Die Fischer-Kontroverse

Kriegsschuldfrage


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2008
27 Seiten, Note: 1,25

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die „Fischer-Kontroverse“
2.1 Verlauf der „Fischer-Kontroverse“
2.2 Ursachen der Kontroverse
2.3 Die Thesen und Sichtweisen Fritz Fischers
2.4 Kritik und Gegenpositionen

3. Fazit und Bewertung

4. Literaturangaben

1. Einleitung

Innerhalb der Geschichtswissenschaft sind schon so manche prekäre Debatten ausgefochten worden. Drei davon werden den meisten sicherlich bekannt sein. 1986/87 stand der große „Historikerstreit“ im Mittelpunkt der Geschichtswissenschaft. In den 90ern wurde der Holocaust schließlich im Zuge der „Goldhagen-Debatte“ neu diskutiert. Doch keine dieser beiden Debatten rückte so stark ins Blickfeld der Öffentlichkeit wie die sogenannte „Fischer-Kontroverse“, mit der ich mich in dieser Arbeit auseinandersetzen werde. Im Gegensatz zu den erstgenannten Debatten beschäftigt sich die „Fischer-Kontroverse“ weniger mit dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg, als vielmehr mit der Kriegsschuldfrage des Ersten Weltkrieges, wobei auch hier, wie wir sehen werden, der Antisemitismus nicht ganz ausgeblendet werden darf.

„Fischer-Kontroverse“ – was bedeutet das überhaupt? Nun, dieser Begriff wurde während des Streits zwischen renommierten deutschen Historikern über die Kriegsschuldfrage bezüglich des Ersten Weltkrieges in den 1960ern geprägt. „Kontroverse“[1] bedeutet in diesem Kontext nicht mehr als „Meinungsverschiedenheit“ oder „Auseinandersetzung“. Um es auf den Punkt zu bringen, kann man sagen, die „Fischer-Kontroverse“ ist eine Streitfrage über die Kriegsschuld des Deutschen Reiches im Zusammenhang mit dem Kriegsausbruch des Ersten Weltkrieges, welche von dem Hamburger Historiker Fritz Fischer entfacht wurde.

Der Frage nach der Kriegsschuld kommt nicht nur innerhalb der Geschichtswissenschaft eine bedeutende Rolle zu. Dies ist deutlich zu erkennen, wenn man das Thema in der pädagogischen Praxis betrachtet. Im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg, dem eine durchaus große Bedeutung und somit viel Unterrichtszeit zugesprochen wird, kommt der Erste Weltkrieg oftmals zu kurz. Was den Schüler/innen gelehrt wird, ist nach eigenen Erfahrungen überall dasselbe: Das Bündnissystem Bismarcks, die charakteristischen Züge des Wilhelminischen Zeitalters, das Auflösen des Bündnissystems infolge von Fehlentscheidungen des Deutschen Kaiserreichs, der Mord von Sarajevo als Auslöser des Krieges und schließlich der Verlauf des Weltkrieges, den der Versailler Vertrag abschließt. Die komplexe Frage nach der Kriegsschuld wird meistens mit einem Zitat des britischen Premierministers Lloyd George beantwortet, der von einem „Hineinschlittern“[2] der Großmächte spricht. Dass die Kriegsschuldfrage nicht ganz so simpel zu beantworten ist, werde ich anhand der „Fischer-Kontroverse“ sehr gut veranschaulichen können. Die aufgestellten Thesen des Hamburger Historikers Fritz Fischer sind nicht zu unterschätzen. Deutlich wird das allerdings erst, wenn man bewährte Literatur vor Fischers Forschungen heranzieht. So schreibt Walther Hubatsch in einem Handbuch zur deutschen Geschichte: „Die Geschichte der Jahre 1914-1918 ist so gut durchforscht wie kaum eine andere Epoche. Der Historiker bewegt sich überall auf sicherem Boden.“[3] Dass eben dies nicht der Fall ist, zeigt sich im Verlauf der „Fischer-Kontroverse“.

