Therapeutische Prozesse im Rahmen der Gehirnforschung

Focusing, Intuition und neurobiologische Methoden in Therapie und Beratung


Fachbuch, 2014
133 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort: Kon-Takt!

1 Inside the mysterious Wollknäuel
1.1 Selbst und Selbst-Bewusstsein
1.2 Implizite Gedächtnisinhalte
1.2.1 Implizites Gedächtnis
1.2.2 Implizites Wissen
1.2.3 Implizite Einstellungen
1.3 Implizites Wissen bergen
1.4 Veränderungen: Von implizit zu explizit zu implizit

2 Black Box Intuition
2.1 Intuition – eine Definition
2.2 Erfahrungsbasierte Intuition
2.3 Instinkt und Notfallprogramme
2.4 Intuition und Vor-Urteile
2.5 Intuition als Prozess
2.5.1 Der erste und der zweite Eindruck
2.5.2 Der Faktor Zeit
2.6 Systemische Intuition
2.6.1 Intuition und Systemische Intuition
2.6.2 Das Erkennen von Mustern
2.7 Intuition und Therapie

3 Das Zusammenspiel von Körper und Geist
3.1 Kopf und Bauch
3.1.1 Verschiedene Gehirnzentren - verschiedene Aufgaben
3.1.2 Wie im Gehirn Emotionen entstehen
3.2 Gehirnforschung und Wachstum

4 Implizite Prozesse
4.1 Implizite Prozessketten
4.1.1 Vorteile impliziter Prozessketten
4.1.2 Nachteile impliziter Prozessketten
4.2 Die Fortsetzungsordnung im Focusing
4.3 Der organismische Plan
4.4 Veränderung von Prozessketten

5 Mentale Simulationen

6 Mit Spiegelneuronen in das Gehirn des Klienten blicken
6.1 Empathiefähigkeit
6.2 Eine Theorie of Mind
6.3 Motive und Absichten
6.3.1 Unser Dominanz-System
6.3.2 Unser Stimulanz-System
6.3.3 Unser Ausgleichs-System

7 Die Rolle von Stress in therapeutischen Settings
7.1 Stressreaktionen in der Therapie
7.2 Das Prinzip der Homöodynamik
7.3 Mit Freiraum kontrollierbare Stressreaktionen unterstützen
7.4 Hypnosystemische Konzepte
7.4 Vom Umgang mit emotionalen Ausrutschern
7.5 Fazit für Therapeuten und Klienten

8 Von allen Sinnen? Mit allen Sinnen!
8.1 Die Wahrnehmung als Tor zu emotionalen Prozessen
8.2 Bilder und Symbole als Tore zum Unbewussten

9 Was unser Körper uns sagt
9.1 Wie somatische Marker entstehen
9.2 Somatische Marker als intuitive Zeichen unseres Körpers
9.3 Embodiment und Körperphänomene
9.3.1 Körperphänomene vor und nach einer Entscheidung
9.3.2 Markieren und umdenken
9.4 Körper-Sprichwörter

10 Gefühlsmanagement
10.1 Entstehung und Sinn von Gefühlen
10.2 Primäre Gefühle
10.2.1 Angst und Furcht
10.2.2 Wut und Zorn
10.2.3 Die ganze Welt der Freude
10.3 Soziale Gefühle
10.4 Logik der Gefühle
10.5 Die Logik der Gefühle als Theorie of Mind

11 Warum es im Focusing so wenige Methoden gibt

Literaturverzeichnis

Vorwort: Kon-Takt!

Unsere Welt ist schnell geworden. Unser Alltag zwischen Arbeit, Beziehungspflege, Kindern, familiären Verpflichtungen und Freundschaften ist hektisch. Es bleibt kaum Zeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. In meine Praxis kommen Menschen, oftmals auch junge Menschen, die nicht wissen, was wirklich für sie zählt. Sie haben ihren Weg noch nicht gefunden. Oder sie haben ihn verloren. Doch was hat für uns wirklich Bedeutung? Wie können wir wissen, dass ein bestimmter Weg der richtige ist?

An dieser Stelle kommt die Therapierichtung Focusing ins Spiel. Im Focusing gibt es ein Prinzip des Wesentlichen. Der Therapeut macht sich gemeinsam mit dem Klienten auf die Suche nach dem, was uns wirklich bewegt. Er hilft dem Klienten dabei, seinen Weg zu finden. Das ist bisweilen schmerzhaft, oft aber auch, gerade deswegen, erhellend und heilsam. Es ist, als ob etwas in uns zurückgehalten wurde durch viel gesellschaftliches Müssen. Nun bekommt es Raum, um sich zu entfalten.

Das ist der eine Grund für dieses Buch. Focusing ist eine wunderbare Basismethode. Vieles, was Sie in diesem Buch erfahren, führt immer wieder zu dieser Grundlage zurück: Was ist das Wesentliche für Klienten? Und dieses wirklich wichtige findet sich in aller Regel nicht in unserem Denken, sondern im Unbewussten, in unserer Intuition und unseren impliziten Einstellungen.

Der zweite Grund ist die Neugier. Ich arbeite seit vielen Jahren mit Focusing. Ich nutze es in Coachings, Seminaren, Beratungen und im privaten Kontext. Manchmal als Methode, immer als Haltung. Und dennoch ist in mir immer diese Neugier nach etwas Neuem, die Neugier nach Erklärungen. Schön, das Focusing so gut funktioniert? Aber warum ist das so?

Es gibt Focusing-Puristen, die dabei die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Reicht es nicht, dass es funktioniert? Und in der Tat haben sie recht. Wissen kann hinderlich sein. Ich habe Coaches erlebt, die sich mit ihrem Wissen über zu viele Fragetechniken das Leben selbst schwer machten. Denn oftmals reicht es für eine gute Begleitung, sich selbst frei zu machen, an den Klienten mental anzudocken und dem Klienten ab an ein paar Begriffe zurückzugeben, von denen ich denke, sie wären emotional aufgeladen, um den Prozess voranzutreiben. Ich kann mich von Klient zu Klient weiterentwickeln, weitere Focusing-Konzepte hinzunehmen, wie zum Beispiel die Arbeit mit inneren Anteilen, mich in Gene Gendlins Philosophien einlesen, und mich so Schritt für Schritt weiterentwickeln.

Ich kenne jedoch Situationen, in denen es gut war, mehr zu wissen - Situationen in Trainings, Situationen mit neugierigen Klienten. Das Wissen um neurobiologische Zusammenhänge wäre in diesen Situationen nicht unbedingt notwendig gewesen. Aber es war gut, dass es auch da war. Es konnte erklären, warum Focusing funktionierte.

Dennoch war es nicht der Druck, Focusing erklären zu wollen, auch wenn das ein gutes Argument ist. Es war die Neugier, die mich zu anderen Therapiekonzepten und zur Gehirnforschung brachten. So kam ich zu Gunther Schmidts Hypno-Systemischer Therapie, Antonio Damasios Konzepten des Selbst und Joachim Bauers Frage, ob der Mensch zu Kooperation oder Durchsetzung geboren wurde, womit auch das Konzept der Spiegelneuronen nicht weit entfernt ist. So kam ich zu wissenschaftsübergreifenden Konzepten des Embodiment, inklusive Paul Ekmans Erforschung der Wirkung von Mimiken auf unser inneres Erleben. Der Weg dorthin ist bisweilen steinig. Mehrere tausend Seiten über Amygdala, präfrontalen Cortex und Co. sind nicht immer einfach zu lesen. Doch am Ende lohnt es sich fast immer.

Trotz dieses Hintergrundwissens bleibt es die natürliche Aufgaben des Therapeuten in Kontakt mit den Klienten zu kommen. Im Focusing nimmt dies einen zentralen Stellenwert ein. Da dieses Buch auch an jene gerichtet ist, die über die Gehirnforschung Focusing näher kennenlernen möchten, werde ich Ihnen im folgenden einen kurze Einführung geben. Dazu ist es hilfreich, sich die Entstehungsgeschichte von Focusing anzusehen: Als Gene Gendlin in den 60er Jahren auf die Idee kam, eine neue Therapierichtung auf der Basis der Gesprächstherapie zu entwickeln, untersuchte er ganz spezifisch, was Klienten zu erfolgreichen Klienten macht. Diese kleine Geschichte führt uns zu zwei Erkenntnissen:

1. Klienten sind dann erfolgreich, wenn Sie einen guten Kontakt zu sich haben.
2. Therapeuten sind dann erfolgreich, wenn sie sich zurückhalten und dem Klienten das Ruder überlassen.

Dies bringt uns als erstes zum Begriff der Intuition. Klienten sind erfolgreich, wenn Sie mit ihrer Intuition in Kontakt sind. Es ist faszinierend. Aber wenn ein Klient sich selbst mit inneren Wahrheiten konfrontiert, gibt es anschließend kein zurück mehr. Wir können viel reden ... und nach der Therapie wieder in eine andere Richtung gehen. Wenn jedoch der ganze Körper im therapeutischen Prozess beteiligt ist, führt kein Weg mehr zurück. Gendlin stellte damit das körperliche Erleben des Klienten in den Mittelpunkt.

Der Weg zu diesem inneren Erleben führt über die innere Achtsamkeit, womit wir beim zweiten wichtigen Begriff in diesem Kontext sind. Achtsamkeit ist die Antwort auf die Frage, wie sich das Paradoxon 'Nichts zu tun und dennoch erfolgreich zu sein' als Therapeut meistern lässt. Denn ich kann sehr wohl etwas tun, es stellt sich allerdings die Frage wie ich es tue. Wer Gene Gendlin einmal in Aktion gesehen hat, weiß, wie schnell er sich an einen Klienten andocken kann und dennoch immer achtsam bleibt. Es fühlt sich von außen an, wie ein Spiel, indem ein Ball stetig und weich zwischen den beiden Spielpartnern hin und hergeht, als ob es keine Pausen zwischen den Gesprächsanteilen gäbe, als ob es keine zwei Partner wären, keine Hierarchien gäbe, sondern nur einen gemeinsamen, großen Prozess der Fortentwicklung.

Es besteht ein Kon-Takt im besten Sinne. Der Therapeut besitzt Taktgefühl und ist in Resonanz mit dem Klienten. Beide tanzen in einem gemeinsamen Rhythmus. Diese Symbiose von außen zu betrachten oder selbst mitzuerleben ist immer wieder faszinierend.

Damit es nicht ganz zu einfach wird für den Therapeuten, nimmt dieser dennoch eine Mehrfachrolle ein: Er ist gleichzeitig 'Spieler', Moderator, Resonanzkörper und muss zudem auf seine eigenen Befindlichkeiten achten. Aus dieser Rollenvielfalt heraus leitet er den Entwicklungsprozess des Klienten und hilft diesem dabei, mental verschiedene Schritte auszuprobieren, um deren Umsetzbarkeit in der Realität zu testen.

Damit wird die übliche Rollenverteilung im therapeutischen Setting zumindest ein wenig verschoben: Das Unbewusste des Klienten kennt bereits die Lösung für sein Problem. Deshalb ergeben Ratschläge von außen wenig Sinn. Allenfalls können vorsichtige Angebote, Vorschläge oder Hypothesen hilfreich sein, um bei Blockaden einen Schritt weiterzukommen.

Diese Art der Offenheit ist nicht nur im Focusing von Bedeutung. Der Neurologe und Psychiater David Servan-Schreiber empfiehlt seinen Studenten und angehenden Ärzten die Gesprächsmethode oder -abfolge 'ELSE'.[1] Eine Methode, die an das erinnert, was an Fragen und Antworten im Focusing angewandt wird:

- "Welche Emotionen haben Sie dabei empfunden?"
- "Lassen Sie mich das Schwierigste dabei wissen."
- "Was hilft Ihnen am meisten, dem Druck standzuhalten?"
- Und Empathie: Hier findet der Ausdruck des Mitgefühls des Beraters seinen Platz.

