Das Sparverhalten der privaten Haushalte in Deutschland

Eine Prognose des zukünftigen Marktpotentials für Anbieter von Kapitalanlageprodukten


Masterarbeit, 2009

97 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Symbolverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung
1.3 Vorgehensweise
1.4 Definitionen und Abgrenzungen
1.4.1 Private Haushalte
1.4.2 Kapitalanlagen privater Haushalte
1.4.3 Sparen
1.4.4 Sparquote der privaten Haushalte

2.Zur Theorie des Sparens
2.1 Die neoklassische Spartheorie
2.2 Die Normaleinkommenshypothesen
2.2.1 Die Lebenszyklushypothese
2.2.2 Die Permanente Einkommenshypothese
2.2.3 Kritik an den Normaleinkommenshypothesen
2.3 Behavioristische Ansätze
2.3.1 Die Theorie des strategischen Verhaltens
2.3.2.Die Spieltheorie

3 Die Bestimmung des Sparverhaltens
3.1 Determinanten des individuellen Sparens
3.1.1 Einkommen
3.1.2 Berufliche Tätigkeit
3.1.3 Bildung
3.1.4 Alter
3.1.5 Haushaltszusammensetzung
3.2 Sparmotive der privaten Haushalte
3.2.1 Die Sparmotive der ökonomischen Literatur
3.2.2 Der bisher beobachtbare Wandel in den Sparmotiven
3.3 Vergangene Entwicklung der Spartätigkeit
3.3.1 Entwicklung der Sparquote privater Haushalte
3.3.2 Entwicklung der Portfoliostruktur privater Haushalte

4 Untersuchung des Marktpotentials von Kapitalanlagen
4.1 Die Datengrundlage des Sozio-oekonomischen Panels
4.2 Bestimmung der relevanten Daten
4.3 Datenmodifikation
4.4 Erstellung der Berechnungen
4.4.1 Der mathematische Aufbau des Untersuchungsgegenstands
4.4.2 Zu den Kausalzusammenhängen
4.4.3 Zu den Regressionszusammenhängen
4.4.4 Zu den Entwicklungstrends der Kapitalanlagen

5 Schlussfolgerungen der empirischen Analyse
5.1 Abgleich der Bestimmungsfaktoren des Sparens
5.2 Rückschlüsse für die theoretische Grundlage
5.3 Zukünftige Entwicklungen der untersuchten Kapitalanlageformen
5.3.1 Entwicklung der Determination
5.3.2 Entwicklung der Kapitalanlageformen

6 Fazit
6.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
6.2 Ausblick und weiterführende Fragen

Anhang
A. Altersstruktur der Ersparnis – Ersparnis und Sparquoten nach der SAVE-Studie
B. Warum sparen die Deutschen? Die Relevanz der Spargründe
C. Die Portfoliostruktur der Sparer
D. Private Haushalte nach Haushaltsgrößenklassen
E: Konsumausgaben der privaten Haushalte je Haushaltsmitglied nach Verwendungszwecken und Haushaltsgröße 2004
F: Categories of John Goldthorpe´s Class Scheme and Supposed Form of Regulation of Employment
G. CASMIN-Bildungsklassifikation
H. Klassifikation und Häufigkeitsverteilung der unabhängigen Variablen
I: Punktdiagramm zur Abbildung des Zusammenhangs zwischen abhängiger und unabhängiger Variable
J. SPSS-Output der linearen Regression
K. Datentabelle zur Trendberechnung der Kapitalanlageformen

Literaturverzeichnis

Abstract

Das Sparverhalten der privaten Haushalte in Deutschland ist ein noch weitgehend unvoll- ständig verstandener Aspekt. Zwar existiert seit geraumer Zeit eine Vielzahl von theoreti- schen Ansätzen, welche die relevanten Umstände der Ersparnisbildung zu erklären versu- chen, doch finden sich in der Realität immer wieder Beispiele, deren Spartätigkeit diesen theoretischen Überlegungen widerspricht. In der Gesamtbetrachtung wird allgemein ange- nommen, dass das Sparverhalten sich durch das Bewusstsein der jeweiligen gesellschaftli- chen Umgebung prägt. Im Einzelfall sind jedoch eine ganze Reihe subjektiver Faktoren für die letztendliche Sparentscheidung ausschlaggebend. Megatrends wie der demografische Wandel oder die Globalisierung verändern daher nicht nur das Verhalten der Gesellschaft, sondern wirken über diese subjektiven Faktoren mit unterschiedlicher Intensität auf die Spa- rer. Je nach sozioökonomischer Merkmalsausprägung der privaten Haushalte werden die Reaktionen verschieden ausfallen – und dieses wiederum auch mit unterschiedlicher Intensi- tät.

Doch was sind diese subjektiven Faktoren? Welche Größen bestimmen letztendlich, wer wie spart? Fragen, die für die Anbieter von Kapitalanlageprodukten angesichts des glo- balen gesellschaftlichen Wandels von entscheidender Bedeutung für den weiteren wirtschaft- lichen Erfolg sind. Die vorliegende Arbeit gibt hierauf eine Antwort. Von den ersten mühseli- gen Versuchen der Ökonomie bis hin zu aktuellen behavioristischen Ansätzen wird ein Ein- blick in die theoretischen Erkenntnisse über die wesentlichen Ursache-Wirkungszusammen- hänge innerhalb eines Sparvorgangs gegeben. Daran anschließend wird zur Bestimmung des Sparverhaltens eine literarische Herleitung der subjektiven Bestimmungsfaktoren, der entscheidenden Motivation sowie der Entwicklung der Spartätigkeit in der Vergangenheit vollzogen. Mithilfe verfügbarer sozioökonomischer Datensätze werden Rückschlüsse auf die literarische Herleitung der einzelnen Komponenten des Sparvorgangs und deren Zusam- menhänge ermöglicht. Auf Grundlage dieser Erkenntnisgewinnung über die interdependente Determination des Sparverhaltens wird so ein Weg gezeigt, Performancevorhersagen für einzelne Kapitalanlageformen zu treffen. Die Unterschiede in den sozioökonomischen Merk- malsausprägungen führten bisher dazu, dass rein vergangenheitsbasierte Prognosen über das menschliche Verhalten, insbesondere wenn es Kaufentscheidungen betrifft, bei weiten Teilen der Marktteilnehmer versagten. Durch die Zugrundelegung der Kausalzusammenhän- ge jedoch können diese Unterschiede ausgeblendet und die Qualität der Prognose deutlich verbessert werden.

Keywords

Sparverhalten, Kapitalanlageformen, Ersparnisbildung der privaten Haushalte

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Verlauf von Einkommen, Konsum und Ersparnis nach der Lebenszyklushypothese

A.b. 2: Konsumfunktionen nach der Permanenten Einkommenshypothese

A.b. 3: Konfliktsituationen in der Einkommensverwendung

A.b. 4: Die logistische Funktion

A.b. 5: Trendmäßige Bedarfsentwicklung der Kapitalanlageformen

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Objektive, subjektive und psychologische Faktoren mit Einfluss auf das Sparverhalten

Tab. 2: Verfügbares Einkommen und Sparen privater Haushalt in Deutschland

T.b. 3: Übersicht der Kausalzusammenhänge

T.b. 4: Schätzergebnisse von SPSS

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Symbolverzeichnis

Variablen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Indizes:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1 Problemstellung

„Sparen ist eine Tugend!“ verkündete einst Bundeskanzler Konrad Adenauer auf dem Deut- schen Sparkassentag im Frühjahr 1954 (Die ZEIT 1954, S. 12). Eine Tugend, die bis heute nicht ausgestorben ist. Gerade vor dem Hintergrund der derzeitigen Entwicklungen um die Gesetzliche Rentenversicherung (GRV) hat das Sparen aktuell wieder deutlich an Bedeu- tung gewonnen. Der demografische Wandel zwingt die Verantwortlichen des staatlichen Al- terssicherungssystems zu konstruktiven Änderungen. Durch die doppelte Alterung der Ge- sellschaft, Verlängerung der Lebenserwartung auf der einen und zurückgehende Fertilität auf der anderen Seite, ergeben sich in den nächsten Jahren für die Zusammensetzung der deut- schen Bevölkerung derartige Verschiebungen, dass eine unveränderte Fortführung des bis- her so beliebten Umlageverfahrens als Finanzierungsgrundlage der GRV unmöglich er- scheint. Als Folge wurden die Leistungen beginnend mit der Rentenreform von 1992 sukzes- sive heruntergefahren. Mit der Einführung der so genannten „Riesterrente“ im Jahr 2001 fand dann sogar die Wiederbesinnung auf das Kapitaldeckungsverfahren statt. Durch eine staatli- che Förderung soll die Bevölkerung zu ergänzender eigenverantwortlicher Alterssicherung bewegt werden. Eine nur auf Umlage finanzierte gesetzliche Vorsorge würde im Alter erheb- liche Einkommensverluste bedeuten und sich in der langen Frist zwangsläufig auf Existenz- minimumniveau einstellen. Um dieses zu verhindern, sorgt zusätzliches kapitalgedecktes Sparen dafür, dass der einmal erreichte Lebensstandard im Alter gehalten werden kann. Bis heute ist dies allerdings eine freiwillige Maßnahme und ein jeder kann für sich entscheiden, ob und in welchem Umfang er für sein Alter spart.