Den Hauptteil meiner Arbeit habe ich thematisch in drei Kapitel gegliedert, innerhalb des ersten Kapitels gehe ich jedoch chronologisch vor. Zunächst möchte ich den geschichtlichen Verlauf der Kontroverse darstellen. Dabei werde ich neben den historischen Fakten auch auf die Ursachen der Debatte eingehen. Im zweiten Kapitel werde ich die Hauptthesen Fritz Fischers darstellen und erläutern, wobei ich hauptsächlich die Thesen seines ersten Werkes, „Griff nach der Weltmacht“, untersuche. Die Betrachtung sämtlicher Werke Fritz Fischer, wie etwa „Krieg der Illusionen“, würde den Rahmen einer Hausarbeit sprengen. Im letzten Kapitel des Hauptteils stelle ich die Gegenpositionen der Kritiker vor. In den Vordergrund rücke ich den Historiker Gerhard Ritter, der sich am meisten gegen die Thesen Fischers sträubte. Ich weise darauf hin, dass ich an dieser Stelle hauptsächlich mit dem Sammelwerk „Deutsche Kriegsziele 1914-1918“ von Ernst W. Graf Lynar belegen werde, da hier wichtige Beiträge einiger an der Debatte teilhabenden Historikern übersichtlich abgedruckt sind. Abschließen werde ich die Hausarbeit mit einem eigenen Fazit und einer eigenen Bewertung. Ich möchte dabei anmerken, dass ich mich in diesem Kapitel nicht nur auf gängige Literatur stütze, sondern auch auf gewonnene Einsichten aus dem Seminar und aus Diskussionen mit Kommilitonen.

Zusätzlich weise ich darauf hin, dass ich Fakten (wie zum Beispiel Jahreszahlen) bezüglich des Verlaufs der „Fischer-Kontroverse“ aus ökonomischen Gründen nicht belegen werde. Diese sind überwiegend bei Ewald Frie nachzulesen.

2. Die „Fischer-Kontroverse“

2.1 Verlauf der „Fischer-Kontroverse“

Bis zum Jahr 1959 schien hinsichtlich der Kriegsschuldfrage alles geklärt zu sein. So heißt es zum Beispiel in einer gemeinsamen Erklärung[4] von deutschen und französischen Historikern aus dem Jahr 1951 unter anderem: „Die Dokumente erlauben es nicht, im Jahre 1914 irgendeiner Regierung oder einem Volk den bewussten Willen zu einem europäischen Kriege zuzuschreiben […]“. Die einzige Schuld des Deutschen Reiches sah man in der Versäumnis, „mäßigend auf die Politik Österreichs einzuwirken“[5]. Dies sollte sich auf drastische Art und Weise ändern, als der Hamburger Historiker Fritz Fischer ab dem Jahr 1959 seine Forschungen zur deutschen Kriegsschuld veröffentlichte. 1959 veröffentlichte er einen Aufsatz in der HZ (Historischen Zeitschrift) zum Thema der deutschen Kriegsziele im Ersten Weltkrieg. Basierend auf einer akribischen Aktenforschung behauptet Fischer, dass die Reichsleitung eindeutige und annexionistische Ziele verfolgte[6]. Dieser Artikel ließ schon zu diesem Zeitpunkt einige deutsche Historiker aufhorchen. Eine erste Stellungnahme des Historikers Hans Herzfeld ließ nicht lange auf sich warten. Im Gegensatz zu Fischer grenzte er die Absichten der Regierung von denen der chauvinistischen Verbände, die mit allen erdenklichen Mitteln nationale Ziele verwirklichen wollten, strikt ab[7]. Als tatsächlicher Auslöser der Debatte um die Kriegsschuld wird Fischers erstes großes Werk „Griff nach der Weltmacht“ gesehen. Dieses umfangreiche und provozierende Werk mit fast 900 Seiten stellt die These auf, dass Europa nicht in einen Weltkrieg „hineingeschlittert“[8] sei, sondern der Krieg aktiv von deutscher Seite herbeigeführt wurde. Zudem wollte, so Fischer, die deutsche Regierung, allen voran Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg, das Deutsche Reich zur Weltmacht avancieren. Als Beleg für seine Thesen führt Fischer häufig Belege aus den Archiven an, die die Kriegszielpolitik betreffen:[9]

Die deutsche Reichsleitung habe im Falle eines Siegfriedens ein wirtschaftlich zusammenhängendes Mitteleuropa unter deutscher Führung angestrebt. Außerdem seien Annexionen in den Grenzgebieten angestrebt worden. Unter anderem habe man Luxemburg zu einem deutschen Bundesstaaten machen wollen. Aus wirtschaftlichem Interesse sollten zum Beispiel auch die Erzgruben von Longwy-Briey mit Deutschland verbunden werden. Neben dem Abdrängen Russlands und Frankreichs sei ein zusammenhängendes mittelafrikanisches Kolonialreich Kriegsziel der deutschen Regierung gewesen.

