Ziele von Übersetzung – "Macbeth" im "québécois" und "français de France" im Übersetzungsvergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

30 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. La nouvelle dramaturgie québécois – das Quebecer Theater von 1968 bis heute

3. François-Victor Hugos Macbeth vs. Michel Garneaus Macbeth
3.1 Übersetzungsvergleich
3.2 Funktionen der Übersetzung

4. Untersuchung der Vorworte in Wörterbüchern über das québécois
4.1 Zeitraum 1968 – 1990
4.2 Von 1990 bis heute

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

Hinter jeder Übersetzung steht ein Übersetzer und damit verbunden seine Ideologie und seine Absichten, die er mit ihr verfolgt. Jeder Übersetzer wird sich sicherlich vor seiner Arbeit die Frage stellen, was er mit seiner Übersetzung erzielen möchte und wie er dies erreichen kann.

Ziel dieser Untersuchung wird sein, mittels eines Übersetzungsvergleiches von Michel Garneaus Übersetzung von Macbeth in das québécois mit François-Victor Hugos Übersetzung in das Standardfranzösische zu klären, welche Absichten hinter den Übersetzungen standen und welche Unterschiede zwischen den beiden bestehen. Es wird gezeigt werden, hinter welchem Hintergrund sich Garneau entschlossen hat, das berühmte Theaterstück von William Shakespeare ins québécois zu übersetzen. Um diesem Anspruch gerecht werden zu können, wurde dem Übersetzungsvergleich eine Übersicht über die Entwicklung des Quebecer Theaters seit den 1960er Jahren und den politischen Ereignissen in Quebec zu jener Zeit vorangestellt mittels derer ersichtlich wird, dass sich Politik und Übersetzung durchaus einander bedingen können.

Dieser Übersicht folgt dann der bereits angesprochene Übersetzungsvergleich, dem eine Untersuchung der seit den 1960er Jahren erschienenen Wörterbücher über das québécois angeschlossen wurde, da sich wichtige parallele Entwicklungen zwischen den Übersetzungen ins québécois und den Werken über das québécois finden lassen.

2. La nouvelle dramaturgie québécoise - das Quebecer Theater von 1968 bis heute

Das Quebecer Theater erlebte vor allem von 1968 bis Ende der 80er Jahre eine ungeheure Veränderung. Noch vor 1968 wurden sämtliche in Montreal aufgeführten Stücke in ihrer standardfranzösischen Übersetzung aufgeführt. Doch mit den immer stärker werdenden politischen Bestrebungen Quebecs nach Unabhängigkeit und Autonomie während der Stillen Revolution in den 1960er Jahren, veränderte sich auch die Literatur und in besonderem Maße das Theater in Quebec.[1] Die Révolution tranquille in Quebec führte dabei zu einem Aufschwung des Quebecer Selbstbewusstseins und in diesem Zuge zu einem Aufschwung der Quebecer Kultur. Zudem wurde der Einfluss der katholischen Kirche auf die Quebecer Gesellschaft zurückgedrängt.[2] Dabei richtete sich die Quebecer Identitätsfindung nicht nur gegen den anglophonen Teil Kanadas und die englische Sprache, sondern in einem besonderen Maße gegen die französische Sprache und Kultur, die als ein Überbleibsel der kolonialen Zeit angesehen wurde.[3] Die politischen Ereignisse in den 1960er und 70er Jahren hatten dabei auch Auswirkungen auf die Quebecer Kultur und Theaterszene.

Das Jahr 1968 steht dabei für den wohl entscheidenden Wendepunkt im Quebecer Theater: Die Aufführung von Michel Tremblays Les Belles-Sœurs in diesem Jahr wird mit dem Einschlagen einer Bombe verglichen, da nun zum ersten Mal ein Stück in der Sprache der Quebecer, das québécois, für die sie sich bisher immer geschämt hatten, auf einer Bühne aufgeführt wurde.[4] Dabei profitierte sein Stück sicherlich davon, zu einer Zeit aufgeführt worden zu sein, in der das kulturelle und politische Leben im Zuge nationalistischer Strömungen zunehmend erwachte.[5] Die neu entstehende Quebecer Theaterszene profitierte also von den politischen Ereignissen[6] der damaligen Zeit:

