In dieser Arbeit mit dem Titel „Lipsets Theorie zum ‚Extremismus des Mittelstandes‘“ wird vom Autor die Frage beantwortet, inwieweit die in dem Artikel „Der ‚Faschismus’, die Linke, die Rechte und die Mitte“ publizierte Auffassung Seymour Martin Lipsets, dass der Faschismus bedingt aus einer Radikalisierung des Mittelstandes hervorging, im Spiegel der wissenschaftlichen Forschung noch an Aktualität besitzt oder aber eben obsolet erscheint.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Mittelstandstheorie in der zeitgenössischen Faschismusdiskussion
II. Lipsets Theorie des „Extremismus der Mitte“
III. Lipsets Theorie des „Extremismus der Mitte“ im Spiegel der Forschung
1. Ralf Dahrendorf
2. Heinrich August Winkler
3. Jürgen W. Falter
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Aktualität von Seymour Martin Lipsets Mittelstandstheorie, welche den Aufstieg des Nationalsozialismus als Resultat einer Radikalisierung des Mittelstandes erklärt. Dabei wird analysiert, ob diese These im Spiegel der wissenschaftlichen Forschung weiterhin Bestand hat oder als obsolet zu betrachten ist, wobei der geographische Fokus auf der Wählerschaft der NSDAP in Deutschland bis 1933 liegt.
- Die historische Mittelstandstheorie in der Faschismusdiskussion
- Lipsets Konzept des „Extremismus der Mitte“
- Kritische Auseinandersetzung durch Ralf Dahrendorf
- Analyse der Thesen von Heinrich August Winkler
- Empirische Überprüfung und Kritik durch Jürgen W. Falter
Auszug aus dem Buch
III. Lipsets Theorie des „Extremismus der Mitte“ im Spiegel der Forschung
Der bekannte deutsche Soziologe Ralf Dahrendorf, der in seinem 1965 erschienenen Aufsatz den „Weg in die [nationalsozialistische] Diktatur“ beschreibt, kritisiert im Prinzip schon sechs Jahre nach der Lipsetschen Theorieerstellung diese als veraltet bzw. nur teilweise erklärend: „Obwohl inzwischen eine Vielzahl weiterer Arbeiten veröffentlicht wurde, ist Lipset […] noch heute der Ansicht, dass man den Nationalsozialismus mit der politischen Mentalität der Mittelstände erklären kann.“ Im Wesentlichen erklärt Dahrendorf verkürzt, dass sich Lipset auf Beobachtungen stützt, von denen er selber das „Wahlverhalten“ und die „Führungsgruppen der NSDAP“ für am Wichtigsten halte. „Warum aber sollte der Mittelstand eine antidemokratische Partei unterstützen?“ fragt Dahrendorf, der hier implizit zugeben muss, dass Lipset diese Frage mit der „Tatsache […], daß mit fortschreitender Industrialisierung neben dem Radikalismus der Linken, getragen vom Proletariat, und dem Radikalismus der Rechten im Interesse der großen Eigentümer an Land und Kapital ein Radikalismus derer eintritt, die traditionell in der Mitte stehen, […, ausgezeichnet durch] die Aversion gegen die beiden anderen Radikalismen“ nachvollziehbar beantworten kann. Hier kritisiert jedoch Dahrendorf: Die Mittelstandstheorie könne nicht den „30. Januar“ 1933 erklären, denn einen „Mittelstand gab es in allen industriellen Gesellschaften, einen 30. Januar 1933 aber nur in Deutschland“, obwohl auch in England und in den Vereinigten Staaten von Amerika es „Tendenzen zu einer antidemokratischen Politik der traditionellen Mitte“ gab. Die Theorie erkläre mithin nur „den besonderen [deutschen] Charakter der nationalsozialistischen Bewegung selbst“ und „wohl auch, warum dieser antidemokratische Extremismus […, sich] totalitär orientieren musste“.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage bezüglich der Aktualität von Lipsets Mittelstandstheorie im Kontext des NSDAP-Wahlerfolgs bis 1933.
I. Mittelstandstheorie in der zeitgenössischen Faschismusdiskussion: Überblick über frühe theoretische Ansätze, die den Faschismus als Reaktion des Mittelstandes auf den Spätkapitalismus und soziale Krisen deuteten.
II. Lipsets Theorie des „Extremismus der Mitte“: Erläuterung von Lipsets Kernthese, dass der Faschismus ein Äquivalent zum Liberalismus im extremistischen Spektrum darstelle und primär den Mittelstand anspreche.
III. Lipsets Theorie des „Extremismus der Mitte“ im Spiegel der Forschung: Detaillierte Kritik und wissenschaftliche Einordnung durch die Experten Ralf Dahrendorf, Heinrich August Winkler und Jürgen W. Falter.
Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Theorie, die Lipsets Ansatz trotz theoretischer Brillanz als empirisch weitgehend widerlegt oder als zu verkürzt für eine umfassende Erklärung des Nationalsozialismus einstuft.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, NSDAP, Mittelstand, Lipset, Extremismus der Mitte, Faschismustheorie, Wahlverhalten, Wahlstatistik, Dahrendorf, Winkler, Falter, Politische Soziologie, Weimarer Republik, Radikalisierung, Klassentheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die „Mittelstandstheorie“ von Seymour Martin Lipset und untersucht kritisch, ob seine Erklärung des Nationalsozialismus als „Extremismus der Mitte“ wissenschaftlich haltbar ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen die soziologische Klassifizierung von Wählergruppen, die historische Entwicklung der Faschismusforschung sowie die methodische Kritik an statistischen Wahlmodellierungen.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob Lipsets Theorie heute noch als aktuelles Erklärungsmodell für den Erfolg der NSDAP gelten kann oder als obsolet anzusehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine komparative Literaturanalyse, bei der Lipsets Thesen mit den kritischen Beiträgen namhafter Soziologen und Historiker wie Dahrendorf, Winkler und Falter konfrontiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Darstellung von Lipsets Thesen, gefolgt von einer tiefgehenden Diskussion der Argumente seiner Kritiker, insbesondere hinsichtlich der empirischen und methodischen Schwächen der Mittelstandshypothese.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Extremismus der Mitte, Mittelstand, Nationalsozialismus, Wahlstatistik und Faschismusforschung.
Warum kritisieren Winkler und Falter den Untersuchungszeitraum von Lipset?
Sie argumentieren, dass Lipset den Zeitraum zu eng gewählt hat und viele Wählerbewegungen bereits lange vor der Machtergreifung stattfanden, was die unmittelbare Kausalität zwischen Mittelstandsinteressen und NSDAP-Wahl in Frage stellt.
Welche Rolle spielt der Begriff „Volkspartei“ im Fazit der Arbeit?
Der Autor schließt sich Jürgen W. Falter an und bezeichnet die NSDAP eher als „Volkspartei mit Mittelstandsbauch“, um die Komplexität der Wählerschaft abzubilden, die über die reine Mittelstandstheorie hinausgeht.
- Quote paper
- Marc Castillon (Author), 2007, Lipsets Theorie zum "Extremismus der Mitte", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122272