Während der Kolonialzeit unterlag der Buddhismus in Sri Lanka elementaren Veränderungen und Entwicklungsprozessen, welche die singhalesische Gesellschaft sowie den Theravāda-Buddhismus nachhaltig prägten und unter Begriffen, wie buddhistischer Modernismus oder protestantischer Buddhismus, eingeordnet werden. Als Reaktion auf die Kolonialherrschaft kam es innerhalb des Buddhismus zu einer Widerstandsbewegung, die sich mithilfe von Anagārika Dharmapālas Engagement hin zu einer buddhistischen Erneuerungsbewegung entwickelte und den Buddhismus neu interpretierte. Diese Erneuerungsbewegung übte einen entscheidenden Einfluss auf das heutige Verständnis des Buddhismus als rationale Philosophie aus.
Im Rahmen des Seminars Weltreligionen - Zur Genese eines historischen Konzepts wurde sich intensiv mit verschiedenen Wendepunkten in Bezug auf die Thematik der Charakteristika der Weltreligionen beschäftigt. Meine persönlichen Beweggründe hinsichtlich der Abhandlung dieses Themas liegen insbesondere darin, dass ich ein allgemeines Interesse am Buddhismus habe und mir zuvor nicht bewusst war, dass dieser durch ineinandergreifende, elementare Veränderungen und Entwicklungsprozessen ging, die sich auf die singhalesische Gesellschaft und den Theravāda-Buddhismus nachhaltig auswirkten. Die vorliegende Ausarbeitung beschäftigt sich dementsprechend mit der Fragestellung, inwiefern sich die buddhistische Widerstands- und Erneuerungsbewegung sowie Dharmpālas reformistische Neuinterpretation des Buddhismus als Philosophie und Wissenschaft auf das heutige Verständnis des Buddhismus auswirkten
Kapitelverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Forschung und Leitbegriffe
2. Historischer Kontext - Der Buddhismus in Sri Lanka
2.1. Die gesellschaftlichen Veränderungen während der Kolonialzeit
2.2. Die buddhistische Widerstandsbewegung
3. Äußere Einflüsse auf den Buddhismus in Sri Lanka
3.1. Die Theosophische Gesellschaft
4. Die buddhistische Erneuerungsbewegung
4.1. Die Ideologie Anagārika Dharmapālas
4.2. Die Wirkung Dharmapālas und seine Neuinterpretation des Buddhismus
5. Fazit
Zielsetzung & Themenbereiche
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern die buddhistische Widerstands- und Erneuerungsbewegung in Sri Lanka während der Kolonialzeit sowie die reformistische Neuinterpretation durch Anagārika Dharmapāla das heutige Verständnis des Buddhismus als rationale Philosophie und Wissenschaft maßgeblich beeinflusst und geformt haben.
- Modernisierungsprozesse des Buddhismus in der Kolonialzeit
- Die Rolle der Theosophischen Gesellschaft und westlicher Einflüsse
- Anagārika Dharmapāla als zentrale Führungsfigur der Erneuerungsbewegung
- Der Übergang vom traditionellen Theravāda zum „protestantischen Buddhismus“
- Die Wechselwirkung zwischen nationaler Identität und buddhistischer Lehre
Auszug aus dem Buch
4.1. Die Ideologie Anagārika Dharmapālas
Bei der Entwicklung des buddhistischen Widerstands hin zur Erneuerungsbewegung spielte der Singhalese Anagārika Dharmapāla (1864 - 1933), geboren als Don David Hewavitarne, eine äußerst wichtige Rolle. Maßgeblich prägte er die innere Erneuerung sowie das heutige populäre Verständnis des Buddhismus und zählt weltweit zu den einflussreichsten Führungsfiguren des buddhistischen Modernismus.
Dharmapāla wuchs in einer mittelständischen Familie in Colombo auf. Da die höhere Schulbildung zu der Zeit noch nicht auf buddhistischen Schulen erworben werden konnte, wurde er in einer anglikanischen Schule erzogen „und hier war er jener abstoßenden Kombination von christlichem Fanatismus und völliger Verständnislosigkeit für die Werte seiner buddhistischen Tradition ausgesetzt, die für viele konfessionelle Schulen jener Zeit charakteristisch war.“ Aufgrund dessen wohnte er den öffentlichen Streitgesprächen zwischen Buddhist/innen und Christ/innen in Panadura bei und entwickelte eine starke Abneigung gegen das Christentum.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Modernisierung des Buddhismus in Sri Lanka während der Kolonialzeit und Definition der zentralen Forschungsfrage.
1.1. Forschung und Leitbegriffe: Erörterung der wissenschaftlichen Begriffe wie „buddhistischer Modernismus“ und „protestantischer Buddhismus“ im Kontext der bisherigen Forschung.
2. Historischer Kontext - Der Buddhismus in Sri Lanka: Darstellung der historischen und gesellschaftlichen Hintergründe Sri Lankas sowie der Rolle von Historiographien wie Mahāvamsa und Cūlavamsa.