Zwar gilt Deutschland traditionell als ein Land, in dem vergleichsweise viel gespart wird, doch die im Zuge der Globalisierung geführten Diskussionen der vergangenen Jahre um die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die Bildung des Prekariats als einer neuen gesellschaftlichen Unterschicht sowie weltweite Spekulationsblasen auf den Kapitalmärkten stehen dem entgegen. Dazu kommen die bis weit nach dem Ende unseres Untersuchungs- zeitraums stetig steigenden Preise für Energiedienstleistungen und Konsumgüter, die seit der Währungsumstellung zu einem kräftigen Inflationsdruck führen und somit die Rendi- temöglichkeiten und die Motivation des Kapitalanlegers mindern. Darüber hinaus erforderte hierzulande die Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre in Verbindung mit den gestiege- nen Konsumausgaben eine Absenkung der Realeinkommen und damit einhergehend auch Restriktionen in der Spartätigkeit der privaten Haushalte.

Nicht nur die Bedingungen des einzelnen Sparers erfahren durch die Globalisierung wesentliche Änderungen. Auch die Bedingungen der Anbieter der Kapitalanlageprodukte, mit denen der Sparer sein Vermögen aufzubauen gedenkt, sind dieser Entwicklung unterworfen. Der weltweite Wettbewerb bewirkt seitens der Anbieter eine stärkere Bezugnahme auf die Wünsche des Nachfragers, was in der rasant gestiegenen Fülle der angebotenen Invest- mentprodukte zum Ausdruck kommt. Von daher ist es für die Anbieter von besonderem Inter- esse zu erfahren, wie sich das Sparverhalten auf dem deutschen Markt seit dem Paradig- menwechsel in der GRV und der seit einigen Jahren anhaltenden Globalisierungswelle mit all ihren (negativen) Begleiterscheinungen darstellt. Welche Faktoren üben welchen Einfluss auf die Entscheidung aus, ein irgendwie geartetes Sparprojekt zu beginnen? Nur wer über Kenntnis der Antworten zu diesen Fragen verfügt, kann angesichts der vorherrschenden ge- sellschaftlichen Entwicklungen ein Anlageprodukt hervorbringen, das möglichst vielen An- sprüchen der Nachfrager gerecht wird und somit den Unternehmenserfolg zukünftig sicher- stellt.

1.2 Zielsetzung

Vergangene empirische Erhebungen über das Sparverhalten der privaten Haushalte in Deutschland liefern zum Teil widersprüchliche Ergebnisse, sodass strategische Unterneh- mensentscheidungen, sofern sie auf Anlegerverhalten beruhen, oft Gefahr liefen, falsch aus- gerichtet zu sein. Die Ursache für die abweichenden Aussagen vergangener Untersuchun- gen muss dabei nicht zwangsläufig in einer fehlerhaften Durchführung liegen, sondern sie kann vielmehr durch Unterschiede in den herangezogenen Daten oder der Bestimmung des Erhebungszeitraums begründet sein. Zur Aufstellung allgemein gültiger Aussagen über das Sparverhalten ist es deshalb erforderlich, dass wir eine Vielzahl von Studien zugrunde legen und die stets wiederkehrenden Erkenntnisse, sozusagen die Schnittmenge der jeweiligen Aussagen, dafür heranziehen. Dabei können wir jede einzelne empirische Untersuchung be- reits als einen Gewinn ansehen, da sich die Anzahl der zu diesem Thema geführten Studien positiv in der Aussagefähigkeit niederschlägt. Das gilt auch, wenn neue Ergebnisse lediglich die Aussagen bereits durchgeführter Untersuchungen abermals bestätigen oder falsifizieren.

Aus diesem Grund wollen wir anhand vorhandener sozioökonomischer Daten das Sparverhalten der Deutschen analysieren und den Beitrag der verschiedenen Bestimmungs- faktoren zur Sparentscheidung empirisch durchleuchten. Der Wahrheitsgehalt vorhergehen- der Aussagen über unseren Untersuchungsgegenstand kann so einem (erneuten) Test un- terzogen werden. Von diesen Erkenntnissen ausgehend wollen wir ferner Aussagen zum zu- künftigen Potential der vorherrschenden Kapitalanlageformen treffen. Durch Berücksichti- gung der Kausalzusammenhänge ist es möglich, Prognosen quasi nach dem Baukastenprin- zip zu erstellen. Ein nach gegenwärtigen Verhältnissen berechneter Trend zur Entwicklung der einzelnen Kapitalanlagen wird durch die Verknüpfung mit einer den zukünftigen Verhält- nissen entsprechenden Kombination der Kausalzusammenhänge zu einem geeigneten Pro- gnoseinstrument in einem Umfeld der gesellschaftlichen Änderungen.

Wir gehen im Vorfeld der Untersuchung der Hypothese nach, dass ein durch die sin- kenden Leistungen der GRV initiierter Wandel in den Sparmotiven neue Richtungen für die Nachfrageentwicklung des Kapitalmarkts vorgeben wird. Die Sparmotive sind maßgeblich für die zu treffende Entscheidung des Sparers hinsichtlich der Einkommensaufteilung und der Wahl der Sparform. Dementsprechend werden angesichts des demografischen Wandels vor allem Kapitalanlagen an Bedeutung gewinnen, die speziell auf Vorsorge für das Rentenalter abgestimmt sind. Weiter könnte auch die Volatilität der Geldanlage auf den globalen Märkten eine große Rolle spielen. Da es sich um die Alterssicherung des Sparers handelt, ist es vor- stellbar, dass einige Anleger lieber dafür plädieren, der Sicherheit den Vorzug vor eventuell viel versprechenden Renditemöglichkeiten zu gewähren. In der langen Sicht wird zudem wahrscheinlich die Alterung der Gesellschaft dafür sorgen, dass die nachgefragten Fristigkei- ten der Kapitalanlagen sich insgesamt tendenziell verkürzen. Strategische Ausrichtungen von Produktanbietern in diesem Bereich wären also am sinnvollsten, wenn sie die unterstell- te Wandlung in den Sparabsichten und die daraus resultierenden Folgen für einzelne Spar- formen berücksichtigen. Diesen Hypothesen und Fragen gilt es nachzugehen. Ebenfalls wird die Überprüfung der theoretischen Grundlage des Sparens ermöglicht. Da sich dieser Tatbe- stand aber gewissermaßen (nur) als Nebenerzeugnis der Performancevorhersage der Anla- geformen ergibt, wird hierfür zu Beginn keine Hypothese erstellt.

Die Untersuchung richtet sich in erster Linie an Anbieter von Kapitalanlageprodukten und Verantwortliche aus dem Investmentbereich. Aber auch den eifrigen Sparer dürfte inter- essieren, welche Entwicklungen sich in der nächsten Zukunft in Sachen Sparen und Vorsor- ge ergeben und ob sich irgendwelche Trends abzeichnen lassen. Empfehlungen für einzelne Sparprojekte werden allerdings nicht gemacht. Ferner ist es nicht die Absicht dieser Arbeit, ein geeignetes Portefeuille an Kapitalanlagen für den durchschnittlichen Sparer bereitzustel- len.

1.3 Vorgehensweise

Um eine fundierte Grundlage für die empirische Untersuchung liefern und eine erste Antwort auf die in Punkt 1.1 gefallenen Fragen geben zu können, werden wir in Kapitel 2 den Spar- vorgang der privaten Haushalte zunächst einer theoretischen Einordnung unterziehen. Im Hinblick auf die Haushalte beziehen sich die Aussagen lediglich auf mikroökonomische Überlegungen. Auf makroökonomische Theorien, die auf den gesamtwirtschaftlichen Spar- vorgang abzielen, wollen wir nicht näher eingehen.