Dass eine solche Herangehensweise funktioniert, ist folglich nicht nur im Focusing bekannt. Stellt sich die Frage, warum es funktioniert. Und damit kommen wir zu der Verbindung zwischen Focusing und Gehirnforschung. Ein überzeugter Focusing-Therapeut oder Coach braucht das Wissen um die Schnittmenge zwischen Neurowissenschaften und Focusing natürlich nicht, um erfolgreich zu arbeiten. Dennoch bieten sich drei Ansatzpunkte, warum dieses Buch für Sie gewinnbringend sein könnte:

1. Sie sind Therapeut und wollen sich dem Thema Focusing und Neurowissenschaften nähern. Komplexe neurobiologische Werke sind Ihnen jedoch zu langatmig und zudem meist sehr praxisfern.
2. Sie haben bereits Erfahrungen mit Focusing und wollen verstehen, warum Focusing funktioniert.
3. Sie sind Focusing-Trainer, -Therapeut oder -Coach und möchten Focusing Klienten schmackhaft machen. Dazu bieten sich neurowissenschaftliche Erkenntnisse hervorragend an.

Was Sie in den verschiedenen Kapiteln erfahren:

1. Wenn Menschen einen Coach oder Therapeuten aufsuchen, stellt sich immer die Frage nach einem Umlernen, nach neuen Wegen, vielleicht sogar nach einem Neu-Anfang. Dabei spielt es eine große Rolle, wie wir im Gehirn Erfahrungen abspeichern. Schließlich sind es nicht die bewussten, sondern die unbewussten Einstellungen, die uns daran hindern, neue Wege zu gehen. Es gilt zu untersuchen, wie Therapeuten an diese unbewussten Inhalte herankommen, um gezielt Einfluss darauf zu nehmen.
2. Im zweiten Kapitel wird das Konzept der verschiedenen Ebenen unseres Selbst-Bewusstseins sowie unseres impliziten Wissens und unserer impliziten Einstellungen durch den gängigeren Begriff der Intuition ergänzt. Unsere Intuition zeigt uns an, in welche Richtung sich unser Organismus weiterentwickeln will.
3. Im dritten Kapitel erfahren Sie, wie Kopf und Bauch, Ratio und Intuition, Logik und Emotionen zusammenspielen. An dieser Stelle schauen wir uns die verschiedenen Zentren im Gehirn und deren Zusammenspiel an.
4. Wenn wir einen Startpunkt (unbewusste Einstellungen) und ein Ziel (neue Wege gehen) haben, brauchen wir noch einen Weg von A nach B. Hier kommen intuitive Prozesse ins Spiel, wodurch Therapien und Coachings an Fahrt gewinnen. Das besondere dabei: Im Focusing wird von einem individuellen inneren Plan des Klienten, der sogenannten Fortsetzungsordnung ausgegangen, an dem sich Therapeut und Klient orientieren können. Das Vertrauen auf diese innere Orientierung führt zu einem starken Vertrauen in die Selbstheilungskräfte des Klienten. Anders formuliert: Wenn der Therapeut die richtigen Hebel drückt, wird der Klient den Weg zu seinem Ziel beinahe alleine finden.
5. Wie ein solcher Prozess abläuft, zeigt das Kapitel 5: Mentale Simulationen. Mentale Simulationen sind Prozesse, die im Gehirn vorausgedacht werden. Focusingprozesse bestehen im Wesentlichen aus solchen Simulationen, die es Klienten gleichermaßen helfen, sich auf Situationen positiv vorzubereiten als auch Hindernisse vorwegzunehmen.
6. Bevor wir in den therapeutischen Prozess mit den Kapiteln über Freiraum, Wahrnehmung, Emotionen und Gefühle einsteigen, möchte ich in Kapitel 6 auf die Rolle der Empathie und Spiegelneuronen eingehen. Ein Thema, das in jedem therapeutischen Setting eine große Rolle spielt.
7. Das siebte Kapitel widmet sich dem Thema Stress. Dabei sind vor allem zwei Aspekte wichtig: Kontrollierter Stress stößt Prozesse der Veränderung an, während unkontrollierter Stress Veränderungen behindert. Daher gilt es, in Therapien eine gute Stress-Balance zu halten.
8. Als nächstes widmen wir uns, wie in jedem guten Prozess der Wahrnehmung als erstem Zugang zu inneren Prozessen. Im Kapitel 8 sehen wir, wie unsere Wahrnehmung mit inneren emotionalen Prozessen und Einstellungen zusammenhängt und damit unsere Sicht auf die Welt prägt. Dabei stellt sich ebenso die Frage, wie unsere Wahrnehmung als Tor zu unserem Unbewussten genutzt werden kann, um nachhaltige Veränderungen anzuregen.
9. Was Therapeuten von Klienten als erstes auf der unbewussten Ebene bemerken sind nonverbale Signale. Im Focusing geht es darum, diese Signale dem Klienten bewusst zu machen, um damit das innere Erleben zu vervollständigen und den therapeutischen Prozess voranzubringen. Was im außen als Körpersignal wahrgenommen wird, spielt sich dabei im Innenleben des Klienten als sogenannter somatischer Marker ab. Diese Bündel an Emotionen zu ergründen liefert Therapeuten eine gute Handhabe zum Verständnis innerer Beweggründe des Klienten.
10. Danach widmen wir uns der tieferen Logik der Gefühle. Denn: Gefühle haben immer einen Sinn. Sie verfolgen immer eine Absicht und ein Ziel. Mit diesem Wissen lernen Sie, die Gefühle des Klienten sinnvoll in ihren Kontext einzubetten.
11. Das elfte Kapitel schließlich bildet den Abschluss und ein Fazit. Lassen Sie sich überraschen!

1 Inside the mysterious Wollknäuel

Haben wir einen freien Willen? Wo werden Erfahrungen im Gehirn abgespeichert? Wie kommen wir an unser unbewusstes Wissen? Wie wirken sich unbewusste Einstellungen aus? Und welche Methoden gibt es, verschüttete Gedächtnisinhalte von Klienten zu bergen?

Stellen Sie sich einen Knäuel Wolle vor. Sie sehen die Oberfläche, die Farbe der Wolle, Sie können fühlen, ob sie kratzt oder weich ist und Sie sehen, wie dick die Wolle ist und ob sie 'haart' oder nicht. Doch wissen Sie, ob sich die Farbe innen verändert? Wissen Sie, ob die Dicke gleich bleibt? Wissen Sie, ob das Knäuel 'aus einer Wolle' oder ob es aus mehreren Resten besteht? Sie vermuten das eine oder andere. Doch genau wissen können Sie es nicht. Und auch die Länge schätzen Sie nur aufgrund Ihrer Erfahrungen. Wird es für einen Pullover oder für Socken reichen? Wie der Psychologe Gerd Gigerenzer in seinem Buch „Risiko“ deutlich macht, können wir, was die Zukunft angeht, genau genommen gar nichts wissen, sondern nur Vermutungen anstellen.[2]

So beginnen Sie mit dem ersten Stück, das Sie zu fassen bekommen, das Knäuel im wahrsten Sinne des Wortes zu ent-wickeln. Genau in diesem Bild zeigt sich der Unterschied zwischen dem, was wir wissen und was wir nur erahnen können, von dem was sich im Inneren des Wollknäuels abspielt. Nach und nach wird klarer was 'inside' passiert.

Wie Jona sich im Wal selbst suchte und fand, suchen wir nach Erkenntnissen im Wollknäuel. Die impliziten, unbewussten Informationen, die an jedem Zentimeter Faden hängen, kommen so Schritt für Schritt ans Tageslicht und werden nach und nach begreif-bar.

Im Focusing wird mit dem Impliziten, Unbewussten, Unterbewussten oder Vorbewussten gearbeitet. Es wird mit dem gearbeitet, was sich unter der Oberfläche befindet. Es gilt, das Unbewusste, das nicht nur negatives hervorbringen muss, herauszukitzeln und die Lösungen zu bergen, die dort schlummern. Gendlin sagt dazu, dass unser Implizites etwas weiß und auch nicht weiß. Es weiß nicht, wie das Ganze aussieht. Es weiß nicht, was alles passieren wird. Aber es weiß, in welche Richtung der Weg gehen sollte und kennt damit den nächsten Schritt.[3]

Dieses Implizite bestimmt unser Denken und Handeln zu grob zwei Dritteln. Schauen wir uns an, was dieses 'Implizite' bedeutet, wo es herkommt, wie es entsteht und welche Erkenntnisse wir für Therapien und Coachings daraus ziehen.

1.1 Selbst und Selbst-Bewusstsein

Bewusstes und Unbewusstes spielen in vielen Therapien eine große Rolle. Was tun wir oft unbewusst, obwohl wir es nicht wollen? Wie leiten uns Emotionen[4] und Motive, ohne dass wir davon Notiz nehmen? Und wie kann ein Therapeut das Bewusstsein des Klienten so 'instruieren' oder zumindest zugänglich machen, dass er die Kontrolle über seine eigenen Handlungen (wieder) erlangt?

In der Neurobiologie heißt es: Uns wird etwas bewusst, wenn es wichtig genug ist und wenn es neu ist, sodass wir noch über keine entsprechenden Handlungsprogramme verfügen.[5]

Dass ab und an etwas nicht in unserem Bewusstsein auftaucht, obwohl wir uns damit beschäftigen sollten, könnte jedoch an der mangelnden Bereitschaft oder Fähigkeit liegen, sich damit auseinander zu setzen. Das Gehirn ergreift die Gelegenheit der Verdrängung, um einen einfachen Weg zu gehen. Den Weg, den es schon tausendmal gegangen ist. Auch wenn die Ergebnisse offensichtlich nicht zufriedenstellend sind, laufen Prozesse immer wieder automatisch ab, um so wenig Energie wie möglich zu verbrauchen. Das Gehirn greift nur zu gern auf Routinen zurück, die es kennt.

Sollte der Organismus jedoch genügend Handlungsdruck verspüren, eine neue Situation zu meistern, wird das Bewusstsein eingeschaltet. So werden unbewusst Bedrohungen abgewehrt, während sich unser Bewusstsein um die Weiterentwicklung unseres Handlungsrepertoires kümmert.[6] Dabei stellt sich Frage: Können wir uns nur weiterentwickeln, wenn uns innere Prozesse bewusst sind?

In vielen Therapieformen wird das Unbewusste bewusst gemacht, um damit zu arbeiten. Auch im Focusing werden unpassende, innere Prozesse bewusst gemacht, da sie dann nicht mehr automatisch ablaufen. Passende intuitive Abläufe sollten dagegen im Unbewussten bleiben. Sie wurden internalisiert und sozialisiert und wirken im Unbewussten schnell und zuverlässig, so wie wir nicht darüber nachdenken, ob wir, wenn ein Ball auf die Straße fliegt, bremsen sollen oder nicht.

Mit Sicherheit lässt sich eine Weiterentwicklung auch auf der unbewussten Ebene vorantreiben, wie dies im Rahmen von hypnotherapeutischen Ansätzen geschieht. Seriöse Hypnotherapeuten, wie beispielsweise Gunther Schmidt, plädieren allerdings nicht zuletzt aus ethischen Gründen dafür, dies vor einer Intervention transparent und damit dem Bewusstsein verfügbar zu machen.[7] Damit fördern sie die Kooperation von Bewusstem und Unbewusstem.