Clearly, the aesthetic turning point of this theatre coincides with the movement of the political affirmation in the Province, because 1968 also saw the formation of the Parti Québécois whose platform was Quebec independence. The conjunction of all these events bore witness to the resurgence of a national awareness directed at throwing off not only the Anglophone economic and political hegemony, but also France’s cultural hegemony.[7]

Die Übersetzungen vor allem von Theaterstücken im Standardfranzösisch wurden im Zuge der immer mehr Raum einnehmenden nationalistischen Tendenzen zunehmend unpopulärer, was schließlich dazu führte, dass ausländische Stücke nach 1968 immer öfter in das québécois übersetzt wurden. Damit einhergehend wurden immer mehr Übersetzungen zu Adaptationen – viele Übersetzer änderten die Orte der Stücke passend auf das Quebecer Publikum, die Handlung des Stückes wurde nach Quebec verlegt. Einen weiteren Meilenstein verzeichnete das Quebecer Theater, welches nach 1968 vor allem als La nouvelle dramaturgie québécois bekannt ist, im Jahre 1978 mit der Aufführung von Michel Garneaus Übersetzung von Macbeth ins québécois. Gerade die Entscheidung von Garneau, Shakespeares Stück Macbeth ins québécois zu übersetzen, hatte besondere Ziele und Auswirkungen: „Choosing a literary monument such as Macbeth as a vector for the Québécois language indicates that the translator is trying to remove this language from its dialect status and to prove that it is capable of fulfilling a literary function“.[8]

Durch Garneaus Übersetzung wurde das québécois also aus seinem bisherigen Status als Dialektstatus enthoben. Das québécois konnte sich in der Folgezeit als eine Übersetzungssprache etablieren und vor allem durch die Übersetzung von klassischen Werken aus der Weltliteratur – neben Shakespeare wurden unter anderem auch Stücke von Brecht und Chekhov übersetzt – konnte es aus dem Schatten des Französischen heraustreten. Die Übersetzungen in das québécois nahmen dabei deutlich zu und verdrängten immer mehr die Übersetzungen aus Frankreich: „In 1968, 90 percent of foreign works presented on the institutional stages of Quebec were translations done in France. Twenty years later, the proportion was reversed: 93 percent of foreign works were presented in a québécois translation or adaptation“.[9]

Dass die Sprache dabei eine wichtige Rolle in den Autonomiebestrebungen der damaligen Zeit spielt, ist deshalb klar, weil es eben jenes québécois ist, welches Quebec vom Englischen und vom Französischen Frankreichs unterscheidet und einen wichtigen Teil Quebecer Kultur ausdrückt. Die Sprache wird also zu einem Symbol für die Legitimation der Autonomiebestrebungen und ihre Funktion wird politisiert.[10] Dabei spielten die Übersetzungen von klassischen Werken eine größere Rolle, als einheimische Stücke auf québécois zu verfassen:

Translating monuments of world drama ‚into québécois ’ is an act whose effect is more profound than that of simply writing plays in québécois; it achieves to the fullest extent the goal of wrenching ‚ québécois ’ from its status of dialect and elevating it to the status of national language, of ‚native language’. Thus, the new Quebec drama ranks with other national dramas thanks to the singularity achieved through a language that has been shown to be suitable not only for writing but also for translation.[11]

Das Theater eignete sich vorwiegend deshalb so gut, das québécois als eine eigene Sprache zu propagieren, da es sich von dem als übermächtig gesehenen Französisch Frankreichs vor allem durch die Aussprache, also die Phonetik, unterscheidet. Das Theater als vor allem eine mündliche Kunst ist dafür also regelrecht prädestiniert. Zudem ist es auch durch die Sprache, mittels derer sich Quebec kulturell nicht nur von Frankreich, sondern auch von den anderen frankophonen Kulturen deutlich abheben kann. Ziel war es also, die Quebecer Kultur als eine eigenständige zu sehen und nicht als ein Nebenprodukt der Französischen.