In Kapitel 3 widmen wir uns der Bestimmung des Sparverhaltens. Wir beginnen mit der Herleitung verschiedener Faktoren, denen ein bestimmter Einfluss nachzuweisen ist und aus deren Zusammenwirken sich letztendlich die individuelle Sparentscheidung bildet. An- schließend werden wir auf die verschiedenen Sparmotive, die sich in der ökonomischen Lite- ratur finden lassen, und auch dessen bisher beobachtbaren Wandel eingehen. Der Bezug zu unserer Fragestellung ergibt sich darin, dass sich Veränderungen in der Nachfrage nach Ka- pitalanlageprodukten als eine Folge von Veränderungen in der Motivation zurückführen las- sen. Weil zur Erklärung des gegenwärtigen Verlaufs des Sparverhaltens auch die vergange- ne Entwicklung maßgeblich ist, wollen wir das dritte Kapitel mit einer Betrachtung der Jahre vor unserem Untersuchungszeitraum schließen. I. e. S. wollen wir hier auf die Veränderung der Sparquote der privaten Haushalte eingehen, um Zusammenhänge zwischen der Erspar- nis und wichtigen gesellschaftlichen Weichenstellungen hervorzuheben. Die Sparquote kennzeichnet das Marktvolumen insgesamt, folglich ist die Entwicklung dieser Größe auch für einzelne Anlageformen wesentlich. Ferner werden wir uns auch die Entwicklung der Port- foliostruktur der privaten Haushalte anschauen, um die durch die Untersuchung gewonnenen Erkenntnisse richtig einordnen zu können.

Das vierte Kapitel beinhaltet die empirische Untersuchung zum zukünftigen Marktpo- tential einzelner Kapitalanlageformen. Nachdem in Punkt 4.1 die Datengrundlage geklärt und die Vorzüge hervorgehoben werden, erfolgt die Bestimmung der relevanten Daten und deren für unsere Zwecke notwendige Modifikation in den Punkten 4.2 und 4.3. Die Berechnungen geschehen in Punkt 4.4. Aus dem bearbeiteten Datenmaterial können die vorherrschenden Zusammenhänge abgeleitet werden, die unter Berücksichtigung von gesellschaftlichen Trends auf das weitere Marktpotential der jeweiligen Anlageformen hinweisen.

Kapitel 5 umfasst die Schlussfolgerungen aus der vorangegangenen Untersuchung. Wir nehmen einen Abgleich von der in Abschnitt 3.1 festgelegten individuellen Determination und den Erkenntnissen, die sich aus der gewählten Datengrundlage ergeben, vor und ziehen ebenfalls Rückschlüsse auf die theoretische Grundlage des privaten Sparvorgangs. Danach beurteilen wir die Performance der einzelnen Kapitalanlagen sowie die Konsequenzen für die Anbieter.

Die Arbeit schließt in Kapitel 6 mit einem Resümee der Ergebnisse und einem Ab- gleich der zu Beginn aufgestellten Arbeitshypothese. Am Ende bleibt noch Raum für einen Ausblick und weiterführende Fragen.

1.4 Definitionen und Abgrenzungen

In diesem Punkt wollen wir kurz die für die Lektüre der vorliegenden Arbeit notwendigen Fachtermini abgrenzen, damit über die folgenden Ausführungen keine Unklarheiten entste- hen. Die Bestimmung der Begriffe erfolgte dabei bereits im Vorfeld der Untersuchung, weil sie sich für das Verständnis der hier diskutierten Zusammenhänge als zentral herausgestellt haben. Ihrer Klärung ist demnach die erste Priorität einzuräumen. Die aufgeführten Definitio- nen richten sich nach der vorherrschenden ökonomischen Lehrmeinung sowie den Vorgaben anerkannter Institutionen. Bei mehrdeutigen Begriffsklärungen wurde die Auswahl nach der Geeignetheit des Wortlauts im Kontext der vorliegenden Untersuchung bestimmt.

1.4.1 Private Haushalte

Nach Gabler (2004) können wir unter dem volkswirtschaftlichen Sektor der privaten Haushal- te alle Ein- und Mehrpersonenhaushalte sowie Personen in Gemeinschaftsunterkünften ver- stehen. In Deutschland treten diese als Anbieter von Arbeitskraft, als letzte Käufer von Ver- und Gebrauchsgütern sowie als Anleger von Ersparnissen auf (Gabler 2004, S. 1371). Ihre Einnahmen stammen hauptsächlich aus Einkommen aus Erwerbstätigkeit und Vermögen so- wie aus Einkommensübertragungen. Die privaten Haushalte produzieren zwar in nicht uner- heblichem Umfang Waren und Dienstleistungen, verkaufen sie jedoch nicht, sondern ver- brauchen sie selbst.

Die OECD (1992) weist für verschiedene Länder leicht abweichende Definitionen der privaten Haushalte auf. Für Deutschland wird ein privater Haushalt als Wirtschaftseinheit be- stimmt, die als Endverbraucher und Anleger agiert und die zu diesem Zweck finanzielle Mittel erhält (OECD 1992, S. 31). Auch nicht eingetragene Unternehmen bzw. Unternehmen ohne Erwerbscharakter fallen unter diese Bestimmung.

1.4.2 Kapitalanlagen privater Haushalte

Für unsere Untersuchung haben sich vorrangig drei Klassifizierungen von Anlageformen als wesentlich herausgestellt, welche die von uns zu prüfenden Kapitalanlagen widerspiegeln. Die Klassifizierung erfolgte dabei durch die Vorgaben der Deutschen Bundesbank (1988), die ihrerseits durch die Legaldefinitionen des Kreditwesengesetzes (KWG) bestimmt sind (Deutsche Bundesbank 1988, S. 131).

Geldanlagen bei Banken

Unter die Geldanlage bei Banken fallen Forderungen, die Nichtbanken gegenüber inländi- schen Banken haben (Deutsche Bundesbank 1988, S. 134). Diese bestehen im Einzelnen aus Bargeld und Sichteinlagen, Termineinlagen sowie Spareinlagen. Als Bargeld wird der Umlauf an inländischen Noten und Münzen außerhalb des Bankensystems bezeichnet. Sichteinlagen sind Einlagen von Nichtbanken bei inländischen Kreditinstituten mit einer Lauf- zeit von bis zu einem Monat. Unter dem Begriff Termineinlage werden befristete Forderun- gen von Nichtbanken an inländische Kreditinstitute mit vereinbarter Laufzeit von einem Mo- nat und mehr zusammengefasst. Unter Spareinlagen fallen in Deutschland allgemeine Spar- einlagen, Einlagen auf Prämiensparkonten und verschiedene Sondersparformen.

Geldanlagen bei Nichtbanken

Geldanlagen bei Nichtbanken umfassen Anlagen bei Bausparkassen, Versicherungen und Pensionsfonds (Deutsche Bundesbank 1988, S. 134 f.). Als Anlage bei Bausparkassen wer- den im Wesentlichen die Ansparguthaben der Bausparer sowie alle sonstigen von Nichtban- ken an Bausparkassen überwiegend längerfristig verliehenen Gelder zusammengefasst.

Als Geldanlage bei Versicherungen werden alle den Versicherungsnehmern zure- chenbaren Passiva der Versicherungsunternehmen angesehen (Deutsche Bundesbank 1988, S. 140). Die Posten beinhalten damit sehr heterogene Ansprüche. Zum größeren Teil beruhen diese auf der langfristigen Kapitalakkumulation privater Haushalte bei Lebensversi- cherungen und Pensionskassen, die sich z.B. in den Deckungsrückstellungen, den Rückstel- lungen für die Beitragsrückgewähr und den Gewinndepots auf der Passivseite der Bilanzen dieser Institutionen widerspiegeln. Dem unterschiedlichen Charakter der Forderungen gegen Versicherungsunternehmen wird dadurch Rechnung getragen, dass die Ansprüche der priva- ten Haushalte gegenüber Lebensversicherungen sowie Pensions- und Sterbekassen (ein- schl. Versorgungswerke) insgesamt als längerfristig ausgewiesen werden. Alle anderen An- sprüche werden dagegen als kurzfristig angesehen (Deutsche Bundesbank 1988, 140).

Unter Ansprüchen gegen betriebliche Pensionsfonds werden die Ansprüche von Ar- beitnehmern gegenüber Arbeitgebern verstanden, die aufgrund von Vereinbarungen zur be- trieblichen Altersvorsorge getroffen werden.

Anlagen in Wertpapieren

Bei Anlagen in Wertpapieren ist zwischen festverzinslichen Wertpapieren und Aktien zu un- terscheiden. Unter festverzinslichen Wertpapieren versteht man Bankschuldverschreibun- gen, Bundesschatzbriefe und öffentliche Anleihen sowie Industrieobligationen in- und auslän- discher Emittenten, soweit sie auf den Inhaber lauten, und zwar ohne Rücksicht auf die Wäh- rungsbasis (Deutsche Bundesbank 1988, S. 141). Mit Ausnahme der Bankschuldüberschrei- bungen mit einer Laufzeit bis zu einem Jahr werden diese Wertpapiere den längerfristigen Geldanlagen zugerechnet.

