Die Bestimmung des Erkennenden in Nietzsches "Die fröhliche Wissenschaft"

Eine Annäherung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Fröhliche Philosophie - Einsichten in eine neue Haltung Nietzsches
a) Der lachende Philosoph
b) Die Feststellung der Bedürfnisse als philosophische Notwendigkeit

II. Die Leidenschaft der Erkenntnis – eine Lebens–Philosophie?

Schluss: Der Spannungsbogen in der „Fröhlichen Wissenschaft“

Zitierte Literatur:

Einleitung

Nietzsche gilt häufig als Philosoph, der kompromiss- und schonungslos mit Vorurteilen aufräumt, und der vor überschäumender Wut und grenzenlosem Hass denjenigen gegenüber, die sich einer aufoktroyierten Moral unterordnen und das selbständige Denken vernachlässigen, in Extreme verfällt, polarisiert und mehr über sich selbst zu offenbaren scheint, als er über philosophische Fragestellungen sagt. Ob diese Perspektive Nietzsche umfassend zu denken vermag, sei dahingestellt – die „Fröhliche Wissenschaft“ muss sicherlich unter anderen Vorzeichen betrachtet werden. Sie stellt in seinem Gesamtwerk nicht nur in Bezug auf ihre Mittelstellung ein besonderes Werk dar, sondern auch deshalb, weil sie von einer philosophischen Ausgeglichenheit und einem grundlegenden Optimismus bestimmt ist, der sich so kein zweites Mal bei ihm findet.[1]

In der vorliegenden Arbeit wird die These vertreten, dass ein wesentliches Merkmal ihrer Sonderstellung in unmittelbarem Zusammenhang mit einer Neubestimmung des Erkennenden – des Philosophen also und letztlich Nietzsches selbst – steht. Wie sich schon im Titel des Werks ankündigt, ist es von einer leichtfüßigen, dem sonst existentiell vom Leiden charakterisierten Nietzscheschen Schaffens enthobenen Natur, die sich unmittelbar auf seine neuen Formulierungen von Erkenntnis und Wissenschaft rückbeziehen lässt. Der folgende Text will sich deshalb – aufgrund des begrenzten Umfangs und der schier unerschöpflichen Fülle an Interpretationsmöglichkeiten sicherlich mehr in fragmentarischer und anregender Weise als letztgültig erklärend - einer Untersuchung eben dieser Überlegungen widmen.

Zunächst werden zentrale Konzepte der „Erkenntnis-Philosophie“ in der „Gaya Scienza“ rekapituliert, auf die sich der Text im weiteren Verlauf immer wieder stützt. Besondere Berücksichtigung sollen hier die Vorstellung des „lachenden Philosophen“ sowie der Versuch einer Feststellung der wahren Bedürfnisse des Philosophen erhalten. Anschließend wird die „Leidenschaft der Erkenntnis“ als eine die Grenzen herkömmlicher Wissenschaftskonzepte überschreitende Lebenshaltung vorgestellt, in der meines Erachtens Nietzsches philosophischer Anspruch gipfelt. Von besonderem Interesse soll dabei das dritte der fünf Bücher sein, das ich in diesen Fragen für richtungsweisend erachte. Den Abschluss wird eine kurze Rekapitulation der Problematik und eine Kontextualisierung der Leidenschaft der Erkenntnis bilden.

I. Fröhliche Philosophie - Einsichten in eine neue Haltung Nietzsches

Wer die Vorrede Friedrich Nietzsches zur zweiten Auflage der „Fröhlichen Wissenschaft“[2] vom Herbst 1886 liest, der sieht sich von vornherein mit einer grundlegend neuen philosophischen Lebenshaltung konfrontiert, die sich auf vielfältige Weise durch zahlreiche der folgenden 383 Aphorismen zieht und mit der Nietzsche eine neue Ära in seiner Arbeit einleitet. Er scheint strikt zu trennen zwischen dem, was hinter ihm liegt und welches er überwunden zu haben glaubt, und dem, was er – in ausdrucksstarker Rhetorik dargelegt – sich künftig erhofft:

„Dies ganze Buch ist eben Nichts als eine Lustbarkeit nach langer Entbehrung und Ohnmacht, das Frohlocken der wiederkehrenden Kraft des neu erwachten Glaubens an ein Morgen und Übermorgen, des plötzlichen Gefühls und Vorgefühls von Zukunft, von nahen Abenteuern, von wieder offenen Meeren, von wieder erlaubten, wieder geglaubten Zielen. Und was lag Alles hinter mir! Dieses Stück Wüste, Erschöpfung, Unglaube, Vereisung mitten in der Jugend, dieses eingeschaltete Greisenthum[3] an unrechter Stelle, diese Tyrannei des Schmerzes überboten noch durch die Tyrannei des Stolzes, der die Folgerungen des Schmerzes ablehnte – und Folgerungen sind Tröstungen –, diese radikale Vereinsamung als Nothwehr gegen eine krankhaft hellseherisch gewordene Menschenverachtung, diese grundsätzliche Einschränkung auf das Bittere, Herbe, Wehetuende der Erkenntnis, wie sie der Ekel verordnete, der aus einer unvorsichtigen geistigen Diät und Verwöhnung – man heisst sie Romantik – allmählich gewachsen war –, oh wer mir das alles nachfühlen könnte!“[4]

Nietzsche rekonstruiert hier seine philosophische wie auch persönliche Geschichte – im weiteren Verlauf wird zu zeigen sein, dass es sich dabei um dieselbe handelt – als einen schweren Weg, negativ konnotiert und bestimmt durch Leiden, Entbehrung, Krankheit. Auf der anderen Seite ist er nun „Genesender“[5], der gerade aus seiner „Zeit schweren Siechthums“[6] ein positives Fazit ziehen kann:

