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe. Die Menge an Sozialkapital, die das Individuum im Besitz hat, hängt von zwei Faktoren ab. Zum einem von der Größe des sozialen Netzes, aber nur in dem Maße, wie der Einzelne diese Beziehungen aktivieren kann. Zum anderen vom Vorhandensein der anderen Kapitalarten, des Umfanges, den die anderen besitzen. Einen weiteren Aspekt, den Bourdieu anspricht, ist das Verhältnis von Rendite und Solidarität in Gruppen. „Die Profite, die sich aus der Zugehörigkeit zu einer Gruppe ergeben, sind zugleich Grundlage für die Solidarität, die diese Profite ermöglicht“ (Bourdieu 1983, S. 192). Soziales Kapital bedarf der permanenten Beziehungsgestaltung „(...) in Form von ständigen Austauschakten (...), durch die sich die gegenseitige Anerkennung immer wieder neu bestätigt“ (ebd., S. 193). Das soziale Kapital lässt sich nach Bourdieu überwiegend auf der Mikroebene ansiedeln. „Die gesellschaftliche Institutionalisierung und Garantie der bzw. die Informierung über die Sozialkapitalbeziehung stellt aber keinesfalls selbst Sozialkapital dar. Sozialkapital ist eine Ressource, die dem Einzelnen dank seiner Einbindung in einen sozialen Kontext zur Verfügung steht; weder der soziale Kontext noch die diesen kennzeichnenden Normen lassen sich damit unter Rekurs auf Bourdieu in die Begriffsbestimmung mit einschließen“ (Koob 2007, S. 210). Zusammenfassend kann der Ansatz Bourdieus mit der folgenden Aussage von Pantucek dargestellt werden: „Für ihn ist Soziales Kapital neben ökonomischem (Geld, Güter) und kulturellem Kapital (Diplome, Zeugnisse, kognitive Kompetenzen etc.) ein Vermögen von Individuen, das, salopp gesagt, in nützlichen Beziehungen besteht (...)“ (Pantucek 2008, S. 7).

In Anhang findet sich eine Übersicht des Sozialkapitalansatzes nach Bourdieu, verfasst von Koob (siehe Anhang I).

2.4 Funktionen des Sozialkapitals - Ansatz nach James S. Coleman

Beim amerikanischen Soziologen James S. Coleman definiert sich das Sozialkapital über die ihm inne liegenden Funktionen. „Social Capital is defined by its function. It is not a single entity, but a variety of different entities having two characteristics in common: They all consist of some aspect of a social structure, and they facilitate certain actions of individuals who are within the structure. Like other forms of capital, social capital is productive, making possible the achievement of certain ends that would not be attainable in its absence” (Coleman 1990, S. 302).

Im Fokus seines wissenschaftlichen Interesses lagen Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Schichten und deren Bildungschancen. Mit Bourdieu teilt er die zentralen Themen soziale Ungleichheit, Bildungschancen und die Erforschung der Grundlagen sozialer Ordnung. Im Gegensatz zu Bourdieu betrachte Coleman das soziale Kapital jedoch nicht als ausschließliches Haben gesellschaftlich privilegierter Schichten. Sämtliche Schichten haben die Chance, in das soziale Kapital zu investieren und daraus auch Profit zu erlangen. Coleman sieht im sozialen Kapital auch ein öffentliches Gut, in dem Sinne, dass unbeteiligte, nicht an der Produktion beteiligte, Personen einer sozialen Gruppe vom sozialen Kapital profitieren (vgl. Zmerli 2008, S. 36 ff.). Coleman unterscheidet verschiedene Formen des sozialen Kapitals: Erwartungen, Verpflichtungen, Informationspotentiale, Normen, wirksame Sanktionen, Herrschaftsbeziehungen, übereignungsfähige soziale Organisationen und zielgerichtete soziale Organisationen (vgl. Koob 2007, S. 228). „Zusammenfassend versteht Coleman unter ‚Sozialkapital‘ somit eine sozialstrukturelle Handlungsressource, welche die Verfolgung von Zielsetzungen ermöglicht und die in Form der genannten sozialstrukturellen Aspekte auftritt“ (ebd., S. 228). Nach Koob ist das soziale Kapital im Ansatz von Colemann auf der Mikro-, Meso- und Makroebene zu finden. Sozialkapital nach Coleman ist kein Privatbesitz des Einzelnen, er kann aber dennoch von ihm profitieren. Im Anhang findet sich eine Übersicht des Sozialkapitalansatzes nach Colemann, verfasst von Koob (siehe Anhang II).

