Heinrich Mann "Der Untertan"

Diederich Heßling - Charakteristik eines Untertanen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Psychogramm eines Untertanen- Diederich Heßling
2.1. Erlangen der Macht
2.2. Diederichs Kindheit
2.2.1. Erziehung zur Härte
2.3. Das Gemüt Diederichs am Beispiel der Beziehung zu Agnes Göppel
2.4. „Des Kaisers Abbild kehrt nach Netzig zurück“

3. Diederich als Antiheld

4. Der Roman als „Parabel des Wilhelmismus“

5. Zusammenfassung:

Bibliographie

1. Einleitung

Die Rezension des Romans „Der Untertan“1 wirft die Frage auf, ob Heinrich Mann (1871-1950) diesen als Spiegelung oder vielmehr Kritik der damaligen Gesellschaft geschrieben hat oder als Reflexion eines einzelnen Charakters. In der Ex-DDR beispielsweise wurde der Autor als Antifaschist und Volksfrontaktivist und somit als Regimefeind eingestuft. Infolgedessen wurde Heinrich Mann der DDR, die mit großem Aufwand jegliche Literatur als Propaganda umdefinierte, recht unliebsam. So wurden in der Ex- DDR, wenn überhaupt, Heinrich Manns Romane wie zum Beispiel „Professor Unrat“ gerne als Charakterstudien eines einzelnen Menschen definiert. Ein Hinweis darauf, dass Mann den „Professor Unrat“ und den „Untertan“ als Spiegelung der damaligen Gesellschaft und nicht als Charakterstudie eines Individuums schrieb, geben die Titel der Bücher:

„Die Titel lauten nicht „Professor Raat“, sondern „Professor Unrat“, nicht „Diederich Heßling“, sondern „Der Untertan“, das heißt, die Titelgestalten wurden nicht um ihrer selbst willen, sondern um dessentwillen geschaffen, was aus ihnen durch und infolge ihrer Einbettung in die Gesellschaft, ihrer Sozialisierung geworden ist; (...)“.[1]

Da sich jede Gesellschaft jedoch aus Einzelnen zusammenfügt, besteht Anlass zu einer individualpsychologischen Untersuchung Diederichs. Es steht außer Frage, dass auch die Gesellschaft einen Teil zu seiner Machtbesessenheit und blindem Gehorsam gegenüber der Macht beitrug, trotzdem muss erst auf den Charakter des Diederich eingegangen werden um dann die Rolle der Gesellschaft auf ihn zu untersuchen.

Infolgedessen befasst sich die folgende Arbeit zunächst ungeachtet dessen mit dem Entwicklungsprozess Diederichs, beginnend im Vorschulalter. Des weiteren

wird seine Beziehung zu den anderen Charakteren des Romans analysiert, hierbei vor allem die Beziehung zu Agnes Göppel. Darauf folgend wird die Erlangung der Macht betrachtet, im Anschluss dazu Diederich als Anti Held. Der letzte Punkt der

Analyse des Romans unter Betrachtung des Untertan Typus behandelt die Frage, ob der Roman die Einzelperson zur „gesamtgesellschaftlichen Erscheinung verallgemeinert“.[2]

2. Psychogramm eines Untertanen- Diederich Heßling

2.1. Erlangen der Macht

„Der Untertan“, geschrieben in der Ära von Wilhelm dem Zweiten, wird im Allgemeinen von der Sekundärliteratur als Satire auf diesen Kaiser und auch als „die zunächst begierig aufgenommene Gesamtabrechnung mit dem Kaiserreich“[3] interpretiert. Außer Wilhelm dem Zweiten werden im „Untertan“ noch zwei weitere historische Figuren erwähnt, zum einen

„Eugen Richter, das Haupt der Radikalen im Reichstag und Bismarcks Erzfeind, und der berüchtigte Hof- und Domprediger Adolf Stöcker, dem die Gründung der antisemitischen Christlich-Sozialen Arbeiterpartei zu danken ist.“[4]

Eugen Richter findet unter den Netziger Einwohnern den Anhänger Heuteufel, Adolf Stöcker findet Anhänger in der zur Zeit Wilhelms des Zweiten nationalistisch und eher antisemitisch geprägten Burschenschaft der Neuteutonen:

„Die Neuteutonen stimmten nach seinem [des Assessors von Barnim] Besuch alle darin überein, dass der jüdische Liberalismus die Vorfrucht der Sozialdemokratie sei und dass die christlichen Deutschen sich um den Hofprediger Stöcker zu scharen hätten.“ (Der Untertan, Seite 56)

Der alte Buck verehrt hingegen die bürgerlich- demokratische Revolution 1848/1849: „Ach ja, Sie sind ein Achtundvierziger!“ (Der Untertan, Seite 118) und „In der

Verehrung des alten Buck sind wir aufgezogen worden. Der große Mann von Netzig!