Durch diese Transparenz wird dem Selbst-Bewusstsein die Möglichkeit gegeben, sich Vorgänge im Körper bewusst zu machen, und, wenn möglich auf deren Steuerung Einfluss zu nehmen. Laut dem Neurobiologen Antonio Damasio dient unser Selbst-Bewusstsein schließlich der bewussten Regulation der Körperfunktionen beziehungsweise einer angemessenen Reaktion des Körpers auf Umwelteinflüsse.[8] Das Gehirn nimmt wahr, wie es unserem Körper geht, ob er beispielsweise Hunger hat oder ob ihm Gefahr droht. Denn auch unser Körper empfindet nicht nur etwas für sich, eine einzelne Einheit, die in den Neurowissenschaften Quale (Mehrzahl Qualia) genannt wird.[9] Er ist immer in Kontakt, wenn es gut läuft auch in Kon-Takt, mit der Umwelt. Es trägt diese Umwelt bereits in sich.[10]

Gleichzeitig kann sich das Gehirn vorstellen, wie es ist, wenn der Organismus in die eine oder andere Situation gerät. Es visualisiert sich und die Situation und fühlt sich in die Situation hinein.[11] Gene Gendlin sagt: Der Körper ist in der Situation und die Situation ist im Körper. Je nachdem, wie diese Visualisierung im Kopf ausgeht, positiv oder negativ, verspürt der Körper Erleichterung oder Anspannung und weiß dann, was zu tun ist. Durch diese Vorwegnahme der Zukunft erleichtern wir uns von erdrückenden Eindrücken der Gegenwart. Befürchtungen werden abgeschwächt und schaffen so Raum für Neues.

Erst durch diese Vor-Stellung konnte sich der Mensch evolutionär weiterentwickeln. Andere Lebewesen hatten bereits zuvor eine Art Bewusst-Sein. Der Mensch jedoch kann sich nicht nur im Hier und Jetzt verorten. Er kann sich zusätzlich eine Zukunft vorstellen und diese mit seiner Vergangenheit abgleichen.

Damasio sagt dazu:"Das Bewusstsein ermöglicht die Verknüpfung zweier disparater Aspekte ... – der internalen Lebensregulation und der Vorstellungskraft"[12] und befähigt so den Menschen, in Gefahrensituationen dank kreativem Denken und sinn-vollem Einfühlen zu überleben und sich langfristig weiterzuentwickeln. Und an anderer Stelle:"Nach meiner Überzeugung ist ein Schlüsselaspekt der Selbst-Entwicklung das Gleichgewicht zweier Einflüsse: der gelebten Vergangenheit und der antizipierten Zukunft".[13] Wir sollten im Reinen sein, mit dem was war, um bereit zu sein, für das was kommt, was wir uns darunter vorstellen oder planen.[14] Dieses Planen hängt laut dem Psychologen Daniel Gilbert mit unserem Frontal- oder Stirnlappen zusammen.[15] Dort befindet sich unsere Amygdala, in der unter anderem unsere Ängste gespeichert sind.[16]

Der spannende Zusammenhang, der sich hierbei ergibt lautet: Wenn wir planen, machen wir uns auch Sorgen um die Zukunft. Unfallpatienten mit einem verletzten Frontallappen verspüren oftmals keine Ängste, wissen aber auch keine Antwort auf Fragen nach ihrer Zukunft.[17]

Erst die Bewusstmachung unserer Emotionen, der positiven und spannenderweise auch der negativen in einer guten Balance, ermöglicht dem Selbst und damit seinem Organismus, sich weiterzuentwickeln. Carl Rogers – in dessen Tradition Gendlin steht – sagte dazu: Unser Selbst bezeichnet ein bewusstes Verständnis dessen, was unser Wesen in unserem unbewussten Kern ausmacht. Erst durch diese Bewusstmachung können wird gezielt an uns arbeiten und auch unangenehme Erfahrungen in unser Selbst integrieren.[18] Genau dies passiert in Beratungen und Therapien: Klienten beschäftigen sich konstruktiv und bewusst mit ihren Problemen, anstatt sich unbewusst im Kreis zu drehen. Unangenehme innere Anteile sollten eben nicht verdrängt werden, sondern ihren Platz im Selbst-Bewusstsein bekommen.

Wir können also festhalten: Erst durch die Bewusstmachung unseres unbewussten Selbst bekommen wir die Chance, das Abgespeicherte zu überprüfen und neu zu bahnen, um uns weiterzuentwickeln. Da der Mensch jedoch dazu tendiert, einzelne Aspekte seiner Wahrnehmung überzubetonen, ist es wichtig, einen Schritt zurückzutreten und eine Sicht auf das Ganze zu gewinnen. So entsteht aus vielen einzelnen Mosaiksteinchen, die unser Selbst ausmachen, das Gesamtbild unseres Selbst, wenn Sie so wollen unseres Wesenskerns.

Dabei gilt: Wenn wir uns ein Objekt oder eine Tätigkeit mental vorstellen, werden alle abgespeicherten Sinne, die motorischen Bewegungen und dazugehörigen Emotionen wieder abgerufen. Wie in einer Kettenreaktion folgt auf ein Bild eine Emotion, ein Geräusch, ein Ausspruch, eine Idee und bisweilen auch ein Geschmack oder Geruch. Erst unter Hinzunahme all dieser Erlebnisqualitäten bekommen wir eine komplettes Bild von uns in der Vergangenheit, das wir im Hier und Jetzt spüren, um es visualisiert mit in die Zukunft zu nehmen. Um uns darum bewusst zu kümmern, benötigen wir ein Selbst-Bewusstsein.

Der freie Wille

Viele Alltagsentscheidungen werden bereits unbewusst im Gehirn getroffen, bevor unser Bewusstsein davon etwas wahrnimmt.[19] Daher gehen Neurowissenschaftler davon aus, dass wir in Wirklichkeit keinen freien Willen haben. Doch die Wahrnehmung einer Emotion ist die eine Sache. Die tatsächliche Handlung danach die andere. Gehirnforscher sprechen deshalb lieber von einem freien Unwillen.[20] Bevor wir handeln, können wir immer noch innerlich Nein sagen. Dazu sollte uns allerdings bewusst sein, welche Konsequenzen unser Handeln hat.

Doch auch, wenn mit neurowissenschaftlichen Methoden festgestellt (oder vermutet) werden kann, wie unser Bewusstsein aussieht und wo es sich befindet, sollte klar sein, dass es da immer ein 'Noch-Mehr' gibt. Die Untersuchungen um den freien Willen können schließlich kaum ergründen, was da bereits vorher im Gehirn war, welche Nervenbahnen es bereits vor der unbewussten Entscheidung gibt und ob es so etwas wie eine Seele gibt, die dafür verantwortlich sein könnte. Vielleicht können sie dies eines Tages. Doch aktuell ist dies immer noch eine Aufgabe der Philosophie. In diesem Sinne sollten Wissenschaften immer als etwas er-gänzendes betrachtet werden, so wie auch Philosophie oder Religion als er-gänzend betrachtet werden sollten. Nur gemeinsam kann es ein Ganzes ergeben.

Bewusstseinsstufen

Laut Damasio[21] besitzen wir drei verschiedene Stufen eines Selbst-Bewusstseins:

Das Protoselbst

Das Protoselbst bezeichnet das unbewusste Gedächtnis und das unbewusste Reagieren einer Zelle auf Außeneinflüsse. Auf dieses Selbst haben wir keinen Einfluss, was sich leicht an einem Beispiel verdeutlichen lässt: wenn wir uns schneiden, reagieren unsere Zellen automatisch gemäß eines feststehenden Reparaturprogramms. Ebenso kann dies mit Emotionen passieren, wenn wir uns wütend gegen eine Aggression wehren, und die Kontrolle unseres Verhaltens erst später einsetzt. Dabei haben unsere Zellen sogenannte Schwankungsbreiten. Dadurch ist es möglich, eine einzelne Zelle eine Zeit lang unter Druck zu setzen, sodass die Zelle sich bis an ihre Grenze anpasst ohne zu 'zerplatzen'. Dies erinnert an die Vorstellung eines Menschen, der dauerhaft unter Strom steht, als ob seine Zellen bis aufs Äußerste gereizt sind.

Ein reagierend eingreifendes Protoselbst besitzt jedes Lebewesen, das darauf angelegt ist, zu überleben – nicht unbedingt sich weiterzuentwickeln. Die 'Emotion' einer Amöbe führt auch ohne Bewusstheit dazu, auf ein feindliches Umfeld zu reagieren. In diesem Sinne greifen Emotionen auch beim Menschen unbewusst regulierend in den Organismus ein. Die untereinander zusammenhängenden neuronalen Muster der einzelnen Zellen des Protoselbst werden jedoch in jedem Augenblick im Gehirn repräsentiert. Sie sind uns damit aktuell nicht bewusst, können allerdings zu späterem Zeitpunkt bewusst werden.

Aktualbewusstsein

Auf der nächst bewussteren Ebene befindet sich das, laut Damasio, teilbewusste Kernselbst. Gerhard Roth bezeichnet dies als Aktualbewusstsein, welches das sinnliche, nach innen und außen gerichtete Erleben des Körpers bewusst wahrnehmbar macht.[22]

Wie Daniel Gilbert anschaulich darstellt sind die Begriffe Erfahrung und Bewusstsein deutlich voneinander zu trennen: Was wir erfahren und erleben, kann sich sehr wohl auch unbewusst in unserem Erfahrungsgedächtnis abspeichern. Dennoch können wir uns diese Ereignisse zu einem späteren Zeitpunkt bewusst machen. Das passiert, wenn wir tagträumend Zeitung lesen, dies bemerken, uns denken, dass wir nichts von den Inhalten der Texte mitbekommen haben und später merken, dass wir den Artikel doch irgendwie unbewusst gelesen haben.[23]

Dem Aktualbewusstsein lassen sich verschiedene Ich-Zustände zuordnen, die in verschiedenen Gehirnregionen beheimatet sind, zum Beispiel die Wahrnehmung des eigenen Körpers, die Wahrnehmung des Organismus in Interaktion mit der Umwelt, Bedürfniszustände wie Hunger, Durst und Müdigkeit oder das Gewahr-Werden eines Gefühls.

Diese innere Erlebenswelt äußert unser Aktualbewusstsein nach außen auf nonverbale Art, das heißt mittels Mimik, Gesten, Körperhaltungen, Tonfall, Stocken, Stottern oder Gähnen. Es ergänzt damit die unvollständige Sprache.[24]

Das Kernselbst wird uns bewusst, wenn unser Organismus in einen Veränderungszwang aufgrund von Umwelteinflüssen gerät. Die alten unbewussten Verhaltensmuster greifen nicht mehr. Es braucht etwas Neues.

Dazu erzählt das Aktualbewusstsein in erster Linie Geschichten ohne Worte, die anschließend zum Teil intern in Sprache übersetzt werden. Vermutlich kommen diese Geschichten vom limbischen System, unserem emotionalen Zentrum, das wir noch kennenlernen werden. Doch da dieses mehr fühlt als redet, wird der Präfrontale Cortex als Übersetzer benötigt. Unbewusst heißt in diesem Sinne nicht einfach "nicht bewusst", sondern vielmehr "nicht verstanden".[25]

Da die Wahrnehmung des Aktualbewusstseins immer auch eine Interpretationssache ist, können Übersetzungsfehler dessen passieren, was wir, kulturell und individuell geprägt, unter dem Auftreten eines wahrgenommenen Gefühls oder einer Körperempfindung verstehen. Auch diese Fehlinterpretationen gilt es umzuprägen. Denn vielleicht deuten wir schon eine ganze Weile unsere Emotionen auf die 'falsche' Weise, das heißt auf eine Weise, die uns auf Wege führt, die zwar verlässlich ausgetreten sind, doch in Wirklichkeit immer wieder auf dieselben Holzwege führt.