Aktien sind Wertpapiere, die dem Inhaber Ansprüche mit Beteiligungscharakter ge- genüber der entsprechenden Aktiengesellschaft zuschreiben (Deutsche Bundesbank 1988, S. 141). Der Wert dieser Ansprüche ermittelt sich aus dem jeweiligen Anteil an der Aktienge- sellschaft und ihrem aktuellen Gesamtwert. Im Gegensatz zu den Anlagen bei Banken findet innerhalb der Wertpapieranlagen keine Konsolidierung von Forderungen und Verpflichtungen sowie der Eigentumsrechte im eigenen Sektor statt. „Investmentzertifikate sind anteilsmäßig in den festverzinslichen Wertpapieren und Aktien enthalten“ (Deutsche Bundesbank 1988, S 141).

1.4.3 Sparen

Sucht man nach einer Definition des Sparens, so wird stets auf den Begriff „Ersparnis“ ver- wiesen. Sie entspricht grundsätzlich dem „nicht konsumtiv verausgabten Teil des Einkom- mens, über das nach der Umverteilung disponiert werden kann“ (Deutsche Bundesbank 1988, S. 135). Für die privaten Haushalte wird die Ersparnis aus der Geldvermögensbildung abzüglich der Kreditaufnahme für Konsumzwecke zuzüglich des Saldos der Vermögensüber- tragungen ermittelt. Sie schließt die Zunahme der Ansprüche von Arbeitnehmern im Rahmen der betrieblichen Altersvorsorge mit ein.

Bietet eine Volkswirtschaft keine Möglichkeit, bestimmte Einkommensteile konsumtiv zu verausgaben, spricht man vom Zwangssparen (z.B. die Pflichtbeiträge zur GRV). Freiwilli- ges Sparen kann entweder eine Vermögensanlage oder Zwecksparen, z.B. für dauerhafte Konsumgüter, sein. Bezogen auf die Vermögensanlage wird die Höhe des Sparens durch die Überlegung bestimmt, inwieweit sich Konsumverzicht in der laufenden Periode zu Gunsten eines erweiterten Handlungsspielraumes und – bei zinsbringender Anlage – eines Einkom- mens aus Vermögen in der Zukunft lohnt. Im Falle des Zwecksparens muss zwischen heuti- gem und zukünftigem Konsum abgewogen werden. Aufgrund der Unsicherheit der Zukunft haben die Haushalte allerdings i. d. R. eine Zeitpräferenz zu Gunsten der Gegenwart. Sie schätzen den gegenwärtigen Konsum also höher ein als den zukünftigen. „Die Minderschät- zung zukünftiger Bedarfe kann durch die Gewährung eines Zinses auf den Sparbetrag aus- geglichen werden“ (Gabler 2004, S. 2718 f.). Ist die Höherschätzung des Gegenwartskon- sums sehr ausgeprägt, kann auch Entsparen Platz greifen, indem der Gegenwartskonsum höher angesetzt wird als das laufende Einkommen. In Höhe der Differenz muss dann ein Kredit aufgenommen werden, der in späteren Perioden zu Lasten von Konsummöglichkeiten getilgt wird.

Nicht verwechseln dürfen wir den Begriff des Sparens mit dem Ausdruck „Horten“. Dieser beschreibt „die Zurückhaltung finanzieller Bestände an Kasse, die dem Wirtschafts- kreislauf vorerst entzogen werden und folglich keine Zinsen bringen“ (Keynes 1936, S.147).

1.4.4 Sparquote der privaten Haushalte

Für die privaten Haushalte kann wie auch für die anderen volkswirtschaftlichen Sektoren eine Sparquote ermittelt werden. „Diese gibt den relativen Anteil der laufenden Ersparnis am verfügbaren Einkommen wieder“ (Gabler 2004, S. 2720). Dabei wird nur auf den Anteil der

Geldvermögensbildung am laufenden Einkommen Bezug genommen. Zudem kann nach Brutto- und Nettosparquote unterteilt werden. Beide Größen unterscheiden sich lediglich durch Abschreibungen. Da aber Abschreibungen in normalen privaten Haushalten nicht auf- tauchen, wollen wir im Folgenden pauschal von der Sparquote der privaten Haushalte spre- chen.

2. Zur Theorie des Sparens

In der ökonomischen Theorie ist die wichtige Bedeutung, die das Sparen hat, seit jeher be- kannt. Dementsprechend existiert eine Vielzahl von theoretischen Ansätzen, die das Sparen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und gewisse Ursache-Wirkungszusammenhänge zu erkennen versuchen. Die in den Anfängen überwiegend makroökonomisch geführten Überlegungen wurden ursprünglich durch die Ausführungen von Smith (1776) und später in erster Linie durch Keynes (1936) geprägt. Nach Smith (1776) sind Ersparnisse die Grundla- ge für Investitionen und damit auch für die wirtschaftliche Entwicklung (Baßeler et al. 2002, S. 801 f.). Banken reichen das ihnen anvertraute Sparkapital in Form von Krediten an Unter- nehmen weiter, die durch so verbesserte finanzielle Möglichkeiten ihre Investitionstätigkeit verstärken und für Wachstumsimpulse in der Wirtschaft sorgen. Nach keynesianischen Über- legungen dagegen wird das Sparen als ein Nachfrageausfall verstanden, der die wirtschaftli- che Entwicklung bremst (Keynes 1936, S. 54).

Doch für die Vorbereitung unserer Untersuchung interessieren uns diese gesamtwirt- schaftlichen Überlegungen weniger. Wir benötigen vielmehr Theorien, die sich auf einer indi- viduellen Ebene in Bezug auf das Sparverhalten bewegen. Der traditionelle Keynesianismus hatte außer einer hervorgebrachten Sparfunktion zu einer solchen Sichtweise weniger beizu- tragen. Wir werden uns deshalb mit neoklassischen Theorien begnügen, die sich etwa ein Jahrhundert nach den klassischen Ansätzen von Smith (1776) entwickelten und auf der Be- strebung nach einer mikroökonomischen Fundierung makroökonomischer Aussagen beru- hen (Bortis 2004, S. 1). Bevor wir beginnen, verbleibt noch zu bemerken, dass Spartheorien ursprünglich als Konsumtheorien verfasst wurden. Da wir Sparen und Konsumieren jedoch als zwei alternative Verwendungsformen des Einkommens auffassen können, ist es möglich, von Konsumtheorien ebenfalls Implikationen für das Sparverhalten abzuleiten.

2.1 Die neoklassische Spartheorie

Das neoklassische System etablierte sich (wie erwähnt) durch die sog. Marginalistische Re- volution. Das Zentrum der theoretischen Überlegungen verschob sich von zuvor gesamtwirt- schaftlichen Aspekten hin zu individuellen Nachfrageentscheidungen privater Haushalte. Im Wesentlichen geht die Neoklassik von der Klassik im Sinne von Adam Smith aus (Bortis 2004, S. 1).

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine Herangehensweise, die den Tausch von Gütern, Produktionsfaktoren und Zwischenprodukten durch Individuen in den Vordergrund stellt. Grundlegende Annahme des Konzepts ist, dass der Akteur als homo oe- conomicus danach strebt, aus der Menge der ihm zur Verfügung stehenden Alternativen die- jenige auszuwählen, die ihm dem größten Nutzen bereitet. Baßeler et al. (2002) beurteilen durch Nutzenfunktionen repräsentierten Präferenzen damit, dass dies bedeuten würde, dass ein Individuum stets jene Entscheidungen trifft, für die es – unter Berücksichtigung der Re- striktionen, denen sein Handeln unterliegt – den größtmöglichen Nutzen erwartet (Baßeler et al. 2002, S. 809). Das optimierende Verhalten der Produzenten und Konsumenten impliziert eine Profitmaximierung (Wertgrenzprodukt der Arbeit = Geldlohnsatz, Grenzkosten = Preis). Der Nutzen des Konsumenten wird maximiert, wenn die Verhältnisse von Grenznutzen und Preis für alle Güter gleich sind. Eine zweite Folge des optimierenden Verhaltens ist das Kon- zept des Marktgleichgewichts. „Die Gleichgewichtsanalyse ist ein zentrales Element der neo- klassischen Theorie“ (Bortis 2004, S. 3). Die auf Walras (1874) zurückgehende Idee eines allgemeinen Gleichgewichts aller Märkte beruht auf der Tatsache, dass sämtliche Märkte über Geldmittel miteinander verbunden sind. Durch Preisveränderungen werden Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht gebracht.