Im Jahre achtundvierzig zum Tode verurteilt!“ (Der Untertan, Seite 109)

Trotzdem Diederich Respekt und Verehrung für jedwede Art von Macht hat, dient und verehrt er ausschließlich den Kaiser. „Diederich aber kennt keine Partei als die des Kaisers.“[5]

Die Historie beschreibt Wilhelm den Zweiten als einen Menschen von unglaublichem Selbstdarstellungsdrang und Narzissmus welcher sich auch bei Diederich mit voranschreitenden Alter deutlich erkennen lässt. Das Erlangen seiner doch beträchtlich großen Macht in Netzig verdankt er jedoch nicht, wie sein Idol, bestimmten großen Taten. Eher wird er zu einem mächtigen, weil gefürchteten Einwohner Netzigs, so behandelt er zum Beispiel die Arbeiter seiner Fabrik wie folgt:

„Leute! Da ihr meine Untergebenen seid, will ich euch nur sagen, dass hier künftig forsch gearbeitet wird. Ich bin gewillt, mal Zug in den Betrieb zu bringen. In der letzten Zeit, wo hier der Herr gefehlt hat, da hat mancher von euch sich vielleicht gedacht, er kann sich auf die Bärenhaut legen. Das ist aber ein gewaltiger Irrtum, ich sage das besonders für die alten Leute, die

noch von meinem seligen Vater her dabei sind.“ (Der Untertan, Seite 106)

Außerordentliche Führungsqualitäten lassen sich hier nicht erkennen; die meisten seiner Arbeiter sind nach seiner kompletten Antrittsrede eingeschüchtert und verängstigt, was nicht zuletzt zu unmotiviertem und nicht ertragsreichem Arbeiten führt. Es bleibt jedoch anzumerken, dass nicht deutlich erkennbar ist, ob seine Arbeiter ihn als Person genauso ernst nehmen wie die angedeuteten Konsequenzen bei Missachtung der neuen Regeln:

„Die Seinen folgten ihm, bestürzt und ehrfurchtsvoll, indes die Arbeiter einander noch lange stumm ansahen, bevor sie nach den Bierflaschen griffen, die zur Feier des Tages bereitstanden“. (Der Untertan, S.107) (vgl. hierzu auch Der Untertan, S. 379)

Dies kann entweder bedeuten, dass die Arbeiter den Schock `hinunterspülen´ wollen, oder aber dass sie die Rede Diederichs unbeeindruckt lässt und sie trotzdem feiern.

Macht erlangt er außerdem, indem er nicht nur sein Verhalten, sondern auch sein

Äußeres mehr und mehr dem des Kaisers angleicht; er entwickelt sich zu einer Art kleinen Ausführung des Kaisers. Trotzdem die meisten Imitationen etwas Lächerliches an sich haben, erfährt er durch die Nachahmung eine gewisse Art von Macht.

Diederich beschließt nun also, beschwingt durch seine Feststellung, dass er dem bittstellendem Vater Göppel so überaus guterzogen gegenübertrat, „Die Korporation, der Waffendienst und die Luft des Imperialismus hatten ihn erzogen und tauglich gemacht.“ (Der Untertan, Seite 100), dass dies fortan auch sein Äußeres widerspiegeln sollte:

„Er ließ vermittelst einer Bartbinde seinen Schnurrbart in zwei rechten Winkeln hinaufführen. Als es geschehen war, kannte er sich im Spiegel kaum wieder. Der von Haaren entblößte Mund hatte, besonders wenn man die Lippen herabzog, etwas katerhaft Drohendes, und die Spitzen des Bartes starrten bis in die Augen, die Diederich selbst Furcht erregten, als blitzten sie aus dem Gesicht der Macht.“(Der Untertan, Seite 100)

Der Erfahrung nach erschrickt man selbst, selbst nach einem Besuch eines „Hoffriseurs“, im Allgemeinen eigentlich nicht vor dem eigenen Spiegelbild. Dies führt zu der Annahme, dass Diederichs neues „Gesicht der Macht“ seinen Charakter nicht spiegelt, sondern er jemand anderen imitiert. Diese Szene hat satirische Ansätze insofern, dass Diederich Furcht verspürt, als er in seine eigenen Macht-blitzenden Augen starrt.

Die Imitation des Kaisers als Person betrifft jedoch nur das Äußere. Der Kaiser als Mensch interessiert Diederich nur bedingt; vielmehr beeindruckt ihn die Macht, die Wilhelm der Zweite in seiner Funktion als Kaiser ausstrahlt.

