Lipsets Theorie zum "Extremismus der Mitte"


Hausarbeit, 2007

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Mittelstandstheorie in der zeitgenössischen Faschismusdiskussion

II. Lipsets Theorie des „Extremismus der Mitte“

III. Lipsets Theorie des „Extremismus der Mitte“ im Spiegel der Forschung
1. Ralf Dahrendorf
2. Heinrich August Winkler
3. Jürgen W. Falter

Fazit

Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit mit dem Titel „Lipsets Theorie zum ‚Extremismus des Mittelstandes‘“ wird vom Autor untersucht, inwieweit die in dem Artikel „Der ‚Faschismus’, die Linke, die Rechte und die Mitte“1 publizierte Auffassung Seymour Martin Lipsets, weitläufig anerkannter amerikanischer Politik- und Soziologieprofessor, dass der Faschismus bedingt aus einer Radikalisierung des Mittelstandes hervorging, im Spiegel der wissenschaftlichen Forschung noch an Aktualität besitzt oder aber eben obsolet erscheint. Aufgrund des eingeschränkten Publikationsrahmens dieser Hausarbeit soll der Fokus dabei geographisch auf Deutschland und hierbei auf die Wählerschaft der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) in deren Wachstumsphase bis 1933 liegen.

I. Mittelstandstheorie in der zeitgenössischen Faschismusdiskussion

Einen Ausgangspunkt soll hier die kurze Zusammenschau der so genannten Mittelstandstheorie innerhalb der zeitgenössischen Faschismusdiskussion bilden, auf die sich Lipset dann auch bezieht.

Die Mittelstandstheorie ist bereits in der zeitgenössischen Faschismusdiskussion entwickelt worden. Allein italienische Theoretiker sahen damals im Italo- Faschismus geradezu „die Partei des Mittelstandes bzw. des Kleinbürgertums […, die] einen Klassenkampf sowohl gegen das Proletariat wie gegen das Bürgertum“2 führte. In Deutschland theoriesierte Theodor Geiger, vom nationalsozialistischen Regime verfolgter Jurist und Soziologe, schon 1930 auf der Basis einer Berufszählung von 1925 den Zusammenhang zwischen Mittelstand und Wählern der NSDAP.3 Er kam dabei in der Diskussion zu dem Ergebnis, dass der Mittelstand eine Zwischenschicht ohne Funktion sei, die für sich genommen jedoch kein einheitliches Gesamtes ergibt, da aufgrund großer Unterschiede in den Daseinsbedingungen und Lebensauffassungen in dieser keine klassenmäßige Solidarisierung besteht. Dies begründet Geiger damit, dass nach seiner Auffassung der Mittelstand, zirka ein Drittel der Gesamtbevölkerung, in einen durch den Spätkapitalismus bedrohten „alten Mittelstand“, bestehend aus Berufsgruppen wie Bauern, Handwerker, Kleinhändler, und in einen sich subjektiv gegen objektive Proletarisierung wehrenden „neuen Mittelstand“, vorwiegend Angestellte unterschiedlicher sozialer Herkunft, zerklüftet sei. Aus dieser „Panik“ des uneinheitlichen Mittelstandes heraus verdankt der Nationalsozialismus wesentlich seinen zunehmenden Wahlerfolg. Der Erfolg der in fast allen Wahlkreisen gleichermaßen zunehmend gewählten Nationalsozialisten (im Vergleich der Wahlen von 1928 zu 1930) basiere vor allem auf im Mittelstand vorherrschende unorganisierte Wanderstimmen und stütze sich dabei auf ein negativistisches, polemisierendes Wahlprogramm, welches in der Wahlpropaganda, je nach jeweiliger Wahlkreisbevölkerungsstruktur und des dortigen Mittelstandsinteresse, vor allem auf austauschbare Parolen und Erklärungsmuster abstelle. Hier verlocke die wirtschaftliche Krise den Mittelstand, der zum Teil deshalb seine politische Abstinenz aufgäbe, zur Wahl der Nationalsozialisten, da die Demokratie in ihrem Bewußtsein noch nicht verankert sei und ein Mißtrauen gegenüber dem Parlamentarismus bestehe.4