Ende der 1980er veränderte sich das Quebecer Theater wiederum. Obwohl Stücke weiterhin in das québécois übersetzt wurden, fällt auf, dass es immer weniger Adaptationen gab. Dies zeigt eine deutliche Öffnung gegenüber dem Anderen und Fremden, denn nun ist es wieder möglich, im québécois Stücke aufzuführen, die von Europa oder den USA beispielsweise handeln. Diese Öffnung gegenüber dem Anderen drückt gleichzeitig eine deutliche Steigerung des eigenen Selbstwertgefühls aus. Die Quebecer Kultur scheint sich nun weniger vor Assimilation und Verdrängung zu fürchten als früher, sie scheint in einem gewissen Sinne zu sich selbst gefunden zu haben. Es geht in den Übersetzungen nun weniger darum, die Quebecer Existenz zu rechtfertigen, sondern die Hervorhebung des fremden Werkes steht wieder im Vordergrund. Das Theater wird weniger für einen nationalen Identifikationsprozess benutzt. Auch die Stellung des québécois ist nun als deutlich positiver und höher anzusehen: „The Québécois language now enjoys a trusting relationship with the source text; it can carry the text’s meaning, form an style“.[12]

Doch auch die Übersetzungen in das québécois nahmen mit der Zeit weiter ab und man orientierte sich wieder mehr an einem Standardfranzösisch, das natürlich auch einem größeren Publikum zugänglich ist: „The days of joual are now largely gone. […] Language has been ‚normalized’ according to the conventions of written language to ensure the ‚readability’ of the play“.[13]

Zudem sei heute „the myth of the existence of a Québécois language […] been put to rest. […] A de-politicized understanding of the Canadian variant of French has emerged“.[14] Der Quebecer Kultur gelang es also über die Jahre – unter Einfluss der politischen Ereignisse der gleichen Zeit – sich zu etablieren und Gehör zu verschaffen: „Quebec is now [2002] a much more autonomous region than it used to be and its distinctive culture is recognized on the world stage“.[15]

3. François-Victor Hugos Macbeth vs. Michel Garneaus Macbeth

3.1 Übersetzungsvergleich

Bis 1968 benutzten sämtliche Aufführungen von Shakespeares MacBeth in Quebec Übersetzungen in das Standardfranzösische. Die Übersetzung von François-Victor Hugos Shakespeare-Übersetzung aus dem Jahre 1872 war dabei die am meisten benutzte und aufgeführte,[16] weshalb eben sie beim Übersetzungsvergleich herangezogen wurde. Die 1978 veröffentlichte und im selben Jahr uraufgeführte Übersetzung von Macbeth durch Michel Garneau dient dabei als Beispiel für eine Übersetzung in das québécois. Um den Übersetzungsvergleich überhaupt vornehmen zu können, dient dabei als Grundlage die Originalversion Shakespeares.

Bereits in der ersten Szene lässt sich ein deutlicher Unterschied feststellen. Das erste Auftreten Macbeths wird dabei in Hugos Übersetzung – analog zum Shakespearetext – durch Trommeln angekündigt, während dies bei Garneau durch Violinenmusik geschieht:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auch wenn dies nur eine kleine Veränderung zu sein scheint, so hebt Brisset hervor, dass dieses Austauschen des Musikinstrumentes jedoch eine sehr eindeutige Wirkung habe. Die Violine als ein typisches Instrument der Quebecer Folklore gebe den Ton und den Raum vor, in dem sich Garneaus Übersetzung folglich bewegen werde: „Ce changement transpose le lieu de l’action dramatique et situe sans ambiguïté la tragédie dans un espace d’interprétation québécois“.[20] Macbeths Schottland wird in Garneaus Übersetzung also bereits zu Beginn mit Elementen aus der Quebecer Kultur ersetzt, so dass der Quebecer Zuschauer sich unmittelbar in eine ihm vertraute und bekannte Umgebung versetzt fühlt.

Doch nicht nur die Änderung des Musikinstrumentes spielt auf die Verlagerung des Stückes nach Quebec an. So findet man in Garneaus Übersetzung mehrere Stellen, in denen er das Wort palace nicht übersetzt hat:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Vgl. Lavoie, Bernard: „Theatre in Translation in Montreal: Respecting the Playwright, Challenging the Audience“. In: Canadian Theatre Review 102 (2000). www.utpjournals.com/product/ctr/102/102_Lavoie.html am 29.10.2006.