2.2 Die Normaleinkommenshypothesen

Nachdem die makroökonomischen Konsumhypothesen von Keynes (1936) und seinen geis- tigen Anhängern vierzig Jahre lang die Lehre der Spartheorie beherrschten, kam es Mitte der 1970er Jahre zu einer Renaissance der neoklassischen Ansicht. Zur Erklärung des wirt- schaftlichen Geschehens wurde sich an Theorien orientiert, die bereits aus den 1950er Jah- ren stammen und als „Normaleinkommenshypothesen“ bezeichnet werden. Darunter sind die Lebenszyklushypothese nach Modigliani / Brumberg (1954) und Modigliani / Ando (1957) so- wie die Permanente Einkommenshypothese nach Friedman (1957) zu verstehen. Die Nor- maleinkommenshypothesen zeichnen sich gemäß der klassisch-neoklassischen Handha- bung durch eine zukunftsgerichtete Sichtweise aus. Demnach sind die Haushalte bemüht, ih- ren zukünftigen Nutzen durch sinnvolle Ersparnisbildung und relativ konstanten Konsum zu maximieren. Dies gilt nicht nur für eine gewisse zukünftige Periode, sondern ihr Leben lang. Sparen und Entsparen haben hierbei eine Art Pufferfunktion, um Konsumschwankungen, die durch Einkommensänderungen verursacht werden, zu verhindern (Börsch-Supan 2005, S.452).

Bezogen auf unseren Kontext und die Verwendung von Einkommensströmen wird durch das Grenznutzenprinzip die optimale Einteilung des Konsums im Zeitablauf erreicht. Durch Konsumverzicht wird Konsum in einer späteren Periode ermöglicht. Je nachdem, wie der gegenwärtige Nutzen des Konsums im Vergleich zum zukünftigen Nutzen des Konsums eingeschätzt wird, erfolgt eine entsprechende intertemporale Aufteilung des Einkommens in Konsum und Sparen (Otterbach 1996, S. 38). Es handelt sich also um eine Substitution ge- genwärtiger durch zukünftige Güter. Der Zusammenhang der intertemporalen Nutzenein- schätzung wird auch als Zeitpräferenz bezeichnet. Grundsätzlich gilt, dass gegenwärtiger Konsum höher eingeschätzt wird als zukünftiger. Darum wird für gegenwärtigen Konsumver- zicht eine Entschädigung in Form einer Verzinsung gezahlt. Der Zins entspricht dann der so genannten intertemporalen Substitutionsrate (Baßeler et al. 2002, S. 124 f.). Demzufolge gilt, dass bei höherem Zins tendenziell die Ersparnisse steigen.

Neben dem Substitutionseffekt erfolgt durch die Zinszahlungen auch ein gegenläufi- ger Einkommenseffekt. Bei einem höheren Zinssatz brauchen wegen der entsprechend hö- heren Zinseinkünfte weniger Konsumverzicht in der Gegenwart zugunsten der Finanzierung eines höheren Zukunftseinkommens gebildet werden. „Bei der Beurteilung des Gewichts zwi- schen Substitutionseffekt und Einkommenseffekt lässt die Grundaussage der Neoklassiker den Substitutionseffekt überwiegen“ (Otterbach 1996, S. 39).

Im Gegensatz zu keynesianischen Konsumhypothesen verwenden die Normalein- kommenshypothesen eine neue Sichtweise des Konsumbegriffs. Die Bedürfnisse, die der Konsument zu befriedigen gedenkt, werden hiernach erst beim tatsächlichen Zeitpunkt der Nutzung bedient und nicht bereits zum Zeitpunkt der Zahlung. Diese Ansicht ermöglicht die Gewährleistung eines zu verfolgenden Versorgungskonzepts durch die Erfassung des Kon- sums (Otterbach 1996, S. 51).

2.2.1 Die Lebenszyklushypothese

Die Lebenszyklushypothese verfolgt die Glättung des Konsumverlaufs im Lebenszyklus. Das Problem ist, den stetigen Strom von Bedürfnissen mit einem unstetigen Strom von Einkom- men zu befriedigen. Um diesen Mangel zu beheben, wird das für die Theorie ökonomisch re- levante Leben in zwei Phasen aufgeteilt. Während der Phase der Erwerbstätigkeit erwirt- schaftet der Mensch mehr Einkommen, als er für die Befriedigung seiner derzeitigen Bedürf- nisse benötigt. Der überschüssige Teil des Einkommens wird als Ersparnis zurückgelegt. In der anschließenden zweiten Lebensphase, dem Rentenalter, kann auf diese Ersparnisse zu- rückgegriffen werden, um die entstehende Lücke zwischen Einkommen und Konsumausga- ben zu schließen. Modellhaft werden nach der Lebenszyklushypothese sämtliche Ersparnis- se bis zum Ende des Lebens restlos aufgebraucht. „Das erreichbare Lebensalter und der da- mit verbundene Konsum werden wie die vollständige Auflösung des Sparkapitals als gege- ben hingestellt“ (Börsch-Supan 2005, S. 453).

Die einfachste Form der Lebenszyklushypothese berücksichtigt keine Möglichkeiten, den Lebensunterhalt in der Rentenphase aus anderen Quellen als dem Erwerbseinkommen, wie z.B. privater Unterstützung oder mithilfe eines staatlichen Versorgungsapparats, zu fi- nanzieren. Stattdessen wird nur ein Gesamteinkommen betrachtet. Auch werden keine Zin- sen erwähnt, die als Entgelt für das gebildete Vermögen zu sehen wären und daher eine weitere Einkommensquelle darstellen würden. Weiterentwicklungen der Grundform weisen eine Aufteilung des Konsums in dauerhafte und nicht dauerhafte Konsumgüter, sowie eine Untergliederung der Erwerbstätigenphase in Freizeit und Arbeitszeit auf. Lübcke (1996) ver- wendet in seiner Dissertation ein Modell mit einer Basis abdeckenden Sozialversicherung und einer nicht stationären Wirtschaft. Die Idee der vollständigen Auflösung des angesparten Kapitalstocks bleibt allerdings bestehen. Nach der Lebenszyklushypothese wird die Sparquo- te der privaten Haushalte also lediglich von dem zeitlichen Verhältnis zwischen Erwerbstätig- keit und Ruhestand bestimmt (Börsch-Supan 2002, S.453).

Abb. 1 zeigt den paradigmatischen Verlauf des Einkommensstroms in Verbindung mit Konsum und Ersparnis im Laufe eines Lebens gemäß der Lebenszyklushypothese.

Abb. 1: Verlauf von Einkommen, Konsum und Ersparnis nach der Lebenszyklushypothese

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Ruprecht (2004)

Dem Verhalten der Sparquote bei Konjunktureinbußen begegnet die Lebenszyklushy- pothese mit zwei Möglichkeiten. Zum einen könnte der durchschnittliche Konsum derart ge- senkt werden, dass die Ersparnisbildung stabil gehalten und der angestrebte Kapitalstock für das Rentenalter wie vorgesehen aufgebaut werden könnte. Da dies jedoch gegen die Prä- misse des konstanten Konsums verstößt, könnte eine vorzeitige Auflösung von Ersparnissen die Gewährleistung eines bestimmten Konsumniveaus ermöglichen. Allerdings würde so die Überlegung angegriffen, dass die Ersparnisse nur für die Zeit nach dem Erwerbsleben ge- dacht sind. Dieser Widerspruch bei sinkender Konjunktur könnte nur durch eine folgende Boomphase gelöst werden. Die Haushalte, die zur Beibehaltung des Konsumniveaus die Er- sparnisse während einer Rezession gesenkt haben, können in Phasen wirtschaftlicher Ver- besserung und Einkommenssteigerungen durch zusätzliches Sparen den Ausfall durch Ein- kommensminderungen kompensieren. Insgesamt gesehen jedoch lässt diese Betrachtung darauf schließen, dass die Lebenszyklushypothese nur für die lange Frist entwickelt wurde und kurzfristige Konjunkturschwankungen ignoriert (Otterbach 1996, S. 53).

Nach der Logik der Lebenszyklushypothese kann ein Anstieg der Sparquote der pri- vaten Haushalte nur dann erfolgen, wenn entweder die Bevölkerung wächst oder das Ein- kommen der Erwerbstätigen durch technischen Fortschritt erhöht wird. Unterschiede in der individuellen Sparquote, wie z.B. eine stärkere Sparneigung von Selbständigen, würden sich in der Erwerbsphase durch einen gegenüber abhängig Beschäftigten flacheren Verlauf der Konsumausgaben widerspiegeln. Geht man von einer identischen Lebensdauer von selb- ständig und unselbständig Beschäftigten aus, stünde den Selbständigen in der Ruhestands- phase ein größerer Betrag an Ersparnissen zur Verfügung. Die Möglichkeit der Selbständi- gen, dadurch im Rentenalter wesentlich mehr konsumieren zu können als im Erwerbsalter, verstößt allerdings wieder gegen die Prämisse des konstanten Konsums.