II. Lipsets Theorie des „Extremismus der Mitte“

Diese zeitgenössische These greift Seymour Martin Lipset nun in seinem 1959 verfassten Aufsatz „Der ‚Faschismus’, die Linke, die Rechte und die Mitte“ auf, mit dem er beabsichtigt, die unreflektierte Verwendung der Begriffe ‚links’ und ‚rechts’ aufzuzeigen und zu beweisen, dass extremistische Bewegungen nicht nur auf der Linken und Rechten, „sondern in gleicher Weise und auch in gleichen Begriffen klassifiziert und analysiert werden können, wie demokratische Gruppen“5. Das heißt, zu dem jeweiligen demokratischen Spektrum der Linken, der Rechten und der Mitte besteht ein Äquivalent im extremistischen Spektrum, welche zueinander Ähnlichkeiten in der sozialen Zusammensetzung ihrer Anhänger und in den ideologischen Inhalten aufweisen.

Lipset hebt nun ab, dass das demokratische Spektrum der Mitte der Liberalismus sei, der sich durch die Betonung der Rolle des kleinen Unternehmertums, durch die Positionierung versus mächtiger Gewerkschaften und ökonomischer Gleichheitsforderungen und durch die Opposition zur Großindustrie einerseits, sowie die Ablehnung staatlicher Eingriffe und Bevormundung andererseits charakterisiere. Der demokratische Liberalismus sei in seiner Art antireligiös, antitraditionalistisch, antisozialistisch. Das Äquivalent des Liberalismus, also das extremistische Spektrum der Mitte, sei nach Lipset der Faschismus, der ebenfalls Großindustrie und Gewerkschaften ablehne und antisozialistische, antireligiöse, antitraditionalistische Grundsätze hege. Somit vertreten Liberalismus und Faschismus bis auf die Vorstellung des starken Staates gleiche weltanschauliche Vorstellungen, wobei hinzukäme, dass beide Spektren der Mitte die gleiche Anhängerschaft hinter sich wissen, nämlich die Mittelklasse, vor allem bestehend aus kleineren Geschäftsleuten, Angestellten und kirchlich nicht gebundenen Angehörigen akademischer Berufe.6 Unter diese Grundüberlegungen subsumiert Lipset nun mehr den Fall der faschistischen Partei Hitlers, der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, um in der Evaluierung seine zwei Hauptthesen, nämlich erstens, dass der klassische Faschismus dieselben Schichten anspreche wie der Liberalismus und zweitens, dass der Faschismus namentlich die selbständigen Angehörigen des Mittelstandes anspreche, zu stützen.

Bezüglich seiner ersten Hauptthese argumentiert Lipset, wenn die sozialen Merkmale der Anhänger der NSDAP und der liberalen Mittelklasseparteien weitestgehend kongruent sind, muss der Aufstieg der Nationalsozialisten nach 1928 vor allem also auf den Zustrom von ehemaligen Wähler der Mittelparteien zurückzuführen sein. Dazu wertet er die Wahlstatistik des Deutschen Reiches zw. 1928 und 1933 aus und kommt hier zu folgenden Erkenntnissen: Mit der Zunahme der nationalsozialistischen Wählerstimmen nahmen die Stimmen für die liberalen bürgerlichen Parteien der Mitte, deren Wählerstamm aus kleineren Unternehmern, sowie kleineren und mittleren Angestellten besteht, tatsächlich ab, sie verloren fast 80% ihrer Wähler zw. 1928 und 1930. Als einzige Mittelpartei konnte sich das Katholische Zentrum durch ihre religiöse Zugehörigkeit mit einem etwa konstanten prozentualen Gesamtstimmenanteil stabil halten. Hingegen verlieren Sozialisten und Kommunisten, also die marxistischen Parteien, zirka 10% des relativen Gesamtstimmenanteils. Auch die Konservativen (DNVP) behaupten sich mit einem relativen Gesamtstimmenanteilverlust von zirka 40% erheblich besser als liberale Parteien, da sie nicht, wie Lipset anhand von Wählerstimmenwanderungen, geschlechtsanalytischem Wahlverhalten und durch Berufung auf Untersuchungen des Soziologen Rudolf Heberle in Schleswig-Holstein7 und des Politologen Günther Franz in Niedersachsen8 nachgewiesen sieht, den gleichen Wählerstamm ansprachen, wie die Konservativen. Außerdem hatten die Nationalsozialisten Anziehungskraft für die Mittelklassenwähler der verschiedenen Regionalparteien nach 1930, die ideologische Berührungspunkte mit der nationalsozialistischen Weltanschauung aufweisen (z.B. Forderung nach Dezentralisierung oder nach regionaler Autonomie). Das in Oppositionstehen der NS-Ideologie zur Großindustrie und zu Gewerkschaften brachte der NSDAP auch Wählerstimmen Jener, die sich für entwurzelt oder sonst wie benachteiligt fühlten.9