Das autobiographische Selbst

Das Selbst schließlich, das die meisten Menschen unter diesem Begriff im Sinn haben, nennt Damasio das autobiographische Selbst. Dieses Selbst sammelt alle Momentaufnahmen des Aktualbewusstseins im autobiographischen Gedächtnis, um bei Bedarf darauf zuzugreifen. Dadurch wird jeder einzelne Augenblick mit der Gesamtheit aller Augenblicke eines Lebens verknüpft.[26]

Roth bezeichnet dies als Hintergrundbewusstsein, welches das aktuelle Erleben vor dem Hintergrund des biographischen Ichs in Raum und Zeit einordnet. Hier kommt alles zum tragen, was uns bewusst und unbewusst ist: Wünsche, Träume, Hoffnungen, Erwartungen, Ziele, Voreinstellungen, Wahrnehmungsfilter, Motive, Ideen oder Gefühle.[27]

Auch dem autobiographischen Selbst lassen sich verschiedene Ich-Zustände zuordnen, die wiederum in anderen Gehirnregionen verortet werden, zum Beispiel Denken und Erinnern, das Erleben von Identität, die Autorschaft eigener Handlungen, die eigene Orientierung in Zeit und Raum, die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Täuschung oder die Reflexion über das eigene Ich.[28]

Den Kern des autobiographischen Gedächtnisses bildet unser Erlebnis- oder Erfahrungsgedächtnis.[29] Aus diesem entsteht unser Wissensgedächtnis, das losgelöst von unseren Erfahrungen das Wissen bewusst macht und bereit hält, das wir kurz- und langfristig benötigen. Als Organisator des Gedächtnisses gilt der Hippocampus. Roth sagt dazu: Der Hippocampus ist das "Tor zum Bewusstsein".[30]

Focusing und Felt Sense

Das Selbst wird von Gendlin als Konstrukt aus allem, was uns ausmacht, bezeichnet. Es gleicht damit dem autobiographischen Selbst von Damasio. Ein Selbst, das auf unser Aktualbewusstsein schaut, in dem sich alles im Hier und Jetzt zentriert. Damit wird das Aktualbewusstsein der hauptsächlich fokussierte Teil eines Focusingprozesses. Das autobiographische Selbst ist immer präsent. Deshalb passt auch der Begriff des Hintergrundbewusstseins sehr gut. Erster 'Ansprechpartner' ist jedoch das Aktualbewusstsein. Auch dieser Begriff trifft es für unsere Zwecke besser als Damasios Kernbewusstsein.

Ein Beispiel: Ein Klient denkt an ein persönlich relevantes Thema. Sein aktuelles Erleben spiegelt sich in seinem Aktualbewusstsein wieder, ist aber auch verbunden mit seinem autobiographischen Selbst und damit seinen Erfahrungen, Gedanken und Gefühlen. Gleichzeitig kann er, ausgehend von seinen aktuellen Empfindungen in die Zukunft blicken. Es geht nun darum, eine Stimmigkeit zwischen Gestern, Jetzt und Morgen herzustellen - und dies auf allen inneren Erlebensebenen. Diese Stimmigkeit findet sich wieder im Felt Sense, einer Art 'Gefühltes Alles'. In dieser Gesamtheit allen Erlebens fokussiert sich das Aktualbewusstsein, greift gleichzeitig auf das Hintergrundbewusstsein zurück und visioniert ein mögliches zukünftiges autobiographisches Selbst.

Wer ist Ich?

Der Felt Sense ist laut Gendlin in jedem einzelnen Moment das Tor zum Ich. Ein Ich, das losgelöst von allen Rollen, Erwartungen und Erfahrungen ist. Ein Ich, das sich schwer greifen lässt, aber dennoch da ist, einen Antrieb hat, Hunger hat, Durst hat und neugierig ist.[31]

Im Felt Sense ist all das enthalten und noch mehr. Auch wenn der Felt Sense 'nur' ein Bündel an Empfindungen und Einstellungen zu einem Thema ist, spiegelt sich darin doch das ganze vergangene und aktuelle Selbst wieder.

Dies beinhaltet eine der spannendsten Fragen, auf die jeder Mensch seine eigene Antwort finden sollte: Was bleibt von uns übrig, wenn wir all unsere Themen, Rollen und Anforderungen von außen hinweg nehmen? Was bleibt von unserem Ich übrig, wenn wir auch das, was wir momentan erleben, empfinden und denken – also den Felt Sense – abziehen? Was macht uns letztlich aus? Was für ein Mensch sind wir dann, wenn nichts mehr übrig ist? Sind wir immer noch neugierig? Hungrig? Durstig? Wollen wir von vorne beginnen oder uns wenigstens am Leben erhalten?

Damasio geht davon aus, dass das Kernselbst nach und nach zum autobiographischen Selbst wird. Als ob es erst getestet würde und nach Erfolg zu einem Teil unserer Autobiographie wird.[32]

Ich denke, dass auch das autobiographische Selbst im jeweiligen Kernselbst zu finden ist. Denn so wie wir uns körperlich, geistig und emotional sehen, wie wir durch jeden Kernselbst-Moment unseres Lebens geprägt wurden, prägt dies letztlich auch unsere Kernselbst-Sicht. Wir realisieren unseren Organismus im Kontakt mit der Umwelt und deuten aufgrund der Einstellungen unseres Hintergrundbewusstseins unsere Wahrnehmungen und Emotionen.

Dabei lautet eines der wichtigsten Ziele unseres Aktualbewusstseins die Wahrung unseres Selbstkonzepts oder dessen Weiterentwicklung durch implizite und explizite Reaktionen: Gegen eine Beleidigung kann ich mich explizit wehren - auf ein Rascheln im Gebüsch um 1 Uhr morgens reagiere ich unbewusst.[33]

Grafisch verdeutlicht:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 1: Autobiographisches Selbst und Kern-Selbst

Felt Shift

Bleibt noch offen, wo unser zukünftiges autobiographisches Selbst im Focusing wiederzufinden ist. Im Focusing gibt es dazu den Begriff des Felt Shift: Wenn ich mental einen Schritt gehe und merke, dass der Schritt gut ist, das heißt der Schritt auch in der Realität gut wäre, empfinde ich ein erleichterndes oder motivierendes Gefühl, das Felt Shift genannt wird. Diese innere Empfindung von Entspannung und Klarheit kann sich äußerlich in vielen Facetten der Haltung und Mimik widerspiegeln. Denkbar sind ein Lächeln, eine sich entspannende Haltung oder ein Aufatmen. In der Regel entsteht anschließend ein innerer Willensruck, der sich in einer offeneren, geradlinigen Haltung niederschlagen kann. Wir werden uns die expliziten Äußerungen von Emotionen detailliert in Kapitel 9.3 ansehen.

Der Felt Shift stellt für mich die Schnittstelle zwischen unserem alten und neuen autobiographischen Selbst dar. Der Felt Shift nimmt ein zukünftiges Bewusstsein vorweg und erleichtert damit das später tatsächlich entstehende erneuerte autobiographische Selbst.

Verdrängungen im Selbstkonzept

Im Focusing gibt es nur ein Ich, auch wenn es verständlicherweise mehrere Anteile oder Personen in uns gibt, die um das eigentliche Ich kreisen. Bei all dem dürfen wir nicht vergessen, dass jeder autobiographische Anteil von uns, zum Beispiel ein Inneres Kind, einmal ein ganz normaler Teil unseres Ichs war. Nur durch ungünstige Umstände wurde dieser Teil abgespalten, um eine bestimmte Funktion zu erfüllen. So kann es passieren, dass unser Kern-Selbst mit Inhalten bedroht wird, die aktuell nicht in unser autobiographisches Selbst integriert werden können. Unser Organismus reagiert dann, wie Rogers sagt, zuerst mit Angst, eventuell auch mit Wut. Später kann dies zu Verdrängungen und Abspaltungen eines inneren Anteils als Schutzmechanismus führen.[34]

Der Organismus verbietet sich selbst, Angst zu haben, um sich eine Realität vorzuspielen, die so nicht stimmt, jedoch für ihn besser verkraftbar ist. Irgendwo müssen diese Erfahrungen dennoch abgespeichert werden. Sie werden separiert und fristen ihr Dasein fortan in einer Ecke tief in unserem Unterbewussten als abgespaltene Anteile.

Letztlich gilt es, diese Anteile, sollten sie verschüttet sein, wieder willkommen zu heißen und in unser Gesamt-Ich zu integrieren. Auch dies kann nur über die Brücke unseres Kern-Selbst geschehen. Dieses scheint durchlässiger für verbale und nonverbale Äußerungen abgespaltener Anteile. So können einzelne Bruchstücke durchsickern, als ob sich die 'Totgeglaubten' zaghaft und an bewussten Teilen vorbei zu Wort melden wollen.

1.2 Implizite Gedächtnisinhalte

1.2.1 Implizites Gedächtnis

Damasio spricht in seinem Buch "Ich fühle also bin ich" vom autobiographischen Gedächtnis als dem Teil unseres Gehirns, indem unser Ich zu finden ist.[35] Der implizite Teil dieses Gedächtnisses ist unbewusst und daher schwieriger zugänglich. Dabei kann es sich um aktiv verdrängte, passiv vergessene oder internalisierte Inhalte handeln.

Um implizite Inhalte abzurufen, braucht es in der Regel einen Auslöser von außen. Wir können explizit nicht sagen, welches Lied als nächstes auf unserer Lieblings-Mix-CD kommt. Wenn das Vorgängerlied in den letzten Takten schwingt, bekommt unser Gedächtnis den entscheidenden Hinweis. Wir können auch nicht beschreiben, wie wir Fahrrad fahren oder wie der Schraubenzieher anzusetzen ist. Unser Körper weiß es, ohne darüber bewusst nachzudenken. Er kann sich diese Inhalte aber aktiv bewusst machen, wenn er mitten im Tun darüber nachdenkt oder das Tun mental simuliert.

1.2.2 Implizites Wissen

Implizites Wissen ist als unbewusste oder vorbewusste Verhaltenssteuerung eine Form der Intuition. Über dieses Handlungswissen oder tacit knowing[36] müssen wir nicht mehr nachdenken. Es zeigt uns, in welche Richtung wir gehen sollen. Das unbewusste Wissen ist so wertvoll, weil es weniger Energie im Gehirn verbraucht. Im besten Falle fühlt es sich sogar sicherer an, als wenn wir uns den Kopf zerbrechen müssen.