2.1. Die gesellschaftlichen Veränderungen während der Kolonialzeit: Analyse der soziopolitischen Auswirkungen der britischen Kolonialherrschaft auf die singhalesische Gesellschaft und das religiöse System.
2.2. Die buddhistische Widerstandsbewegung: Untersuchung der buddhistischen Reaktionen auf missionarische Aktivitäten und die Entstehung organisierter Widerstandsformen.
3. Äußere Einflüsse auf den Buddhismus in Sri Lanka: Erläuterung der Verbindung zwischen westlichen wissenschaftlichen Diskursen, orientalistischen Arbeiten und dem buddhistischen Reformprozess.
3.1. Die Theosophische Gesellschaft: Beleuchtung der Rolle von Henry Olcott und Helena Blavatsky bei der Revitalisierung des buddhistischen Widerstands.
4. Die buddhistische Erneuerungsbewegung: Diskussion der Revitalisierung als Antwort auf den Kolonialismus und der Suche nach einer „Religion der Vernunft“.
4.1. Die Ideologie Anagārika Dharmapālas: Porträt von Dharmapāla als Reformer, der den Buddhismus als rationale Weltreligion neu interpretierte und einen singhalesischen Nationalismus propagierte.
4.2. Die Wirkung Dharmapālas und seine Neuinterpretation des Buddhismus: Untersuchung der Transformation des Buddhismus durch Dharmapāla, insbesondere seine Aufwertung der Laienrolle und die Synthese mit moderner Wissenschaft.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung des Wandels vom traditionellen Theravāda-Buddhismus hin zum modernen buddhistischen Modernismus.
Schlüsselwörter
Buddhismus, Sri Lanka, Kolonialzeit, Buddhistischer Modernismus, Anagārika Dharmapāla, Theravāda, protestantischer Buddhismus, Theosophische Gesellschaft, singhalesische Identität, Religionsgeschichte, Reformbewegung, Laienanhängerschaft, Weltparlament der Religionen, Nationalismus, Erneuerungsbewegung.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Thema der Arbeit?
Die Arbeit behandelt die Transformationsprozesse des Buddhismus in Sri Lanka während der Kolonialzeit, insbesondere die Entstehung des buddhistischen Modernismus als Reaktion auf westliche Einflüsse und christliche Missionierung.
Welche sind die primären Forschungsfragen?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie die buddhistische Widerstands- und Erneuerungsbewegung sowie die Schriften von Anagārika Dharmapāla das heutige Verständnis des Buddhismus als rationale Philosophie geprägt haben.
Welcher wissenschaftliche Ansatz wird verwendet?
Es wird eine historisch-analytische Methode angewandt, die auf der Auswertung relevanter Forschungsliteratur, zeitgenössischer Dokumente und historischer Kontexte basiert.
Wer ist die Hauptfigur der Untersuchung?
Die zentrale historische Figur ist Anagārika Dharmapāla, der als Reformer maßgeblich zur Neuinterpretation des Buddhismus beitrug.
Welche Bedeutung hat die Theosophische Gesellschaft?
Die Theosophische Gesellschaft unter Henry Olcott spielte eine entscheidende Rolle bei der Revitalisierung des buddhistischen Widerstands und bot eine Organisationsstruktur für die Laienbewegung.
Was versteht man unter dem Begriff „protestantischer Buddhismus“?
Der Begriff beschreibt eine Form des buddhistischen Widerstands, die sich in Abgrenzung zur christlichen Kolonialherrschaft entwickelte und Elemente der christlichen Organisationsstruktur adaptierte.
Wie interpretierte Dharmapāla die Beziehung zwischen Buddhismus und Wissenschaft?
Dharmapāla betonte, dass der Buddhismus eine wissenschaftliche und rationale Religion sei, die in perfekter Harmonie mit modernen Erkenntnissen wie der Evolutionstheorie stehe.
Wie veränderte sich die Rolle der Laien durch Dharmapāla?
Dharmapāla räumte den Laien einen neuen, aktiven Stellenwert ein, indem er sie ermutigte, sich sozial und politisch zu engagieren und eigene spirituelle Praktiken wie Meditation ohne direkte klösterliche Abhängigkeit zu verfolgen.
Welches Ziel verfolgte Dharmapāla mit seinem Wirken in Indien?
Er zielte darauf ab, Bodhgayā als heilige Stätte zu bewahren und den Buddhismus als internationale, universelle Religion zu propagieren, um die singhalesische Identität zu stärken.
Wie wirkte sich die Kolonialzeit auf das singhalesische Bildungssystem aus?
Die englische Kolonialbildung verdrängte die traditionellen Klosterschulen, was die buddhistische Elite dazu zwang, eigene buddhistische Schulen zu gründen, um den gesellschaftlichen Einfluss zu bewahren.
- Arbeit zitieren
- Vivien Lukas (Autor:in), 2022, Der buddhistische Modernismus in Sri Lanka während der Kolonialzeit und Anagārika Dharmapālas reformistische Neuinterpretation des Buddhismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1239826