2.2.2 Die Permanente Einkommenshypothese

Eine andere Sichtweise auf das individuelle Sparverhalten beinhaltet die Permanente Ein- kommenshypothese (Friedman 1957). In ihr wird das Einkommen als Verzinsung des ge- samten Vermögens angesehen, welches neben Finanz- und Sachvermögen auch aus Hu- mankapital besteht. Die Kerngröße der Permanenten Einkommenshypothese bildet jedoch das permanente Einkommen, das ein Niveau bezeichnet, welches ein Haushalt über längere Zeit als normal ansieht. Abweichungen vom permanenten Einkommen werden transitori- sches Einkommen genannt und können entsprechend der konjunkturellen Schwankung eine positive oder negative Ausprägung annehmen. Auch der Konsum beinhaltet eine permanen- te und eine transitorische Komponente. Der permanente Konsum stellt eine Funktion des permanenten Einkommens dar, das mit einem Proportionalitätsfaktor multipliziert wird (Otter- bach 1996, S. 54). Dieser Faktor ist aus dem Zinssatz, dem Verhältnis des Humanvermö- gens zum permanenten Einkommen und der Zeitpräferenz der Haushalte zusammen ge- setzt. Abb. 2 zeigt die Funktionsweise der Permanenten Einkommenshypothese anhand des Verlaufs von verschiedenen Konsumfunktionen.

Abb. 2: Konsumfunktionen nach der Permanenten Einkommenshypothese

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Cezanne (1999), eigene Erstellung

„In Punkt A entspricht das tatsächliche Einkommen dem permanenten Einkommen, und der Konsum beträgt C = cY1. Steigt das Einkommen auf Y2 > Y1, dann wird dies im Konsum zu- nächst nur mit dem Gewicht a < 1 berücksichtigt (Bewegung von A nach B; marginale Kon- sumquote c*a). Erweist sich die Einkommenserhöhung als dauerhaft (Y3 = Y2), dann erhöht sich der Konsum cY2 (Punkt D). Die langfristige Bewegung von A nach D kann gewisserma- ßen aufgeteilt werden in die kurzfristigen Bewegungen A nach B und B nach D, wobei B nach D nur vollzogen wird, wenn sich die Einkommenserhöhung Y2 > Y1 als dauerhaft er- weist (Y3 = Y2). Die permanente Einkommenshypothese liefert somit eine sehr einfache und einleuchtende Erklärung für den Tatbestand, dass die marginale Konsumquote kurzfristig (c*a) kleiner ist als langfristig (c)“ (Cezanne 1999, S. 42).

Das Verhalten der individuellen Sparquote bei Konjunkturschwankungen nach Vorga- be der Permanenten Einkommenshypothese kann durch Einführung der transitorischen Grö- ßen leicht erklärt werden. In einer Boomphase erreicht das transitorische Einkommen seinen höchsten positiven Wert, in Phasen der Rezession nimmt es dagegen seinen niedrigsten (negativen) Wert an. Dementsprechend verhalten sich Konsum und Ersparnis. Dabei gilt: je längerfristig die Betrachtung der Einkommensentwicklung ist, desto mehr gleicht sich das be- obachtete Einkommen dem Normaleinkommen an (Otterbach 1996, S. 56 f.). Eine Sparfunk- tion, die wir nach dieser Sichtweise erstellen, ist also umso realistischer, je länger die Zeitrei- hen für ihre Berechnung sind und je weniger die Verzerrungen des transitorischen Einkom- mens miteinbezogen werden.

Unterschiede in der Sparneigung einzelner Wirtschaftssubjekte werden nach der Per- manenten Einkommenshypothese durch Unterschiede im transitorischen Einkommen erklärt. Größere Einkommensschwankungen stellen einen größeren transitorischen Anteil am Ein- kommen dar und erfordern deswegen auch eine größere Ersparnisbildung.

2.2.3 Kritik an den Normaleinkommenshypothesen

In vielen Fällen wirken die Normaleinkommenshypothesen zu unrealistisch. Das liegt bei nä- herer Betrachtung ganz offensichtlich daran, dass die Aussagen durch die getroffenen An- nahmen auf eine (optimale) Art und Weise vereinfacht werden, wie sie in der Realität nur in den seltensten Fällen existieren. Zum einen betrifft die Kritik das angenommene verstetigte Konsumverhalten, das nach der Lebenszyklushypothese nicht einmal Einkommensschwan- kungen unterliegt. Lediglich die Permanente Einkommenshypothese berücksichtigt kurzfristi- ge Einkommensänderungen durch Einbeziehung des transitorischen Einkommens, welches allerdings sowohl positive als auch negative Werte annehmen kann, langfristig bleibt es da- nach bei Null (Et=0). Änderungen im Konsumverhalten werden jedoch nach beiden Ansätzen ausgeblendet. Wie wir gesehen haben, bezieht sich die Annahme des konstanten Konsumni- veaus sogar generell auf sämtliche Einkommensklassen, was folglich das Verhalten der Sparquote davon unabhängig macht. Dass dies in der Realität nicht der Fall ist, beweist die Studie SAVE (Börsch-Supan 2002, S. 12 ff.). Zum anderen kann das rein rationale Verhalten eines homo oeconomicus in der unterstellten Form nicht auf wirkliche Geschehnisse übertra- gen werden. Albert (1968) unterzieht bei seinen Ausführungen zur Hypothesenbildung in der ökonomischen Wissenschaft und deren Geeignetheit, als soziologische Teildisziplin Aussa- gen über gesellschaftliche Vorgänge treffen zu können, den Rationalismus einer gründlichen Prüfung. Er kommt zu dem Schluss, dass man den Rationalismus auf zwei verschiedene Weisen betrachten kann (Albert 1968, S. 68). Auf der einen Seite der „methodologische“ Ra- tionalismus, der ein Verhalten beschreibt, das alle in Frage kommenden Handlungsalternati- ven von vornherein mit rationalen Argumenten beurteilt. Hiervon gilt es sich zu trennen (Al- bert 1968, S. 68). Auf der anderen Seite der „ontologische“ Rationalismus, der eine kritische und vernünftige Einstellung eines Wirtschaftssubjekts zur ökonomischen Realität abbildet. Diese zweite Methode ist es, die zur Beschreibung gesellschaftlicher Vorgänge durch die Ökonomie herangezogen werden sollte (Albert 1968, S. 69). Der ontologische Rationalismus lässt entgegen der methodologischen Variante mehr Handlungsspielraum zu und gewährt deswegen der zugrunde gelegten Theorie eine größere Anzahl von übereinstimmenden Si- tuationen in der Realität. Die gezeigten Normaleinkommenshypothesen dagegen beinhalten aufgrund der Bezugnahme auf den homo oeconomicus wohl eher den Rationalismus als grundlegende Verfahrensweise, was unweigerlich zu einer realitätsfremden Charakteristik führt. Ein Umstand, der uns durch die Seltenheit der mit der Theorie erklärbaren Gesamtum- stände bewiesen wird.

Ein weiterer wichtiger Kritikpunkt sind die Gründe des Sparers. Nach der Lebenszy- klushypothese ist die Rücklagenbildung allein für das Rentenalter bestimmt. Die Permanente Einkommenshypothese lässt noch die Vermutung zu, dass die Ersparnisse zur Aufstockung des aktuellen Einkommens bei konjunkturellen Bewegungen verwendet werden. Allerdings gilt es auch hiernach, Einkommenseinbußen, die hauptsächlich im Alter entstehen, zu kom- pensieren, und den Konsum auf einem gleich bleibenden Niveau zu halten. Weitere wichtige Sparmotive wie Vermächtnisbildung für die Nachkommenschaft, Zwecksparen oder die Si- cherheitsbildung für unvorhergesehene Ereignisse werden nicht berücksichtigt. Ferner wird davon ausgegangen, dass die privaten Haushalte unbeschränkt Kredite zur Realisierung ih- rer Konsumpläne aufnehmen können. In der Realität werden der Kreditaufnahme jedoch be- reits durch die Einkommenshöhe gewisse Grenzen gesetzt. Nur durch das Verschwinden solcher Restriktionen können die Normaleinkommenshypothesen die Realität getreu abbil- den (Otterbach 1996, S. 58).