Selbsttäuschungen

Allerdings hängt diese Sicherheit oftmals mit einer ganzen Latte Selbsttäuschungen[37] zusammen:

- Wir tendieren dazu die Macht des Präsentismus zu unterschätzen. Denn das, was aktuell verfügbar (wahrnehmbar) ist, beeinflusst unser Denken und unsere Entscheidungen zu einem größeren Teil als uns bewusst ist. Fragen Sie sich daher: Was weiß ich nicht? Was sehe oder höre ich nicht?
- Unter normalen Umständen tendieren die meisten Menschen dazu, verlustaversiv zu entscheiden. In riskanten Situationen dagegen handeln viele Menschen risikoreich. Deshalb riskieren Fußballmannschaften, die hinten liegen, lange Zeit nicht viel mehr als zuvor. Kurz vor Ende jedoch geht sogar der Torhüter mit in den Strafraum.
- Viele vermeintlich intuitive Entscheidungen fallen aufgrund von Vergleichen. Dabei werden sinnvolle als auch sinnlose Referenzpunkte herangezogen. Stellen sie sich vor, Sie wollen eine Urlaubsreise buchen. Zur Auswahl stehen Rom und Paris. Da Sie sich nicht entscheiden können, bringt der Verkäufer eine dritte Alternative ins Spiel: Ein weiteres mal Rom. Damit lassen sich für Rom Vergleiche erstellen. Die Wahrscheinlichkeit, sich für eine der beiden Rom-Reisen zu entscheiden, steigt damit enorm an.
- Ein Sonderfall der Vergleiche besteht im sogenannten Herdentrieb. Westliche Kulturen sind zwar in vielerlei Wahlmöglichkeiten freier, doch auch hier orientieren sich die meisten daran, in welcher Pizzeria mehr los ist.
- Unter Stress tendieren viele Menschen dazu, sich zu viele Informationen zu besorgen. Doch genau dies macht es unserer Intuition schwer, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden.
- Wir entscheiden häufig aufgrund der Tatsache, dass wir uns irgendwann einmal einen bestimmten Weg ausgewählt haben. Entgegen die früheren eigenen Urteile zu entscheiden wäre inkonsistent und damit schmerzhaft. Wer kennt nicht die Drückerkolonnen mit der Ja-Straßen-Strategie: „Finden Sie nicht auch, dass ...?“ Nach dreimal Ja sagen fällt es schwer, die nächste Frage nach dem Kauf einer Zeitschrift zu verneinen.
- Intuitiv tendieren wir dazu, unangenehme Tätigkeiten zu unterbrechen und angenehme zu vollenden. Sinnvoller wäre genau das Gegenteil: Schmerz verkürzen und Lust verlängern. Beide Male greift der Anpassungseffekt.
- Wir tendieren dazu, das, was uns gehört, höher zu bewerten als andere. Auf diesem Besitztums-Effekt basiert der Erfolg von ebay. Wenn wir auf ein Produkt steigern, haben wir das Gefühl, es würde uns bereits gehören. Wenn uns nun jemand anders überbietet, fühlt sich dies wie ein Verlust an. Es ist, als ob der andere uns das Objekt unserer Begierde klauen würde.
- Und wir tendieren dazu, das, was wir selbst erstellt haben, als wertvoller anzusehen. Auf diesem Prinzip basiert der Erfolg von IKEA.

All diese Prinzipien und Täuschungs-Effekte führen zu einer vermeintlichen Sicherheit und sind gerade deshalb so gefährlich.

Der Weg zu internalisiertem Wissen

Wie es zu internalisiertem Wissen kommt, zeigt der Lernkreislauf von Nonaka und Takeuchi:[38]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 2: Lernzyklus

Vieles in unserer Sozialisation, zum Beispiel Modelllernen und Imitationslernen im Rahmen von Meister-Geselle- oder Eltern-Kind-Verhältnissen, geschieht unbewusst und wandert damit in unser implizites Gedächtnis. Die dort gespeicherten Inhalte prägen unser Ich ebenso wie die bewussten. Wie bereits erwähnt, können wir uns jedoch nur weiterentwickeln, wenn wir uns maladaptiv gelernte Inhalte bewusst machen, das heißt externalisieren. Dies kann über Theorien, ein Philosophieren über die Welt, Prozessabläufe, Heuristiken, Hypothesen usw. geschehen. Damit besteht die Möglichkeit, mit dem externalisierten Wissen zu arbeiten und es anschließend durch Anwendung wieder zu internalisieren.

Es müssen allerdings nicht immer eigene (reale) Erfahrungen sein, um umfassende neuronale Verknüpfungen zu erstellen. Oftmals reichen auch stellvertretende Erfahrungen, Erzählungen oder mentale Gedankenspiele.

Implizites Regelwissen

Anhand des impliziten Regelwissens lässt sich gut verdeutlichen, wie wir unser sozialisiertes, implizites Wissen nutzen. Implizite Regeln funktionieren im Stil von Wenn-Dann-Verknüpfungen.[39] Sie nehmen vorweg, was passieren wird, wenn wir eine bestimmte Handlung ausführen. Die bedingte Linearität des impliziten Wissens besagt, dass es zwar Schritt für Schritt eine klare Abfolge von Handlungen gibt. Diese sind jedoch schlechter vorhersagbar, als wenn wir uns auf explizit-lineare Handlungen beziehen. Sie sind, wie wir noch sehen werden, nur im Nachhinein logisch. Auch das implizite Regel-Wissen kann sinnvoll oder auch maladaptiv gelernt sein. So kann ein Mensch lernen, mit bestimmten Handbewegungen eine Maschine zu bedienen, ohne sich der Bewegungen bewusst zu sein. Dass sich dieses Regelwissen auch auf Einstellungen auswirkt, werden wir im nächsten Kapitel sehen.

Die Aneignung von Wissen durch Erfahrungen nennt Polanyi eine Subjektivierung der Umwelt. Der Schraubenzieher als Objekt der Umwelt wird so zu einer Verlängerung unserer Hand. Wir spüren durch ihn hindurch, wann die Schraube fest ist. Damit bekommt der Schraubenzieher eine subjektive Bedeutung für uns.

Nach implizitem (Fach-) Wissen handeln wir handlungsleitend intuitiv. Wir handeln automatisch, auch wenn wir nicht wissen warum. Damit wirkt sich das implizite Wissen auf unsere Entscheidungen aus, wenn auch bisweilen, wie zuvor gezeigt, auf der Basis verzerrter Wahrnehmungen und Selbsttäuschungen. Dennoch ist es nicht das Fachwissen an sich, das uns sagt, was wir zu tun haben. Es sind explizite Anhängsel an diesem Wissen, sogenannte somatische Marker, z.B. ein unangenehmes Magendrücken, die zusammen mit einem Weg A oder B zu einem Problem C abgespeichert werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 3: Implizites Wissen mit 'Anhängsel'

Diese impliziten Stellschrauben führen nach und nach zu einem Gerüst unbewusster Prägungen, die uns automatisch durch Situationen unseres Lebens geleiten. Insbesondere, wenn Klienten immer wieder in alte Muster verfallen, ist es wichtig, über die expliziten Anhängsel an das implizite Wissen zu kommen, um ein Umlernen zu ermöglichen.

Hintergrund - Vordergrund

Wir erinnern uns: Vor unserem Hintergrundbewusstsein spielt sich unser Aktualbewusstsein ab. So kann es kommen, dass das, was wir als implizites Wissen von der Welt zu glauben meinen (Hintergrundbewusstsein) nicht zu dem passt, was wir aktuell wahrnehmen (Aktualbewusstsein). Beide Bewusstseinsarten sind sozusagen inkongruent.

Ein Beispiel: Neulich kam meine Frau nach Hause. Die Tür ging wie immer zu. Nur dann wurde es anders. Die Schritte wurden schneller und gingen in eine andere Richtung als sonst. Als ob sie schnell etwas verstecken oder beiseite legen wollte, ohne den Mantel abzulegen oder die Schuhe auszuziehen. Bereits hier setzt das implizite Wissen oder die Intuition ein: Was ist anders? Und in der Bewusstmachung: Warum ist es anders? Dies funktioniert nur, wenn Sie jemanden oder eine Situation sehr gut kennen, wie der Polizist seinen Kollegen und ich meine Frau. Doch was konnte es gewesen sein? Ein Geschenk für mich, schnell versteckt, bevor ich zur Tür herauskomme? Ein Geschenk für die Kinder? Ein eingefrorener Fisch, der Kühlung braucht? Hier fängt die Spekulation an. Doch bis zum vorherigen Punkt sollte klar sein: Ich bemerke nur, dass etwas anders ist, wenn ich die Abläufe schon tausendmal normal beziehungsweise anders erfuhr.[40]

Damit haben wir eine wunderbare Teil-Definition für Intuition: Etwas passiert, das nicht zu dem passt, was wir erwarten.

Dies spiegelt wieder, was ein Begleiter im Focusing zur Aufgabe hat. Er oder sie sucht das Andere, das aus dem Gros an Erzähltem und Dargebrachtem heraussticht. Bewusst ist dieses Andere dem Erzähler nur selten. Es kann sich in einer verkrampften Hand oder einem Augenleuchten, einer langsameren Sprache oder in einem grellen Aufschrei manifestieren. Die Äußerungen dieses dann expliziten Anderen sind mannigfaltig – ebenso mannigfaltig wie das, was noch an Implizitem dahinter liegt. Ich glaube es war Paul Watzlawick, der den Spruch prägte: “Wir sollten auf den Unterschied achten, der einen Unterschied macht“.

1.2.3 Implizite Einstellungen

Ähnliches gilt für die noch komplexere Welt von Prägungen und Einstellungen. Werte, Glaubenssätze, Mottos oder übertriebene Bedürfnisse - all dies ist uns oftmals ebenso wenig bewusst wie das implizite Fachwissen. Auch hier brauchen wir folglich emotionale und intuitive Wegweiser, über die wir an die Einstellungen dahinter kommen.

Ein Beispiel: Ein Klient weiß: Wenn ich meinen Chef um Rat frage, werde ich einen Vortrag von einer Stunde zu hören bekommen. Dieses Wissen eignet sich der Klient nur an, indem er häufig in eine ähnliche Situation geriet. Nach und nach entwickelt sich aus der expliziten Regel 'Wenn ich meinen Chef in einer bestimmten Situation um Rat frage, dann ...' die implizite Spezial-Regel 'Wenn ich meinen Chef um Rat frage, dann ...' und schließlich die implizite Allgemein-Regel 'Wenn ich einen Chef um Rat frage, dann ...'. Solche Regeln können sich, wie sich leicht nachvollziehen lässt, sogar auf die Allgemeinheit aller Menschen ausdehnen. Damit wurde die sinnvolle Ursprungsregel zur Vermeidung von nervigen Gesprächen zu einer selbstbehindernden impliziten 'Wenn ..., dann ...'-Regel. Der Klient weiß später nicht mehr, warum er seinen Chef meidet. Er bekommt jedoch ein seltsames Gefühl im Nacken, das ihn antreibt, weiterzulaufen.

Glücklicherweise macht das, was implizite Einstellungen so stabil macht, sie gleichzeitig auch veränderbar: die Komplexität ihres Abspeicherns.

Die Hebbsche Regel

Die Hebbsche Lernregel besagt: Je häufiger Sie etwas tun, desto stärker bilden sich Muster in Ihrem Gehirn.[41] Dabei verbindet sich Ihr Tun mit Ihrem inneren Empfinden, mit Bewertungen, mit Erfolgen oder Misserfolgen, Bildern, Tönen oder Gerüchen. Wie dargestellt, wirkt sich das bereits vorhandene Wissen im autobiographischen Gedächtnis ebenso auf die Wahrnehmung des Aktualbewusstseins aus, wie die Wahrnehmung auf das Lernen.

An einem Beispiel: Sie wissen, dass ein Kollege immer dann, wenn er ein bestimmtes Zucken in den Mundwinkeln zeigt, schlecht anzusprechen ist. Diese Wahrnehmung kann - ohne dass Ihnen dies bewusst wird - dazu führen, sich möglichst unauffällig zu verhalten. Somit hat Ihre unbewusste, implizite Wahrnehmung aufgrund Ihrer Erfahrungen etwas handlungsleitendes: Der Weg A (nichts sagen) ist besser als B (etwas sagen). Je häufiger Sie nach diesem Muster handeln, des tiefer werden die 'Erfolgserfahrungen' in Ihrem Gehirn. Ein Umlernen wird damit immer schwerer.