2.5 Netzwerke, Normen und Vertrauen - Der Sozialkapitalansatz nach Robert D. Putnam

Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert D. Putnam gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des Sozialkapitalansatzes und beeinflusste in der Folge Autoren, die sich mit der Bürgergesellschaft und dem dritten Sektor auseinandersetzen und des Weiterem im Zusammenhang von steuerungstheoretischen und/oder sozio-ökonomischen Problemfeldern den Sozialkapitalterminus einbeziehen (vgl. ebd., S. 245).

Drei Kernbegriffe prägen das Sozialkapitalverständnis Putnams: Netzwerke, Normen und Vertrauen. „Social capital refers to features of social organizations such as networks, norms, and social trust that facilitate coordination and cooperation for mutual benefit” (Putnam 1995, S. 67). Putnam sieht das soziale Kapital als Relationen zwischen Personen, d. h. als soziale Netzwerke, und wie erwähnt, finden besondere Beachtung die Normen der Netzwerke mit den Aspekten der Reziprozität und der Vertrauenswürdigkeit (Putnam 2000, S. 19).

Bei Putnam, aber auch bei Fukuyama [3] , wird das soziale Kapital i. d. R. als gesellschaftliche Ressource gesehen. Es handelt sich dabei um die Kapazität einer Gesellschaft zur Vernetzung und zur Kooperation. Non-Goverment-Organisationen, die öffentliche Leistungen erbringen, sind Ausdruck des Sozialkapitals (Pantucek 2005, S. 5). In Anhang findet sich eine Übersicht des Sozialkapitalansatzes nach Putnam, verfasst von Koob (siehe Anhang III).

2.6 Dimensionen des Sozialkapitals - Michael Woolcock

Michael Woolcock nimmt eine Differenzierung der Sozialkapitalformen vor. Das Bindungskapital (bonding) deutet auf enge, bzw. starke Bindungen hin. Basis bilden hier die „face to face“ Kontakte in der Primärgruppe. „Schwache“, horizontale Bindungen, die nicht im Nahraum verankert sind, werden als „Brückenkapital“ (bridging) bezeichnet. Vertikale, „schwache“ Beziehungen außerhalb der nahräumlichen Gemeinschaften und zu Institutionen oder institutionalisierte Kontakte werden als „Verknüpfungskapital“ bezeichnet (linking) (Kessl/Otto 2004, S. 14).

2.7 Sozialkapital aus der Sicht der Gesundheitswissenschaften - Bernhard Badura

Bernhard Badura setzt sich mit dem sozialen Kapital aus der gesundheitswissenschaftlichen Perspektive auseinander. Er beschäftigt sich seit Mitte der 1990er Jahre mit dem Themenkomplex des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Mit seinem Modell eines partizipativen betrieblichen Gesundheitsmanagements, das an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld entstand, spricht er auch unmittelbar Themenbereiche der Klinischen Sozialarbeit an, die sich u. a. als Fachsozialarbeit im Bereich des Gesundheitswesens versteht. Soziales Kapital in diesem Kontext versteht er, „(...) in Weiterführung vorliegender Ansätze (z. B. Weltbank 1999, Putnam 2001, Cohn/Prusak 2001), [als[4] ] Merkmale sozialer Systeme, die sich gleichermaßen positiv auf die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden ihrer Mitglieder auswirken und sich in ihren Wirkungen dabei wechselseitig verstärken. Investitionen in das Sozialkapital eines Unternehmens oder einer Dienstleistungsorganisation zielen in erster Linie auf:

- die Stärkung einer Vertrauenskultur
- die bessere Vernetzung der Mitarbeiter sowie
- die Entwicklung und Pflege unternehmensweit geteilter Überzeugungen, Werte und Regeln“ (Walter u. a. 2005, S. 27).

Die Sozialkapitalkonzeption Baduras, ist vor dem Hintergrund seines gesundheitswissenschaftlichen Verständnisses zu sehen, das Weiterentwicklungen des Gesundheitsverständnisses der WHO/Ottawa Charta und des salutogenetischen Ansatzes nach Antonovsky einbeziehen. Soziale Systeme lassen sich ähnlich wie Menschen auf einem Kontinuum von „gesund-krank“ einstufen. Als Systeme, im Kontext Baduras, werden Dienstleistungsorganisationen und Unternehmen bezeichnet, die sich durch ihren Umgang mit Sinnhaftigkeit (Bindekraft der Unternehmenskultur), Verstehbarkeit (Transparenz) und Beeinflussbarkeit (partizipativer Führungsstil) voneinander unterscheiden. Ferner ist das Vertrauen, sowohl zwischen den Mitarbeitern untereinander als auch zwischen Mitarbeitern und den Leitungsebenen, von Bedeutung (vgl. ebd., S. 26 f.).