Man kann sich vorstellen, dass diese Thesen für die Zunft der Historiker wie ein „Schlag ins Gesicht“ wirken mussten. Fritz Fischer stellte mit seiner Veröffentlichung die bisherige historischen Forschungen und somit, vielleicht auch unbewusst, die Geschichtswissenschaft in Frage. Um die Brisanz dieses Werkes deutlich zu machen, möchte ich eine Stelle aus einem Zeitungsbericht von Paul Sethe aus dem Jahr 1961 zitieren, indem er sich mit Fischers Werk auseinandersetzt:[10]

„Es gibt viele historische Werke, die unser Kenntnis nur bereichern und die wir deshalb dankbar aus der Hand legen. Es gibt auch andere, aber wenige, die uns erschüttern, ja umwerfen. Sie treffen den Kern von Vorstellungen, die uns teuer gewesen sind. Zu ihnen gehört, soweit die Lektüre ein Urteil erlaubt, das neue Buch des Hamburger Historikers Fritz Fischer: „Griff nach der Weltmacht“. Das Buch wird Gegenstand eines lebhaften Meinungsstreites werden. Die Spezialisten für die Geschichte des Ersten Weltkrieges und für die Kriegsschuldfrage werden das Wort ergreifen.“

Erschüttert waren die renommierten Historiker jener Zeit tatsächlich. Und Paul Sethes Annahme, sie würden „das Wort ergreifen“, war ganz richtig. Als „Nestor der Zunft“ tat sich schon früh der Historiker Gerhard Ritter hervor.[11] Es bildeten sich folglich zwei Fronten, welche in ihrer Meinung nicht unterschiedlicher hätten sein können. Während Fritz Fischer nur Unterstützung von seinem Schüler Imanuel Geiss und von Rudolf Augstein erhielt, konnte sich Gerhard Ritter auf eine große Zahl von Historikern verlassen, die ihm „den Rücken stärkten“. Um nur einige wichtige Vertreter zu nennen, möchte ich Hans Herzfeld, Giselher Wirsing, Edmunt Zechlin, Michael Freund, Golo Mann, Karl Dietrich Erdmann, Andreas Hillgruber und Wolfgang J. Mommsen hier anführen. Obwohl diese Kritiker Fischers im Grunde dieselbe Position vertraten, gab es Nuancen. Während Ritter strikt seine Linie verfolgte, dabei aber konstruktiv blieb, gestanden andere, wie zum Beispiel Hans Herzfeld, ein, dass die Forschungen Fischers zumindest ein neuer „Abschnitt in der Behandlung und Wertung der Geschichte“ waren.[12] Demgegenüber stand vor allem Giselher Wirsing, der Fischer in der Zeitschrift „Christ und Welt“ verbal stark angriff: Er behauptet, dass Fischer und Augstein historische Tatsachen „verbiegen“ und „mißbrauchen“ würde und dies zu „Geschichtsverdrehungen“ führe.[13] Während Fischer und Augstein hauptsächlich im „Spiegel“ publizierten, veröffentlichte die FAZ Artikel von Gerhard Ritter. Doch auch die „ZEIT“ und die „WELT“ veröffentlichten Artikel zu diesem Thema.

Eskaliert ist die Debatte schließlich 1964, als sie auch an ihrem Höhepunkt angelangt war. Fischer wollte eine Vortragsreise in die USA antreten, welche aber auf Drängen Gerhard Ritters vom damaligen Außenminister Gerhard Schröder unterbunden wurde[14]. Nachdem das Auswärtige Amt ganz einfach die finanziellen Mittel gestrichen hatte, kam es zu unerwarteten Protesten aus den USA. So meldeten sich auch einige amerikanische Historiker in der „ZEIT“ zu Wort: „Das Auswärtige Amt ist im Irrtum: ein Verschweigen der Wahrheit, ein nationalistischer Versuch (à la UdSSR), die Wahrheitsdiskussion zu unterbinden, das ist es, was dem deutschen Ansehen schadet, und nicht die Feststellung deutscher Gelehrter, daß die Deutschen den ersten Weltkrieg ausgelöst haben“[15]. Man sieht also, die Kritiker Fischers hatten nur das Gegenteil bewirkt, von dem, was sie eigentlich erreichen wollten, denn das Ausland stand dem neuen Geschichtsbild Fischers sehr positiv gegenüber.

Das war auch der Zeitpunkt, an dem sich die deutschen Politiker erstmals in die Debatte einmischten. Dabei äußerten vor allem die konservativen Politiker Franz- Josef Strauß, Bundeskanzler Ludwig Erhard und Bundestagsvorsitzender Eugen Gerstenmaier Bedenken gegenüber den Thesen Fischers[16]. Sie wollten nach der Schuld im Zweiten Weltkrieg dem deutschen Volk nicht auch noch die Schuld für den Ersten Weltkrieg zumuten.[17] Letztendlich wurde aber Fischer die Reise doch noch gestattet.