Dennoch eröffnet uns die Komplexität der Abspeicherung von Reizen im Gehirn die Möglichkeit einer Veränderung. Jede Erlebensmodalität, z.B. ein sorgenvoller Blick, kann Startpunkt einer Einflussnahme sein, um das gesamte Cluster zu verändern. Und über diesen Zugriff kommen wir nach und nach zu den tiefer liegenden impliziten Einstellungen.

What fires together, wires together

Ledoux meint dazu, dass für jede Erfahrung – auch das Wiederaufrufen einer Erfahrung – die Synchronizität der Modalitäten wichtig ist. Zusammengefasst wird dies in dem Spruch "what fires together, wires together": Was zusammen in einer Situation an Sinnen und Modalitäten aktiviert wird, wird gemeinsam abgespeichert, um ein möglichst komplexes Bild zu bekommen[42], was bedeutet, dass wir auch im Focusing wert auf ein ganzheitliches Bild legen sollten, um eine erneute mentale Erfahrung oder eine Erfahrungserweiterung langfristig abzuspeichern.

Daher kann die einfache Frage nach einem Gefühl in eine falsche Richtung führen. Der Felt Sense ist schließlich kein Gefühl, sondern der Abgleich eines Gefühls mit allen Erlebensmodalitäten.

Warum und Was

Dabei sagt uns unsere Wahrnehmung nur, dass wir etwas tun oder lassen sollten, nicht aber, warum dies so ist. Denn dieses Wissen oder diese Einstellungen sind ja implizit.

Sollten wir im Laufe unserer Sozialisation etwas maladaptiv gelernt haben, ist es folglich wichtig, dieses Warum zu ergründen. Woran liegt es, dass wir bei Weg A ein besseres Gefühl haben? An unbewussten Motiven oder inneren dominanten Anteilen?

Nach diesem Warum zu forschen macht Sinn, weil es das implizite Erleben formulierbar macht, in Symbole, Worte, Metaphern oder Mottos kleidet und somit verstehbar und vermittelbar wird. Das implizite Wissen wird damit versprachlicht und dem Bewusstsein zugänglich gemacht.

Die Regel lautet: Wenn etwas funktioniert, lass es gut sein? Wenn nicht, frag' nach dem Warum.

1.3 Implizites Wissen bergen

Eng verbunden mit unserem impliziten Wissen ist unsere Intuition. Diese hat mit etwa sechs Jahren 'ausgespielt'. Dann greift das rationale Bildungssystem von Schule bis Universität radikal durch. Dabei sind wir als Eltern so fasziniert von den Fähigkeiten unserer Kleinen, die uns dank ihrer intuitiven Fähigkeiten gnadenlos im Intuitiv-Memory schlagen.

Der Trick: Sie verschwenden keine Zeit und Energie, auszurechnen oder sich bewusst zu merken, wo eine Karte liegt, sondern greifen 'blind' nach der richtigen Karte. Was heißt das? Ihr Körper hat die Karte abgespeichert und wird noch nicht von der Ratio daran gehindert, dieses Wissen zu nutzen. Als ob Sie ihre Hand über den Karten schweben lassen würden, und dort wo ein somatischer Marker beginnt positiv zu zucken, schlagen sie zu.

Als Erwachsener kenne ich ähnliche Situationen: Ich bin im Besitz eines Schlüsselbundes bestehend aus acht Schlüsseln mit acht farbigen Ringen, zu acht[43] Räumen in einem Gebäude, indem ich diverse Trainings abhalte. Nachdem ich den Schlüssel etwa dreimal rundum benutzte, wusste ich in dem Moment, indem ich vor der jeweiligen Tür stand, welchen Schlüssel ich nehmen muss. Würden Sie mich jedoch fragen, welche Tür zu welchem Schlüssel passt, ohne dass ich davor stehe, müsste ich passen.

Um verschüttete unbewusste, intuitive Erkenntnisse (zum Beispiel von Klienten) bewusst zu machen, rät Vera F. Birkenbihl, mit Trichter-Fragen zu arbeiten, verbunden mit der personalisierten Bedeutung des Wissens.[44] Dabei beginnen Sie mit sehr offenen, allgemeinen Fragen und werden anschließend immer detaillierter. Wenn Sie einen Klienten haben, der sich an eine bestimmte Situation erinnern soll, die ihn wütend machte, könnten Sie ihn fragen:

Allgemein:

- Wie sah die Einrichtung aus?
- Gab es viele Möbel (Tische, Stühle und Schränke)?
- Wie waren die Möbel zueinander angeordnet?
- Wie wirkte die Einrichtung auf Sie (schön, erdrückend, ...)?
- Wie viele Personen waren in dem Raum?
- Wie standen die Personen zueinander?
- Wer sagte alles etwas? Wer sagte nichts?
- Wie empfanden Sie das Sagen oder Nichts-Sagen der verschiedenen Personen?

Detail:

- Was sagte Ihr Kontrahent zu Ihnen?
- Wie lauteten die Worte genau?
- Was empfanden Sie dabei?

Zwischen jeder Frage sollten Sie eine Bedenkzeit einbauen, um Ihrer Intuition Raum zur Entfaltung zu geben. Auch hier ist es so, als ob das Gehirn über den Karten mit der richtigen Antwort schwebt, und Bescheid gibt, wenn sich ein körperliches 'Stimmt'-Gefühl einstellt.

1.4 Veränderungen: Von implizit zu explizit zu implizit

Wie dargestellt sind implizite Gedächtnisinhalte relativ stabil und zudem schwerer zugänglich. Dennoch ist eine Veränderung maladaptiver Inhalte möglich. Für die Weiterentwicklung von Klienten sind vor allem folgende Punkte zu beachten:

1. Veränderungen haben einen Schockcharakter, der sich vor allem aufgrund der Differenz von Aktual- und Hintergrundbewusstsein ergibt. Dabei trifft ein fremdes Aktualbewusstsein auf ein vertrautes, aber falsches oder nicht mehr aktuelles Hintergrundbewusstsein. Um diesen Schock abzumildern, helfen Werte, die Klienten einen Halt geben. Diese Werte, das heißt positive, kraft gebende Einstellungen im autobiographischen Selbst, wirken wie ein Puffer gegen die negativen Folgen der Veränderung. Konkret werden damit die nicht mehr aktuellen von den noch bestehenden und stabilen Einstellungen im autobiographischen Gedächtnis getrennt, um zu zeigen, dass ein Umlernen nicht bedeutet, dass alles umgelernt werden muss.
2. Wie dargestellt kann unser Gehirn unser aktuelles Selbst mit unserem möglichen zukünftigen Selbst vergleichen. Persönliche Ziele und ein konkreter Plan helfen dabei, ein autobiographisches Selbst der Zukunft vorzubereiten.
3. Viele implizite Regeln, nach denen Klienten leben, sind nicht mehr auf dem neuesten Stand. Hier gilt es, diese 'Wenn ..., dann ... '-Regeln im Gehirn umzuprogrammieren.

Mit diesem Gerüst kann eine Weiterentwicklung des Klienten langfristig angegangen werden. Wie dargestellt, kann dies nur bewusst geschehen. Daher stellt sich die Frage, welche Methoden es für ein explizit machen von impliziten Inhalten gibt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 4: Implizite Einstellungen - explizite Äußerungen

Um implizite Einstellungen von Klienten zu verändern, bieten sich unterschiedliche Zugänge an:

- Metaphern und Geschichten
- (innere) Bilder und Symbole
- Heuristiken oder Faustregeln
- Mottos und Glaubenssätze
- Körpersprache und somatische Marker

Diese Methoden helfen, an dahinterliegende implizite Einstellungen zu kommen. Da die anderen Methoden einen großen Bestandteil des weiteren Buchs ausmachen, möchte ich an dieser Stelle nur auf die Methode der Heuristiken und Faustregeln noch näher eingehen.

Um herauszufinden, was für einen Klienten wirklich eine Bedeutung hat, empfiehlt Gerd Gigerenzer die Entscheidungsmethode Take-the-best:[45]

1. Suchen Sie zu einer Entscheidungsfrage alle Kriterien zusammen, die für Sie eine Rolle spielen.
2. Priorisieren Sie die Kriterien.
3. Erstellen Sie einen Entscheidungsbaum und verzichten gezielt auf die letzten Kriterien.

Ein Beispiel: Ein Klient sucht eine neue Wohnung und weiß nicht, was ihm am wichtigsten ist. Kriterien zu einer Entscheidung sind unter anderem: Balkon, Größe, Lage, Preis, Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel, Helligkeit, usw. Nach einer Priorisierung steht der Preis ganz oben, gefolgt von der Größe und Lage. Wenn er mit dieser Liste Zeitungen durchforstet, lautet der Entscheidungsbaum:

- Wenn der Preis stimmt, schaue ich mir die Lage an.
- Wenn die stimmt, schaue ich nach der Größe.
- Wenn die ebenso passt, schaue ich nach der Anbindung, usw.

Damit fallen zum einen einige Wohnungen durch das Raster, was Entscheidungen enorm vereinfacht. Zum anderen setzen unterschiedliche Personen unterschiedliche Prioritäten, wodurch implizite Einstellungen deutlich werden.

Neben solchen persönlichen Faustregeln gibt es noch eine Vielzahl anderer Alltagsregeln, Glaubenssätze oder Mottos, nach denen wir oftmals unbewusst unser Leben ausrichten, zum Beispiel:

- Vermeide schaden.
- Tritt anderen nicht auf die Füße.
- Nimm das, was Du kennst.
- Schere nicht aus der Herde aus beziehungsweise: Tu das, was die anderen tun. (Stichwort: Herdentrieb)
- Andere dürfen wegen Dir nicht leiden.
- Oder speziell für Männer: „Du musst den Weg selber finden“ beziehungsweise für Frauen im Urlaub: „Nimm Kontakt zur Urbevölkerung auf“.

Die Bewusstmachung solcher impliziter Regeln in Therapien ist enorm erhellend.

Kreativ sein

Aus der Vielzahl kreativer Methoden möchte ich zwei eher unbekannte Methoden von Vera Birkenbihl herauspicken, mit denen implizite Einstellungen ergründet werden:

1. Klienten selbst Fragen formulieren lassen. Fragen wirken freier als Ratschläge. Sie öffnen den Geist und fokussieren gleichzeitig in eine Richtung, die zuvor noch unbewusst war.
2. Freie Assoziationen, zum Beispiel mit ABC-Listen. Freie Assoziationen decken auf, welche vermeintlich zufälligen Assoziationen bereits vorhanden sind. Dadurch werden unbewusste Verknüpfungen als Startpunkt für weitere Gespräche sichtbar.

Genauern und Markieren

Im Focusing gibt es zur Sichtbarmachung unbewusster Verknüpfungen die Methoden des Genauerns und Markierens. Genauern hilft bei Themen in die Tiefe zu dringen:

- Was genau ärgerte Sie daran?
- Was genau machte Sie dabei traurig?

Markiert werden besondere Bedeutungen in Sätzen. In jedem Satz gibt es Worte mit einer höheren Bedeutung. Wenn Sie diese Worte dem Klienten 'zurückgeben' (in Focusing 'saying back'), kann er wie in einem Dominospiel seine Richtung des Denkens ändern und neue Assoziationen bilden. Die Richtung dieser Assoziationen erfolgt im Focusing nach einer bestimmten Logik, die wir in Kapitel 4.2 und 4.3 kennenlernen werden.