Im Ergebnis stellt Lipset also in seiner Untersuchung fest, dass die Verschiebung in den deutschen Wahlverhaltensmustern zwischen 1928 und 1932 bei den nichtkatholischen und nichtmarxistischen Parteien daraufhin weißt, dass die Nationalsozialisten in völlig disproportionaler Weise auf Kosten der mittleren und liberalen Parteien zunahmen und viel weniger auf Kosten der Konservativen. Daraus leitet er oben zitierte erste These ab. Außerdem widerspricht Lipset hier der Auffassung Reinhard Bendix10, dass die erste Unterstützung der Nationalsozialisten vor allem durch traditionelle Nichtwähler erfolgte (Zunahme der Wählerstimmen für die NSDAP von 2,6% (1928) auf 18,3% (1930)), indem er aufzeigt, dass es zwischen 1928 und 1930 nur in 5 von 35 Wahldistrikten eine überproportionale Zunahme der NS-Wähler bei gleichzeitiger überproportionaler Zunahme der Nichtwähler gab, dagegen jedoch in 22 von 35 Wahldistrikten einerseits die Zunahme der Nichtwählerschaft gering und andererseits der Gewinn der Nationalsozialisten groß war oder aber die Sachlage sich genau umgekehrt darstellt. Erst im Jahre 1933 erhielten die Nationalsozialisten nachweisbar zusätzliche Unterstützung aus den Reihen der Uninteressierten, denn in 28 von 35 Wahldistrikten nahmen die NS-Wählerstimmen dort zu, wo die Wahlbeteiligung ebenfalls stieg.11

[...]


1 Lipset, Seymour Martin: Der ‚Faschismus’, die Linke, die Rechte und die Mitte, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 11 (1959), S. 401-444.

2 Wippermann, Wolfgang: Faschismustheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute, Darmstadt 19895, S. 71.

3 Geiger, Theodor: Panik im Mittelstand, in: Die Arbeit, VII Jg., Heft 10, 1930, S. 637-654.

4 Ebenda, S. 639-652.

5 Lipset: Der ‚Faschismus’, S. 450.

6 Ebenda, S. 450-451.

7 Ebenda, S. 458. Vgl. dazu auch: Heberle, Rudolf: From Democracy to Nazism, Baton Rouge 1945.

8 Ebenda, S. 459. Vgl. dazu auch: Franz, Günther: Die politischen Wahlen in Niedersachsen 1867 bis 1949, Bremen-Horn 1957, S. 28-32.

9 Ebenda, S. 457-461.

10 Vgl: Bendix, Reinhard: Social Stratification and Political Power, in: The American Political Science Review 46 (1952), S. 357-375.

11 Lipset: Der ‚Faschismus’, S. 464f.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Lipsets Theorie zum "Extremismus der Mitte"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Zur Soziologie der NS-Bewegung
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V122272
ISBN (eBook)
9783640273751
ISBN (Buch)
9783640273782
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mittelstandstheorie, Faschismusdiskussion, Faschismus, Nazi, Nationalsozialismus, Extremismus des Mittelstandes, NSDAP, Seymour Martin Lipset, Lipset, Radikalisierung des Mittelstandes, Mittelstand, Theodor Geiger, alten Mittelstand, Theorie, extremistischen Spektrum, Bendix, Dahrendorf, Heinrich August Winkler, Jürgen W. Falter, Mittelschichtsangehörige, Lipsetsche Theorie, 3. Reich, Drittes Reich, Hitler, Nationalsozialisten, Leppert-Fögen, Der ‚Faschismus’, die Linke, die Rechte und die Mitte, Wippermann, Faschismustheorien, Panik im Mittelstand
Arbeit zitieren
Marc Castillon (Autor), 2007, Lipsets Theorie zum "Extremismus der Mitte", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122272

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