[2] Vgl. www.de.wikipedia.org/w/index.php?title=Geschichte_Kanadas&printable=yes am 29.10.06

[3] Vgl. Brisset, Annie: Sociocritique de la traduction. Théâtre et altérité au Québec (1968–1988). Longueuil: Editions du Préambule, 1990, 33.

[4] Vgl. Bélisle, Rosemarie: „Une question de niveau de langue“. In: Jeu – Cahiers de théâtre 56 (1990), 18.

[5] Vgl. Weiss, Jonathan M.: „Introduction“. In: Essays on modern Quebec theater. Ed. Joseph I. Donohoe Jr., Jonathan M. Weiss. Michigan: Michigan University Press, 1995, 3.

[6] Dabei sei an einige Ereignisse der damaligen Zeit erinnert:

1963: Der Front de libération du Québec (FLQ) führt die ersten Bombenanschläge durch und wird sich in den Folgejahren gewaltsam für die Rechte Quebecs einsetzen

1968: René Lévesque gründet den Parti Québécois, der sich für die Unabhängigkeit einsetzt

1969: Loi des deux langues officielles: Kanada erhält offiziell zwei Sprachen – das Englische und das Französische

1977: La Loi 101: Französisch wird die einzige offizielle Sprache Quebecs

1980: Erstes Referendum zur Souveränität in Quebec, knapp 60% stimmen für ein Verbleib bei Kanada

1982: Kanada wird offiziell unabhängig und verabschiedet eine neue Verfassung, die die letzten Reste der Abhängigkeit von Großbritannien beseitigt

1985: Der Parti Québécois muss herbe Verluste bei Wahlen in Quebec einstecken und besitzt nur noch eine knappe Mehrheit von einem Sitz im Quebecer Parlament

(entnommen: www.pages.infinit.net/histoire/quebech6.html, www.pages.infinit.net/histoire/quebech7.html, www.pages.infinit.net/histoire/quebech8.html am 29.10.06)

[7] Brisset, Annie: „In Search of a Target Language: The Politics of Theatre Translation in Quebec“. In: Target. International Journal of Translation Studies 1 (1989), 11.

[8] Ebd., 15.

[9] Brisset, Annie: „When translators of Theater Address the Québécois Nation“. In: Essays on modern Quebec theater. Ed. Joseph I. Donohoe Jr., Jonathan M. Weiss. Michigan: Michigan University Press, 1995, 69.

[10] Vgl. Brisset (1990), 313-314.

[11] Brisset (1995), 72-73.

[12] Vgl. Lavoie.

[13] Robert, Lucie: „The Language of Theater“. In: Essays on modern Quebec theater. Ed. Joseph I. Donohoe Jr., Jonathan M. Weiss. Michigan: Michigan University Press, 1995, 125.

[14] Beddows, Joël: „Translations and Adaptations in Francophone Canada“. In: Canadian Theatre Review 102 (2000). http://www.utpjournals.com/product/ctr/102/102_Beddows.html am 29.10.06

[15] Kinloch, David: „Questions of Status. Macbeth in Québécois and Scots“. In: The Translator 8, 1 (2002), 83.

[16] Vgl. Kinloch, David: „Questions of Status. Macbeth in Québécois and Scots“. In: The Translator 8, 1 (2002), 77.

[17] Shakespeare, William: Macbeth. In: the Arden Shakespeare Complete Works. Hg. Richard Proudfoot, Ann Thompson, David Scott Kastan. London: 2001, Thomson Learning, 776, 1.3, 30-31.

[18] Shakespeare, William: Macbeth. Übersetzt durch François-Victor Hugo. Paris: Librio, 2000, 11.

[19] Garneau, Michel: Macbeth de William Shakespeare. Montréal: VLB éditeur, 1978, 19. Im Folgenden werden die Seitenzahlen direkt nach den Zitaten genannt. Die Hervorhebungen sind dabei – wenn nicht anders vermerkt – von mir vorgenommen.

[20] Brisset (1990), 194.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Ziele von Übersetzung – "Macbeth" im "québécois" und "français de France" im Übersetzungsvergleich
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
30
Katalognummer
V122232
ISBN (eBook)
9783640269365
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ziele, Macbeth, France
Arbeit zitieren
Andreas Kirchmann (Autor), 2006, Ziele von Übersetzung – "Macbeth" im "québécois" und "français de France" im Übersetzungsvergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122232

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