Die mangelhafte Aussagekraft der Normaleinkommenshypothesen veranlasste die Ökonomie zu neuen Ansätzen der Ersparnisbildung von privaten Haushalten. Um die wirkli- chen Entscheidungsmechanismen der Wirtschaftssubjekte besser und realistischer zu erfas- sen, wird sich deshalb mit Theorien beholfen, die auf behavioristischen Ansätzen beruhen.

Im Einzelnen sind hierbei die Theorie des strategischen Verhaltens sowie die Spieltheorie zu nennen, denen wir uns jetzt widmen wollen.

2.3 Behavioristische Ansätze

2.3.1 Die Theorie des strategischen Verhaltens

Fest steht, dass eine Theorie menschlichen Verhaltens nicht jedes Handeln eines Wirt- schaftssubjekts erfassen kann. Ein rein willkürliches Verhalten können wir einer theoreti- schen Analyse nicht zugänglich machen. Um aber eine ökonomische Theorie realistisch und wirklichkeitsnah zu gestalten, muss das gesamte menschliche Wirtschafts- und Sozialverhal- ten Gegenstand von ökonomischen Untersuchungen sein, wobei die Hypothese dieses Handlungsprinzips nicht mit der Realität in Widerspruch zu stehen braucht. Auch für die nachfolgenden Ausführungen ist daher zweckmäßig, wenn wir weiterhin ein Verhaltens- grundsatz wie das Rationalitätsprinzip annehmen. Jedoch sollte dies nach der Albert´schen Einteilung in Punkt 2.2.3. nur eine durch ontologische Rationalität geprägte Annahme sein. Eine allgemeine Fassung des Rationalitätsprinzips stammt von Krelle (1953): „Jedes Wirt- schaftssubjekt handelt in jedem Augenblick so, dass es aufgrund der gegebenen Ausgangs- situation und der Zukunftserwartungen die ihm am günstigsten erscheinende Lage gewinnt“ (Krelle 1953, S. 11). Diese Auslegung des Rationalitätsprinzips ist für unseren Zusammen- hang gut geeignet, denn es impliziert das individuelle Streben nach Erfolg. Während in klas- sischen Überlegungen Rationalität lediglich mit dem Streben nach dem höchsten Einkom- men in Verbindung gebracht wird, bedeutet es nach unserer Definition ein Streben nach ei- nem subjektiv höchstmöglichen Lebensniveau und erfüllt damit Albert´s Kriterium zur Gel- tung einer ökonomische Aussage auch als einer soziologischen Aussage.

Allen Verhaltensregeln ist gemein, dass das jeweilige Verhalten auf einer bestimmten Ausgangslage basiert. Das Verhalten aber schließt gleichzeitig die Zukunft mit ein, denn der Erfolg der Handlung liegt zeitlich hinter dem Motiv. Das Bindeglied zwischen beiden ist der Handlungsverlauf, in dem sich ein bewusstes, überlegtes Tun widerspiegelt. Durch die Be- rücksichtigung von Erwartungen wird automatisch ein Risiko einkalkuliert, das der Unsicher- heit über die Zukunft entspricht. Dabei gilt, dass der ökonomische Horizont, also die Reich- weite bis die Erwartungswerte kaum noch signifikant sind, durch das Wirtschaftssubjekt be- einflussbar ist. Fricke (1972) sieht in erster Linie den Bildungsgrad für die Größe des ökono- mischen Horizonts als verantwortlich. Falls Situationen auftreten, bei denen das Wirtschafts- subjekt nur über unzureichende Informationen verfügt und nur mit Wahrscheinlichkeiten des Ereigniseintritts konfrontiert wird, dann ergibt sich in der Wahl der richtigen Handlung ein Problem. Es gilt, sich nun durch Auswertung der persönlichen Erfahrungen und Erwartungen zu entscheiden (Fricke 1972, S. 24).

Bezogen auf unseren Zusammenhang muss ein Wirtschafter eine Entscheidung dar- über treffen, in welcher Form er sein Einkommen in Konsum und Ersparnis aufteilt. Und er wird diese Entscheidung möglichst effizient durchführen wollen, denn er will ja sein bestes Lebensniveau erreichen. In der Realität ergeben sich oftmals eine Vielzahl von Möglichkei- ten, aus denen die richtige Kombination ausgewählt werden muss. Hierbei wird der Wirt- schafter ebenfalls die Konsequenzen seiner getroffenen Entscheidung vorher berücksichti- gen, die Zuweisung von Eintrittswahrscheinlichkeiten zukünftiger Reaktionen auf sein Verhal- ten hilft ihm dabei.

Wenn zwischen inkompatiblen Zielen entschieden werden muss, entstehen Konfliktsi- tuationen. Die Frage nach der Einkommensverwendung ist eine solche Konfliktsituation. Das persönliche Interesse, die Erfolgschancen zur Verbesserung des sozialen Status zu erhö- hen, widerspricht sich mit dem Interesse, die vielfältigen Bedürfnisse mit dem knappen Ein- kommen sofort zu befriedigen und auf individuellen Fortschritt zu verzichten. Die Entschei- dung, ob gespart wird oder nicht, läuft auf einen Vergleich von erwartetem Gewinn (Chance) mit erwartetem Verlust (Risiko) hinaus (Fricke 1972, S. 25). Gegenüber dem Sparer steht der Verbraucher, der umgekehrt die Chance in einem möglichst hohen Verbrauch und das Risiko in einem Konsumaufschub empfindet. Die letztendliche Entscheidung entspricht einem Ver- haltensgleichgewicht, in dem der Hang zum Verbrauchen und Sparen ausgeglichen ist. Abb. 3 verdeutlicht die Konfliktsituation in der Einkommensverwendung grafisch.

Abb. 3: Konfliktsituationen in der Einkommensverwendung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Cezanne (1999), eigene Erstellung

Die Gerade SS stellt den Anreiz zum Sparen und die Gerade VV den Anreiz zum Verbrauchen dar. Der jeweilige Erfolg der Handlung wird auf der Abszisse eingetragen. Je nachdem, in welcher Intensität sich das Wirtschaftssubjekt nun für Sparen oder Verbrauchen entscheidet, wird der Hang zur Alternativrichtung stärker. In Punkt P1 besteht ein Überschuss der Neigung zum Sparen, die den Wirtschafter seine Entscheidung revidieren lässt. P2 kenn- zeichnet dagegen das Verhaltensgleichgewicht zwischen Sparen und Verbrauchen, beide

Neigungen sind hier gleich stark. Die Gleichgewichtslage stellt allerdings lediglich einen Kompromiss zwischen beiden Verhaltensweisen dar. Eine maximale Lösung des Problems der Einkommensverteilung kann nicht erzielt werden.

Bei den gemachten Ausführungen zu einer Theorie des strategischen Verhaltens ha- ben wir uns mit einigen Axiomen beschäftigt, die noch einmal kurz zusammen gefasst wer- den sollen: Ein Wirtschaftssubjekt handelt stets rational (ontologisch), um seine individuell beste Lebenslage einzunehmen. Da das Motiv der Handlung nicht zwangsläufig mit dem Handlungsziel übereinstimmen muss, spielt die Unsicherheit über zu erwartende zukünftige Ereignisse eine große Rolle. Das gilt besonders für das Sparen, weil es evident auf die Zu- kunft bezogen ist. Aufgrund unvollständiger Informationen müssen für Entscheidungen Wahrscheinlichkeiten über das Ergebnis einer jeweiligen Handlung einbezogen werden. Un- sere nachfolgenden Ausführungen berücksichtigen die vorstehenden Bedingungen und schließen an der Konfliktsituation der Einkommensverwendung als Ausgangspunkt an.

2.3.2 Die Spieltheorie

Eine Rahmentheorie für Konfliktsituationen ist die Spieltheorie. Die von v. Neumann und Morgenstern (1953) entwickelte Theorie der Spiele und des ökonomischen Verhaltens ist in ihrem Grundaufbau eine mathematische Theorie, weil nur mit der mathematischen Logik das gestellte Problem exakt zu durchdringen ist und vor allem, weil die mathematische Methode zu Erkenntnissen verholfen hat, die mit der verbalen Formulierung nicht hätten erlangt wer- den können (v. Neumann und Morgenstern 1953, S. 13). Die Spieltheorie stellt ein Verhal- tensmodell dar, das vorerst noch inhaltsleer ist. Erst nach der Bestückung des Modells mit empirischem Inhalt und einer den realen Erscheinungen entsprechenden Interpretation kön- nen Aussagen gewonnen werden. Durch Kenntnis aller relevanten Faktoren können funktio- nale Beziehungen zwischen den Variablen vorgenommen werden. Die Lösung der Funktio- nalgleichungen ergibt am Ende das mögliche Maximum.