2.8 Versuch einer Ordnung der Sozialkapitalansätze

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die soziologischen Ansätze von Bourdieu und Coleman, aber auch von Burt [5] (vgl. Burt 1992), soziales Kapital „(...) als sozialstrukturell ungleich verteilte, intersubjektiv eingebettete, aber individuell zu verwertende Ressource (...)“ (Otto 2003, S. 5) konzipieren. In der Sozialpolitik und in den Diskurssträngen der Sozialen Arbeit[6] (u. a. Ansatz nach Putnam) wird das soziale Kapital „(...) als ein normatives Qualitätsmerkmal und kollektives Gut beschrieben, das Gemeinschaften, Stadtteile oder ganze Nationen „besitzen“ können“ (ebd. S. 5 f.).

Badura unterteilt die Sozialkapitalansätze in einen egozentrierten (z. B. Bourdieu/Coleman) und einen kollektivzentrierten Ansatz (z. B. Putnam). Erster Ansatz untersucht „(...) den persönlichen Nutzen des je spezifischen sozialen Netzwerks (Zuwendung, praktische Unterstützung, Informationen/„Tipps“, Kontakte etc.) eines Menschen“ (Badura 2007, S. 9). Der kollektivzentrierte Ansatz untersucht „(...) den Nutzen sozialer Netzwerke und geteilter Überzeugungen, Werte und Regeln für soziale Kollektive (Zweierbeziehungen, Gruppen, Organisationen, Gesellschaften)“ (ebd., S. 20). Eine Abgrenzung zum Putnamschen Sozialkapitalbegriff, der überwiegend auf der Makroebene angesiedelt ist, treffen die Netzwerktheoretiker, wie Flap, Burt und Lin. Hier ist das soziale Kapital auch auf der Mikro- oder Mesoebene angesiedelt. In Anhang findet sich eine Übersicht des Sozialkapitalansatzes der Netzwerktheoretiker, verfasst von Koob (siehe Anhang IV)[7].

3 Das Konzept des sozialen Kapitals in Anwendungsfeldern Sozialer Arbeit

3.1 AdressatInnen der Sozialen Arbeit und ihr Mangel an Sozialkapital

Der Auffassung von Pantucek folgend, leiden die AdressatInnen der Sozialen Arbeit neben einem mangelnden Zugriff auf Leistungen der sozialen Sicherungssysteme (linking capital), auch an ausgedünnten horizontalen sozialen Netzen. D. h. das Kapital im Ökonomischen, Kulturellen ist defizitär, aber auch das im sozialen Sinne ist nur mangelhaft vorhanden (vgl. Pantucek 2008, S. 9).

An folgenden ausgewählten Praxisbeispielen soll nun veranschaulicht werden, wie Soziale Arbeit das soziale Kapital ihrer KlientInnen zu stärken, zu aktivieren sucht. Die Ansätze Sozialer Arbeit, die das soziale Kapital in ihre Interventionsstrategien einbeziehen, sind zwischenzeitlich weit verbreitet, zumindest in ihrer sozialräumlichen Ausrichtung. Die Begrifflichkeit des Sozialkapitals wird dabei eher kaum verwendet, aber es „(...) lässt sich ein implizierter Rekurs auf dieses Konzept in nahezu allen vorliegenden „nahräumlichen“ Konzeptionen rekonstruieren“ (Otto 2003, S. 5).

3.2 Sozialräumliche Ansätze - Seniorenarbeit

Bekannt wurde das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“, das 1999 startete, mit dem Ziel, „die „Abwärtsspirale“ in benachteiligten Stadtteilen aufzuhalten und die Lebensbedingungen vor Ort umfassend zu verbessern“ (Soziale Stadt/Bundestransferstelle (b)). Es wurden bisher 490 Projekte gefördert, u. a. in den Bereichen Aktivierung, Beteiligung und Gesundheitsförderung. In einem Leitfaden zur Ausgestaltung der Gemeinschaftsinitiative werden folgende Ziele genannt:

„- Aktivierung örtlicher Potenziale, Hilfe zur Selbsthilfe,
- Entwicklung von Bürgergesellschaft für den Stadtteil
- Schaffung selbsttragender Bewohnerorganisationen und stabiler nachbarschaftlicher sozialer Netze“ (Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ 2001, S. 96 f.).