„Dennoch ist nicht die „persönlichste Persönlichkeit“ des Kaisers Wilhelm des Zweiten selbst Objekt seiner Verehrung, sondern der Kaiser übernimmt diese Vorbild- und Idolfunktion im Denken und Fühlen Diederich Heßlings nur als die Verkörperung - als die sinnliche Darstellung, die Theatralisierung - der von ihm mythisch- religiös verehrten „kalten Macht“, die aus Institutionen wie etwa

einem Gymnasium ein „unpersönliches Ganzes“, einen „unerbittlichen, menschenverachtenden, maschinellen Organismus“ macht. Seine „Kaisertreue“ hat nichts von personaler Vasallentreue (...).“[6]

So bezieht sich Diederichs Glorifizierung der Macht nicht unbedingt alleine auf die Person Wilhelm den Zweiten- die Funktion des Kaisers könnte auch jemand anderes übernehmen; Diederich würde jeden, der dieses Amt inne hat, verherrlichen.

Wer auch immer dieses Amt inne hat, personifiziert Macht; dies führt zu Diederichs Kaiser Imitation. Mit Hilfe der Personifizierung der Macht fällt es Diederich leichter, sich mit ihr zu identifizieren und sie zu glorifizieren:

„Zwei Schritte vor ihm ritt der Kaiser hindurch. (...) Auf dem Pferd dort, unter dem Tor der siegreichen Einmärsche, und mit Zügen steinern und blitzend, ritt die Macht! Die Macht, die über uns hingeht und deren Hufe wir küssen! Die über Hunger, Trotz und Hohn hingeht! Gegen die wir nichts können, weil wir alle sie lieben! Die wir im Blut haben, weil wir die Unterwerfung darin haben! Ein Atom sind wir von ihr, ein verschwindendes Molekül von etwas, das sie ausgespuckt hat! Jeder einzelne ein Nichts, steigen wir in gegliederte Massen als Neuteutonen, als Militär, Beamtentum, Kirche und Wissenschaft, als Wirtschaftsorganisation und Machtverbände kegelförmig hinan, bis dort oben, wo sie selbst steht, steinern und blitzend! Leben in ihr, haben teil an ihr, unerbittliche gegen die, die ihr ferner sind, und triumphierend, noch wenn sie uns zerschmettert: denn so rechtfertigt sie unsere Liebe!“(Der Untertan, S.63f )

Diederich subjektiviert hier die Macht, die „ritt“. Er sieht in der autoritären Person des Kaisers die Macht, die dieses Amt mit sich bringt. Unter diese Macht muss sich, laut Diederich, alles und jeder unterordnen. Nach ihm ist „jeder einzelne ein nichts“, der nur im Kollektiv zu Ruhm kommen kann.

Seine unbedingte Unterwürfigkeit und Liebe zur Macht hat die Auslöschung des eigenen Charakters zur Folge. In älteren Jahren dient er der personifizierten Macht so bedingungslos, dass er seinen eigenen Charakter völlig vergisst. Er hat allen, die

er als seine Untergebenen und als seines unwürdig ansieht, keine Spur von

Gewissen mehr gegenüber. Bei aller untertänigster Verehrung und Imitation des Kaisers unterscheiden sich die beiden doch in einigen wenigen Punkten. Zum einen will Wilhelm zu Beginn seiner Amtszeit als Arbeiterführer gelten, wohingegen Diederich in seinem Funktion als Arbeitgeber seine eigenen Interessen vor die der Arbeiter stellt. Die Rentabilität seiner Fabrik stellt er vor die Interessen seiner Bediensteten: „Was seine Fabrik einbringt, daran beteiligt der Herr Lauer seine Arbeiter. Das ist unmoralisch (...) denn es untergräbt die Ordnung.“ (Der Untertan, Seite121)

[...]


1 Die folgenden Seitenzahlen beziehen sich auf: Mann, Heinrich: „Der Untertan“. Frankfurt/Main, 2004.

2Emrich, Elke: „Macht und Geist Im Werk Heinrich Manns“. Berlin, 1981. Seite 5.

3 Emrich, Elke: „Macht und Geist im Werk Heinrich Manns “. Berlin, 1981. Seite 7.

4Haupt, Jürgen: „Heinrich Mann“. Stuttgart, 1980. Seite 75.

5 Weisstein, Ulrich: „Heinrich Mann.“ Tübingen, 1962. Seite 118.

6Weisstein, Ulrich: „Heinrich Mann.“ Tübingen, 1962. Seite 118.

7 Emrich, Elke: „Macht und Geist im Werk Heinrich Manns. Eine Überwindung Nietzsches aus dem Geist Voltaires“. Berlin, 1981. Seite 323.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Heinrich Mann "Der Untertan"
Untertitel
Diederich Heßling - Charakteristik eines Untertanen
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  ("Eberhard Karls-Universität Tübingen")
Veranstaltung
Heinrich Mann
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V121968
ISBN (eBook)
9783640271269
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinrich, Mann, Untertan
Arbeit zitieren
Kerstin Krauss (Autor), 2007, Heinrich Mann "Der Untertan", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121968

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