Kaum war er dann 1964 wieder aus den USA zurück, stand im Oktober der nationale Historikerkongress in Berlin bevor. Nachdem die Medien so umfangreich über die Fachdebatte diskutiert hatten, schaute man sehr gespannt auf das, was in Berlin vor 2000 Zuschauern passieren würde. Auf dem Podium saßen sich Fischer, Ritter, Zechlin, Jaques Droz, Fritz Stern, Hölzle, Hahlweg und die beiden jungen Schüler Fischers, Helmut Böhme und Imanuel Geiss gegenüber. Den Vorsitz hatte der Historiker Hans Herzfeld. Die noch unerfahrenen Böhme und Geiss bekamen dabei nur zehn Minuten Redezeit, während die ältere Generation auf dem Podium jeweils 20 Minuten Redezeit erhielt[18]. Nach circa fünf Stunden Diskussion war der Berliner Historikertag zu Ende und Imanuel Geiss erinnert sich später an die aufgeladene Stimmung auf dem Podium: „Wie angespannt die Stimmung während der Podiumsdiskussion war, zeigt eine handschriftliche Notiz, die Ritter während Fritz Sterns Vortrag für Hans Herzfeld durchgab […] <<Wer hat diesen Schwätzer eingeladen?>>“ .[19]

Fortgeführt wurde die Debatte dann 1965 auf dem Internationalen Historikerkongress in Wien. Dort wiederholte und verschärfte Fritz Fischer seine Thesen erneut, wobei von da an offiziell von der „Fischer-Kontroverse“ gesprochen wurde.[20] 1967 erschien dann ein überarbeitetes und gekürztes Sonderband von „Griff nach der Weltmacht“, welches die Debatte erneut in die Öffentlichkeit trug. Eine Radikalisierung Fischers Thesen konnte man in seinem zweiten großen Werk „Krieg der Illusionen“[21] im Jahr 1969 feststellen. Darin zog er Kontinuitätslinien von Bismarck bis zum Nationalsozialismus und betonte die Kontinuität der Eliten, die ihre imperialistischen Ziele hartnäckig hielten.

[...]


[1] Grosses Wörterbuch, S.306

[2] Frie, Das Deutsche Kaiserreich, S.85.

[3] Hubatsch, der Weltkrieg 1914-18, S2.

[4] bsv Geschichte 3N, S.234.

[5] Ebd., S.234.

[6] Kracht, Die zankende Zunft, S.48.

[7] Jarausch, Der nationale Tabubruch, S.23f.

[8] Frie, Das Deutsche Kaiserreich, S.85.

[9] Jäger, Historische Forschung und politische Kultur in Deutschland, S.134f.

[10] Sethe, Als Deutschland nach der Weltmacht griff, In: DIE ZEIT, S.12.

[11] Jarausch, Der nationale Tabubruch, S.30.

[12] Geiss, Zur Fischer-Kontroverse – 40 Jahre danach, S.54.

[13] Wirsing, Der Bauchredner. In: Christ und Welt, 10.07.1964

[14] Kracht, Die zankende Zunft, S.56.

[15] DIE ZEIT, 24.4.1964, S.6.

[16] Jäger, Historische Forschung und politische Kultur in Deutschland, S.143.

[17] Kracht, Die zankende Zunft, S.59.

[18] Geiss, Zur Fischer-Kontroverse – 40 Jahre danach, S.47.

[19] Ebd., S.48.

[20] Frie, Das Deutsche Kaiserreich, S.81.

[21] Fischer, Fritz: Krieg der Illusionen. Die Deutsche Politik von 1911 bis 1914. Düsseldorf 1969.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die Fischer-Kontroverse
Untertitel
Kriegsschuldfrage
Hochschule
Pädagogische Hochschule Weingarten
Veranstaltung
Erster Weltkrieg
Note
1,25
Autor
Jahr
2008
Seiten
27
Katalognummer
V122389
ISBN (eBook)
9783640275953
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Dozent war sehr erfreut über diese Arbeit. Ich versuchte zeitgenössische Argumentationen gegenüberzustellen und verwendete dafür zahlreiche Literatur als Quellen, sowie Zeitungsartikel, die sich auf Fritz Fischer und die Kontroverse über die Kriegsschuldfrage beziehen.
Schlagworte
Fischer-Kontroverse, Erster, Weltkrieg
Arbeit zitieren
Markus Spitz (Autor), 2008, Die Fischer-Kontroverse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122389

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