„[...] man kommt aus solchen Abgründen [...] neugeboren zurück, gehäutet, kitzlicher, boshafter, mit einem feineren Geschmacke für die Freude, mit einer zarteren Zunge für alle guten Dinge, mit lustigeren Sinnen, mit einer zweiten gefährlicheren Unschuld in der Freude, kindlicher zugleich und hundert Mal raffinirter als man jemals vorher gewesen war.“[7]

Die Implikationen für die FW reichen weit. Festhalten will ich an dieser Stelle zunächst aber nur zwei Gedanken: zum einen erkennt Nietzsche die Krankheit gleichsam als Bedingung seiner neuen Gesundheit an und spricht gerade dem Prozess der Genesung eine übergeordnete Rolle zu, zum anderen sollte im Bewusstsein behalten werden, dass in dieser Vorrede zur zweiten Auflage von 1886 mehr als vier Jahre nach Erscheinen der Erstausgabe noch immer die Grundstimmung anhält, wie sie auch in der FW selbst beschrieben ist. In diesem Sinne halte ich es für gerechtfertigt, nicht von einer positiv gestimmten Momentaufnahme in einem sonst omnipräsenten Pessimismus, sondern von einer wirklichen und bestimmbaren Wende und anhaltenden Neuorientierung im Denken Nietzsches zu sprechen.[8]

Einige Aspekte dieser Wende sollen im Folgenden genauer besprochen werden.

Ich weise darauf hin, dass eine eindeutige Zuordnung der entsprechenden Textstellen aus der FW zu einem spezifischen Kapitel in diesem Text nicht immer leicht und eindeutig war. Vielmehr handelt es sich bei den Aphorismen um graduelle Bedeutungsnuancen, welche mich zu einer Einordnung in dieses oder jenes der folgenden Kapitel bewogen hat. Dem Nietzsche-Leser wird das vertraut sein.

a) Der lachende Philosoph

„Lachen.- Lachen heisst: schadenfroh sein, aber mit gutem Gewissen“[9] – so einfach wie schonungslos ist in diesem kurzen Aphorismus Nr. 200 im dritten Buch der FW das formuliert, was ich für den Kerngedanken des Konzepts vom „lachenden Philosophen“ halte. Was meint Nietzsche damit? Stellvertretend sollen hier einige Aphorismen diesbezüglich untersucht werden.

Schon im ersten Aphorismus Die Lehrer vom Zwecke des Daseins gibt er einen Hinweis darauf, welche Tragweite seine Überlegung hat. Er stellt hier den Instinkt der Arterhaltung und dessen mechanistische Wirkweise vor, um anschließend aus der menschlichen Perspektive herauszutreten und sich die Lehren, die von Moralpredigern über den Sinn und Zweck des menschlichen Daseins als Funktion eines „höheren“ Daseins verbreitet werden – quasi aus „göttlicher“ Perspektive – zu beschauen. Aus diesem Blickwinkel kann er den schließlich Ernst des Lebens so weit relativieren, dass es im Lachen mündet:

„[...] Ueber sich selber lachen, wie man lachen müsste, um aus der ganzen Wahrheit heraus zu lachen, - dazu hatten bisher die Besten nicht genug Wahrheitssinn und die Begabtesten viel zu wenig Genie! Es giebt vielleicht auch für das Lachen noch eine Zukunft! Dann, wenn der Satz "die Art ist Alles, Einer ist immer Keiner" - sich der Menschheit einverleibt hat und Jedem jederzeit der Zugang zu dieser letzten Befreiung und Unverantwortlichkeit offen steht. Vielleicht wird sich dann das Lachen mit der Weisheit verbündet haben, vielleicht giebt es dann nur noch "fröhliche Wissenschaft".[10]

[...]


[1] Colli, Giorgio 2003: Nachwort. In: Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino (Hg.): Friedrich Nietzsche. Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden.

[2] Im Folgenden wird „Die fröhliche Wissenschaft“ entsprechend der in philosophischen Literatur gängigen Bezeichnung mit FW abgekürzt.

[3] Ich zitiere im Folgenden immer den Originaltext von 1886 nach der damaligen Rechtschreibung.

[4] Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft. Vorrede, Absatz 1. In: : Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino (Hg.): Friedrich Nietzsche. Sämtliche Werke. KSA 3, 2003.

[5] Ebd.: Abs. 4.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Damit meine ich nicht, dass fortan Nietzsches Denken von Optimismus beflügelt sei. Sein Spätwerk und die letzten Lebensjahre stehen sicher unter anderen Vorzeichen. Vielmehr soll die hier die besondere Stellung der FW herausgearbeitet und einer einseitigen Rezeption Nietzsches entgegengewirkt werden.

[9] Ebd.: Aphorismus Nr. 200.

[10] Ebd.: Aphorismus Nr.1

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Bestimmung des Erkennenden in Nietzsches "Die fröhliche Wissenschaft"
Untertitel
Eine Annäherung
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Department für Philosophie)
Veranstaltung
Die fröhliche Wissenschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V121892
ISBN (eBook)
9783640267156
ISBN (Buch)
9783640267378
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bestimmung, Erkennenden, Nietzsches, Wissenschaft
Arbeit zitieren
Philipp Einhäuser (Autor), 2008, Die Bestimmung des Erkennenden in Nietzsches "Die fröhliche Wissenschaft", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121892

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