Da zudem unangenehme Inhalte unseres biographischen Gedächtnisses häufig verschlossen bleiben wollen, bieten sich indirekte Zugänge und Umwege an. Im Focusing geht es oft um einen guten Abstand von schwierigen Themen, die dennoch betrachtet werden sollen. Dazu bietet es sich an, beispielsweise ein Thema symbolhaft in einem Raum weiter nach hinten zu schieben oder in eine Kiste zu packen, die nach und nach geöffnet wird.

An all diesen Zugängen hängen emotionale Verknüpfungen, die das implizite Wissen positiv oder negativ bewerten. Über Genauern, Markieren, Bilder, Symbole, Metaphern, Glaubenssätze oder Mottos kommt der Therapeut an genau diese Bewertungen heran und hilft damit dem Klienten

1. die neuronalen Zusammenhänge und Verknüpfungen aufzudecken und zu verstehen und
2. neue Verknüpfungen zu bilden.

Dabei wird das explizit Gemachte sich im ersten Moment oft seltsam und künstlich anfühlen. Es läuft ja nicht mehr automatisch ab. Doch nach und nach wird es wieder ein impliziter, natürlicher Teil von uns.[46]

2 Black Box Intuition

Wie lässt sich Intuition von Inspiration und Instinkt abgrenzen? Was hat Intuition mit Erfahrungen zu tun? Was ist der Unterschied zwischen einer Erst- und einer Zweit-Intuition? Wie können sich Therapeuten intuitiv in Klienten hineinversetzen? Welche Rolle spielt Intuition bei Entscheidungen? Was hat Intuition mit Mustern und Prozessabläufen zu tun? Und wie lässt sich all dies für therapeutische Prozesse nutzen?

2.1 Intuition – eine Definition

Es wurde Zeit, doch seit einigen Jahren tut sich etwas rund um das Thema Intuition. Das Thema wurde wieder wissenschaftlich hoffähig und bewegt sich seit den 90er Jahren weg von dem Gebiet der Parapsychologie und Esoterik. Dies ist vor allem ein Verdienst der Neurowissenschaften.

Dabei klagte schon Einstein, wie paradox es ist, dass wir angefangen haben, den Diener zu verehren und die göttliche Gabe entweihen. Mit dem Diener meinte er offensichtlich unseren Verstand - mit der göttlichen Gabe unsere Intuition. Aufgrund dieser Aussage wurde er damals in der Wissenschaftswelt nicht gerade verständnisvoll angesehen. Intuition und alles Unbewusste lag noch im mythischen Reich der Psychoanalyse.

Heute, dank der Erkenntnisse der Gehirnforschung, ist das Thema Intuition nicht nur anerkannt, sondern eine Fundgrube für Menschenkenntnis und Marketing. Die Wissenschaft ist sich mittlerweile weitgehend einig, dass unsere Intuition in der Entscheidungsfindung eine größere Rolle spielt, als sie noch in den 80-er Jahren dachte.

Grob gesagt sorgt sich unser bewusstes Denken um Ziele, die wir noch nicht erreicht haben. Eine Veränderung kann, wie wir gesehen haben, nur bewusst angesteuert werden. Sie benötigt daher unsere Intuition, welche die Bewertungen des Ziels und damit Motivation und Antrieb liefert. Unser autobiographisches Bewusstsein trägt auf der Grundlage vergangener Ereignisse und zukünftiger Möglichkeiten implizite Einstellungen dazu bei. Unser Aktualbewusstsein gleicht dies mit impliziten Wahrnehmungen der Umwelt ab. In unserer Intuition wird beides miteinander vereint.

Damit wird Intuition zum Startpunkt zukünftiger Veränderungen. Sie hilft unserem Aktualbewusstsein, auf unser Umfeld zu reagieren, um daraus persönliche Handlungsmaximen abzuleiten. Unsere Intuition filtert dabei undurchsichtige Situationen, trifft Prioritäten, lässt Doppeldeutigkeiten verschwinden und reduziert unsere persönliche Wirklichkeit auf das Wesentliche. Dies wird am Beispiel double-bind überdeutlich: Wenn Eltern auf dem nonverbalen Kanal eine zum verbalen Kanal gegenteilige Äußerung senden, tendieren Kinder grundsätzlich dazu, der nonverbalen Nachricht mehr zu vertrauen. Die Intuition der Kinder sagt ihnen, was von beidem wichtiger ist. Dadurch greift Intuition auch in soziokulturell unsicherem Gelände und hilft uns, angemessen zu reagieren. Sie gibt uns Sicherheit in undurchsichtigen Situationen.

Wie wir gesehen haben, wird, um der Sicherheit willen, vieles, was wir wahrnehmen, so angepasst, dass es für uns sinnvoll erscheint. Dadurch kann es zu Selbsttäuschungen kommen, insbesondere, wenn Details verallgemeinert werden (Stichwort: Alle Chefs ...), um in unser Selbstbild zu passen. Unsere Intuition hingegen nimmt nicht die Details ins Visier, sondern das Wesentliche hinter den Details. Auch dadurch werden Informationen so rekonstruiert, dass sie einen aktuellen und zukünftigen Sinn für uns ergeben. Damit sorgt unsere Intuition aktuell für ein Sicherheitsgefühl und zukünftig für eine Neuausrichtung.

Auf eine Formel gebracht definiert Gerd Gigerenzer Intuition als etwas, ...

- das rasch im Bewusstsein auftaucht, sofern wir offen dafür sind,
- dessen tiefere Gründe uns nicht bewusst sind und
- das stark genug ist, um danach zu handeln.[47]

Auch hier zeigt sich, dass Intuition mehr ist als nur ein gutes oder schlechtes Gefühl. Es ist mindestens ein Gefühl, das uns eine Richtung anzeigt. Intuition ist damit handlungsanleitend. Im Sinne unseres Selbst geht diese Handlung in Richtung Selbsterhalt oder Weiterentwicklung.

Schauen wir uns als nächstes an, woher unsere Intuition kommt.

2.2 Erfahrungsbasierte Intuition

Intuition schöpft aus Erfahrungen. Sie ist dort am stärksten, wo sie unbekannte Situationen auf kreative Weise mit bekannten vergleicht und neue Wege erschließt.

Junge, unerfahrene Menschen müssen sich mittels externen Informationen, rationalem Denken, Phantasie und Kreativität in Situationen hineindenken und experimentieren, um für die Zukunft gewappnet zu sein. Napoleon hat sich in seinen Clausewitz (Vom Kriege) vertieft, um Kriegssituation mental vorzubereiten: Lernen am Modell par excellence.

Doch mit jeder Erfahrung wächst unsere Intuition, die wir nutzen können, wenn wir sie uns bewusst machen. Mit jedem Erfolg wächst unser unbewusstes autobiographisches Gedächtnis. Mit jeder Erfahrung werden unsere impliziten Einstellungen stabiler und damit handlungsleitender.

Ältere Menschen werden in unbekannten Situationen ähnlich unsicher sein, verfügen jedoch in der Regel über genügend übertragbare Erfahrungen, um sich intuitiv zurechtzufinden. In vielen Kontexten sind daher ältere Menschen jüngeren überlegen. Wenn beispielsweise eine uneingespielte Altherren-Fußballmannschaft gegen eine uneingespielte Fußballmannschaft aus Jugendlichen antritt, gewinnen meist die älteren. Zum einen herrscht weniger Egoismus vor. Zum anderen macht die Intuition der Erfahreneren und das Gespür für den Partner das Engagement der Jüngeren locker wett.

Diese Überlegenheit hat allerdings Grenzen. Manfred Spitzer belegt dies in seinem Buch "Nervenkitzel"[48] anhand einer Studie über einen Stamm in Paraguay, der noch als Jäger und Sammler lebt. In besagter Studie wird untersucht, inwieweit Stärke und Erfahrung zum Erfolg eines Jägers beitragen. Die größte Stärke erlangen die Jäger im Alter von 24 Jahren. Die größte Erfahrung lässt sich am ehesten am Jagderfolg messen, der erst mit 40 Jahren seinen Höhepunkt erreicht. 10 Jahre lang hält der Höhepunkt des Jagderfolgs an, um ab 50 Jahren wieder zu sinken.

Das Fazit dieser Untersuchung lautet: Um Erfolg im Leben zu haben, insbesondere in so komplexen Aufgaben wie dem Jagen, welches als wesentlich lernintensiver gilt, als Früchte oder Kräuter zu sammeln, ist in diesem Fall eine Erfahrung von 16 Jahren notwendig. Denn: Selbst durch ein intensives Schießtraining konnte die Leistung der jüngeren Jäger nicht so zunehmen wie die Erfahrung dies vermag. Dennoch lassen ab einem bestimmten Alter Mut und Konzentration nach, was die Erfahrung nur bedingt ausgleichen kann. In anderen Arbeitsgebieten mag dies anders aussehen. Das Muster bleibt jedoch bestehen.

Und noch etwas wird deutlich: Intuition scheint sich nicht nur auf implizites Wissen oder implizite Einstellungen reduzieren zu lassen. Intuition braucht offensichtlich eine Balance aus verschiedenen Fähigkeiten. Implizites Gedächtnisinhalte sind nur ein Teil davon. Andere Fähigkeiten lauten Gelassenheit, Mut und Kraft.

2.3 Instinkt und Notfallprogramme

Der Begriff Instinkt wird in der Wissenschaft kaum noch verwendet. Ist er doch zu unscharf und schwer von anderen Begriffen wie unserer Intuition zu trennen.

Am ehesten gewährleisten Instinkte unser Überleben in Richtung unserer Notfallreaktionen Angriff, Flucht oder einem Totstellreflex. Instinkte dienen damit einer Abwehr schnellen Abwehr von Gefahren. Die mögliche Handlungsspielraum ist allerdings wesentlich geringer als im Falle intuitiver Eingebungen. Unsere Intuition empfiehlt uns, etwas zu tun. Instinkte weisen vehement auf einen Rückzug oder Angriff. Dies kann sinnvoll erscheinen, wenn uns ein anderer Autofahrer den Weg abschneidet, oder auch nicht, wenn unsere Freiheiten durch Bedürfnisse unseres Partners bedroht werden.

Sobald Gefahren unseren Handlungsspielraum dergestalt einengen, dass wir das Gefühl haben, automatisch reagieren zu müssen, werden unsere Notfallprogramme aktiv. Ein bewusstes Denken ist dann nicht mehr möglich. Wenn Sie eine Klapperschlange sehen, werden Sie weder lange über die Gefahr nachdenken, noch Ihre Intuition befragen, wie die Situation einzuschätzen ist. Sie werden entweder zuschlagen, zurückweichen oder in Angststarre verfallen.

Der Gehirnforscher Gerald Hüther erzählt dazu in seinen Vorträgen ein erhellendes Beispiel: Auch Schüler haben unter Stress diese drei Möglichkeiten. Dabei sind letztlich die ersten beiden nicht die schlechtesten. Im ersten Fall agieren die Schüler ihren Stress aus und im zweiten Fall entziehen sie sich dem Stress. Problematisch ist der dritte Fall: Hier sind sie dem Stress ausgesetzt, ohne agieren zu können. Hüther fasst diesen Zustand im Bild eines Autos zusammen, das gleichzeitig Vollgas (Stress) und Vollbremse (nichts sagen können) gibt. Gesund ist das auf Dauer nicht. Dieser Totstellreflex greift öfter als wir denken, zum Beispiel im Zuge von Vergewaltigungen. Im Nachhinein machen sich viele Frauen den Vorwurf, sich nicht gewehrt zu haben. Dabei bewahrte sie ihr Totstellreflex eventuell vor noch schlimmerem.