Die Verwendung der Spieltheorie als eine ökonomische Theorie kann aufgrund ihrer Benennung leicht Assoziationen zu bekannten Gesellschaftsspielen hervorbringen. Es ist aber nicht die Aufgabe dieser Theorie Ökonomie wie eine Spielerei aussehen zu lassen, viel- mehr kommt es auf die einem Spielgeschehen ähnelnden Vorgänge an, die als Regeln, Spielerzahl, schrittweise Aktionen, Einflüsse von Vergangenheit, Zukunft und Mitspielern usw. beschrieben sind (v. Neumann/ Morgenstern 1953, S. 112). Auf ökonomische oder strategische Sachverhalte angewandt, behandelt die Spieltheorie diese mit den selben oder doch zumindest verwandten Mitteln, wie auch Gesellschaftsspiele behandelt werden. Wenn sich zwei Bereiche mit gleichen mathematischen Mitteln behandeln lassen, dann nicht, weil sie inhaltlich gleich wären, sondern weil sie sich unter gewissen Gesichtspunkten als struktu- rell gleich erweisen. Der zu erfassende Kern liegt darin begründet, auf den ökonomischen Wettkampf aufmerksam zu machen, der so gut wie bei allen wirtschaftlichen Vorgängen zu finden ist.

Während die bisherigen Theorieansätze über die Bestimmungsgründe zum Sparen und zur persönlichen Einkommensverwendung eine absolute Reagibilität des Wirtschafts- subjekts selbst auf kleinste Veränderungen bei den von ihr angenommenen Bestimmungs- gründen propagieren und sich von dem eigentlichen Verhaltensproblem eher entfernen, wird durch die Theorie der Spiele eine Behandlung von Verhaltensfragen gestattet, die „an der Grenze zwischen Ökonomie, Soziologie und Psychologie zwar eine weniger exakte, aber da- für wirklichkeitsnähere Beschreibung des Verhaltens von Wirtschaftssubjekten liefert“ (v. Neumann/ Morgenstern 1953, S. 295).

Beim Problem der Einkommensaufteilung verfügt das Wirtschaftssubjekt nicht über Kenntnis aller entscheidenden Variablen seines Gleichungssystems. Ein Teil der unsicheren Variablen beläuft sich auf zukünftige Ereignisse und ein anderer Teil bezieht sich auf das Verhalten der anderen Gesellschaftsmitglieder. Bei jeder Entscheidung bleiben Informatio- nen über die Folgen des Handelns unbekannt, da sie sich erst in der Zukunft herausstellen. Die Entscheidung wird also durch einen Chance-Risiko-Vergleich zu treffen sein. Nach der Abwägung für sämtliche anstehenden Entscheidungen ist es dem Wirtschaftssubjekt mög- lich, ein Verhalten zu finden, das ihm den größten Nutzen oder Erfolg sichert. Dieses Verhal- ten wird als Ruhelage bezeichnet und ist, wenn sie einmal erreicht wird, stabil. Eine Störung der Ruhelage ergibt sich nur, wenn wesentliche Änderungen in der sozioökonomischen Posi- tion eintreten (v. Neumann und Morgenstern 1953, S. 118). Das innere Gleichgewicht wird dabei in erster Linie von gesellschaftlichen Standards beeinflusst, welche wir somit als Hauptbestimmungsgrund für die Höhe der Ersparnis und die Form der Kapitalanlage nach dieser theoretischen Überlegung bestimmen.

3. Die Bestimmung des Sparverhaltens

Die in Kapitel 2 dargestellten Theorien zum Sparverhalten haben gezeigt, dass nicht alle maßgeblichen Faktoren anhand nur einer einzigen Theorie berücksichtigt werden können. Zumeist steht das Einkommen im Zentrum der theoretischen Erklärungsversuche. Die beha- vioristischen Ansätze versuchen die Stellung in der Gesellschaft und die Reaktionen der an- deren Wirtschaftsteilnehmer innerhalb der gleichen gesellschaftlichen Gruppe als entschei- dend für die Aufnahme eines Sparprojekts zu machen. Letztendlich fällt die Entscheidung aber doch wieder auf das Einkommen und dessen Verwendung zurück. Keinem der Ansätze ist es gelungen, sämtliche oder doch zumindest viele in der Realität existierenden Bestim- mungsgrößen, unabhängig davon, welcher Natur sie entsprechen, zu berücksichtigen. Dar- über hinaus laufen die vorgestellten Theorien Gefahr, aufgrund der Betonung unterschiedli- cher Aspekte des Sparens zu widersprüchlichen Ergebnissen zu gelangen (Kim 1992, S. 8). Es ergibt sich eine ähnliche Problematik, wie sie bereits für Untersuchungen zum selben Thema, aber mit unterschiedlichen Charakteristiken, in Punkt 1.2 erwähnt wurde. Für eine tiefgehende empirische Untersuchung erscheint es deshalb zunächst sinnvoll, sich einen Überblick über alle denkbaren Faktoren zu verschaffen, bevor wir uns dann auf einige aus- gewählte Größen beschränken wollen, deren Wirken auf die Einkommensentscheidung mit unserer in Punkt 4.1 gewählten Datengrundlage empirisch nachgeprüft werden kann. Ihre Klärung ermöglicht das Verständnis für den privaten Sparvorgang und vermag uns zugleich Wege zu weisen, auf denen der Umfang beeinflusst werden kann.

Tab. 1: Objektive, subjektive und psychologische Faktoren mit Einfluss auf das Sparverhalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eigene Erstellung

Tab. 1 zeigt, getrennt nach objektiver, subjektiver und psychologischer Charakterisie- rung, denkbare Faktoren mit Einfluss auf die Einkommensverwendung und dem daraus re- sultierenden Sparverhalten. Dabei erhebt die Darstellung keinen Anspruch auf Vollständig- keit, allerdings zeigt sie uns die Vielfalt und Komplexität der Bestimmungsgrößen eines Spa- rakts. Bei den fünf fett abgebildeten Bezeichnungen handelt es sich um die angesprochenen Determinanten, mit denen wir uns im Anschluss an diesen Überblick näher befassen wollen, um uns die Herleitung zu verdeutlichen.

Es wird sehr schnell erkennbar, dass zwischen einzelnen Einflussgrößen Zusammen- hänge existieren müssen. So bestehen zweifellos zwischen Determinanten wie etwa dem Einkommensniveau, dem Bildungsstand und der beruflichen Tätigkeit gewisse Interdepen- denzen, die in erster Linie durch die Aussagen der Humankapitaltheorie nach Schultz (1963) und Becker (1964) belegt werden. Wir wollen diese Zusammenhänge jedoch ausblenden und den Einfluss der jeweiligen Größe auf das Sparverhalten isoliert untersuchen. Nur die explizite Einzelwirkung eines Faktors kann uns die grundlegenden Informationen liefern, die wir für die anstehende Performancevorhersage benötigen. Wir werden uns daher erst bei der Analyse in Punkt 5.1 auf eventuelle Gruppenbildungen konzentrieren und unsere Schlüsse daraus ziehen.

Neben der literarischen Herleitung der ausgewählten Determinanten sind auch die je- weiligen Sparmotive des Einkommensverwenders von größter Bedeutung für die Bildung von Kapitalanlagen. Die Gründe, die einen Haushalt zur Aufnahme eines Sparprojektes motivie- ren, können wir als eigentliche Triebfeder des Sparverhaltens verstehen. Sie geben jeweils den aktuellen Stand des vorherrschenden gesellschaftlichen Bewusstseins wider. Veränder- te Prioritäten zwischen den bestehenden Einzelmotiven müssen wir so gesehen gesell- schaftlichen Verhaltensänderungen zuschreiben.

Letztlich sind es auch die vorangegangenen Entwicklungen, die uns Aussagen über die gegenwärtige Lage und Prognosen über den weiteren Verlauf gestatten. Deshalb wollen wir zum Abschluss dieses dritten Abschnitts auch einen besonderen Blick auf die Entwicklun- gen der Sparquote und der jeweiligen Portfoliostruktur in der Vergangenheit werfen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 97 Seiten

Details

Titel
Das Sparverhalten der privaten Haushalte in Deutschland
Untertitel
Eine Prognose des zukünftigen Marktpotentials für Anbieter von Kapitalanlageprodukten
Hochschule
Universität Hamburg
Veranstaltung
Empirische Wirtschaftsforschung
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
97
Katalognummer
V124421
ISBN (eBook)
9783640296927
ISBN (Buch)
9783640302437
Dateigröße
2050 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sparverhalten, Haushalte, Deutschland, Empirische, Wirtschaftsforschung
Arbeit zitieren
Dipl.-Volkswirt / MA Tobias A. Gohr (Autor), 2009, Das Sparverhalten der privaten Haushalte in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124421

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