Besondere Bedeutung bekommen für ältere Menschen soziale Bezüge in ihrem unmittelbaren Wohnumfeld, bedingt durch die zunehmende mangelnde Mobilität und die Erosion des sozialen Netzwerkes, durch Tod von nahen Angehörigen, Freunden und Bekannten und den häufig zu beobachteten sozialen Rückzug (vgl. Heusinger/Kümpers 2007, S. 3 ff.). Um der Isolierung alter Menschen vorzubeugen, haben sich in Deutschland Ansätze zum Ausbau von stadtteilbasierten Netzwerken für Senioren entwickelt. Als Beispiel seien die Senioren-Netzwerke in Köln genannt (vgl. Senioren Netzwerke Köln). In zwölf ausgesuchten Quartieren in Köln mit einem hohen Anteil an Singles, AusländerInnen und SozialhilfeempfängerInnen wurden Netzwerkkoordinatoren eingesetzt, mit der Zielsetzung, ältere Menschen zu aktivieren und an Netzwerke zu binden. Durch eine Vielzahl von Initiativen (Angebote für Kultur, Sport, Bildung und soziale Kontakte) wurden in zahlreichen Quartieren hohe Aktivierungsgrade erreicht. Als bedeutsam wurde die reziproke Bedingtheit von Aktivierung und sozialer Vernetzung betrachtet. Der Aufbau von Personennetzwerken war ein Schwerpunkt, ein weiterer waren die Installierung von Organisationsnetzwerken, „(...) um möglichst viele und unterschiedliche Akteure für die Bedarfe Älterer zu sensibilisieren und miteinander in Verbindung zu bringen, um damit das ‚Stadtteilwissen’ zu Fragen des Alterns im Umfeld zu erhöhen. Nach einigen Jahren hat man begonnen, die entwickelten Netzwerke zu verselbständigen; die Netzwerkmanager/Innen rotieren in andere Stadtteile“ (Heusinger/Kümpers 2007, S. 7).

Mit welcher Methodik das soziale Kapital gestärkt werden kann, haben Früchtel, Cyprian und Budde in ihrem Feldbuch zur sozialräumlichen Sozialen Arbeit 2007 publiziert (vgl. Früchtel/Cyprian/Budde 2007). Weitere sozialräumlich-sozialarbeiterische Ansätze haben die Aktivierung von nachbarschaftlichen Netzwerken zum Ziel.

[...]


[1] In dieser Arbeit werden die Termini „soziales Kapital“ und „Sozialkapital“ synonym verwendet.

[2] Definition sozialer Ungleichheit: „(...)Soziale Ungleichheit“ liegt dann vor, wenn Menschen aufgrund ihrer Stellung in sozialen Beziehungsgefügen von den „wertvollen Gütern“ einer Gesellschaft regelmäßig mehr als andere erhalten“ (Hradil 2001, S. 30).

[3] Amerikanischer Politikwissenschaftler, der sich in seinen Arbeiten u. a. mit dem Sozialkapital beschäftigt.

[4] Einschub des Autors

[5] Eine detaillierte Darstellung des Ansatzes von Burt würde den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen.

[6] Pantucek sieht jedoch den Wert des Sozialkapitalansatzes für die Soziale Arbeit mehr bei dem Ansatz von Bourdieu (siehe Kapitel 4).

[7] Eine detaillierte Darstellung der Ansätze der Netzwerktheoretiker würde den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen.

24 von 24 Seiten

Details

Titel
Soziales Kapital und Klinische Sozialarbeit
Untertitel
Kritische Betrachtung der Aktivierung sozialen Kapitals in der Sozialen Arbeit, dargestellt an Projekten aus den Bereichen des Sozial- und Gesundheitswesens
Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz)
Veranstaltung
Handlungskonzepte, Settings und Anwendungen der Klinischen Sozialarbeit II: Gesundheits-Gerontologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
24
Katalognummer
V121585
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziales, Kapital, Klinische, Sozialarbeit, Handlungskonzepte, Settings, Anwendungen, Klinischen, Gesundheits-Gerontologie
Arbeit zitieren
Diplom-Sozialarbeiter Dario Deloie (Autor), 2009, Soziales Kapital und Klinische Sozialarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121585

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