Während sich unsere erfahrungsbasierte Intuition nach und nach weiterentwickelt und so mit der Zeit immer ausgereifter und komplexer wird, bleiben uns unsere Überlebensinstinkte ein Leben lang erhalten. Vermutlich gibt es zwischen beiden sogar eine deutliche Verbindung: Je stärker wir lernen, auf unsere Intuition zu achten und sie dabei schulen, desto weniger nötig haben wir unsere Instinkte. Sollte unsere Intuition versagen, muss unser Instinkt wie ein Feuerwehrmann schnell den entstandenen Brand löschen. Funktioniert unsere Intuition, sehen wir bereits die Entstehung des Brandherdes und können frühzeitig etwas dagegen unternehmen.

2.4 Intuition und Vor-Urteile

Sowohl Intuition als auch Vorurteile scheinen auf den ersten Blick die Wirklichkeit so zu reduzieren, dass sie handhabbar wird. Beide sind gleichermaßen handlungsleitend.

Auch Vorurteile geben uns einen inneren Impuls, eine Person oder eine Situation gut zu finden oder eben nicht. Ähnlich wie unsere Intuition sind auch Vorurteile emotional gefärbte Erfahrungen, häufiger jedoch stellvertretende Erfahrungen durch Medien statt eigener.

Doch während unsere Intuition erfordert, offen in eine Situation hinein zugehen, prägen Vorurteile unsere Sichtweise auf eine Situation, bevor sie passiert. Vorurteile lassen uns damit nur einen selektiven Teil der Welt wahrnehmen und führen so oftmals zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Beispielsweise sind Jungen und Mädchen zu Schulbeginn gleich gut in Mathematik, nach ein paar Jahren jedoch nicht mehr, da auch Lehrer unbewusst die 'besseren' Jungs stärker fördern. Damit generieren Vorurteile Wirklichkeit.

Vorurteile schließen von äußerlichen Merkmalen (Hautfarbe, Geschlecht, Kleidung), Verhalten (sexuelle Vorlieben, Macken) und sozialen Zusammenhängen (Wohnviertel, Religion, Subkultur) auf Gruppenzugehörigkeiten (die Frauen, die Homosexuellen, die Moslems), auf Eigenschaften (dumm, unmoralisch, ungebildet) und schließlich auf Verhaltensweisen (können nicht einparken, machen Fehler, machen mich als Mann an, sind nicht zu Demokratie fähig). Zwar ist an Vorurteilen meist auch etwas Wahres. Sich kein Bild von sozialen Zusammenhängen zu machen, wäre naiv und fahrlässig. Vorurteile haben jedoch die Eigenschaft, keine Ausnahmen zu erlauben, was der Wirklichkeit widerspricht.

Vorurteile dienen der Abgrenzung der eigenen Gruppe und der Vergewisserung der eigenen Qualitäten und Kompetenzen gegenüber anderen Personengruppen. Sie dienen damit der Bestätigung des Selbst und der Gewinnung von Sicherheit.

Damit verengen Vorurteile unsere Sicht in Richtung derart unsere Sicht in Richtung selektive Wahrnehmung, während Intuition eine Situation aufmerksam, aber unvoreingenommen wahrnehmen lässt. Intuition lässt uns damit eine Situation als Ganzes oder die gesamte Wirkung einer Person wahrnehmen, ohne auf einzelne Fakten zu achten.

Intuition entsteht nicht wie Vorurteile vor einer Situation, sondern erst in der Situation. In aller Regel wird der Mensch von Angesicht zu Angesicht als Ganzes wahrgenommen. Das was wir dabei empfinden wird nicht von einem Vorurteil bezüglich Äußerlichkeiten dieses Menschen oder seiner Gruppenzugehörigkeit geprägt, sondern von dem, was wir innerlich in uns spüren. So sehen wir im Kontakt mit einem Obdachlosen als erstes die schmutzigen Kleider und das schmutzige Gesicht. Bis dahin sagen uns unsere Vorurteile, dass wir diesem Menschen lieber fern bleiben sollten. Ein inneres, intuitives Gespür hat zu diesem Zeitpunkt noch keine Chance. Wenn wir uns dennoch mit dieser Person unterhalten, können wir einen ganz anderen Eindruck bekommen, eventuell den eines kultivierten Menschen in einer schmutzigen Hülle.

2.5 Intuition als Prozess

2.5.1 Der erste und der zweite Eindruck

Wenn von Intuition die Rede ist, geht es in der Regel um den ersten Eindruck. Ich finde es allerdings praktikabler, Intuition als einen Lernprozess zu betrachten, mit einer Nachspürintuition als Zwischenschritt. Denn oftmals haben wir erste Eingebungen, die sich jedoch bei näherer Betrachtung verändern können. Damit ermöglichen wir unserer Intuition, d.h. unserem impliziten Wissen, wie in Kapitel 1.2.2 gesehen, sich weiterzuentwickeln und zu wachsen.

Intuition ist stark gebunden an persönliche Erfahrungen und die damit zusammenhängenden emotionalen Verknüpfungen. Diese Marker sagen uns, ob der Weg A zu einem Problem C bisher besser funktionierte und auch in Zukunft besser funktionieren wird als Weg B. Da er damit auf unsere Erfahrungen im impliziten autobiographischen Gedächtnis zurückgreift, lässt sich genauer sagen: Der Marker sagt uns, ob Weg A für uns stimmiger ist als Weg B. Dahinter verbirgt sich folglich die Wenn-Dann-Verknüpfung 'Wenn ich A nehme, werde ich zufriedener, entspannter, glücklicher oder erfolgreicher sein'.

Der intuitive Marker verweist damit auf implizites Wissen oder implizite Einstellungen. Dahinter verbergen sich Bedürfnisse und Motive, die mit dem Thema, mit dem wir uns gerade beschäftigen, besonders verbunden sind. Solche Wenn-Dann-Verknüpfungen sind sehr sinnvoll, weil sie eine Situation durch persönliche Faustregeln auf das Wesentliche reduzieren.

Wir alle kennen den ersten Eindruck einer Person. Die Frage, ob uns jemand sympathisch ist oder nicht, wird intuitiv in wenigen Minuten geklärt. Warum dies so ist, ist uns in aller Regel nicht bewusst, zumindest nicht sofort. Dennoch können wir uns in den meisten Fällen auf unsere Intuition verlassen.

Doch wie alles im Leben kann auch unsere Intuition dazulernen. Was sie dazu braucht ist die Hinzunahme expliziten Wissens, um dieses nach und nach in das intuitive Repertoire aufzunehmen. Explizites Wissen jedoch benötigt in der Verarbeitung mehr Zeit als implizites Wissen. Der erste Eindruck ist nach wenigen Sekunden präsent. Der zweite Eindruck braucht je nach Komplexität ein wenig mehr Zeit:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 5: Intuition als Prozess

Nach und nach erweitert sich unsere Intuition, indem sie ...

- explizites Wissen hinzunimmt,
- sich Zeit und Abstand gönnt,
- nachzuspüren und zu kontrollieren, ob sie auf dem richtigen Weg ist,
- Erfahrungen macht, ob ihre ersten Einschätzungen richtig oder falsch waren,
- langfristig (re-) sozialisiert und damit wieder zur unbewussten Intuition wird.

[...]


[1] vgl. Servan-Schreiber, 2006: S. 237ff

[2] Gigerenzer, 2013: S. 51ff

[3] vgl. Wiltschko, 2008: S. 106f

[4] Die meisten Forscher unterscheiden zwischen Emotionen und Gefühlen. Emotionen gelten als körperlich und meist unbewusst, während Gefühle den bewusst-empfundenen Teil ausmachen (siehe u.a. Stefan Klein: 2004, S. 18). Erst diese Bewusstmachung kann dazu führen, dass wir auch entsprechend auf die Emotionen reagieren und gegensteuern. Ich spreche im folgenden meist von Emotionen, da ich genau dies im Sinn habe: Die Bewusstmachung der Emotionen, um damit zu arbeiten.

[5] Roth, 2008: S. 81

[6] vgl. Dambmann, 2004: S. 164f

[7] vgl. Schmidt, 2008

[8] vgl. Damasio, 2002: S. 33ff

[9] vgl. Koch, 2007: S. 36

[10] vgl. Wiltschko (Hrsg.), 2008: S. 76f

[11] vgl. Joachim Bauer, 2008 (2): S. 40

[12] Damasio, 2002: S. 39

[13] ebd., S. 271

[14] vgl. Roth, 2008: S. 34

[15] vgl. Gilbert, 2008: S. 41

[16] Eigentlich heißt es Amygdalae, da es sich um zwei Mandelkerne handelt. In der Literatur hat sich allerdings die einfache Schreibweise durchgesetzt.

[17] vgl. Damasio, 1998: 64ff

[18] vgl. Rogers, 1975: S. 440

[19] vgl. Damasio, 1998: S. 285ff

[20] vgl. Iacoboni, 2009: S. 164ff

[21] vgl. Damasio, 1998: S. 285ff

[22] vgl. Roth, 2008: S. 76

[23] vgl. Gilbert, 2008: S. 112ff

[24] vgl. Damasio, 2002: S. 30ff

[25] ebd., S. 278ff

[26] ebd.

[27] vgl. Roth, 2008: S. 76f

[28] vgl. Damasio, 2002: S. 236ff

[29] vgl. Roth, 2008: S. 46

[30] vgl. Roth, 2008: S. 48

[31] vgl. Wiltschko (Hrsg.), 2008: S. 134ff

[32] vgl. Damasio, 2002: S. 241

[33] vgl. Ledoux, 2006: S. 46

[34] vgl. Wild, 1975: S. 69

[35] vgl. Damasio, 2002: S. 268

[36] Der Begriff geht auf Michael Polanyi zurück, einem ungarisch-britischen Chemiker und Philosophen.

[37] Zum Thema Selbsttäuschungen und Entscheidungsfehler empfehle ich die Bücher von Ariely, Makridakis, Gigerenzer oder Gilbert.

[38] vgl. Nonaka, Takeuchi, The knowledge creating company: S. 72

[39] vgl. Ledoux, 2006: S. 48

[40] Die Auflösung ist nicht ganz so spannend: Es handelte sich um ein Geburtstagsgeschenk für unsere jüngere Tochter, das meine Frau in der Abstellkammer versteckte.

[41] vgl. Keysers, 2011: S. 175

[42] vgl. Ledoux, 2006: S. 258f

[43] Eine etwas andere Definition von Achtsamkeit.

[44] vgl. Birkenbihl, 2002: S. 283ff

[45] vgl. Gigerenzer, 2007: S. 92ff

[46] vgl. Wiltschko, 2008: S. 103f

[47] vgl. Gigerenzer, 2007: S. 25

[48] vgl. Spitzer, 2006: S. 30f

Ende der Leseprobe aus 133 Seiten

Details

Titel
Therapeutische Prozesse im Rahmen der Gehirnforschung
Untertitel
Focusing, Intuition und neurobiologische Methoden in Therapie und Beratung
Autor
Jahr
2014
Seiten
133
Katalognummer
V122776
ISBN (eBook)
9783640273775
ISBN (Buch)
9783640273805
Dateigröße
3520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Die Bedeutung impliziten Verstehens, Somatische Marker als Modalität, Emotionen und Sinneswahrnehmungen als Modalitäten, Die Philosophie des Focusing und die Grundlagen der Neurobiologie, insbesondere der Homöodynamik, Focusing und Intuition, Die Entstehung von Emotionen im Gehirn, Freiraum, Stress, Neurobiologie und Spiegelneuronen, Resonanz- und Response-Phänomene
Arbeit zitieren
Diplom-Pädagoge Michael Hübler (Autor), 2014, Therapeutische Prozesse im Rahmen der Gehirnforschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122776

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